Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Anton Wildgans: Armut - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/wildgans/armut/armut.xml
typedrama
authorAnton Wildgans
booktitleBürgerliche Dramen: In Ewigkeit Amen / Armut / Liebe
titleArmut
publisherL. Staackmann Verlag
seriesGesammelte Werke
volumeDritter Band
year1930
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120515
projectid3ce4df31
Schließen

Navigation:

Actus mysticus

Dieselbe Szene wie in den beiden ersten Akten.

Das Bett des alten Spuller steht jedoch an der Stelle des Mitteltisches unter der brennenden Hängelampe, die mit Papier nach unten hin und seitlich verhängt ist. Zu Häupten des Bettes ein Stuhl, auf dem einige Medizinflaschen und ein Topf mit dampfendem Wasser steht. Der ganze Raum ist von dem Dufte des Latschenöls erfüllt.

Im Bette liegt der alte Spuller, abgezehrt, bleich, und schläft.

Gottfried beim Sekretär, auf dem die angezündete aber mit einem grünen Schirm abgedämpfte Studierlampe steht.

Gottfried

zuerst in ein Buch starrend, dann den Blick davon wendend und immer mehr ins Publikum, dennoch aber für sich sprechend

... Zwei Züge fahren von A nach B. Die Geschwindigkeit des einen ist S, die des andern S mit dem Index 1. Liest die Aufgabe zu Ende Eine Gleichung, eine eingekleidete Gleichung – mit wievielen Unbekannten? ... Wie weit ist es von A nach B? Das ist die Frage, das große X! – Löst du sie nicht, dann – ja dann ... »Sie an der Ecke der fünften Bank, zeigen Sie mir Ihre Präparation!« ... Mein Gott, du weißt, daß ich die letzte, lange Nacht nicht geschlafen habe. Ich hielt meine Finger um den Puls eines Sterbenden geschlossen, daß er dem lässig gewordenen Hüter Leib nicht heimlich entschleiche ... »Keine Ausreden, junger Mann! Ihr Vater lebt ja noch! Nicht genügend!« ... Herr Gott des Himmels, an den ich geglaubt habe! Wann war es doch, daß ich das letzte Mal an dich glaubte? – Herr Gott, ich bin dir zwar noch viele Gebete schuldig von damals her, als ich dir noch hundert Vaterunser gelobte zum Dank für ein bestandenes Examen oder tausend zur Buße, wenn ich mich selbstbefleckt hatte! – Und dennoch bitt' ich dich: laß ihn noch einmal zu sich kommen, diesen meinen Vater da – und gib mir dann ein Wort, ein Menschenwort! Mir, dem allzu Wörterreichen, der sein Herz hinter Palissaden von Floskeln verrammeln muß! Oder laß mich mit mehr als menschlicher Stimme in die letzten raunenden Spiele seiner entschlafenden Seele flüstern: Vergib mir – vergib!... Mit tief gesenkter Stimme Wie weit ist es von A nach B? Darum kannst du morgen gefragt werden. Und deine Antwort wird entscheidender sein für dein Leben als das letzte verzeihende Lächeln deines Vaters. Wer fragt darnach? Wer stellt dich mit dieser Erfahrung an? – Und wenn Engel in jenem ewigen Augenblick durch deine Seele geschritten wären, allen irdischen Mißrat vor deine Schwelle kehrend, wer borgt dir einen Gulden auf dein gereinigtes Menschentum? – Sei niedrig, und es wird dir mit Wollust vergolten! Sei gewöhnlich, auf daß es dir wohlergehe auf Erden! Und wisse vor allem – wie weit es von A nach B ist! – Ich möchte nicht ein zweites Mal geboren werden.

Doch wie, wenn man dies erste Mal wegwischte von der schwarzen Tafel seines Bewußtseins? – Reich' mir den Schwamm, Mitschüler Gott – ach, lieber nicht den Schwamm! Ich kenne Fälle, da du ihn vorher mit Essig und Galle getränkt hattest. – Es wird schon ein Revolver sein müssen. Der aber kostet Geld. Und man soll seinen Hintritt nicht leichtsinnig verteuern, würde meine Mutter sagen. Bliebe am Ende nur das Fliegenlernen – vom vierten Stock. Warum nicht? Es ist von dort sicher nicht viel weiter hinüber als – von A nach B. Ich muß es doch ausrechnen ...

Die Mutter

ist leise von links eingetreten, hat einige Augenblicke gespannt lauschend dagestanden und geht nun kaum hörbar auf Gottfried zu, hinter dem sie stehenbleibt. Leise

Sprichst du mit dir selbst?

Gottfried

sich rasch gefaßt umwendend

Ich tat es – scheinbar. Und wahrscheinlich, um mich darin zu üben für die Zeit, wo ich niemanden mehr haben werde, dem ich mich verständlich machen könnte –

Mutter

Und ich bin niemand?

Gottfried traurig

Du bist nach den Überlieferungen unserer Familie meine Mutter.

Mutter auf den Kranken zeigend

Hast du denn mit ihm so viel gesprochen?

Gottfried

Leider nein. Das war eben das Fieber, in dem ich vorhin delirierte.

Mutter schmerzlich, eifersüchtig

O doch! Ich weiß schon, wann ihr miteinander gesprochen habt: während der Sonntagsausflüge, auf die ihr mich nie mitgenommen habt! Ich hätte euch wohl gestört, nicht wahr?

Gottfried unbeweglich

Sicherlich – wenn wir gesprochen hätten.

Mutter

Brauchst nicht im Nachhinein zu lügen. Mit einer Art Triumphes Ich gehe jetzt die Leute vertrösten, denen wir schuldig sind. Damit du's nur weißt!

Gottfried

Ich habe dieses Elend nicht geschickt.

Mutter unwillig-bittend

Du könntest wenigstens deiner Schwester zureden, daß sie von dem Vorschuß hergibt, den sie bei ihrer Firma genommen hat.

Gottfried stutzig

Hat sie denn das?

Mutter unsicher

Sie sagt es.

Gottfried

sieht sie erst durchdringend an, zuckt die Achseln, dann gedämpft-grotesk

Könnte man nicht ein wenig einheizen, Mütterchen?

Mutter schneidend

Ist dir kalt? Steck die Hände in die Tasche!

Gottfried

O, mir ist nicht kalt! Mit Handbewegung zum Vater hin Seinetwegen!

Mutter

Wenn du noch etwas findest, so heiz es ein. Geht im Hintergrund rechts ab.

Nachdem die Mutter abgegangen, bleibt Gottfried einige Augenblicke ihr nachsehend stehen; dann sucht er im Zimmer zusammen, womit er den Kranken zudecken konnte, und breitet das Gefundene liebevoll-zärtlich über ihn. Der Kranke bewegt sich unter diesen Berührungen. Gottfried tritt erschrocken einen Schritt von dem Lager zurück.

Gottfried in steigender Erregung

Er bewegt sich! Mein Gott, hast du mich wirklich erhört? Darf ich ihn wecken, du? – Einmal muß ich noch mit ihm allein sein, dieses erste und letzte Mal mit ihm allein! Wie war mein Herz verstockt, eingefroren die Sprache des Kindes zum Vater! Und je mehr Fühler seine Seele nach der meinen aussandte, desto ängstlicher ich. Ist es denn möglich, so sehr zu versäumen? War nie die Furcht, es könnte zu spät werden? Doch, doch! – Er stirbt und hat nicht gewußt, wie lieb... Er rührt sich! Meine Sehnsucht weckt ihn und mein schuldiges Herz. Vater, wach auf! – Dank dir, Herr des Himmels! Ein paar Worte jetzt, ein paar Menschenworte! Zum Kranken hingebeugt Vater!

Spuller sich ein wenig aufrichtend, mit dem Abglanz eines glücklichen Traumes auf dem sterbensblassen Gesichte Bist du's, Gottfried?

Gottfried leise, ringend Ich, dein –

Spuller unruhig War sonst niemand im Zimmer?

Gottfried Niemand Fremder.

Spuller zurücksinkend Geträumt – nur geträumt.

Gottfried innig, betend Breitet, Engel, Teppiche auf die kristallenen Stufen des Himmels, denn ein Gerechter naht mit wundgewanderten Füßen –

Spuller halb wach Lieber Traum – machte mich schweben. Schmerzfrei und leicht die Brust. – Gottfried!

Gottfried Vater?

Spuller schwach, aber selig Hunger und Durst! – Das ist die Genesung.

Gottfried Ein wenig Wasser – Reicht ihm ein Glas.

Spuller Milch?

Gottfried herb Nur Wasser.

Spuller nachdem er getrunken, ein wenig aufgerichtet, mit weiten Blicken Hier gestanden – an deiner Stelle. Emporgewachsen aus der Erde – und gelächelt – belobt – gesegnet.

Gottfried geheimnisvoll, schmerzlich Der Engel?

Spuller traumhaft, groß Der Kaiser!

Gottfried leise, schaudernd Der Kaiser!?

Spuller mit fremder Stimme »Sie haben mir gedienet dreimal zehen Jahre und eines. Ich danke Ihnen –« Zweifelnd Leb' ich noch, Gottfried?

Gottfried inbrünstig Du lebst, bist! Dein Kind dir zu Füßen!

Spuller gütig Knie nicht, Gottfried, mein Kind... Langsam erwach' ich. Wo war ich die ganze Zeit? – Ist schon Frühling?

Gottfried mit innerem Jubel leise

Hänge hat er schon angehaucht,
Südlichen Odems die Schwingen schwer,
Flügelt der Wind vom Gebirge her,
Und die Gärten erschauern.
Und die Gärten ahnen das Meer,
Bruderpalmen im Sonnenschein,
Blühende Winden und blühenden Wein
Auf göttlich verwitterten Mauern.

Spuller leise, selig Knospen die Büsche schon, Gottfried?

Gottfried immer gesteigerter

Alle Zweige sind golden bestickt,
Weidengegitter und Haselgestrüppe
Blühende Lippe an blühender Lippe,
Alles Gestämme voll treibendem Most!
Unersinnbar und unbeschreiblich:
Blütenstäubchen, männlich zu weiblich,
Taumeln durch die gesegneten Lüfte,
Leben in Leben, Düfte in Düfte,
Und die blaugeschatteten Klüfte
Sind von stürzender Schmelze durchtost.

Spuller wehmütig Erinnerst du dich noch an unsere Sommersonntage im Freien vor der Stadt?

Gottfried fröhlich

Müde Augen zu entzücken,
Ausgezogen aus der Stadt,
Häuser, Türme bald im Rücken,
Sonntagsüberfüllte Brücken,
Straßen, Lärmens übersatt.
In Alleen aufgenommen,
Ins Gerausche hingeschwommen,
Aufgefrischt und freuderot;
Brust dem Anhauch dargebreitet,
Herz der Erde aufgeweitet,
Und vergessen alle Not.
Aus den feuchten Ackerschorfen
Lerchen, auf ins Gold geworfen,
Trunken überschlugen sich.
Deine Wangen braun und bräuner,
Immer nur ein Tag, nur einer –
Ach, so selten du und ich!

Spuller milde lächelnd Weißt du noch, wie du dich oft gewunden und verborgen hast, um nicht mit mir gehen zu müssen?

Gottfried schmerzlich

Oh, wie war deine Freude erschütternd,
Wenn endlich die Stunde des Ausflugs kam!
Oh, wie verkroch ich mich zag und zitternd,
Ob du auch wirklich den mürrischen Knaben
Wieder wolltest zur Seite haben,
Denn meine Freude ward mürrisch vor Scham.
Daß du mit Stunden dich mußtest begnügen
Nach den trübselig verfristeten Wochen,
Und die Worte voll Heilandsgenügen,
Die du auf Bänken im Wald mir gesprochen –
Ach, sie haben das Herz mir gebrochen,
Und ich habe mich lieber verkrochen,
Verraten mich konnt' ich nicht, wollte nicht lügen.
Hätte mich sonst mit meinen Küssen
Zu deinen Füßen hinstürzen müssen
Und dir aus meinen kindlichen Händen
Mein Herz wie die heilige Blutspeise spenden.

Spuller lächelnd Glaubst du, ich hab' es nicht gewußt, Gottfried?

Gottfried zerschmettert Du – gewußt?!

Spuller tief Soll ein Vater sein Kind nicht kennen?

Gottfried erschüttert, gequält, immer wühlender

Mich, mich gekannt!?
Und nun liege ich da,
Zerpeinigt von Reu,
Weine bittere Küsse
Auf unwiederbringliche Hände,
Und die zerpochte Brust
Ringt das gelle Gelächter
Des verzweifelten Narren
In ihre Tiefen zurück.
Einer hat mich gekannt,
Und dieser eine?! Zu spät!
Nichts hält die wachsenden Schatten mehr,
Aufgähnt die Erde und birgt den Raub,
Hohnlacht berstender Herzen,
Und wunde Lippen auf kaltem Stein
Wecken die Schläfer nicht.

Spuller in plötzlicher aber beherrschter Angst Ist es so weit mit mir?

Gottfried immer ekstatischer

Nein, du wirst leben!
Sterblich bist du nicht!
Hast ja gewirkt, geliebt,
Warst ja beglückt, betrübt,
Hast dich ergeben.
Sag mir, wie konntest du's?
Ich, ich vermag es nicht,
Ich Spätgeborener,
Allzufrüh Wissender,
Wissens Müder.
Ich Hungrig-Vergrämter,
Lüstern-Verschämter,
Zum Nehmen zu brach,
Zum Verzichten zu schwach,
Und im Blut
Der Neid!
Kein Geiler nach fremdem Gut!
Aber warum nur die andern:
Gold, Liebe, Welt?!
Warum nicht ich, nicht du?
Ich, du auch!
Warum nicht wir?
Uns auch Glück!
Armut, Armut,
Was werd' ich durch dich!?

Spuller leise, überirdisch

Ein Bettler, Wenn du nur danach brennst,
Was die andern haben und sind –
Ein Mensch,
Wenn du leidend erkennst,
Daß andere immer noch ärmer sind –
Ein Dichter,
Wenn du die Herzen wirbst,
Die sonst für die Armut verhärtet sind –
Ein Heiland,
Wenn du für jene stirbst,
Die deine verstoßenen Brüder sind.

Er legte seine Rechte segnend auf Gottfrieds Haupt.

Nun wähle, mein Kind!

Spuller lehnt sich mit geschlossenen Lidern und einem mattseligen Gesichtsausdrucke ein wenig in seine Polster zurück. Seine Hand gleitet von dem Scheitel des Sohnes. Dieser hat sein Haupt unter der segnenden Berührung tief gesenkt und vergräbt jetzt das Antlitz an den Knieen des Vaters.

In dieser Stellung verharrt er während der folgenden Szene. Tiefe Stille. Die Tür im Hintergrunde rechts öffnet sich lautlos.

Ein fremder Herr

tritt ein. Er geht mit gemessenen, unhörbaren Schritten durch den Hintergrund und bleibt an dem linken Kopfende des Bettes derart in einigem Abstand stehen, daß der Blick des Kranken auf ihn fallen muß.

Der fremde Herr trägt dunkelaschgraue Kleidung. Der bis zum Kinn zugeknöpfte Paletot und die etwas schlotterigen Beinkleider sind von zeitlosem Schnitt. In der einen seiner gleichfalls grau behandschuhten Hände hält er einen Schlapphut von undefinierbarer Farbe.

Die Gestalt des Herrn ist mittelgroß und knochig, sein Schädel beinahe kahl, sein Antlitz graublaß, von unfeststellbarem Alter. Die Farbe seines Schnurrbartes sticht kaum von der seines Gesichtes ab. Der Fremde sieht aus wie ein greiser Beamter. Aber in seiner Haltung ist geschmeidige Kraft, in seiner Stimme Metall, das hell und dumpf, gütig und unerbittlich zu klingen vermag. Einige Augenblicke, nachdem der Fremde an ihn herangetreten ist, schlägt Spuller die Augen auf, gewahrt die Erscheinung mit einem Blicke, dem er sichtlich nicht traut, und sieht sie mit fragendem Befremden an.

Der Fremde lächelnd, mit freundlicher, gedämpfter Stimme Guten Abend, mein Kompliment –

Spuller unsicher

Wer sind Sie?

Der Fremde mehr für sich

Seltsam, daß keiner mich je erkennt.

Spuller nach einigem Forschen

Sie scheinen mir allerdings bekannt –

Der Fremde Das freut mich.

Spuller etwas sicherer

Sie sind mein Herr Amtsvorstand –?

Der Fremde beziehungsvoll

Der Ihrige und – so im allgemeinen.
Doch sind wir nicht immer nur das, was wir scheinen.

Spuller vorsichtig

Sie scheinen mir allerdings recht – verändert:
Das Antlitz so blaß, die Augen gerändert
Und so was Gealtertes um den Mund!
Sie sind doch nicht auch krank?

Der Fremde mit flüchtigem Lächeln

Nein, ich bin gesund.

Spuller bekümmert

Das kann ich leider von mir nicht sagen.

Der Fremde

Das wird schon kommen.

Spuller erregt

Seit einigen Tagen
Fühl' ich mich allerdings im Genesen.
Nur die Augen sind noch zu schwach zum Lesen
Und die Hand noch ein wenig zu müd zum Schreiben.
Würd' sonst dem Amte nicht fernebleiben!
Doch will ich, was ich versäumt und verpaßt,
Nachholen, sobald ich –

Der Fremde mit großer Ruhe

Nur keine Hast!

Spuller gequält

Ich bin ja, Herr Vorstand, noch nicht so alt
Und kann noch gute zehn Jahre dienen,
Und meine Familie braucht den Gehalt –
Man wird mir doch nicht ...?

Der Fremde mit Anteil

Was lastet auf Ihnen?

Spuller angstvoll

Man wird mir doch nicht – den Abschied geben?

Der Fremde

Seien Sie ruhig – in diesem Belang.

Spuller befreit

Das quälte mich so!

Der Fremde gütig

Darum komme ich eben
Und bringe – Frieden!

Spuller selig-verträumt, innig, leise

Vielen Dank! – Gott sei Dank.

Der Fremde nach einer Pause im Tone freundschaftlichen Gespräches

Doch nun, da diese Besorgnis vorüber –
Wir haben zusammen noch etwas Zeit –
Wollen wir ein wenig plaudern, mein Lieber,
Vom Leben und von der Vergangenheit.

Spuller lächelnd, wie in seliger Erinnerung

Ach ja, das Leben!

Der Fremde

Sie waren zufrieden?

Spuller wie oben

Und ob! Es war ja doch oft so reich!

Der Fremde

Und hat Ihnen doch so wenig beschieden!

Spuller mit gütiger Verwahrung

Wieso denn? Man muß doch nicht immer gleich
Die Sterne vom Himmel herunter verlangen!
Mehr als den Abglanz von allen Sonnen,
Mehr als die Sehnsucht nach allen Wonnen,
Was sie auch trachten, treiben und sinnen,
Können Menschen doch niemals gewinnen!

Der Fremde mit freundlicher Überlegenheit

Bei dieser Philosophie, mein Verehrter,
Wär' es in dieser löblichen Welt
Etwas allzu geruhsam bestellt.
Aber in Wirklichkeit ist viel begehrter,
Was Sie verschmähen: Genuß und Geld!

Spuller

Leider Gottes.

Der Fremde beinahe lebhaft

Wie man es nimmt!
Ich für meinen Teil hoffe bestimmt,
Daß sich die Menschen zu Ihren Lehren
Nicht so bald und willig bekehren,
Weil sonst – Ihre Gesinnung in Ehren! –
Diese Komödie kein Ende nimmt.

Spuller betroffen

Von diesem Standpunkt, muß ich gestehen,
Hab' ich die Sache noch niemals besehen.

Der Fremde gelassen

Wohl! Diesen erweiterten Horizont
Hat niemand, der selber auf Erden wohnt.

Spuller ahnungsvoll

Und Sie?

Der Fremde

erst lächelnd, dann mit steigender Kälte
Ja, ich, mein Lieber – wie sagt man da schon?
Steh' quasi über der Situation.
Ich hätte mich nämlich noch mehr zu plagen,
Würden alle so gütig wie Sie entsagen.
Doch so sind die meisten, Gott sei Dank,
Schon durch ihre eigene Habgier krank.
Denn der Hunger nach wirklichem Haben
Frißt schon an Kindern und ängstigt die Knaben,
Altert die Männer, entnervt die Weiber,
Verwirrt die Seelen, zermürbt die Leiber,
Peitscht sie wie ein irrsinniger Treiber
Millionenscharenweise
In meine Netze, in meine Kreise,
Daß sie wie Fliegen in Schwefeldünsten
Samt ihren Lüsten, Süchten und Brünsten
In der Masse zugrunde gehen!
Brauch' nicht nach jedem besonders zu sehen.

Mit gütig verändertem Tone

Nur zu den Seltenen, Gütigen, Klaren
Komm' ich höchstselber vorgefahren –
Ich darf wohl hoffen, daß Sie mich verstehen!

Spuller nickt mehrmals traurig, dann leise

Und wie lang ist noch Zeit?

Der Fremde

nachdem er auf eine altertümliche Taschenuhr gesehen, fest

Dreimal sechzig Sekunden.
Mein Fahrplan ist unerbittlich genau.

Spuller angstvoll

Und wohin geht die Reise? Nach oben? Nach unten?

Der Fremde

mit gütig erhobener Stimme
Immerzu aufwärts ins ewige Blau!

Spuller in wachsender Beklemmung

Hätte noch manches vielleicht zu besorgen,
Habe zum Sterben noch nicht die Ruh'!

Der Fremde mit steigender Wärme und Stärke

Überlaß' es nur denen, die morgen
Nicht so verklärt sein werden wie du!

Spuller

Wovon werden die Meinen leben,
Wenn ich nicht mehr verdiene, wovon?

Der Fremde

Du hast ihnen all dein Leben gegeben,
Sterben darfst du für dich, mein Sohn!

Spuller

Hab' ich denn nichts mehr zu beichten und schlichten?

Der Fremde

Liebe Seele, frag nicht danach!

Spuller

Schlecht war ich ja nicht, nur manchmal so schwach –

Der Fremde mit liebevollem Vorwurf, stark

Schwäche nennst du dein großes Verzichten?!
Glaub mir, nicht viele der Menschenwerke,
Die bewundert auf Erden sind,
Brauchten solche vollbringende Stärke
Wie in diesem besessenen Treiben,
Diesem gierigen Haschen nach Wind
So ein seliger Armer zu bleiben,
Wie es du vermocht hast, mein Kind!

Spuller immer verklärter und kindlicher

Also nah' ich mich der Vollendung
Doch nicht als ganz so belanglose Fracht?

Der Fremde liebreich

Nein, als besonders köstliche Sendung
Wirst du von Engeln überbracht.

Spuller kindlich bittend

Aber heiß sie gut Obacht geben!
Bin so gebrechlich von manchem Leid –

Der Fremde

Laß gut sein!
Die dich heben, die mit dir schweben,
Boten Gottes wissen Bescheid.

Der Fremde berührt die Hand des Sterbenden, der selig lächelnd mit einem tiefen, erlösten Seufzer zurücksinkt. Die Erscheinung hält noch einen Augenblick zu Häupten des Toten inne, dann geht sie ebenso lautlos wie sie gekommen ab.

Die Wanduhr schlägt gemächlich die siebente Stunde.

Der Vorhang fällt.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.