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Artur und Squirrel

Johanna Spyri: Artur und Squirrel - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorJohanna Spyri
titleArtur und Squirrel
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung / Reutlingen
year1937
firstpub1888
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20051020
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Ein unerwarteter Vorschlag

Damit Artur dem Herrn Professor nicht zur unrechten Stunde zum Besuch hinaufkam, ließ Herr Kasteller in der Frühe anfragen, wann der Junge erscheinen solle. »Gleich nach Tisch«, war die Antwort.

So stieg denn Artur zur bezeichneten Zeit die Treppe hinauf und wurde von Frau Monrad ins Zimmer ihres Herrn geführt. Artur ging ganz manierlich zu dem Herrn hin, bot ihm seine Hand und machte einen kleinen Diener. Dann sagte er, es tue ihm leid, daß er nicht daran gedacht habe, daß der Herr Professor hier unten wohne und von dem großen Lärm gestört werden könnte. Ein andermal wolle er daran denken; aber es würden nun wohl keine solchen Störungen mehr vorkommen. Squirrel habe sie ihm zuliebe erfunden, sie habe nichts Böses tun wollen.

Während Artur sprach, hatte der Herr Professor ihn so forschend angeblickt, daß dem Jungen fast bange wurde. Nun wandte sich der Herr auf einmal ab und ging rasch zur Tür hinaus. Artur stand betroffen da; er wußte nicht, ob er nun auch gehen sollte. Vielleicht war der Herr Professor so beleidigt, daß er nicht weiter mit ihm sprechen wollte. Er hatte vielleicht nur zur Abbitte kommen müssen; nun er diese getan, sollte er sich wohl wieder entfernen, unsicher stand er noch eine Weile, dann ging er der Tür zu. Eben kam der Herr Professor mit raschen Schritten wieder zurück.

»Nein, nein, du gehst noch nicht«, sagte er eintretend, »du setzest dich hier zu mir; wir sprechen noch eine Weile miteinander.«

Er ließ sich auf sein Sofa nieder, Artur mußte sich ihm gegenüber setzen.

»Wie kommst du denn aus der Schweiz hierher, bist du ein Verwandter der Kasteller?« fragte er nun.

»Nein«, entgegnete Artur, »ich kam durch einen Freund zu Herrn Kasteller; aber er kannte meinen Großvater und meine Mutter; soll ich Ihnen alles erzählen?«

Der Professor nickte bejahend.

Nun erzählte Artur vom Institut, vom Freund Georg, von Herrn Kastellers Einladung und auch, wie dieser einmal im Pfarrhaus von Lärchenhöh gewesen sei und daß es ihm da so gut gefallen habe. Dabei ging nun dem Artur ganz das Herz auf. Er fing an zu schildern, wie schön es auf Lärchenhöh sei, im Pfarrgarten und unten am Wasser im Tannenwald, bei der großen Fabrik, und unerwartet kam er wieder zum Pfarrhaus zurück, zum alten steinernen Brunnen, zu der großen Trauerweide daneben und zu der verborgenen Bank darunter.

»Oh, so schön ist es nirgends, auch in dem schönen Garten drunten nicht! Oh, und auf Lärchenhöh draußen bei den Eschen sieht man die weißen Schneeberge drüben und weit, weit ins Tal hinab über die Wälder und die Bäche und die weiße Straße zwischendurch.«

Artur hatte ganz vergessen, wo er war; er mußte sich eine Träne wegwischen. Der Professor war aufgesprungen und ans Fenster getreten.

»So, Junge, du kannst nun gehen«, sagte er, ohne sich umzuwenden.

Artur stand eilig auf und grüßte höflich; dann ging er schnell hinaus. Es war ihm ein wenig angst, er habe den Herrn Professor gelangweilt; vielleicht hätte er nicht soviel erzählen sollen. Drunten stand Squirrel vor der Tür; schon seit einer halben Stunde hatte sie da gewartet, bleich vor Angst und Ungeduld, daß Artur solange nicht zurückkehrte.

»Hat er dir etwas getan?« rief sie ihm jetzt entgegen.

»O nein, was denkst du?« gab Artur zurück.

»Oh, es ist gut, daß du nun wieder da bist und alles vorüber ist!« sagte Squirrel erfreut; »nun kann man auch recht viel Kirschkuchen essen; denn jetzt hat man gar keine Angst mehr. Die Suse hat einen furchtbar großen Kirschkuchen heimgebracht, sieh, so, fast so groß wie eine Tischplatte; denk, wie viele Stücke das gibt! Warum sagst du denn kein Wort, freust du dich denn nicht, daß jetzt alles fertig ist und wir ganz neu anfangen können, ohne Furcht vor dem Herrn Professor, und dann noch Kirschkuchen essen dazu?«

»Doch, ich freue mich schon; aber siehst du, ich habe doch noch ein wenig Angst«, sagte Artur; »ich glaube, der Herr Professor ist noch ein wenig böse; er hat mich gar nicht angesehen, wie ich fortging; er stand am Fenster und schaute hinaus.«

»Ja, wenn er nie mehr zufrieden sein will, so mag er's nur bleiben lassen«, erklärte Squirrel entrüstet. »Nun haben wir beide bei ihm Abbitte geleistet, und wenn er uns nun immer verfolgen will, so will ich dann schon noch einmal etwas erfinden wie damals, als das Wasser auf seinen Kopf tropfte.«

»Nein, nein, Squirrel, das darfst du nicht«, wehrte Artur erschrocken, »vielleicht war er ja nicht gerade böse; du darfst wirklich nichts mehr ausdenken!«

Jetzt hörte man unten in der Halle Herrn Kastellers Schritt; denn in ihrem Eifer waren die beiden immer noch im Flur stehen geblieben. Squirrel stürzte dem Vater entgegen.

»Er hat ihm nichts getan!« rief sie ihm schon von oben zu. »Aber denk, Papa«, fuhr sie fort, als sie unten war, »er hat ihn nicht angesehen, als er fortging, vielleicht ist er immer noch bös auf ihn; aber es ist gleich. Komm nur schnell, wir haben einen prachtvollen Kirschkuchen!«

»Er, ihn, er und auf ihn, wer soll daraus klug werden?« sagte der Vater, die hüpfende Squirrel hinaufführend. »Das einzig Klare an deinen Worten ist der Kirschkuchen.«

Als nun alle zu Tisch saßen, mußte Artur erzählen, wie es ihm beim Herrn Professor ergangen war. Er verhehlte nicht, daß der Herr Professor ihn nicht mehr angesehen, sondern aus dem Fenster geblickt habe, als Artur ging. Dann setzte er aufrichtig hinzu, vielleicht habe er den Herrn Professor auch müde gemacht, weil er soviel von Lärchenhöh erzählt habe.

In der höchsten Überraschung stand am folgenden Morgen Kerr Kasteller am Bette seiner Frau und las ihr ein Kärtchen vor, das er soeben erhalten hatte. Es enthielt die Nachricht, der Professor gedenke seine Ferienzeit in Engelberg in der Schweiz zuzubringen. Da er bemerkt habe, daß der junge Schweizer, der im Hause sei, an Heimweh leide, so möchte er ihn einladen, die Reise mitzumachen. Er gedenke fünf bis sechs Wochen in der Schweiz zu bleiben und wünsche, den Jungen so lange bei sich zu behalten. Die Erlaubnis, etwas über seine Ferienzeit hinaus fortzubleiben, werde wohl von dem Institutsvorsteher zu erhalten sein, wenn nicht, so würde er selbst dafür sorgen, daß der Junge unter gutem Geleit wieder im Institut ankomme.

»Hast du je in deinem Leben einen sonderbareren Menschen gesehen?« fragte Herr Kasteller, als er seiner Frau das Kärtchen vorgelesen hatte. »Noch gestern behandelt er den Jungen so seltsam, daß dieser annehmen muß, der Herr Professor sei noch gar nicht besonders freundlich gegen seine Ruhestörer gesinnt, und heute ladet er den Jungen zu einer sechswöchigen Schweizerreise ein. Ist dir je ein so seltsamer Mensch vorgekommen?«

»Ach, nun auch das noch, nun auch noch eine solche Verantwortung auf uns laden«, jammerte die Frau, »das ist zuviel! Der Junge sieht so gut, ruhig und einnehmend aus, und doch ist ja mit ihm von Stund an ein so unerhörter Lärm im Hause losgebrochen, daß ich nur fortwährend seufzen mußte: »Ach, was wird das nächste sein!« Und dennoch, lieber will ich wieder und wieder den unerdenklichsien Dingen im Hause entgegensehen, wo ich doch die Kinder in rechtem Schutz weiß, als ein anvertrautes Kind in Hände geben, die ich nicht kenne. Nein, nein, lieber Mann, das kann durchaus nicht sein. Ich bitte dich, geh selbst hinauf und erkläre dem Professor, daß wir seinem Wunsche nicht nachkommen können, durchaus nicht. Will er dich überreden, so wirf nur alle Schuld auf mich; sag ihm, daß ich dir gar keine Ruhe mehr ließe.«

»So werde ich denn diesen Gang auch antreten müssen«, sagte Herr Kasteller seufzend. »Das Zimmer des Professors droben ist zum Wallfahrtsort für meine Familie geworden. Jeden Morgen kriecht wieder ein Büßer die Treppe hinan. Habe ich auch nichts zu büßen, so wird mir der Gang doch nicht weniger sauer als Squirrel. Es ist ja eine edle Regung von dem Sonderling da droben, daß ihn das Heimweh des Buben rührt; aber ein Sonderling ist er doch. Wer weiß, wie er meinen Vorschlag aufnehmen wird! So will ich denn hinaufgehen. Wenn er sich nur nicht als Menschenfeind benimmt!«

Herr Kasteller mußte selbst lachen, obgleich ihn der Gang wirklich sauer ankam. Er ging nun.

Daß ihr Mann so lange droben bleiben würde, hatte die Frau nicht erwartet. Zwei volle Stunden waren vergangen. Ob die beiden Männer so hart um Artur kämpften?

Endlich hörte sie, wie Herr Kasteller mit eiligen Schritten herankam und die Tür aufmachte.

»Es ist spät geworden«, rief er herein, »heute abend teile ich dir alles mit; ich muß ins Geschäft.«

Das begriff seine Frau wohl, nur dauerte es ihr lange, bis sie den Entscheid hören sollte.

Wunderbar still war es heute im Hause, so daß Frau Kasteller zu hoffen begann, der verständige Artur fange wirklich an, einen wohltätigen Einfluß auf Squirrel auszuüben.

Als die ruhige Abendstunde gekommen war, setzte sich Herr Kasteller am Bette seiner Frau nieder und hatte ein langes Gespräch mit ihr. Sie konnte immer noch nicht auf seine Anschauungen eingehen und sagte immer noch einmal: »Und dennoch kennen wir den Mann nicht recht, und Artur war uns einmal übergeben für diese Zeit, und wir geben ihn aus den Händen!«

»Da ist nun einmal nichts zu machen«, versicherte ihr Mann, »und du kannst dich wirklich beruhigen, liebe Frau; ich sage dir ja, daß ich volles Vertrauen in den Mann habe, er hat mich gänzlich für sich gewonnen. Hat er etwas Kurzes in seiner Art, so ist er deswegen durchaus nicht lieblos; über sein Gemüt hat sich nur eine Kruste gelegt, das kommt von schweren Erfahrungen. Ich gönne es ihm, den netten Artur mitnehmen zu können, und Artur ist in guten Händen. Übrigens ist der Junge noch selbst zu fragen; wünscht er nicht zu gehen, so will der Professor ihn nicht zwingen.«

»Ach, und gerade jetzt würde ich so ungern den Jungen fortlassen. Eben heute haben die beiden Kinder sich so vorzüglich unterhalten. Man hat den ganzen Tag keinen lauten Ton von Squirrel vernommen; es hat ganz den Anschein, als ob jetzt der stille Knabe die Oberhand gewonnen hätte und nun einen beruhigenden Eindruck auf das Kind ausübe.«

»Siehst du wohl!« rief Herr Kasteller erfreut aus, »das ist derselbe Knabe, vor dessen Ankunft du dich so sehr gefürchtet hast! Weißt du, was wir tun? Mir kommt ein rettender Gedanke. Wir schicken Squirrel gleich mit nach Engelberg, wohin der Professor reisen will. Fräulein Malwa begleitet sie, und wir sind plötzlich alle Sorge los, was mit dem Kinde zu tun sei, wenn ich mit dir ins Bad reisen muß, wohin wir ja Squirrel unmöglich mitnehmen können, nur schon um die Ruhe der andern Badegäste nicht zu gefährden; denn was könnte sie da anstellen!«

Zur Verwunderung ihres Mannes brach diesmal seine Frau in keinen Jammer aus. Sie hatte ein solches Zutrauen zu dem stillen Artur gefaßt, daß sie meinte, in solcher Gesellschaft wollte sie Squirrel gern den Aufenthalt in so schöner Luft gönnen. Nur Fräulein Malwa stand immer noch nicht im richtigen Verhältnis zu dem Kinde, das erregte ihr doch wieder Besorgnis, und der unbekannte Herr Professor dazu. – Aber Herr Kasteller unterbrach die aufsteigenden Besorgnisse mit der Versicherung, der Plan sei ganz herrlich und geradezu vom Himmel gefallen; denn er habe ja gar nicht nachgedacht und nichts gesucht, und wer schließlich am glücklichsten über den Ausgang sein werde, das sei seine Frau. Und nun wolle er sogleich erfahren, was Artur dazu sage. Die Kinder saßen auch jetzt noch in ungewohnter Gelassenheit zusammen. Artur erzählte von den vielen Vögeln im Pfarrgarten auf Lärchenhöh, und er konnte jeden, wie er sang und pfiff, so wundervoll nachahmen, daß Squirrel in heller Verwunderung war.

»Artur«, sagte Herr Kasteller hinzutretend, »es ist, als bereitetest du dich schon vor, mir eine Frage zu beantworten. Willst du nach der Schweiz reisen? Der Herr Professor reist dahin und will dich mitnehmen.«

Artur war vor innerer Bewegung dunkelrot geworden. »O ja, das will ich gewiß gern, darf ich?«

»Oh, geh nicht, Artur, geh nicht!« schrie Squirrel auf. »Bleib da, geh nicht fort mit dem schrecklichen Herrn Professor!« »Squirrel«, sagte Herr Kasteller, »willst du mit Artur nach der Schweiz reisen?«

»O ja, Papa, das will ich«, schrie Squirrel plötzlich in anderem Tone, »wir gehen zu den Vögeln, Artur, nach Lärchenhöh und auf die Bank unter die Weide und zu den Eschen!«

»Und der Herr Professor geht mit«, setzte Herr Kasteller ein, »er ist ein sehr guter und freundlich gesinnter Herr, daß er Artur eine solche Einladung schickt, und Fräulein Malwa geht mit als Schutz und Schirm, das gibt eine prächtige Gesellschaft und eine wundervolle Reise. Ob's nach Lärchenhöh geht, das weiß ich nun nicht, zunächst geht's nach Engelberg.«

Nun war für Artur noch mehreres zu tun. Herr Kasteller erklärte ihm, der Herr Professor wünsche, daß er um längeren Urlaub bitte. Er solle also an den Vorsteher des Instituts schreiben, ob er nicht nur bis zum Schluß der Ferien, sondern auch noch einige Wochen darüber hinaus Erlaubnis zum Fortbleiben geben wollte. Auch sollte Artur bitten, daß man ihm noch mehr Kleider und was er sonst von seinen Sachen für einen längeren Aufenthalt begehrte, zusenden möchte. Jetzt fiel es Artur erst ein, daß es etwas recht Wunderbares sei, daß ihm der Herr Professor nun auf einmal eine solche Freundlichkeit zeige. Er hätte es doch gar nicht um den Herrn verdient, der durch ihn und seine Freundin solche Störung erlitten hatte. »Der Herr Professor ist doch gewiß kein schrecklicher Mensch«, sagte Artur zu Squirrel gewendet. »Es ist auch gar nicht unmöglich«, bemerkte Herr Kasteller, »daß der Herr Professor den Kampf gegen dein Heimweh lieber selbst in die Hand nehmen will, als daß er ihn ferner der Squirrel überläßt. Er fährt jedenfalls besser dabei. Und siehst du, wenn uns einer etwas gibt, was wir gar nicht verdienen, so haben wir ihn um so lieber dafür, so wird es dann auch mit dem Herrn Professor sein, denkst du nicht auch so, Artur?«

»Ja gewiß, jetzt schon hab ich ihn lieb, weil er so gut gegen mich ist«, versicherte Artur. »Ich möchte auch so gerne gleich noch hinaufgehen und ihm danken.«

Aber Herr Kasteller fand, nun sei es zu spät, und morgen lasse man den Herrn erst fragen, wann er Zeit habe; diese Besuche könnten für seinen Geschmack zu sehr überhandnehmen.

Wirklich, am andern Morgen ließ der Herr Professor auf die Anfrage antworten, es sei nicht nötig, daß Artur einen Besuch mache; der Junge danke ihm auf die beste Weise dadurch, daß er gern mit ihm kommen wolle.

Nun hatte Artur seinen Brief an den Institutsvorsteher zu schreiben; die Ausführung wurde ihm aber nicht leicht. Einmal wußte er selbst nicht recht, was er für einen Bergaufenthalt am nötigsten habe, und dann wollte ihm Squirrel auch in dieser Sache beistehen. Sie schlug aber so sonderbare Dinge vor, die er kommen lassen sollte, daß er darüber sehr zerstreut wurde und Squirrel nur immer wieder erklären mußte, daß er solche Dinge nicht kommen lassen könne, die er wünsche, sondern nur, die er besitze. Endlich war der Brief fertig, und Squirrel ergriff ihn, um ihn Suse zur Weiterbeförderung zu überbringen; aber kaum war sie damit zur Tür hinaus, als ihr Artur nachrannte: »Oh, nun hab ich noch etwas vergessen, das reut mich so sehr«, sagte er voller Betrübnis, »ich hätte so gern meine Kupferbibel gehabt, da sind so schöne Bilder drin. Wenn wir dann so lange zusammen sind, möchte ich dir die Bilder alle zeigen und dir die Geschichten dazu erzählen, die weiß ich alle so gut, meine Mutter hat sie mir immer wieder erzählen müssen.«

»Du kannst nur den Brief aufreißen und noch hineinschreiben, da –« und Squirrel reichte sehr bereitwillig den Brief her; denn sie wollte die Geschichten auch gerne hören. Aber Artur schüttelte sehr entschieden den Kopf: »Das darf man nie tun, wenn man dem Herrn Vorsteher schreibt, so etwas noch auf den Seitenrand hinsetzen, nie, nie«, versicherte er, »und zum Abschreiben ist keine Zeit mehr; hörst du deinen Vater auf der Treppe? Du weißt, er will, daß wir im Zimmer sind, wenn er zu Tisch kommt. Es ist nichts mehr zu machen, komm nur.«

»Ich weiß schon noch etwas zu tun«, tröstete Squirrel, »ich komme dann bald, und du sollst sehen, wie gut es herauskommt.« Artur schaute die Trösterin etwas zweifelnd an, doch ließ er sie machen und ging nach dem Eßzimmer hinauf. Squirrel war in die Stube zurückgetreten und hatte ein Schnitzelchen Papier aus ihrer Schublade hervorgeholt. Darauf schrieb sie: schik noch die Kubverbibel. Dann schob sie mit ihren kleinen Fingern ganz gewandt das Papierchen oben unter den Briefumschlag hinein, wo dieser nicht festgeklebt war. Nun brachte sie den Brief der Suse hinauf und ging dann voller Befriedigung zu Tisch, wo sie eben noch im letzten erlaubten Augenblick erschien. Da das Essen aber gleich seinen Anfang nahm, konnte sie Artur nur noch mit allerlei lebhaften Zeichen zu verstehen geben, daß alles gelungen sei. Nach einigen Tagen kam die Antwort. Alles, was Artur gewünscht hatte, wurde gesandt, auch die Kupferbibel. Ein vernichtender Brief lag dabei. Er war nicht vom Herrn Vorsteher, sondern vom Lehrer der Klasse geschrieben, zu der Artur gehörte. Er schrieb: Ein Junge, der sich so unverzeihliche Nachlässigkeiten zuschulden kommen lasse, werde nicht erwarten, daß ihm die Ferienzeit verlängert werde; im Gegenteil, die schon gewährte Zeit der Ferien sei zu lange für ihn. Er habe gleich nach Ablauf dieser Zeit ins Institut zurückzukehren und seine Tage mit orthographischen Übungen zuzubringen, bis der Unterricht wieder beginne.

»Daß ein Junge von Deinem Alter imstande ist«, hieß es weiter, »in vier Wörtern fünf orthographische Fehler anzubringen, ist unerhört. Die Eile, womit dieses beigelegte Schriftstück verfaßt ist, von der schon die unter aller Kritik holprige Handschrift zeugt, ist keine Entschuldigung für Dinge, wie sie hier auf dem Papiere stehen. Sieh Dir mit Deinen dreizehn Jahren einmal das erste Wort an: wie kann ein Schüler seinen Institutsvorsteher mit ›Du‹ anreden? Erster und unverzeihlicher Fehler. Wie kann ein Schüler, und hätte er nur die Hälfte Deiner Jahre, einen Satz mit einem kleinen Buchstaben beginnen? Zweiter Fehler. Wie kann ein Schüler, der seit sechs Jahren Schulunterricht genießt, schick mit einem einfachen k schreiben? Dritter Fehler in einem einsilbigen Wörtchen! Von den zwei allem Begreifen spottenden Fehlern im vierten Wort will ich nicht sprechen, schau Dir diese Beweise Deiner Nachlässigkeit solange an, bis Dir selbst so schlecht wird wie Deinem bedauernswerten Lehrer.«

Artur stand vor Schrecken schneeweiß und wie festgenagelt auf derselben Stelle und starrte auf den Papierstreifen in seiner Hand.

Squirrel hatte mit Spannung dem Auspacken beigewohnt und erwartet, Artur werde beim Anblick seiner Kupferbibel in ein Freudengeschrei ausbrechen. Nun stand er da wie einer, dem man das Licht ausgeblasen hat. »Was hast du denn, Artur? Freut dich denn deine Kupferbibel auf einmal nicht mehr?« fragte Squirrel halb ärgerlich, halb erschreckt von seinem Anblick.

»Hast du das geschrieben?« fragte Artur dagegen, ihr den verhängnisvollen Zettel hinhaltend.

»Ja, natürlich, und darum hat er die Kupferbibel geschickt«, entgegnete Squirrel erfreut über ihre Tat.

»Oh, wenn du wüßtest, was es nun für mich im Institut um des Zettels willen gibt«, jammerte Artur. »Der Herr Vorsteher und die Lehrer verachten mich, und alle Schüler werden mich verhöhnen; denn der Lehrer sagt gewiß allen, was auf dem Papier geschrieben stand, um mich zu strafen, das weiß ich wohl. Oh, ich kann es nicht aushalten! Und schon in ganz kurzer Zeit muß ich zurück; weil ich so geschrieben habe, werden mir keine Ferien bewilligt.« Squirrel begriff nicht, warum die Bitte um eine Kupferbibel so böse Folgen haben konnte. Nun erklärte ihr Artur die Sache eingehend und bewies ihr, welche schreckliche Rechtschreibung in dem Zettel herrsche, den sie aufgesetzt hatte. Aber Squirrel wußte schnell einen Rat. »Schreib du nun gleich noch einen Brief an den Lehrer, ganz ohne Fehler«, schlug sie vor, »und schreib ihm, die Fehler hat Squirrel gemacht; dann sieht er ja, daß du nicht schuld bist. Aber sage es nur Fräulein Malwa nicht, sonst muß ich gewiß die Grammatik noch auf den Engelberg hinauf mitnehmen.«

Artur war nicht so leicht getröstet. Was erwartete ihn nun bei seiner Rückkehr ins Institut! Das war ein schrecklicher Gedanke, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Die Sache mußte nun auch Herrn Kasteller mitgeteilt werden, um der Verweigerung der Ferienausdehnung willen. Artur wartete damit noch einen ganzen Tag lang; denn hatte er auch keine Schuld an dem Mißgeschick, so waren ihm doch die Vorwürfe des Lehrers so schrecklich, daß er sich scheute, den Brief bekanntzugeben. Endlich spät am Abend des zweiten Tages mußte es sein; denn Herr Kasteller erkundigte sich, ob Antwort da sei. Artur erzählte kurz, was Squirrel in guter Meinung für ihn getan hatte, und übergab den Brief. Herr Kasteller überflog ihn und ging damit zu seiner Frau hinein. Fräulein Malwa hatte schon das Zimmer verlassen; die Kinder saßen allein noch zusammen und harrten auf des Vaters Rückkehr und sein Urteil über den Vorgang. Jetzt sagte Squirrel schlau: »Hörst du, wie der Papa drinnen lacht? Wenn er schon wieder lacht, dann ist er nicht so schrecklich bös über die Fehler. Aber wenn sie nur Fräulein Malwa nicht erfährt.«

Herr Kasteller fand es gut, dem Herrn Professor den Vorfall mitzuteilen, da dieser von der Verweigerung längerer Ferien für Artur in Kenntnis gesetzt werden mußte. Der Herr Professor antwortete darauf, er werde selbst über die Sache mit dem Institutsvorsteher verhandeln, Artur habe sich weiter nicht damit zu befassen.

Herr Kasteller und seine Frau hatten beschlossen, Fräulein Malwa sollte mit Squirrel erst einige Zeit nach der Abreise des Professors mit Artur ihre Reise nach Engelberg unternehmen; denn dem Herrn konnte man ja nicht zumuten, noch eine junge Dame und ein kleines unruhiges Mädchen im Gefolge zu haben. Als nun nach einigen Tagen Artur reisefertig dastand, überkam Squirrel ein ungeheures Mitleid. Sie mußte ein Mal ums andere ausrufen: »Du armer Artur, du armer Artur! Ganz allein mußt du so weit fortreisen mit einem Menschenfeind.« Aber Herr Kasteller schnitt den Jammer ab, führte Artur zum Abschiednehmen zu seiner Frau hinein, und unter vielen herzlichen Glückwünschen wurde der Junge von der freundlichen Familie verabschiedet und von Vater und Tochter zum Wagen hinunterbegleitet, wo er zum Herrn Professor hineinstieg und davonfuhr. Squirrel lief von einem Winkel in den andern, die Treppe hinunter und dann wieder hinauf und suchte immerzu und wußte nicht was. Arturs Gesellschaft war ihr so unentbehrlich geworden, daß sich mit seinem Verschwinden alle Dinge verändert hatten, so daß sie an nichts mehr Gefallen fand und wie ein ruheloser Vogel hin- und herirrte.

»Es ist ja begreiflich, daß ihr überall etwas fehlt«, sagte Herr Kasteller, als Fräulein Malwa sich über Squirrels Ruhelosigkeit beklagte. »Wenn man einen guten Kameraden gehabt hat und verliert ihn, so fehlt er uns überall. Es ist schade, daß der Junge nicht ihr Bruder ist, es wäre gut für Squirrel.«

»Eins wäre auch noch gut für Squirrel«, entgegnete Fräulein Malwa, »wenn sie ein wenig Lerneifer hätte, dann hätten Langeweile und Unheilstiften nicht soviel Raum bei ihr.«

»Ganz richtig, mein liebes Fräulein«, sagte Herr Kasteller, »hoffen wir, daß dieser sich noch einstelle, glücklicherweise haben wir noch Zeit vor uns. Fürs erste werden Sie nun reisen.«

Der Tag des Einpackens war gekommen, und geschäftig wanderte Squirrel hin und her, um zu holen und zu bringen, was in den Koffer kommen sollte. »Nun holst du dein Lesebuch und die Grammatik«, befahl Fräulein Malwa, die den Koffer packte.

»Nein, die nicht«, schrie Squirrel auf, »die geht nicht mit.«

»Die geht mit, und du bringst sie gleich samt dem Lesebuch«, wiederholte Fräulein Malwa bestimmt.

»Ich wollte nur gleich, daß –« die übrigen Worte sagte Squirrel nur in sich hinein. Sie brachte das Geforderte, die Grammatik reiste mit. Obschon Squirrel Papa und Mama nicht gerne zurückließ, so freute sie sich doch, dem Artur nachzureisen und zum Schutz bei ihm zu sein; denn wie mußte es doch dem armen Artur zumute sein, so allein mit dem Herrn Professor. Und noch eins erfüllte Squirrels Herz mit drängender Erwartung, den Engelberg zu sehen. Sie dachte, es sei ein hoher, sonniger Berg, auf dessen Spitze hoch oben im Himmelblau die kleinen Engel immerfort mit rosigen Flügeln hin- und herschwirrten.

So nahm sie getrost Abschied und zog mit Fräulein Malwa zu ihrer ersten Reise aus.

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