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Artur und Squirrel

Johanna Spyri: Artur und Squirrel - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorJohanna Spyri
titleArtur und Squirrel
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung / Reutlingen
year1937
firstpub1888
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20051020
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Im Hause Kasteller gibt es neue Aufregungen

Herr Kasteller hatte sich vom Frühstückstisch erhoben, an dem Fräulein Malwa noch mit den Kindern saß; er war immer ein wenig eilig des Morgens. »Nun haltet gute Freundschaft zusammen, bis ich wiederkomme«, sagte er, den Kindern die Hand bietend, »und du, Squirrel, vergiß nicht, was du mir versprochen hast, unser Gast darf kein Heimweh haben.«

»O nein, das vergesse ich gewiß nicht«, versicherte Squirrel.

Herr Kasteller ging zu seiner Frau hinüber: »Ich kann dir die volle Beruhigung geben, liebe Frau«, sagte er, »daß unser Gast der ruhigste Bürger, ein ganz wohlerzogener und gesitteter Mensch ist; deine Befürchtungen treffen ganz und gar nicht zu. Ich habe sogar die Überzeugung, daß sein Umgang auf die gar zu lebhafte Squirrel beruhigend wirken wird. So haben wir uns nur zu freuen über den Besuch; das wirst du aber selbst herausfinden, sobald er dir nach dem Frühstück seinen Antrittsbesuch machen wird. Ich hege auch die Hoffnung, daß er einen wohltuenden Einfluß auf Fräulein Malwa ausüben wird; er ist sicher ein erzbraver Schüler und Grammatiker; finden sie sich erst auf diesem Felde, so wird er alles Herzeleid gutmachen, das ihr die antigrammatikalische Squirrel verursacht. So sehe ich wirklich einer Zeit des Friedens und der Stille entgegen, wie unser Haus sie noch gar nicht gekannt hatte. Daraufhin nehme ich nun Abschied von dir, liebe Frau, auf Wiedersehen!«

Herr Kasteller ging. Kurze Zeit nachher trat Artur, von Squirrel geführt, bei ihr ein. Er setzte sich auf ihr Geheiß an das Sofa hin, auf dem sie lag, und war in all seinem Tun und seinen Worten so ruhig und geräuschlos, daß Frau Kasteller ein Wohlgefallen an ihm hatte. Sie freute sich auch, sein sinniges Wesen wahrzunehmen, da er ihr nun von seinem Leben im stillen Pfarrhaus bei Vater und Mutter erzählte. Sie entließ dann die Kinder bald, nahm sich aber vor, den Jungen öfters zu sich kommen zu lassen, um sich mit ihm zu unterhalten. Eben dachte sie bei sich, ob ihr Mann wirklich recht haben könnte mit dem Anbruch einer neuen Zeit der Stille und des Friedens in ihrem Hause, als plötzlich ein fürchterliches Gepolter ertönte, noch mehr, immer mehr, es war, als sollte das Haus unter Poltern und Gekrach zusammenstürzen, so dröhnte es durch die hohen Gänge. »Wo ist's denn? Was ist's denn?« hörte sie Fräulein Malwa in großem Schrecken ausrufen. Aufgeregtes Hin- und Herlaufen ließ sich auf dem Gang und treppauf, treppab vernehmen; dann ertönte von neuem das entsetzliche Gepolter, von einem dumpfen, unterirdischen Geschrei begleitet. Fräulein Malwa war die Treppe hinaufgestürzt, Frau Suse die Treppe hinunter. »Welch ein Anfang einer stillen Zeit!« seufzte Frau Kasteller auf ihrem Ruhebett, von dem sie sich nicht erheben konnte, um, wie sie gewünscht hätte, auch nachzusehen, was geschehen war.

Artur kam aus der Kinderstube herausgestürzt; er lief erschrocken hinauf und dann wieder herunter. Squirrel war nirgends zu sehen. »Es ist Squirrel, glaube ich«, rief Artur hinauf, als die dumpfen Schreie wieder ertönten, wie aus einem vermauerten Loch im Treppenhaus.

»Ich weiß wo! Ich weiß wo!« rief Frau Suse und kam wieder die Treppe herabgelaufen.

Gleich nachher ertönte Squirrels Stimme in befreiter Weise, jedoch mit verdoppeltem Schreien und Schluchzen, nun das Kind auf die ausgestandenen Schrecken zurückschaute. Frau Suse besänftigte die Aufgeregte mit vielerlei Trostworten, besonders damit, daß der Schrecken ja nun vorüber sei. Aber Squirrel rief immer wieder: »Wenn ich doch erstickt wäre!« und im Rückblick auf diese Möglichkeit schrie sie neuerdings auf.

Jetzt kam Fräulein Malwa entgegengelaufen. »Was ist denn los? Was hast du gemacht?« rief sie halb in Schrecken und halb in Ärger aus, nun sie sah, daß Squirrel mit unversehrten Gliedern herankam.

»Ja, ja, wenn Sie nur wüßten, wie es war«, schluchzte Squirrel. »Ich wollte nur die Treppe hinunter, und auf einmal kam der Herr Professor heruntergelaufen, und der alte Schrank stand offen, und dann, oh, oh!« schrie Squirrel in der schrecklichen Erinnerung auf.

»Dann hat er dich in den Schrank eingesperrt«, ergänzte Fräulein Malwa. »Du wirst dich wohl danach aufgeführt haben, du hast ihn natürlich beleidigt.«

»Er hat mich gar nicht eingesperrt«, rief Squirrel, noch einmal aufschluchzend im Schmerz des Erlittenen, »ich habe ja den Herrn Professor –«

»Was! Du hast den Herrn Professor eingesperrt? Du bist doch ein schreckliches und unbegreiflich freches Ding. Wie hast du das gemacht?«

Diese Vorstellung ernüchterte Squirrel plötzlich vollständig; der Schrecken wich gänzlich aus ihrem Gesicht. »Ja, das wäre schön, wenn ein Herr Professor in einem Schrank so täte, wie ich getan habe«, sagte sie in Selbsterkenntnis.

»Ach was, kein Mensch versteht, was du berichtest«, sagte Fräulein Malwa geärgert. »Komm zur Mutter herauf, sie will wissen, was mit dir ist.«

Squirrel gehorchte. Hier kam nun klar zutage, was sich ereignet hatte. Auf dem Absatz zwischen den beiden Treppen stand ein uralter hoher Schrank, in den Frau Suse gern alle wenig gebrauchten Dinge hineinsteckte, in dem sie eben herumgekramt und dessen feste Tür sie nur angelehnt hatte. Als Squirrel den Herrn Professor hinter sich herlaufen hörte und er ihr nahe kam, flog sie in ihrem Schrecken vor ihm in den Schrank hinein und zog die Tür an sich. Das feste Schloß klappte zu, und Squirrel war im engen dunkeln Raum eingeschlossen. Ein fürchterlicher Schrecken befiel sie, niemand werde sie mehr finden, in dem dunkeln Loch müsse sie nun ersticken. Sie stieß in Verzweiflung mit ihren Stiefeln an die Tür, was in den hohen Gängen ein ungeheures Echo erweckte. Dazu schrie sie aus allen Kräften ohne Unterlaß; denn ihr Schrecken wurde immer größer, bis Frau Suse kam und sie erlöste.

»Warum machst du denn solches Zeug, Squirrel?« sagte die Mutter, als die Erzählung zu Ende war. »Du hast dich ja gar nicht zu fürchten vor dem Herrn Professor, wenn du nichts Böses getan hast; was sollte er dir denn zuleide tun? Er hätte dich wohl gar nicht beachtet!«

»O ja, Mama, vielleicht weißt du's nur noch nicht«, entgegnete Squirrel ernsthaft, »der Herr Professor ist ein Menschenfeind, Fräulein Malwa weiß es.«

»Das hat wohl Fräulein Malwa gar nicht so gemeint, wie du's verstanden hast«, fiel schnell die Mutter ein, und schnitt damit den Ausbruch einer großen Erregtheit ab, die sich auf Fräulein Malwas Gesicht zeigte. »Geh du nun zu deinem neuen Spielgenossen, der ja ganz allein ist; ich will selbst von Fräulein Malwa hören, was sie von dem Herrn Professor weiß.«

Squirrel ging. Unten im Kinderzimmer saß Artur, den Kopf auf die Hand gestützt; er schaute unverwandt nach einem der Bildchen an der Wand.

»Welches gefällt dir so gut?« fragte Squirrel eintretend und Arturs aufmerksame Betrachtung wahrnehmend.

»Das mit den Bäumen«, sagte er. »So war es gerade bei uns. So standen die Tannen und die Lärchenbäume bis hinauf, und von oben kamen die Bäche herunter und rieselten so schön. Dann war es wieder Frühling. Oh! und dann hörte ich es so rauschen und rieseln vom Garten aus, daß ich hinauslaufen mußte, zum Lärchenhügel hinauf, oh, das war so schön!« Artur legte seinen Kopf auf den Arm und stöhnte leise.

»Du mußt nicht weinen, Artur, siehst du, ich kann schon machen, daß du das hier auch hören kannst«, sagte Squirrel beschützend, »sei nur nicht traurig! Wart nur, du wirst schon noch fröhlich werden, glaube mir's nur!« Jetzt schleppte Squirrel ihr großes Bilderbuch herbei. »Sieh, hier kannst du noch viele schöne Bilder sehen und die Geschichten dazu lesen. Wart nur, ich zeige dir gleich eines.« Mit Geschäftigkeit blätterte Squirrel hin und her. »Hier«, rief sie erfreut, »hast du das auch schon gesehen?«

Artur hatte seine Tränen weggewischt, er schaute auf das Blatt. »Nicht auf einem Bild, nein«, entgegnete er; »aber so war es nun gerade bei uns im Herbst. Jeden Abend trieben die Buben, die auf den Wiesen die Kühe gehütet, diese dann heim, und jede hatte eine solche Glocke. Oh, das tönte so schön, so schön!«

»Siehst du, jetzt wirst du schon wieder traurig«, fiel Squirrel ein, »du mußt schnell etwas anderes ansehen, das dich nicht traurig macht; such dir etwas! Sieh, ich habe nun etwas Wichtiges vor, kannst du ein wenig allein sein?«

»Ja, das kann ich schon, ganz gut«, versicherte Artur, sich weiter in das schöne Buch vertiefend.

Squirrel verschwand. Auch am Nachmittag hatte Squirrel dringende Geschäfte. Um aber zu verhüten, daß Artur sie zu sehr vermisse, brachte sie ihm erst drei andere Bücher, ein großes Kugelspiel und eine Musikdose herbei, damit er sich immer wieder in einer anderen Art vergnügen könne. Endlich erschien Squirrel wieder freudestrahlend. »Jetzt komm mit mir, Artur«, rief sie ihm entgegen, »nun sollst du gleich sehen, ob man bei uns das Heimweh haben muß, komm nur schnell!«

Artur folgte ihr erwartungsvoll.

Sie führte ihn die Treppen hinauf. An der großen Glastüre oberhalb der ersten Treppe ging sie, ganz leise auf den Zehen trippelnd, vorüber. »Da drinnen wohnt der Herr Professor«, sagte sie geheimnisvoll, »weißt du, der Menschenfeind, gib recht acht, daß deine Schuhe nicht so krachen!« Nun ging es wieder eine hohe Treppe hinauf, dann kam eine schöne Estrichdiele, so groß, daß man recht Lust bekommen konnte, darauf herumzujagen. Aber Squirrel hatte das gar nicht im Sinn. »Siehst du, dort geht eine lange Treppe noch viel höher hinauf«, zeigte sie ihrem Freunde mit ausgestrecktem Arm, »dort mußt du aber nicht hinauf, nur ich allein, und du kannst hierbleiben. Du mußt dich nur dort auf die kleine Kiste setzen und ganz ruhig sitzen bleiben, dann kommt's auf einmal.«

»Was kommt dann?« wollte Artur wissen; aber Squirrel war schon weit oben auf der Treppe und gab keinen Bescheid mehr. Artur setzte sich gehorsam auf die Kiste. Es kam nichts.

Als er so ganz still weiter saß, schrie endlich Squirrel von oben herunter: »Hörst du denn nichts?«

»Nein«, rief Artur zurück, spitzte aber die Ohren. »Ich glaube, die Dachtraufe tropft, das höre ich«, rief er wieder. Das Tropfen wurde stärker; nun tönte es so, als tropfte ein wenig Wasser zu anderem Wasser. Artur verwunderte sich, daß es so seltsam hereinregne droben; er blieb ganz still.

»Hörst du denn immer noch nichts?« rief Squirrel jetzt ungeduldig.

»Nichts Besonderes, vielleicht regnet's ein wenig; das hör ich.«

»So wart nur, jetzt kommt's«, schrie Squirrel verheißend.

Plötzlich – hu! hu! Artur floh in die hinterste Ecke der Diele. Ein voller Wasserstrom stürzte über die Treppe nieder und spritzte hoch auf von den Stufen. Der hölzerne Zuber kam mit Gepolter nachgerollt.

»Hat's dich getroffen?« rief Squirrel erschrocken herunter.

»Nein, aber woher kam denn das Wasser?« tönte die Antwort ganz fern aus der Ecke hervor.

Squirrel stieg nun ganz behutsam die erste Treppe hernieder. Unten lief das Wasser über die Diele hin wie ein ruhiges Bächlein. »Komm, wir gehen nun zur Suse hinunter, die macht dann alles wieder in Ordnung. Komm nur aus der Ecke hervor«, sagte Squirrel ermunternd, »es ist nichts Furchtbares, unten erzähl ich dir dann schon, was es war.«

Jetzt kehrten die beiden zusammen wieder nach der Kinderstube zurück, wo Frau Suse gleich von dem Vorfall benachrichtigt wurde. Sie stieg eilends nach der Diele hinauf. Gleich darauf wurden die Kinder zu Tisch gerufen; es war spät geworden während der Unterhaltung auf dem Dachboden. Schon war Herr Kasteller seit einiger Zeit nach Hause gekommen; er hatte sich noch mit seiner Frau unterhalten und von ihr vernommen, in welcher Weise die stille Zeit am Morgen begonnen hatte.

»Das hängt nun weiter nicht mit dem Gast zusammen«, meinte Herr Kasteller, »auch ohne den hätte Squirrel ihre Tat ausführen können, da sie nun einmal den unbegründeten Schrecken vor dem Professor hat; den hat Fräulein Malwa bei ihr mit dem Namen Menschenfeind erweckt.«

»Wie sie nur zu diesem Beinamen kommt? Sieht denn der Professor so feindselig aus?« fragte Frau Kasteller.

»Nicht gerade; etwas seltsam Abweisendes hat er schon«, meinte Herr Kasteller. »Daß er Menschenfeind sei, hat seine Haushälterin erfunden und Fräulein Malwa mitgeteilt. Diese hat unglückseligerweise das Wort vor Squirrel ausgesprochen, da sitzt es nun fest. Ich habe noch kein Wort mit ihm gewechselt, seit er im Hause ist; das heißt, er nicht mit mir. Er weicht jeder Annäherung aus. Ganz sichtlich geht er mir aus dem Wege, wenn ich versuche, an ihn heranzukommen, um einmal ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Mir ist es lieb, wenn wir im Hause in keiner Weise an ihn herankommen, da er so abweisend ist.«

Herr Kasteller ging hinüber, sich mit den Kindern zu Tisch zu setzen. Sie sollten ihm nun erzählen, wie sie ihren Tag zugebracht hätten, und ob Artur sich gut in seinem Hause eingelebt habe. In diesem Augenblick wurde vom Herrn Professor eine Botschaft gesandt; Fräulein Malwa ging, sie in Empfang zu nehmen. Sie trat sehr aufgeregt wieder herein. »Der Herr Professor läßt Herrn Kasteller bitten, er möchte Ordnung in seinem Hause schaffen. Ohne daß nur der leiseste Regen gefallen sei, habe es von der Decke im Zimmer des Herrn Professors so zu tropfen begonnen, daß ihm Schriften und Bücher davon verdorben seien.« Sie warf dabei einen Blick auf Squirrel, der nicht undeutlich verriet, wo sie die Quelle des Unheils vermutete.

»Weißt du etwas von diesem Vorgang?« fragte der Vater ernst, zu Squirrel gewandt.

»Ja, freilich, Papa; aber daß es so stark kam, habe ich nicht mit Fleiß gemacht; aber wenn es nicht so gekommen wäre, so wäre es ganz so gewesen, wie es mußte, und du hast ja gesagt, ich müsse machen, daß der Artur kein Heimweh bekomme. Nur das habe ich gemacht, sonst gar nichts«, versicherte Squirrel.

»Ich versteh kein Wort. Erzähl mir klar und von Anfang an, was du getan hast«, befahl der Vater.

Nun kam der Vorgang deutlich zutage. Squirrel wollte dem Artur die Freude bereiten, daß er die Bäche seiner Heimat zu Tal rinnen höre. Suse mußte helfen. Sie hatte einen großen Zuber mit Wasser gefüllt, der stand auf einem Koffer. Auf dem Boden stand ein anderes leeres Gefäß. Das volle war aber ganz künstlich so schräg gestellt, daß immer etwas Wasser in das leere heruntertropfte. Nach und nach sollte Squirrel ein wenig mit den Händen nachhelfen, so hatte Frau Suse ihr gesagt. Alles ging nun ganz gut; aber wie auch Squirrel mit den Händen nachhalf, Artur wollte immer noch nicht in Entzücken geraten über das bekannte Bachrauschen. Nun wußte Squirrel Rat. Es war zu leise, das Rauschen mußte viel stärker sein. Sie stemmte sich fest gegen die Kaminwand und stieß mächtig mit dem Fuß gegen den Zuber, damit das Wasser etwas reicher herausquille. Jetzt überschlug sich das Gefäß, und die ganze Wassermasse kam auf einmal herunter.

»Wer wird aber auch Wasserbäche nachmachen wollen! Was ist das für eine wahnwitzige Idee von dir, Squirrel«, rief der Vater aus, als sie mit ihrer Beschreibung zu Ende gekommen war. »Deine Absicht war ja gut, aber solch schreckliches Zeug mußt du nicht erfinden. Ich muß Sie bitten, Fräulein Malwa, daß Sie hinaufgehen und in meinem Namen den Herrn Professor um Entschuldigung bitten, ihm auch erklären, wie die Sache gekommen, und daß ich gern zu aller Entschädigung, die er wünsche, bereit sei.«

Fräulein Malwa ging und brachte den Bericht zurück, der Herr Professor habe sich nicht gezeigt und ihr nur durch Frau Monrad sagen lassen, das einzige, was er von Herrn Kasteller wünsche, sei, daß dieser ähnliche Vorfälle in seinem Hause verhüten möge.

Als am andern Morgen Herr Kasteller sich wieder zum Weggehen rüstete, schärfte er Squirrel nochmals ein, für Artur eine unterhaltende Gesellschafterin zu sein, aber keine solchen nassen Freuden mehr zu erfinden. »Gar nichts derartiges mehr«, fügte er ermahnend hinzu. »Ihr bleibt hübsch im Trockenen zusammen und spielt in einer Weise, daß andere auch im Trockenen bleiben können.«

Squirrel bezeugte ernstlich, heute würde es ganz anders sein. Wirklich sollte es heute noch ganz anders kommen, als es gestern war. Bei seiner Heimkehr am Abend konnte Herr Kasteller nicht einmal ruhig zum Zimmer seiner Frau gelangen, was sonst täglich beim Heimkommen sein erstes war. Heute stürzte ihm Fräulein Malwa schon auf der Treppe entgegen: »Es ist ganz entsetzlich, Herr Kasteller, und wird immer ärger!« rief sie ihm in höchster Aufregung entgegen. »Da läßt der Herr Professor sagen. Sie möchten doch gleich zu ihm heraufkommen, um den Höllenlärm mitzugenießen, der über seinem Kopfe tobe. Und das alles ist wieder von Squirrel veranstaltet, von diesem schrecklichen Kinde, das kein Mensch zähmen kann. Es fürchtet sich vor nichts, alle Drohungen gleiten ab an ihm wie Öl vom Wasser. Freilich, natürlich, weil man sie eben nie ausführen kann.«

»Da haben Sie ganz recht, liebes Fräulein, leere Drohungen können keinen Eindruck machen«, bestätigte Herr Kasteller. »Ich bin überhaupt nicht für Drohungen; dagegen werde ich entschieden eine Strafe finden, die Squirrel fürchtet, das weiß ich, sie wird den Professor nicht mehr belästigen. Was hat sie denn jetzt wieder angestellt? Da kommt sie, sie soll es mir selbst erzählen, sie weiß am besten, wie sie diesen neuen Spektakel herbeigeführt hat.«

Squirrel kam ein wenig zerknirscht heran. »Es ist gewiß nichts Nasses, Papa, gewiß nicht, sie waren alle im Trockenen und der Herr Professor auch«, sagte sie, doch ein wenig kleinlaut.

»Komm, erzähle mir selbst, was du getan hast«, sagte der Vater, das Kind in die Stube hineinführend, wo Artur sehr erschrocken aussehend in einer Ecke saß.

Squirrel hatte sich schon wieder etwas erholt; denn des Vaters Angesicht sah nicht so fürchterlich aus, wie Fräulein Malwa gedroht hatte. Er hatte sich gesetzt. Sie stellte sich vor ihn hin: »So, Papa, nun will ich dir alles erzählen«, begann sie, »dann kannst du sehen, warum es so kam. Weißt du, Artur wollte alle Augenblicke wieder traurig werden und das Heimweh bekommen; aber ich hatte schon etwas mit den Gärtnersbuben vorbereitet, ich brauchte sie nur zu holen. Und wie wir nun mit dem Domino fertig waren, schaute Artur schon wieder so traurig an die Wand, weil er dort die Bäume sieht, die sind wie die seinigen daheim. Da habe ich schnell die vier Buben geholt, und sie brachten auch noch vier Freunde mit. Dann ging ich mit ihnen auf die obere Diele, und Suse kam und half mir. Sie hatte viele alte Glocken gesucht, von den Türen, und auch eine große alte Hausglocke war dabei und für mich ein Stecken mit einer Schnur daran, ich war der Hirtenbub. Dann haben wir jedem eine Glocke um den Hals gebunden, und Artur mußte auf der unteren Diele sitzen und warten; er wußte gar nicht, was nun kam. Dann sind wir die Treppe heruntergekommen, weißt du, Papa, so wie die Kühe von der Bergweide und hinterdrein der Hirtenbub. Es klang so schön, alle die Glocken die Treppe herunter. Artur machte ganz erstaunte Augen. Darum sagte ich unten: Jetzt könnt ihr hier auf der schönen Weide ein wenig grasen, weil da so schön Platz war und auch damit Artur noch ein wenig die schönen Glocken hören konnte. Da kam es den Buben in den Sinn, die Kühe auf der Weide nachzuahmen, und auf einmal machten sie furchtbare Sprünge und stießen die Köpfe aneinander, weißt du, das waren die Hörner, und die Glocken schallten so laut durcheinander, und dann kletterten sie auf die hohen Koffer hinauf, weißt du, so auf die Felsen, und sprangen gegeneinander; denn dort droben waren die Kühe wild geworden, und eine sprang über die andere herunter. Oh, es war so furchtbar lustig, was sie taten!«

Squirrel brach in lautes Lachen aus, die Erinnerung an diese Sprünge war zu mächtig in ihr.

»Ich begreife den Herrn Professor«, sagte Herr Kasteller, der mit einiger Mühe sein ernsthaftes Gesicht während der Schilderung beibehalten hatte. »Hast du denn auch keinen Augenblick nachgedacht, was die Sprünge und das Glockengeschell für einen Eindruck auf den Herrn Professor machen mußten, der seine Stube gerade unter der Diele hat?« fragte er jetzt, als Squirrel sich wieder beruhigt hatte.

»O nein, den hatte ich ganz vergessen, es war so furchtbar lustig anzusehen! Oh, Papa, wenn du nur dabei gewesen wärest!«

»Nein, das wünsche ich nun wirklich nicht«, bezeugte der Vater, »und siehst du, Squirrel, obschon du wieder etwas Gutes für Artur tun wolltest, so hast du dem Herrn Professor neuerdings einen solchen Mordskandal über dem Kopfe gemacht, daß du ihn dafür um Verzeihung zu bitten hast und zwar diesmal du selbst, nicht Fräulein Malwa, wie gestern.«

Squirrel schaute in unverkennbarem Schrecken den Vater an. Jetzt kam Artur aus seiner Ecke herbei, und mit einer reuigen Missetätermiene stellte er sich vor Herrn Kasteller hin und sagte: »Es ist mir leid, auch ich habe stark gelacht, auch ich habe nicht an den Herrn Professor gedacht.«

»Nein, nein, Artur, so ist es nun nicht gemeint«, sagte Herr Kasteller sehr freundlich, »du hast die Sache überhaupt nicht angestellt. Daß du lachen mußtest, ist ja begreiflich, ich hätte wahrscheinlich auch lachen müssen.«

»O ja, Papa, du hättest furchtbar lachen müssen«, bestätigte Squirrel schnell, »denke nur die Sprünge und das schreckliche Glockengeschell und die rasenden Kühe.«

»Nun schweigst du, kleiner Unfug, und sofort, bevor du noch dein Nachtessen einnimmst, gehst du zum Herrn Professor hinauf und bittest ihn um Verzeihung«, befahl der Vater.

»Oh, Papa, das kann ich gewiß nicht tun! Oh, das kann ich nicht«, wimmerte Squirrel.

Aber der Vater blieb unerbittlich fest. »Nein, du gehst, Squirrel, es hilft alles nichts, und zwar gehst du sogleich!« befahl er.

»Darf ich nicht für sie gehen und um Verzeihung bitten, weil ich doch dabei war?« fragte Artur schüchtern.

»Nein, Squirrel muß selbst gehen, und nun besinne dich nicht mehr! Komm, hier geht's hinauf.«

Herr Kasteller machte die Tür auf und führte Squirrel zur Treppe hin.

»Oh, Papa, ich komme vielleicht nie mehr zurück, leb wohl!« stöhnte Squirrel kläglich.

»Doch, doch, du kommst schon wieder, dein Nachtessen wartet auf dich. Jetzt nur frisch!« ermunterte der Papa.

Nun zog er sich zurück, Artur mit sich nehmend; denn solange Squirrel noch jemand da hatte, würde sie wohl immer noch versuchen, die gefürchtete Strafe aufzuschieben. Als die Zimmertür sich schloß und Squirrel allein dastand, schaute sie die Treppe hinauf und seufzte tief auf wie einer, der eine lange schwere Büßerfahrt vor sich hat. Auf der vierten Stufe setzte sie sich nieder und begann nachzudenken, was sie nun tun sollte, wenn der Herr Professor sie einsperren würde. Das wäre doch schrecklich. Und dazu in einen Ort, den sie gar nicht kannte. Oh, der fürchterliche Herr Professor! Was sollte sie nur tun. Wenn sie noch so laut schreien würde, Suse könnte sie nicht hören. Oh, wie schauderhaft! Squirrel mußte ein wenig über ihre Lage in dem unbekannten Versteck weinen. Endlich stand sie wieder auf und stieg mehrere Stufen weiter. Dann setzte sie sich wieder hin. Jetzt fing sie an nachzudenken, was sie denn dem Herrn Professor getan hatte, daß sie zu dieser großen Strafe gekommen war: zuerst das Wasser, das dem Herrn Professor vielleicht auf den Kopf getropft war; dann der Lärm, daß er vielleicht nicht mehr lesen konnte – aber als sie nun an den Lärm dachte und die Sprünge der tobenden Bergkühe vor sich sah, mußte sie auf einmal hell auflachen. In diesem Augenblick öffnete sich oben die Tür der Wohnung; Frau Monrad trat heraus. Squirrel legte nun den Rest der Stufen zurück, und vor die Frau hintretend sagte sie:

»Ist der Herr Professor etwa schon im Bett?«

»Nein, das ist er nicht, erst gehören die kleinen Unheilstifter dahin und andere unnütze Leute, lange bevor die Professoren dran kommen. Was willst du mit dem Herrn Professor?« fragte Frau Monrad dagegen.

»Wollen Sie ihm sagen, es sei mir leid mit dem Wasser und mit dem Lärm?«

Squirrel hatte schon den Rückweg angetreten; aber Frau Monrad hielt sie fest: »Nein, nein, so geht's nicht«, sagte sie, »gehe nur selbst hinein und sage, was du zu sagen hast. So brennend leid wird's dir nicht sein, wenn du noch auf der Treppe lachen kannst wie eine Rohrdommel. Da spazier hinein.« Jetzt war's aus, Squirrel mußte hinein.

Wie mußte es ihr da drinnen ergehen, wenn es schon da draußen so tönte! Frau Monrad hatte geklopft und dann die Tür zum Zimmer ihres Herrn weit aufgemacht. »Es ist Besuch für Sie da, Herr Professor«, rief sie hinein und ging.

»Sie wissen, daß ich keinen Besuch annehme«, rief der Herr zurück, so grimmig, daß Squirrel erbebte. Sie blieb regungslos an der Türe stehen. Jetzt schaute der Herr Professor auf. Er hatte einen dichten schwarzen Bart und breite schwarze Brauen über den Augen, die jetzt verwundert auf Squirrel blickten. »Bist du der Besuch, Kleine?« fragte er mit ganz veränderter Stimme.

»Ja, es ist mir leid, daß ich das Wasser und den Lärm über Ihrem Kopfe gemacht habe«, sagte Squirrel so schnell als möglich und hatte schon den Rückweg angetreten.

»Halt! Halt! Wir sind noch nicht fertig!« rief der Herr Professor. »Komm hier zu mir her. So, und nun erkläre mir, warum erfindest du so ungewöhnliche Unterhaltungen? Hast du Freude daran, die Leute zu erschrecken?«

»Nein, nicht darum, aber weil der Artur das Heimweh hatte«, entgegnete Squirrel.

»Sonderbares Mittel gegen Heimweh«, sagte der Professor. »Ist Artur dein Bruder? Wenn er daheim ist, warum hat er denn Heimweh?«

»Artur ist gar nicht mein Bruder, er ist unser Gast«, berichtigte Squirrel. »Es ist Artur Stein aus Lärchenhöh in der Schweiz. Und weil sie ihm seine Heimat genommen haben und er nicht mehr heimgehen kann, nie mehr, und weil er nun keine Heimat mehr hat, darum hat er das Heimweh und ist traurig. Und der Papa hat mir gesagt, ich soll ihm Freunde machen, daß er das Heimweh vergißt, und ich wußte schon, was ihm Freude macht, weil er das alles daheim gehört hat.«

Der Herr Professor hatte sehr nachdenklich zugehört: »Nun fange ich an, dein Tun etwas zu begreifen«, sagte er. »Nun hör, Kleine, da du alles um deines Freundes willen getan hast, so steht es ihm an, daß er mir auch einen Besuch macht; er hat sich zu entschuldigen über den Lärm, das sag ihm, und ich erwarte ihn morgen.«

»Ja, ich will's tun. Gute Nacht, Herr Professor«, sagte Squirrel jetzt eilig streckte ihre Hand hin, zog sie dann schleunig wieder zurück, als könnte sie nicht schnell genug fortkommen, und rannte davon. Jetzt war sie unten. Ganz gemütlich saß der Papa am Tisch, Artur neben ihm, sie hatte sich nur an ihren Platz zu setzen.

»Na, und wie ist's gegangen?«, fragte der Vater, als Squirrel mit großem Behagen sich auf ihrem Stuhl breit machte und in stillem Vergnügen von Papa zu Artur und dann über den ganzen Tisch hin sah.

»Oh, gut!« antwortete sie tief aufatmend; »aber ich bin so froh, daß ich wieder daheim bin, zuletzt kam es mir wieder in den Sinn, daß er ein Menschenfeind ist.«

»Daß doch diese lächerliche Idee dir nicht mehr aus dem Kopfe zu bringen ist«, sagte der Vater, »ich hoffte, du würdest vernünftig, wenn du den Herrn näher siehst; war er denn so schrecklich?«

»Nein, Papa; aber wie es mir in den Sinn kam, bin ich schnell fortgelaufen.«

»Erzähle mir jetzt, wie es ging, das ist doch etwas Wirkliches; von deiner Einbildung wollen wir nichts hören«, sagte der Vater bestimmt. Squirrel erzählte nun, wie es ihr ergangen war, und atmete zwischendurch immer wieder mit einer Erleichterung auf, als wäre sie eben aus dem Rachen eines Löwen gerettet worden. »Jetzt kommt noch das Ärgste«, setzte Squirrel auf einmal hinzu, als Herr Kasteller schon aufstehen wollte, um seiner Frau Bericht zu erstatten: »Der Herr Professor hat noch befohlen, daß Artur morgen auch zu ihm komme; denn er habe auch Ursache, um Entschuldigung zu bitten.«

»Ja, das will ich schon tun«, sagte Artur willig.

»Er tut dir nichts, du mußt dich nicht fürchten«, meinte Squirrel nun tröstend, da sie es überstanden hatte.

»Ein sonderbarer Herr muß er doch sein, daß er das verlangt«, bemerkte Herr Kasteller kopfschüttelnd und ging nun zu seiner Frau hinein, um das Vorgefallene mit ihr zu besprechen.

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