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Artur und Squirrel

Johanna Spyri: Artur und Squirrel - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorJohanna Spyri
titleArtur und Squirrel
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung / Reutlingen
year1937
firstpub1888
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20051020
projectidee54e74e
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Das Leben im Haus Kasteller

Die Kinderstube im Hause Kasteller lag zu ebener Erde. Durch die großen Flügeltüren, die im Sommer immer offen standen, konnte man weit hinaus in den Garten schauen, bis zum großen Hof hinüber, wo das Häuschen des Gärtners stand. Das war für Squirrel sehr angenehm; so war sie immer halb im Garten und konnte auch sehr leicht zum Gärtnerhaus hinübergelangen, was besonders erfreulich für sie war, da sie mit den vier Buben des Gärtners, die ihre ergebenen Freunde waren, sehr viel zu verhandeln, oft auch ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen hatte. Allerlei notwendig auszuführende Dinge konnten nur unter ihrer Mitwirkung zustande kommen.

Eben jetzt lief Squirrel in großer Geschäftigkeit vom Garten ins Zimmer herein und wieder vom Zimmer in den Garten hinaus. Draußen standen die vier Gärtnerbuben an der Tür mit vier großen Körben voll Efeu, Gesträuch und Beerenzweigen, Ranken und Feldblumen.

»Suse, Suse!« schrie Squirrel jetzt aus vollem Halse ins Haus hinein, und es währte auch gar nicht lange, so kam die stets bereite hilfreiche Pflegerin und Beschützerin herbeigelaufen, um zu sehen, was fehle.

Eben schlug die große Uhr draußen auf dem Flur neun Uhr. Squirrel zog die gute Freundin zu den Knaben hinaus und redete sie im höchsten Eifer wegen allerlei Arbeit an, die nun getan werden sollte.

Aber Frau Suse hielt den Redestrom an und sagte: »Nicht jetzt, Squirrel, nachher; es hat neun geschlagen, und das Fräulein ist schon oben im Lehrzimmer. Lauf schnell und sei heut recht fleißig; weißt du, so recht brav, daß sie dich auch gleich um elf Uhr losläßt und du nicht etwa nachsitzen mußt. Dann komm nur schnell, ich mache vorher alles zurecht und arbeite dir vor.«

»Ja, aber die Blumen, Suse; ich muß es den Buben noch einmal sagen«, wandte Squirrel ein, und wollte den vieren ihre Erklärung erneuern.

Aber die Alte ließ es nicht zu: »Lauf, lauf, Squirrel, sonst gibt's Strafe; ich mache alles in Ordnung, Blumen und alles. Geh nur schnell, so kommst du zur rechten Zeit wieder; um elf Uhr machen wir dann alles fertig.«

Jetzt lief Squirrel und kam ins Lehrzimmer hinaufgestürzt. Fräulein Malwa saß schon an ihrem Platz, Buch und Hefte lagen bereit.

»Endlich! Der Lerneifer ist nie sehr groß bei dir«, sagte sie und rückte der Schülerin das Buch hin, daß sie zu lesen beginne.

Aber heute schien ein neuer Geist die Schülerin zu beseelen. Sie begann ihre Leseübungen und fuhr fort und fort, ohne ein einziges Mal nach den summenden Fliegen am Fenster oder nach der fleißig tickenden Uhr an der Wand zu schauen, ohne eine einzige unnütze Frage an die Lehrerin zu richten, was sonst gar nicht selten inmitten völlig unzertrennbarer Sätze geschah, ohne ein einziges Mal zu seufzen, als wollte sie ihr schweres Los andeuten. Fräulein Malwa schaute sie ein paarmal verwundert an.

Als die Lesestunde zu Ende war, begann die Schreibübung. Squirrel schrieb darauf los, als wäre es ihre Lieblingsbeschäftigung.

»Nur langsam, nur nicht eilen«, mahnte die Lehrerin; aber Squirrel fuhr fort, zu schreiben und zu schreiben, als könnte sie gar nicht genug bekommen. Ein einziges Mal hob sie den Kopf in die Höhe und schaute nach der Uhr. Nur noch zehn Minuten bis elf Uhr zeigte diese. Squirrels Feder füllte vor Eifer Blatt um Blatt.

»So«, sagte plötzlich Fräulein Malwa, »heut bist du einmal halbwegs, wie du sein solltest. Bei dir muß man aber das Eisen schmieden, wenn es warm ist; nun wollen wir auch gleich noch ein wenig Grammatik treiben.«

»Nein, nein, nur nicht Grammatik«, schrie Squirrel auf; »es ist gleich elf Uhr, und bei der Grammatik muß ich immer tausendmal dasselbe sagen, weil ich es nie recht weiß, und das ist schrecklich und währt furchtbar lange.«

»Schäm dich doch, nichts lernen zu wollen«, sagte Fräulein Malwa strafend. »Du solltest nun wirklich in dem Alter sein zu begreifen, daß es ein Vorteil ist zu lernen, und solltest Freude daran haben, Fortschritte zu machen. Du bist acht Jahre, und ich kannte einen Schüler, der war noch nicht neun –«

»Ja, ich weiß schon, er heißt Adolf; Sie haben es schon dreimal gesagt!« rief Squirrel hastig, als könnte sie dadurch schneller fortkommen.

»Sei nicht unverschämt, Squirrell – Und das sag ich dir«, fuhr Fräulein Malwa weiter fort, »seine Grammatik kannte der neunjährige Adolf, wie du kaum dein Abc kennst, und das ist zum Schämen für dich, das solltest du fühlen. Nun komm, was du gestern gelernt hast, das wiederholst du mir jetzt.«

»Oh, nun schlägt's elf Uhr« schrie Squirrel wie außer sich, »und nun soll ich noch anfangen, und dann muß ich's immer noch einmal sagen; und nun erwartet mich Suse, und wir werden nicht mehr fertig. O nein, nur heut nicht; morgen dann!«

Squirrel war vom Stuhl gesprungen, der Tür zugerannt und hatte diese aufgerissen. Aber Fräulein Malwa hielt sie unter der offenen Tür fest und wollte ihr erklären, daß es nur zu ihrem eigenen Besten sei, wenn ihre Lehrerin von ihr begehre, daß sie etwas Rechtes lerne; das tue die Lehrerin nur, um die Schülerin zu fördern, und nicht zu ihrer eigenen Freude, und Squirrel sollte dankbar und nicht so störrisch gegen sie sein. Aber Squirrel dachte nur noch an ihr Vorhaben, die Stunde war ja zu Ende; sie rief immer lauter, nun müsse sie gehen, sonst werde sie nicht mehr fertig.

Jetzt kam Frau Suse die Treppe herauf; sie hatte unten den Lärm vernommen und gleich verstanden, worum es sich handle, da Squirrel nicht erschien und elf Uhr nun längst vorbei war.

»Suse, komme und hol mich!« schrie ihr Squirrel entgegen, »die Stunde ist aus, und nun soll ich noch Grammatik lernen.«

»In diese Sache haben Sie sich wohl nicht zu mischen«, sagte Fräulein Malwa kurz, als sich Frau Suse entschlossenen Schrittes näherte.

»Die Unterrichtsstunde ist doch zu Ende, und nachher ist jedem Schüler ein Augenblick der Freude zu gönnen; das wäre meine Meinung«, sagte Frau Suse ganz zahm und langsam; denn sie wollte das Spiel nicht verderben.

Aber Fräulein Malwa wollte keine Einmischung in eine Sache dulden, die sie am besten verstehen mußte; sehr abweisend entgegnete sie: »Wenn von Waschtrog und Zimmerputzen die Rede ist, können Sie Ihre Meinung abgeben; der Unterricht ist nicht Ihr Feld; Sie werden wohl kaum wissen, was die Kenntnis der Grammatik im Leben zu bedeuten hat.«

»Kann sein, und bin doch mit Ehren sechsundsechzig Jahre alt geworden«, fuhr jetzt Frau Suse auf und stemmte ihre Arme in die Seite, zum Zeichen, daß sie von dem Schlag nicht eingeschüchtert sei. »Und wissen Sie was, Fräulein, es gibt dann noch manches, was der Mensch für sein Fortkommen und Wohlergehen kennen und erlernen muß; das geht der Grammatik noch vor; und wäre das, was Sie meinen, das Allererste und Wichtigste für den Menschen, so würde geschrieben stehen: ›Am Anfang schuf Gott eine Grammatik‹; aber es steht anders geschrieben.«

Jetzt wandte sich Frau Suse und ging; sie hatte fertig geredet. Sie hatte auch unten auf dem Flur Schritte gehört, die ihr Hoffnung machten, die Sache werde nun auch ohne sie zum Abschluß kommen. Herr Kasteller erschien auf der Treppe.

»Na, was ist denn da wieder los?« fragte er, oben angekommen. »Was machst du für Augen, Squirrel? Wär's dunkel, man müßte die Funken sprühen sehen.«

Jetzt schoß Squirrel los: »Ja, ja, Papa, hörst du's? Jetzt schlägt es halb zwölf, und um elf Uhr war die Schule aus, und ich wollte gehen, weil ich noch so große Arbeit vor Tisch zu machen habe. Und nun sollte ich noch Grammatik haben; aber ich will gern noch einmal sagen, was ich gestern gelernt habe, daß ich endlich nachher gehen kann: ›der gute Mensch, des guten Mensches–‹«

»Da haben wir's«, unterbrach Fräulein Malwa, »nun kann der Herr Papa selbst urteilen, wie seine Tochter dekliniert, nachdem sie zwanzigmal dieselbe Übung durchgemacht hat.«

Das Kind trippelte wie ein Pferdchen, das nicht mehr stillstehen kann.

»Squirrel, deine Deklination ist schauerlich«, sagte der Vater so ernsthaft als es ihm möglich war. »Ein andermal mach's besser. Jetzt lauf!«

Wie ein abgeschossener Pfeil flog Squirrel davon.

»Mein liebes Fräulein«, fuhr Herr Kasteller fort, »künftig würde ich an Ihrer Stelle dem Kinde von guten Menschen erzählen, ihm solche zeigen und lieb werden lassen. Unterdessen wird in Squirrel dann die Erkenntnis reifen, daß ›der gute Mensch‹ auch dekliniert werden muß, und es wird mit dieser Arbeit besser gehen.«

Nun ging er nach dem Zimmer seiner Frau.

Fräulein Malwa schaute Herrn Kasteller verwundert und ein wenig mitleidig nach. Daß eine Person ohne Bildung sprechen konnte wie die alte Suse, das war ihr nicht verwunderlich; was verstand sie von Wissen und Studieren! Aber daß Herr Kasteller mit solcher Gleichgültigkeit ein Hauptfach des Unterrichts behandeln konnte, war ihr unbegreiflich. Freilich, er selbst war schon lange aus der Schule und hatte sich seither so selten oder gar nicht mehr damit befaßt, daß er wohl selbst den Wert der verschiedenen Lehrfächer nicht mehr recht unterscheiden konnte; nur so konnte sie sich die leichte Behandlung eines Hauptfaches erklären.

Squirrel kam mit hochroten Wangen zu Tisch, sie mußte eifrig an ihrer großen Arbeit gewirkt haben.

»Squirrel«, sagte der Vater, als die Mahlzeit im Gange war, »du wirst daran denken, daß heut unser Gast anlangen wird; von drei Uhr an kann er jeden Augenblick kommen. Du mußt ihn empfangen, Fräulein Malwa wird mit dabei sein; ich kann erst gegen Abend kommen. Du denkst doch daran, was du mir versprochen hast?«

»O ja, Papa, und ich denke noch an viel mehr«, antwortete Squirrel gewichtig.

Der Vater lachte.

»Sehr schön, nur so fortgefahren, meine Tochter«, sagte er, »immer mehr halten als versprechen und niemals mehr versprechen als du halten kannst; das ist ein guter Grundsatz, den mußt du festhalten.«

Herr Kasteller trat erst noch einmal bei seiner Frau ein, bevor er das Haus verließ; er mußte sie nochmals über die bevorstehende Ankunft des Fremden beruhigen.

Sobald Fräulein Malwa sich, wie gewöhnlich um diese Zeit, in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, begann eine große Tätigkeit im Eßzimmer, und Squirrel und Suse liefen hin und her, aus und ein, treppab, treppauf, nicht anders, als hätten sie durchs ganze Haus das Oberste zuunterst und das unterste zuoberst zu kehren.

Dann trat Ruhe ein, und Squirrel ging, ihrer Mutter einen kleinen Besuch zu machen. Sie setzte sich auf ihr Stühlchen an das Ruhebett hin, legte die Hände aufeinander und blieb schweigend und unbeweglich so sitzen.

»Was ist dir, Kind?« fragte ängstlich die Mutter, »so habe ich dich noch nie dasitzen sehen; hast du etwas angestellt?«

»O nein, Mama«, entgegnete Squirrel in einer Weise, als ob so etwas kaum möglich wäre, »ich muß so stark nachdenken und erwarten; denn jetzt kann der fremde Gast gleich kommen, und kein Mensch weiß, wie er aussieht.«

»Da wäre es mir ganz lieb, die Erwartung dauerte noch einige Zeit fort, da sie dich so hübsch still und ruhig macht«, meinte die Mutter. »Wenn nur durch die Ankunft des Gastes nicht ein Rückschlag erfolgt, der schlimmer ist als alles Vorhergegangene.«

»Nein, nein, darum brauchst du nicht Angst zu haben, Mama«, beruhigte Squirrel; »Papa hat gesagt, er sei vielleicht sehr artig, und Fräulein Malwa hat gesagt, artiger als ich sei er jedenfalls.«

»Aber wenn er nun so lebendig ist wie du und gerade noch einmal so laut, da er doch ein Knabe ist, wie soll ich's aushalten?«

»Oh, Mama, wenn er so lärmt und dir Kopfweh macht, dann will ich ihm schon sagen, daß man das bei uns nicht tun darf. Sei du nur ganz fröhlich, Mama, ich will dich schon behüten«, tröstete Squirrel.

»Aber wenn du doch so gut weißt, was nicht sein soll, liebes Kind, warum bist du denn oft selbst so laut und so unruhig, daß mir ganz bange wird, du werdest niemals brav und ein vernünftiges und arbeitsames Mädchen werden?«

»Oh, es ist nur, weil ich's immer vergesse, wie es sein soll«, meinte Squirrel; »aber wenn ich einmal daran denke, dann sollst du sehen, wie brav ich bin.«

»Aber, Squirrel, wann wird dann wohl die Zeit kommen, da du daran denkst?« fragte lächelnd die Mutter.

In diesem Augenblicke ertönte die Hausglocke in sehr vernehmlicher Weise. Squirrel sprang in die Höhe und stürzte zur Tür hinaus. Frau Suse kam die Treppe herauf und machte die geheimnisvollsten Zeichen. Squirrel trat auf die Seite, damit die Tür des Wohnzimmers ganz frei zn sehen war.

Jetzt kamen zwei Knaben die Treppe heraufgestiegen; Artur kam voran, Georg ein wenig hintendrein. Voll Verwunderung blieben beide vor der großen eichenen Doppeltür stehen, die zum Wohnzimmer führte. Ein ungeheurer Kranz von Efeublättern und Zweigen, dicht mit roten Türkenhelmen, stammenden Königskronen und vielen glitzernden Feldblumen verflochten, faßte die Türen ein. Da und dort schauten ganze Büschel blauer Kornblumen und golden leuchtender Zitterhalme zwischen den grünen Zweigen heraus. Stumm und staunend schauten die Knaben zu dem schimmernden Kranze empor, und mit Nicken und leisem Anstoßen machten sie sich gegenseitig auf das große weiße Blatt aufmerksam, das in der Mitte des Kranzes hing und auf dem mit ungeheuren, aber etwas unsicheren Buchstaben geschrieben stand:

»Trit hier herein und freu dich sehr,
denn hier gibt's keine Schuhle mehr.«

Nun trat Squirrel ein wenig näher; sie mußte doch sehen, welchen Eindruck ihre Veranstaltungen auf die Angekommenen machten. Noch standen die Knaben still und ein wenig verblüfft vor der Inschrift; denn sie wußten nicht recht, was sie tun sollten. Erst jetzt erblickten die beiden die Kleine, die, halb in eine Türnische gedrückt, sie so aufmerksam betrachtete. Artur ging gleich auf sie zu und bot ihr die Hand. Georg machte erst eine Verbeugung; denn die Mutter hatte ihm eingeschärft, im Hause Kasteller immer zum Gruß und beim Abschied eine Verbeugung zu machen – dann sagte er: »Eine schöne Empfehlung von meiner Mutter an meinen Herrn Vormund, und ist mein Herr Vormund nicht zu Hause?«

»Nein«, gab Squirrel kurz zurück; denn die ruhig betrachtende Weise der Knaben verdroß sie ein wenig. »Aber freut ihr euch denn gar nicht, daß ihr nun in die Ferien kommt und keine Schule mehr habt?« Unterdessen war auch Fräulein Malwa erschienen und hatte einen Blick auf die bekränzte Inschrift geworfen.

»Mich nimmt nur wunder, daß du's in deinem Gedicht bei zwei orthographischen Fehlern hast bewenden lassen und nicht in jedem Wort einen angebracht hast«, warf sie hin.

»Oh, das hätte ich vielleicht schon getan; aber die Suse hat mir geholfen«, antwortete Squirrel, »und das Gedicht hat sie auch gemacht.«

»Es ist danach«, sagte Fräulein Malwa, die Tür öffnend, damit die Gäste ins Zimmer eintreten konnten, wo die Zurüstungen zu der Empfangsschokolade den Tisch schmückten. Die Unterhaltung zu dem Festmahl war etwas einseitig. Squirrel kam immer wieder auf die unbeantwortete Frage zurück, ob denn die beiden sich nicht ungeheuer darüber freuten, daß sie nun in die Ferien kämen und lange nichts mehr von der Schule hören müßten. Jedesmal aber erhielt die unermüdlich Fragende einen so strafenden Blick von der Lehrerin, daß die Knaben sich nicht getrauten, der Wahrheit gemäß zu antworten; etwas anderes aber wollten sie doch auch nicht sagen. So saßen sie über ihre Tassen gebeugt und tranken langsam ihre Schokolade zu Ende, als wäre es eine Aufgabe, die nun gelöst werden mußte. Jetzt trat Herr Kasteller ein und brachte eine neue und frische Luft mit, die jedem willkommen war. Squirrel mußte ihrer Empfindung sogleich Ausdruck geben.

»Es ist so gut, daß du kommst, Papa«, sagte sie erleichtert. »Es war wie eine Grammatikstunde, wo man immer so den Kopf über das Buch hinhält und nichts zu antworten weiß.«

»Glücklicherweise sind nicht alle Leute wie du, daß ihnen das Bild aller Langeweile eine Grammatikstunde ist«, entgegnete Fräulein Malwa empfindlich.

»Ja, ja, glücklicherweise, da muß ich Ihnen wirklich recht geben, mein liebes Fräulein«, sagte Herr Kasteller begütigend, »wenn die Welt voll Squirrel wäre, was sollte dann aus allen vernünftigen Menschen werden? Nun, meine lieben Jungen, wollen wir recht gute Bekanntschaft machen. Mit Georg brauche ich sie nur zu erneuern; aber mit unserm Gaste, Artur Stein, muß ich sie ganz neu schließen. Erst soll uns nun Georg Bericht geben, wie es auf der Schule geht, was man da lernt und wie man die Freistunden zubringt; nachher hoffe ich vieles von Artur zu vernehmen. Vor allem setzen wir uns nun zusammen zu der Festschokolade nieder, die ich auch kennen lernen muß, und jeder tut noch einmal sein Bestes dabei.« Nun belegte Herr Kasteller alle Teller mit den süßen Kuchen, die noch unberührt auf dem Tische standen, und unter seiner Mitwirkung und freundlichen Aufmunterung begann nun ein behagliches Festmahl, ganz anders, als es vorher stattgefunden hatte. Erst berichtete Georg nun ganz geläufig über alles, was der Herr Vormund wissen wollte, dann wandte sich dieser zu Artur. Der Junge sollte ihm nun recht deutlich sein Pfarrhaus auf Lärchenhöh beschreiben, den Garten, die Kirche und die nächste Umgebung des Hauses. Das war Artur nun eine liebe Aufgabe, und er wurde bei seiner Beschreibung so lebendig, daß ihn Georg verwundert anstarrte; denn so hatte er seinen Freund noch nie gesehen. Aber auf einmal hatte Artur beide Augen voll großer Tränen und konnte nicht mehr weiter.

»Schon gut, schon gut, mein Junge«, sagte Herr Kasteller mit großer Freundlichkeit, »das hast du mir alles so lebendig vor Augen geführt, daß ich mich nun vollständig zurechtfinde. Es ist kein Zweifel mehr, daß ich in deinem Pfarrhaus, bei deinen guten Großeltern jene schöne Ferienzeit zugebracht habe. Wie freue ich mich, dich nun auch für einige Zeit unter meinem Dach beherbergen und dir womöglich einige Freude bereiten zu können. Nun sage mir noch eines: den Sohn des Hauses, der also dein Vater war, kannte ich nicht, er war fort, erst auf der Schule in der Stadt, dann, wie ich glaube, auf einer Ferienreise. Aber ich hatte eine kleine Freundin, die kam fast täglich ins Pfarrhaus, um mit mir zu spielen, und nachher brachte ich sie nach Hause und wurde dann gewöhnlich von der Mutter meiner Freundin mit einer großen goldgelben Birne belohnt. Der Weg zu dem Hause ging vom Pfarrhaus die Straße hinunter einem Walde zu, an dessen Rand ein wasserreicher Bergbach hinrauschte. Dort standen zwei große Gebäude, ein Fabrikgebäude und ein Wohnhaus. Hier wohnte meine kleine Freundin, ich glaube, ihr Name war Ella, wenn ich mich recht erinnere. Kannst du mir sagen, wer die Leute waren und was aus meiner Freundin geworden ist?«

Artur war vor innerer Bewegung ganz rot geworden. »Ja, das Haus und die Fabrik kenne ich gut«, entgegnete er, »sie gehörten meinem Großvater, und meine Mutter wohnte dort als Kind, sie hieß Ella.«

»Sieh, sieh«, rief Herr Kasteller ganz erfreut aus, »so bist du mir ja ein doppelter Bekannter, der Sohn aus zwei mir lieben und befreundeten Häusern. So ist meine kleine Freundin aus der Fabrik nach dem Pfarrhause hinaufgezogen, und du bist wohl ihr einziger Sohn?«

»Ja«, sagte Artur; aber schon zuckte es ihm wieder so schmerzlich um den Mund, daß Herr Kasteller das Gespräch nun nicht weiterführen wollte. Er wandte sich zu seiner Tochter und sagte: »Siehst du, Squirrel, wie nett für dich! Wie Arturs Mutter meine gute Freundin war, so kannst du nun seine Freundin sein und ihm alle Freundlichkeit zurückgeben, die seine Mutter mir erwiesen hat.« Squirrel nickte ganz einverstanden. Georg stand nun auf, um sich zu verabschieden.

»Wirst du mich dann einmal beim Onkel besuchen?« fragte er Artur, als er diesem Lebewohl sagte. Artur schaute Herrn Kasteller fragend an, und dieser antwortete, Georg solle das nicht so bestimmt annehmen, im Hause des Onkels herrsche Krankheit, da könne ein Besuch nicht so sehr erwünscht sein; aber es währe ja nicht sehr lange, bis die Freunde wieder im Institut zusammenkämen und dort noch eine gute Zeit miteinander zu verleben hätten. Bis er wiederkomme, sollte Squirrel nun ihren Gast noch unterhalten, setzte Herr Kasteller noch hinzu; damit begleitete er Georg auf den Flur hinaus und ging dann, seiner Frau mitzuteilen, daß der erste Eindruck, den er von Artur Stein empfangen habe, ein recht günstiger sei. Er glaube, der Junge habe ein ruhiges, nachdenkliches Wesen, ganz im Gegensatz zu Squirrels Natur, so daß man hoffen könne, es werde mit den beiden gut gehen. Aber Frau Kasteller sah die Sache nicht sogleich von der guten Seite an. Sie meinte, im Anfang sähen alle Kinder in einem fremden Hause ruhig und nachdenklich aus, wenn sie so unter den ersten Eindrücken stünden; aber nachher, wenn sie warm geworden wären, komme es meist ganz anders.

»Wenn nur unter der augenblicklich obwaltenden Ruhe nicht ein Sturm lauert, der dann so losbricht, daß ich Squirrel, mit dem Kameraden verbunden, viel wilder als je sehen muß«, schloß sie seufzend.

»Nein, nein, so sieht es nun gar nicht aus«, versicherte ihr Mann beruhigend; »wir dürfen doch auch annehmen, daß wir rechttun, wenn wir die alte Schuld an dem alleinstehenden Knaben abtragen.«

»Ach ja«, stimmte die Frau bei; »ich kann mir auch nur dadurch über meine Angst, was alles kommen könnte, hinweghelfen, daß ich mir sage, gewiß hat der liebe Gott nicht umsonst den Waisenknaben in unsere Hand geführt, ohne daß wir etwas von ihm wußten.« In diesem Augenblick ertönte lautes Reden, Schelten und Schreien draußen auf dem Flur. »Hörst du's? Hörst du's?« sagte Frau Kasteller erschrocken, »da geht wohl der ganze Lärm los, bevor nur der erste Tag vorüber ist.« Herr Kasteller ging rasch hinaus. Draußen war eine große Aufregung. Squirrel schrie ihm aus allen Kräften zu: »Papa! Papa! sie reißt ihnen die Köpfe ab!«

Frau Suse kam ihm entgegen und sagte mitleidig: »Sie weiß es nicht besser; daß man die Blumen festbindet, um einen Kranz zu machen, und man sie darum nicht nur so wieder herausnehmen kann, wie die Fliegen aus der Suppe, das sieht sie mit offenen Augen nicht, es steht eben nicht im Lesebuch.«

Squirrel schrie noch einmal auf: »Oh, die blauen Blumen, die schönen blauen Blumen, sie haben keine Köpfe mehr!« Erst jetzt erblickte Herr Kasteller Fräulein Malwa, die hoch oben auf einem Stuhl stand und an dem Kranz herumrupfte. In ihrem Eifer mußte sie nicht gehört haben, daß der Herr herangetreten war.

»Aber Fräulein, was haben Ihnen denn die blauen Blumen getan, an denen Sie reißen?« rief er nun hinauf. Das Fräulein sprang vom Stuhl herunter. Sie hielt einige zerrissene Kornblumen in der Hand, einige lagen schon am Boden.

»Oh, Herr Kasteller«, rief sie sehr erregt, »ich hoffte, ich könnte noch gutmachen, was Squirrel wieder angestellt hat. Denken Sie nur, wie schrecklich: da hat der Herr Professor seine Haushälterin, Frau Monrad, heruntergeschickt, um fragen zu lassen, ob denn niemand von uns etwas davon wisse, wo die Kornblumen und die Zitterhalme hingekommen seien, die er eigens von einem großen Spaziergang heimgebracht und dann unten im Garten am Springbrunnen niedergelegt habe, damit sie dort in dem Staubregen wieder frisch würden. Der Herr Professor sei sonst schon ein Menschenfeind, und solche Sachen brächten ihn viel mehr auf als andere Leute, weil er meine, jemand tue es ihm zuleide. Und wie ich nun sage, wir wüßten nichts davon, kommt Squirrel und schreit, so laut sie kann, als hätte sie noch eine besondere Tat zu verkünden, die Blumen habe sie aufgelesen und alle in den Kranz gebunden. Nun suche ich mit aller Mühe, die Blumen herauszunehmen, um sie dem Herrn zurückzubringen; aber die sind so fest eingebunden, daß man sie nur in Stücken herausbekommt.«

»Das ist eine schlimme Geschichte«, sagte Herr Kasteller. »Zwar, daß Squirrel ihre Untat laut bekannt hat, finde ich recht, nur gleich heraus damit, wenn man etwas Verkehrtes getan hat! Aber wie kommst du denn dazu, etwas so Verkehrtes zu machen, Squirrel? Du kannst doch wohl wissen, daß man nicht Blumen nimmt, die einem andern gehören, um seinen Freunden Kränze davon zu winden.«

»Gewiß nicht, Papa, sie waren aber nicht wie Blumen, die einem anderen gehören«, versicherte Squirrel, »sie lagen ganz allein am Boden, und niemand war dabei, und sie konnten verdorren.«

»Ja, ja, das glaube ich wohl, daß du sie niemandem weggenommen hättest, der dastand und sie festhielt«, sagte der Vater; »wenn du aber etwas so allein auf dem Boden liegen siehst und denkst, das könnte verderben, so kannst du es wohl aufheben, aber nicht gleich in deinen Kranz flechten, sondern du fragst dann jeden Menschen, den du kennst: ›Hast du was verloren?‹ So findet sich dann der Eigentümer, und du führst nicht solche Aufregungen auf beiden Stockwerken herbei. Sie, mein liebes Fräulein, tun wohl besser. Sie lassen nun den Kranz so, wie er ist, und steigen dagegen zum Herrn Professor hinauf, um ihm die Sache zu erklären und ihm mein Bedauern auszusprechen, daß es so gehen mußte; denn daß er die Blumen in der Form, wie sie in Ihrer Hand zu sehen sind, noch zu besitzen wünscht, ist mir nicht wahrscheinlich.« Fräulein Malwa erwiderte nichts mehr; mit einem leisen Achselzucken ging sie der Treppe zu.

Während der ganzen Zeit hatte Artur so still und stumm in einer Ecke gestanden, daß man ihn ganz vergessen hatte. Jetzt fiel Herrn Kastellers Blick auf die großen, ernsten Augen des Knaben. »Da ist ja Artur, unser Gast«, sagte er, dem Knaben freundlich auf die Schulter klopfend. »Das war kein guter Anfang, mein Freund, morgen wird es besser kommen. Du bist doch nicht traurig? Kein Heimweh oder so was? Komm, Squirrel, führe deinen neuen Freund hinunter zu einem friedlichen Domino, das wird euch bis zum Nachtessen hübsch die Zeit ausfüllen.«

Der Vorschlag gefiel Squirrel sehr. Sie ergriff Arturs Hand und rannte mit ihm die Treppe hinab nach der großen Kinderstube. Als Squirrel hier die Tür öffnete und Artur mit sich hineinzog, wußte dieser erst gar nicht, was er vor sich sah. Da stand er wie mitten in einem ungeheuren Bilderbuch. Von allen Wänden schimmerten in den lebhaftesten Farben hundert und hundert Bildchen von allen Größen und Formen zu ihm nieder. Das war Squirrels Reich, wo sie herrschte und alles so ordnete, wie es ihr gefiel. Nun hatte sie eine große Vorliebe für allerlei Bildchen, aber nur für die bemalten, und sowie ihr eines geschenkt wurde, und sie es recht angeschaut hatte, steckte sie eine Nadel hinein und spießte es an der Wandtapete fest.

»Gefallen dir meine Bilder? Welches gefällt dir am besten?« fragte sie den unbeweglich in Erstaunen dastehenden Artur, dem zumute war, als umgebe ihn ein Märchen, so blitzte es golden, rot und blau von allen Wänden nieder. Da schimmerten bunte Blumen und Früchte und rosige Engel, goldhaarige Löwen und weiße Schwäne auf blauen Seen, vielfarbige Vögel und Bäume mit goldenen Äpfeln, Rosen und Lilien und Kirschen und Beeren an grün flimmernden Zweigen. Artur stand völlig festgebannt von dem Anblick. »Siehst du, wie es dir gefällt!« sagte Squirrel befriedigt, »und Fräulein Malwa sagt, es sei ein Durcheinander und nicht geordnet und die Bilder gehörten nur in Bücher. Aber gelt, es ist schön! Weißt du, in den Büchern sieht man sie nicht immer, und man vergißt sie und weiß nicht mehr, wo sie sind, wenn man sie ansehen will, und hier kann man sie immer alle sehen, und der Papa sagt, meine Stube kann ich so haben, wie sie mir gefällt. Dir gefällt sie auch, das seh ich schon, gelt, du willst deine Stube auch so haben, sobald du wieder daheim bist?« Plötzlich kam ein so trauriger Ausdruck in Arturs Augen, daß Squirrel es gleich bemerkte. »So komm«, sagte sie, ihn bei der Hand nehmend, »wir wollen schnell Domino spielen, vielleicht macht es dich traurig, daß deine Stube nicht so ist; aber du kannst sie dann auch so machen, weil du nun weißt, daß man das tun kann.«

In der Ecke beim Fenster stand ein niedriger Tisch mit zwei so einladenden Stühlchen davor, daß Artur sich gern dahin führen ließ und nach Squirrels Anordnung auf eins derselben sich hinsetzte, während sie aus der Schublade des Tischchens das Dominospiel hervorholte und die Steine auszuteilen begann.

»Warum sagt man zu dir denn Squirrel?« fragte jetzt Artur, der sich schon lange über den Namen verwundert hatte.

»Dann kann ich auch fragen, warum sagt man zu dir Artur?« meinte Squirrel.

»Nein, das ist nicht dasselbe«, belehrte der Freund. »Siehst du, Artur ist ein Name, der steht im Kalender, und viele Leute heißen so; aber wie du, so heißt sonst niemand, und so ein Name steht gewiß nicht im Kalender.«

»Ja, jetzt fällt mir alles ein, ich will dir's erklären«, sagte Squirrel bereitwillig. »Siehst du, mein Papa war einmal in Rom und kannte ein Kind, das war so nett, daß er dachte, so müsse ich heißen. And als er heimkam, sagte meine Mama, ich müsse heißen wie andere Kinder und auch wie meine Großmutter hieß. Dann bekam ich beide Namen, und das zusammen machte Squirrel.«

»Nein, das glaube ich nicht«, erwiderte Artur so bestimmt, daß Squirrel zu näherem Nachdenken angeregt wurde.

»Dann weiß ich es vielleicht nicht mehr so recht; aber Papa erklärt es dir dann schon beim Nachtessen, wenn du es nicht verstehen kannst«, sagte sie beruhigend. »Jetzt wollen wir spielen.« Sie legte den ersten Stein hin. »Denk, Artur«, fuhr sie gleich wieder fort, »bei uns droben wohnt ein gräßlicher Herr Professor, er ist Menschenfeind, das habe ich heut von Fräulein Malwa gehört. Was ist ein Menschenfeind? Weißt du's?«

»Ich denke, einer, der aller Menschen Feind ist, der keinen leiden mag«, erläuterte Artur.

»Ist er denn ein Feind, so wie in der Schlacht, und tötet er die Menschen, wenn er sie antrifft?« forschte Squirrel weiter.

»Nein, das glaube ich nicht, das darf er ja nicht«, sagte Artur versichernd. Aber Squirrel schien nicht überzeugt zu sein.

»Ich darf manchmal auch etwas nicht tun, und dann tue ich's doch; vielleicht macht er's auch so«, meinte sie mit einem kläglichen Seufzer. »Denke, Artur, wir können ihm jeden Augenblick auf der Treppe begegnen, wenn er von oben herunterkommt, und er hat einen furchtbaren Bart.« Jetzt legte Squirrel den zweiten Stein hin; aber sie war noch gar nicht fertig mit dem neuen Freund; da war noch so vieles zu fragen: »Wie alt bist du, Artur?« war die nächste Frage.

»Zwölf Jahre bin ich gewesen, im Herbst werde ich dreizehn.«

»Oh, das ist herrlich, dann bist du bald erwachsen. Ich bin nur acht, und im Herbst werde ich neun. Und siehst du, weil Fräulein Malwa einmal einen Buben gekannt hat, der Adolf hieß, und weil der schon so gut die Grammatik lernte, als er neun Jahr alt war, darum sagte sie, ich sei dumm und bös, weil ich nichts kann in der Grammatik, und die Grammatik ist das Schrecklichste von allem, was es gibt.«

Jetzt ertönte die Tischglocke. Schnell wurden die ungebrauchten Dominosteine wieder eingepackt; dann stiegen die beiden wieder dem bekränzten Zimmer zu. Am Tisch war nach langer Zeit zum erstenmal der Platz, wo sonst die Mutter gesessen hatte, Squirrel gegenüber, wieder besetzt; da saß nun Artur. Das war für Squirrel eine Neuigkeit, die sie sehr in Anspruch nahm. Während alle andern sich in Tätigkeit gesetzt hatten, saß sie, den Löffel in der Hand, und betrachtete aufmerksam, wie Artur so manierlich und ohne sich zu besinnen, hintereinander seine Suppe aß. Da ihr Interesse an der Mahlzeit durch dieses Gericht noch nicht geweckt war, konnte sie um so ungestörter die Bewegungen ihres Freundes verfolgen.

»Squirrel! Squirrel!« sagte der Papa plötzlich laut mahnend. »Nun ißt jedermann seine Suppe und stellt nicht Betrachtungen an bis zu dem Augenblick, da man sagen kann: ›Nun ist die Suppe kalt, ich kann sie nicht mehr essen‹.« Der doppelte Aufruf brachte Squirrel plötzlich auf neue Gedanken.

»Denk, Papa«, sagte sie eifrig, »Artur will gar nicht glauben, daß die beiden Namen, die ich habe, dann zusammen Squirrel ausgemacht haben.«

»Das begreif ich, wenn du die Sache so erklärt hast. Weißt du das nicht besser, Squirrel?« fragte der Vater.

»Erzähle es nur, Papa, dann weiß ich's gleich wieder«, versicherte die Tochter, »ich habe es nur vergessen.«

»Sieh, Artur, das ging so zu«, begann Herr Kasteller die Erzählung. »Als ich als junger Mann in Rom war, hatte ich dort eine kleine Freundin, die Tochter meiner Hauswirtin, ein kleines zierliches Mägdlein, das hieß Quirita. Als ich dann nach einigen Jahren eine Frau hatte, später auch eine Tochter, da sagte ich: ›Diese soll Quirita heißen, wie meine kleine Römerin‹. Aber meine Frau sagte: ›Sie soll einen guten deutschen Namen haben und zwar den ihrer Großmutter, sie soll Elsa heißen‹. Da machten wir aus, so soll sie beide Namen haben. Damit nun keiner verloren gehe, wollten wir sie Elsa Quirita nennen. Wie sie nun so weit war, den Leuten zu sagen, wie sie heiße, da machte sie aus Elsa Quirita Squirrel, und keine Macht brachte sie dazu, ihren Namen anders auszusprechen. So blieben wir dabei; denn der Name hatte einen Sinn für sie, da es eine Sprache gibt, in der Squirrel Eichhörnchen heißt, und unsere Squirrel sich gerade so wie ein Eichhörnchen in lauter Sprüngen bewegte. Ich finde zwar, man könnte nun einen der echten Namen zu Ehren bringen und nach der Mutter Anordnung dich von jetzt an Elsa nennen.«

»Nein, nein, Papa«, schrie Squirrel in völliger Angst auf, »dann bin ich's ja gar nicht mehr selbst, oh, dann weiß ich gar nicht mehr, wer ich bin.«

»Sprich doch nicht so ohne Sinn«, sagte Fräulein Malwa tadelnd, »du wirst wohl ganz dieselbe bleiben, wie man dich auch nennen wird.« Aber Squirrel schrie angstvoll den Papa noch einmal an.

»Nur nicht gleich ein Zetergeschrei, Squirrel«, mahnte der Vater. »Ich glaube aber wirklich, liebes Fräulein, wir müssen für einstweilen noch bei dem gewohnten Namen bleiben; es kommt mir vor, als ob die große Veränderung etwas Unheimliches für das Kind hätte. Sie wissen ja, die Kinder hängen fest an dem Gewohnten. Ich glaube eigentlich selbst, man sollte ihnen auf keinem Gebiete das alte Bekannte plötzlich entreißen, um es durch ein Neues, Unbekanntes zu ersetzen. Entweder ist es ihnen unheimlich und fremd, oder sie werden selbst dadurch unstet und halten an nichts mehr fest. Und nun gar den eigenen Namen! Nein, sie soll ihn noch behalten. Einmal wird Squirrel eine junge Dame werden; dann wollen wir sehen, ob sie unter einem andern Namen sich zurechtfinden kann. Und nun wird Frau Suse Artur nach seinem Schlafgemach führen, wo er, wie ich hoffe, recht gut ausruhen wird. Morgen wird er dann auch der Mama vorgestellt werden. Dir, Squirrel, ist zu wünschen, daß morgen ein ruhigerer Tag für dich anbreche, als der heutige, damit unser Gast nicht auf die Vermutung komme, Geschrei und Aufregungen machten einen Hauptbestandteil unseres Lebens aus.«

Artur hatte heute so viel Neues erlebt, daß er jetzt, nachdem Frau Suse ihm in seiner Schlafstube alles zurechtgestellt und ihn dann verlassen hatte, mit weit offenen Augen auf seinem Bette sitzend, noch einmal alles überdenken mußte. Zuletzt kamen ihm noch Herrn Kastellers Worte in den Sinn, daß er morgen auch der Mama vorgestellt werden sollte. Nun stieg das Bild der eigenen Mutter vor seinen Augen auf. Schnell faltete er seine Hände und betete laut, so lange und so von Herzen, daß Frau Suse, die ihre Stube nebenan hatte, für sich sagte: »Wenn dieses Büblein auch seine Eltern verloren hat, sie haben ihm ein gutes Erbteil hinterlassen: das kennt seinen Vater im Himmel, der keines seiner Kinder vergebens um Trost und Hilfe bitten läßt.«

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