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Arthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß - Vorlesungen und Abhandlungen

Arthur Schopenhauer: Arthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß - Vorlesungen und Abhandlungen - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorArthur Schopenhauer
titleArthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß ? Vorlesungen und Abhandlungen
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorEduard Grisebach
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Ueber das Interessante

An den Werken der Dichtkunst, namentlich der epischen und dramatischen, findet eine Eigenschaft Raum, welche von der Schönheit verschieden ist: das Interessante. – Die Schönheit besteht darin, daß das Kunstwerk die Ideen der Welt überhaupt, die Dichtkunst besonders die Ideen des Menschen deutlich wiedergiebt und dadurch auch den Hörer zur Erkenntniß der Ideen hinleitet. Die Mittel der Dichtkunst zu diesem Zweck sind Aufstellung bedeutender Karaktere und Erfindung von Begebenheiten zur Herbeiführung bedeutsamer Situationen, durch welche jene Karaktere eben veranlaßt werden, ihre Eigenthümlichkeiten zu entfalten, ihr Inneres aufzuschließen; so daß durch solche Darstellung die vielseitige Idee der Menschheit deutlicher und vollständiger erkannt wird. Schönheit überhaupt aber ist die unzertrennliche Eigenschaft der erkennbar gewordenen Idee: oder schön ist Alles, worin eine Idee erkannt wird; denn schön seyn heißt eben eine Idee deutlich aussprechen. – Wir sehn, daß die Schönheit immer Sache des Erkennens ist und bloß an das Subjekt der Erkenntniß sich wendet, nicht an den Willen. Wir wissen sogar, daß die Auffassung des Schönen, im Subjekt, ein gänzliches Schweigen des Willens voraussetzt. – Hingegen interessant nennen wir ein Drama oder erzählende Dichtung dann, wann die dargestellten Begebenheiten und Handlungen uns einen Antheil abnöthigen, demjenigen ganz ähnlich, welchen wir bei wirklichen Begebenheiten, darin unsre eigne Person mit verflochten ist, empfinden. Das Schicksal der dargestellten Personen wird dann in eben der Art, wie unser eignes, empfunden: wir erwarten mit Anspannung die Entwickelung der Begebenheiten, verfolgen mit Begierde ihren Fortgang, empfinden wirkliches Herzklopfen beim Herannahen der Gefahr, unser Puls stockt, wann solche den höchsten Grad erreicht hat, und klopft wieder schneller, wann der Held plötzlich gerettet wird; wir können das Buch nicht weglegen, ehe wir zum Ende gekommen, wachen auf diese Art tief in die Nacht, aus Antheil an den Besorgnissen unseres Helden, wie wohl sonst durch eigne Sorgen. Ja, wir würden, statt Erholung und Genuß, bei solchen Darstellungen alle die Pein empfinden, die uns das wirkliche Leben oft auflegt, oder wenigstens die, welche in einem beängstigenden Traum uns verfolgt, wenn nicht, beim Lesen oder beim Schauen im Theater, der feste Boden der Wirklichkeit uns immer zur Hand wäre und wir, sobald ein zu heftiges Leiden uns affizirt, auf ihn uns rettend die Täuschung jeden Augenblick unterbrechen und dann wieder beliebig uns ihr von Neuem hingeben könnten, ohne jenes mit so gewaltsamem Uebergang zu vollbringen, wie wenn wir vor den Schreckgestalten eines schweren Traumes uns endlich nur durch das Erwachen retten.

Es ist offenbar, daß, was von einer Dichtung dieser Art in Bewegung gesetzt wird, unser Wille ist und nicht bloß die reine Erkenntniß. Das Wort »interessant« bedeutet eben daher überhaupt Das, was dem individuellen Willen Antheil abgewinnt, quod nostra interest. Hier scheidet sich deutlich das Schöne vom Interessanten: jenes ist die Sache der Erkenntniß und zwar der aller reinsten: dieses wirkt auf den Willen. Sodann besteht das Schöne im Auffassen der Ideen, welche Erkenntniß den Satz vom Grunde verlassen hat: hingegen das Interessante entsteht immer aus dem Gange der Begebenheiten, d. h. aus Verflechtungen, welche nur durch den Satz vom Grunde in seinen verschiedenen Gestalten möglich sind.

Die wesentliche Verschiedenheit zwischen dem Interessanten und dem Schönen ist nun deutlich. Als eigentlichen Zweck jeder Kunst, mithin auch der Dichtkunst, haben wir das Schöne erkannt. Es fragt sich also nur, ob das Interessante etwa ein zweiter Zweck der Dichtkunst ist, oder ob Mittel zur Darstellung des Schönen, oder ob durch dieses als wesentliches Accidens herbeigeführt und sich von selbst einfindend sobald das Schöne da ist, oder ob wenigstens mit diesem Hauptzweck vereinbar, oder endlich ob ihm entgegen und störend.

Zuvörderst: Das Interessante findet sich allein bei Werken der Dichtkunst ein, nicht bei denen der bildenden Künste, der Musik und Architektur. Bei diesen läßt es sich nicht einmal denken: es sei denn als etwas ganz Individuelles für Einen oder einige Beschauer: wie wenn das Bild Porträt einer geliebten oder gehaßten Person wäre, das Gebäude mein Wohnhaus oder mein Gefängniß, die Musik mein Hochzeitstanz oder der Marsch, mit dem ich zu Felde zog. Ein Interessantes dieser Art ist offenbar dem Wesen und Zweck der Kunst völlig fremd, ja störend, sofern es ganz von der reinen Kunstbeschauung ableitet. Es möchte sich finden, daß dieses in geringerm Grade von allem Interessanten gilt.

Weil das Interessante nur dadurch entsteht, daß unser Antheil an der poetischen Darstellung gleich dem an einem Wirklichen wird; so ist es offenbar dadurch bedingt, daß die Darstellung für den Augenblick täuscht; und dieses kann sie nur durch ihre Wahrheit. Wahrheit aber gehört zur Kunstvollendung. Das Bild, die Dichtung soll wahr seyn, wie die Natur selbst; zugleich aber auch durch Hervorhebung des Wesentlichen und Karakteristischen, durch Zusammendrängung aller wesentlichen Aeusserungen des Darzustellenden und durch Aussonderung alles Unwesentlichen und Zufälligen die Idee desselben rein hervortreten lassen und dadurch zur idealen Wahrheit werden, die sich über die Natur erhebt. Mittelst der Wahrheit also hängt das Interessante zusammen mit dem Schönen, indem die Wahrheit die Täuschung herbeiführt. Aber das Ideale der Wahrheit könnte schon der Täuschung Eintrag thun, indem solches einen durchgängigen Unterschied zwischen Dichtung und Wirklichkeit herbeiführt. Weil aber auch das Wirkliche mit dem Idealen möglicherweise zusammentreffen kann, so hebt dieser Unterschied nicht geradezu nothwendig alle Täuschung auf. Bei den bildenden Künsten liegt im Umfang der Mittel der Kunst eine Grenze, welche die Täuschung ausschließt: nämlich die Skulptur giebt blosse Form ohne Farbe, ohne Augen und ohne Bewegung; die Malerei blosse Ansicht von einem Punkte aus, eingeschlossen durch scharfe Gränzen, die das Bild von der ringsum hart anliegenden Wirklichkeit trennen: daher hier die Täuschung und dadurch der Antheil gleich dem an einem Wirklichen oder das Interessante ausgeschlossen, hiedurch wieder der Wille sofort aus dem Spiele gesetzt und das Objekt allein der reinen antheilslosen Betrachtung überliefert wird. Nun ist es höchst merkwürdig, daß eine Afterart der bildenden Künste diese Gränzen überspringt, die Täuschung des Wirklichen und damit das Interessante herbeiführt, sofort aber die Wirkung der ächten Künste verwirkt und nicht mehr als Mittel zur Darstellung des Schönen, d. h. zur Mittheilung der Erkenntniß der Ideen brauchbar ist. Es ist die Kunst der Wachsfiguren. Und hiemit möchte wohl die Gränze bezeichnet seyn, welche sie ausschließt vom Gebiet der schönen Künste. Sie täuscht, wenn meisterhaft ausgeführt, vollkommen, eben dadurch aber stehn wir ihrem Werke gleich einem wirklichen Menschen gegenüber, der als solcher schon vorläufig ein Objekt für den Willen, d. h. interessant ist, also den Willen erweckt und dadurch das reine Erkennen aufhebt: wir treten vor die Wachsfigur mit der Scheu und Behutsamkeit, wie vor einen wirklichen Menschen, unser Wille ist aufgeregt und erwartet, ob er lieben oder hassen, fliehen oder angreifen soll; erwartet eine Handlung. Weil die Figur dann aber doch leblos ist, so bringt sie den Eindruck einer Leiche hervor und macht so einen mißfälligen Eindruck. Hier ist das Interessante vollkommen erreicht, und doch gar kein Kunstwerk geliefert: also ist das Interessante an sich gar nicht Kunstzweck. – Dies geht auch daraus hervor, daß selbst in der Poesie bloß die dramatische und die erzählende Gattung des Interessanten fähig sind: wäre es neben dem Schönen Zweck der Kunst; so stände die lyrische Poesie schon an sich dadurch um die Hälfte tiefer, als jene beiden andern Gattungen.

Jetzt zur zweiten Frage. Nämlich: Wäre das Interessante ein Mittel zur Erreichung des Schönen; so müßte jede interessante Dichtung auch schön seyn. Das ist aber keineswegs. Oft fesselt uns ein Drama oder Roman durch das Interessante und ist dabei so leer an allem Schönen, daß wir uns hinterher schämen, dabei geweilt zu haben. Dies ist der Fall bei manchem Drama, welches durchaus kein reines Bild vom Wesen der Menschheit und des Lebens giebt, Karaktere zeigt, die ganz stach geschildert oder gar verzeichnet und eigentlich Monstrositäten sind, dem Wesen der Natur entgegen: aber der Lauf der Begebenheiten, die Verflechtungen der Handlung sind so intrikat, der Held ist unserm Herzen durch seine Lage so empfohlen, daß wir uns nicht zufrieden geben können, bis wir das Gewirre entwickelt und den Helden in Sicherheit wissen; der Gang der Handlung ist dabei so klüglich beherrscht und gelenkt, daß wir stets auf die weitere Entwickelung gespannt werden und sie doch keineswegs errathen können, so daß zwischen Anspannung und Ueberraschung unser Antheil stets lebhaft bleibt und wir, sehr kurzweilig unterhalten, den Lauf der Zeit nicht spüren. Dieser Art sind die meisten Stücke von Kotzebue. Für den großen Haufen ist Dies das Rechte: denn er sucht Unterhaltung, Zeitvertreib, nicht Erkenntniß, und das Schöne ist Sache der Erkenntniß, daher die Empfänglichkeit dafür so verschieden ist, wie die intellektuellen Fähigkeiten. Für die innere Wahrheit des Dargestellten, ob es dem Wesen der Menschheit entspricht oder ihm entgegen ist, hat der große Haufe keinen Sinn. Das Flache ist ihm zugänglich: die Tiefen des menschlichen Wesens schließt man vergeblich vor ihm auf.

Auch ist zu bemerken, daß Darstellungen, deren Werth im Interessanten liegt, bei der Wiederholung verlieren, weil sie dann die Begierde auf den weitern Erfolg, der nun schon bekannt ist, nicht mehr erregen können. Die öftere Wiederholung machte sie dem Zuschauer schaal und langweilig. Dagegen gewinnen Werke, deren Werth im Schönen liegt, durch die öftere Wiederholung, weil sie mehr und mehr verstanden werden.

Jenen dramatischen Darstellungen parallel gehen die meisten erzählenden, die Geschöpfe der Phantasie jener Männer, welche zu Venedig und Neapel den Hut auf die Strasse legen und dastehn, bis ein Auditorium sich gesammelt hat, dann eine Erzählung anspinnen, deren Interessantes die Zuhörer so fesselt, daß, wenn die Katastrophe herannaht, der Erzähler den Hut nimmt und bei den festgebannten Teilnehmern seinen Lohn einsammeln kann, ohne zu fürchten, daß sie jetzt davonschleichen: dieselben Männer treiben in Deutschland ihr Gewerbe weniger unmittelbar, sondern durch die Vermittelung der Verleger, Leipziger Messen und Bücherverleiher, wofür sie denn auch nicht in so zerlumpten Röcken umhergehen, als ihre Kollegen in Welschland, und die Kinder ihrer Phantasie unter dem Titel von Romanen, Novellen, Erzählungen, romantischen Dichtungen, Mährchen u. s. w. dem Publiko darbieten, welches hinter dem Ofen und im Schlafrock mit mehr Bequemlichkeit, aber auch mit mehr Geduld, sich zum Genuß des Interessanten anschicken mag. Wie sehr dergleichen Produktionen meistens von allem ästhetischen Werth entblößt sind, ist bekannt, und doch ist vielen die Eigenschaft des Interessanten durchaus nicht abzusprechen: wie könnten sie auch sonst so viele Theilnahme finden?

Wir sehn also, daß das Interessante nicht nothwendig das Schöne herbeiführt, – welches die zweite Frage war. Aber auch umgekehrt führt das Schöne nicht nothwendig das Interessante herbei. Bedeutende Karaktere können dargestellt, die Tiefen der menschlichen Natur an ihnen aufgeschlossen seyn und das Alles an außerordentlichen Handlungen und Leiden sichtbar gemacht seyn, so daß das Wesen der Welt und des Menschen in den kräftigsten und deutlichsten Zügen uns aus dem Bilde entgegentritt, ohne daß durch das beständige Fortschreiten der Handlung, durch die Verwickelung und unerwartete Lösung der Umstände eigentlich unser Interesse am Lauf der Begebenheiten in hohem Grade erregt sei. Die unsterblichen Meisterwerke Shakspear's haben wenig Interessantes, die Handlung schreitet nicht in grader Linie vorwärts, sie zögert, wie im ganzen Hamlet, sie dehnt sich seitwärts in die Breite aus, wie im Kaufmann von Venedig, während die Länge die Dimension des Interessanten ist, die Scenen hängen nur locker zusammen, wie im Heinrich IV. Daher wirken Shakspear's Dramen nicht merklich auf den grossen Haufen.

Die Forderungen des Aristoteles und ganz besonders die der Einheit der Handlung, sind auf das Interessante abgesehn, nicht auf das Schöne. Überhaupt sind diese Forderungen dem Satze vom Grunde gemäß abgefaßt; wir aber wissen, daß die Idee und folglich das Schöne eben nur für diejenige Erkenntniß da ist, welche sich von der Herrschaft des Satzes vom Grunde losgerissen hat. Auch dieses eben scheidet das Interessante vom Schönen, da Jenes offenbar der Betrachtungsweise angehört, die dem Satz vom Grunde folgt, das Schöne hingegen dem Inhalt dieses Satzes stets fremd ist. – Die beste und treffendeste Widerlegung der Einheiten des Aristoteles ist die von Manzoni in der Vorrede zu seinen Trauerspielen.

Was von Shakespear's, Dasselbe gilt auch von Goethe's dramatischen Werken: selbst Egmont wirkt nicht auf die Menge, weil fast keine Verwickelung und Entwickelung da ist: nun gar der Tasso und die Iphigenia! – Daß die Griechischen Tragiker nicht die Absicht hatten, durch das Interessante auf die Zuschauer zu wirken, ist offenbar daraus, daß sie zum Stoff ihrer Meisterwerke fast immer allgemein bekannte und schon öfter dramatisch behandelte Begebenheiten nahmen: hieraus sehn wir auch, wie empfänglich das griechische Volk für das Schöne war, da es zur Würze des Genusses derselben nicht des Interesses unerwarteter Begebenheiten und einer neuen Geschichte bedurfte.

Auch die erzählenden Meisterwerke haben selten die Eigenschaft des Interessanten: Vater Homer legt uns das ganze Wesen der Welt und des Menschen offen, aber er ist nicht bemüht, unsere Theilnahme durch die Verflechtung der Begebenheiten zu reizen, noch durch unerwartete Verwickelungen uns zu überraschen: sein Schritt ist zögernd, er weilt bei jeder Scene und legt uns mit Gelassenheit ein Bild nach dem andern vor, es sorgsam ausmalend: indem wir ihn lesen, regt sich in uns keine leidenschaftliche Theilnahme, wir verhalten uns rein erkennend, unsern Willen regt er nicht auf, sondern singt ihn zur Ruhe: es kostet uns keine Ueberwindung, die Lektüre abzubrechen, denn wir sind nicht im Zustande der Anspannung. Dasselbe gilt noch mehr vom Dante, der sogar eigentlich kein Epos, sondern nur ein beschreibendes Gedicht geliefert hat. Dasselbe sehn wir sogar an den vier unsterblichen Romanen, am Don Quixote, am Tristram Shandy, an der neuen Heloise und am Wilhelm Meister. Unser Interesse zu erregen ist keineswegs der Hauptzweck: im Tristram Shandy ist sogar am Ende des Buchs der Held erst acht Jahre alt.

Andererseits dürfen wir nicht behaupten, daß das Interessante nie in Meisterwerken anzutreffen sei. Wir finden es in Schiller's Dramen schon in merklichem Grade, daher sie auch die Menge ansprechen: der König Oedipus des Sophokles hat es auch: unter den erzählenden Meisterwerken hat es der Roland des Ariosto: ja, als ein Beispiel des Interessanten im höchsten Grade, wo es mit dem Schönen zusammengeht, haben wir einen vortrefflichen Roman von Walter Scott, The tales of my Landlord, 2<sup>d</sup> series. Es ist das interessanteste Dichterwerk, das ich kenne, und an ihm kann man am Deutlichsten alle vorhin im Allgemeinen angegebenen Wirkungen des Interessanten wahrnehmen; zugleich aber ist dieser Roman durchweg sehr schön, zeigt uns die mannichfaltigsten Bilder des Lebens, mit frappanter Wahrheit gezeichnet, und stellt höchst verschiedene Karaktere mit großer Richtigkeit und Treue auf.

Vereinbar mit dem Schönen ist also das Interessante allerdings: – und Dies war die dritte Frage: jedoch möchte wohl der schwächere Grad der Beimischung des Interessanten dem Schönen am Dienlichsten befunden werden, und das Schöne ist ja und bleibt der Zweck der Kunst. Das Schöne steht dem Interessanten in doppelter Hinsicht entgegen, erstlich sofern das Schöne in der Erkenntniß der Idee liegt, welche Erkenntniß ihr Objekt ganz heraushebt aus den Formen, die der Satz vom Grund ausspricht; hingegen liegt das Interessante hauptsächlich in den Begebenheiten, und die Verflechtungen dieser entstehn eben am Leitfaden des Satzes vom Grunde. Zweitens wirkt das Interessante durch Aufregung unsers Willens; hingegen das Schöne ist bloß da für die reine und willenlose Erkenntniß. Dennoch ist bei dramatischen und erzählenden Werken eine Beimischung des Interessanten nothwendig (wie flüchtige, bloß gasartige Substanzen einer materiellen Basis bedürfen, um aufbewahrt und mitgetheilt zu werden): theils weil es schon von selbst aus den Begebenheiten hervorgeht, welche erfunden werden müssen, um die Karaktere in Aktion zu setzen; theils weil das Gemüth ermüden würde, mit ganz antheilslosem Erkennen von Scene zu Scene, von einem bedeutsamen Bilde zu einem neuen überzugehen, wenn es nicht durch einen verborgenen Faden dahin gezogen würde: dieser eben ist das Interessante: es ist der Antheil, den uns die Begebenheit als solche abnöthigt, und welcher als Bindemittel der Aufmerksamkeit das Gemüth lenksam macht, dem Dichter zu allen Theilen seiner Darstellung zu folgen. Wenn das Interessante eben hinreicht, Dieses zu leisten, so ist ihm vollkommen Genüge geschehn: denn es soll zur Verbindung der Bilder, durch welche der Dichter uns die Idee zur Erkenntniß bringen will, nur so dienen, wie eine Schnur, auf welche Perlen gereiht sind, sie zusammenhält und zum Ganzen einer Perlenschnur macht. Aber das Interessante wird dem Schönen nachtheilig, sobald es dieses Maaß überschreitet: dies ist der Fall, wenn es uns zu so lebhaftem Antheil hinreißt, daß wir bei jeder ausführlichen Schilderung, die der erzählende Dichter von einzelnen Gegenständen macht, oder bei jeder längern Betrachtung, die der dramatische Dichter seine Personen anstellen läßt, ungeduldig werden, den Dichter anspornen möchten, um nur rascher die Entwickelung der Begebenheiten zu verfolgen. Denn in epischen und dramatischen Werken, wo das Schöne und das Interessante gleich sehr vorhanden sind, ist das Interessante der Feder in der Uhr zu vergleichen, welche das Ganze in Bewegung setzt, aber, wenn sie ungehindert wirkte, das ganze Werk in wenig Minuten abrollen würde: hingegen das Schöne, indem es uns bei der ausführlichen Betrachtung und Schilderung jedes Gegenstandes festhält, ist hier was in der Uhr die Trommel, welche die Entwickelung der Feder hemmt.

Das Interessante ist der Leib des Gedichts, das Schöne die Seele.

In epischen und dramatischen Dichtungen ist das Interessante, als notwendige Eigenschaft der Handlung, die Materie, das Schöne die Form: diese bedarf jener, um sichtbar zu werden.

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