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Artur und Squirrel

Johanna Spyri: Artur und Squirrel - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorJohanna Spyri
titleArtur und Squirrel
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung / Reutlingen
year1937
firstpub1888
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20051020
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Eine freudebringende Tätigkeit

Nach der gestörten Nachtruhe mußte Fräulein Malwa solange am Morgen schlafen, daß sie mit Squirrel erst zum Frühstück hinunterkam, als der Professor mit Artur schon von einem Morgenspaziergang zurückkehrte. Dieser Umstand erheischte eine Erklärung ihrerseits; denn das konnte Fräulein Malwa nicht auf sich sitzen lassen, daß sie ohne einen besonderen Grund schlafen würde, bis die Sonne schon fast senkrecht herabschaute. Sie erzählte also dem Herrn Professor von Squirrels Traum und ihrem Stöhnen und Schreien und fügte hinzu: »Es ist auch gar kein Wunder, daß es so geht. Wenn ein Kind seine Lehrbücher verabscheut, so rächt sich ein solches Gefühl an dem Kinde selbst, indem es sich im Traum zur Aufregung steigert.« Squirrel stand ziemlich zerknirscht dabei; sie wußte ja noch eine ganz andere Geschichte von der verfolgenden Grammatik. Dem Herrn Professor zuckte es um den Mund, fast so, als könnte er auch lachen; er sagte aber ernsthaft: »Für uns, Fräulein Malwa, ist der Abscheu vor einem Lehrbuch allerdings eine Unbegreiflichkeit, eigentlich ein Unding. Hat Ihre Squirrel aber keinen Sinn fürs Lernen, so ist ihr der Sinn für Wohltun und Hilfeleistung eigen, das habe ich erfahren können, als Wasserbäche meine Papiere überflossen und wilde Kühe die Decke über meinem Kopfe mit ihren Sprüngen erzittern machten, alles zum Besten eines leidenden Freundes.« Squirrel zupfte ein wenig verlegen an ihren Fingern. »Sie werden sehen, Fräulein«, fuhr der Professor fort, »Ihre Squirrel wird den Weg der Hilfeleistenden betreten, sie wird den Bedürftigen beistehen, ihnen gute Suppe bringen und die Strümpfe, die sie strickt, und das ist auch etwas wert, fast noch mehr, als die Liebe zu den Lehrbüchern!«

Fräulein Malwa schaute den Herrn Professor an, als wüßte sie nicht recht, ob er im Scherz oder Ernst rede; er sah aber wirklich aus, als sei es ihm Ernst. Als Squirrel nachher mit Artur allein war, sagte sie seufzend: »Du solltest nur wissen, wie mir in der Nacht die Grammatik mit den schnellen, boshaften Füßen und den bohrenden Augen nachgelaufen ist! Es war so schrecklich! Oh, ich will nie mehr den bösen Wunsch tun, daß sich einer verwandle.« Artur bestärkte sie sehr in diesem guten Vorsatz.

Die Unterrichtsfrage, die am Morgen nur so oberflächlich berührt worden war, wollte Fräulein Malwa wieder aufnehmen und gründlich mit dem Professor besprechen. Die beste Gelegenheit dazu bot sich beim Mittagessen, das um der vielen Gäste willen lange dauerte, und da der Herr an ihrer Seite saß, war ein eingehendes Gespräch sehr wohl zu führen. Fräulein Malwa begann auch gleich, um keine Zeit zu verlieren, sobald man sich gesetzt hatte, und vertiefte sich in ihren Gegenstand.

»Was ist das? Wo ist Squirrel?« rief sie plötzlich überrascht aus, als sie beim dritten Gang bemerkte, daß Squirrel nicht mehr neben ihr saß. Artur sagte, sie sei hinausgegangen, er wisse nicht, warum. Ein Herr, der Fräulein Malwa gegenübersaß und etwas verspätet zu Tisch gekommen war, mischte sich nun in das Gespräch und berichtete, er habe soeben das Mädchen, das vermißt werde, getroffen, wie es den Fußpfad hinaufgestiegen sei, einen Teller voll Suppe sehr vorsichtig vor sich hertragend.

»Den Fußweg hinauf mit ihrer Suppe!« rief Fräulein Malwa erregt. »Was ist das für ein neuer Streich! Es ist nicht abzusehen, was sie noch tun wird.« Eben trat Squirrel fröhlich wieder ein. »Du unartiges Ding, was hast du nun wieder angestellt?« fuhr Fräulein Malwa in Aufregung mit halblauter Stimme Squirrel an; denn sie wollte nicht die ganze Gesellschaft auf eine neue Untat ihres Zöglings aufmerksam machen.

»Ich habe nur die Suppe dem Staseli und dem Muck gebracht, wie der Herr Professor gesagt hat«, antwortete Squirrel ganz laut und vergnügt, »sie sind gewiß bedürftig, sie sind barfuß und haben die Suppe so gern gegessen. Und die Strümpfe, die ich stricke, habe ich auch dem Staseli gebracht, wie der Herr Professor gesagt hat. Es hat sie gleich angezogen; der eine hat keinen Fuß, er war nicht fertig; aber es hat gesagt, es sei gleich, die Strümpfe hätten ihm doch gefallen.« Da der Name des Professors so mit der Sache verwickelt war, wußte sich Fräulein Malwa nicht recht zu helfen.

»Da sehen Sie's selbst, da sehen Sie's, Herr Professor«, sagte sie, ihm die Sache übergebend. »Es ist kein Fertigwerden! Es ist keine Möglichkeit, sie in Ordnung zu halten. Hab ich wohl recht, daß allerlei Tücken Platz greifen, wo keine Lernbegier ist und kein Trieb zu geistiger Tätigkeit?«

»Hoffen wir, daß der Trieb, der keineswegs fehlt, noch in die rechte Richtung gelange, verehrte Kollegin«, sagte der Herr Professor, seinen Hustenanfall, der fast wie das Lachen der Gäste ringsum klang, unterdrückend. »Squirrel meinte wohl nur zu tun, was ich gutgeheißen hatte; daß es ihr gerade gut paßte, es auszuführen, war wohl für sie ein nicht unerwünschtes Zusammentreffen. Wir werden ihr nun begreiflich machen, daß man nicht diejenige Suppe wegschenkt, die man selber essen sollte, und daß man seine Strümpfe erst fertig strickt, bevor man sie an Bedürftige schenkt.«

Sobald Squirrel den Rest ihres Mittagessens verzehrt hatte, zog sie Artur mit sich fort; er hatte schon lange ausgedacht, wie der Nachmittag zugebracht werden sollte. Mit der Kupferbibel unter dem Arm, wanderte er jetzt den schmalen Weg hinauf, Squirrel hüpfte neben ihm her. Vor dem Häuschen droben standen Staseli und Muck wie immer; aber sie starrten nicht mehr so fremd auf die beiden Ankommenden. Sie lachten mit den ganzen Gesichtern. Die Suppe und die roten Strümpfe hatten sie ganz zutraulich gemacht. Nun setzte sich Artur auf den Boden, die drei andern mußten sich um ihn herumsetzen, so daß sie alle ins Buch schauen konnten. Da wurde nun ein Bild nach dem andern gezeigt, und zu jedem wußte Artur eine schöne Geschichte zu erzählen. Die Kinder waren ganz stumm vor Erstaunen, und Staseli machte die Augen soweit auf, als könne sie gar nicht genug aufnehmen von den schönen Bildern und dann wieder von den Geschichten, die dazu gehörten. Sie verlor kein Wörtchen von allem, was Artur erzählte.

Die Sonne war schon untergegangen; aber die Kinder hatten es nicht bemerkt. Noch saßen sie alle vier auf einem Fleck zusammen, Kopf an Kopf über das Buch gebeugt. Jetzt ertönte ein lautes Jodeln und Singen, und viele kleine Schellen tönten durcheinander; es kam immer näher vom Berg herunter.

»Die Geißen kommen und der Hirtenbub«, schrie Squirrel auf, »seht, seht! da kommen sie alle!« Die Kinder schauten nicht auf, da war eben noch ein so schönes Bild, die Geißen hatten sie oft gesehen. Aber Artur wollte aufstehen, er sagte, es sei Zeit, heimzugehen.

»Nur noch ein einziges«, bat Staseli mit verlangenden Augen.

»Ja, noch eines«, sagte Artur willig, Staselis Eifer gefiel ihm. Aus dem Bilde, das noch kam, lag ein lahmer Mann auf dem Boden mit einem schrecklich traurigen Gesicht. Vor ihm stand der Herr Jesus und gab ihm eben seine Hand und sagte: »Steh auf und geh wieder.« – »Da konnte er auf einmal aufstehen und fortgehen«, erzählte Artur, »und ihr könnt euch gar nicht denken, wie froh er war und wie dankbar und wie lieb ihm der Herr Jesus wurde, der ihm so geholfen hatte.«

»Darf ich das nicht dem Großvater zeigen?« fragte Staseli schüchtern.

»Doch, freilich, so wollen wir mit dir hineingehen«, sagte Artur aufstehend, und nun zog das ganze Trüppchen in die kleine niedrige Stube ein. Auf einem ärmlichen Lager saß der alte Mann und schaute verwundert auf die neue Erscheinung.

»Großvater, es ist einer wie du in dem Buch, und sieh, wie er gesund geworden ist«, sagte Staseli, zu ihm tretend. Artur trat mit seinem offenen Buch vor den Alten hin, der bald das Bild, bald den Jungen anschaute und dazu den Kopf schüttelte, als wüßte er nicht recht, was man mit ihm wollte.

»Wenn ich's nur erzählen könnte«, sagte Staseli. Da faßte Artur Mut und erzählte dem alten Mann die Geschichte des geheilten Lahmen. Der Alte hörte mit gefalteten Händen andächtig zu, und als die Geschichte zu Ende war, sagte er: »Das habe ich gern gehört. Wie kommst du zu mir?«

Artur sagte, Staseli habe ihn hereingeführt, und fragte, ob er wiederkommen solle, es seien noch viele Bilder und Geschichten da. »Ja, ja, gern, der Tag ist so lang«, sagte der Alte.

Artur ging ganz erfreut mit seinem Buch davon; er hatte ja ganz und gar erreicht, was er gewünscht hatte und noch mehr; denn daß der alte Großvater auch noch Freude an seinen Bildern und Geschichten haben würde und gerne noch davon sehen und hören wollte, das hatte er nicht erwartet. Jeden Tag baten nun Artur und Squirrel darum, ihre neuen Freunde besuchen zu dürfen, und es wurde ihnen gerne erlaubt, wußten doch der Herr Professor und Fräulein Malwa wohl, wen sie besuchten und was sie da taten. Squirrel hatte ihr eigenes Feld der Tätigkeit ihren Schützlingen gegenüber. Sie raffte täglich alle kleinen übrig gebliebenen Brötchen und alles, was von der Tafel weggetragen werden konnte, zusammen und brachte so bei jedem Besuch ein Paket mit, dem der Muck mit noch viel erfreuteren Blicken entgegensah, als dem Buch unter Arturs Arm. Was für herrliche Dinge kramte auch Squirrel jedesmal aus ihren Paketen hervor! Sie hatte auch selbst ihre helle Freude an ihren zusammengebrachten Schätzen und dachte bei jeder Gelegenheit daran, wo wieder etwas zu erobern war. Sie hatte nicht vergessen, mit welcher Wonne die Kinder damals ihre Suppe bis zum letzten Tropfen ausgeschöpft hatten, wie mußten sie darum diese ganz anders guten Dinge erfreuen! Auch der Großvater schaute sie dankbar an, wenn ihm Squirrel so schöne Schnittchen Wurst brachte und ein gutes Brötchen dazu, und sagte jedesmal so freundlich: »Vergelt's Gott.«

Artur hatte schon mehrmals suchend das Treppchen hinaufgeblickt, wenn er mit Squirrel unten beim Großvater eintrat.

»Warum schaust du immer dorthin?« fragte Squirrel, als es wieder geschah. »Denkst du etwa, der böse Jörg fällt einmal die Treppe herab?«

»Nein, das habe ich wirklich noch nie gedacht«, entgegnete Artur abwehrend, »warum sollte er auch auf einmal da herunterfallen?«

»Zur Strafe, weil er so bös ist. Das könnte ganz gut sein«, fand Squirrel.

»Du meinst gewiß immer noch, der böse Jörg sei ein kleiner Bub. Das ist er gar nicht, ich weiß es ganz bestimmt«, versicherte Artur. »Den Mann, der in der Ecke saß und den Korb flocht, nennen sie so; er ist vielleicht auch gar nicht so bös. Und die traurige Grete nennen sie die Frau, weil sie immer so traurig ist, und gerade danach schau ich aus, ob die arme Frau nicht einmal dort oben steht und wieder so um ihre Kinder jammert, ich möchte ihr so gerne ein Bild zeigen.«

»So komm, wir gehen gleich hinauf und zeigen es ihr.« Squirrel stieg entschlossen das Treppchen hinan.

»Aber wart doch, Squirrel, man weiß ja nicht –« Artur stand noch zögernd auf der ersten Stufe. Aber Squirrel hatte schon die Tür aufgemacht. Die Frau stand in der kleinen Küche, sie floh in einen Winkel und hielt die Hände vor die Augen.

»Es ist nichts Böses, kommt nur, der Artur will Euch ein Bild zeigen«, sagte Squirrel beschützend. »Komm nur herauf, sie ist schon da«, rief sie dann die Treppe hinunter.

Artur erschien nun oben. Sobald die Frau ihn erblickte, fing sie kläglich an zu jammern. Es waren immer dieselben Klageworte um ihren Jörgli, der jetzt auch so groß wäre; es mußte an Artur etwas sein, das sie besonders an den Jörgli erinnerte.

»Ich wollte Euch zeigen, wie wohl es jetzt dem Jörgli und dem Greteli ist«, sagte Artur und schlug sein Buch auf, »wollt Ihr's nicht ansehen?«

Die Frau stand schon hinter Artur und schaute über seine Schulter. »Wo? Wo?« fragte sie in zitternder Aufregung.

»Da könnt Ihr sie sehen«, sagte Artur, ihr das Bild hinhaltend. »In der Mitte sitzt der Heiland, der will, daß alle Kinder zu ihm kommen, daß sie's bei ihm gut haben.«

»Wo ist der Jörgli und das Greteli?« fragte die Frau suchend.

»Ja, die sind auch da«, wollte jetzt Squirrel wissen. »Das ist gewiß der Jörgli, seht nur, wie froh er ist, dem ist es so wohl! Und dort hinten kommt das Greteli, Ihr seht, wie's fröhlich ist und lacht! Der Heiland streichelt es, er ist so gut zu ihm!«

Der Grete liefen die Tränen die Wangen herab, immer mehr, je länger sie hinsah. »Oh, oh!« schluchzte sie, »ist es ihnen so wohl, haben sie's einmal gut? Haben sie's so gut? Oh, wie wenig Gutes hatten sie hier! Oh, hätt ich es ihnen anders geben können, vielleicht lebten sie noch?«

»Aber sie leben ja noch, nur nicht hier«, sagte Artur, »sie leben im Himmel, und da ist es ihnen so wohl, wie es ihnen hier unten nie sein könnte.«

»Ja, seht nur, welche frohe Gesichter sie haben«, fiel Squirrel ein; »so sehen sie jetzt aus, wie Ihr hier seht, so sauber und schön, und es ist ihnen viel wohler, als dem Staseli und dem Muck; die sehen lange nicht so aus, und sie wollten gewiß gar nicht mehr zurückkommen, so wohl ist es ihnen!«

Die Frau schaute unverwandt auf das Bild. »Ach, ach, wenn ich das so vor mir sehen kann, wie fröhlich die Kinder aussehen und wie wohl es ihnen sein muß, das macht mir so wohl ums Herz, ach, wenn ich das immer so vor mir sehen könnte!« Dann fing sie wieder an zu weinen. Von dem Bild konnte sie ihre Blicke nicht abwenden. »Ach, wenn ich sie so um den guten Herrn versammelt sehe, wie er so freundlich zu ihnen ist, und denke, daß es ihnen viel wohler ist als allen armen Kindern, die noch da sind, dann wird's mir so, als könnt ich mich fast über sie freuen.« Jetzt fing die Grete wieder zu weinen an.

Squirrel zupfte stark an Artur, daß er nun komme; denn sie freute sich schon lange darauf, das Paket, das sie immer fest im Arm hielt, vor Staselis und Mucks Augen auszubreiten. Heute hatte der Herr Professor am Tisch ein großes Stück Kuchen auf seinen Teller genommen, so groß, wie sie es nie hätte herausnehmen dürfen. Er hatte bemerkt, wie Squirrel seit einigen Tagen alles zusammenraffte und einsteckte, was sie vorher nicht angesehen hatte. Nun packte der Herr Professor auf einmal seinen Kuchen in ein Stück Papier ein, schob es Squirrel zu und sagte: »In die Sammlung.«

Jetzt lag das schöne Stück zwischen Brot und Wurst in dem Paket, und Squirrel konnte es kaum mehr erwarten zu sehen, wie Staseli und Muck sich daran erlaben würden.

Artur fragte, ob sie morgen wieder heraufkommen sollten mit dem Buch. Da sagte die Grete mit verlangenden Augen: »Ja, ja, kommt nur wieder! Kommt wieder zu mir! Kommt bald wieder!«

Und sie schaute den Kindern nach, bis sie vor der Tür unten verschwanden.

Draußen standen Staseli und Muck schon lange und lauschten hinauf, ob ihre Freunde bald kämen, und nun setzten sich die vier auf den Boden zusammen, und für Staseli und Muck begann nun ein Gastmahl, wie sie noch keines gehalten hatten. Von allem wurde auch ein Stück für den Großvater beiseitegelegt, und als Squirrel sich an Staselis und Mucks Appetit geweidet hatte, nahm sie schnell ihre weggelegten Stücke und trug sie zum Großvater hinein; sie mochte so gern sehen, wie er so zufrieden lächelte und dann sagte: »Vergelt's Gott.«

Als sie ihm jetzt sein Stück Kuchen reichte, sagte er: »Soll der Alte auch noch so Gutes essen?« Aber er aß es dann ganz gern, und nachher sagte er, Squirrel die Hand schüttelnd: »Bei uns ist alle Tag Festtag, seit das kleine Jüngferlein erschienen ist. Vergelt's Gott!«

Squirrel hatte heute abend ein so frohes Herz, daß sie auf dem Heimwege in lauter Sprüngen neben Artur herlief und vor Freuden alle Augenblicke seine Hand ergriff und ihn mitzog.

Auch er war so fröhlich, daß er mehrmals mit ihr hoch aufsprang; aber plötzlich mitten im lustigen Hüpfen hielt er inne, setzte sich auf den Boden am Wege nieder, und mit ganz traurigen Augen seine freudelachende Gefährtin anblickend, sagte er: »Oh, siehst du, Squirrel, wenn ich am allerfrohesten bin, dann geht es mir auf einmal wie ein furchtbarer Stich durchs Herz, daß es nun gleich aus ist, alles, alles; daß ich ins Institut zurück muß, wo sie mich gewiß alle mit Hohn empfangen, der große Eber vor allen, und die Lehrer mit Verachtung, du weißt schon, wegen der Rechtschreibung des Wortes ›Kupferbibel‹; ich kann dann nicht alles gleich erklären. Und auch sonst, dann ist alles aus für mich. Ich weiß, wie es sein wird!«

»Bekommst du dann wieder das Heimweh?« fragte Squirrel teilnehmend.

Artur nickte erschrocken über das Wort; er fürchtete sich davor, das Weh nur nennen zu hören.

»Das mit der Rechtschreibung haben sie nun schon lange vergessen. Siehst du, ich hatte es auch ganz vergessen«, sagte Squirrel tröstend. »Und dann kommst du doch zuerst mit uns heim und bleibst noch lange bei uns.«

»Nein, nein, Squirrel, du weißt es nicht, wie es sein wird; ich weiß bestimmt, daß ich nicht mehr zu euch komme; ich muß gleich ins Institut von hier aus«, versicherte Artur. »Der Herr Professor sagte einmal zu mir, wir blieben bis zur letzten Minute der Ferien hier, und die Ferienzeit vom Institut geht in acht Tagen zu Ende, ich weiß es genau.«

»Kommst du gar nicht mehr mit uns heim, Artur?« fragte Squirrel jetzt kläglich; denn der Gedanke war ihr noch nie gekommen, daß Artur überhaupt nicht mehr da sein könnte, und nun erst gar, daß er von hier weg auf einmal verschwinden und gar nicht mehr mit heimgehen würde – das war zuviel. »Dann freut mich auch gar nichts mehr«, brach Squirrel aus.

Aber das war nun auch wieder so traurig, daß ihr die Tränen kamen, und als Artur diese sah, strömten die seinen erst recht hervor; er hatte sie so lange zurückgedrängt.

So saßen sie eine Weile am Rande des Fußweges und weinten alle beide. Squirrel sprang zuerst wieder auf, sie hörte die Geißen kommen und den Hirtenbuben jodeln; das tönte ihr so fröhlich ins Herz hinein, daß wieder alle Hoffnung bei ihr aufstieg.

»Komm nur, Artur, vielleicht ist doch nicht alles aus«, sagte sie tröstend, »weißt du, es kann zu allerletzt noch ein Wunder geschehen, oder vielleicht findet mein Papa noch etwas, wenn wir ihm schreiben, daß es uns so traurig macht; nun wollen wir wieder fröhlich sein.«

Aber bei Artur ging es nicht so schnell, daß er wieder fröhlich sein konnte. Er schluckte seine Tränen hinunter und stand auf; aber er blieb ganz still.

Squirrel war am andern Tag wieder so ungeheuer fröhlich, daß sie auch Artur mitriß. Jeden Tag machten sie ihren Besuch bei den Jungen und bei den Alten im Häuschen am Abhang, und wenn einmal ein längerer Spaziergang vom Herrn Professor und Fräulein Malwa für den Tag in Aussicht genommen wurde, baten Artur und Squirrel jedesmal so flehentlich darum, vor- oder nachher noch ihre Freunde besuchen zu dürfen, daß der Herr Professor fand, wenn es so sei, so solle ein für allemal dieser tägliche Besuch festgesetzt werden. Jedesmal stand die Grete schon oben am Treppchen und erwartete die Kinder; daß sie aber schon seit einer Stunde und noch länger nach ihnen ausgeschaut hatte, wußten die Kinder nicht. Grete hatte nun auch schon viele von den andern Bildern kennen gelernt, und Artur hatte die Geschichten erzählt und manches Wort gesagt, das der Grete so tröstend ins Herz gedrungen war, daß sie täglich die Stunde kaum erwarten konnte, bis er wiederkam; und erzählte er, so sah sie aus, als wäre ihr das liebste, wenn er nicht mehr aufhören würde. Dann und wann strich sie ihm zärtlich über das helle Lockenhaar und sagte wie für sich: »Oh, du gutes Büblein, man könnte meinen, du wüßtest schon, was Kummer ist.« Am liebsten schaute sie immer wieder das Bild von den Kindern an, die so fröhlich um den Heiland versammelt waren und alle aussahen, als könne es keinem Menschen so wohl sein wie ihnen. Staseli und Muck lachten jetzt immer schon den Kindern zu, sobald sie von ferne das erste Pünktchen von ihnen erblicken konnten. Dann kamen sie ihnen entgegengerannt; denn sie waren nun ganz zutraulich geworden.

Die acht Feiertage, die Artur noch vor sich gesehen hatte, waren nun schon vorüber. Noch war es so schön da droben, jeder Tag brachte die alten, immer ersehnten Freuden und neue dazu. Artur entfernte mit aller Macht den drohenden Gedanken des nahen Endes, und Squirrel half ihm gut dabei, sie hatte durchaus keine Zeit, in seine Gedanken zu verfallen. Aber so recht fröhlich, wie er eine kleine Zeit lang hatte sein können, wurde er nicht mehr; er fühlte es immer wie ein schweres Gewicht über seinem Kopf hängen, das auf einmal niederfallen und ihn zusammendrücken würde.

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