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Arzneybüchlein für Menschen und Vieh

Johann Georg Friedrich Jacobi: Arzneybüchlein für Menschen und Vieh - Kapitel 22
Quellenangabe
authorJohann Georg Friedrich Jacobi
titleArzneybüchlein für Menschen und Vieh
publisherVerlag des Unterricht- Noth- und Hülfsbüchleins
year1791
correctorreuters@abc.de
senderPamela Kröhl
created20170721
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Von den Blattern.

Die Blattern- oder Pokenkrankheit ist so sehr bekannt, daß eine genaue Beschreibung derselben unnöthig ist. – Verdrossenheit, Trägheit, ungewöhnlicher Durst, verlorne Eßlust, auserordentlicher Schweiß nach geringer Bewegung, gehen gemeiniglich vor den heftigen Zufällen bey den Kindern her; dann folgen geringe Anfälle von abwechselnder Hitze und Frost, die daher, wie sich die Zeit des Ausbruchs der Krankheit nähert, immer heftiger werden, und mit Kopfschmerzen, Seitenstechen, unangenehmen Gefühl in der Herzgrube, Uebelkeit, Erbrechen, schnellem Pulse, heissen Händen, Unruhe, Aufschrecken im Schlafe, einem besondern Geruch aus dem Munde u.s.w. begleitet sind. Junge Kinder bekommen oft Anfälle von der sogenannten Gefrais oder bösen Wesen.

Der Ausbruch der Blattern, der sich durch kleine rothe, etwas erhabene Punkte oder Düpfeln am ersten im Gesicht, dann an den Armen und auf der Brust zeigt, geschieht gemeiniglich den dritten oder vierten Tag; die frühere Erscheinung ist kein günstiger Zufall. Am besten ist es, wenn die Blattern am vierten Tage nach Verspürung der eben angezeigten Vorboten herfür kommen, und bey ihrer Erscheinung sich das Fieber sogleich legt.

Diejenigen Blattern sind die besten, welche voneinander abgesondert stehen, auf dem Grund schön hellroth aussehen, und mit einer dicken eiternden Materie angefüllt sind, die anfänglich eine weiße und hernach eine gelbliche Farbe bekommt.

Schlimm oder bösartig sind hingegen die Blattern, wenn sie zusammen- oder ineinanderfließen, schwarzbraun aussehen, niedrig und breit sind, und in der Mitte schwarze Dipfeln oder Punkte haben. Böse Blattern sind auch diejenigen, welche statt der weißlichten, eine dünne Materie oder wässerichte Jauche enthalten; imgleichen ist eine große Menge Blattern im Gesichte mit Gefahr verknüpft. Aeuserst ungünstig und gefährlich ist der Zufall, wenn purpurrothe, braune und schwarze Flecken zwischen den Blattern vermengt stehen, wobey gemeiniglich der Stuhlgang und der Urin mit Blut vermischt, und der Unterleib geschwollen, auch jezuweilen eine Harnstrenge vorhanden zu seyn pflegt.

Wenn das Gesicht nicht aufschwillt, oder wenn es geschwollen war, sich wieder setzt, ehe die Blattern zur Vollkommenheit kommen, so ist es ebenfalls ein schlimmes Zeichen.

Gegen den elften oder zwölften Tag setzt sich gemeiniglich die Geschwulst im Gesichte, und die Hände und Füße fangen um diese Zeit zu schwellen an; folgen diese beyden Stücke nicht genau aufeinander, so ist Gefahr zu befürchten. Eben so ist auch ein kalter Schauer beym höchsten Grade der Krankheit sehr gefährlich.

Das Zähneknirschen ist ebenfalls gewöhnlich kein gutes Zeichen; doch kann dieses bey Kindern auch von Würmern, oder von einem verdorbenen Magen entstehen.

Bey der Behandlung der Blattern untersage man alle hitzige und sogenannte heraus treibende Mittel, als da sind: Schafskoth, Wein, Zitwer, Galgantpulver, Jungfernschwefel, Brandtewein u. d. g. m. womit die armen Blatterkranken schon zu Tausenden sind gemordet worden, und welche Mittel dem ohnerachtet, besonders bey dem Landvolke, nur noch allzusehr gewöhnlich sind.

Man lasse den Blatterpatienten von einem verdünnenden Getränke, welches die Hitze mässiget, viel trinken, und zwar bediene man sich bey Kindern, die an Milch gewöhnt sind, derselben, jedoch mit Wasser vermischt; bey andern aber des Gersten- Haber- oder Reistrankes, oder des Wassers mit geröstetem Brod, wozu man Limoniensaft oder Weinessig giesset, doch nur soviel daß es angenehm säuerlich schmeckt. Ist die Krankheit heftig, besonders wenn bösartige Blattern herrschen, so thut man unter das Getränke so viel Tropfen vom Vitriolgeist, als hinreichend sind, das Getränke angenehm säuerlich zu machen. Bedient man sich der gemelten sauern Dinge, so muß die Milch wegbleiben. Der schwache Holderblüththee ist vorzüglich in der Blatterkrankheit nützlich, wenn er fleißig, nicht allzukalt und ohne Milch, mit eben gemeldten sauern Dingen versetzt, getrunken wird. Das viele Trinken ist eine hauptsächlich nöthige Sache bey der Blatterkrankheit.

Die Blatterpatienten müssen den Tag über, soviel ihnen möglich ist, auser dem Bette bleiben, und sich einer gemässigten, doch mehr kühlen als kalten Luft, in der Stube aufhalten. Wenn sie sich niederlegen, müssen sie sich nicht mit dicken und schweren Betten, sondern mit leichten und dünnen Decken oder Matten zudecken. Die Wäsche muß, der Reinlichkeit wegen, wenigstens um den andern Tag gewechselt werden; nur muß man dahin sehen, daß sie vollkommen trocken ist, und man muß sie dem Kranken anlegen, wenn er sich am ruhigsten und kühlsten befindet.

Denen Patienten, die so schwach sind, daß sie beständig im Bette liegen müssen, ist es sehr schädlich, wenn das Zimmer sehr geheizt und der Zugang der frischen Luft verschlossen wird. Denn der erzwungene allzustarke Schweiß, wenn er nicht von freyen Stücken kommt, ist in dieser Krankheit in verschiedenem Betrachte schädlich, dagegen ein kühles Verhalten unglaublich viel zu dem glücklichen Ausgang der Krankheit beyträgt.

Das Aderlassen, Blutigeln setzen, der Gebrauch der Chinarinde und des Kampfers, ist nur in gewissen besondern Umständen bey der Blatterkrankheit räthlich, und muß die Unordnung dazu schlechterdings einem geschickten Arzte überlassen werden; eine gleiche Beschaffenheit hat es auch mit dem Senft- und Blasenpflaster setzen, Klistiren, Fußbädern und andern Anordnungen, deren Gebrauch von besondern Umständen in der Hauptkrankheit abhängen, und die ein Unerfahrner in der Arzneykunde nicht gehörig unterscheiden kann.

Das einfachste, wohlfeilste und beste Arzneymittel in der Blatterkrankheit ist der Brechweinstein. Man löset einen Gran davon in zweyen Unzen oder drey Loth Wassers auf, und giebt den Kindern, so bald sich die Eingangs erwähnten Vorboten der Blattern melden, alle Stunden, nach Beschaffenheit des Alters, 10 bis 30 Tropfen ein, bis sich eine gelind Oeffnung des Leibes oder gelinder Schweiß zeigt. Sollte sich ein Erbrechen nach mehrern eingenommenen Gaben des aufgelößten Brechweinsteins zeigen, so setzt man eine Zeitlang mit dem Eingeben aus, und fährt, nachdem sich dieses Erbrechen gelegt hat, in minderer Gabe, wieder damit fort, bis der Ausbruch der Blattern völlig geschehen ist. Stellet sich aber der offene Leib beym Gebrauch der besagten Brechweinstein Auflösung nicht täglich ein, so beförtert man ihn durch einen Kaffeelöffel voll Weinsteinrahm (präparirten Weinstein) oder durch eben so viel weiße Magnesie; sollte dies nicht wirken, so thut ein Klistier gute Dienste. Patienten, die keine Milch trinken, gebrauchen zum gewöhnlichen Trank, neben der mehrgedachten Auflößung, ein mit Weinessig, Limoniensaft oder Vitriolgeist mässig säuerlich gemachtes und mit wenig Zucker versüßtes Getränke. Diejenigen, so Milch trinken, enthalten sich dieser säuerlichen Sachen, brauchen aber doch die oftgedachte Auflösung, und bedienen sich, wenn diese nicht auf den Stuhlgang allein wirkt, daneben noch der weißen Magnesie, welche letztere auch den Kindern, die noch an der Brust sind, gute Dienste leistet.

Zeigen sich Unreinigkeiten auf der Zunge, ist sie gelb und angelaufen, und haben die Kranken einen bittern Geschmack im Munde, ein starkes Drücken in der Herzgrube, besonders wenn ein Würgen ohne wirkliches Erbrechen vorhanden ist, so giebt man von der Auflösung des Brechweinsteins so viel nach und nach, bis ein gelindes Erbrechen einigemal erfolgt. Schwacher Kamillenthee oder laues Wasser dienen ebenfalls zu diesem Entzwecke. Man muß aber, wenn man dieses Erbrechen erregen will, solches noch vor dem dritten Tage des wirklichen Eintritts der Blattern thun, weil nachher das Erbrechen den Ausbruch der Blattern hindern könnte.

Die Erfahrung hat gelehrt, daß bey gehörigem Verhalten, und bey Anwendung der erwähnten einfachen Mittel, die sonst so gewöhnliche heftige Nebenzufälle sich bey der Krankheit nicht zu äusern pflegen, und sie schon dadurch abgewendet werden, besonders, da auser dem schon angeführten Nutzen, welche diese Mittel haben, auch die Reinigung des Magens und der Gedärme, woher nicht selten beschwerliche Zufälle zu entstehen pflegen, befördert wird. – Selbst die Zuckungen, wenn sich welche zeigen, fordern kein besonderes Mittel.

Das kühle Verhalten ohne Verkältung, die empfolenen kühlenden Getränke, leichte und nicht hitzige Speisen, sind hinreichend, nachdem die Blattern zum Vorschein gekommen sind. Sind diese da, und es finden sich besondere Zufälle dabey ein, so muß man sich unverzüglich der Verordnung eines geschickten Arztes bedienen. Wenn der Kranke schwach ist, so thut ein wenig Wein und Johannisbeergallerte, doch nicht zuviel, dem Getränke beygemischt, gute Dienste zur Stärkung.

Findet der Kranke Beschwerden im Halse, so läßt man ihn fleißig mit Wasser, Essig und Honig gurgeln, oder, wenn er sich nicht gurgeln kann, eben dieses in den Hals einspritzen.

Bey den Augen ist es rathsam, gar nichts weiter zu gebrauchen, als nur bey denen, welchen sie zugeschworen sind, diese täglich durch warme Milch und Wasser mit Behutsamkeit zu öffnen.

Gegen das sogenannte Nachfieber, welches sich gemeiniglich einstellt, wenn die Blattern anfangen schwarz zu werden, oder das Ansehen zu verändern, dienen, auser den abführenden Mitteln, etwas Fieberrinde in Hönig eingegeben, und die Vitriolsäure im Trank. Es wird aber dieses Nachfieber allemal verringert und öfters gänzlich verhütet, wenn man die gelb zu werden anfangende Blattern öfnet. Es kann dieses leicht mit einer spitzigen Scheere, oder mit einer Nadel geschehen, und man läßt die Materie in ein wenig trockene Leinwand einziehen. Es muß aber diese Operation wiederholt, oder vielmehr so lange fortgesetzt werden, als eine ansehnliche Menge Eiter in den Blattern befindlich ist. Es macht diese Operation den Kindern nicht die geringsten Schmerzen, und auser dem, daß sie die Zurücktrettung des Eiters ins Blut verhütet, benimmt sie auch die Spannung der Haut und das Jucken, und schützet das Gesicht für den entstellenden Narben.

Mit dem mässigen Genuße der Wassersuppen und Habergrütze, des Reis- und Gerstenschleims, des Spinats, der Wurzeln-Gewächse und des gekochten Obstes mit wenigem weißen Brod, kann sich ein Fieberpatient, wenn er Appetit hat, begnügen; er darf aber keine Fleisch- Mehl noch Eierspeisen genießen. Auch muß er bey dieser Diät, nach überstandenen Blattern, noch eine Zeitlang bleiben, wenn er sich nicht gefährliche Durchfälle, Augenkrankheiten, Geschwüre, Brustzufälle und dergleichen zuziehen will. Neben der angeführten Diät, die nach der Genesung von den Blattern noch 3 Wochen lang beybehalten werden sollte, leistet die Butter- oder Rührmilchkur, eine Zeit lang gebraucht, gute Dienste.

Die Vorbereitung zu bevorstehenden Blattern ist ein wichtiger Gegenstand. Allerdings kann man den Körper des Menschen durch eine vernünftige Diät oder Lebensordnung in Speise und Trank zu gutartigen Blattern vorbereiten. Rohe, grobe und scharfe Speisen, und sauere oder hitzige Getränke soll man den Kindern, die die Blattern noch zu erwarten haben, nie geben: besonders soll ihnen niemalen viel Fleisch, gesalzene Fische und dergleichen zugelaßen werden. Diese Vorsorge ist hauptsächlich nothwendig wann die Blattern grassiren; um diese Zeit sind gelinde und öfters abführende Mittel von guten Nutzen.

Doch, die Einimpfung oder Inokulation der Blattern wäre unendlich besser, als alles dieses, und allein vermögend, alles Gefährliche dieser fatalen Krankheit zu verbannen, und dieselbe günstiger zu machen. Daß die Blattern fast in der ganzen Welt eine unvermeidliche Krankheit geworden sind, ist bekannt; daß aber auch die Einimpfung sie so gelinde als möglich macht, daß sie weder dem Körper schadet, noch das Leben raubet, ist dermalen, nach so vielen mit dem besten Erfolge gelungenen Versuchen, ganz unwidersprechlich. Die Zahl deren, die an dem Einimpfen sterben, verdient kaum angemerkt zu werden; dahingegen noch immer, ungeachtet man es in der Kunst, die natürlichen Blattern zu behandeln, sehr weit gebracht hat, an diesen viele tausende sterben. Wenn nun die eingeimpften Blattern, wie der Erfolg lehret, ein weit kleineres Uebel in Betracht der natürlichen sind, warum soll der vernünftige Mensch nicht lieber heute ein kleines Uebel wählen; als morgen ein größeres, da beyde gewiß sind? – Und warum soll der Wunsch: die bösen Tage und Umstände so weit wie möglich von uns zu entfernen, und die lächerliche Furcht für dem Gerede der Leute wider diese heilsame Erfindung ein ewiges Hinderniß seyn? – Vernünftige Geistliche und Seelsorger werden die frömmelnden Einwürfe und verrosteten Vorurtheile, die noch immer gegen diese vortrefliche Operazion gemacht werden, zu entkräften wissen; sie werden die unnützen Gewissenszweifeln heben und die Pflicht der Selbsterhaltung einschärfen; und gutdenkende Obrigkeiten werden die künstliche Einimpfung befehlen, so wie sie denkende, menschenfreundliche Aerzte gerne ausüben werden.

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