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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Kaiser von Japan und sein Hof.

Nach Hesse-Wartegg, »China und Japan«. 1900.

Mit dem alten Japanerreiche stand in den letzten beiden Jahrzehnten auch Mutsu-Hito, der Beherrscher desselben, im Vordergrunde des Interesses. Der Sturz des Schogunats, die Wiedereinsetzung der alten Kaiserdynastie an die Spitze der Regierung, die Einführung europäischer Kultur, die Errichtung einer modernen Flotte und Armee, die Konstitution, mit einem Worte, die ganze wunderbare, in der Geschichte beispiellos dastehende Verwandlung Japans aus einem alten despotischen Feudalstaate in ein modernes Reich mit westlicher Zivilisation wird in Europa ziemlich allgemein der eigensten Unternehmung des japanischen Herrschers zugeschrieben. Wäre dies richtig, so müßte Mutsu-Hito nicht nur als der weitaus bedeutendste der hundertzweiundzwanzig Kaiser seiner Dynastie sein, er wäre auch eine der bedeutendsten Erscheinungen der ganzen Geschichte, und es ist deshalb wohl begründet, sich mit dieser Erscheinung näher zu befassen. Schon der Umstand allein, daß er als der hunderteinundzwanzigste seiner Familie auf dem gleichen Throne sitzt und daß sein Stammbaum bis auf das Jahr 660 v. Chr., also auf über 2600 Jahre zurückreicht, macht ihn zu einer interessanten Persönlichkeit. Ihm gegenübergestellt wären ja die Häupter unserer ältesten Herrscherfamilien Europas geradezu Parvenüs, denn ihr Stammbaum reicht höchstens auf 1000 Jahre zurück.

Bei näherer Betrachtung gestaltet sich die Sache allerdings etwas anders. In Japan nahm man es mit der Thronfolge lange nicht so genau wie in den europäischen Herrscherfamilien. Der Thronfolger wurde nach Belieben aus der Menge der mit Kebsweibern gezeugten Söhne gewählt, zuweilen wurden Frauen auf den Kaiserthron gesetzt, ja es wurden häufig Söhne aus anderen, dem Throne nahestehenden Adelsfamilien von verschiedenen Kaisern adoptiert und zu Thronfolgern gemacht. Eine direkte Thronfolge vom Vater auf den Sohn kam in der japanischen Geschichte nur selten vor. In den ersten Jahrhunderten der Dynastie, welche Immu Tenno, den Sohn des Himmels, als ihren Stammvater nennt, waren die Kaiser auch tatsächlich Herrscher; später gelangten Familien aus der nächsten Umgebung der Kaiserfamilie zu Einfluß und Macht, sie rissen allmählich die ganze Regierung an sich, und die Kaiser waren kaum viel mehr als willenlose Puppen, die von den wirklichen Regenten nach Belieben gewöhnlich als Kinder auf den Thron gesetzt und wieder verjagt wurden, sobald sie das Mannesalter erreicht und den Usurpatoren gefährlich werden konnten. So waren beispielsweise unter dem Mikado Go-Nijo (1302–1308) nicht weniger als fünf Mikados gleichzeitig am Leben; nämlich er selbst, der von seinem 17. bis 23. Jahre auf dem Throne saß; dann seine vier Vorgänger: Go-Fukakusa, der schon in seinem 4. Jahre Kaiser wurde und in seinem 17. abdankte, d. h. abdanken mußte; dann Kameyama, Kaiser von seinem 11. bis zum 26. Jahre; Go-Uda, Kaiser von seinem 8. bis zum 21. Jahre, und der fünfte Kaiser, Fuschimi, schien den Ministern gar nicht zu passen, denn in seinem 23. Lebensjahre zum Kaiser gemacht, mußte er schon in demselben Jahre abdanken. Wie man sieht, wechselte man im alten Japan die Kaiser ähnlich wie heute in manchen europäischen Staaten die Minister. Nur war das Verhältnis umgekehrt. Nicht der Hund wedelte den Schwanz, der Schwanz wedelte den Hund.

Als die letzte Schogunfamilie, die berühmten Tokugawa, die Macht in den Händen hatte, wurde den Kaisern wohl alle Achtung und Verehrung zuteil, die ihnen gebührte, allein von der Regierung waren sie vollständig ausgeschlossen, ja sie waren kaum besser als Gefangene, die nicht einmal, wie das Sprichwort sagt, einen goldenen Käfig hatten. Dank der kaiserlichen Gnade war es mir gestattet, in der früheren Hauptstadt des Reiches, in Kioto, die Paläste zu besichtigen, die den Vorgängern des Kaisers und in seinen jungen Jahren auch noch dem regierenden Kaiser als Wohnung angewiesen waren. In den weitläufigen einförmigen Holzgebäuden mit ihren breiten Veranden und papierenen Zimmerwänden sah ich noch viel weniger Pracht als in dem Palaste ihrer Untertanen, der Schogune. Dort wohnten und lebten die Kaiser vollständig abgeschlossen von der Außenwelt, vollständig unsichtbar und in gänzlicher Unkenntnis der Größe und Eigenart ihres Reichs. Nur in den seltensten Fällen kamen sie über die Palastmauern heraus, und auch das nur in fest verschlossenen und verhängten Wagen. Von ihrem Regierungsantritt bis zu ihrem Tode bildeten ihre Frauen und ihre Hofhaltung den einzigen Verkehr. Nur die Kuge und die Daimios, also der höchste Adel des Landes, wurden in seltenen Fällen in den Thronsaal zugelassen, um dem Sohne des Himmels ihre Glückwünsche darzubringen oder ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Sie lagen an einem Ende des Saales auf den Knieen, mit dem Gesicht auf dem Boden, während der Kaiser auf dem Throne am andern Ende des Saales saß. Und welcher Thron! Ein Zelt von der Größe und dem beiläufigen Aussehen unserer kleinsten Feldzelte, aus weißem Seidenstoff angefertigt. Im Innern desselben liegt auf dem Holzboden eine Matratze, und auf dieser saß der Kaiser mit verschränkten Beinen. Während der Audienz wurde auch noch ein dichter Vorhang herabgelassen, damit kein Sterblicher das geheiligte Antlitz des Sohnes des Himmels erblicke.

Auch noch der regierende Kaiser empfing seine Fürsten auf diese Weise, und wer vor einem Vierteljahrhundert gesagt hätte, derselbe Kaiser würde auf einer Landesausstellung in Tokio angesichts vieler Tausende seiner Untertanen selbst die Preise verteilen, mit der Kaiserin an seiner Seite ein neugeschaffenes Parlament eröffnen oder in seinem modernen europäischen Palaste Gastmähler und Gartenfeste geben, der wäre in Japan als verrückt eingesperrt worden.

Die Sache erscheint in der Tat unglaublich und liest sich wie ein phantastisches japanisches Märchen. Am unglaublichsten aber scheint es, daß Kaiser Matsu-Hito, der bis zu seinem 16. Lebensjahre nur wenige fremde Menschen zu Gesicht bekommen hat, der in seinem 17. Jahre zum erstenmal seinen Palast verließ, zum erstenmal grüne Reisfelder und bewaldete Berge, Dörfer und Städte mit seinen eigenen Augen gesehen hat, daß dieser Kaiser einige Jahre später bereits eine Armee nach europäischem Muster schuf, europäische Kultur und Kleidung für seine Untertanen dekretierte und 1889 sogar seinem Lande eine Konstitution nach europäischem Muster gab.

Alle diese Errungenschaften werden in Europa ziemlich allgemein der persönlichen Tatkraft und Einsicht des Kaisers zugeschrieben, aber mit wie wenig Recht kann man bei einigem Nachdenken schon aus dem Gesagten erkennen. Zu den herrschenden irrtümlichen Ansichten haben wohl die Begriffe beigetragen, die wir Europäer von unseren Herrschern haben. In Europa sind die Fürsten Persönlichkeiten mit ausgesprochener Individualität, in Japan aber ist der Mikado einfach der Kaiser. Er hat nicht einmal einen Namen, der von seinen Untertanen ausgesprochen werden darf. Nach seinem Tode wird er unter dem Namen Meji, d. h. Aufklärung, bekannt sein, den er seiner Regierungszeit gegeben hat. Alle Verordnungen, alle Maßnahmen, Neuerungen werden allerdings vom Kaiser dekretiert, allein er ist keineswegs auch der Schöpfer derselben. Es wäre ja auch ganz unmöglich, daß der Kaiser, der beispielsweise in seinem Leben noch niemals das offene Meer gesehen hat und niemals auf einem Schiffe war, eine Kriegsflotte nach europäischem Muster aus eigenem Antrieb schaffen sollte; oder daß er, der niemals einen anderen Soldaten gesehen, als etwa die Samurai (Zweischwertermänner) seiner Eskorte auf der Reise nach Tokio, deutsche Stabsoffiziere nach Japan berufen sollte, um seine moderne Armee Taktik und Strategie zu lehren. Aber ein großes Verdienst um sein Land und Volk, gleichzeitig auch um den Triumph unserer europäischen Kultur hat sich der Kaiser unzweifelhaft erworben: tatkräftige, kluge, weitsehende Männer seiner Umgebung gewähren zu lassen, ihnen Vertrauen zu schenken und sie auf ihren Posten selbst dann noch zu belassen, als sie seine kaiserlichen Vorrechte beschnitten, ja ihn veranlaßten, von seiner Gottähnlichkeit herabzusteigen unter die Menschen und selbst Mensch zu werden. Dazu gehört viel Seelengröße, viel Einsicht und Klugheit, Eigenschaften, die bei orientalischen Herrschern bei ähnlichen Anlässen nur äußerst selten zu finden sind. Statt, wie es sonst zu gehen pflegt, dem Strome der öffentlichen Meinung nachzugeben, ist er als erster mit seinem Beispiel vorangegangen, er hat befohlen und hat als erster diesen Befehlen Folge geleistet. Wo der Kaiser sich der Notwendigkeit beugt und die tausendjährige eigenartige Kultur seines Landes opfert, um neue, ihm und seinem Volke durchaus fremde, anfänglich unsympathische europäische Kulturfesseln anzulegen, da mußten seine Untertanen ihm folgen. Die Gebildeten und Klugen der letzteren taten dies aus eigener Überzeugung, die weitaus größte Masse gehorchte eben dem Gebote ihres Kaisers, gegen den von alters her ein Widerstand, eine Auflehnung undenkbar ist. Nur diese allgewaltige Autorität, diese halbgöttliche Stellung, welche der Kaiser aus der früheren Zeit mit hinübernahm bis zur Einführung der konstitutionellen Verfassung, konnte die ungeheuren Umwälzungen möglich machen, welche die Männer der Regierung beschlossen hatten. Wie in Deutschland und Italien, so muß man in dem neugeeinigten Japan neben dem Herrscher auch diese seine Ratgeber nennen, vor allen anderen Graf Ito, den Bismarck von Japan. Er war der eigentliche Schöpfer des neuen, ich möchte sagen abendländischen Japan, ein Mann, beseelt von glühender Vaterlandsliebe und Loyalität, dabei durch und durch ehrenhaft und selbstlos. Nicht sich wollte er heben, sondern nur sein Vaterland. Glücklich ein Land, das solche Männer hat.

Der Kaiser wurde am 3. November 1852 geboren und gelangte nach dem Tode seines Vaters am 13. Februar 1866 auf den Thron. Zwei Jahre später, am 9. Februar 1868, vermählte er sich mit Haruko, der dritten Tochter des Kuge (Fürsten) Ichijo Tadaka, am 28. Mai 1850 geboren, somit zwei Jahre älter als der Kaiser. Am 15. April 1868 verließ das Kaiserpaar die alte Hauptstadt Japans, um ihre Residenz nach Jeddo zu verlegen, das bald darauf in Tokio, d. h. östliche Hauptstadt, umgetauft wurde. Als der bekannte amerikanische Staatsmann Seward auf einer Reise um die Welt 1871 Japan besuchte, empfing ihn der Kaiser noch in der alten japanischen Kaiserpracht, die keineswegs als schön bezeichnet werden konnte: lange, steife Seidengewänder, die den Körper mit Ausnahme der Hände vollständig verhüllten, und auf dem Kopfe eine eigentümliche, schwarze Roßhaarkappe mit einem linealförmigen Aufsatz, der sich von der hinteren Seite der letzteren vertikal etwa einen halben Meter über das Haupt erhob. Der Kaiser sprach kein Wort und würdigte Seward überhaupt keines Blicks. Seine Fragen und Bemerkungen waren auf einzeln bereit gehaltenen Papierbogen niedergeschrieben, die ein Hofbeamter dem Kaiser unterbreitete und dann ablas. Damit war die Audienz beendet.

Einige Monate später vertauschte der Kaiser das traditionelle japanische Kaisergewand mit einer militärischen Uniform nach französischem Schnitt, und seither hat er sich niemals mehr öffentlich in japanischen Gewändern gezeigt. Auf kaiserlichen Befehl mußte der ganze Hof moderne, europäische Kleider anlegen, und von der Kaiserin herab bis zum letzten Hofbediensteten darf bei Hof seither niemand mehr in der angestammten Landestracht erscheinen. Mit einem Federzug wurde dem alten Japan wenigstens den Äußerlichkeiten nach ein Ende bereitet.

Überhaupt stürzte man sich mit wahrem Feuereifer auf die Umgestaltung des ganzen Hofes, der Regierungsmaschine, ja selbst der Hauptstadt nach europäischen Vorbildern. Prinz Romatsu verweilte während mehrerer Jahre in den Hauptstädten Europas, um die Verhältnisse an den dortigen Höfen zu studieren; der Hofmarschall Sannomiya Joshitane wurde an den Kaiserhof in Wien gesandt, um bei dem dortigen Oberhofmeisteramte das ganze altspanische Zeremoniell in allen seinen Einzelheiten kennen zu lernen, und nach Japan zurückgekehrt wurde er damit betraut, dieselben nicht etwa in Japanische zu übertragen, beziehungsweise den Verhältnissen in Tokio anzupassen, sondern ganz genau so wie in Wien einzuführen. Nicht der Schuh wurde geändert, um für den Fuß zu passen, der Fuß wurde in den schlechtsitzenden Schuh gezwängt.

Damit verlor aber der japanische Kaiserhof seinen eigentümlichen Reiz. So sehr man die Japaner zu ihren Unternehmungen beglückwünschen muß, so sehr hat man das Aufgeben der Nationaltracht zu beklagen. Die alte Kaiserin-Witwe hält fest an der Nationaltracht, hoffentlich ist es zu der Rückkehr zu den alten Trachten nicht zu spät; hoffentlich sehen die Japanerinnen ein, daß ihre unsagbare Anmut nicht zum wenigsten von den Gewändern abhängt. Selbst dem Kaiser scheint die europäische Mode unsympathisch zu sein; denn sobald er seine staatlichen Funktionen beendigt hat, zieht er den Europäer aus und den Japaner an.

Bei einer Privataudienz sah ich den Kaiser in nächster Nähe. Das Zeremoniell war ganz wie bei uns: Am Eingang zum Palast wurde ich von Kammerherren empfangen, die europäische Uniform mit Degen und Federhut trugen. Die Dienerschaft hatte dunkelblauen Frack mit gelben Aufschlägen, rote Westen, blaue Kniehosen und weiße Strümpfe. Ich kann nicht sagen, daß diese Livree den kleinen, dunklen, schlitzäugigen Japanern mit struppigem Haar besonders gut stand. Die Kammerherren waren vollendete Gentlemen. Sie sprachen fließend französisch, englisch und deutsch; der Adoptivsohn des Grafen Ito, der einige Jahre in Halberstadt studiert hat, zeigte eine ganz besondere Gewandtheit. Er geht derselben glänzenden Karriere entgegen, wie sein berühmter Vater, einer der Schöpfer des modernen Japan.

Nach etwa einhalbstündigem Warten wurde ich in den Audienzsaal geführt. Außer dem herrlichen Plafond und dem kleinen Thronsessel zeigte er keinen Schmuck und keine Möbel. Er geht in einen Garten über von wunderbarer Schönheit.

Ob dem Kaiser ein Zeremonienmeister voranschritt, ob er angemeldet wurde, ich weiß es nicht, plötzlich stand er vor mir. Ich befand mich vor dem Inhaber eines Thrones, auf dem 121 seiner Vorfahren gesessen haben. Der Kaiser ist für einen Japaner groß, stattlich, von gelblichem Gesicht, aus dem große, schwarze, stechende Augen blicken. Er ist nicht schön, aber ein hoheitsvoller Ausdruck und eine gewisse Unnahbarkeit verleihen ihm einen ungeahnten Adel. Wenn man bedenkt, daß der Kaiser der Repräsentant einer Familie ist, die seit zweieinhalb Jahrtausenden nicht über ihren Kreis hinausgekommen ist, so muß man in ihm den reinsten Typus des Japaners sehen. Der Kaiser trug eine Uniform ähnlich der eines französischen Artillerieoffiziers. Auf der rechten Brust prangte der Stern seines Chrysanthemumordens. Er sprach japanisch mit leiser Stimme und fragte mich nach meinen Reisen, besonders in Korea. Ein Dolmetscher vermittelte französisch. Während der Unterredung blickte der Kaiser niemand an, hielt sich steif und unbeweglich wie eine Statue und reichte niemand die Hand. Unter den vorgeschriebenen drei Verbeugungen entfernten wir uns rückwärts schreitend aus dem Saal. Im Korridor teilte mir der Hofmarschall mit, der Kaiser habe befohlen, mir den ganzen Palast zu zeigen.

Am imposantesten von allen Räumen ist der große Thronsaal. Wand- und Deckenschmuck sind ein wahrer Triumph der japanischen Kunstindustrie. Hier finden am Neujahrstag große Empfänge statt. Die Majestäten stehen auf der Estrade vor den Thronen. Rechts davon die kaiserlichen Prinzen, links die Prinzessinen; die Gesandten, Minister, Generale defilieren, während das kaiserliche Musikchor die Mikadohymne spielt, dieselbe Hymne, die Japan schon vor dem Sturz des römischen Reiches und vor der Regierung Karls des Großen besessen hat.

Aber während bei diesen Festlichkeiten von der alten Pracht des feudalen Japans nichts mehr zu sehen ist, während die Prinzen in moderne Uniformen, die Prinzessinnen in Pariser Toiletten gekleidet sind, hat sich hinter den Kulissen ein guter Rest des alten Kaisertums erhalten. An den genannten Festtagen steht der Kaiser schon um zwei Uhr morgens auf und nimmt zunächst ein Bad; dann werden ihm die altjapanischen Kaisergewänder angelegt, und so begibt er sich in den Tempel, um seine Andacht zu verrichten, während der Hofstaat auf den Knieen liegt. Dann erst wird das alte Japan abgelegt und das moderne angezogen.

Durchaus altjapanisch ist auch die gewöhnliche Lebensweise des Kaisers. Seine Gemächer sind kahl. Kein Stuhl, kein Bett, nichts von den Bequemlichkeiten des Europäers ist vorhanden. Der Boden ist mit Matten belegt und der Kaiser schläft auf einer harten Matratze. Ja, wie der Geringste seiner Unterthanen badet der Kaiser in einem hölzernen Bottich.

Auch die Kaiserin bewohnt drei ähnliche Gemächer. Sie selber ist kinderlos geblieben. Die vielen kaiserlichen Kinder werden zur Pflege und Erziehung aufs Land gegeben; sie haben aber vom ersten Tag an ihren eigenen Hofstaat, der mit jedem Jahr wächst.

Seinem Volke zeigt sich der Kaiser ausschließlich als europäischer Herrscher in Uniform mit Orden und Sternen. Die höchsten Orden sind der Chrysanthemumorden, der Sonnenorden u. a. Die Japaner haben an wenig Dingen so rasch Geschmack gefunden wie an den Orden. Bei seinen Ausfahrten benützt der Kaiser einen vergoldeten Etaatswagen mit Spiegelscheiben. Im Februar 1889 geschah das Unerhörte, daß er seine Frau im selben Wagen mitfahren ließ. Das Volk verhält sich beim Anblick des Kaisers stumm und wagt gar nicht zu ihm aufzusehen. Besonderer Beliebtheit erfreut sich auch die Kaiserin Haruko; sie hat eine streng japanische Erziehung genossen, kennt die chinesischen Klassiker und die japanische Literatur, versteht Gitarre und Leyer zu spielen und weiß zu nähen und zu sticken. Nach ihrer Vermählung ließ sie sich der Sitte gemäß die Zähne schwärzen und die Augenbrauen abrasieren. Glücklicherweise kommt diese Sitte mehr und mehr in Abgang. Durch die Europäisierung des Hofes 1885 hat die Kaiserin unendlich viel verloren. Wer damals die Gartenfeste mitmachte, konnte sich überzeugen, daß vom Schönen zum Häßlichen nur ein Schritt ist. Wenigen steht die moderne Tracht ungünstiger als der Kaiserin.

Alljährlich werden zwei dieser Feste gegeben, eines im Frühjahr während der Kirschenblüte, das andere im Herbst, wenn die Chrysanthemen in ihrer unbeschreiblichen Blütenpracht stehen. Tausende und abertausende dieser Blumen in allen erdenklichen Farben bis zu der Größe unserer Sonnenblumen, Exemplare mit einer einzigen Blüte und Pflanzen mit 2–400 Blüten stehen in den breiten Avenuen des kaiserlichen Parkes. Und nun denke man sich in diese Blütenpracht hinein die farbenreichen, glitzernden Gestalten, wie sie die japanische Tracht schuf, – es muß traumhaft schön gewesen sein.

Beim nächsten Kirschenblütenfest war all diese Herrlichkeit vorbei. Die Pariser Mode hatte den weiblichen Schmetterlingen Japans die Flügel abgeschnitten. Aber das ging nicht so leicht von statten als es gesagt ist. Welche Schneiderin der rue de la paix hätte die geheiligte Person der Kaiserin mit Händen berühren dürfen? Endlich entschloß sich die Gräfin Ito als Probiermamsell für die Kaiserin zu dienen, und nun sind die Gartenfeste beinahe so langweilig als ein Hofball in Europa.

Die Kaiserin trachtet darnach, weil sie selber keine Kinder hat, im schönsten Sinne des Worts Mutter ihres Volkes zu sein. Häufig besucht sie die Spitäler; mit engelgleicher Geduld hört sie den französischen und englischen Prüfungen der Schulkinder zu, obschon sie kein Wort davon versteht, und selten verläßt sie eine Schule, ohne den Lehrersfrauen eine Rolle japanischen Seidenstoffes zurückgelassen zu haben.

Der Thronfolger ist 1879 geboren und wird als sehr aufgeweckt, energisch und ehrgeizig geschildert. Er hat eine ganz europäische Bildung genossen, und sollte seine schwächliche Gesundheit ihm je gestatten, den Thron seines Vaters zu besteigen, so darf man sich auf noch weitere Reformen in Japan gefaßt machen.

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