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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
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Vierter Abschnitt.

Vorderindien.

Erste Eindrücke von Indien.

Nach Stosch, Im fernen Indien. (1896.)

Das Gefühl des berühmten Dichters, der im blühenden Talgelände jenseits der Alpen versicherte, daß ihm sei, als nahe er sich seiner Heimat, teilen alle lebhafter Empfindenden, wenn ihnen vergönnt ist, nach dem Süden zu reisen. Aus dem Lande der Nebel in das Land der Sonne, von Eis und Schnee zu Licht und Leben: wer so reisen darf, dem schwellt wohl die Ahnung das Herz, daß die Menschheit für eine lichte und blütenreiche Heimat ursprünglich bestimmt war. Solche Empfindungen bewegten uns nirgends so sehr als in Colombo auf Ceylon, wo wir einige kurze Stunden weilten. Aber auch dies Paradies hat seine Schlangen. Auch in Indien sieht man Tage und Wochen lang die Sonne nicht.

Es hatte etwas Melancholisches für uns, als kurz nach unserer Ankunft in Indien die Regenzeit begann, und das Strömen und Plätschern wochenlang andauerte. Die Luft scheint dann nichts als feuchter Nebel zu sein, der alles mit Nässe und Moder durchzieht. Und doch lernt man nach der Regenzeit sich sehnen wie nach einem unaussprechlichen Glück, wenn, wie in diesem Jahre, fünf Monate lang kein Regentropfen fällt, nachdem es auch in der Regenzeit nur wenig geregnet, – wenn die glühende Sonne alles versengt und der grüne Rasen wie weggebrannt ist, wenn die Erde wie zerklüftetes Gestein erscheint und der Himmel wie eine eherne Decke bewegungslos über der Erde ruht. Keine Wolke monatelang! Einen Tag wie den andern weckt uns die blitzende Sonne, unverhüllt von wohltätigen Schleiern. Doch siehe, da steigen Wolken auf – endlich! Es blitzt rings um den Horizont und der Donner grollt allabendlich. »Es ist nichts,« sagte der Eingeborene, »je mehr es blitzt, desto weniger regnet's.« O Indien, o Land der Maja (Täuschung), in der Tat, du bist kein Paradies! »Unser Saft vertrocknet, wie es im Sommer dürre wird.« Wir wollten's wohl ertragen, aber unsere Kinder – sie sind wie welke Blümlein. Wird's ihr kleines Gehirn ertragen, daß die Hitze jeden Tag um Mittag auf 31, ja 32 Grad Reaumur im Schatten steigt, und daß sie auch nachts nicht unter 26 Grad sinkt, daß jeder Windhauch wie Glut ist, daß Stühle und Tische im Zimmer sich wie brennend anfühlen? – Und unsere Armen! Es ist nirgends Arbeit. Der Preis des Reises ist längst auf das Doppelte gestiegen. Auch unsere Missionsdiener klagen, daß ihr Gehalt nicht mehr reicht. Was soll werden, wenn kein Regen kommt? – Wie manches Gebet um Regen mag in der Stille aufsteigen! Auch in der Kirche beten wir um Regen. Siehe, das ist keine Täuschung, das sind wirklich Regenwolken. Mit unbeschreiblicher Sehnsucht sehen wir ihnen nach, wie sie über uns hineilen. Kein Tropfen fällt. Der Wind treibt unsere Hoffnung hinweg. Land der Maja, du bist kein Paradies. Wie oft blicken wir auf in der Meinung, es regne. Der Wind bringt uns feuchten Erdenduft zu. Es hat in der Ferne geregnet; die Palmenkronen rauschen und bringen ein Geräusch hervor, täuschend ähnlich dem des fallenden Regens.

Endlich aber hat es geregnet. Was wir so lang erwartet, kam schließlich unerwartet. Kein Wölkchen war tagsüber am Himmel und am Abend strömte der Regen. Seitdem hat's mehrmals geregnet. Wahrhaftig, man begreift's, daß der größte Dichter Indiens dem Regen ein gar liebliches Loblied singt, und daß er die Ehre der mildspendenden Wolke preist, unmittelbar nachdem er das Lob der Gottheit gesungen.

»Indien ist schön,« das sage ich mir vielmal. Wenn ich am Abend, auf dem Dach meines Hauses stehend, auf das Immergrün der Bäume in unserem Garten blicke, wenn der Abendstern silberklar aus dem weichen Rot des Abendhimmels hervortritt, dann meine ich wohl, ich möchte nie wieder in einem andern Lande leben. Und doch ist's eine fremde Schönheit. Die Lichtstimmung ist eine andere als im lieben Deutschland. Etwas Traumhaftes liegt über dem Lande. Man begreift es, daß die Indier zum Träumen neigen.

Wir freuen uns jedesmal, wenn wir durch das kleine Wäldchen von Kasuarinos, ähnlich unseren Lärchenbäumen, an den Meeresstrand fahren. Das erinnert etwas an die Fichtenwälder der Heimat. Die Landschaft um Petnamkuppam gemahnt mich jedesmal, wenn ich dahin komme, an eine Landschaft, die ich in Holstein sah. Vor einigen Monaten war ich in einem kleinen Dorfe, weit ab von den anderen Dörfern, auf einer Hochebene gelegen. Ich mußte an Neuendettelsau denken. Der weite Blick aus stiller Höhe, – das war's, was mich im Geist an jenen gesegneten Ort versetzte. Aber hier wehte nicht die stärkende Luft der fränkischen Höhe. Hier brannte die indische Maisonne; unter ihrer sengenden Glut blieb wenig Lebenshauch übrig.

»Das reiche Indien,« sagt man wohl. In der Tat gibt es Felder in Kudelur, die dreimal im Jahr vom lichten Grün der Reissaat erglänzen. Aber fahre mit mir nach dem Dorfe Tukenampakam, du wirst kaum sagen »ein reiches Land«. So oft ich dahin fahre, meine ich etwas von dem Fluche zu sehen, der auf dem abgöttischen Lande lastet; – die heiße, stauberfüllte Luft, diese ängstliche Stimmung des öden Landes erzählt vom Seufzen der Kreatur. Da siehst du die vielgerühmten Bananen. Aber ihre Luftwurzeln sind aus der Erde gerissen und verdorrt, – ein eigentümlich melancholisches Bild.

Man sagt, daß der Charakter der Völker sich durch die Natur des Landes bildet, das sie bewohnen. Das mag wahr sein in seinem Maße. Wahr aber ist das andere, daß der Charakter des Landes abhängig ist von dem Geistesleben seiner Bewohner. Als Deutschland von Heiden bewohnt war, da war es beinahe nichts als Heide und Moor. Als aber das Kreuz zur Herrschaft kam, da ergrünten Felder und Wiesen. Mit dem Glauben kommt der Segen des Allmächtigen über Wald und Feld. – Als Israel glaubte, da war sein Land das köstlichste Land der Erde. Als das Volk zu glauben aufhörte, da ward sein Land zur Wüste. Sollte es mit Indien anders sein? Wenn das Kreuz hier zur Herrschaft kommt, dann wird auch Indien ein Land des Segens werden, während es jetzt voll Seufzens und Klagens ist, so daß auch seine Freude nicht Freude ist, weil auf seinen Fruchtfeldern ein hungerndes Volk arbeitet.

Neulich las ich in der »Madras Mail« unter der Überschrift: »Wie die Armen leben« folgendes: »Man kann nicht ohne aufrichtiges Mitleiden die statistischen Angaben über Preis- und Lohnverhältnisse lesen, die die Regierung veröffentlicht. Sie zeigen, daß auf weiten Strecken ehrliche und fleißige Arbeiter nicht mehr verdienen, als einen Groschen täglich. Keine Macht der Beredsamkeit kann dem Gewicht dieser Tatsachen etwas hinzufügen. Sie spricht für sich selbst. Ein Groschen täglich für Nahrung, Wohnung, Kleidung, Heirat, Altersversorgung, das ist die soziale Lage von Arbeitern in Radschutana, den Nordwestprovinzen und sonst! Der höchste Verdienst eines kräftigen Feldarbeiters ist durchschnittlich 2 – 3 Rupien (= 3 – 5 Mark) im Monat. In anderen Provinzen und Distrikten ist die ökonomische Lage der Feldarbeiter ein wenig besser. Aber nirgends in den drei Präsidentschaften beträgt der Monatslohn für Feldarbeit sehr viel mehr als 5 Rupien. Der Grund dieses Zustandes ist schwer anzugeben. Er scheint in keinem Zusammenhange mit Übervölkerung zu stehen, denn die Armut ist ebenso groß in den spärlich bevölkerten Gegenden, als in denen, die überreich sind an Arbeitern.«

Man tröste sich nicht damit, daß das Leben sehr billig sei und Eingeborene mit einer Hand voll Reis zufrieden sind. Das Leben ist so billig nicht und indische Feldarbeiter haben einen gesunden Appetit. Es ist wirklich so, daß die Armen von diesem Lohn nicht leben können. Glücklich, wer einen Verwandten hat, einen Bruder, Onkel oder Vetter, der ein wenig mehr einnimmt, der muß helfen. Und er hilft auch, bis er selbst in Schulden gerät. Verschuldung ist das Gepräge des indischen Volkslebens. Den Bauern aber verschuldet sein ist nicht viel anderes als Sklaverei. Ist jemand nicht früher verschuldet, ist er nicht schon in seiner Jugend einem Herrn verschrieben, so gerät er durch seine Verheiratung in Schuldknechtschaft. Nach der Sitte muß er eine für seine Verhältnisse große Summe aufwenden, um Hochzeit zu halten. Ist die Hochzeit vorüber, so pocht der Hunger und Kummer an der Tür. Wenn sich dann das Ehepaar nun auch durch das Leben schlägt, so lange beide arbeitskräftig sind; wer sorgt für sie im Alter, in Krankheit? Es gibt hier keine öffentliche Armenpflege. Wird Barmherzigkeit geübt, so wird sie von Verwandten geübt. Aber der Arm dieser Hilfe ist schwach bei so allgemeiner Verarmung.

Über diesem öffentlichen Elend der untersten Volksklassen thronen die englischen Herren in unnahbarer Höhe. Das heißt nicht, daß sie persönlich keine offene Hand hätten. Aber sie kommen mit dem armen Volke in gar keine Berührung. Was sollen sie auch tun? Eine Frage von solchem Umfang, die mit tausend anderen Fragen im Zusammenhang steht, deren letzte Ursachen sich zudem der Beobachtung entziehen, kann weder schnell, noch durch äußere Mittel allein gelöst werden. Soll man von Staats wegen Fabriken anlegen? Soll man Industriezweige schaffen? Das wird wohl das Interesse der englischen Fabriken noch auf lange Zeit hinaus verhindern.

Und sollte eine Zeit kommen, da den Herren des Landes das Gewissen schlägt, sollte das englische Volk je hochherzig genug sein, um die Not des fremden Volkes wie seine eigene zu fühlen, dann werden es die eigenen Volksgenossen dieser Unterdrückten sein, die die Hilfe erschweren oder unmöglich machen. Man muß einen armen Paria vor einem Brahminen stehen sehen, um zu wissen, wo das Voll seine Feinde hat, wem es seine Rechts- und Schutzlosigkeit verdankt. Diese Streber, die mit ihrer hohlen Scheinbildung sich immer mehr der öffentlichen Ämter bemächtigen, sind's, die herzlos ohne Regung des Gewissens die Armut des Volkes verraten. Hier darf man keine Regung der Menschlichkeit erwarten. Diese Herzen schlagen nur für Geld und eitle Ehre. Man kann einen solchen Beamten wohl mit zehn Rupien gewinnen und erkaufen, kaum je durch einen Appell an seine Menschlichkeit.

Ich bemühte mich, ein unbebautes Stück Regierungsland zu erlangen für meine armen Christen in Uleripet, indem ich mich verpflichtete, die Taxe alljährlich zu zahlen. Die Ortsbehörde versicherte mich, daß sie keinen Einwand erheben würde. Um die Sache zu fördern, ging ich selbst zum Tahsildar in Kudelur, der die Entscheidung hatte. Er nahm die Sache sehr freundlich auf und versprach, alles baldigst aufs beste zu erledigen, ja er meinte, die Leute sollten nur anfangen, das Land zu bebauen. Als ich mich dankend verabschiedete, machte er die Hand auf, als sollte ich etwas hineinlegen, – ein Mann, der hohe Prüfungen bestanden hat, der einen Monatsgehalt von zweihundertfünfzig Rupien bezieht, begehrte klingende Münze in einer Sache, in der ich nichts forderte als eine Wohltat für Arme, die nach dem bestehenden Recht gar nicht verweigert werden kann! Ich hatte ein bitteres Gefühl im Herzen, als ich heimfuhr, und dachte an unsere deutschen Behörden, wie ganz anders sie sich in solchen Fällen verhalten. Ich erhielt keinen Bescheid. Die Christen aber wagten nicht, das Land zu bebauen, wenn der Tahsildar die Erlaubnis nicht schriftlich gebe. Dessen weigerte er sich. Nach einiger Zeit wandte ich mich an den englischen Kollektor. Der befahl, die Sache ohne Aufschub zu entscheiden. Aber auch seine Vermittlung half nichts. Nach kurzer Zeit erhielt ich einen abschlägigen Bescheid. Ich war harmlos genug gewesen, die Worte eingeborener Beamten für Wahrheit zu nehmen, während ich mein Ziel nur dann hätte erreichen können, wenn ich die Ortsbehörde und den Tahsildar bestochen hätte. Das traurigste bei solchen Dingen ist, daß einheimische Beamte auch nicht die leiseste Ahnung irgend eines Verständnisses für das Recht der Armen in sich tragen. Daß Parias Menschenrechte haben, ist ihnen ein unfaßbarer Gedanke. Man sieht, für Indien gäbe es kein größeres Unglück, als wenn es die fremden Herren je mit einheimischen vertauschen müßte, es sei denn, daß diese sich bekehrten. Schlösse das Heer der einheimischen Beamten die englischen Herren nicht vom Verkehr mit dem eigentlichen Volke fast völlig ab, gewiß, es würde vieles besser stehen.

Und doch ist die soziale Frage hier noch keine brennende, ja sie hat noch kaum öffentlich ihre Stimme erhoben. Kindischer Leichtsinn, der nur für einen Augenblick denkt, und stumpfe Resignation, welche die eigene Lage für hoffnungslos ansieht, lassen das Volk schweigen über seine Not. Hoffnung ist keine Macht im indischen Volksgemüt, denn Hoffnung kommt nur durch das Christentum.

Es wird wohl die Zeit kommen, da man genötigt sein wird, die soziale Frage in Indien ebenso zu studieren, wie in Deutschland und England. Wird man dann die Landbesitzer zwingen, höhere Löhne zu zahlen? Sie können es kaum, wenn ihnen nicht selbst geholfen wird, denn die Landwirtschaft in Indien leidet bittere Not.

Ich las vor kurzem eine Sammlung auserwählter Aufsätze aus einer tamulischen Zeitschrift. Ein Aufsatz handelte von der Landwirtschaft und ihrer Not. Der Kampf um das Wasser des Dorfteiches ist da geschildert, die Teilung des Ernteertrages zwischen Regierung, Lohnarbeitern und dem besitzenden Bauer, – und was diesem dann übrig bleibt, wenn er so alle befriedigt hat, die Grausamkeit der Beamten, die die Steuer eintreiben, den Aufwand der Bestechungen und anderes mehr. »Wir gaben unsern Königen den sechsten Teil der Ernte, den Engländern müssen wir den dritten Teil geben,« hörte ich einen Eingeborenen sagen. Ich entgegnete: »Zur Zeit der Mohammedanerherrschaft war's noch weit schlimmer.« »Ja,« sagte er, »die Türken waren das Feuer, die Engländer sind das Wasser; aber auch das Wasser zerstört den Wald.«

Die soziale Frage hier kann durch keine äußerlichen Mittel gelöst werden. Das wird einem um so klarer, wenn man sieht, daß die Armut allen Klassen gemeinsam ist, nach dem geldgierigen bettelhaften Sinn zu schließen, der bis in die höchsten Beamtenkreise hinauf reicht. Auch ein Tahsildar kann trotz seines hohen Gehaltes arm sein, denn er hat bei weitem nicht genug. Daran ist nicht üppiges Leben schuld, sondern die Sucht nach Juwelen auf der einen Seite, die man eine allgemeine Volkskrankheit nennen könnte, und die herkömmliche Verpflichtung, arme Verwandte zu erhalten.

»Es erhält jemand statt 250 Rupien 500 Rupien monatlich, er ist darum nicht reicher,« sagte mir ein Eingeborener, »denn je mehr er hat, desto mehr muß er geben.« Das hat gewiß etwas Rührendes, und doch trägt dies Geben nicht das edle Gepräge freier Liebe, sondern das sklavische Gepräge der Unterwerfung unter die bestehende Sitte. Ich habe noch keinen Tamulen gesehen, der seines Lebens froh war, – außer einigen Christen, die an zufriedene Seelen der Heimat erinnern. Der Mammon ist der Tyrann, der sie knechtet und jagt. Kaum einer hat so viel Geld, als er braucht. Hat er aber doch dessen genug oder im Überfluß, so macht er's zum toten Kapital, das weder ihm noch andern nützt. Wenn ich in meinem Bandi auf der Straße dahinfahre, so horche ich wohl auf die Gespräche der Leute, die in den Dörfern zusammenstehen oder die mir begegnen. Welche Rolle spielen da die Rupien und die Annas und die Kasu (Kupfermünze)! Sie scheinen das fast ausschließliche Gesprächsthema zu bilden. Armes Volk, du bist arm, und deine Sucht nach Geld macht dich noch ärmer!

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