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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid1d489415
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Benares.

Egon Kunhardt, Eine Reise um die Erde in 777 Tagen. 1898.

Benares ist eine Stadt, die schon vor dreißig Jahrhunderten berühmt war, die schon die Bewunderung von ganz Asien erregte, als Rom kaum entstanden war, als Athen anfing, das Haupt zu erheben, als die Phönizier ihre ersten Siedlungen gründeten, als Babylon mit Ninive um die Weltherrschaft stritt!

Das der Stadt gegenüberliegende Land an der rechten Seite des 725 Meter breiten Ganges ist flach, mit gelbem Sand bedeckt. Das steil aufsteigende linke Ufer zeigt dagegen ein regelloses Durcheinander von Kuppeln, Zinnen, Treppen und Turmspitzen. Das ist die alte heilige Stadt Benares, in der vor mehr als 2500 Jahren der Königssohn Siddharta, aus dem Geschlecht der Sakja, der Buddha, seine Lehre verkündete!

In malerischem Wechsel und dicht aneinander gedrängt erheben sich sehr einfache, vielfenstrige, verfallene Paläste, Gelehrten-Stiftungen, heilige Bäume, die große Aurangzeb-Moschee, Hunderte von Tempeln und cyklopische Mauerstücke. Diese am abschüssigen Ufer liegenden Teile der Stadt werden hin und wieder durchbrochen von mächtigen, granitenen Riesentreppen, die sich in allen Richtungen kreuzen, um teils vom Strome aus in die erhöht gelegenen Tempel, teils in die Verkehrsstraßen der Stadt auszulaufen. Am Ufer ist kein Fleck, steht kein Haus, in dem sich nicht Wunder begeben hätten oder noch begeben! – An dieser Treppe ist ein großes Bild des Bima angebracht, dort liegt der Brunnen der Gauri, durch den die Ruhr geheilt wird. Vor jenen Tempeln werden Fächer von Pfauenfedern feilgeboten, die böse Geister vertreiben, und unfern von ihnen erhebt sich ein Götzenbild mit silbernem Antlitz, das die Macht besitzt, die Blattern zu verscheuchen. Die Zahl der Hindu-Tempel in der ganzen Stadt beläuft sich auf etwa 1500. Manche dieser Heiligtümer erinnern in ihrer Form an kleine griechische Tempelhallen, in deren reizendem Innenraum – das Steinbild einer anbetenden Kuh steht. Häufig finden sich auch die echt indischen Spitzkuppelaufsätze, die, eine über der andern erhöht, bisweilen übersäet sind mit roh gemeißelten Göttergestalten.

Zwischen all diesen absonderlichen, stufenförmig übereinander geordneten Steingebilden steigen an den hohen Treppen während der Tagesstunden braune Inder auf und nieder. Die Ärmeren sind nur mit einem Lendentuche bedeckt, während die Besitzenden in bunte, zuweilen prachtvoll mit Seide und Gold gestickte Gewänder gehüllt find. Frauen tragen um ihren Leib ein farbiges, weiches Tuch, den Sari, den sie mit indischer Anmut um ihren Körper zu schlingen wissen.

Zwischen den Gläubigen gewahrt man überall schwarze und silbergraue Kühe, die, scheinbar im Bewußtsein ihrer Heiligkeit, auf den Plätzen, in den Straßen, auf den Treppen und in den Tempeln umherstehen und niemals dem Menschen ausweichen. Diese Tiere, die kein Europäer oder Mohammedaner berühren darf, sind den Göttern geweiht. Die meisten haben keine bestimmte Lagerstätte, aber jedermann füttert sie mit Blumen und bekränzt sie. Ich sah sie striegeln und waschen, und alles, was von den Kühen kommt, ist ohne Ausnahme heilig.

Tausende von blauen Tauben und ebensoviele langschwänzige, smaragdgrüne Papageien umschwärmen alle Tempeltürme, Häuser, Firste und Nischen, und hoch in der Luft kreisen Geier und Falken. –

Benares gilt als die heiligste unter den heiligen Städten Indiens, und so pilgern denn alljährlich Millionen von Gläubigen dorthin, um die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen. Zwei, drei, sechs Monate wandern sie, um den Ganga (Ganges) und Benares zu erreichen. Solche Pilger pflegen wochenlang an den Ufern des Stromes zu beten. Da sitzen sie mit untergeschlagenen Beinen auf Stegen, die in den Fluß hineingebaut sind. Sie wenden das Gesicht der Sonne zu, finster und geistesabwesend den Namen Çivas murmelnd, indem sie zwischen den Fingern die Perlen eines Rosenkranzes drehen. Ihr Geist scheint dem irdischen Dasein entrückt und ganz von einem Glaubenswahne erfüllt zu sein. Andere Pilger mit wirrem Haar stehen lange Zeit unbeweglich da und halten Strohhalme in der offenen Hand; der Gesichtsausdruck dieser Verrückten erscheint um so unheimlicher, als sie die Stirne, die Schultern und die Brust mit roten, gelben und weißen Streifen oder runden Flecken bemalt haben.

Mein erster Morgen in Benares gehörte den badenden Hindus. Vor Tagesanbruch fuhr ich vom Gasthofe eine gute halbe Stunde bis zur trümmerhaften Sternwarte Djai-Singh am Flusse, wo mein Führer eine Barke mietete, auf der wir allmählich an den beschriebenen Ghats (Treppen) stromabwärts entlang streiften. Ich nahm vielleicht das eigenartigste Bild in mir auf, welches das Morgenland bieten kann. 50 000 – 60 000 Hindu-Männer und -Frauen, die letzteren in weiße, gelbe, rote und grüne Tücher gekleidet, standen im Strome. Hier verharrt ein Betender, mit breitem, weißem Strich auf der Stirn, bis an den Hüften im Wasser, mit andächtig ausgestreckten Händen, den Blick auf die Sonne gerichtet. Dort erweist einer dem Ganges seine Verehrung, indem er einzelne Blumen oder auch einen ganzen Kranz spendet; daneben wäscht eine Mutter ihrem Kinde das schwarze Haar, und vor ihr streut ein mit aufrichtiger Inbrunst Betender einzelne Getreidekörner in den Fluß. Rührend war es, eine steinalte Frau zu beobachten, die mühsam ihr Straßengewand mit dem saftgrünen Badetuche vertauschte und wankenden Schrittes behutsam in die Fluten hinabstieg, um ihre Sünden im barmherzigen Strome abzuspülen. Aber der Morgenwind, der ihre weißen Haare zauste, ist im Januar frisch und das Wasser fühlt sich kalt an. Sichtlich zusammenschaudernd stieg sie langsam in den Fluß und übergoß mit zitternden Händen ihr greises Haupt und ihre Brust, unausgesetzt einen frommen Spruch zwischen den Lippen lallend. Dann sah ich wieder junge Frauen untertauchen, die trotz des heiligen Orts einen regen Gedankenaustausch nicht unterdrücken konnten. Durchgehends herrscht indessen der größte Anstand. Die weißen Gewänder der Männer und die bunten Tücher der Frauen, sowie zahlreiche in der Sonne blitzende Metallvasen, die Lotaschalen, welche zum Übergießen des Wassers gebraucht werden, verleihen dem an und für sich lebhaften Bilde viel Farbenreiz. Am Dasamehd-Ghat über den Badenden sieht man die Brahminen unter großen Sonnenschirmen heilige Bücher lesen und Farbstoffe zum Malen der Pilger- und Kastenzeichen verkaufen.

Von ferne schon kündigt sich in diesem Treiben das Munikurnika-Ghat durch seine Rauchsäulen an. Ein alter Mann auf einer Plattform hütet hier ein stets zu erhaltendes Feuer, das zum Anzünden der Scheiterhaufen dient, auf denen die Leichen verbrannt werden. Obwohl an jener Stätte Tausende, und darunter viele Angehörige wohlhabender Leute, verkohlen, ist der Platz in keiner Weise seiner Bestimmung entsprechend hergerichtet; nur durch eine dichte Schicht von Asche und umherschnuppernde Hunde wird er gekennzeichnet. Ich sah drei oder vier Scheiterhaufen in unmittelbarer Nähe des Ganges, und zwei Bahren standen wartend neben den brennenden Leichen. Der Totenmann fluchte über zu knapp bemessene Gebühren mit den Söhnen eines tags vorher Verbrannten. Er zählt zu den Niedrigsten der untersten Kaste, jeder meidet seine Nähe und eine zufällige Berührung seiner Person würde für das furchtbarste Unglück gelten. Dennoch ist er einer der wohlhabendsten Leute in Benares.

Neben jenem Platze sieht man die Gedenksteine der Witwen, an denen seinerzeit das »Sahamaran« (Mitgehen) vollzogen wurde; es sind dies die Gedächtnistafeln der Frauen, die den Verbrennungstod auf der zu Asche gewordenen Leiche ihres Mannes suchten.

Auf den Ghats begegnet man hin und wieder zum Gerippe abgemagerten Fakiren mit stierem Blicke. Manche sah ich halb eingegraben in elenden Erdlöchern hocken und Gebete murmeln. Ihre eingefallenen Wangen bekundeten, daß sie ihrem Gelöbnis treu, mehrere Tage sich jeder Nahrung enthalten hatten. Andere wanden sich unter den Schmerzen einer Verstümmelung, die sie sich selbst beigebracht hatten. Ich sah einen Fakir, der ganz nackt einherging und in den Händen einen Schädel trug; aus ihm, sagte er, trinke er mit derselben Gleichgültigkeit Milch, Wasser oder Branntwein. Solche Leute beteuern, daß ihnen alles auf der Welt gleichgültig sei, und mit der nämlichen Gemütsruhe empfangen sie Schläge oder Segenssprüche.

Für sehr verdienstvoll rechnet man unter diesen Eiferern das Spazierengehen mit trockenen Erbsen in den Schuhen. Zwei oder drei der Verblendeten sah ich, deren Sandalen an die Füße genagelt waren.

Drei Morgen hintereinander bin ich am Stadtufer des Ganges entlang gefahren, um die Glaubensübungen der Brahma-, Vischnu- und Çiva-Anbeter zu beobachten, und täglich wuchs meine Teilnahme. Welch eine geistige Macht besitzt der Hinduismus, nachdem er sich aus der Vielgötterei in diesen Fetischdienst verwandelt hat.

Nirgends mehr als in Benares lernt man begreifen, aus welchen Gründen Mohammed streng jedes Sinnbild in den Gotteshäusern verbot. Er erkannte, welche Gefahren von dieser Seite der Lehre von einem allmächtigen Gotte bei den mit glühender Einbildungskraft ausgestatteten Asiaten drohten. Andererseits läßt sich hier die Spaltung zwischen den Mohammedanern und Hindus in Indien leicht erklären. Die ersteren hassen und verachten die Brahmaverehrer als Götzendiener, und der mächtige Einfluß der Religion hat eine große Verschiedenheit in der Gemütsart der Anhänger jeder der beiden Glaubensrichtungen hervorgerufen. Der Islam verleiht seinen Bekennern durchgehends eine männliche, energische, jedoch unduldsame Eigenart. Die Bildergläubigen dagegen gleichen im allgemeinen ihren Tempeln. Durch zu starkes Betonen der Bruchteile geht die Einheit verloren, sie sind schmiegsam und unselbständig. Daher hat eine Minderheit von Mohammedanern durch Jahrhunderte fast das ganze Indien beherrscht, obwohl es unter den ihnen dreifach an Zahl überlegenen Hindus nicht an unternehmenden Männern gefehlt hat.

Am ersten Tage brachte der Führer mich nach der Flußfahrt durch einige schmutzige Straßen, die so schmal sind, daß kaum zwei Kühe einander ausweichen können, an einen Andachtsort, dessen Spitztürme, wie die Pagode in Rangun, in reinem Golde glänzen. Dieser goldene Tempel, der Bisheshvar, bildet den Mittelpunkt der Pilgerbewegung. Wer immer nach Benares kommt, eilt vor allem, diese geweihte Stätte zu besuchen. Als mein Führer mich auf ihre Einzelheiten aufmerksam machte, drängten von allen Seiten abgehärmte Pilger und Fakire heran. Diese waren nur mit einem Halsband bekleidet und hatten den Körper mit Asche eingerieben; sie murmelten Gebete und schleppten Gefäße mit Gangeswasser sowie Blumenkränze herbei. – Weiter führte unser Weg an einem Götzenhause vorüber, aus dessen Eingangspforte zwei Kühe ihre unschönen Köpfe herausstreckten. Vergebens trachteten wir, einzutreten, und erst nachdem wir einem Priester eine Rupie angeboten hatten, wurde uns gestattet, bis zur Schwelle einer schmalen Seitenpforte vorzugehen, an der uns übler Geruch empfing: In einem wahrhaft reizenden Säulenhofe trieben sich ungefähr zwanzig Kühe umher, während Priester und Gläubige andächtig durch den heiligen Dünger wateten, der den marmornen Boden bedeckte.

Im Affentempel, welcher der Durga, der indischen Rache- und Vernichtungsgöttin, geweiht ist, ging es verhältnismäßig ruhig her. Ungefähr achtzig Affen umringten uns und erwarteten Näschereien, wie solche von einem berechnenden Brahminen am Tempelhofe feilgeboten werden. Noch vor wenigen Jahren befanden sich hier viele Hunderte dieser Tiere, doch da sie die Umgebung durch ihre Raubzüge unsicher machten, ließ die britische Regierung die Mehrzahl über den Ganges in ein für diesen Zweck gebautes Affenhaus bringen.

Der Hauptteil der Stadt besteht aus einem sinnverwirrenden Irrgarten ganz enger, teilweise kaum drei Schritte breiter Gassen, in denen der Europäer sich ohne Führer auch nach jahrelangem Aufenthalt schwer zurechtfinden kann. Selbst in Kanton oder Amoy habe ich so enge Straßen kaum gesehen. Die Häuser entbehren jeglichen Schmuckes, doch sind sie aus Stein gebaut und mehrere Stockwerke hoch. Die Enge läßt sie noch höher erscheinen, als sie es in der Tat sind. Das Erdgeschoß ist zum größten Teil nach der Straße offen. In ihm liegen die Läden und Werkstätten, in denen man an Erzeugnissen entstehen und fertig aufgespeichert sieht, was Benares bieten kann. Kostbare Seidenstoffe, Goldbrokate und Schaustücke liegen neben den einfachsten hölzernen Kinderspielzeugen. Alles versetzt hier den Schauenden um Jahrtausende zurück. In Benares hat der Lauf der Zeiten außer der Sprache sicherlich wenig verändert. Wie diese Stadt der Gegenwart hatte ich mir das Babylon und Ninive der Vergangenheit gedacht.

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