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Artur und Squirrel

Johanna Spyri: Artur und Squirrel - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorJohanna Spyri
titleArtur und Squirrel
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung / Reutlingen
year1937
firstpub1888
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20051020
projectidee54e74e
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Auf Lärchenhöh

Die Lärchenbäume am Hügel standen im ersten jungen Grün und wiegten ihre leichten Zweige hin und her im frischen Frühlingswind. Bis hinauf zum Tannenwäldchen zogen sie sich in Gruppen da und dort über das Weideland hin, und oben im Wäldchen schien ihr liebliches Hellgrün allerwärts zwischen den dunkeln Tannen hervor. Nicht umsonst hieß der Ort mit der schönen Kirche, die weit ins Tal hinab schaute, »auf Lärchenhöh«. Am Waldsaume guckten die Veilchen auf dem sonnigen Boden unter den Blättern hervor, und droben auf Tannen und Lärchen jubelten die frohen Vögelein und sangen sich ihre Frühlingslieder zu, jedes in seiner Weise. An den Stamm der jungen Lärche gelehnt, auf deren Zweigen die Vögel am lustigsten pfiffen, saß ein Junge, den Kopf auf seine Arme gedrückt; er weinte und schluchzte jammervoll. Jetzt ertönte von der Kirche herauf der helle Ton der Abendglocke. Der Junge sprang vom Boden auf. Er schaute nicht um sich, nicht zurück. Als ob er sich fürchtete, noch irgend etwas von den lieblich wogenden Bäumen, den blauen Veilchen, den lustigen Vögeln zu sehen oder zu hören, stürzte er den Hügel hinab, der Kirche und dem danebenstehenden Pfarrhaus zu. Am Pfarrgarten stand die alte Magd mit einem großen Besen im Arm; sie hatte den gepflasterten Hofraum so eifrig rein gefegt, daß sie ein wenig ausruhen mußte. Das junge Mädchen, das unterdessen drinnen auf den Knien liegend den Hausflur putzte, konnte durch die offene Tür bemerken, was draußen vorging. Plötzlich sprang es auf die Füße und kam herausgerannt.

»Base Trine«, rief es der andern zu, »ich muß ein wenig aufhören, da draußen bei Euch ist's so schön, und mit dem Hausgang werde ich schon noch fertig.«

»Ja, natürlich, fertig wird man immer; es fragt sich nur wann«, gab die Base zurück. »So komm, ich habe soviel zu denken, wenn du nur auch etwas verstündest und ein wenig vernünftig wärest, daß ich mit dir über alles reden könnte, so täte ich es gern; es drückt einem ja fast das Herz ab, daß alles so gehen muß. Aber du hast sie alle nicht gekannt und weißt von allen Jahren her nichts.«

»Eben darum wüßte ich gern etwas«, entgegnete die Junge schnell. »Erzählt doch, wie alles zuging, ich höre fürs Leben gern erzählen. Und dann kenne ich ja den verlassenen Buben nun auch, und das Wasser schießt mir in die Augen, wenn ich ihn nur ansehe. Erzählt doch, wie alles zuging.«

»Käthi, du tust gerade, wie wenn etwas Lustiges zu erzählen wäre«, sagte die Base Trine in tadelnder Weise, »und es ist das Allertraurigste, das man nur vernehmen kann. Ach, wenn ich an die glücklichen Jahre zurückdenke, die ich in diesem Pfarrhaus zugebracht habe, vom ersten Tag an, da ich eintrat! Du weißt ja doch, drunten am Wasser stand lange schon die große Fabrik und arbeitete prächtig. Da hatte ich schon als Magd seit vielen Jahren gedient; denn zu unserer Zeit hieß es schon früh für die jungen Leute: Fort, hinaus an die Arbeit! So kam ich ganz jung nach Lärchenhöh in die Fabrik als Kindermädchen. Da war ein Bübchen von einem Jahr, und ein Schwesterchen war eben angekommen. Ich sah, wie die beiden aufwuchsen und gediehen und sprechen lernten, ich war ja immer um sie. Aber die Frau war rüstig und verstand alle Arbeit und leitete mich zu allem an. Ich war nicht nur bei den Kindern, ich mußte auch meine Hände tüchtig zur Arbeit gebrauchen, das kann ich dir sagen. Und es gab zu tun in Küche und Keller und Waschhaus und im Sommer noch mit Gästen und Aufwartungen; du würdest die Augen schön aufreißen, Käthi, wenn du so heranmüßtest! Aber heutzutage, wenn eines nur noch ein Kesselchen voll Wasser heben muß, meint es, das könnte man auch mit Maschinen machen.«

»Und dann, wie ging es dann weiter, Base?« drängte Käthi.

»Ja, ja, nur ruhig, ich komme schon noch dazu«, entgegnete sie langsam, erst das weitere Erzählen brachte sie wieder in schnelleren Lauf.

»Wie ging es dann?«

»Wie es geht. Die Kinder wuchsen und wuchsen, mir ist es geradezu, als wären es nur Tage gewesen, was Jahre waren, und auf einmal war der Bube, er hieß Eduard, sechzehnjährig und wurde eingesegnet und kam fort auf die Schule in der Stadt. And das Jahr darauf kam Ella daran, nur daß sie nicht auf die Schule nach der Stadt kam, sondern weit fort ins Französische, in ein Institut, wie man so sagt. Bis dahin hatten sie allen Unterricht hier in diesem Pfarrhaus vom Herrn Pfarrer gehabt, der nur einen einzigen Buben hatte, der ihm geblieben war. Die anderen Kinder hatte er verloren, als sie ganz klein waren; drei oder vier waren es. Die drei Kinder hatten nun immerfort zusammengesteckt, auch außerhalb der Unterrichtsstunden, wie es so geht. Es war auch keine andere Gesellschaft für sie da, und der Junge im Pfarrhaus war nur wenig älter als der unsrige. Der ging mit unserem fort auf die Schule. Als nun unsere Ella nach zwei Jahren wieder daheim war, da war es so schön anzusehen, wenn die zwei jungen Herren in die Ferien nach Haus kamen und immer einer artiger zu der jungen Ella war als der andere. Und sie verdiente es, sie war so brav und tätig und hatte ein so freundliches Gesicht und fröhliches Wesen, und ihr Bruder Eduard war ihr das Liebste. Wenn sie so alle drei auf unserem offenen Wagen saßen, um auszufahren, unsere zwei vorwärtssitzend, weil der Eduard immer selbst kutschierte, und rückwärts der Pfarrhaus- Artur, dann war's eine Freude, die drei anzusehen, so jung und so schön und so froh. Aber dann kamen andere Jahre! Da kam ein junger Herr aus der Stadt, der wollte gern unsere Ella zur Frau haben und hierher ziehen, um unserem Herrn in der großen Fabrik beizustehen; denn da war immer mehr zu tun, und lange schon hatte unser Herr danach geseufzt, daß ihm doch bald ein Sohn beistehen möchte. Aber unsere Ella weinte und sagte, mit keinem anderen Menschen könne sie ihr Leben zubringen, als mit dem Pfarrhaus-Artur, und der jammerte auch und bat, unser Herr solle doch die Ella nicht fortgeben, er könne nicht ohne sie leben. Unser Herr war ja so gut; aber Hilfe mußte er doch haben. Er war vom Morgen bis zum Abend bei der Arbeit; er hatte ja auch seine ganze Freude an der schönen Fabrik, die er selbst gebaut und dann immer wieder vergrößert hatte. So wollte er nun, daß der Sohn heimkomme und eintrete und sich an der schönen Arbeit freue. Aber unser Eduard konnte nicht; er war nun einmal so anders geartet und meinte, der Vater solle ihn weiter studieren lassen, ganz andere Sachen, als er auf der Fabrik brauche, Und zuletzt sagte er dem Vater, die Fabrik sei ihm gleichgültig, am liebsten wolle er, der Vater würde sie abgeben. Das kränkte aber unsern Herrn sehr; denn er hatte soviel dafür gearbeitet. Da kam unser Eduard lange nicht in die Ferien heim, und zuletzt schrieb er, es sei besser, er gehe in die Welt hinaus, sein Anblick würde doch den Vater immer kränken; denn in die Fabrik könne er nicht gehen, und daß der Vater das immer wünschen müßte, begreife er wohl. Da gab es viele Tränen bei unserer Ella und bei der Mutter nun gar, und wochenlang ging der Vater umher und sagte kein Wort. Dann kam aber die Hochzeit der Ella mit dem Artur; aber natürlich erst in einigen Jahren. Du mußt nicht meinen, Käthi, daß das nur so von einem Tag auf den andern sein kann, das ist zu ernst und gibt zuviel zu tun, ich kann dir aber nicht alles so wörtlich erzählen. Der alte Herr Pfarrer wollte nun ausruhen und zog mit seiner Frau nach der Stadt, und der Sohn kam an seine Stelle. Da sagte unsere Frau: ›Nun mußt du ins Pfarrhaus, Trine, zu unserem Kind, ich kann eher ein junges und unerfahrenes Persönchen nehmen. In ein Pfarrhaus gehört eine rechte und tüchtige Magd, und unsere Ella ist noch jung, du hast die Erfahrung.‹ So ging ich und habe ja alles mit ihnen durchgelebt im Pfarrhaus vom ersten Tag an. Sie lebten so friedlich wie die Engel im Himmel, und unsere Freude ist nicht zu beschreiben, als nach ein paar Jahren der kleine Artur ankam, kugelrund und mit roten Backen. Wie glücklich wir lebten, ist nicht zu sagen. Unser guter Herr, der Papa, und die Frau zogen endlich noch zu uns; denn nachdem der Sohn fort war und es sicher war, daß er die Fabrik nie übernehmen würde, verlor unser Herr die Lust daran, und die Frau und die Tochter trieben, daß er sie verkaufe. Zuletzt tat er es, und nun kamen sie zu uns hinauf und hatten die ruhigsten Jahre ihres Lebens in unserem Pfarrhaus, und kein Haus war so friedevoll und gesegnet, wie das unsere. Der kleine Artur war aller Freude und so brav und gut und gedieh so herrlich wie ein Rosenäpfelchen im besten Jahrgang. Unsern alten Herrn und die Frau verloren wir im gleichen Jahr, es werden nun so neun Jahre sein. Und dann, was kam dann? Ich kann's fast nicht sagen, so schnürt es mir das Herz zusammen. Vor fünf Wochen mußte sich unser Herr Pfarrer plötzlich niederlegen, so schüttelte ihn das Fieber. Unsere Frau pflegte ihn Tag und Nacht; aber die Woche nachher konnte sie nicht mehr, es hatte sie noch härter angepackt. Noch eine Woche, und wir hatten keine Frau Pfarrer mehr, und nach zehn Tagen trug man auch den Herrn Pfarrer zu Grabe. Es ist nicht zu sagen, wie schrecklich es war. Aber nun mach fort, Käthi, morgen soll der Pfarrverweser hier einziehen, wir müssen fertigputzen.«

Aber Käthi war zu sehr von der Erzählung erfüllt, um gleich an ihre Arbeit zurückkehren zu können.

»Nur das noch, Base Trine, was muß der verlassene, junge Bube nun anfangen?« fragte sie so teilnehmend, daß die Base nicht anders konnte, als sich nochmals auf ihren Besen zu stützen und weiter Antwort zu geben.

»Das weiß kein Mensch. Mich erdrückt es, wenn ich ihn nur ansehe. Verwandte hat er nicht mehr auf der Welt, die Eltern vom Vater her sind schon lange tot. Von drüben in Schollen sind sie freilich ganz freundlich hergekommen, der Herr Pfarrer und die Frau Pfarrer, und haben den Artur hinübergeholt, er dürfe nicht so allein hierbleiben, sagten sie. Aber er kann es nicht aushalten, jeden Tag kommt er wieder herübergelaufen, es treibt ihn mit Gewalt heim. Du hast ja gesehen, wie lange er heute dort auf seinem Bänklein unter der Weide am Brunnen saß und weinte und nicht mehr fortwollte. Sicher säße er noch dort, wenn ich nicht auf den Gedanken gekommen wäre, ihm zu sagen, er solle zum Lärchenwäldchen hinaufgehen, wohin er sooft mit dem Vater und der Mutter ging, wenn es wieder grün wurde und die Veilchen kamen. Das liebte seine Mutter über alles. Jetzt wird er wieder drüben sein in Schollen, oder doch auf dem Wege; ich habe ihm noch eingeschärft, nicht länger als bis zum Abendläuten zu bleiben.«

»Was ist denn aus der Mutter Bruder geworden, das habt Ihr noch nicht erzählt«, fragte Käthi angelegentlich weiter.

»Ach, was kann ich da erzählen!« fuhr die Base aufseufzend fort, »Unser Eduard, der muß schon lange tot sein, von dem haben wir nie mehr ein Wort vernommen. Ach, wie mag es ihm ergangen sein, so fern von der Heimat, krank, verlassen, vielleicht – was ist das?« unterbrach sich die Sprechende plötzlich, »hast du nichts gehört, Käthi?«

»Doch, das habe ich wohl, es kam dort von der Ecke beim Brunnen her, es klang so, wie wenn eins am Ersticken wäre«, meinte Käthi.

»Rede nicht so«, wehrte die Base, »es gibt mir ja einen Schauder über die ganze Haut hin. Komm mit mir, wir wollen sehen, was es ist, vielleicht sind es nur die Hühner, sie sind mir auch schon in den Garten hereingekommen.«

Zur Sicherheit nahm die Trine aber doch ihren festen Besen in den Arm; dort hinten bei dem dichten alten Weidenbaum war es schon ein wenig dunkel. Auch Käthi hob kriegerisch ihren Besen auf die Schulter und ging dem Brunnen zu. Die Äste der alten Weide hingen tief herunter, es war nichts zu sehen. Der Brunnen plätscherte friedlich durch die Stille.

»Jetzt wieder, ich habe es wieder gehört, es ist hinter den Zweigen«, sagte Trine, »geh voran, Käthi.«

»Wer ist da?« rief Käthi so laut, daß sie selbst darüber zusammenfuhr und schützend ihren Besen vorstreckte.

»Ich«, tönte es leise hinter den Zweigen hervor.

»Ach, um aller Güte und Barmherzigkeit willen!« rief Trine aus, »nun sitzest du wieder auf deinem Bänklein und immer noch, und ich denke, du bist längst in Schollen, wohin du sollst! Du mußt gehen, Artur, komm doch heraus, es wird gleich Nacht, du mußt fort!«

»Ich kann nicht! Ich kann nicht!« rief Artur weinend heraus. »Morgen kommt mein Vormund, der Herr Pfarrer in Schollen hat es gesagt; dann muß ich vielleicht weit fort in ein Institut und kann nie mehr heimkommen, nie mehr.« Artur schluchzte laut auf.

Trine kroch zwischen den tief hängenden Ästen in den Raum hinein, wo unter dem alten Baum Artur seine kleine Bank aufgestellt, ein Tischchen davor gezimmert und ein ganz lauschiges Plätzchen für sich eingerichtet hatte. Hier hatte er in den sonnigen Sommertagen im kühlen Schatten seine Arbeiten gemacht und seine schönen Bücher gelesen und auch oft lange dagesessen, alles Herrliche aussinnend, während nebenan der Brunnen so traulich fortplätscherte. Trine nahm den Jungen bei der Hand und zog ihn von der Bank auf: »Komm, komm, Artur, es muß ja sein! Meinst du, es tue mir nicht auch weh genug? Es drückt mir fast das Herz ab. Komm, sieh noch einmal das Haus an.« Trine zog den Jungen auf den Gartenweg hinaus und ging einige Schritte weiter mit ihm bis zu den duftenden Fliederbäumen, unter denen die Mutter so gerne gesessen hatte. Da konnte man in alle Fenster sehen und auf die Tür, die vom Garten her ins Haus führte. Zwischen den Bäumen durch konnte man auch übersehen, was auf allen kleinen Gartenwegen vorging.

Da hatte die Mutter so oft gesessen, und Artur war umhergerannt und hatte ihr aus allen Ecken zugerufen. Dann war wohl auch der Vater am offenen Fenster seiner Studierstube erschienen, die zu ebener Erde lag, und hatte freundlich genickt; denn die Mutter hatte ihm einen Fliederzweig ans Fenster gelegt, weil er den Geruch so gern mochte. Und später lagen auch die ersten großen Erdbeeren dort, die in dem langen Beet an der Hecke wuchsen und größer als die größten Kirschen wurden. Die bewunderte der Vater aber nur, und wenn er sie genug besehen hatte, winkte er Artur, ans Fenster zu kommen, und eine nach der andern wanderte in seinen Mund und schmeckte so herrlich nach dem Herumjagen.

»Ja, sieh noch einmal hinüber«, sagte Trine, da sich Artur jetzt an der Mutter Bank festgeklammert hatte und zu den Fenstern hinstarrte. »Morgen führen sie alles fort, der Verweser kommt an, dann wird alles anders im Haus, du würdest dich drinnen nicht mehr zurechtfinden.«

»Wohin führen sie alles, Trine? Weißt du es nicht?« Artur war schneeweiß geworden, daran hatte er noch gar nicht gedacht. »Wird denn alles anders drinnen?« fragte er mit bebender Stimme weiter. »An allen Wänden? In allen Stuben? Kommt mein Bett weg und alle Bilder? Und alles, was mir und dem Vater und der Mutter gehört hatte, kommt von seinem Platz weg und ganz fort?«

Trine nickte stumm zu allen Fragen.

»Oh, oh! Dann ist alles ganz aus!« schrie Artur auf, und laut weinend lief er durch den Garten auf den Wiesenweg hinaus und davon.

Trine mußte sich mit der Schürze die Augen wischen, und Käthi rief ein Mal ums andere: »Der arme Bub! Der arme Bub!«

Im Pfarrhaus in Schollen saßen am langen Tisch Vater und Mutter und alle fünf Kinder und freuten sich am wohlgeratenen Rahmkuchen, den der Älteste sich als Geburtstagsgenuß erbeten hatte. Nur auf einem Teller blieb das schöne saftige Stück Kuchen unberührt liegen. Der Sessel stand leer, und die volle Tasse Kaffee dampfte längst nicht mehr und sah ein wenig abgestanden aus.

»Weiß denn auch gar keines von euch, wohin Artur ist? Es wird ja alles kalt für ihn, und schon gestern ging es ihm nicht viel besser«, sagte jetzt die Frau Pfarrer in lebhafter Weise.

»Nein!« – »Nein!« – »Nein!« – »Nein!« tönte es von allen Seiten, keiner wußte, wohin Artur sei.

»Kinder, nun will ich etwas wissen«, sagte ernsthaft der Herr Pfarrer, von einem zum andern blickend; »Artur ist wie ein fremder Vogel unter euch, dazu ist er jetzt wohl still und nicht lustig, wie es euch gefällt; habt ihr ihn unfreundlich behandelt, daß er euch jeden Tag wegläuft und so spät, als es nur angeht, wiederkommt?«

»Nein, Papa«, fing Ernst, der Älteste, an, »wir haben ihm nichts zuleide getan. Am ersten Tag, als er da war, wollten wir eben ausmachen, was gespielt werden sollte, und liefen dahin und dorthin, um zu sehen, wo der Boden am trockensten sei, um zu spielen, und als wir anfangen wollten, war Artur verschwunden und kam nicht mehr bis zum Nachtessen.«

»Ja, und am zweiten Tag wollten wir Blindekuh spielen«, fiel Karl ein; »aber wir haben ihn noch eigens gefragt, ob ihm das Spiel recht sei. Er hat nur stumm genickt; aber er hat ›ja‹ genickt. Kaum hatten wir angefangen, hin- und herzuschießen, da war er schon wieder weg.«

»Ja, und am andern Tag war es Mittwoch«, berichtete Lotte, »da hatten wir den ganzen Nachmittag frei, weil keine Schule war. Da gingen wir in den Wald und wollten Räuber spielen, und Betty und ich sollten auf der Burg wohnen. Aber schon, als wir den Platz für die Burg aussuchten, war Artur verschwunden.«

»Und vorgestern spielten wir Verstecken«, setzte Betty ein, »und beim ersten Suchen kam er schon nicht mehr zum Vorschein, wie wir auch nach ihm suchten und riefen, und gestern –«

»Ja, gestern war er schon nicht mehr da, als wir anfingen, das weiß ich am besten«, überschrie Moritz die Schwester; »denn der Ernst schickte mich auf den obersten Boden und zum Hühnerstall, den Artur zu suchen; aber er war fort, weit fort; denn ich habe so stark gerufen, wie ich nur konnte.«

Diese seltene Übereinstimmung aller Berichte brachte den Vater zur vollen Überzeugung, daß seine Kinder an Arturs Verschwinden keine Schuld trugen.

»Es ist gut, daß morgen Herr Feldmann kommt«, sagte er zu seiner Frau gewendet, »so wird der Junge wieder in ein ordentliches Geleise gebracht; man weiß nicht, was er treibt.«

»Er ist ja noch nie so spät heimgekommen wie heute«, sagte die Frau Pfarrer begütigend, »vielleicht hat er einen von seinen Schulkameraden getroffen.«

Eben hörte man jemand in vollem Laufe dem Hause nahen. Keuchend und schweißbedeckt trat Artur ein. Er schlug seine verweinten Augen zu Boden und nahte sich schüchtern seinem Stuhl.

»Setz dich, Artur«, sagte der Herr Pfarrer. »Tu kommst spät, wo bist du gewesen?«

»Nur daheim.«

Artur konnte nichts weiter sagen, die aufsteigenden Erinnerungen würgten ihn zu sehr; er hatte alle Kraft aufzuwenden, um seine Tränen zurückzuhalten. Das wollte er aber tun. Die Kinder schauten ihn ja alle an.

»Iß du nun deinen Kuchen, Artur«, sagte freundlich ermunternd die Frau Pfarrer, die zuerst erriet, was in dem Jungen vorgehen mochte, »nachher geht ihr alle schlafen, und morgen, wenn die Sonne kommt, sieht alles viel heller aus als am dunkeln Abend und man wird wieder fröhlich.«

Als alle fünf Kinder des Pfarrhauses fest schliefen und die frohen Eindrücke des Tages in ihre Träume hineinspielten, weinte Artur immer noch mehr in sein Kissen hinein und sagte sich immer wieder: »Die Sonne kann mich nie mehr fröhlich machen, ich kann nie mehr heim, ich bin nirgends mehr daheim, und der Vater und die Mutter kommen nie, nie mehr zu mir.« Hätten Ernst und Karl nicht so tief geschlafen, so hätte Arturs Schluchzen sie wecken müssen.

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