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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid1d489415
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Delhi und Agra.

Nach H. Gehring, »Das alte Wunderland.« 1908. Verlag von Otto Spamer in Leipzig.

Wenn wir uns das Delhi von heute ansehen, müssen wir das moderne, in der Mitte des 17. Jahrhunderts von Schah Dschehan erbaute und das alte, die Ruinenstadt unterscheiden. Im alten Delhi hätte man wieder vier Gründungen auseinanderzuhalten: 1) Das uralte Indraprastha, das heutige Indrapat und das »alte Fort«. 2) das 50 v. Chr. gegründete Delhi. 3) Das im Jahr 1321 erbaute und bald wieder verlassene Taghlakabad und 4) das 1351 erbaute Firozabad.

Das moderne Delhi zählt 280 000 Einwohner und liegt am rechten Dschamna-Ufer. Am Ende des 17. Jahrhundert soll es mehr Einwohner als London gehabt haben. Trotz der grausamen Verfolgungen durch die Mohammedaner sind noch zwei Drittel der Bevölkerung Hindus, die 200 Tempel in der Stadt haben, während die Zahl der Moscheen 261 beträgt. Kolossale, 10 m hohe und 2 m dicke Mauern mit sieben mächtigen, hochgewölbten, durch Brustwehren verteidigten Toren, die noch die Spuren der heftigen Kämpfe der letzten Jahrhunderte, besonders 1857 tragen, umgeben die Stadt, in der sich 1877 die Königin Viktoria als Kaiserin von Indien proklamieren ließ. Im Sommer 1911 wurde Delhi aus Anlaß der Kaiserkrönung Georgs V wieder zur Hauptstadt von Indien erhoben. Das bekannteste dieser Tore ist das Kaschmirtor, durch das am 14. September 1857 Campbells Truppen siegreich in die Stadt zogen, nachdem der letzte der treugebliebenen eingeborenen Soldaten die Pulversäcke ans Tor getragen und angezündet und so den linken Torflügel gesprengt hatte.

Die hervorragendsten Gebäude von Neu-Delhi sind Schah Dschehans Palast, jetzt das Fort von Delhi und die große, aus weißem Marmor und rotem Sandstein erbaute Dschamna-Moschee. Der Palast liegt im Osten außerhalb der Stadt am rechten Ufer der hier 200 – 300 m breiten Dschamna, von dieser durch einen langen, schmalen Gartenstreifen getrennt; ein Flußarm scheidet den »alten Palast« von den übrigen Baulichkeiten. Weithin schimmern die mächtigen, aus rotem Sandstein erbauten Mauern, die einen weiten Raum, der eine eigene Stadt für sich bildet, einschließen. Vom Haupttor Lahor aus hat man einen Blick auf den Marktplatz der Stadt, eine sehr erweiterte, von einem Kanal durchflossene Straße, die das Zentrum der Stadt bildet und schon die schönste Straße von Indien genannt worden ist. Jedenfalls zeichnet sie sich durch große Sauberkeit aus, ist 1200 m lang und 25 m breit.

Durch das Haupttor betritt man die Tschatta, einen 90 m langen, überwölbten Gang, der sein Licht von oben erhält und zum ersten Palasthof führt, der von einem 1 ½ m breiten Kanal durchflossen ist und an dem die Musikhalle und der Marstall des Moguls lag. Durch ein weiteres Tor gelangt man in den zweiten quadratischen Hof, in dem sich die öffentliche Gerichtshalle befindet. 28 schöne Säulen, in arabisch-byzantinischem Stil gehalten, tragen die Decke der weiten, marmornen Halle mit dem reich geschmückten Marmorsessel, auf dem die Moguls zu sitzen pflegten, wenn sie den Gesandten und den Edlen des Reichs Audienz gewährten. Ein drittes Tor führt in den mit reichem Marmor gepflasterten dritten Palasthof und durch ihn nach dem privaten Ratssal des Großmogul, dem aus weißem Marmor erbauten Diwan-i-kaß, jener wundervollen Marmorhalle, in der einst der kostbarste Thron der Erde, der goldene Pfauenthron stand. 32 mächtige, mit herrlicher Edelsteinmosaik eingelegten, viereckigen Säulen tragen die gewölbte Decke, deren kostbarer Gold- und Silberfiligranschmuck von den Marathen heruntergerissen wurde. In dieser Halle stand bis 1739 der vom Schah Dschehan errichtete Pfauenthron, von dem heute nichts mehr vorhanden ist, als ein vergoldeter, mit wertlosen Steinen besetzter Sessel nebst Thronhimmel. 120 oder gar 200 Millionen soll dieser Pfauenthron einst gekostet haben, der beim Licht betrachtet nichts anderes war als ein einziges, leuchtendes, in allen Farben strahlendes Riesenjuwel, das man nicht ansehen konnte, ohne geblendet zu werden. Deshalb hat der Erbauer an die Seitenwand der Halle die persische Inschrift eingraben lassen:

Wenn es auf Erden ein Paradies gibt,
So ist es hier.

Der Thronsessel war aus massivem Gold und mit den kostbarsten Steinen besetzt. Die Rückwand bildeten zwei goldene Pfauen mit ausgebreitetem Rad, die ganz der Natur entsprechend die Farbenpracht ihres Gefieders den zahllosen Smaragden, Saphiren, Diamanten und Rubinen verdankten, mit denen der goldene Körper bedeckt war. Der lebensgroße Papagei, der zwischen ihnen zu Häupten des Thronsessels sich befand, war eine kostbare Smaragdinkrustation auf Goldgrund und wirkte wie ein großer Smaragd. Vorn zu beiden Seiten des Thrones standen als Symbol der Herrscherwürde zwei rotsamtene, reichgestickte Sonnenschirme, deren acht Fuß hohe, massiv goldene Stäbe von den auserlesensten, in Ringen angeordneten Diamanten funkelten.

An den Thronsaal schlossen sich die Baderäume. Da flossen Bächlein kristallklaren Wassers durch kunstvoll angelegte, feinpolierte Alabasterrinnen über kostbare Steinplatten und über die blitzenden Ränder silberner und goldener Wasserbassins. Die prächtigen Wohnräume der Moguls, eine Fülle von Prachtzimmern sind noch wohlerhalten, machen aber einen traurig öden Eindruck. An den dritten Palasthof schloß sich ein Garten an, in dem die kleine, einfache, in schönem Stil erbaute, aber leider sehr vernachläßigte Privatmoschee des Moguls (Perlmoschee) liegt.

Die Stadt macht mit ihren zehn großen Hauptstraßen einen recht großstädtischen Eindruck. Nur eins fällt jedem Besucher durch seine Originalität auf: die nach allen Richtungen verkehrenden Omnibusse werden nicht von Pferden, sondern von Kamelen gezogen. Sie treffen alle zusammen auf dem freien Platz vor Delhis Kleinod, der weit über Indiens Grenzen hinaus berühmten, als die schönste und großartigste Kultusstätte des Islams anerkannten, ebenfalls vom Schah Dschehan erbauten Dschamna-Moschee. Sie liegt erhöht. Schöne Freitreppen führen von Norden, Osten und Süden zu den mächtigen, dreistöckigen Torbauten empor. Prächtig wirkt der Anblick der schöngewölbten weißen Kuppeln, der schlanken, hochragenden Minarets, der schönen, persischen Portalbogen, besonders des riesigen Riesenportals und die eigenartige Farbenzusammenstellung von Rot und Schneeweiß – roter Sandstein und weißer Marmor sind das Material, aus dem dieser Wunderbau byzantinisch-arabischen Stils aufgeführt ist. In einem besonderen Raum der Moschee befindet sich in kostbaren Behältern, deren Anblick freilich keinem Ungläubigen vergönnt wird, neben zahlreichen, wertvollen alten Koranabschriften die größten Heiligtümer des Islams in Indien, ein mit Jasmin gefüllter Pantoffel des Propheten und ein »wirklich echtes« Haar aus seinem Barte. Im alten Delhi ist hochinteressant das 1730 von Dschai Sing erbaute große Observatorium, ein Bauwerk mit mächtigen, massiven Gnomensäulen zur Bestimmung des Mittags; ferner die vielen Grabmonumente einstiger Größen, so z.B. das des Safdar Dschang, der den verhängnisvollen Fehler beging, nach einer Niederlage die Marathen ins Land zu rufen; das Mausoleum Humajuns, des Vaters von Akbar dem Großen. Daneben finden sich auch einfache Gräber, so das schlichte, nur mit dürrem Rasen bedeckte Grab der Dschehanara, der Tochter des Kaisers Dschehan, die freiwillig sieben Jahre die Gefangenschaft ihres Vaters teilte. Nur ein Marmorstein schmückt ihr Grab mit der Inschrift: »Lasset kein reiches Denkmal mein Grab bedecken! Dies Grab ist die beste Decke der geistlich armen, der Demütigen, der vergänglichen Dschehanara, Jüngerin des heiligen Namens Christi, Tochter Schah Dschehans.« Eine ähnliche, merkwürdige Grabinschrift findet man in Sikri, 22 Meilen von Agra. Sie lautet: »Jesus – Friede sei mit ihm! – hat gesagt: Diese Welt ist nur eine Brücke; du sollst darüber hingehen und nicht dir Häuser darauf bauen! Die Welt ist eine Stunde; widme ihre Minuten dem Gebet; denn das Ende kennt niemand.«

Das interessanteste Gebäude in Alt-Delhi ist der früher 83 m, jetzt noch 76 m hohe Turm Kutab Minar. Er ist das eigentliche Wahrzeichen von Delhi, auf das die Bewohner besonders stolz sind. Photographien können kein richtiges Bild geben von seiner Großartigkeit und Schönheit. Leider ist der Turm nicht mehr vollständig. Die schöne, auf acht schlanken, vierkantigen Säulen ruhende Kuppel mit ihrem laternenartigen Aufsatz fehlt. 1803 wurde sie durch einen Blitzstrahl oder ein Erdbeben heruntergeworfen. Der Turm besteht aus fünf gewaltigen Stockwerken, deren unterstes 16 m Durchmesser, bei einer Höhe von 32 m hat. Die Verjüngung nach oben ist so stark, daß der Durchmesser oben nur noch 3 m beträgt. Die einzelnen Geschosse sind am oberen Ende jedes mit einer um den ganzen Turm laufenden Galerie gekrönt, die den Besuchern, welche die 383 Stufen der Wendeltreppe nicht auf einmal ersteigen können, Gelegenheit geben, auszuruhen und die herrliche Aussicht zu genießen. Das Alter dieses trotz seiner gewaltigen Verhältnisse immer noch schlanken Turmriesen beträgt annähernd 700 Jahre. Der schönen Königstochter Sigra zu liebe soll der Vater den Turm haben erbauen lassen, damit sie von seiner Zinne aus von allen Bewohnern Delhis zuerst die Sonne aufgehen und gleichzeitig den fernen Ganges sehen könnte. Die ganze Bauart und die nahe Moschee machen freilich die schöne Sage von selbst hinfällig. Nur ungern steigt man von der luftigen Höhe des Kutab Minar herab, nicht sowohl wegen des beschwerlichen Abstiegs als vielmehr wegen der unvergleichlich schönen und interessanten Aussicht, für deren Schilderung die Worte fehlen. Kaum daß man dort oben ein lautes Wort zu reden wagt, wo die Stimme der Jahrtausende, von überschäumender Lebensfreude und noch viel mehr namenlosem Jammer und Elend, von gewaltiger Schöpferkraft und Schaffenslust wie von brutaler Zerstörungslust, vom endlosen Wechsel des Werdens und Vergehens predigt.

Weiter abwärts an der Dschamna liegt das märchenhaft schöne Agra, wo sich das größte Kleinod Indiens befindet: das Grabmal, das Schah Dschehan seiner liebreizenden, leidenschaftlich geliebten Gemahlin in paradiesischem Garten bauen ließ. Es gibt unter den zahlreichen Prachtbauten Indiens kein Bauwerk, das auch nur annähernd so das Auge entzückt und das Gemüt ergreift, wie die Tadsch Mahal, diese wunderbare, versteinerte Elegie, die unter den Bau- und Kunstwerken der Erde an Schönheit den ersten Platz unumstritten einnimmt. Gieng doch eine vornehme englische Dame in ihrer Begeisterung so weit, zu sagen: »Was ich denke, kann ich nicht sagen; aber ich fühle, daß ich morgen sterben möchte, wenn ein solch Denkmal meine Gebeine bedeckte.«

Der Eindruck, den Agra mit seinen 188 000 Einwohnern macht, ist verblüffend und überwältigend, mit seinen herrlichen Moscheen, unter denen die »Perlmoschee« wohl die schönste ist, seinem gewaltigen Fort und dem mächtig dahin rauschenden Fluß. Aber was will all diese Pracht gegen Tadsch Mahal, deren ganze riesenhafte und doch so gleichmäßige, graziöse Anlage das Wort rechtfertigt: »Giganten scheinen den Bau begonnen, Juweliere ihn vollendet zu haben.« Schon der Eintritt in dies lieblich erhabene Wunder stimmt weihevoll: »Wer reines Herzens ist, wird eingehen in die Gärten Gottes«, steht über dem Portal, und diese Stimmung hält an, wenn man im runden Grabgewölbe unter der prächtigen Kuppelhalle steht und die schlichte Grabinschrift liest: »Hier ruht Muntaz-i-Mahal, die erhabene Herrin des Palastes. Allah allein ist groß.« Neben ihr ruht der Gatte Dschehan, der für sein eigenes Grabmal, der Tadsch Mahal gegenüber, schon 40 Millionen bereitgestellt hatte, von seinem Sohn aber entthront und nach seinem Tod neben der Gattin beigesetzt worden ist. Stimmungsvoll ist auch die zauberhaft schöne Umgebung des Grabmals, der »Krone aller Grabpaläste«, deren Zahl in Indien Legion ist.

Solche Riesenbauten und Wunder an Pracht und Reichtum konnten auch nur die Mogule aufführen, deren kunstsinnigem Empfinden und schier allmächtigem Wollen alle Kräfte und Reichtümer der Welt zu Diensten standen. Betrug doch ihr Einkommen noch am Ende des 18. Jahrhunderts jährlich 1400 – 1600 Millionen Mark. Volle 22 Jahre, von 1630 – 1652 ist von 20 000 Werkleuten, an dem Wunderwerk gebaut worden. Man hat schon vermutet, daß italienische oder französische Baumeister mitgewirkt haben. Wahrscheinlicher ist, was das persische Manuskript dieser Baugeschichte behauptet, Tadsch Mahal sei von Meistern aus Schiras und Bagdad erbaut worden.

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