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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid1d489415
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Von Jerusalem nach Jericho.

L. Schneller. Aus meiner Reisetasche. 1901.

Unsere Straße senkt sich vom Ölberg bis nach Jericho fast 1200 Meter. Je weiter hinunter, desto kühner werden die Randlinien der Berge und Schluchten. Der Chan Hadrur ist die einzige Herberge zwischen Jerusalem und Jericho. Vor wenigen Jahren noch ein riesiger, viereckiger, ummauerter Stall ohne Dach, mit einem primitiven Gewölbe am Eingang, in dem sich auch einige Schemel und ein Täßchen Kaffee für müde Pilger fanden, hat sich der Chan zur Reise des deutschen Kaisers plötzlich ganz außerordentlich modernisiert. Einige Säle mit langen Tafeln, Stühle, Gläser, bayrisches Bier, Bilder des Kaiserpaares an den Wänden, sogar ein Schild mit der Aufschrift: »Gasthof zum barmherzigen Samariter«, – Herz, was willst du noch mehr, mitten in der Wüste!

Ich muß gestehen, daß mir die frühere Einfachheit besser gefallen hat. Da saß man auf einem Felsen, während die Tiere grasten, und dachte, wie auch der Heiland auf dem Wege »hinauf gen Jerusalem« mit seinen Jüngern in dieser schweigenden Bergwelt Rast machte, und wie es eine der letzten goldenen Stunden war, die sie ungestört in seiner Nähe zubringen durften.

Nach kurzer Rast reiten wir weiter, hinunter in jenen berühmten Hohlweg, das »Bluttal«, wohin die Sage seit alters die Geschichte vom barmherzigen Samariter verlegt hat.

Bis vor wenigen Jahren empfand man wenigstens noch einiges Grausen, wenn man allein durch dieses enge Tal ritt und an diese Mordgeschichten aus alter und neuer Zeit dachte. Die neue Fahrstraße ist für die Reise des deutschen Kaisers oben am Rande der Schlucht entlang geführt worden und eine schöne neue Brücke spannt sich jetzt hoch über den alten Hohlweg an seiner gefährlichsten Stelle.

Plötzlich öffnet sich zur Linken ein überraschendes Bild. Eine schaurige Felsenschlucht gähnt da drunten, die alles bis dahin Gesehene weit hinter sich läßt. Es ist wie ein ungeheurer Riß mitten in die weithin sich ausdehnende Hügelwelt der Wüste Juda hinein. Ungeheure Felswände stürzen fast senkrecht in die Tiefe. Die ferne Talsohle, die fast niemals ein Sonnenstrahl trifft, liegt in dunkeln Schatten. Nur zuweilen sehen wir einen weißen Schimmer. Kleine schäumende Wasserfälle, mit denen der Bach zwischen einem Walde von Oleanderbäumen über die Felsen springt. Das ferne Rauschen fließenden Wassers tönt hier in der dürren, einsamen Wüste wie süße Musik aus einer andern Welt zu uns herauf.

Die Sage berichtet uns, daß hier der Bach Krith sei, an dem Elia von Raben gespeist worden ist. Sollen wir hinuntergehen? Trotz einiger geäußerter Bedenken springen wir von den Pferden und steigen auf steilem Felspfad hinunter. Mit jedem Schritt wird das Bild großartiger. Berghohe Felsmauern bilden einen schaurig wilden Spalt. Bald sehen wir nichts mehr von dem weiten Horizont der Wüstenhügel, als zwei schroffe Felswände und in der Tiefe einen grünschimmernden Streifen, aus dem das Rauschen des Wassers immer lauter herauftönt. Für diese Tiefe ist die Sonne bereits untergegangen. Die Felsen liegen im Schatten. Ungeheure Schrammen und schwarze Höhlenöffnungen ziehen sich die urweltlichen Mauern entlang. Die Farbe der Berge geht vom tiefsten Schwarz in alle Farben, Schokoladenbraun, Blau, Purpur, Violett, Sepia, Rosa über, bis hoch oben die von der Sonne vergoldeten Ränder den blauen Himmel berühren. Zuweilen kommen sich die Bergriesen ganz nahe, daß der Spalt senkrecht in die Tiefe klafft. Das Rauschen des Baches klingt dann wie das Rauschen gewaltiger Ströme. Nichts fehlt als nur ein Gewölbe, von Berg zu Berg gespannt, um uns in einen verzauberten Palast einer andern Welt zu versetzen, in der man nichts weiß von kleinen Dimensionen menschlicher Hütten. Hier unten also soll sich Elia verborgen haben, als Ahab nach ihm fahndete. Der Platz ist in der Tat nicht übel gewählt.

Kein Wunder, daß sich hier einst in der Blütezeit des Anachoretentums Tausende von Einsiedlern in diesen weltfernen Höhlen und Felsenhorsten einnisteten. Bei einer Biegung des Wegs, unterhalb eines überragenden schwarzen Felsriesen sehen wir plötzlich ein neues Bild. Staunend sehen wir hinüber. Ein Kloster hängt dort auf halber Höhe der Bergwand wie angeklebt in den Felsen. Es ist das Georgskloster. Einige Dutzend griechischer Mönche verbringen hier in tiefster Abgeschiedenheit ihr Leben. Drunten gewaltige Stützmauern, dann Reihen von Fenstern und Balkonen, dahinter eine Kuppel mit dem ernsten, friedvollen Zeichen des heiligen Kreuzes. Weiß wie ein feenhaftes Zauberschloß schimmert das Kloster unter drohend überhängenden Felswänden herunter ins Tal, in dessen Tiefen wir einen Zypressengarten und eine Brücke entdecken, die zum Kloster führt. Ein wunderbar friedliches Bild in der schaurig wilden Felsenwüstenei! Wir können uns lange nicht losreißen von dem wunderbar fesselnden Bild, in das wir wie versunken schweigend hineinschauen. Je tiefer die Schatten sinken, desto geisterhafter, geheimnisvoller werden die Umrisse, desto eindrucksvoller das tiefe Schweigen, nachdem auch das Glöcklein verstummt ist.

Wir reiten wieder auf der Fahrstraße Jericho zu. Zu unserer Linken rauscht in der Tiefe der Wadi Kilt, während die Schatten der Hügel immer tiefer und länger werden.

Hinter einem Bergvorsprung tut sich plötzlich der Blick ins Jordantal auf. Man sieht nach dem Gewirre der einförmigen Hügel der Wüste wie in eine andere Welt hinunter. Zu unsern Füßen dehnt sich viele Meilen weit eine gewaltige Ebene, die auf beiden Seiten von hohen Gebirgen begrenzt ist. Baumlos dehnt sie sich aus, soweit das Auge reicht. Nur dort in der Tiefe ein dunkler Waldstreif – dort ist der Jordan. An seinem Ende glänzt etwas wie ein silberner Schild, der in der Wüste liegt. Das ist das Tote Meer. Wie ein schwarzer Wall ragt jenseits des Meeres und der Ebene das Moabitergebirge herüber. Die Wolken hindern die sonst so schöne Farbenbildung. Und es wird schon Nacht.

Wir kommen jetzt an die steilste Stelle der Straße, den letzten Abstieg nach Jericho. Wir steigen daher ab und führen unsere Pferde auf breiten Serpentinen am Zügel bergab. Zu Fuß schreiten wir über den Boden der Stadt Jericho, die in den Tagen Jesu hier von der Anhöhe am Ausflusse des Kilt stolz auf die Ebene und ihre Palmenwälder und das Tote Meer herabgeschaut hat. Es ist wie das Grab eines Toten, nach dem schon Jahrhunderte lang niemand mehr gefragt hat. Nichts deutet mehr die Stellen an, wo die herodianischen Königsschlösser, Parkanlagen, Teiche, Marmorpaläste, Zirkusse, Theater gestanden haben. Einige Erdhaufen, das ist alles, was übrig geblieben ist. Hyänen und Schalale schweifen des Nachts über die ehemaligen Gassen.

Wir sind am Fuße des Gebirges angekommen und schwingen uns wieder in den Sattel. Aber es wird Nacht, unheimlich schnell Nacht! Wenige Minuten und wir können vom Wege absolut nichts mehr sehen. Ob das Pferd noch irgend einem Pfade folgt, können wir nicht mehr kontrollieren. Wir tun, was unter solchen Umständen das Geratenste ist, wir überlassen es der besseren Einsicht der Tiere, den rechten Weg einzuschlagen. Doch horch! was ist das? Dicht vor uns rauscht Wasser. Unheimlich rauscht das Wasser des Wadi Kilt unter den Leibern unserer Pferde, die bis an die Kniee durchwaten. Dann wieder tiefes Stillschweigen. Nur der Hufschlag der Pferde klingt deutlich durch die Nacht. Endlich, endlich erscheint ein Licht. Dort noch eins! Dort ein drittes! Die Pferde haben sie auch entdeckt. Sie wittern die Nähe des Stalles und beschleunigen ihren Schritt. Noch einige Minuten und wir sind in den gastlichen Räumen des Jordanhotels gut und sicher geborgen.

Wir reiten in früher Morgenstunde auf der großen, einsamen Ebene zwischen Gebirgen dem Toten Meere zu, – diesem merkwürdigen Meere, das unsere Phantasie schon in frühester Kindheit beschäftigt hat, an dessen Ufern einst zu Abrahams Zeiten Sodom und Gomorrha stand, als noch diese ganz nun mit Natronsalzen bedeckte Gegend gepriesen wurde als ein Garten Gottes.

Anderthalb Stunden südöstlich von Jericho erblicken wir eine unscheinbare Erhöhung mit einem alten Hain, Hügel darf man sie nicht nennen. Das ist die Stätte des alten Gilgal. Wie sich doch in diesem Lande die Namen gehalten haben von Jahrtausend zu Jahrtausend! Von Gilgal ist auch nicht ein Steinchen mehr zu sehen. Aber der Name ist geblieben. Ein Zufall hat vor einigen Jahren zur Entdeckung des Ortes geführt.

Hier also war die Lagerstätte Israels im gelobten Lande! Wie belebt muß damals diese todeseinsame Ebene gewesen sein! Hunderttausende eines fremden Volkes, Beduinen der Wüste, kampierten hier in ihren Zelten, in der Absicht, die alten Bewohner von jenen Bergen zu vertreiben und sich an ihre Stelle zu setzen. Hinter ihnen die mühselige Wüstenfahrt; vor sich die stolze Wand des Gebirges Juda, das eben im hellsten Glanze der Morgensonne vor uns liegt, dort zur Seite auf der Höhe des heutigen Ain es Sultan die trotzige Feste von Jericho. Und vor ihnen lag vor allem wie eine große Hoffnung die ganze Geschichte, die jetzt wie eine große Tragödie hinter ihnen liegt. Heute ist das Volk längst wieder vertrieben aus dem Lande, in dem es hier in Gilgal zum erstenmal Fuß faßte. Die Kananiter und Ismaeliter sind wieder unbeschränkte Herren des Landes. Aber die ersten frohen Tage jenes Volkes im Lande ihrer Sehnsucht, hier in Gilgal sind sie begraben wie in einem vergessenen Grabe in der Wüste.

Wir lagen an den Ufern des merkwürdigen Salzsees. Er strahlt heute nicht wie sonst in Irisfarben und liegt nicht wie sonst in regungsloser Ruhe. Ein starker Wind bläst von Jerusalem herunter, wo es noch immer regnet, und bringt die bleigrauen, schweren Wellen in Bewegung. Die weiße Brandung schlägt donnernd an die mit Kieseln bedeckten Ufer. Rechts und links hohe Gebirge, deren Vorspränge sich kulissenartig bis in den nebelhaften Süden verlieren.

Totes Meer! Andere Meere sind die Quelle des Lebens für ihre Umgebung. Städte erstehen an ihren Ufern, Schiffe fahren hinüber und herüber, Fischer ziehen ihre Beute aus der Tiefe. Aber das Tote Meer ist eine Quelle des Todes für seine Umgebung. Keine Stadt, kein Dorf, nicht einmal ein Haus, soweit seine bittersalzigen Wellen reichen. Seit jener furchtbaren Katastrophe, wo Sodom und Gomorrha, Adama und Zeboim in Flammen aufgingen, lagert sich dumpfes Todesschweigen an den Ufern dieses herrlichen Sees.

Totes Meer! Man begreift den Namen, wenn man an seinem Rande sitzt. Schon das Ufer sieht aus wie ein Kirchhof getöteter Bäume. Stämme von Palmen, Tamarisken und Eichen liegen da, ganz und gar mit weißer Salzkruste überzogen, – ein bleichendes Leichenfeld gestorbener Wälder. Aber lein lebendiger Wald, ja nicht einmal ein einziger lebender Baum ist weit und breit zu sehen.

Totes Meer! Kein einziges lebendes Wesen belebt diese Wasser, die sich vor unseren Augen scheinbar bis in die Unendlichkeit ausdehnen. An den südlichen Ufern befinden sich ungeheure Salzlager, die fortwährend abgelaugt werden und immer neue Salzsole erzeugen. Auch die Zuflüsse führen täglich neue, wenn auch kleine Salzmengen mit herein. In dem von allen Winden abgeschlossenen Talkessel entwickelt sich im Sommer eine fürchterliche Glut, so daß die sechs Millionen Tonnen Wassers, die der Jordan täglich hereintreibt, wie in einem von der Sonne geheizten Riesenkessel mit Leichtigkeit verdampft werden. Da sich aber das Salz natürlich nicht mit verflüchtigt, ist es begreiflich, daß sich das Tote Meer immer mehr mit Salzmengen anfüllt. Der vierte Teil des Wassers besteht jetzt schon aus Salzen, mit denen das Wasser so gesättigt und in seinem spezifischen Gewicht erhöht ist, daß kein lebendiger Körper darin untersinken kann. Wir nehmen selbst ein Bad und überzeugen uns, daß auch der menschliche Körper wie ein Stück Holz oben schwimmt. In diesen Schlund ist noch nie ein menschlicher Körper untergetaucht. Diese schweren Fluten kann der Arm des Schwimmers nicht so leicht teilen wie die Wasser des Rheins oder des Bodensees. Nur langsam und mit Anstrengung, in stehender Haltung, kann man sich vorwärts arbeiten, während das Wasser unter den Füßen schon bergtief ist, und bei so bewegter See treibt man fast hilflos mit den wuchtigen Wellen. Die Strömung des Wassers geht seewärts, und nur mit großer Mühe gelingt es uns, in der schweren Flüssigkeit wassertretend einigermaßen Richtung zu halten und wieder ans Ufer zu kommen.

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