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Arthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß - Vorlesungen und Abhandlungen

Arthur Schopenhauer: Arthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß - Vorlesungen und Abhandlungen - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorArthur Schopenhauer
titleArthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß ? Vorlesungen und Abhandlungen
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorEduard Grisebach
year1896
correctorjohannN
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Erster Theil

Theorie des gesammten Vorstellens und Erkennens

Exordium zur Dianoiologie

Wenn man in einem Hause zu thun hat, pflegt man, ehe man hinein geht, doch einen Blick auf die Außenseite zu werfen. Wir haben es mit dem Intellekt von innen zu thun, d. h. vom Bewußtsein ausgehend. Vorher wollen wir ihn kurz von Außen ansehen. Da ist er ein Gegenstand der Natur, Eigenschaft eines Naturprodukts, des Thieres und vorzüglich des Menschen. So ganz empirisch, ohne vorgefaßte Meinung ihn betrachtend, müssen wir ihn eine Funktion des menschlichen Lebens nennen, und zwar, wie alle andern Funktionen an einen besondern Theil gebunden, an das Gehirn. Wie der Magen verdaut, die Leber Galle, die Nieren Urin, die Hoden Saamen absondern, so stellt das Gehirn vor, sondert Vorstellungen ab, und zwar ist dieses (nach Flourens Entdeckung 1822, Memoires de l'Acad. des sciences. 1821–22, V. 5–7.) ausschließlich Funktion des großen Gehirns, während das kleine die Bewegungen lenkt. Also der ganze Intellekt, alles Vorstellen, Denken, ist eine physiologische Funktion des großen Gehirns, der vorderen Hemisphären, großen und kleinen lobi, des corporis callosi, glans pinealis, septum lucidum, thalami nervi etc. Aber diese Funktion hat etwas Eigenes, was sie gar höher stellt, als die Galle, welche die Leber, und den Speichel, welchen die Speicheldrüsen absondern, nämlich dieses: die ganze Welt beruht auf ihr, liegt in ihr, ist durch sie bedingt. Denn diese existirt nur als unsere (und aller Thiere) Vorstellung, und ist folglich von dieser abhängig und ohne sie nicht mehr. – Vielleicht scheint Ihnen Das paradox, und es ist wohl noch Einer und der Andere von Ihnen, der ganz ehrlich meint: wenn auch der Brei aus allen Hirnkasten geschlagen würde, so blieben darum Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen und Elemente doch stehn. – Wirklich? – Besehn Sie doch die Sache etwas in der Nähe. Stellen Sie sich eine solche Welt ohne erkennende Wesen einmal anschaulich vor: – da steht die Sonne, die Erde rotirt um sie herum, Tag und Nacht, die Jahreszeiten wechseln, das Meer schlägt Wellen, die Pflanzen vegetiren: – aber Alles, was Sie jetzt sich vorstellen, ist bloß ein Auge, das Das Alles sieht, ein Intellekt, der es percipirt: also eben das ex hypothesi Aufgehobene. Sie kennen ja keinen Himmel und Erde und Mond und Sonne so schlechthin, an und für sich; sondern, Sie kennen bloß ein Vorstellen, in welchem das Alles vorkommt und auftritt, nicht anders, wie Ihre Träume des Nachts auftreten; welche Traumwelt das Erwachen Morgens vernichtet: nicht anders wäre offenbar diese ganz Welt vernichtet, wenn der Intellekt aufgehoben oder, wie eben gesagt, der Brei aus allen Hirnkasten geschlagen wäre. Ich bitte, nicht zu meynen, das sei Spaaß: es ist Ernst. Die Konsequenzen, welche daraus für die Metaphysik fließen, gehn uns hier nichts an. Wir betrachten es hier bloß, um auf die große Wichtigkeit, die hohe Dignität des Intellekts aufmerksam zu werden, der der Gegenstand unserer ferneren Betrachtung ist, und zwar jetzt von Innen ausgehend, vom Bewußtseyn desselben: wir stellen Selbstbetrachtungen des Intellekts an.

Ueber die Endlichkeit und Nichtigkeit der Erscheinungen

Ist nun also, wie bereits gezeigt, der Satz vom Grunde in allen seinen Gestaltungen das Princip der Dependenz, Relativität, Endlichkeit in allen Objekten für das Subjekt; und läßt sich, wie wir eben sahen, das ganze eigentliche Wesen jeder Klasse von Objekten zurückführen auf die Relation, die der Satz vom Grunde in derselben bestimmt, so daß die Erkenntniß jener Art der Relation auch die des Wesens der Klasse von Vorstellungen ist; so folgt, daß vermöge des Satzes vom Grunde, als der allgemeinen Form aller Objekte des Subjekts, diese Objekte selbst durch und durch nur in der Relation zu einander bestehn, nur ein relatives, bedingtes Daseyn haben, nicht ein absolutes, bestehendes Daseyn an und für sich. Jene Instabilität, die der Satz vom Grunde den Objekten ertheilt, ist am auffallendsten und sichtbarsten in seiner einfachsten Gestaltung, der Zeit: in ihr ist jeder Augenblick nur, sofern er den vorhergehenden, seinen Vater vertilgt hat, um selbst wieder eben so schnell vertilgt zu werden: Vergangenheit und Zukunft sind so nichtig, als irgend ein Traum, die Gegenwart allein ist wirklich da; aber sie ist nur die ausdehnungslose Gränze zwischen jenen beiden: was eben gegenwärtig war, ist schon vergangen.

Dieselbe Nichtigkeit, die uns hier augenfällig entgegentritt, ist aber dem Satze vom Grunde in jeder Gestalt eigen und auch jeder Klasse der Objekte, die er beherrscht, da, wie gezeigt, ihr Wesen eben nur in der Relation besteht, die er in ihr setzt, daher was von der Relation gilt auch auf die ganze Art der Vorstellung zu übertragen ist. Im Raume ist der Ort immer nur relativ, ist durch ein Anderes bestimmt. Wir erkennen nie unseren absoluten Ort; sondern nur den relativen. Wo sind wir? – da und da; die Gränzen, die uns zunächst umgeben, kennen wir; diese haben andere Gränzen, und so in's Unendliche: denn der Raum ist unendlich: die Verhältnisse unseres Ortes zum nächsten Raume kennen wir; aber so weit wir unsere Kenntniß auch erstrecken, so ist dieser ganze Theil des Raumes endlich und begränzt, der Raum selbst aber unendlich und unbegrenzt, so daß gegen ihn Ort und Lage, die wir einnehmen, alle Bedeutung verlieren, gänzlich verschwinden, ein unendlich Kleines werden, und unser Irgendwoseyn nicht viel mehr ist, als nirgends seyn.

In der Klasse der anschaulichen vollständigen Vorstellungen oder realen Objekte bringt das darin herrschende Gesetz der Kausalität dieselbe Nichtigkeit hervor, welche die Grundform derselben, die Zeit, hat. So wenig, als diese je stille steht, beharrt irgend etwas in ihr, die Materie als solche ausgenommen, welches wir aus dem Antheile des Raumes an ihr abgeleitet haben. Materie als solche ist nicht anschaubar, sondern nur mit der Form; aber alle Zustände der Materie, alle Formen, sind im steten Entstehn und Vergehn begriffen; sie werden durch Ursachen, und vergehen durch Ursachen, hängen stets von Ursachen ab, und das ganze Wesen der Welt ist ein beständiger Wandel und Wechsel. Wie die Zeit und der Raum selbst, so hat Alles, was in ihnen ist, nur ein relatives Daseyn, ist nur durch und für ein Anderes, ihm Gleichartiges, d. h. selbst nur wieder eben so Bestehendes: daher ist nichts durch sich selbst, daher hat nichts Bestand. Unter unseren Händen schwindet Alles, wir selbst nicht ausgenommen.

Wir sehn also, daß eben weil der Satz vom Grunde in seinen verschiedenen Gestalten die Form alles Objekts ist; auch alles Objekt jener Endlichkeit, Zeitlichkeit, Dependenz, Instabilität, Relativität anheimgefallen ist, deren eigentliches Princip jener Satz ist; daher nur ein relatives Seyn hat; ist und wieder nicht ist. Das Wesentliche dieser Ansicht ist sehr alt, ja ein lebhaftes und beständiges Bewußtseyn derselben scheint zur Eigenthümlichkeit philosophischer Geister zu gehören und hauptsächlich sie stets zum Nachdenken aufzufordern. Daher sehn wir schon den Herakleitos den ewigen Fluß der Dinge bejammern. Ρειν τα ολα ποταμου διχην.
Diog. Laert.
Δεγει που Ηραχλειτοσ, οτι πανια ρει, χαι ουδεν μενετ χαι
ποταμου ροη απειχαξων τα οντα,λεγει, ωσ δισ ισ τον αυτο[*]
ποτμον ουχ αν εμβαιησ
Plat. Cratyl.

Die Eleatiker reden von einer beharrenden Substanz, die immer ist und immer sich gleich ist, ohne Bewegung und Veränderung αμεταβλητον Dem, was sich bewegt und verändert, sprechen sie alles Seyn ab, erklären es für blossen Schein. – Platon nennt alle Dinge dieser Welt das immerdar Werdende, aber nie Seyende, das daher auch gar nie Gegenstand eines Wissens seyn könne, sondern nur einer auf Empfindung gestützten Meinung. Und er redet als Gegensatz von dem immerdar Seyenden, nie Gewordenen, nie Vergehenden, den ewigen Ideen: von denen allein es ein rechtes Erkennen und Wissen gäbe, suo loco. – Das Christentum nennt diese Welt die Zeitlichkeit, sehr treffend, nach der einfachsten Gestaltung des Satzes vom Grunde, dem Urtypus aller andern, der Zeit, und redet im Gegensatz hiezu von der Ewigkeit. – Spinoza lehrte, das allein Seyende wäre die ewige Substanz, das Ganze der Welt, auf ewige, nicht auf zeitliche Weise erkannt; sie wäre durch sich selbst und bedürfte keines Andern als ihrer Ursache; sie bliebe sich immer gleich: aber das in der Zeit Entstehende, Vergehende, Bewegliche, Vielfältige, – das wären die blossen Accidenzien jener einen beharrenden Substanz. – Der grosse Kant erklärt Alles, was in Zeit und Raum und als Ursache und Wirkung sich darstellt, für blosse Erscheinung, die er entgegensetzt dem Dinge an sich, dem alle jene Formen fremd wären.

Diese Ansicht ist es eben auch, welche, durchgeführt und genauer erklärt, allen unseren ferneren Betrachtungen zum Grunde liegen wird. – Eben dieselbe Ansicht finden wir auch im Orient, bei dem weisesten und ältesten aller Völker, den Hindu's: sie drücken in ihrer Mythologie oder Volksreligion die Sache etwa so aus: Diese ganze wahrnehmbare Welt ist das Gewebe der Maja, welches wie ein Schleier über die Augen aller Sterblichen geworfen ist und sie nun eine Welt sehen läßt, von der man weder sagen kann, daß sie sei, noch auch daß sie nicht sei: denn sie ist, wie ein Traum ist: ihre Erscheinung gleicht dem Wiederschein der Sonne in der Sandwüste, welchen der durstige Wanderer von fern für ein Wasser ansieht, oder auch dem hingeworfenen Strick, den er für eine Schlange hält.

In allen diesen so verschiedenen Ausdrücken philosophirender Geister erkennen Sie dieselbe Grundansicht wieder, das Bewußtseyn der Instabilität, Relativität und dadurch der Nichtigkeit aller Dinge, denen eben deshalb das eigentliche Seyn abgesprochen und nur ein scheinbares zuerkannt wird. – Wir aber haben diese Beschaffenheit aller erscheinenden Dinge, d. h. aller Objekte des Subjekts, zurückgeführt auf ihre innere und gemeinschaftliche Wurzel. Sie sind erstlich nur Vorstellungen, und als solche bedingt durch das Subjekt, also schon deshalb nur relativ da: nur Erscheinungen, nicht Ding an sich. Zweitens ist ihre gemeinschaftliche Form der Satz vom Grunde, der in verschiedenen Gestalten sich darstellt, im Wesentlichen aber nur einer ist: er erscheint als Zeit, als Raum, als Kausalität, als Motivation, als Begründung der Erkenntniß. Das Gemeinschaftliche aller dieser Formen, wie ihr Unterscheidendes haben wir gesehn und haben erkannt, daß so wie sie in einem gemeinschaftlichen Ausdruck, welches der Satz vom Grunde ist, zusammentreffen, sie auch aus einer Urbeschaffenheit unseres Erkenntnißvermögens stammen müssen; die Wurzel des Satzes vom Grunde.

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