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Artur und Squirrel

Johanna Spyri: Artur und Squirrel - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorJohanna Spyri
titleArtur und Squirrel
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung / Reutlingen
year1937
firstpub1888
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20051020
projectidee54e74e
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Eine neue Bekanntschaft

Herr Kasteller hatte eben sein Geschäftslokal, das große Bankgebäude, verlassen und ging raschen Schrittes in der Richtung gegen die schönen Anlagen hin, wo Bäume und Blumen im schönsten Frühlingsschmuck prangten. Unweit der Anlagen bog Herr Kasteller vom Wege ab und trat durch ein Gittertor in den Garten ein, der das schön gebaute, steinerne Haus umgab. Beim Öffnen der Eingangstür tönte ihm ein aufgeregtes Hin- und Widerreden entgegen. Er stieg die Treppe hinan. Auf dem großen Flur standen die langjährige Dienerin und die junge Erzieherin und teilten sich gegenseitig ihre verschiedenen Ansichten in so aufgeregter Weise mit, daß keine von beiden den Herrn des Hauses gewahrte. Sein Töchterchen mußte mit in den Kampf verflochten sein; es stand zwischen den beiden, und aus den blauen, sonst so lustigen Augen blitzte es wie Zornfeuer, und der etwas zerzauste Lockenkopf wandte sich trotzig von einer der Sprechenden zur andern. Jetzt erblickte das Kind seinen Vater und lief ihm entgegen. Die Erzieherin trat verlegen einige Schritte zurück; es mochte ihr nicht recht sein, daß sie in dem lauten Kampfe überrascht worden war. Frau Suse, die Wacht und Stütze des Hauses, kam mit kriegerischer Miene ihrem Herrn entgegen und begann unaufhaltsam: »Nein, Herr Kasteller, so war es nie bei uns, daß unser einziges und unschuldiges Kind um eines einzigen Wörtleins willen angefahren und ausgehudelt werden soll. Was kann ein Kind dafür, wenn ihm so ein Wort einfällt, wie manchem Erwachsenen auch, ohne viel zu denken. Und so strafend auf ein armes, kleines Wesen einzudringen! Nein, wenn man so dabei war wie ich, als das kleine, hilflose Würmlein auf die Welt kam, und es zuerst in die Arme genommen und sein hilferufendes Wimmern gestillt hat, nein, Herr Kasteller, der hält so etwas nicht aus –« Hier wurde das große Taschentuch herausgezogen; Frau Suse hielt es an die Augen und schwieg. Aber ihre hohe weiße Haube sprach beredt weiter; denn die zwei langen Enden derselben wackelten so heftig hin und her, als riefen sie ganz lebhaft: »Nein, der hält so etwas nicht aus.«

»Frau Suse, verschonen Sie mich, nur keine Tränen!« bat Herr Kasteller jetzt, »das ist mir das Schrecklichste! Das arme Würmlein ist ja doch auch nicht mehr gar so klein und hilflos wie damals, ich meine, es kann sich schon ganz ordentlich wehren!«

Unterdessen war die junge Lehrerin herzugetreten. »Herr Kasteller, nun will ich auch ein Wort sagen«, rief sie mit unnötig erhöhter Stimme; denn die Anklage nach dem großen Kampf hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht. »Die Vorwürfe, die ich ihr gemacht habe, hat sie reichlich verdient; denn sie hat eine unerhörte Bosheit ausgesprochen. Ich erzähle ihr, der Herr Professor, der über uns wohnt, habe eine Frau und einen kleinen Jungen verloren; und nun müsse er ganz einsam droben in seinen Zimmern leben, und was sagt hierauf das Kind? ,Geschieht ihm recht!' Es ist wirklich nicht leicht, verantwortliche Erzieherin eines Kindes zu sein, das solche boshafte und verletzende Anlagen zeigt.«

Jetzt machte das Fräulein eine Bewegung, die Herrn Kasteller sehr erschreckte. Sie zog ein Taschentüchlein heraus und hielt es vor die Augen.

»Barmherzigkeit! Nochmals Tränen?« rief er aufgeregt aus. »Squirrel, wie kannst du so böse sein und so hartherzige Worte gegen diesen armen Herrn Professor ausstoßen?«

»Ja, ja, Papa, das ist auch nicht recht von ihm!« rief Squirrel, die an des Vaters Hand stehen geblieben war und mit weit aufgerissenen Augen erst Frau Suse, dann das Fräulein angeschaut und ihre Worte aufmerksam verfolgt hatte. »Wenn ich nur einen Bleistift verliere, so muß ich allenthalben suchen, bis ich ihn gefunden habe, und der Herr Professor hat eine Frau und einen kleinen Jungen verloren und sitzt ganz ruhig oben in seinem Zimmer und sucht sie gar nicht, Und der kleine Junge kann ja im Wald herumirren und den Weg nicht mehr finden und kann erfrieren.« Diese Vorstellung überwältigte Squirrel so, daß sie plötzlich in Tränen ausbrach.

»Auch du noch! Barmherzigkeit!« rief Herr Kasteller in immer größerer Aufregung aus. »Geh zu deiner Mutter hinein, Squirrel, und sag ihr, ich komme auch gleich; aber heul ihr nichts vor! Es erfrieren jetzt keine Jungen draußen, sie heulen höchstens und essen Erdbeeren dazu, wenn sie im Wald herumziehen.«

Squirrel ging.

»Ihnen, Fräulein Malwa«, fuhr er zu der Lehrerin gewandt fort, »muß ich doch sagen, daß ich in der Äußerung des Kindes keine Bosheit erkenne. Es müßte Ihnen eher Freude machen zu entdecken, daß Ihre grammatikalischen Bemühungen bei der Kleinen so guten Erfolg haben, daß sie die Worte durchaus in ihrem genauen Sinn versteht. Ich muß es Ihnen überlassen, dem Kinde zu erklären, wie der Professor um Frau und Kind gekommen ist, ich selbst weiß gar nichts davon, bin auch verwundert zu vernehmen, daß Sie etwas von ihm wissen, spricht er doch meines Wissens mit keinem Menschen.«

»Er hat auch mit mir nicht gesprochen«, entgegnete das Fräulein, »seine Haushälterin hat mir ein Bild gezeigt, auf dem man die Frau mit dem kleinen Jungen auf dem Schoß sieht, die beide bald nacheinander gestorben sein sollen.«

»Gut, gut«, gab Herr Kasteller schnell zurück, »nun geh ich hinein, Fräulein, und schicke Ihnen die Kleine heraus, damit Sie ihr diese Geschichte klar machen, das wird nun nötig sein. Auch habe ich mit meiner Frau etwas zu besprechen und wünsche, daß das Kind derweilen draußen bleibt.«

Nun schritt Herr Kasteller dem Zimmer seiner Frau zu, aus dem nach einiger Zeit Squirrel über die Schwelle trat und hüpfend und singend den Gang daher kam; denn das Leid über den Jungen, der im Wald erfrieren konnte, war längst vergessen.

Frau Kasteller mußte schon seit zwei Jahren das Bett hüten oder auf dem Ruhebett ihres Schlafgemachs liegen und sich immer still verhalten. Manchmal hatte sie große Schmerzen zu ertragen, manchmal war sie auch frei davon; aber nie erlaubte der Arzt, daß sie das Zimmer verlasse, ausgenommen, wenn im Sommer die große Badereise angetreten werden mußte. Ihr Mann hatte sich eben an ihr Bett gesetzt und erzählte ihr halb lachend, halb seufzend, durch welches Mißverständnis Squirrel soeben ihre Lehrerin und auch noch Frau Suse in große Aufregung gebracht und ihm den Schrecken eines dreifachen Tränenergusses zugezogen hatte. »Und nun muß ich noch etwas mit dir besprechen«, fuhr er fort, als er mit der Erzählung zu Ende war; »ich hoffe nur, du lassest dich nicht davon aufregen.«

»Es ist doch nichts Schlimmes?« fragte Frau Kasteller ängstlich; denn diese Einleitung kam ihr ein wenig verdächtig vor.

»Gar nicht, gar nicht, hör nur«, beruhigte der Mann »Die gute Frau Nestel ist heute bei mir gewesen und hat mir einen langen Besuch gemacht. Sie wollte mir die Schulzeugnisse des Sohnes bringen, auch einen langen Brief von ihm zeigen und einen Rat von mir holen. Ihr Sohn Georg, mein Mündel, wie du weißt, schreibt ihr von einem Freund, den er auf der Schule ge- wonnen habe, der ein ganz vorzüglicher Mensch sei, ein Vorbild für alle andern an Fleiß und guter Aufführung. Dieser neue Zögling nun und seine beschützende Freundschaft, die er dem Georg gewährt, beschreibt dieser so eingehend und mit solcher Begeisterung, drei Seiten lang, daß die liebende Mutter helle Tränen darüber vergoß. Heute habe ich wahrhaftig genug rinnen sehen !« schob Herr Kasteller aufseufzend ein. Dann fuhr er fort: »Nun hatte die hilfreiche Frau Nestel den Vorsatz gefaßt, die Ferienzeit bei ihrem Bruder auf dem Lande zuzubringen, um ihm die kranke Frau und das kleine Kindlein zu pflegen. Jetzt liest sie auf den drei weiteren Seiten des Briefes, daß es eine unumgängliche Pflicht für sie und dazu der höchste Beweis ihrer Mutterliebe sei, den Freund des Sohnes für die Zeit der Ferien zu sich einzuladen. Der Besuch beim Onkel sollte aufgegeben werden. Für einen solchen Freund müsse alles getan werden, besonders in diesem Fall; denn da er ohne Eltern und Verwandte sei, wäre er gezwungen, seine ganze Ferienzeit mit drei oder vier anderen unglücklichen im Institut zu verbringen. Dieses Schreiben hat die mitfühlende Mutter in einen schweren Zwiespalt gestürzt. Sie kann dem Bruder die Hilfe nicht versagen und bringt es nicht über sich, des Sohnes Wünsche zu durchkreuzen. Da sollte ich nun Rat schaffen. Seltsamerweise trifft es sich so, daß ich sogleich einen Rat wußte, ihn aber ohne deine Zustimmung nicht geben wollte. Ich habe Frau Nestel auf morgen wieder zu mir bestellt. Georgs neuer Freund ist ein junger Schweizer, dessen Name, verbunden mit dem Namen seines Wohnortes, mich gar nicht zweifeln läßt, daß er von jener Pfarrerfamilie abstammt, bei welcher ich nach einer schweren Kinderkrankheit einige Zeit zur Erholung zugebracht habe. Ich sprach dir doch schon davon. Da meine Mutter mich nicht begleiten konnte, suchte man ein Haus, wo man einer guten Pflege für mich sicher war, und fand das rechte in jenem Pfarrhaus in der Schweiz. Die guten Pfarrersleute hatten nur einen Sohn, der war in der Stadt auf der Schule. So nahm ich seine Stelle ein und wurde so vorzüglich verpflegt, daß ich nachher niemals mehr krank geworden bin. Der junge Stein muß der Enkel der guten Pfarrersleute sein, und ich sehe es als Pflicht der Dankbarkeit an, den Jungen für eine bis zwei der Ferienwochen zu uns einzuladen. Das wäre für Frau Nestel eine gute Lösung und für mich eine rechte Genugtuung, nun mir alle die Guttaten, die ich in dem freundlichen Pfarrhause genossen habe, wieder so lebendig vor die Augen gekommen sind. Was meinst du nun dazu?«

Die Frau sah sehr erschrocken aus. »Aber, lieber Hermann, hast du denn auch überlegt, in was für ein Haus du einen jungen Menschen einladen willst?« fragte sie ängstlich. »Es geht ja bei uns alles so ohne rechte Ordnung und Gesetz zu. Wir können es nicht verantworten, einen noch unerzogenen Knaben bei uns aufzunehmen, auch nur für kurze Zeit; es ist nicht gut für ihn, wer soll sich seiner annehmen? Du kennst Squirrel, sie ist voller Phantasie und Unternehmungsgeist, hat kein geregeltes Dasein, wird von allem Vorkommenden in Aufregung versetzt und wird den Jungen zu unnützen Streichen verleiten oder mit ihm streiten.«

»Nein, nein«, fiel hier der Mann seiner seufzenden Frau ins Wort, »das stellst du dir zu schwer vor. Wir werden den Jungen mit Liebe aufnehmen, das wirkt manchmal besser, als Ordnung und Gesetz. Mit Squirrel werde ich ernstlich sprechen; sie hat ein gutes Herz, sie wird den Gast unterhalten. Du wirst sehen, so ein älterer vernünftiger Junge und ein kleines lustiges Mädelchen, das geht sehr gut zusammen.«

»Dann macht mir die junge Erzieherin Sorge dabei, sie liegt mir auch sonst schon schwer auf dem Herzen«, klagte Frau Kasteller wieder. »Sie ist ja voller Eifer für ihren Unterricht; aber mit dem Kinde zu leben und es durch ihr eigenes Wesen zu erziehen, das versteht sie nicht. Gebärdet Squirrel sich unartig, so wird sie empfindlich und schilt mit ihr, anstatt ihr ruhig und überlegen entgegenzutreten. Sie ist vielleicht noch zu jung; ich fürchte, wir haben uns zu sehr von den vortrefflichen Zeugnissen ihrer Lehrer blenden lassen. Stunden geben und Kinder erziehen sind so verschiedene Dinge!«

»Liebe Marie, mach dir nur darüber keine Sorgen«, wandte hier Herr Kasteller beruhigend ein, »es ist ein Vorzug der jungen Damen, daß sie mit jedem Tag älter werden, und jede ist zur Erzieherin geboren. Laß nur dem guten Fräulein Zeit, daß sich ihre Anlage entwickeln kann. Squirrels Erziehung ist gerade die richtige Aufgabe, die ihre Kräfte anspornen wird.«

»Ja, Hermann, du weißt immer einen Trost«, fuhr die Frau fort; »aber für das Schlimmste im Haus ist kaum einer zu finden. Sieh mich an, lieber Mann, da liege ich an mein Bett gefesselt und kann für mein Haus gar nichts sein, kann für das Kind nicht sein, was der Mutter Pflicht und liebste Tätigkeit wäre, kann dir nicht zur Seite stehen, wie ich sollte, nicht einmal deine Wünsche freudig erfüllen, wie du siehst. Ach, es könnte nicht schlimmer um unser Haus stehen, als es durch mein Unvermögen steht!«

»Das ist eine ungeheure Täuschung von dir«, fiel ihr Mann mit Lebhaftigkeit ein, »im Gegenteil, viel schlimmer könnte es um mein Haus stehen. Nimm einmal an, du wärest Ärztin geworden, und ich käme am Abend heim wie jetzt, nach ermüdenden Geschäften und voller Pläne, die ich mit dir besprechen wollte. Nun sagt mir Suse: ›Ihre Frau ist auf die Praxis, sie hat einen dringenden Fall‹. Ich setze mich hin und warte und warte bis um ein Uhr, bis um zwei Uhr in der Nacht, und derweilen durchwanderst du die unheimlichsten Gassen der Stadt im Dunkeln und wirst mir zuletzt gestohlen.«

Frau Kasteller mußte ein wenig lachen. »Ja, mit solchen Zuständen verglichen, muß ich zugeben, daß die unseren noch erträglich sind. Ich will ja mit Gottes Hilfe in Geduld auf meinem Posten verharren, wenn nur die anderen nicht darunter leiden müßten!«

»Nun wollen wir gar nicht darunter leiden, sondern wir wollen uns alle freuen, einem elternlosen Jungen eine Freude zu machen. Das tust du auch, ich kenne dich schon, schlag ein, du versprichst mir, dabeizusein!«

Herr Kasteller hielt seiner Frau die Hand hin, sie legte die ihrige hinein und seufzte nur noch: »Der liebe Gott wird ja nachhelfen, wo wir's verkehrt machen, den guten Willen sieht er.«

Nun verließ Herr Kasteller seine Frau, ging nach der großen Stube hinüber und berief Squirrel zu sich herein. Sie erschien. Er stellte sie vor sich hin und sagte sehr ernsthaft: »Squirrel, nun habe ich mit dir zu reden: wir werden einen Gast bekommen, einen Jungen, etwas älter als du. Nun versprichst du mir, daß du ein artiges und vernünftiges Mädchen sein willst, daß du dich niemals streitsüchtig gegen den Gast gebärden willst, daß du im Gegenteil immer daran denken willst, wie du deinen Gast unterhalten und etwas tun kannst, das ihn erfreut und erheitert.«

Schon dreimal hatte Squirrel den Vater mit dem Ruf unterbrechen wollen: »Ich verspreche«, um dann alle Fragen anbringen zu können, die bei der aussichtsreichen Nachricht auf einen Besuch in ihr aufstiegen. Erst jetzt konnte sie ihr Versprechen anbringen, fuhr dann aber unaufhaltsam fort: »Wie heißt er, Papa? Ist er groß? Kann er Domino spielen? Muß er auch Stunden bei Fräulein Malwa nehmen? Wo soll er schlafen? Sitzt er neben mir am Tisch?«

»Das wird sich dann alles zeigen, wenn er da ist«, antwortete der Vater aufstehend, »du aber vergiß nicht, Squirrel, was du mir versprochen hast!«

»Nein, nein, das will ich nicht vergessen, und – wart, Papa, hör noch, Papa! Ich will auch schon anfangen auszudenken, was wir machen wollen, wenn er da ist!« rief die Tochter ihrem Vater nach, der schon draußen auf der Treppe war.


Drei Tage nach diesen Unterredungen wurde Georg Nestel ein ungewöhnlich dicker Brief in der Freistunde überreicht. Er riß erwartungsvoll den Umschlag in Stücke. »Ah! Da ist auch einer für dich, mit einem großen Siegel«, sagte er, zu Artur gewandt, der neben ihm stand.

»Ach wo«, gab dieser ungläubig zurück; »ich kenne ja niemand bei dir zu Haus.«

»So lies die Anschrift!« rief Georg, den Brief Artur so nah unter die Augen haltend, daß dieser keinen Buchstaben vom andern unterscheiden konnte. Er schob das Papier etwas weg, sah nun aber, daß sein Name wirklich darauf stand.

Nun öffnete er.

»Lies es doch laut«, bat Georg, »es wundert mich fast zu Tod, wer an dich schreibt.« Artur gehorchte und las:

»Mein lieber junger Stein!

»Ich bin ein alter Bekannter Deiner Großeltern, in deren Hause ich einmal fröhliche Tage verlebt habe. Ich wünsche nun, daß Dir in meinem Hause dasselbe zuteil werden möchte, und lade Dich freundlich ein, die ersten vierzehn Tage Deiner Ferienzeit in meiner Familie zuzubringen. Dein Freund Georg Nestel wird Dich zu uns bringen.

Mit freundlichem Gruß
Hermann Kasteller.«

»Oh, oh!« rief Georg mit weit aufgerissenen, erstaunten Augen aus, »das ist mein Vormund, der ladet dich zu sich ein. Jetzt hast du's aber gut, Artur, der wohnt in einem viel schöneren Haus als wir! Dort geht ein großer Garten rings ums Haus, und zwei Pfauen sind drin, und hinten im großen Hof sind Truthühner und Fasanen. Ja, ja, du wirst schon sehen, daß es dir da gefallen wird. Ich muß doch der Mutter Brief lesen, ob sie's auch schon weiß.« Eifrig las nun Georg seinen Brief und sah daraus, daß auch die Mutter eine große Freude über diese Einladung hatte. Einmal, weil ja der gute Freund sie so wohl verdiente, und dann auch, weil so ihr Vorhaben für die Ferienzeit keine Veränderung erlitt und der Aufenthalt beim Onkel stattfinden konnte. Georg strahlte vor Glück, daß sein Freund eine so ungeahnt herrliche Einladung erhalten hatte. Er lief von einem Mitschüler zum andern und fragte siegesstolz: »Hast du's gehört, wer Artur in die Ferien einladet?« Dann kam er wieder zu Artur zurück, der still an seinem Platze saß wie zuvor. »Kannst du denn auch noch stillsitzen vor Freude? Nimmt es dich nicht fast in die Luft?« meinte Georg.

»Aber ich kenne ja den Herrn gar nicht und auch sonst niemand in seinem Haus«, entgegnete Artur ihm zaghaft. »Vielleicht erlaubt mir mein Vormund gar nicht hinzugehen, ich muß ihn erst fragen.«

»Ach wo«, rief Georg entrüstet aus, »was Herr Kasteller erlaubt, darf jeder tun! Ja, so schreib nur dem Vormund, der wird dir schon sagen, wer Herr Kasteller ist.«

Mit den monatlichen Zeugnissen ließ Artur seine Frage an den Vormund abgehen, ob er die eingelaufene Einladung annehmen dürfe. Georg hatte richtig prophezeit. Herr Feldmann schrieb, eine bessere Einladung hätte Artur nicht erhalten können, er sollte sie mit Dank annehmen.

Als Georg diese Nachricht vernahm, warf er seine Mütze hoch in die Luft und schrie: »Hurra, nun hat das Weinen ein Ende! Nun wird nur noch an die Ferienfreude und ans Kastellerhaus gedacht. Unsern Artur wird keiner mehr weinen hören. Dann besuchst du mich einmal beim Onkel, und wir tun dort, was wir wollen! Nun wirst du schon lustig werden, Artur, paß nur auf!«

Artur hörte keiner mehr weinen. Aber oft, wenn sie alle schon tief im Schlaf lagen, weinte er noch in sein Kissen hinein, aber so leise, daß es keiner hören konnte.

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