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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 22
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
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Siebenter Abschnitt.

China.

Über China und die Chinesen.

Aus Küttner, »Fels zum Meer« 1900/1901.

Wenn ich nach einem relativ kurzen Aufenthalt in China etwas über die Chinesen sagen will, so ist das ein kühnes Unterfangen, denn der Chinese ist in seiner ganzen Denk- und Handlungsweise vom Europäer so grundverschieden, daß ihn wohl nur wirklich kennen lernt, wer viele Jahre lang unter Chinesen gelebt hat und die Sprache vollkommen beherrscht. Deshalb kann ich nur über persönliche Eindrücke berichten, wie ich sie in ziemlich regem Verkehr mit Chinesen als Patienten, mit Händlern, Bedienten und Arbeitern, also im Verkehr mit dem gewöhnlichen Volke gewonnen habe. Im Anfang ist mir der Chinese grenzenlos unsympathisch gewesen, vor allem wegen seiner Unreinlichkeit und Unehrlichkeit. Allmählich gewöhnt man sich an die erstere, und die letztere ist nicht so schlimm, wie es zuerst den Anschein hat. Als vorzüglicher Geschäftsmann sucht der Chinese zu verdienen, wo sich Gelegenheit dazu bietet. Daß er es in diesen schweren Zeiten oft nicht allzu genau genommen hat, ist ihm umso weniger zu verübeln, als ihm mancher europäische Geschäftsmann hierin mit bösem Beispiel vorangegangen ist. Nur schwer gewöhnt man sich an den sogenannten »squeeze«, den kleinen Profit, den der Chinese überall herauszuschlagen sucht, den zum Beispiel der gesellschaftlich höher stehende Boy vom Kuli, der persönliche Bediente von jedem Händler und Verkäufer nimmt. Viel Achtung habe ich vor dem besseren chinesischen Kaufmann bekommen; er hat mich oft an den Türken erinnert, von dem man zu Haus in dieser Beziehung auch viel Schlechtes glaubt, obwohl er an kaufmännischem Pflichtgefühl und Anstand hoch über dem Griechen und vor allem dem vielgerühmten Armenier steht. An der für uns solide Deutsche ungewohnten Art des Handelns, bei welcher der Preis oft um die Hälfte und mehr herabgesetzt werden kann, darf man sich nicht stoßen; sie ist schon in südeuropäischen Ländern gang und gäbe. Über diese schlechte Angewohnheit hinaus aber ist der chinesische Kaufmann mit wenigen Ausnahmen ein Ehrenmann, auf dessen Wort man sich verlassen darf.

Von der großen Begabung, welche in dem Volke steckt, habe ich mich wiederholt überzeugt. Die leichte Auffassungsgabe und die manuelle Geschicklichkeit, die man mitunter bei ganz gewöhnlichen Kulis findet, ist mir immer wieder aufgefallen und wurde mir von unseren Eisenbahnoffizieren bestätigt. Allerdings überwiegt die Zahl stumpfsinniger Individuen unter den Kulis bei weitem, und man muß sehr sorgfältig auswählen, um ein brauchbares Personal zusammen zu bekommen. Die Zuverlässigkeit bleibt dann immer noch der wunde Punkt, denn der Chinese ist ein wirklich vorzüglicher Arbeiter nur dann, wenn er seinen persönlichen Vorteil klar vor Augen sieht. Deshalb ist er ein guter Akkordarbeiter, aber ein schlechter Tagelöhner. Die hervorragende Geschicklichkeit des Chinesen in manchen Handwerken und Künsten ist ja bekannt. Wir haben hier im Überschwemmungsgebiet besonders Gelegenheit, ihre Virtuosität als Fischer zu bewundern. Es ist fast unerklärlich, wie sie es fertig bringen, Fische tauchend mit der Hand zu fangen und die Netze lange Strecken weit unter dem Eise von einem Loch zum andern zu dirigieren, nur dadurch, daß sie mit der Hand bestimmte Strömungen im Wasser erzeugen. Sie lernen diese Künste, welche in Familien durch Jahrhunderte überliefert sind, schon als Kinder, daher die ans Wunderbare grenzende Virtuosität. Im allgemeinen hat man entschieden den Eindruck, daß eine unendliche Kraft in dem chinesischen Volke schlummert. Dieselbe wurde nur bisher nicht ausgenutzt, würde aber meiner Überzeugung nach sofort zu einer mächtigen, dem ganzen Erdball gefährlichen Entfaltung kommen, wenn es einer Kulturnation, etwa der russischen oder japanischen, gelänge, die Oberhand in China zu gewinnen und diese Riesenkraft für sich auszunützen.

Angenehm ist der Chinese als Patient. Bei inneren Krankheiten hat er zum europäischen Arzte wenig Zutrauen, da ihm derselbe zu wenig Geklapper und Hokuspokus macht, bei chirurgischen Leiden aber sucht er den fremden Arzt, von dem er gehört hat, daß ihm Operationen gelungen sind, mit Vorliebe auf und ist mit stoischem Gleichmut zu jedem Eingriff bereit, der für notwendig gehalten wird.

Was die Gemütsseite des Chinesen anbelangt, so ist sie für uns durch die vielen uns unverständlichen Widersprüche ein Buch mit sieben Siegeln. Der Mann des Volks ist im allgemeinen ein gutmütiger, friedlicher Mensch, verhetzt und aufgewiegelt wird er zur grausamsten Bestie. Gegen Familienmitglieder zeigt der Chinese viel Anhänglichkeit, gegen die Eltern größte Ehrfurcht, wie ihm sein Glaube vorschreibt. Umso weniger ist es zu verstehen, daß er kalten Blutes seine eigenen neugeborenen Kinder tötet, wenn sie ihm lästig sind. Ähnlich verschieden ist sein Verhalten gegen Tiere. Gebrauchstiere z.B. kann er, wie wir es bei unseren Pferdeknechten, den sogenannten Mafus, stets gesehen haben, sehr liebevoll behandeln, in anderen Fällen ist er ein ausgesprochener Tierquäler. Ganz abscheulich ist die Roheit, welche in der Rechtspflege zum Ausdruck kommt und im Verlauf der letzten Unruhen manches unglückliche Opfer unter Chinesen und Nichtchinesen gefordert hat. Für die Beurteilung der hier zutage tretenden Brutalität kommt wohl in Betracht, daß der gewöhnliche Kuli ein Wesen ist, das andere Nerven besitzt als der moderne Kulturmensch.

Aus den wenigen angeführten Beispielen ist wohl ersichtlich, wie schwer der Chinese zu beurteilen ist. Nimmt man dazu die großen Unterschiede, die zwischen Süd- und Nordchinesen und zwischen den einzelnen Gesellschaftsklassen bestehen, so wird man die vielen Irrtümer begreifen, welche während des Krieges von 1900/1901 selbst alten Chinakennern passiert sind. Gerade letztere scheinen mir bei den augenblicklichen abnormen Zuständen Irrtümern besonders ausgesetzt zu sein, denn alles, was jetzt gilt, hat noch vor einem Jahr in China nicht gegolten. Daß ein chinesischer Hufschmied, wie es einem Bekannten von mir vor längerer Zeit passiert ist, den Fremden mit seinem Pferd warten läßt, bis er alle Chinesen bedient hat, und ihm dann erklärt, nun habe er keine Lust mehr, hält man jetzt einfach nicht für möglich. Vielleicht erscheint uns auch wegen dieses vollkommenen Umschlages in allen Verhältnissen und Anschauungen der Chinese augenblicklich in mancher Hinsicht sympathischer, als er wirklich ist. Darüber darf man sich jedenfalls gar keinen Illusionen hingeben: der Haß und die grenzenlose Verachtung, welche der Chinese gegen alles Fremde hegt, besteht unverändert fort und wird am geeigneten Zeitpunkt und Ort wieder hervortreten. Nur ist der Chinese berechnend und politisch genug, um diese Gefühle augenblicklich zu unterdrücken.

Wie die Leute, so bewegt sich auch das Land zwischen Extremen, wenigstens was landschaftliche Schönheit und Kultur anbelangt. Nehmen wir als Beispiel nur Petchili, denn die enormen Unterschiede zwischen den einzelnen Provinzen Nord-, Mittel- und Südchinas erklären sich aus der Größe des Riesenreiches, das sich über 30 Breitengrade erstreckt. Die Landschaft in einer einzelnen Provinz wie Petchili zeigt schon die größten Gegensätze. Wenn man am Fuß der Pekinger Berge steht und die herrliche Gebirgslandschaft bewundert, so sollte man es nicht für möglich halten, daß einige Stunden weiter südlich die ödeste aller Ebenen sich dehnt, auf welcher das vom Gelb in Gelb ermüdete Auge vergeblich nach anderen Ruhepunkten sucht als Grabhügeln und Hütten aus Lehm.

Die nähere Umgebung von Yangtsun macht darin noch eine löbliche Ausnahme, denn sie steht jetzt meilenweit unter Wasser und dient unzähligen Wasservögeln zum Aufenthaltsort; dafür ist aber wieder das Klima nicht besonders gesund, und nur der Jäger kommt auf seine Kosten. Welch ein anderer Anblick, wenn man über das staubige und lieblich duftende Peking hinaus nach Norden reitet. Mein Kriegskamerad aus Transvaal, Stabsarzt Dr. Hildebrandt, der augenblicklich dem Armeeoberkommando angehört, und ich haben neulich einige dienstfreie Tage benutzt, um zu Pferde und zu Fuß auf möglichst unbegangenen Wegen im Gebirge herumzustreifen, und sind für die gehabten Anstrengungen – wir haben in den Bergen bis zu 100 Kilometer am Tage zurückgelegt – reichlich belohnt worden. Man kann derartige Streifzüge jetzt ohne jedes Risiko unternehmen, denn das gewöhnliche Volk ist mit den derzeitigen geordneten Zuständen offenbar sehr zufrieden und scheint sich mit dem Glauben abgefunden zu haben, daß China aus den Händen der fremden Mandschus nun wieder einmal in andere fremde Hände übergegangen sei. – Von dem vielen Schönen, das wir auf unserem Ritt gesehen haben, kann ich Raummangels halber nur weniges erzählen. Am Rande des Gebirges entdeckten wir eine alte verfallene Bergfeste, die ganz unverkennbare Anklänge an unsere mittelalterlichen Ritterburgen aufwies. Giebel- und Erkerfenster, ein vertiefter Burghof, gepflasterte Promenadengänge im Nadelholz ließen ohne weiteres den Einfluß mittelalterlicher, wohl von den Jesuiten übermittelter Baukunst erkennen, und höchst eigenartig wirkte der Kontrast, den bunte chinesische Friese und Fensterumrahmungen, sowie ein mitten im Burghof stehender, zerfallener Buddhatempel hervorriefen. Die chinesische Baukunst ist Geschmacksache; ich finde sie sehr schön mit ihren bizarren Formen und wunderbaren Farbenkontrasten, doch mag zugegeben werden, daß die ewige Wiederholung derselben Typen leicht ermüdet. Etwas muß man aber dem Chinesen unter allen Umständen lassen; er versteht es meisterhaft, die Natur auszunützen und seine Bauwerke oder Anlagen den vorhandenen Naturschönheiten anzupassen. Besonders ist mir dies an den Gräbern der Mingkaiser und an dem sogenannten Marmortempel aufgefallen. Der Marmortempel ist hinter dem kaiserlichen Sommerpalast am Rande des Gebirges gelegen, ein ganz aus weißem Marmor errichteter Lamatempel, dessen Stil an altindische Bauten erinnert.

Von großer Wirkung ist der terrassenförmige Aufbau in die von Cypressen und Fichten ausgefüllte felsige Bergschlucht hinein, und sehr schön der Ausblick auf die weite, sonnige Landschaft, den man von der obersten, drei Marmorpagoden tragenden Terrasse genießt. Dann wie überall in China die unbegreiflichsten Kontraste. Außen ein Kunstwerk allerersten Ranges, innen greuliche fratzenhafte Götzenbilder von riesigen Dimensionen und an den Wänden Darstellungen der Höllenqualen, die zwar höchst originell sind und eine überreiche Phantasie verraten, aber doch über den Begriff der Ästhetik des Häßlichen hinausgehen.

Derartige fast peinliche Gegensätze bleiben dem Beschauer erspart, wenn er die etwa 50 Kilometer nördlich von Peking gelegenen Minggräber aufsucht. Es ist bezeichnend für die der gelben Rasse innewohnende fromme Scheu vor der Ruhe der Ahnen, daß die Mandschus die Grabstätte der von ihnen besiegten und verdrängten Mingkaiser verschont haben, und so finden wir die ganze Anlage noch heute, wie sie vor Jahrhunderten gewesen ist, großartig und weihevoll, wenn auch stark verfallen. Durch einen 50 Fuß hohen Peilo (Torbogen) aus Marmor reitet man auf der alten Kaiserstraße in das Tal ein, passiert das Tahungmen, das rote Tor, und einen hohen Pavillon, in dessen Innern eine riesige Schildkröte auf ihrem Rücken die granitene Ahnentafel trägt. Nun wird aus der Kaiserstraße die berühmte Tierallee. Mächtige Tier- und Menschengestalten, zum Teil naturgetreu aus Stein gebildet, zum Teil abenteuerliche Fabelwesen, stehen in langen Reihen zu beiden Seiten des Weges, eine Quelle unendlichen Schreckens für die kleinen Chinesenponys, denen man ihrer Ängstlichkeit wegen mehr Aufmerksamkeit schenken muß, als den großen Vierfüßlern aus Stein. Am Ende der Tierallee angelangt, sieht man in dem halbkreisförmigen Talende über mehr als eine Wegstunde regelmäßig verteilt die einzelnen Gräber der Kaiser, jedes ein Tempelbau mit einem Hain uralter Eichen und Cypressen, in dessen Mitte unter einem bergehohen, baumbestandenen Erdhügel der Sohn des Himmels ruht.

Von den Minggräbern sind wir am nächsten Tage über das Felsennest Nankou zur großen Mauer und zu dem bekannten Paß von Tshatau geritten, über den einst Tshingiskhan in China eingefallen sein soll. Jetzt geht durch diesen Paß die große Handelsstraße nach Kalgan. Das Leben und Treiben auf der Paßstraße ist sehr interessant. Man begegnet großen Karawanen schwer beladener Kamele; Saumtiere mit Schellen und roten Troddeln, Scharen kleiner bepackter Esel, Kulis, die keuchend an schwankenden Bambusstangen schwere Lasten tragen, ziehen die Straße hinauf und hinunter, hin und wieder taucht eine von Menschen oder Pferden getragene Sänfte auf, aus der ein chinesischer Kaufherr freundlich den Fremden grüßt. Glücklicherweise täuscht die Schönheit der Landschaft einigermaßen über den unglaublich verwahrlosten Zustand der Straße hinweg, welche für europäische Fahrzeuge unpassierbar ist und nur von den zweiräderigen unzerbrechlichen Chinesenkarren mit ihren tandemgespannten Maultieren eben noch ertragen wird. Die Formation des hier Taothsuschan genannten Gebirges erinnert an die Dolomiten. Schroffe unbewaldete Felsen ragen steil zu beiden Seiten der Straße auf, tief unten rauscht über erratische Blöcke hinweg ein Gebirgsbach, sogar das Pfeifen murmeltierartiger Nager fehlt nicht. Fremdartig wird der Eindruck erst wieder, sobald ein an den Felsen geklebter chinesischer Tempel mit Reiherhorsten auftaucht oder eine Talsperre und Teile der großen Mauer sichtbar werden. Diese Mauer ist ein ebenso großartiges wie zweckloses Gebilde von Menschenhand. Wir können den Erbauern jedenfalls dankbar sein, denn der Anblick der wie eine Schlange über die höchsten Gipfel hinwegkriechenden Mauer mit ihren Zinnen und Wachttürmen ist schön und eigenartig. Im übrigen ist von der Mauer wenig zu berichten. Sie folgt von Shanhaikwan aus in weitem Bogen dem Gebirge, umfaßt den größten Teil der jetzigen Provinz Petchili und teilt sich streckenweise in eine innere und äußere Mauer. Am Paß von Tshatau ist sie besonders gut erhalten; sie hat hier eine Höhe von 12 Meter, eine Breite von 5 Meter und trägt auf dem Steinwall eine Brustwehr von etwa 1½ Meter Höhe.

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