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Arbeit

Ilse Frapan: Arbeit - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleArbeit
authorIlse Frapan
year2007
firstpub1903
addressBerlin
titleArbeit
pages198
created20150301
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Buch

Vor dem Bahnhofsgebäude, auf dem geräumigen Platz um den schönen Brunnen und unter den Säulengängen stand eine Kopf an Kopf gedrängte Menge.

Die Silberlinden des Platzes und der ausmündenden Straßen waren schon gelb und dünn belaubt, aber eine heißrote Oktobersonne schien durch weißlichen Staub und Dunst und machte die grüne, weißschäumende Limmat, deren lebendige Wasser, rasch und wirbelnd nach der Aufstauung, zu den Mühlen unterhalb der Brücken niederrauschen, zu einem erfrischenden, Erquickung hauchenden Anblick.

Frauen ohne Kopfbedeckung, mit Körbchen am Arm, braune Großväterchen mit qualmenden Pfeifen, Kinder in bunten Sommerkleidern und Mädchen mit Kinderwägelchen bildeten Gruppen unter den Arkaden, nah den Ausgängen. Eifrig äugten sie nach den vom Portier ausgehängten Schildern, welche die ankommenden Züge verkünden sollten; Lachen und Scherzworte belebten zuweilen die Gruppen, unter denen es kein Stoßen und Drängen gab, wohl aber eine gemeinsame angenehme Aufregung, die Erwartung von etwas Fröhlichem und Willkommenem.

Lauter und dichter drängte sich die Menge auf dem Platz, unter den gelichteten Bäumen; bis zum Eingang der Löwenstraße standen sie, schlossen den kleinen Zeitungskiosk an der Brücke ein und gestatteten selbst dem elektrischen Tram und den gelben Postwagen nur eine langsame, beengte Durchfahrt. Hier herrschten die Männerkleider vor, aber nicht die gewohnte dunkle Tracht des Städters, sondern weiße und weißblaue Turnerkleidung, aus der schlanke gebräunte Arme und Nacken hervorsahen. Fahnen und Banner wurden von Zeit zu Zeit bewegt, zuweilen spielte ein nahe dem Brunnen aufgestelltes Musikkorps. Die Sonne blinkte in dem springenden und stürzenden Wasser und auf den blanken Messingröhren der Trompeten; Jodler stiegen wie Vogelrufe empor, und ein kleiner Trupp italienischer Arbeiter, zusammengedrängt in einer Ecke, sang ein taktmäßig mit den Spazierstöcken auf den Straßensteinen betontes Schelmenlied. Der Zug pfiff, eine Kirchenuhr schlug, dann schlug auch die Uhr des Bahnhofs mit hellem, schwirrendem Schlag: fünf Uhr.

Das ersehnte Schild wurde herausgehängt, Mütter und Väter strebten, sich in die Nähe der Doppeltüren zu drängen, die Kinderwägelchen bildeten Spalier, die Portiers öffneten, und die Kinder der Ferienkolonien, alle mit Sträußen in den Händen, mit weinlaubbekränzten Hüten, mit Efeuzweigen um den Hals, mit Eichenkränzen, die auf der Spitze eines Stockes schaukelten, alle lustig, erhitzt, bestaubt und betäubt von der Fahrt und dem Lärm, kamen laufend und springend die einen, verträumt und langsam die anderen aus der dämmerigen Halle in das blendende Sonnenuntergangsrot heraus. 117 Es wurde geküßt, umarmt, geschrien, gesucht, kleine Reisetaschen und Köfferchen geschwenkt, ein fröhliches, lautes Gewimmel entstand zu den Füßen der großen Sandsteinpfeiler, unter den Bogen. Die roten Heidekrautsträuße, die bekränzten Strohhüte, die bunten Herbstblätterranken, in die einige der kleinsten Reisenden vom Mützchen bis zum Saum des kurzen Kleides eingehüllt waren, schwärmten zwischen die Großväterpfeifchen, die ausgestreckten Mutterarme, die den Weg versperrenden Kinderwägelchen hinein, flimmerten abwärts über die breiten Stufen und verloren sich in der Menge.

Ehe die Eltern noch ihre Kinder, die Kinder ihre Mütter gefunden, kam der zweite festlich erwartete Zug an; eine andere Pforte öffnete sich, donnernd fuhren die Wagen in die Halle, siegreiche Turner mit radgroßen Lorbeerkränzen, mit bekrönten Bannern erschienen auf der Treppe, Hurrageschrei, Bravorufen, Händeklatschen erscholl ihnen entgegen, die Fahnen der auf dem Platze Wartenden begrüßten die Fahnen der Ankommenden, die Musikanten schmetterten los, hüben und drüben, hinter den Turnern tauchten braune bärenstarke Gestalten auf in dunklen ärmellosen Sammetwämsern, Sennen aus dem Bernerland, aus dem Freiburgischen, von denen zwei je eine junge Tanne, die sie mit ihren eisernen Fäusten aus dem Berggestein gerissen zu haben schienen, über den Häuptern der Heraustretenden schwenkten.

Die Luft erbrauste von Jubel. Jemand intonierte das Schweizerlied, und Gottfried Kellers feurig-inniges:

»Oh mein Schweizerland! oh mein Heimatland!
Wie so innig, feurig lieb ich dich!«

dröhnte aus Hunderten von jungen Kehlen über den menschenvollen Platz.

Alles war laute Freude, Stolz, gute Laune – man stand und sang, schrie, lachte, ohne sich zu drängen, ohne Eile fortzukommen, ohne belästigende, die Menge in Verwirrung bringende Polizei.

Eines jener improvisierten Feste, an denen das Schweizerleben so reich ist, ein Besuch der Bergbewohner bei den Städtern, kräftig gefeiert durch körperliche Spiele und heitere Wettkämpfe in allerlei Fertigkeiten, begann mit diesem jubelnden Empfang auf dem Bahnhofplatze, dessen beflaggte Häuser den fröhlichen Ankömmlingen den Gruß der ganzen schönen Limmatstadt entgegenwinkten.

Der lange Wagenzug hatte eine Menge Besucher gebracht, die alle durch ein Band vereint schienen. Die wenigen Privatleute, die zwischen die geschmückten gebräunten Gesellen vom Hochgebirge geraten waren, drückten sich langsam und wie beschämt vorwärts, wofern sie nicht Schaulust oder Teilnahme zum Stehenbleiben und Mitwarten veranlaßte. Einige begrüßten sich laut mit irgend einem starken Sennen oder einem 118 berühmten Schwinger, stolz auf die Bekanntschaft und hoffend, daß von dem Glanze jener Berühmtheit etwas auf sie selber hinstrahlen werde. – –

Einer nur, ein kranker gelber Mann, schleppte sich teilnahmlos und mühsam durch die gestauten Massen. In einem eleganten Anzuge, der ihm zu weit war und jene uns so sehr auffallende Mode von ehegestern zeigte; mit einer kleinen juchtenledernen Reisetasche, die ihn ganz auf die linke Seite hinunterzog. Der unter den Schlapphüten unangenehm hervorstechende Zylinder gab ihm etwas Exotisches; tief saß er ihm über den matten Augen.

»Billete vorweisen gefälligst!« schrie der Beamte an der Schranke zum Gott weiß wievieltenmal und streckte auffordernd die Hände aus.

Der kränkliche Reisende beachtete nichts, hörte nichts. Den Kopf zwischen den Schultern, die Rechte auf die Brust gedrückt, wollte er ächzend vorübergehen. Als der Beamte ihn lauter anrief und den Arm vor die Nachdrängenden hielt, stieß er einen Schrei aus und begann plötzlich zu laufen.

»Halte là!« schrie der Beamte. »Billet!«

Eine resolute Frau packte ihn am Ärmel.

»Ach! ach!« machte der Ergriffene kläglich, als ob die Schulter ihn vom Zupacken schmerze; die Hand, mit der er endlich das verlangte Billet hervorzog, war blaß und gedunsen und zitterte so sehr, daß ihm das Kärtchen entfiel.

Der Beamte schimpfte, ein paar Flüche wurden hörbar.

Endlich war alles in Ordnung, aber der kranke Mann kam nicht weit: von einer plötzlichen Ohnmacht befallen, mußte er in den Wartesaal geführt werden, damit er sich erhole.

Der Portier übergab ihn einem Kellner, der den Feingekleideten auf englisch um seine Befehle befragte.

Der Reisende antwortete in deutscher Sprache mit geschlossenen Augen: »Kognak, Gepäckträger, Droschke!« Nach dem Kognak erholte er sich sichtlich, und als er dem Gepäckträger, der die kleine Tasche übernommen hatte, durch die Korridore folgte bis zur Rückseite des Bahnhofes, wo es möglich war, einen Wagen zu erlangen, war sein Schritt nicht ganz so schleppend wie vorhin.

Zwei hübsche Mädchen mit großen Hüten und enggeschnürten Taillen strichen dicht an dem Reisenden vorüber. Er hob den Kopf und sah ihnen nach, sein Gesicht belebte sich. »ßt! Träger!« machte er halblaut, »wie heißen die?«

Verständnislos blickte ihn das verschwitzte Gesicht unter dem blanken Mützenschild an: die plötzliche Veränderung des schlaffen Kranken war wie Hexerei. »Sie kommet wiet her, gelte Sie?« sagte der Träger herablassend.

Der Reisende stieg ein.

Der Droschkenkutscher knallte.

119 »Drißig Rappe, Herr!« sagte der Träger, sich aufstellend. »Drißig Rappe, Sie!« schrie er zornig, als er keine Antwort bekam, und er folgte dem sich bewegenden Wagen.

»Drißig! Sie!« rief der Kutscher.

»Pardon! vergessen!«

Der Träger erhielt fünfzig Centimes, aber er mußte sie zwischen den Straßensteinen aufsammeln, der zerstreute Reisende hatte sie hinausgeworfen.

 

Eine halbe Stunde später stand der gelbe, kranke Reisende vor dem Hause »Zum grauen Ackerstein« und las, sich niederbeugend, auf dem blanken Messingschilde den Namen: Dr. Georges Geyer.

Er hörte noch das langsame Wegrollen des Wagens, der ihn hergebracht; jenseits der Tür mit dem Messingschilde erklang Gelächter, leichte Füße trippelten, eine Flurlampe wurde angezündet.

Das letzte Abendrot erlosch hinter der roten Gardine des Flurfensters; der Reisende spähte hinaus auf den weiß herauf schimmernden, gekrümmten Weg, den ein knorriger Apfelbaum mit gelichteter Krone überwölbte. Er spähte hinein zwischen die bunten Vorhänge vor der Glastür. Das Gelächter, die leichten Schritte waren verhallt, still brannte die Lampe auf dem schmalen Örn.

Ein Heimchen schrillte vernehmlich; das Herz des Ankömmlings pochte so, daß die Musik des Heimchens damit zusammenklang. Zum Umsinken müde, mit zusammengebissenen Zähnen stand er unschlüssig.

Endlich erhob er die gedunsene, zitternde Rechte und tastete nach der Klingel. Auf einmal fuhr er empor: die Finger hatten eine Vertiefung gefunden mit einem flachen Knopf. »War er nicht sonst groß und von Glas?« murmelte er und beugte sich zu dem flachen Metallknopf in dem glänzenden Grübchen.

Er wollte lachen. Der linke Mundwinkel zog sich gegen das Ohr abwärts, die linke Schulter zuckte gegen das Ohr herauf.

»Äh! wieder!« ächzte er und fuhr sich glättend über die verzerrte Wange.

Dann, mit einem ungeduldigen Kopfschütteln, legte er zwei Finger auf den Metallknopf in dem Grübchen und drückte.

Ein langanhaltendes, starkes Läuten ertönte, dann Türöffnen, Schritte.

Vor dem Reisenden stand ein schönes, schwarzhaariges Mädchen in einer feuerroten Ärmelschürze, groß und schlank, eine Stricknadel zwischen den Zähnen.

»Bona sera,« zischelte sie, »zu wem wünschen Sie?«

»Frau Geyer,« murmelte der Fremde und verzerrte sein gelbes Gesicht in entsetzlicher Weise.

120 Das schöne Mädchen wich zurück, ohne ihren Widerwillen zu verbergen. »Die Frau ist net daheim, ist mir leid,« sagte sie kurz, indes sie die Stricknadel zwischen den weißen Zähnen herauszog.

»Wann kommt sie?« beharrte der Besucher, das hübsche, finster gewordene Gesicht eindringlich musternd.

»Um elf in der Nacht halt oder um zwölf!«

Der Fremde ächzte und schüttelte den Kopf. Argwöhnisch schaute er sie an. »Wo ist sie denn so lange?«

»Ja, in der Klinik halt! Wenn mer emal Assistentin ischt, net wahr?«

»Ach!« er schlug sich vor die Stirn, lachte auf seine nervöse, entstellende Weise und fragte grämlich: »Wer ist denn sonst daheim?«

Das Mädchen wunderte sich. »Der Herr Bernstein ist mit dem Fräulein Helene im Kolleg, aber der Herr Loginowitsch ist vielleicht daheim, i will go frage!«

Sie ging schnell und ohne anzuklopfen in eine Tür hinein; als sie zurückkehrte, kam ein etwa elfjähriges, hellgekleidetes Mädchen mit langen, braunen, um Stirn und Nacken herabhängenden Haaren mit heraus. Die Kleine drängte ihre zarte, schmächtige Gestalt an die des schwarzhaarigen Mädchens, dessen kräftige Schönheit neben dem durchsichtigen Kindergesicht mit den großen, weit aufgeschlagenen und dennoch wie schlafenden Augen fast derb erschien.

»Die Mama ist in der Klinik,« sagte eine leise, süße Stimme, und die durchsichtigen Bäckchen erröteten.

Auch das kranke Gesicht des Besuchers hatte sich gerötet; die Augen waren wie mit Blut gefüllt, der Mund zuckte unaufhörlich. Er hatte die Arme erhoben und sagte, gewaltsam seine Stimme dämpfend und ohne den Blick abzuwenden: »Aber du bist zu Haus!«

Damit trat er über die Schwelle, die Tasche schleifte er nach ...

»Ich?« schrie die Kleine schrill auf und flüchtete vor dem Eindringling bis in die offenstehende Küchentür. »Laure Anaise! komm! komm!« Sie stampfte mit den Füßen und fing an zu weinen.

 

In einem mutlosen und störrischen Ton sagte der Besucher, daß er warten wolle. Und wie angezogen von der schwarzen Inschrift auf dem achteckigen Porzellanschild ging er auf jene Tür zu.

Laure Anaise folgte ihm und öffnete: ein Windstoß kam durch das unsichtbare, offene Fenster jenes schmalen Raumes und trieb die Flamme der Flurlampe in einer roten Spitze empor.

»Sküsi,« murmelte das Mädchen, »es geht zu lang! Warten? ja – es kann elfi, zwölfi werden, bis daß sie kommt! Lieber morgen.«

121 Der Fremde saß auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch und antwortete nicht.

Das Mädchen stolperte über seine Juchtentasche.»Jesis Gott!« schrie sie auf, bedrückt und aufgeregt. Mit einem langen Schritt trat sie über das Hindernis hinweg und berührte den Eindringling an der Schulter. »Sie!« keuchte sie, »hören Sie net? kommen Sie morgen wieder!«

»Eine Lampe!« erwiderte er, ohne den Kopf zu erheben, aber die Schultern zog er zusammen, als sei er gebrannt. »Eine Lampe und ein Glas Wasser!« Sein Ächzen klang dem Mädchen schauerlich.

Sie wich an die Tür zurück, lief zu Herrn Loginowitsch, pochte und stürzte zu ihm hinein.

»Da ist einer! O, kommet Sie g'schwind! Er ischt so wie von Holz, ganz wie Holz – ins Zimmer gangen – ganz wie – Holz!«

Loginowitsch, die Feder hinterm Ohr, sprang auf, seine runden Brillengläser funkelten verwundert. »Ich verstehe nicht wie immer,« sagte er und lachte, daß sich sein kleines, verzwicktes Gesichtchen in noch engere Falten zog. »Was wollen Sie?« Plötzlich horchte er auf: »Tschisch! weint etwas?«

Sie liefen hinaus – über den Flur schallte ersticktes Weinen und Geschrei.

Dort an der Tür des Warteraumes wehrte sich Rösi in den Armen des Fremden, der sie an sich preßte und wie sinnlos auf Haar und Gesicht küßte. Sein Hut lag auf dem Boden, sein haar- und bartloser, gelber Kopf glich einem Totenschädel.

Nun ließ er ihn wie gesättigt hintenüberfallen und sich das Kind aus den Armen reißen.

Es zuckte und schrie wimmernd in Laure Anaises Kleiderfalten hinein.

Das große Mädchen zog sie mit sich fort. Es war wie eine Flucht. Noch hinter der zugezogenen Küchentür klang ungeschwächtes Weinen.

Loginowitsch setzte sich in Positur. Er war purpurrot und schimpfte auf Russisch, dann auf Deutsch: »Fort! fort! hinaus! was willst du machen? willst du Kind töten?«

Der Eindringling war ganz teilnahmlos geworden. Erschöpft lehnte er an der Wand. Die dunklen Lider bedeckten die Augen ganz. Er schien plötzlich zu schlafen.

Der junge Russe schrie aus der anderen Ecke: »Nein, das geht nicht! das geht nicht.« Seine Stimme wurde immer leiser, ganz zutraulich zuletzt. Er ging auf den Fremden zu und sagte zweifelnd: »Krank vielleicht? Was wollen Sie? Sie ist nicht für die Männer, aber für die Frauen und Kinder. Können Sie zum Arzt gehen.«

In dem fleischlosen Gesicht zuckte es; mühsam und schläfrig tat der Eindringling die dunklen Augen auf. Seine Blicke waren erloschen, stumpf und gläsern. »Wer wohnt hier?« murmelte er, aber er schien sich selber zu fragen, keine Antwort zu erwarten.

Loginowitsch lächelte mit achselzuckendem Mitleid. »Viele Leute wohnen hier. Wen müssen Sie sehen?«

122 »Draußen an der Tür steht ein Name,« machte der Fremde lauernd.

Der Russe winkte abwehrend. »Der Name macht gar nicht. Es gibt nicht mehr.«

Zwei gelbe Funken fuhren aus den müden Augen des Fremden. »So, so! gibt nicht mehr? Wer sagt das? Aber der Name steht an der Tür. Ein Widerspruch eo ipso, nicht wahr! Ah! ah! Ist er tot?« Er zwinkerte mit den Lidern und grinste wie im Vorgenuß einer angenehmen Botschaft. »Es würde mich interessieren, zu hören, was Sie von ihm wissen! Haben Sie ihn tot gesehen, Herr – wie war der Name?«

»Loginowitsch,« murmelte der Russe. »Was wollen Sie? Ich verstehe nicht. Tot oder abwesend – ich weiß nicht von diesem. Es interessiert mich nicht.«

»Abwesend?« forschte der Zudringliche, »Sie sagten abwesend, Herr Loginowitsch? Abwesend wo? Es interessiert mich! Wo? Um Gottes willen, wo?«

Vor seinem scharf und drohend gespannten Gesicht wich der Russe zurück.

»Wir wissen nicht. Es kümmert mich nicht. Können Sie Frau fragen. Nun gut, gehen Sie!«

Und er öffnete einladend die Haustür mit dem Messingschild.

»Wohin?« rief der Besucher in langgedehntem seufzenden Ton. Dann reckte er sich und zog die neuen, gelben Glacés ab. »Ich werde warten. Ich habe lange gewartet. Oder halt, man kann sie rufen! Sagen Sie, Herr Loginowitsch, ein Verwandter! Einen Nachfolger hat er nicht? Sind Sie vielleicht der Nachfolger? Nein? Nein! Sie ist in der Klinik, sagen Sie, Herr Loginowitsch? In welcher Klinik? Ich kannte die Kliniken auch. War viel dort, ja, ja. Haben Sie ihn tot gesehen? Nein? Und kein Nachfolger? Erstaunlich! Ich dachte bestimmt, ich hätte so gehört. Können Sie mir ein Glas Wasser geben? Ich bin sehr erschöpft. Das Sprechen strengt mich an. Aber ein Genuß! ein wahrer Genuß. Ich danke dem Zufall eine angenehme Bekanntschaft!« Ächzend hielt er inne und wischte sich die Tropfen von der Stirn. »Geben Sie mir einen Stuhl, ich falle um. Ich schwöre Ihnen, es war mir angenehm, Sie zu treffen. Ich dachte anfangs, Sie seien der Nachfolger. Aber nein, Sie sind vielleicht etwas jung. Ich kann sitzen, wo Sie wollen. Im Wartezimmer steht ein Schreibtisch jetzt und die Regale alle. Man sieht so etwas gleich. Leben hier recht vergnügt, hm? Ja, ja, nun bitte ich aber dringend, daß Sie gehen, Herr Loginowitsch! So schnell Sie können! Es wird die Frauenklinik sein, selbstverständlich! Sagen Sie: ein Verwandter! Sagen Sie: ein Vater, der sein Kind küßte. Ja, Herr Loginowitsch, das haben Sie gesehen! das! Einen Vater, der sein Kind küßt! Sie haben doch nichts anderes vermutet? Erlauben Sie, daß ich mich legitimiere!«

Mit einer hastigen Gebärde zog er ein Kartenetui hervor und entnahm dem Täschchen eine angegilbte Karte, die er schwebend zwischen den langen, knochigen, weißen Fingern hielt.

Der Russe musterte ihn mit aufgerissenen Augen; er überlegte, welchem klinischen Fall der vor ihm Sitzende wohl entsprechen möchte.

123 »Erfahren Sie, wer ich bin, Herr Loginowitsch,« sagte der Gast in dumpfem Theaterton. »An der Schwelle seines alten Glückes« – er schluchzte laut auf – »an der Schwelle seines alten Glückes sitzt der Mann, welcher das Unglück hatte, zeitgenössische Vorurteile zu verletzen, und dem man dafür das Herz brach!« Er stöhnte und begann heftig und unverhüllt zu weinen. Sein verzerrtes Gesicht, sein Blick voll Anklage und Vorwurf, der nach oben gereckte Zeigefinger der erhobenen Hand, die tönenden Worte – alles erschien zugleich unecht und echt, spontan und studiert, wahr und unwahr, berechnet und natürlich und verlogen.

»Sind Sie ein Artist?« entfuhr es dem erstaunten Loginowitsch.

 

Der Russe war gegangen, um Josefine von der Klinik zu holen.

Laure Anaise ließ sich nicht sehen, Rösli wich nicht von ihrer Seite.

Da knarrten Schritte über den Kies, Schritte auf den Steinstufen der Vortreppe.

Der Wartende richtete sich auf. Er hatte an dem Tischchen im Flur gesessen und eine Karaffe Wasser leer getrunken.

Ihn fröstelte, und die herankommenden Schritte vergrößerten sein Unbehagen. Er zitterte und suchte mit den Augen nach einem Unterschlupf. Doch blieb er sitzen.

Josefine kam allein.

Sie öffnete mit dem Drücker und betrat den Flur mit ihrem gewohnten, etwas harten Schritt. In ihrem schwarzen Blusenkleide sah die Gestalt jugendlich und aufrecht aus.

Das schmale Gesicht leuchtete hell unter dem kleinen dunklen Hute; sie trug ein Bücherpaket und ein Kistchen Trauben, die sie aus der Stadt heraufgeholt hatte.

Morgen war Röslis Geburtstag.

Loginowitsch hatte sie nicht getroffen.

Als sie den gelben, kahlen Menschen an dem dreibeinigen Tischchen sitzen sah, blieb sie stehen, preßte die Gegenstände, die sie trug, fester an sich.

Ein leiser Laut, wie von einem sterbenden Vogel, kam aus ihrer Kehle ...

Auge in Auge verharrten sie, eine Sekunde lang.

»Ist es –« begann sie zweifelnd, und die Bücher fielen zu Boden.

Der Sitzende kroch ganz in sich zusammen: »Séfine,« murmelte er, »kann ich hier bleiben?«

Die Stimme durchzuckte sie, es wurde dunkel vor ihren Augen. Ein Abgrund dampfte herauf. Sie konnte sich nicht vorwärts bewegen. Sie hörte eine Stimme sagen: »Bist du schon frei gekommen?« Es mußte wohl ihre Stimme sein. »Warum bist du noch vor der Tür?« sagte sie scheu; ihre tödliche Angst wurde zu einem blassen Lächeln. »Willst du nicht hineingehen?«

124 Er rührte sich nicht, sondern starrte seiner Frau in jeder Bewegung nach, die sie machte. »Séfine,« seufzte er, »gib mir zu essen! Ich habe gewartet, um mit dir zu essen, den ganzen Tag. Hast du guten Wein? Sieh mal, wie ich aussehe! Sieh meine Hände! Sie haben mir ein Vierteljahr geschenkt, die Schufte. Dachten wohl, ich sollte lieber bei dir krepieren! Seit Jahren leide ich an Dyspepsie. Gibt es was rechts zu essen? Wo kann ich mich hinlegen? Ich bin wie ein Toter. Die Überraschung ist mißglückt, du bist nicht überrascht, Séfine, nicht angenehm wenigstens! Nun sag mir, was ist das für ein Laffe, der hier den Hauswart macht? Wollte mich hinausschmeißen, der Bub! Und das saubere Mädle, wer ist die? Alles fremd! alles fremd! Hu!«

Er stützte den Kopf, schüttelte sich und ächzte.

»Ich muß eine Kur durchmachen, regelrecht ... Nun, du schlachtest wohl kein Kalb für mich, Séfine? Wegen meiner nit! Da hausen Polen und Polacken! Pah! Hast du keinen Wein? Wir müssen doch das Wiedersehen feiern, Frau? Hast du Geld? Sie haben mich auf die Straße gestellt mit fünfzig Franken. Das andere ist draufgegangen! Alles selbst verdient und wie noch! Pah!«

Er spie auf den Boden wie ein Fuhrknecht und lachte grimmig. Dann stand er mühsam auf, blickte Josy scheu von der Seite an. »Zu wem komm ich da? Sag's, Frau! Willst du mich nit? Hast keine Hand? keinen Gruß? Die Freude war zu groß, gelt Séfine? Nun, mir ist's eins! Nit so viel frag ich nach euch! Tag und Nacht, jede Stunde, jede Minute hab ich gebetet, hab ich gebetet: Wiedersehen, ach, nur's Wiedersehen erleben, und dann – was danach kommt – Schweigen. Nun steht man da, nun sieht man sich und –«

Er machte ein paar taumelnde Schritte gegen die Tür zu, er ächzte wie ein Greis.

»Von Pharisäern verklagt, von Pharisäern verurteilt, von Pharisäern gerichtet, von dem – eigenen – eigenen – einzig – und – unerschütterlich – geliebten – verzweiflungsvoll – geliebten – eigenen – Weibe verstoßen –«

Er knickte zusammen und sank mit der Stirn gegen die Wand.

»Wohin! wohin!« schluchzte er, »keine Hand, keinen Gruß! Gott, erbarm dich meiner!«

Josefine trat endlich zu ihm. Ihre Hand zitterte, ihr Atem stockte, ihre Stimme war kalt, aber sanft. »Du sollst alles haben, Georges. Vater hat vor kurzem Wein geschickt. In einer halben Stunde ist ein Nachtessen bereit. Wirst auch gut schlafen nach der Anstrengung, wirst dich erholen. Die Worte alle sind nicht nötig – du weißt wohl, wer ich bin.«

Er wandte sich um, seine nassen Augen enthüllend, sein Mund zuckte unaufhörlich.

»So wahr mir Gott helfe, ich werde jetzt in der Tugend leben!« sagte er kläglich, »ich habe Gnade gefunden, meine Seele ist erweckt. Die Morgenröte ist da! Wir werden glücklich sein, Séfine.«

125 Sein Gesicht wurde wie ein Tuch, die Nase scharf und spitz – er fiel in Ohnmacht und lag eine Stunde lang besinnungslos.

 

Laure Anaise half Josefine den Ohnmächtigen auf Hermanns Bett legen. Er war so leicht, daß beide erschraken, als sie ihn aufhoben. Die feinknochige, weichliche Gestalt knickte zusammen unter ihren Händen.

Das schöne Mädchen blickte widerwillig auf den Hingestreckten, schüttelte den Kopf und küßte Josefine traurig auf die Backe.

»Ja ... aber,« begann sie.

Josefine winkte ihr zu schweigen. »Sieh, wie krank er ist,« sagte sie mit mahnender Stimme. Sprach sie zu jener? Mahnte sie sich selbst?

Ihr gefrorenes Blut begann aufzutauen, ihre Backen färbten sich, der kalte Glanz der Augen trübte sich: langsam pochte das Erbarmen.

»Halte seine Hände hoch! Das Kopfpolster fort und unter die Füße!«

Sie rieb den Todblassen, brachte Äther herbei, tat alles, was in solchem Falle als zweckmäßig erkannt worden. Anfangs war sie nur Arzt. Allmählich kehrte ihre Seele zu ihr zurück. Sie brachte es über sich, ihn anzusehen; sie vermochte es, seine feuchtkalte Stirn zu streicheln.

›Schweige! schweige noch!‹ flehte ihre Seele; ›hättest du geschwiegen – ich wäre nicht so gewesen.‹

Und mitten in ihren Bemühungen, ihn ins Bewußtsein zurückzurufen, wünschte sie, diese Bemühungen hinauszuschieben, um ihn beklagen und bemitleiden zu können, um ihn nicht hassen zu müssen.

›Wenn er nicht spricht, so reden diese eingesunkenen Schläfen, diese blutlosen Ohren, diese wächsernen Lippen, dieser abgemagerte, in langer Haft verbrauchte Körper eine unwiderstehliche Sprache,‹ fühlte sie, und sie konnte dieser Sprache horchen und wissen, daß sie ein Mensch war.

Wenn er sprach – ›Wer ist dies?‹ hatte sie die ganze Zeit gedacht. ›Was geht mich dieser an? Was hab ich mit dir zu schaffen, Fremder du?‹

Und ein Widerwille, ein Ekel, den sie nicht bemeistern konnte, hatte sie gepackt. ›Wenn er tot zu meinen Füßen läge – ich würde es nicht fühlen,‹ hatte sie gedacht, ganz betäubt von Entsetzen.

Und eine Sekunde später hatte er dort gelegen zu ihren Füßen, nicht tot, aber todähnlich, und ihre Menschlichkeit war wiedergefunden.

Während sie sich um ihn bemühte, wurde er unter ihren Händen allmählich wieder der Leidende, der Vergewaltigte; – mit einem ernsten mütterlichen Lächeln begrüßte sie sein erstes Augenaufschlagen, duldete seine bebenden Hände auf den ihren, empfing sein fassungsloses Schluchzen an ihrer Brust.

126 Und auch über den Unglücklichen kam eine sonderbare Regung. Er schwieg und weinte nur.

Schwieg, als wolle er sich ihr ins Herz hinein schweigen.

Weinte, als wolle er sich ihr ins Herz hinein weinen.

Was Josefine noch einen Augenblick vorher für unmöglich gehalten – es war geschehen: in Schweigen und Tränen hatten sie etwas von Gemeinsamkeit zurückgewonnen, und in der Frau war der ganze starke Beschützertrieb erwacht, als sie nun auf den Kläglichen, Gebrandmarkten in ihrem Arm niedersah.

Ihr wurde warm, die Augen verklärten sich, eine Art Verzückung spiegelte sich auf ihren Zügen wie in jenem Augenblick, als sie ihrem Vater so neu, so fremdartig erschienen war. Der jammervolle Mann betrachtete sie mit offenem Munde, scheu, angstvoll, in sich zusammensinkend. Er zog seinen Kopf aus ihrem Arm und stöhnte: »Never! never! never! never! never!«

Die Frau aber, noch ganz ihrem Beschützerimpulse hingegeben, verstand seinen Verzweiflungsruf nicht, sie lächelte dazu. Lächelte wie eine Mutter einem kranken Kinde lächelt, ernst, sanft und überlegen.

»Du wirst gesund werden,« sagte sie tröstend, flüchtig seine feuchte, eckige Stirn küssend und ruhig die Hände wegdrängend, die sich nach ihr ausstreckten.

»Wenn du nur erst arbeiten kannst,« fügte sie hinzu. »Schlafs bitzeli, bald gibt's zu essen.« Sie verließ ihn trotz seines Widerspruchs.

 

Hermann schlich herauf, durchnäßt und schmutzig. Er wollte sich an der Mutter vorüber in sein Kämmerchen drücken.

»Wieder auf dem See?« sagte sie flüsternd, »sie werden dich einmal tot bringen, Bub. Hast schon drin gelegen, scheint mir.« Sie befühlte sein nasses Gewand.

Störrisch riß er sich los. »Ich war ja nit dort,« sagte er.

»Nit auf 'm See, Hermann?«

»Noi!«

»Wo warst du?«

Er gähnte, warf sein strähniges blondes Haar zurück und sagte: »Ach doch!«

»Lügst du?« sagte die Mutter und blickte ihm ins Gesicht.

»Meinethalb,« erwiderte er trotzig.

»Du hast Wein getrunken, dein Atem schmeckt danach!« rief die Frau, seinen dünnen Arm ergreifend. »Weißt doch, daß es nit gut für dich ist.«

»Vollkommen genau weiß ich's,« murrte der Dreizehnjährige, »hast mir's ja oft und oft gepredigt.«

»Aber warum folgst du nit, Hermann? Weißt auch, daß du nit gut bist?«

»Kann sein,« erwiderte der Bub.

127 »Das ist keine Antwort,« machte Josefine, »rede wie sich's schickt, wüster Bub.«

Er schielte sie von unten an. »Mutter, du bist so klug, alle sagen, daß du klug bist; – weißt denn nit, daß man nit gut sein kann?«

»Wieso nit kann? Warum nit?«

»Weil's zu schwer ist! Einfach.«

Josefine fühlte einen scharfen Stich. »Ja, es ist schwer,« sagte sie plötzlich leise. »Aber,« sie stand da mit gesenkter Stirn, »man muß versuchen, Hermann! immer versuchen.«

»Ich versuch's auch, alle Tag. 's ist mir schon langweilig worden.«

Josefine ergriff fest seine kleine, schlaffe, schmutzige Hand und zog den Buben in ihr Zimmer. Es war jener ehemalige Warteraum, voll von Büchern jetzt, mit einem kleinen Schreibtisch und einer Waschvorrichtung.

»Ich sage dir etwas, Hermannli, sprich leise, es ist ein Krankes im Haus.«

Ihr Flüstern, ihre Dringlichkeit erschreckten den Buben; er wollte sich losreißen, aber sie drehte sogar den Schlüssel im Schloß und stellte sich mit dem Rücken gegen die Tür. Es war so finster, daß sie sich nicht sahen.

»Hermannli, der Pappa ist gekommen, er ist aber krank, und man muß ihn nicht stören, hörst es?«

Der Bub tat einen Sprung in der Dunkelheit, tastete nach der Mutter. »Der Pappe?«

»Wohl! ich sag's. Es ist ihm aber nit gut gangen, Hermannli; man fragt ihn um nichts, quält ihn nit. Weißt es jetzt?«

»Aus Afrika?« fragte nach einer Weile der Junge in eigentümlich zweifelndem, fast höhnischem Ton. »Oder woher?«

›Was hat er gehört?‹ dachte die Frau, ›mit welchen Worten hat man sein schwaches Herz schon vergiftet?‹ Sie fühlte eine feindselige Kraft, die den reichbegabten, aber innerlich haltlosen Knaben von ihr entfernte. In ihm war etwas, das sich gegen ihren Einfluß stemmte, sie schnell reizte, oftmals erbitterte.

»Man verlangt von dir Gehorsam und Verstand,« sagte sie schärfer, als sie wollte, »du bist alt genug, um zu wissen, daß viele Dinge in der Welt vorgehen, über die man schweigt. Dein Vater hat viel Schlimmes erlebt, er muß gepflegt werden und gute Kinder finden, die zu ihm halten und nicht zu jenen fremden Menschen, die mit ihm hart verfahren sind.«

Hermann schien schweigend nachzudenken. Plötzlich murmelte er vorwurfsvoll: »Aber du hast emal geschworen, der Pappe sei in Afrika, und derweil heißt's in der Klasse –«

»Genug,« unterbrach ihn die Mutter, »schäm dich zu wiederholen, was die frechen Lausbuben reden. Tu selber recht, Hermannli, sell ischt d' Hauptsach. Wir haben kein Recht zu beurteilen oder zu verurteilen,« fügte sie seufzend hinzu, »wir nicht.«

128 »Aber – der Pappe ist mir ja der liebste auf der ganzen Welt!« sagte Hermann verwundert. »Und vielleicht – ist er gut im Griechischen, Mamme? Im anderen Schuljahr fangen wir Griechisch an – das wär öppis.«

 

Acht Tage lang hielt Josefine den Kranken im Bette fest. Anfangs widerstrebte er, schalt und weinte, apostrophierte die Wände, beklagte seine Heimkehr, sein Schicksal, sein Dasein, – allmählich ward er ruhiger.

Josefine war viel bei ihm, immer in der Rolle des Arztes oder der Krankenschwester, geduldig, sanft und fremd. Hermann kam oft in ihrer Begleitung, allein ließ sie ihn nicht zum Mann. Rösli war tagelang nicht einmal zu einem Morgengruß zu bewegen. Sie schrie vor Angst vor dem Menschen, der sie so wild geküßt hatte, und in dem sie ihren Papa nicht erkennen wollte. Sie hatte keinen Papa in der Erinnerung, sie wollte keinen Papa haben, sie klammerte sich an ihre Mama, um sie zurückzuhalten, wenn sie in Hermanns Kämmerchen ging, wo der Kranke noch lag, – einmal schrie sie laut nach Onkel Hovannessian um Hilfe. Es war das einzige Mal, wo ihre Aufregung von Josefine geteilt wurde ...

Im übrigen war Josefine nie, seit Jahren nicht, so hoffnungslos ruhig gewesen, wie sie jetzt war.

Mein Schicksal ist besiegelt, dachte sie, ich bin nicht geboren, um glücklich zu sein. Aber unter die Füße will ich nicht fallen, oben will ich bleiben, solange ich atme.

Der Schrei ihres Kindes nach dem Einzigen, Verschollenen erschütterte sie für einen Tag. Dann zog die ebnende Welle auch über diese Erinnerung hinweg. Ich habe Unmenschliches gelitten, als ich ihn verlor, nun bin ich schwertfest, – alles, was kommt, ist im Grunde gleichgültig, dachte sie achselzuckend.

Dann fühlte sie aber doch eine Neigung in sich, ihr Leben zu gestalten, zu bilden wie mit Künstlerhand, ihr Leben und das ihrer Umgebung. Man muß versuchen, alles gut einzurichten, dachte sie, für Georges eine Beschäftigung suchen, das ist das Wichtigste. Die Arbeit wird ihn heilen, wie sie mich geheilt hat. Wer von den Hausgenossen Vernunft annimmt, soll bleiben; wer den hohen Aussichtsturm der Moral besteigt, der kann abziehen. Ich werde offen mit ihnen sprechen.

Und sie ging zuerst zu Helene Begas.

Helene schwankte zwischen Kopfschütteln und Bewunderung.

»Du bist verrückt, liebe Josy,« sagte sie mit feuchten Augen, »du rennst dir den Schädel ein Soviel ich sehe, gibt es hier nur eins: Scheidung. Wegziehen kann ich nicht, denn du dauerst mich in deiner Verranntheit, und du wirst bald einen Menschen nötig haben.«

»Noch eine Frage: Wie wirst du mit Georges verkehren, Helene? Man muß da etwas zartfühlend sein, Leni,« sagte Josefine trocken.

129 Helene kam ein wenig aus der Fassung. Sie errötete, halb voll Zorn, halb, weil sie sich ihrer Vernünftigkeit schämte, auf die Josefine so wenig hielt.

»An Bernstein hast du beinah einen Verbündeten,« sagte die Mathematikerin, »wir haben uns schon gezankt über ihn und dich.«

»Zankt euch ja immer,« lächelte Josefine; »also Bernsteins bin ich sicher.«

Bernstein verzog das Gesicht, als Josefine ihn bat, möglichst viel seiner Muße dem unglücklichen Georges zu widmen.

»Ech! meine Muße! Wo habe ich eine Muße? Wäre es sehr interessant für mich, mit diesem Mann zu sprechen! Aber ich habe keine Zeit! Man muß ein wenig mit ihm weinen, glaube ich, aber ich habe keine Zeit! Es ist eine traurige Tatsache, nicht wahr? Niemand hat Zeit für die Kranken und Unglücklichen! Lassen Sie mich in Ruh, bitte sehr, bitte ergebenst, bitte hochachtungsvoll! ech!«

Ein paarmal, in der Folge, fand Josefine, wenn sie nach Hause kam, ihren Freund Bernstein neben Georges' Bett. Aber schnell, mit verlegenem Gesicht, zog er sich zurück, sobald sie eintrat.

»Glaube ich, daß dieser Mann ist sehr krank,« sagte er düster zu Helene Begas, »nervenkrank, schrecklich, oder so etwas. Er hört nicht, was man spricht, ihn interessiert nichts. Ich frage, womit wollen Sie sich beschäftigen? wollen Sie vielleicht die russische Sprache lernen? Er schreit auf seine Frau, daß sie ist schlecht, daß sie geht in Klinik, daß sie liebt ihn gar nicht, daß er will lieber in Loch sitzen – schrecklich! Und wenn seine Frau kommt, er sagt alle dumme Sachen, ich weiß nicht, wie sie kann anhören solche dumme Sachen, wie er spricht. Man hat ihn vergiftet, mit den Stecknadeln absichtlich gestochen. – Laure Anaise will ihn mit Tee verbrennen, die Kinder draußen heulen wie Hunde, das bedeutet, daß er stirbt, – seine Frau will auch, daß er stirbt, und er will nicht, und solche Dummheiten. Er haßt sehr Loginowitsch, ich weiß nicht, warum; ich sage: ›Loginowitsch ist ein ganz ordentlicher Mensch.‹ Er schreit: ›Nein, er ist schlecht.‹ Und immer von dieser Tugend spricht er, schrecklich! Ich sage: ›Wo haben Sie diese Tugend gelernt?‹ Er sagt: ›Wo ich alles gelernt habe! Man muß die Tugend lieben,‹ sagt er, und seine Augen sind weiß vor Wut. Ich sage: ›Ich glaube, man muß etwas Positives machen, man muß sich mit etwas beschäftigen! vielleicht haben Sie Lust, die russische Sprache zu erlernen?‹ Er faltet die Hände, so, und sagt: ›Du liebst mich nicht? gut, du wirst sehen, wirst sehen, sehen!‹ Manchmal es ist interessant, manchmal ganz langweilig. Und ich habe keine Zeit, Sie wissen.«

Dann ging Bernstein nicht mehr zu Georges, und Georges schien ihn nicht zu vermissen ...

Loginowitsch zog aus, schon um Platz zu machen, weil doch nun einer mehr in der Familie war. Mit Befremden fühlte er, daß Josefine ihn kühl entließ: die Abneigung 130 des Kranken gegen ihn war auf dessen Frau übergegangen, so schien es. Sie entfernte sich von jedem, der, wissentlich oder unwissentlich, Georges beleidigte.

Und inzwischen gab es unter allen Menschen, mit denen der Unglückliche in Berührung kam, nur einen einzigen, der ihn unaufhörlich quälte, reizte, erbitterte, zur Verzweiflung brachte, und dieser eine war Josefine selbst.

Sie wußte halb darum, wollte es aber nicht wissen. Sie vermied alles Nachdenken über diesen Punkt als etwas Widriges, Niederziehendes, Entwürdigendes. Mit derselben kühlen Ruhe, mit der sie an jenem ersten Wiedersehensabend die sehnsüchtigen Arme des Heimgekehrten von ihren Schultern entfernt hatte, scheuchte sie alle Gedanken über Georges' auf sie gerichteten Gefühle oder Wünsche. Und etwas Unpersönliches, Abstraktes wuchs in ihrem Verhalten gegen alle, gegen den Vater selbst.

Plattner hatte bald nach des Schwiegersohns Rückkehr einen Brief gesandt, einen angstvollen Brief, in dem die bewegte Vaterliebe wie zartes grünes Feinlaub zwischen den eckigen Steinbrocken der nüchternen Worte hervorbrach.

Josefine antwortete so:

›Es geht über Erwarten gut, mein lieber Vater. Georges hat seit seinem Hiersein drei Pfund zugenommen, die Herztätigkeit ist intensiver und gleichmäßiger geworden, der Husten quält weniger. Die Lunge ist gesund, da ist keine Sorge. Daß die Stimmung des Patienten noch daniederliegt, ist erklärlich. Aber diese Depression zu entfernen, muß jetzt das Hauptbestreben sein. Georges sollte eine leichte körperliche Beschäftigung haben, die ihm etwas Frische gibt. Bücher liest er nicht; es ist, als ob er das Lesen verlernt hätte; er grübelt nur, und das ist in seinem Zustande schädlich. Bitte, schicke deine Drehbank, die kleinere, die du nicht benutzest. Meine wackeren Hausgenossen, wie du sie nennst – und mit Recht nennst! – sind leider sehr zusammengeschmolzen. Zwicky ist fort nach Wien, die Kinder entbehren ihn sehr. Es ist möglich, daß ich auch Helene verliere; wenn sie ausstudiert hat, kehrt sie jedenfalls nach Deutschland zurück.

Meine Schlußprüfungen schiebe ich nicht hinaus, fürchte nichts, lieber Vater. Die Ereignisse dieser letzten Wochen drängen mich zu möglichst schnellem Studienabschluß. Ich werde nicht als Assistentin dienen, wie du vermutest, sondern sofort mein Wartezimmer für Patientinnen öffnen. Die Arbeit ist mir alles.

Deine dankbare Tochter
Josy.

Nachschrift. Deine Nachricht über Ulis treffliche Entwickelung sei herzlich verdankt. Mein Kleinod ist am sichersten bei dir; ich kann ihn jetzt nicht sehen; es ist zu viel, was auf mir liegt. In seinen Kinderzügen trägt er dein Gesicht, mein Vater, das ist meine Freude. D. O.

131 Plattner las diesen Brief mit zusammengezogener Stirn und langem Kopfschütteln. Er kopfschüttelte über das, was zwischen den Zeilen stand. Fragen tauchten auf, die nicht beantwortet wurden, – auch nicht durch das, was zwischen den Zeilen stand. Zartgefühl verbot diese Fragen. Der alte Plattner errötete bis in seinen grauen Bart ...

Einen Augenblick dachte er daran, die Drehbank selbst nach Zürich zu bringen, Josefine zu sehen. Er gab den Plan sofort wieder auf. Zwischen ihr und mir steht die Fratze, dachte er bitter, keinen Fuß setz ich wieder über die Schwelle.

Dann begab er sich an die verstaubt im Winkel stehende Drehbank und putzte einen halben Tag lang daran. Zornig rieb er jeden Rostflecken, jedes Stäubchen weg. Sein Ärger wuchs mit dem Schweiß, den er bei der Arbeit vergoß. »Für wen? heiliger Gott, für wen,« murrte er. »So ein Starrkopf von einem Weib! drillt mich, drillt ihren alten Vater wie einen Zwirn! Und man gehorcht, wahrlich, man gehorcht.«

Die Drehbank wurde eingepackt. Der Transport war sehr teuer und umständlich. Der alte Plattner wetterte noch auf dem Rückwege.

 

Der Heimgekehrte saß den größten Teil des Tages und starrte die Decke an.

Auf seinem Kopfe wuchs junges Haar, weißes und rötliches durcheinander, in seinem Kopfe wuchsen neue Vorstellungen vom Weibe im allgemeinen und von der Frau, der er wieder habhaft werden wollte, und die sich ihm ohne Mühe und Aufsehen, aber still und beharrlich entzog.

Die ganze Welt war auf den Kopf gestellt, seit man ihn eingekerkert hatte. Nicht in sein Haus war er zurückgekehrt, sondern in das seiner Frau; »der graue Ackerstein« war seiner Frau untertan, und allein ihr Wille war es, der darin regierte. Die Dienstboten, zu denen er Laure Anaise mit Unrecht hinzuzählte, waren von Josefine angestellt, hielten eng zu ihr, waren nur ihr Rechenschaft schuldig. Die Hausgenossen hatte sie hereingezogen und zu ihren Freunden gemacht. Die Kinder waren ihre Kinder, ihr folgten sie, ihr gehorchten sie, vor ihr hatten sie Respekt, ihr suchten sie zu gefallen, ihr vertrauten sie. Besucher kamen, aber sie kamen nur zu ihr, an der Tür ward nur nach ihrem Namen gefragt, an ihre Tür klopften sie; nur für sie brachte der Postbote Briefe, Drucksachen, ganze Stöße oft, – ihn suchte weder Mensch noch Briefe. Seine Bücher, deckenhohe Regale voll wissenschaftlicher, meist spezialwissenschaftlicher Bücher, waren in ihren Besitz übergegangen; sie studierte sie, exzerpierte sie, schlug darin nach, hatte Haufen davon auf ihrem Schreibtisch, der sein Schreibtisch in der Studentenzeit gewesen war. Er brauchte keine Bücher jetzt, er brauchte keinen Schreibtisch. Die Bücher waren ihm stumm, sagten ihm ihre Geheimnisse nicht mehr, blickten ihn hochmütig und verächtlich an mit ihren Goldtiteln und stolzen Namen. Aber ihr waren sie beredt, zu ihr sprachen sie verständnishoffend, – Verständnis findend.

132 In seinem ehemaligen Wartezimmer saß Josy an seinem kleinen Studentenschreibtisch, und den großen Schreibtisch, den er besessen, benutzte nun Bernstein. Er begann Bernstein zu hassen wegen des Schreibtisches. Er konnte seine Stimme nicht mehr hören. Wenn Josy mit dem Russen etwas Sachliches, Wissenschaftliches sprach, so zitterte er vor Neid und Mißgunst. Mit ihm sprach sie nur Alltägliches, absichtlich, um ihn zu demütigen, so schien es ihm. Alles geschah hier, um ihn zu demütigen. Das Messingschild an der Tür mit seinem Namen darauf hing dort, um ihn zu verspotten; »die Etikette ist geblieben, das seltene Präparat aber ist fort.« Sein altes Wartezimmer hieß nur deshalb noch Wartezimmer, weil Josy bald approbierter Arzt sein würde. Josy würde Arzt sein, in seinem ehemaligen Warteraum würden Josys Patientinnen sitzen und auf sie warten, während er in irgend einem Hinterzimmer an der Drehbank bastelte. Verwünschtes Leben! Als ein Lebendigtoter saß der Unglückliche da, als ein nackter Beerbter, der, aus dem Grabe zurückgekehrt, seinen Platz ausgefüllt, seine Kisten und Kasten ausgeleert findet. Der Mann, der von der Natur dazu bestimmte Platzergreifer, Inbesitznehmer war verdrängt und ohnmächtig gemacht durch das Weib, durch die von der Natur dazu bestimmte Untergebene, Untergeordnete, durch den Menschen zweiter Sorte, und aus den Händen dieses auf den Thron gelangten Sklaven sollte der rechtmäßige, entthronte Herrscher sogar das Leben, das Brot, das ihn ernährte, empfangen!

Dumpfe Verwunderung, verbissene Wut mischte sich in die qualvolle Ohnmacht des Verschmähten. Er entwarf Pläne zur Überlistung der gefährlich starken und unangreifbar gut stehenden Gegnerin; er meinte, sie sei nur deshalb so stark und selbständig geworden, weil sie sich der Unterjochung durch die Liebe entzogen habe. Er nahm den Begriff der Liebe so niedrig wie möglich und redete sich ein, wenn er sie unter diese Liebe zwänge, dann würde sie so schwach werden wie er selbst. Er lechzte danach, sie schwach zu sehen. Das natürliche Gleichgewicht der Geschlechter schien ihm gestört durch diese starke Frau, die er als zartes, nachgiebiges, liebevolles Mädchen kennen gelernt, die er zu heftiger, aber kurzer Leidenschaft entflammt, die er demütig und ergeben das Frauenlos an seiner Seite tragen gesehen, die er durch sein Verbrechen mit bürgerlicher Schande bedeckt, die er bei seiner Verurteilung als weinendes, zerbrochenes, unglückliches Weib zurückgelassen, und die sich während dieser Jahre langsamen Absterbens für ihn so unerwartet verwandelt, so neu und eigenartig entwickelt hatte. In den ersten Zeiten, als er sie für gefühllos hielt, tröstete er sich damit, daß auch sie in gewissem Sinne abgestorben sei, aber dann kamen bald Augenblicke, wo ihre Augen glänzten im Feuer des innigsten Anteils, wo es wie prophetische Begeisterung in ihrer Rede klang. Mit Haß und Verwunderung bemerkte er diese neue und ihm ganz fremde Jugendfarbe in ihren Zügen, in ihrem ganzen Wesen, sobald die großen Fragen der Menschheit gestreift wurden. Sie hatte also Gefühl zu geben, ihr Herz schlug 133 stark und heiß, stärker und heißer als in jener Zeit, da sie sein gewesen, – aber ihm, dem Verdrängten, Beerbten, Verhöhnten, Verratenen, Kleingemachten galt kein Schlag mehr dieses starken heißen Herzens. Ohne einen Schatten des Vorwurfs für ihn, aber auch ohne Erbarmen, ohne Bedauern, mit männlicher Rücksichtslosigkeit hatte sie ihn in das Nichts hinabgestoßen, und ihre Güte und Nachsicht war Beleidigung, war Verdammung.

Schrie er ihr wilde Vorwürfe entgegen, so behandelte sie ihn als Kranken, bat ihn, sich nicht aufzuregen, eine beruhigende Arznei zu nehmen, seine Gedanken auf andere Dinge zu lenken. Weinte er vor Ohnmacht und Hilflosigkeit, so sprach sie von Hysterie, brachte Schlafmittel, verwies ihn auf seine Drehbank, bestellte ein interessantes Reisewerk in der Buchhandlung, da er medizinische Bücher nicht anrühren mochte, seit ihm die Ausübung der Medizinkunst verboten war.

Einmal fand er einen angefangenen Brief:

»Lieber Vater, es geht uns sehr gut; Georges beginnt mit Eifer an der Drehbank zu schaffen. Er hat schon ein paar Serviettenringe gemacht.« Nach Lesung dieser Zeilen bekam Georges einen Wutanfall, in dem er die Drehbank zu zertrümmern versuchte. Sie war von Eisen und widerstand ihm. Die paar Schräubchen, die er mühsam zerbrochen, ließ Josefine am nächsten Tage wieder ergänzen; er hatte ihr erzählt, daß ein Knorren im Holz die Beschädigung angerichtet habe.

 

Helene Begas war eine heimliche Raucherin, wie es heimliche Trinkerinnen gibt. Da sie das Rauchen für ein Laster hielt, zugleich aber sich einbildete, daß die ganze Welt oder wenigstens ganz Zürich auf die Studentinnen sähe, um ihre schlechten Gewohnheiten in der Zeitung bekannt zu machen, so pflegte sie allerlei Vorkehrungen zu treffen, ehe sie sich das leidenschaftlich geliebte Kraut anzündete. Die Fenster wurden geöffnet, die grünen Jalousien fest geschlossen, die Vorhänge zugezogen, das Schlüsselloch verstopft. Dann ließ sie ihre vollen Haare herunter, warf den Rock ab und legte sich in Pumphöschen aufs Sofa, die Zigarette im Munde, das Schächtelchen neben sich. In solchen Stunden kam sie sich welterobernd, revolutionär, gefährlich vor und dachte mit Entzücken an die entsetzten Mienen ihrer gut bürgerlichen Familie, falls diese sie jetzt erblicken würde. In ihrer Naivetät glaubte sie, daß niemand, auch Josefine nicht, von ihrer Leidenschaft wisse, obgleich der scharfe Duft in ihren Kleidern hing und ihr Zimmer ganz imprägniert hatte.

Es war etwa vier Wochen nach Georges' Heimkehr, tief in der Nacht. Josy war vor einigen Minuten aus der Frauenklinik gekommen, hatte die Flurlampe gelöscht und sich sofort in das große Eckzimmer begeben, in dem sie mit Rösli und Laure Anaise schlief. Sehr still war es. Die rauchende Studentin hatte Laure Anaises Atemzüge durch 134 die dünne Wand gehört, dann Josefines Schritte dort nebenan, sie hörte sie die Uhr aufziehen, ihre Hände waschen.

Unermüdlich, diese Josefine, dachte Helene und drückte sich tiefer in die Sofakissen. Es war so schön warm, sie hatte zum erstenmal Feuer heute abend, und ihre Zehen dehnten sich so wohlig in den kleinen braunen Lackschuhen auf der Sofalehne.

Plötzlich fuhr sie zusammen: irgend ein ungewohnter Ton, etwas wie ein erstickter Schrei war erklungen. Schrie Rösli im Schlaf? Nein, es wurde ja gar nicht geschrien, es war ja wie ein Scharren auf dem Boden, ein lautes Seufzen, ein schwerer Gegenstand erbebte, fiel, dann eine flüsternde Stimme: »Nun? was? was war das?«

Dann Laufen auf bloßen Füßen, etwas wie ein Rütteln, Stampfen ohne Schuhe, wieder Seufzer, Gemurmel, endlich nahende Schritte, ein Griff an Helenes Tür ...

Schläge ...

Helene Begas warf ihre Zigarette von sich, suchte den Türschlüssel auf der Tischdecke, steckte ihn ins Schloß, blies die Lampe aus und fragte mit beklommener Stimme: »Wer?«

»Leni!« flüsterte es draußen.

Die Studentin öffnete, und Josefine fiel ihr in die Arme, drängte sie ins Zimmer zurück und drehte selbst den Schlüssel um. Sie war außer Atem, ergriff Lenis Hand und hielt sie wie mit Zangen fest. Die Studentin sah angstvoll an ihr hin. Josy hatte das Kleid abgelegt, mit der Linken drückte sie einen kleinen dunklen Gegenstand an die entblößte Brust.

Helene fuhr ihr mit der Hand übers Gesicht, es war wie mit kaltem Schweiß bedeckt, die Haare klebten an der Stirn.

»Behalt mich hier,« sagte sie, »ich kann nicht dorthin.« Ihre rauhe Stimme brach einen Augenblick, ein unwillkürliches Schluchzen bewegte ihre Brust.

»Nein, aber das –« begann Helene.

»Zünde an, Leni. Ach, so ein Weib zu sein! Nun, wo sind deine Hölzli?«

Josefine zündete selber die Lampe an, ihr Gesicht war bleich und feucht, aber voll Entschlossenheit. Sie wandte sich zum Ofen: »Du hast noch Feuer? Ist gescheit.« Sie nahm den kleinen Gegenstand von der Brust, lächelte sonderbar, ingrimmig und entschieden, hob das Säckchen empor und blickte es an, indes sie zum Ofen niederkauerte. Im Feuerschein glühte das rote Seidensäckchen mit den krausen Zeichen darauf.

Josefine zog das rote Schnürchen auf und griff in das Säckchen; eine handvoll brauner knitteriger Blätter kam zum Vorschein. Sie drückte ihren Mund hinein, sog den Atem der verdorrten Rosenblätter in sich und warf dann eins nach dem andern in das ersterbende Feuer ...

Zuletzt zog sie zwei dünne Briefbogen hervor mit einer feinen, zarten Schrift. Sie warf sie in die Flammen, ohne zu zögern. Dann küßte sie das Säckchen, als sei dies 135 das kostbarste von allem, sie biß hinein, und ihr starres Gesicht war plötzlich tränenüberströmt, die Stirn tief gerunzelt.

»Was liegt daran?« sagte sie dann und warf auch das rote Säckchen in den Ofen. Es verkohlte langsam, schwelte so hin, die goldenen Buchstaben, lauter Glücksverheißungen, wurden schwarz und rußig. Als es verbrannt war, war auch das Feuer schwarz und leblos, nur ein paar rötliche Funken irrten noch in dem Zunder. Josy drückte sie mit der Kohlenschaufel zusammen.

Dann stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl. Sie hatte Helene Begas ganz vergessen.

 

Helene aber saß in der Sofaecke und beobachtete sie, sprachlos vor Trauer und Mitleid. Leise legte sie der Freundin ein Tuch um die nackten, bebenden Schultern. Josefine schien es nicht zu fühlen. Wie aus tiefen Überlegungen heraus sagte sie emporgewendet: »Kannst du den Répin nehmen? Es wäre schade – –«

Sie vollendete nicht, sondern stand auf. »Dann bring ich das Bild sogleich.«

»Nein, morgen! ich fürchte –« Helene wollte die Tür zuhalten.

»Was fürchtest du?« Josy lächelte spöttisch. »Meinst, ich fürcht ihn?«

Ihr Blick war so, daß die Mathematikerin einen Furchtschauer empfand.

»Ich dachte, er schlüge dich, Josy,« sagte sie stockend.

Josefine lachte drohend: »Er – mich? O weh!« Sie besah ihre Hände.

Helene sprang zurück: »Josy!«

Als Josefine düster schwieg, näherte sie sich ihr und faßte schwesterlich ihren Arm.

»Ich denke übrigens,« sagte die Studentin flüsternd, »vielleicht – wenn du ihn doch wieder auf- und angenommen hast – aber ich verstehe wohl nichts von Gefühlen –«

»Nein, du hast recht! verstehst nichts davon – –« Josefine musterte sie.

»Ich meine aber doch, so, theoretisch gesprochen, was für einen Wert oder was für eine Wichtigkeit legst du hier einer Sache bei, die schließlich doch weit untergeordnetere Bedeutung hat als eure bürgerliche Gemeinschaft?«

»Glaubst du?« fragte Josefine mit eindringlicher Betonung und mit dem erschreckenden Lachen. »Untergeordnete Bedeutung? glaubst du?«

»Ja, ich meine, Josefine, bist du nicht grausam?«

Die Frau zuckte die Achseln. »Weiß nicht. Interessiert mich nicht.«

»Ja, aber, sieh, du bist doch sonst so gut, so verständig auch, so klar –«

Josefine senkte den Kopf, als ob eine Sturzwelle von Vorwürfen sich über sie ergösse. Der geneigte Nacken mit dem schweren Haar gab ihr einen rührenden, demütigen Reiz in Helenes Augen.

»Du kannst ihm schließlich nicht verdenken, daß er dich liebt,« sagte sie an Josefines Ohr, »wir lieben dich ja alle! Wie hat Hovannessian dich geliebt!«

136 Über Josefines Nacken rann ein Schauer. Seufzend richtete sie sich auf. »Was sprichst du? schäm dich auch.« Dann schob sie Helene zurück. »Meinst, ich könnte – aus irgend einem Grunde in der Welt – einem zu eigen sein, den ich nicht will?« fragte sie, rot vor Scham, »meinst du das? Und wenn der Himmel einfällt – wenn ich ihn damit aufhalten soll –« Sie schleuderte etwas von sich mit der linken Hand, wiederholte dann diese Bewegung noch heftiger und wie im äußersten Abscheu mit beiden Händen.

»Das ist das einzige, was unmöglich ist,« stammelte sie, »und wenn es die Hölle hier wird – ist mir gleich! Ich fürchte nichts! Er wird schon lernen. Wir müssen unter Menschen gehen, Leni, er muß wieder Selbstgefühl kriegen ...«

»Und du glaubst, das sei ein Ersatz für –«

»Was verlangst du von mir?« rief die Frau gereizt, »bin ich ein Mollusk, ein Tier? Lieben, wen ich mag, gehören, wem ich mag – das ist mein Menschenrecht.«

»Als verheiratete Frau hast du kein Recht – –«

»So? so? das denkst du? so feig denkst du, Mädle, so gering von dir und uns?« schrie Josefine.

Helene war etwas beleidigt. Sie zog sich hinter den Tisch zurück. »Wenn ich mich einmal versagt habe, wenn ich gebunden bin – dann bin ich eben gebunden,« sagte sie verwundert. »Zugleich gebunden und frei – das versteh ich nicht.«

»Ja, wer alles verstünde!«

»Bist eben doch inkonsequent, Josefine.«

»Mag sein.«

»Aber das ist nicht gut.«

»Wer ist immer gut? Man tut, wie man muß.«

»Und wenn er wieder – Exzesse – macht?«

»Ja!«

»Und wenn er wieder Exzesse macht, sag ich?«

»Und ich sage ja!«

»Was dann?«

»Weiß nicht.«

»Josy!«

»Ja?«

»Du bist hart.«

»Das Leben ist mit mir hart.«

»Vielleicht, wenn er sich wieder zurückfände, zu dir –«

»Nie! niemals.«

»Niemals? das ist ein unhaltbares Wort zwischen Menschen, Josy, das sollte man nie aussprechen.«

»Und ich sag's noch einmal!«

137 »Nun – dann – gib ihn frei, Josy, laß ihn eine andere finden! Als Medizinerin – –«

Josefine hielt sich die Ohren zu, Helene war unerbittlich.

»Siehst du nun, wie schwer das ist? Siehst du nun, was du auf dich genommen hast? Viel zu unbedacht hast du gehandelt, hast dir Übermenschliches zugetraut! Aber jetzt, nicht wahr, jetzt fürchtest du dich doch, daß du dich beschmutzen könntest? jetzt wärst du selber froh, wenn du getan hättest, wie alle Leute dir rieten? Josy, wirklich, ich habe dies kommen sehen! Sobald ich deine Geschichte erfuhr, und dann, als ich ihn mit Augen sah –«

Josefines hartnäckiges Schweigen ermunterte die Mathematikerin immer mehr. Mit einer Art Triumph sprach und sprach sie – ihre Genugtuung, recht zu behalten, war so groß, daß sie ihr Mitgefühl für die Freundin erstickte.

»Du willst mit Menschen verfahren wie mit Schachfiguren, Josy, so einfach verfügen: stehe hier, aber keinen Schritt darfst du selbständig tun! Das lassen die Menschen sich aber nicht gefallen! Die haben auch ihren Willen, ihre Individualität, ihr Ich. Paßt es ihnen zufällig, so werden sie wohl stehen bleiben; paßt es ihnen nicht, so kümmern sie sich wenig um deinen Willen. Solche künstliche Schranken aufrichten – das ist sehr leicht, aber die anderen zwingen, diese Schranken zu achten, das ist ganz was anderes!«

Hilflos, müde, mit verfallenem Gesicht hockte Josefine im Sessel. Nicht nur die Worte, auch die Gedanken versagten ihr.

»Ich brauche etwas Schlaf – früh aufgewesen –« murmelte sie, die Augen schließend; ihr Kopf mit der eckigen Wangenlinie und den abwärts gezogenen Mundwinkeln sank zurück. Sie schlief nach wenigen Minuten. Fräulein Begas schob ihr ein Kissen hinter den Kopf – mit einem kindlichen Lächeln, das sie ganz verjüngte, dankte Josefine, ohne die Lider zu öffnen.

 

In dem stummen, unterirdischen Kampfe, der da im »Grauen Ackerstein« zwischen niederzwingenden und emporreißenden Gewalten geführt ward, gab es Waffenstillstand.

Wie der Tiger, der den Sprung verfehlt hat, so war Georges in seine Stube zurückgeschlichen, gedemütigt, unterjocht, mit lahmen Gliedern.

Er arbeitete an der Drehbank die nächsten Tage. Kam jemand zu ihm, so erhielt er von dem Emsigen kaum einen blöden, leeren Blick, ein mattes Gemurre; er aß sehr stark, schlief viel, führte eine Art Pflanzenleben.

Seine Frau war ganz durch Vorbereitungen zum Staatsexamen in Anspruch genommen. Dazwischen kamen Sorgen wegen der Dissertation.

Josefine hatte eine große Anzahl Mikrophotogramme für ihre Abhandlung bereit, deren Wiedergabe im Druck unerwartete Schwierigkeiten verursachte.

Sie kam mit einem mißlungenen Cliché zu Georges, um seine Meinung zu hören. Ganz unbefangen kam sie, frisch und eifrig; wie Mann zum Manne sprach sie zu ihm.

138 Es war das erste Mal, daß sie sich nach jener furchtbaren Nachtszene allein miteinander befanden. Bei den Mahlzeiten waren stets die Pensionäre und die Kinder wie ebenso viele abstumpfende Widerlager zwischen ihnen.

Scheu und feindselig hatte sich Georges in die Ecke zurückgezogen, als Josefine mit ihrem entschlossenen, unbekümmerten Schritt hereinkam.

»Sieh,« sagte sie, ihm das Blatt hinhaltend, »da lueg auch, was sie mir hingesudelt haben! Kein Detail erkennbar! eine graue Sauce! bin fast untröstlich, wenn man mir die Sach so verderbt.«

Lange verstand er nicht, was sie wollte, guckte mit zitternder Unterlippe das Blatt an, seufzte auf.

»Das Negativ war nicht so, versteht sich,« fuhr die Frau fort, »vielleicht en wenig dichter als die besten, aber so ist's halt unbrauchbar, gelt?«

Georges hielt das Blatt vor die Augen, zuckte die Achseln und legte es hin. »Undeutlich. Wertlos,« sagte er knurrend.

Josefine lebte auf: »C'est ça! Undeutlich und wertlos! Was macht man?«

»Eine neue Kopie halt.«

»Er hat's bereits fünfmal versucht, es wird nüt.«

»Ja, da ist's Negativ schuld.«

Die Frau nickte. »Fürcht es auch. Aber dann –«

»Neue Aufnahme,« sagte der Mann teilnahmlos. »Neue Aufnahme machen,« er hüstelte hinter der Hand.

»Glaubst es? aber woher die Zeit nehmen?« rief Josefine bestürzt. »Und noch sechs, sieben andere von der Schnittserie sind so verwischt. Heißt also sieben, acht neue Aufnahmen machen.« Sie schüttelte den Kopf. »Undenkbar.«

Auf einmal zuckte ein Gedanke hell über ihr Gesicht. »Mach du sie, Georges.«

Er prallte zurück vor ihrem aufleuchtenden Auge, vor ihrer lebhaft gestikulierenden Hand, vor dem werbenden Willen, der, ihr selber unbewußt, wie eine Flamme aus ihr hervorbrach. Kein Wort erwiderte er.

Aber freudig und zuversichtlich kam sie näher. »Ich bringe dir alles, trage die ganze Geschichte zusammen! Die Präparate sind ja sämtlich vorhanden, deutlich numeriert. Du verstehst das so ausgezeichnet, hast's ja mich gelehrt, Georges.«

»Geh zu deinen Polacken!« grollte er und drehte ihr den Rücken.

Die Frau folgte ihm in den Winkel. »Tu nicht so wüst, du! Gelt, Georges, du hilfst mir aus? aber ob's da heroben still genug ist? Der Tram fährt, daß der Boden schüttert und das Haus bebt –«

»Nachts fährt kein Tram,« sagte der Mann, widerwillig interessiert.

Josy nickte wieder. »Ja, auch ich hab die Aufnahmen nachts gemacht. Drunten im Laboratorium freilich. Aber es ginge auch hier.« Sie musterte die Drehbank.

139 »Die steht fest,« sagte er »und horizontal.«

»Eben das.« Sie strich über die Fläche. »Du wirst sie tausendmal besser machen, als meine sind,« lockte Josefine.

»Tausendmal!« höhnte er, eine widerwillig lächelnde Grimasse machend.

»Man kann dann schreiben, daß die Abbildungen von dir sind, Georges.«

»Oh – Handlanger für dich –« murrte er, argwöhnisch und gequält, »dazu taug ich noch, gelt?«

»Und es liegt dir doch auch daran, daß mein Buch – mein erstes Buch – sich möglichst gut präsentiert,« fuhr Josefine unschuldig fort.

Ihre Naivetät machte ihn verdutzt.

»Nun ja,« sagte er, »wenn du's so annimmst –«

Sie lief fort, um das Mikroskop und die Präparatserie zu holen; wenn Georges wieder Interesse an wissenschaftlichen Arbeiten bekam, dann sah die Zukunft für ihn nicht so trostleer aus.

 

Sowie sie hinausgegangen war, geriet Georges in eine fiebernde Wut. Mit Hast verriegelte er die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen, die Hände geballt, die Zähne aufeinander gebissen. So horchte er auf ihren schnellen Schritt, auf ihr Klopfen. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis sie kam. Er verging vor Ungeduld, Widerwillen und Verlangen. Frostschauer zogen sich von seinem kahlen Kopfe, auf dem jedes neue Härchen auf und nieder bebte, abwärts über seine matte Haut. Er entblößte seinen hageren Arm und sah das Zusammenziehen der Haut zu kleinen Inseln, das Beben des Blutes in dem dunkel und wie obenauf liegenden Aderngeflecht.

»Ah, misérable,« stöhnte er, den Arm streckend und anziehend und mit dem Zeigefinger der Rechten das schwache Muskelspiel verfolgend, – »malheureux que je suis!«

Das Fenster war mit von außen anklebenden gelben Blättern fast bedeckt, ein gelbes Dämmerlicht kam herein und machte alle Farben fahl und krank; der nüchterne Raum, die schwarze Drehbank – es war ihm, als sei er hier angekettet, mit Eisen an diese Drehbank geschmiedet, als sei er in einem viel entsetzlicheren Gefängnis jetzt als zuvor.

War es das, wonach er sich fünf fürchterliche Jahre lang gesehnt hatte? War es das?

»Öffne, bitte!« rief Josefine draußen, »ich habe keine Hand frei.«

Er stellte sich taub, schlich auf den Zehen ans Fenster, streckte den Kopf durch die offene Luftscheibe, ließ sie drei-, viermal rufen.

Sie hatte inzwischen ihre Hand frei gemacht und klapperte an dem Drücker.

»Verschlossen? warum?« hörte er sie sagen.

Dann kam er mit großem Gepolter und riegelte auf.

Sie musterte ihn erstaunt. »Schliefst wohl?«

Er rieb sich die Augen, dehnte sich, gähnte, schwieg.

140 »Gut, ich will dich nicht lange stören. Schlafe weiter. Hier ist alles. Du findest dich schon zurecht.«

Er sprach noch immer nicht und hielt sie eben dadurch zurück.

»Mein Instrument kann nicht schuld sein,« sagte sie, sich zu dem blanken Mahagonikasten beugend; »das ist noch immer tadellos. Sieh selbst.«

Als er sein eigenes Mikroskop wieder erblickte – eines der letzten sehr vervollkommneten Instrumente, das er wenige Monate vor seiner Verhaftung angeschafft hatte –, brach seine Fassung. Er weinte mit zusammengebissenen Zähnen. Er hatte dieses große prächtige Instrument geliebt, wie ein Künstler sein Werkzeug liebt.

Josefine begriff sofort und wurde sehr verlegen. Mit zugeschnürter Kehle begann sie, so als ob ihr dieser Gedanke spontan komme, von seiner Zukunft zu sprechen: »Wissenschaftliche Arbeit – schriftliche meine ich – das ist eigentlich dein Feld, Georges, dort wirst du etwas leisten, und niemand kann dir wissenschaftliche Arbeit verbieten! Das gibt's nicht, so weit reicht ihre Macht denn doch nicht. Man wird vielleicht auch etwas zusammen herausgeben, du und ich gemeinsam, – wie denkst du?«

»Ziemlich stark abgenutzt,« sagte er mühsam und strich über eine abgestoßene splitternde Ecke des Mahagonikastens. »Schade!«

Eine Uhr schlug. Die Frau schnellte auf: »Also heute nacht? willst du? Schlafe aber im voraus, sonst wirst du verkürzt, und du brauchst viel Ruhe! Sieben Aufnahmen, und jede circa eine halbe Stunde – da wirst du fast die ganze Nacht dran rücken müssen! Ich laufe jetzt! Ade! Dank dir zum voraus!«

Sie ging, und er riegelte sich wieder ein. Nicht einmal die Hand gegeben! Dann warf er sich aufs Bett und grübelte. Er sah sie, blau im Gesichte und veratmend auf dem Boden liegen, auf dem Boden dieses Zimmers, lang hingestreckt neben der Drehbank. Und er, er kniete auf ihr, zerriß ihre Kleider, zerfleischte sie, wühlte in ihrem wehrlosen unterjochten Leibe, berauscht vom Geruch des frischen Blutes. Und dieser Geruch des frischen Blutes, ihm bekannt von mancher Operation, wo er ihn immer wie einen seltenen Wohlgeruch empfunden hatte, – diesen Geruch glaubte er plötzlich um sich in der Luft zu spüren, aufreizend und peinigend und lastend schwer. In Konvulsionen der Lust und des Grausens wand er sich auf seinem Bette. Gehaßte und geflohene Bilder aus der Vergangenheit wurden zu lebendigen Szenen, die sich mit furchtbarer Anschaulichkeit, mit Geschrei und Gewimmer hier vor ihm, zwischen dem Bette und der Drehbank von neuem abspielten. Er sah verzerrte Köpfe auftauchen, verkrampfte Glieder zuckten – aus dunkeln Kleidern – weiß und rosig hervor. Plötzlich füllte sich die ganze Luft mit blutigen Teilen menschlicher Leiber, und alles das wollte über ihn stürzen, wollte ihn zudecken, ihn begraben. Er entwischte durch ein Fenster und wurde von einer Bergspitze heruntergeschmettert ... dann lag eine kalte Leiche auf 141 ihm und preßte ihn, Mund auf Mund, Brust auf Brust, Glied auf Glied, in die weiche feuchte kühle Erde hinein.

 

Mit verklebten Augen, mit verklebter Zunge taumelte er auf ... Es hatte gepocht ...

Durch die geschlossenen Lider hindurch fühlte er, daß es Tag war.

So matt, so weich – wie zerschmolzen fühlte er sich. Aber der Blutgeruch, das Gewimmer vor seinen Ohren war nicht mehr da.

Er sah sich um wie ein Nachttier, das ein Versteck sucht.

Warum pochten sie an seine Tür? Hatte er wieder etwas begangen?

»Ich bin unschuldig! wahrhaftig: ich bin unschuldig!« stammelte er und verkroch sich unter die Decke. Aber gleichwohl sah er, daß die Tür aufging, und daß jemand hereinkam.

Er verkroch sich noch tiefer, und nun sah er noch besser, sah zwischen seinen Zehen hindurch nach den vielen Menschen, die hereinkamen.

Sie kamen, kamen, aber das Zimmer wurde nicht voll. Ein paar schwarze Herren drehten sich in der Mitte herum, die anderen gingen in die Wände hinein, ohne jede Schwierigkeit.

»Hier ist das Gebiet der Hallucinationen,« sagte er, und dann hielt er eine Rede über die Hallucinationen. Jemand lachte aus der Ecke, die Versammlung wurde aufgelöst. Er schlug auf den Tisch, erhitzte sich, schrie: »Realität? Hier haben Sie die schönste Realität, meine hochverehrten Anwesenden! Kein Arzt leugnet Sie oder sie, – denn das ist im Grunde ganz das nämliche, Sie oder sie, meinen Sie nicht? Willkürliche Striche kann jeder machen, aber was gewinnen Sie damit? Ich rede aus Erfahrung, aus blutiger und, ich darf wohl sagen, unangenehmer Erfahrung. Ob jemand durch die Tür hereinkommt, oder ob er aus der Wand hervorkriecht oder so von der Decke herunterspringt, was für ein Unterschied ist zwischen diesen Jemanden, wenn sie sich unverschämt, cynisch, aufdringlich an einen Menschen heranmachen, – sagen Sie selbst! Die Krone der Unverschämtheit ist ja gerade dieser von der Decke Heruntergesprungene, denn wie Sie alle wissen, kann der Geist nur da wieder hinaus, wo er hereinkam. Durch die Decke! ich bitte Sie! Sie werfen ihn in die Höhe, – er fällt Ihnen auf den Kopf, Sie schäumen vor Wut, laden ihn in einen Revolver, schießen ihn gegen die Decke – der Gips berstet, der Plafond kommt auf Sie herunter, voran natürlich der kleine Jemand, den Sie los werden wollen. Nein, nein, es gibt nur ein Mittel: spielen Sie mit ihm, schlau, kindlich, machen Sie ihn kirre, zutraulich und sorglos. Und dann – und dann – ja – ja – In diesem hübschen Augenblick ein scharfes Messerchen bereit halten! Blutet's, so war's eine Realität, unzweifelhaft! – es blutet nämlich immer, ich habe ja meine Erfahrungen, meine – hm! hm! Kuriert – kuriert, und doch nicht kuriert! Man ist halt Psychopath, meine Herren!« – –

142 Jemand kam an sein Bett, griff nach seiner Hand, an seinen Puls.

»Was kann das sein?«

Es wurde ihm schwer, die Zähne auseinanderzubringen. Endlich gelang es ihm, und er röchelte: »Ein Anfall! Seit Jahren ausgeblieben. Gib Morphium.«

Josefine gab ihm Morphium. Er belebte sich wunderbar schnell, sprach ganz vernünftig, aß und trank und schlief ein.

Die Frau besah die Instrumente auf dem Tische. Sie waren unangerührt; kopfschüttelnd packte sie alles auf und trug es fort. Ihr Buch erschien ohne jene mißratenen Clichés, die übrigen fünfzehn Tafeln waren vollständig gelungen.

Georges fragte nie wieder danach, und sie zeigte ihm das Buch nicht, als es herauskam.

Er sah es dann, als sie in der Klinik war, blätterte darin mit anfangs gleichgültigen, dann aufglimmenden Augen. Als Hermann zufällig darüber zukam, warf er den Band schnell unter das Bücherregal.

Auch das Mikroskop betrachtete er nie wieder.

Josefine hatte die sechs schweren Examenwochen hinter sich; die letzte Stufe war erstiegen – sie konnte nun ihre Praxis ausüben, überall wo sie wollte in ihrem Vaterlande. Eine Art Befreitsein empfand sie, nicht mehr. Zuweilen verwandelte sich dies Gefühl des Losgebundenseins in eine wehe Verlassenheit. Bedauern ergriff sie, daß die Studienzeit hinter ihr liege; rückwärts gesehen erschien sie ihr als die einzige Zeit, wo sie wirklich gelebt. Die größten Schmerzen und die größten Freuden lagen in diese Zeit eingeschlossen wie Perlen in köstlicher Fassung, und wenn sie sich selber erblickte, wie sie vor diesen fünf und ein halb Jahren gewesen, dann staunte sie über ihre damalige, fast ungestüme Frische. ›Wie konnte ich das alles auf mich nehmen, damals, unter dem Druck des großen Unglücks! Daß ich nicht erlegen bin, daß ich nicht einmal ernstlich erkrankte, daß ich es durchgemacht habe, und daß ich nun ein ganz selbständiger Mensch bin – wie merkwürdig ist das alles!‹

Und mit wehmütigem Neid sah sie die eben immatrikulierten Studentinnen ins Kolleg gehen. ›Oh, schöne, schöne Zeit! Nehmt sie wahr! Blickt nicht so geschäftig, nicht so sorgenvoll! Ihr denkt, daß ihr sehr wichtige Personen seid; daß ihr schon viel viel Großes und Schweres arbeitet! Aber ihr arbeitet noch nicht, ihr nehmt nur auf wie das weiche Frühlingsland den warmen Regen. Wann ihr fertig seid, dann – beginnt eure Arbeit. Erst dann. Meine Arbeit beginnt jetzt, und was – was werde ich tun?

Werde da in meinem Sprechzimmer sitzen, froh, wenn mein Warteraum von hilfesuchenden Kranken überläuft? Werde sie hereinbitten, einzeln, feierlich? werde den Gott aus den Wolken spielen, Lebenshoffnung aus meiner hohlen Hand herabsprengen auf emporgerichtete sterbende Elende? Werde dem an der Armut Leidenden die »kräftige Kost« des Wohlhabenden verschreiben und nicht die höhnische Träne 143 beachten, mit der er aus meiner Tür hinausgeht? Werde »Ruhe« verordnen der zwölf Stunden täglich über dem Stickstuhl hängenden Stickerin, für die Ruhe gleich Arbeitslosigkeit und Arbeitslosigkeit gleich Verhungern ist? Werde Wunden flicken, wie man Löcher in den Schuhen flickt, gleichgültig, geschäftsmäßig, in der ruhigen Überzeugung, daß ich die wahren Wunden mit keiner Sonde erreichen, mit keinem Pflaster heilen kann? Werde – oh das allerschlimmste! werde mich einreihen in die Heere der Zufriedenen, der mit dem Bestehenden Einverstandenen, der »mit den gegebenen Tatsachen Rechnenden«? Nein, nur das nicht! nur das nicht! nur das nicht!

Was aber werde ich tun?‹

Und es schien ihr, daß sie von Himmelsflügen heimgekehrt sei, um auf die platte Erde zu fallen und dort Ameisenarbeit zu verrichten, eine von Millionen anderen Ameisen!

Ameisenarbeit! nun denn auch das, wenn es so sein mußte! Aber wenigstens keine schädliche, der Ameisenheit schädliche Arbeit verrichten!

Nützlich sein, selbst am Leben bleiben mit meiner Familie, der ich Brot schaffen will und muß, und der Ameisenheit nützlich sein – das ist fast unmöglich! Aber dann wenigstens nicht schädlich sein. Für mich und die Meinen sorgen und doch nicht schädlich sein! So viel wenigstens!

Ach, und wäre es denn nicht doch auch möglich, ein wenig zu nützen? Hab ich so viel gelernt, so klar gesehen, so tief gefühlt, was schlimm, verderblich, zerstörend ist, und sollte ich kein, aber kein Mittel haben, gegen dieses Schlimme, Verderbliche, alle Kräfte Zerstörende mitzukämpfen?

Was kann ich tun? Ich Ohnmächtige, Einzelne? Der Einzelne kann nichts, nichts ausrichten, und wer sollte mir wohl helfen? Es denkt ja niemand so, wie ich denke.‹

Plötzlich tauchte vor ihr wie ein Stern ein schönes Gesicht auf; eine schöne Stirn sah sie über tiefen Augen, und hinter der schönen Stirn wohnten schöne Gedanken. Gedanken den ihren gleich und deshalb schön für sie. Den ihren gleich? nein, tausendmal höher, glänzender, schwungvoller.

›Damals ging ich auch so ratlos und verzweifelt,‹ dachte sie, ›so einsam, allein auf der Erde. Und da kamst du gegangen, und was ich gewollt und ersehnt – in dir fand ich mich selber wieder, nur unendlich viel stärker, besser, reicher! So weit, weit her kamst du, aus einer anderen Welt, aus anderen Lebensformen, und mit dir verstand ich mich, als hätte eine Milch uns genährt. Einer bist du, einer bin ich – unter all den Millionen – wo sind unsere Freunde? Gewiß – sie sind da! sie warten auf uns! sie stehen hinter der Tür! Ihre Hände sind ausgestreckt, die unsrigen zu fassen! Sie halten kaum den Ruf nach uns auf ihren Lippen zurück! Es wird ihnen schwer, ihre Ungeduld zu zügeln, so wie wir kaum die unsere zügeln können ...

Soll ich nicht rufen?‹

144 Und unwillkürlich fast, kaum wissend, was sie tat, begann Josefine den unbekannten Freunden zu rufen.

Sie wollte diese Hände fassen, die sich ihr wartend entgegenstreckten. Sie wollte diesen Augen begegnen, die aus Not und Drangsal des Tages wie aus der Wüste der Einsamkeit die ihren suchten.

Sie wandte sich zurück an jene Fernsten, die sie nur ahnte, nicht einmal glaubte: sie schrieb.

Aber ihrer impulsiven Natur war dieser Weg zu weit, zu lang, und sie fühlte, daß nur die Hoffnungsvollen ihn beschreiten können – jene, die zu warten wissen, denen die Sehnsucht nach dem Echo der Gefundenen nicht sofort erfüllt werden muß, und die ohne dieses Echo sterben. Nein, unmittelbarer als mit der Feder, mit ihrer eigenen Stimme wollte sie die unbekannten Freunde erreichen, zusammenrufen, mit ihren eigenen leiblichen Ohren den klagenden oder begeisterten, nicht durch sie, aber mit ihr begeisterten Widerhall hören.

›Und dann, wenn wir viele geworden sind – wer weiß! vielleicht können wir doch gemeinsam etwas tun, etwas – etwas tun!‹ dachte sie, und es schien ihr, als weiche die zehrende Unruhe von ihr, die sie keinen Augenblick mehr verließ ... ›Etwas tun ... ach!‹

 

Helene Begas brachte eine deutsche Zeitschrift mit; sie war ganz aufgeregt, zwischen Ärger und Vergnügen.

Beim Mittagessen, nach der Suppe, schlug sie auf und las:

»›Gelehrte Weiber und geprellte Ehemänner!‹ Nun – klingt nett, nicht wahr? vielverheißend! Und wahrhaftig, ich sage euch, – der Titel ist so anlockend – massenhaft wird die Nummer gekauft! Wenigstens zwanzig Studenten standen am Kiosk: ›Mir auch ›Gelehrte Weiber‹, bitte mir ›Geprellte Ehemänner‹‹ – so ging es in einem fort! Nach dem Inhalt fragte kein Mensch, es war nur der Titel. Huh, war ich wütend! Diese Burschen da! Dies Gegrinse und Gewieher! Ich glaube, was von schlechten Elementen in Zürich studiert, drängte sich zu dem Kiosk, ich war das einzige Frauenzimmer. Wie Butter an der Sonne fühlt ich mich.«

»Was ist's denn? was Witziges und Nettes?« fragte Josefine, lächelnd über Lenis Eifer.

»Witzig keine Spur,« schrie die Mathematikerin, »immer das Gewöhnliche! Wenn sie noch Geist hätten! Aber das ist wirklich die Strafe des Himmels – sobald einer sich verleiten läßt, dies Thema anzupacken – gleich verläßt ihn, was er etwa an Geist besitzt, und nur Bosheit bleibt und Plattheit!«

»Warum sind Sie so aufgeregt?« Bernstein öffnete seine Augen, so weit er konnte, »scheint es mir, daß dieser Herr Verfasser nicht sehr gefährlich sein kann.«

145 »Bosheit und Plattheit nicht gefährlich?« Helene schlug die Hände zusammen. »In welcher Welt leben Sie, Bernstein? Unermeßlicher Schaden geschieht durch solche boshafte platte Darstellungen! Alle Esel wiehern Beifall, fühlen sich gehoben und gestärkt in ihrer Eselhaftigkeit!«

»Halten Sie den Verfasser auch für einen Esel?« erkundigte sich Georges, mit seinem Löffel spielend.

»Wer ist der Verfasser?« fragte gleichzeitig Bernstein.

»Ich weiß nicht; er unterzeichnet Strindberg jun. Na, das ist nun eine Unverschämtheit mehr, Strindberg hat doch Geist, aber dieser Junior ist nur platt! wie eine Scholle, sag ich Ihnen. Hören Sie mal 'ne Probe.« Helene las vor:

»Ein bewußter Schwindel ist dieses sogenannte Streben nach Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Weiber wünschen durchaus keine Gleichberechtigung, sobald es sich um unbequeme oder schlecht bezahlte Arbeit handelt. Sie wünschen nur die bequemste, angenehmste und am besten honorierte Arbeit an sich zu reißen. Diese Arbeit ist ohne Zweifel die Arbeit des Gelehrten, und darum wollen die Weiber plötzlich alle gelehrt werden. Sie haben mit ihrer bekannten Schlauheit entdeckt, daß es sehr angenehm ist, Arzt zu sein, eine Vorzugsstellung zu besitzen und gute Honorare zu beziehen. Die Folge ihrer Entdeckung ist nun ein Zudrang zu dem medizinischen Beruf. Gleichberechtigung! schreien sie, aber sie meinen Herrschaft. Was soll der gleichberechtigte Ehemann der Medizinerin tun? Nun, die gelehrte bessere Hälfte wird ihm vielleicht erlauben, Wasser zu tragen und ihr die Hände zu waschen, wenn sie aus der Klinik kommt. Das heißt dann sehr hübsch Arbeitsteilung. Kein emanzipiertes Weib drängt sich jemals dazu, Kaminfeger zu werden oder Kloakenputzer: vor dem Ofenruß oder der Abfalldohle macht das Streben nach Gleichberechtigung sofort Halt! Hier fordert auch die emanzipierteste Emanzipierte keine Arbeitsteilung, sondern höchstens eine Teilung des Lohns mit dem Manne. Mag er doch in das heiße schwarze Kaminloch hinaufklettern, mag er doch in die übelriechende, miasmatische Grube hinabsteigen – das Weib wird derweil gemächlich zu Hause bleiben, mit der Nachbarin schwatzen und lästern und in Süßigkeiten und unnötigem Putz das schwer erworbene Geld des Ehemanns verhausen. Ein junger Landwirt kurierte sein für Gleichberechtigung schwärmendes Eheweib auf ebenso leichte wie nachahmenswerte Weise. Er weckte sie des Morgens um halb vier aus den süßesten Emanzipationsträumen. Sie erschrak sehr, die Tochter aus besserem Hause. ›Jesis Gott, was fällt dir ein, mich so früh aufzuwecken?‹ sprach sie. ›Stand uf,‹ sprach er, ›nimm die Kälber, führ sie auf den Berg, ich will jetzt eine Gleichberechtigung eintreten lassen.‹ ›Ach, du mein Spaßvogel!‹ sprach das Weib. Da warf er sie zum Bett hinab und prügelte sie zur Tür hinaus. ›Spaßvogel hin, Spaßvogel her! Hier wird nicht gespaßt, hier wird Gleichberechtigung durchgeführt.‹ Das Weib wollte nicht, wehrte sich und schrie: ›Ich kann das nicht.‹ ›Aber ich kann 146 das? denkst du, Weib, denkst du? ich kann alle Tage um halb vier Uhr aufstehen oder um drei? Marsch, Gleichberechtigung, führe die Kälber auf den Berg!‹ Und der Mann prügelte sie in den Stall hinein, wo die jungen Kälber dem Morgen entgegenbrüllten. Und er lachte sehr und sagte: ›Man muß euch Weiber zur Gleichberechtigung zwingen, ihr versteht sie falsch!‹ So belehrte ein kluger Mann sein törichtes Weib, und von da an hatte er Ruhe vor ihr.«

»Ech!« unterbrach Bernstein, »wozu lesen Sie! lassen Sie das!« Er betrachtete den Knaben Hermann, der begierig zuhörte und die Erzählung einzusaugen schien.

»Chaibeluschtig! Weiter,« sagte der Bub und seufzte vor Genuß.

Georges warf den Löffel klirrend auf den Teller, ein fleckiges Rot spielte auf seinen blanken Backenknochen.

»Gesunde Auffassung, scheint mir,« sagte er mit einem bösen Lächeln, »was haben Sie an dem Essay auszusetzen, Damen?«

»Essay! lieber gar!« Helene warf das Blatt hin und schüttelte sich vor Lachen. Hermann griff sofort nach der Zeitschrift; seine Mutter nahm sie ihm aus der Hand, so heftig, daß sie zerriß.

»Dummheiten, Bub, nichts für dich!« sagte sie mit finsterem Gesicht, »wenn du lesen willst – es gibt so viel Gutes.« In Hermanns Augen stiegen Zorntränen auf.

»Ich will das lesen,« sagte er, zu dem Vater gewandt, in dessen Gesichtsausdruck er Billigung, ja Wohlgefallen suchte und fand.

Josy zerriß das Blatt mit der ihr eigentümlichen Heftigkeit in kleine Stücke, die sie in den Kohlenkasten warf.

»Fühlst du nicht, Bub, daß hier Häßliches ist?« sagte sie verwundert und bekümmert, »roh und dumm ist die Erzählung! Mach deine Augen auf, Hermannli, wirst sehen, daß die Frauen überall mit ihren Händen schaffen, gleichviel ob die Arbeit angenehm ist oder nicht. Das Schreiberhirn stellt sich dumm, so, als ob es nur faule Weiber gäbe, und derweil sind schon alle Fabriken voll von arbeitenden Frauen. Und in den Familien –«

Sie vollendete nicht, denn Hermanns gleichgültige verbissene Miene brachte sie aus der Fassung. Er hatte die Hand auf seines Vaters Arm gelegt, – der innere Zusammenhang zwischen diesen beiden ging ihr blitzartig auf. Ein Gefühl, das fast Entsetzen war, drückte ihr auf dem Herzen. »Hermann!« schrie sie auf, schrill, außer sich, »komm hierher! höre!«

Georges blickte groß auf, mit zurückgeworfenem Kopfe; er lehnte sich gegen den Knaben mit der Schulter, als ob er ihn verdecken, schützen wolle.

»Er ist wohl auch mein Sohn, oder – könnt ihr gar am End auch das schon ohne uns, ihr Herrscherinnen von heute?« Sein spöttisches Zischeln ging in Gelächter aus.

147 Josefine schloß wie betäubt die Augen, in ihrem Kopfe sauste und hämmerte das Blut – das – das – ging ja nicht, so ist es ja schlecht! Man wird sich also jetzt hier streiten, so – streiten, – und sich vergessen wird man, – Dinge sagen, o pfui! was für Dinge! Und das schadenfrohe Blinzeln in Hermanns matten Augen, das soll sie – sie ertragen?

Sie zwang sich zu einem lauten Lachen, das sie alle aufschauen machte. »Oh, Hermannli, wie bist du angeführt,« rief sie, »der Vater scherzt, und du verstehst nichts! Komm, mach, schieb! hinaus! es schneit! der erste heurige Schnee! frühzeitig, gelt? Und die Geranien sind noch draußen. Der Schnee bringt sie um. Lauf, Hermannli, spring, die Geranien heraustun!«

Sie verließ mit den Kindern das Zimmer – ohne Hut ging's in das schmale Gärtchen, der nasse Schnee kühlte ihre heiße Stirn. Hinter ihr ging der Streit fort – mochte er fortgehen, Bernstein und Helene würden ihre Meinung schon allein verfechten.

Der Knabe mußte die Pflanzen aus dem Boden heben, der sich mit leichtem, weißem Anflug bedeckte; Rösi holte Scherben herbei, füllte sie halb mit Erde, Josefine setzte die Geranien hinein. Sie blühten noch reich, rosa, leuchtend rot und purpurn, die Wurzeln hatten sich tief und weit verbreitet.

Der Knabe tat gehorsam, aber mürrisch seine Sache; als eine Viertelstunde vergangen war, überließ Josy die Kinder sich selbst. Sie hatte ja zu tun. In kurzem war dann Sprechstunde, und sie nahm alles streng gewissenhaft: kein Fall, den sie nicht nach der Konsultation reiflich bearbeitet hätte. Das Nachschlagen und Studieren kostete schon so viel Zeit, daß sie hier, im Herbstschnee, zwischen den Kindern, bereits mit ihren Gedanken bei der Arbeit war. Aber das wunde Gefühl, das sie hinausgetrieben, erwachte neu, als sie vor ihren Büchern saß.

›Was kann ich wirken, ich, deren Einfluß nicht einmal bis zu meinem eigenen Kinde reicht?‹ Sie sah sich selbst im Spiegel beim hastigen Vorbeigehen und erschrak vor ihrem traurigen, versonnenen Grüblergesicht.

›Zu wenig Liebe!‹ dachte sie, ›ja, das ist's, was mir fehlt! Ich habe nicht Liebe genug! Einen liebe ich! Einem habe ich alles gegeben, für die anderen bleibt nichts.‹

Verzweiflung ergriff sie.

›Nichts geblieben! Nichts. Mein Herz ist eine Wüste! Wenn ich den Buben liebte, dann liebte er auch mich, dann horchte er auf meine Worte, nicht auf seine, dann hätte ich ihn nicht verloren.‹

Die Tür nach Helenes Zimmer stand offen, ein matter Tagesschein lag auf dem geflüchteten Bilde, auf dem Répinschen Bilde, hob die zurückgebäumte Gestalt des Jünglings im roten, zerfetzten Hemd aus allen anderen heraus.

Josefine heftete ihre Augen auf das Bild, sehnsüchtig, hilfesuchend bei den Hilflosen. Sie sehnte sich nach den glühenden Tränen, die sie beim ersten Erblicken des Bildes 148 vergossen. Damals hatte sie gefühlt. Damals hatte sie gelebt. Ihr war so hohl, so ausgetrocknet jetzt.

›Nie wieder werd ich so weinen,‹ dachte sie, ›er hat alles mitgenommen, auch meine letzten Tränen.‹ Und sie staunte mit zitternder Seele, was ihr Leben hätte sein können ...

Rösi guckte herein, rosig von der Luft. »Wir haben alles fertig gemacht! Komm und sieh, Mamme! es sind fünfzehn Töpfe, du mußt kommen.«

»Nein, nein, Liebling, später, ich habe nun zu tun.«

Das Kind schlich näher, lauter Bitte und Vorwurf. »So will ich bei dir sein, Mamme.«

»Du weißt doch, ich habe zu schaffen, Kind.«

»Bitte, Mamme!«

»Sieh, Rösi, das ist so: die kranken Leute kommen, ich soll ihnen helfen. Aber ihr Leiden ist sehr verschiedenartig, und ich bin noch nicht sehr geübt. Also, weißt schreib ich mir vieles auf in dieses große Buch, weißt was die Kranken von ihrer Krankheit sagen, und nachher muß ich dann in meinen Büchern suchen und vervollständigen, was sie gesagt haben, um ein ganzes Krankheitsbild zu bekommen. Verstehst du das?«

Rösi nickte und seufzte. »Laß mich meine Aufgabe bei dir lernen, Mamme, ich will ganz still sein.«

»Mein Rösi, sieh, das geht nicht. Wenn du bei mir bist, mein Schatzeli, dann seh ich immer nach dir hin, und dann vergeß ich, was ich nachschlagen will, verstehst? Und dann kommt bald die Sprechstunde.«

Das Kind schmiegte sich fest an die Mutter, wollte nicht loslassen. »Ach nein, Mamme, nein! Du hast mich ja doch viel, viel lieber, Mamme, warum –«

»Lieber als wen?«

Josefine begann leicht mit der Linken in dem vor ihr liegenden Buche zu blättern.

Das Kind stürzte sich auf diese Hand wie ein wildes Tierchen, küßte und schlug sie, schob das Buch weit zurück; war ganz ungebärdig.

»Lieber als die ganze Welt!« schrie sie, böse und weinerlich.

Die Mutter zitterte, küßte lächelnd die feuchten, zurückgebogenen Wimpern über den weichen Bäckchen. »Ja, und nun?«

»Und warum bekümmerst du dich immer um die anderen, Mamme?«

»Um welche anderen?«

»Die du nicht so lieb hast, wie mich, Mamme! Sitz lieber so mit mir!«

Josefine stutzte, nachdenklich schwieg sie, fühlte Röslis heftigen Herzschlag. »Auch mit denen, die man am liebsten hat, sitzt man nicht den ganzen Tag Arm in Arm,« sagte sie endlich lächelnd.

»Oh doch!« warf das Kind ein, »drüben ist ein Brautpaar, die sitzen immer so!« Das liebliche Gesichtchen errötete verschämt. Eine Frühreife lag um den schwellenden, leicht aufgeworfenen Mund mit der kleinen, runden, purpurroten Unterlippe.

149 Die Mutter betrachtete sie eine Sekunde lang überrascht.

»Ein Brautpaar?« sagte sie mechanisch, »und das hast du –«. Die dunklen Kinderaugen mit ihrer bodenlosen, spiegelnden Tiefe verwirrten sie. »Gelt, das sind närrische Leut!« sagte sie ernst und schob die Kleine leicht hinweg.

»Oh nein!« summte Rösi kopfschüttelnd, errötete heftig und besah ihre Schuhspitze. »Ich werde auch eine.«

»Was wirst du?«

»Eine Braut!« Ihr Schelmenlächeln war so lieblich, daß Josefine sie an sich zog.

»Oh, du mein dummes Maitli,« sagte sie und kniff Röslis weiches Ohrläppchen zusammen, »wir wollen schon sehen, was du wirst! Ein starkes, gutes Mädchen, Schatzeli, das ist einmal die Hauptsach. Geh! geh! bis aufs Wiedersehen.«

Schon während der letzten Worte hatte Josefine wieder nach dem Buch gegriffen, und noch ehe das Kind zur Tür hinaus war, schien seine Gestalt und sein Gesicht halb undeutlich zu werden und aus ihrem Bewußtsein zu schwinden.

Sie vertiefte sich in ihr ärztliches Journal, immer von Furcht vor dem Gestörtwerden beklemmt; als es draußen lebhaft wurde, stand sie auf und verriegelte ihre Tür.

Aber dann, als sie sich wieder zu ihren Studien setzen wollte, kam ihr blitzartig ein anderer Einfall.

Sie nahm einen Briefbogen und schrieb mit ihrer großen, eckigen Handschrift:

»Lieber Georges!

Arbeite nicht gegen mich bei den Kindern!«

Den Bogen steckte sie hastig in ein großes Kuvert, schrieb darauf: »Herrn Dr. Georges Geyer«, dazu die volle Adresse und klebte eine Marke darauf.

Dann legte sie das beiseite wie einen Sack, in den man seine Sorgen verpackt hat, und den man nun versenkt in die Tiefe.

Wieder kamen die Bücher an die Reihe, aber nicht lange. Das Wartezimmer füllte sich, die Sprechstunde begann. – Josefine hatte Glück mit ihren Patientinnen: jede von ihr behandelte schickte ihr neue zu. Es gab Arbeit die Fülle.

 

Am nächsten Tage brachte die Post einen Brief für Josefine, den sie mit gepreßten Lippen in Empfang nahm. Sie kannte die Handschrift.

Der Brief war nicht viel länger als der ihre. Er lautete:

»Liebe Séfine!

Auf deine Zuschrift in Lapidarstil habe ich nur eine Antwort: dein Wunsch ist mir Befehl.

Gehorsamst

Georges Geyer,

Doktor der Medizin, approbierter Arzt
außer Diensten.«

150 Als die Frau diese Zeilen gelesen, glaubte sie ein Hohngelächter um sich zu hören. Sie verbrannte den Brief und verwünschte ihre Torheit, ihn herausgefordert zu haben.

Dann betäubte sie sich durch Arbeit, bis sie von nichts mehr wußte, an nichts mehr dachte, als was der Tag und die Stunde von ihr als Ärztin forderten. Mitten in dieser Betäubtheit empfand sie zuweilen selbst eine Art Behagen, fast Schadenfreude. ›Da sitzt er und möchte mich ärgern und quälen, aber alles gleitet an mir ab. Ich bin sicher vor allem. Diese Tagesaufgabe ist wie ein Wall um mich herum.‹

Es gab Böses genug außerdem.

Laure Anaise folgte ihr eines Abends in ihr Zimmer, fiel ihr schluchzend um den Hals und bat, sie wegzuschicken.

»Nein, nein! aber was denkst du auch,« eiferte Josefine erschrocken, »sollen wir dich entbehren? sollen die Kinder ganz verlassen sein?«

»Laß mich fort, Josy – mußt es mir nicht zu schwer machen,« weinte das Mädchen, »bleiben kann ich emal nimmer.«

»Und warum nicht?«

Laure Anaise ließ den Kopf hängen. »Er hat nichts zu schaffen, und – und –«

»Wen meinst du, Laure?« stammelte Josefine erbleichend.

»Laß mich fort!« wiederholte das schöne Kind mit sprühenden Augen, »du bist blind, aber mir ist's verleidet, seit daß er im Hause ist.«

Josefine ließ sie aus den Armen. »Ich weiß nicht, was du meinst,« sagte sie kühl, »wenn du gehen willst. Laure Anaise, wenn es dir verleidet ist, so geh.«

Das Mädchen begann zu weinen. »Ich kann ja nicht dafür, Josefine, frage nur das Fräulein Leni und den Bernstein, die werden dir's schon sagen.«

»Also –,« machte die Frau, »also – wann willst du fort?«

»Nun bist du noch taub worden, daß ich's Maul auftue!« rief das Mädchen, »und recht hab ich doch!«

Josefine betrachtete sie schweigend. »Wohl! wohl! sie werden alle gehen! Einer nach dem anderen! Alle meine Freunde, alle die mir lieb sind ...«

»Gott im Himmel weiß –«, fing Laure Anaise an.

Unmutig seufzend wandte Josefine sich ab, winkte mit der Hand. »Geh, wenn du gehen willst. Was hab ich dir zu bieten?«

Das schöne Mädchen strich sich die schwarzen, krausen Haare aus den Augen. »Descht unrecht, Josy«, machte sie schluchzend, »weißt 's, wie gern ich blieb.«

Josefine warf wieder die Arme um sie. »Laure! Laure! Kind! wie hab ich mich gefreut, als du zu mir kamst! geh nicht von mir! bleib, Laure, bleib bei mir!«

151 Laure weinte still, den Kopf auf Josys Schulter. »Du magst ihn nimmer, Josy,« flüsterte sie mit ihrer rauhen Stimme, »Jesis Gott, ich mag ihn auch nit, aber er plagt mich und streicht mir nach.«

Wieder schob Josefine sie weg. »Du träumst, Kind – aber wenn du so widrige Dinge träumst, dann ist es besser, fortzugehen. Es ist das einzige.« Sie wollte das Mädchen küssen, und Laure Anaisens Mund kam ihr entgegen, aber plötzlich schüttelte sich Josy und küßte nicht. »Du warst mir sehr lieb. Ich bin dir ewig dankbar,« murmelte sie mit trockenen Lippen, kalt und tonlos. Und dann belebte sie sich und wurde freundlichfremd. »Nimm deine notwendigsten Sachen, Kind, und fahre noch heute zu deiner Mutter. Ich schreibe ihr, daß du Erholung brauchst. Dein Gepäck send ich nach. Für eine gute Stellung werd ich dir Sorge tragen. Ja, ja – so ist alles geordnet, nicht wahr? Alles recht, gelt du?«

Laure Anaise sprach nicht mehr; nickte nur zu allem und weinte. Sie fühlte sich von einer starken Hand gefaßt, die sie hin und her schob, und sie hatte nun keinen eigenen Willen mehr.

Einmal nur, während sie ihre Habseligkeiten zusammenpackte mit Josefinens Hilfe, die sie nicht mehr aus den Augen ließ, schrie sie plötzlich auf, daß man sie fortschicke.

Josefine antwortete mit einem traurigen Lächeln: »Fortschicken nicht, nur schützen! Sage du wie ich, Laure Anaise, weiter bitt ich nichts.« Ihre Stimme wurde warm und eindringlich, während sie noch einmal zu ihr trat: »Sprich nichts von – hörst du? Es ist so schwer ohnehin, Laure! Sei treu, Kind, du schonst mich, wenn du – ihn – schonst.«

Laure Anaise blickte sie wild an, verstand nichts. Aber sie beugte sich vor Josefine und versprach alles.

Sie verließ das Haus, bevor die Kinder aus der Schule kamen. Rösi war außer sich – alle anderen nahmen die Nachricht, daß Laure Anaise dringend der Erholung bedürfe, und daß sie deshalb zu ihrer Mutter gereist sei, mit vielsagendem Schweigen auf ...

Georges pfiff einen Gassenhauer.

 

Der alte, knorrige Birnbaum neben dem Hause »Zum grauen Ackerstein« ächzte leise in stürmischen Winternächten. Wie auf einer Klippe stand das bebende, umtobte Haus frei und jedem Wetter zugänglich.

»Nun erbarmt er mich wieder,« seufzte Josefine, wenn sie Georges' rastloses Auf- und Ablaufen hörte.

Einmal, an einem Sonntagmorgen, ging sie zu ihm hinein.

Er saß in einem pelzgefütterten, alten Mantel, den er zuweilen ehemals auf Überlandfahrten getragen, am Fenster, auf einem niederen Hocker, die Knie heraufgezogen, den Kopf an die Fensterbrüstung gedrückt, den Mund offen, als schreie er verschmachtend.

152 ›So saß er als Gefangener,‹ dachte sie beim Eintreten, und ihr Herz wurde weich.

»Nun, Georges,« sagte sie befangen und ungewöhnlich sanft, »hast du kalt? was machst du jetzt?«

Sein Blick war leer, schweifte von dem Fenster zu ihr und dann über die Wände.

»Ausgezeichnet,« murmelte er schläfrig, »wie immer.«

»Du bist nicht zum Kaffee gekommen,« begann sie, näher tretend.

Er verbeugte sich tief, ohne aufzustehen: »Danke, merci, madame. Meine verehrte Gebieterin ist immer huldreich. Ich liege hier wie ein zerrissener Lappen, und das Weib kommt, sich zu weiden. Tut den alten Koffer auf, blickt hinein: ›Lieg nur da, Lappen! lieg nur! Die Schaben wollen auch etwas!‹ Ja, ja.« Er schüttelte den Mantel, es stäubte von Wollflecken und zerfressenen Haaren. »Wir sind mottenfräßig, ja, ja.«

Josefine setzte sich auf einen Stuhl. Das Zimmer mit dem vor Hitze surrenden Eisenöfchen, mit den unordentlich umhergestreuten Kleidern, mit der bestaubten Drehbank und dem verkommenen Bewohner, der hier vor Luftmangel zu sterben schien, angeklebt an die Scheibe wie eine der grauen Motten – all dieses erschien ihr plötzlich so schrecklich, so anklagend, so unnatürlich in ihrem Hause, da, zwischen ihr und den Kindern, daß sie sich wie träumend, und von einem Traumdruck beklemmt, die Augen rieb und flüsterte: »Ach, warum auch hier? Wir wollen unter Menschen gehen, hörst du? heute noch, Georges!«

Er legte die Hände schützend auf knisternde Papiere, schob das Tintenfaß gegen die Scheibe, daß sie erklirrte, und lächelte höhnisch.

»Du schreibst?« sagte sie aufspringend, »hier auf dem Fensterbrett ist's ja so unbequem! Nein, das geht nicht länger! das soll gleich –«

Ein reuevolles Bedauern, das ihr fast den Atem raubte; machte ihr Gesicht jung und gütig.

Sie sprang auf mit einer Gebärde, als wolle sie gleich, in diesem Augenblick, alles zurechtrücken, einrenken, als suchte sie nur, wo zuerst anzufangen sei –

»Bist du nicht in deinem Hause, Georges? Bist du nicht Herr?« rief sie bittend, und sie fing an, von den Gründen zu reden, weshalb er hier jetzt so eingeschränkt sei, fing an, sich zu entschuldigen. »Diese plötzliche Rückkehr, Georges, ich konnte nichts vorbereiten, und dann ist es so geblieben ... Ich bin so überhäuft, dazu ist jetzt –«

Sie brach erschrocken ab; der Name, der ihr fast auf den Lippen schwebte, sollte nicht gesprochen werden.

»Also du schreibst?« sagte sie nähertretend, »wir wollen dir einen Tisch hereingeben, hörst du –«

Er spie seitwärts auf den Boden, schien sie nicht zu beachten. Er machte sich beständig mit den Papieren zu tun, die er zum Teil unter den Mantel steckte.

153 Auf einmal blickte er sie schief an, lachte mit einem blechernen Ton und murmelte etwas von Komödie, die sie hier tragiere. »Herr bin ich? Wie ungewöhnlich witzig heute morgen! Ach, du! du! Ja, es kommt einmal eine Abrechnung,« schrie er ihr zu, daß sie zusammenfuhr, »es kommt! es kommt der Tag!« Die Wut blinkte ihm in Tränen aus den Augenwinkeln, er konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Dies irae, dies illa!« rief er mit pathetischer Gebärde, »ihr Weiber von heute – wahrhaftig, zu viel nehmt ihr euch heraus! Warte nur, bis die schreckliche Stimme aus der Tiefe der Gräber erklingt; wann deine gottlose Überhebung zerplatzt vor dem Hauch des Ewigen – Weib! Weib! was wirst du ihm antworten?«

Josefine sah seine wutzitternden Adern auf der Stirn, seine nassen Augen – sie fühlte, daß er schwer litt in diesem Zustande, und sie sehnte sich, etwas zu seiner Erleichterung zu tun. Aber sie wußte auch, daß es ihre Anwesenheit hier war, die ihn in diesen Zustand versetzt hatte, und so ging sie, ihn mit traurigen Blicken fixierend und unwillkürlich schwer aufseufzend, nach der Tür.

Augenblicklich sprang er ihr nach. »Nur über meine Leiche!« keuchte er, die Zähne weisend wie ein wütender Hund, sinnlos, zu jeder Gewalttat bereit.

Aber die Frau empfand keine Furcht, nicht an sich dachte sie. »Laß die Tür,« sagte sie bestimmt, »ich hole dir etwas, du bist – sehr – krank – Georges.« Und während sie diese Worte, einzeln nacheinander, wie ebensoviele Dolchstiche in ihn hineinbohrte, legte sie ihre starke und geschmeidige Hand auf seine Schulter, die unter ihrem Druck entwich, zusammenknickte wie morsches Lattenwerk.

»Erbarme dich! erbarme dich!« schrie er auf und stürzte in die Knie, die Hände in ihr Kleid verkrampft, so daß es zerriß.

»Séfine, Weib, vor Gott dem Allmächtigen und nach menschlicher Satzung mein Weib – das heißt meine Untergeordnete, meine Dienerin, widerstrebe nicht!« kreischte er vom Boden auf.

Sie befreite sich endlich, schlug seine Hände zur Seite wie die eines lästigen, sich anklammernden Kindes, wortlos, furchtlos, ohne auf seine Worte zu hören; zuweilen huschte ein ganz unwillkürliches Lächeln über ihr gespanntes Gesicht, weil sie so stark war.

Er rollte auf dem Boden rückwärts in einer Flut von Papieren, die sich aus dem zerfetzten Pelzmantel ergoß.

»Hätte ich nur dich nie gesehen,« wimmerte er, »mein Unglück bist du! meine Schande! Solch ein Weib muß jeden Mann ruinieren! Ach, ach, mein Kopf! mein Herz! Nimm mich wieder auf, hörst du? Warum erbarmt's mich noch, daß ich sie nicht totschlage? Gib einem Manne, was ihm gehört! Sein Weib und die anderen Weiber! Ist ja nicht der Wert, darüber zu reden! Vom Teufel erdacht! vom Teufel gemacht! Uh! Meine Ohnmacht!« Er begann den Boden zu schlagen.

154 »Halt!« rief Josefine, nach einem aufwirbelnden Papierblatt haschend, »was ist doch das?«

Sie hatte die Überschrift gelesen, die ihr schon so bekannt war. Von den »Gelehrten Weibern und geprellten Ehemännern« war bereits die vierte Fortsetzung erschienen; man sprach schon in der Stadt darüber, andere Zeitungen brachten Erwiderungen, der pseudonyme Verfasser wurde heftig angegriffen, noch heftiger verteidigt. Hier sogar, im Hause »Zum grauen Ackerstein«, hatte es lachende Debatten gegeben über diese Herzensbekenntnisse eines Verschmähten, dessen possenhaft frivoler Ton immer mehr in ein hallendes Pathos übergegangen war, und dessen wunderliche Zitate aus unbekannten Büchern auf einen klugen Schalken zu deuten schienen, der nichts als eine Mystifikation bezweckte und vielleicht am Schluß, nachdem er alle Gegner des Frauenstudiums hervorgelockt, mit Pritschenschlag und Nasendrehen hinter der Maske hervorspringen werde.

Und nun?

Nun hielt Josefine das Manuskript in der Hand, und der auf dem Boden kauernd sinnlose Worte ausstieß – Worte, die auch in jenen Artikeln vorkamen – Georges war der Verfasser!

Ihr war, als habe sie einen Stich in die Ferse erhalten – die Schlange, die sich vor ihr feige zischend krümmte, hatte doch zugebissen.

Georges der Verfasser!

Sie blickte auf das lange und breite Blatt in ihrer Hand, viel korrigiert, viel durchstrichen, bedeckt mit Georges' verschnörkelten, pomphaft geschwollenen Schriftzügen. Es stand ihm zu Gesicht, dieses Blatt, es paßte zu der verzerrten Larve, die, halb Angst und halb Triumph, zu ihr in die Höhe starrte.

Sie warf es heftig von sich, ihre Geduld, ihre Überlegung verließ sie.

Hier war Schande, und die Schande traf sie mit.

Sie schrie laut auf.

»Du! Du! hast du Grund? gerade du? Was für ein Mann! Ach, gemeingefährlich! ach ja! Solche Dinge schreibst du? du? Solche Dinge sagst du anderen, die dumm und roh sind! Oh, ich schäme mich! ich schäme mich für dich!«

Wie eine Flamme der Verachtung war ihr Gesicht, die Augen groß offen, die Nüstern gebläht..

»Dazu mißbraucht er seinen Verstand! Schande!«

Und sie stürzte hinaus, ohne sich nach dem umzusehen, der mit angehaltenem Atem, bebend vor ihrer Verachtung und gestachelt von Schadenfreude in seinem mottenfräßigen Pelzmantel im Winkel lag, ein ewiger Gefangener seiner haßvergitterten, maulwurfblinden Seele.

 

155 In den Tagen tiefer Niedergeschlagenheit und quälenden Brütens über diese neue schlimme Entdeckung fand die bedrängte Frau nur eine Zuflucht – ihren Beruf.

Wie zuvor zum Studium, so flüchtete sie nun zu ihren Kranken. Was für ein Segen wurde für sie diese nervenerschütternde, opferfordernde, oft so aussichts- und fruchtlose Tätigkeit! Hier fand sie sich selbst wieder. Hier allein.

Zu Helene hatte sie nicht kommen mögen mit ihrer Bedrängung; sie fürchtete Helenes rein verstandesmäßiges Urteil.

Sie schämte sich vor ihr, schämte sich auch vor Bernstein. Es kam ihr in solchen Momenten zum Bewußtsein, daß er einem anderen Volke angehörte. Er würde lachen und sagen: »Sehen Sie, was diese Deutschen machen! (Den Unterschied zwischen Deutschen und Schweizern beachtete er niemals!) Wir in Rußland sehen so etwas nicht, nie in der Welt

So gerecht und menschlich gut er sonst dachte – über seine Vorurteile konnte auch er nicht hinaus.

Und wenn ihre flehenden Gedanken sich zu Hovannessian wendeten, dann, ja auch dann überkam sie Beschämung. Wäre er noch hier gewesen – auch ihm hätte sie ihre Wunden nicht entblößen können, das fühlte sie. Ihre Wunden, ihre eigenen Wunden, denn was der unglückliche Georges auch verbrach – sie trennte sein Tun nicht von dem ihren.

Es schien ihr, als hätte der Mann, den sie anbetete, den sie so hoch über sich fühlte, sie mit verachten müssen für diese schmählichen Sudeleien gegen die Frauen. Dieser Georges, den sie einmal gewählt, den sie einmal geliebt – er zeugte gegen sie, so schien es ihr.

›So schwach war ihre Seele, so wenig Einfluß verstand sie zu üben, so wenig Achtung zu erzwingen, so wenig Liebe zu säen und zu ernten!‹

Und sehnsüchtig und gierig trank sie den seltenen Dank ihrer Kranken, denen sie geholfen, freute sich jedes freundlichen Lächelns einer Patientin, drückte wieder und wieder die Hand, die ihre gedrückt.

›Georges hat mich nie gekannt und wird mich niemals kennen,‹ dachte sie, ›Hermann fürchtet mich und hintergeht mich, für mein Rösli selbst bin ich unverständlich – aber die Kranken, die ich behandele – die kennen mich!‹ Und es scheint ihr, daß diese fremden Mädchen und Frauen, die in ihre Sprechstunde kommen, sofort Vertrauen zu ihr gewinnen, daß sie ihr weder ihre Ängste noch ihre Verirrungen verbergen, daß sie ihre Tränen und ihre Hoffnungen vor ihr zeigen, und daß sie hier, hier unter den Leidenden Verständnis findet für ihre Hingebung, für ihre Bereitschaft, für die Liebe, die ihr Lebenselement ist.

Und es mehren sich die Augenblicke, wo sie sogar die Überzeugung fühlt, etwas Gutes, Nützliches, bisher von keiner anderen Hand Geleistetes oder zu Leistendes zu 156 vollbringen. Diese Mädchen und Frauen, die zu ihr, der Geschlechtsgenossin, kommen mit ihrem Vertrauen, früher und unbefangener als zu dem Geschlechtsfremden, vor dem die natürliche Schamhaftigkeit jede Unverdorbene zurückbeben läßt – die sie von Anfangsleiden heilt durch sorgsame und leichte Eingriffe und so vor drohendem Siechtum bewahrt, das der Vernachlässigung folgt, – die sie durch schwesterliche Ratschläge – Weib zum Weibe – stützt, leitet, anfeuert, erhebt, mit dem Gefühl ihrer Menschenwürde und ihrer hohen Verantwortung erfüllt – darf sie sich nicht sagen: ›diesen habe ich Gutes erwiesen? Und vielleicht nicht ihnen allein, vielleicht auch ihren Kindern! Vielleicht wird hier etwas von mir bleiben, eine leichte und doch unverwischbare Spur meines Lebens, meines Einflusses, und nicht ganz, nicht ganz werde ich verschwinden, wenn ich verschwinde ...‹

Und mit Inbrunst und bis zu völliger Erschöpfung gab sie sich ihrem ärztlichen Berufe hin, in dem sie ein neues Leben gefunden für das alte, aufkeimend zwischen den Trümmern ihres persönlichen Glückes und stark und grün überwölbend, was Schutt und Staub geworden war ...

 

Aber nicht immer rauscht der grüne, dornige, herb duftige Baum über ihr – das Nagen und Bohren in ihrer Seele schweigt nicht immer.

Allen Ernstes: es ist eine Schande, daß unter ihrem, ihrem Dache Schmähschriften gegen die Frauen geschrieben und in die Welt geschickt werden. Darf sie das dulden?

Darf sie, deren leidenschaftlicher Wunsch, deren zielvolle Tätigkeit dahin geht, ihre Schwestern zu heben, darf sie – kann sie mit ansehen, daß aus unlauterer Quelle ein Schlammstrom quillt, bereit, alles zu besudeln, was bunt und blühend feste Quadern, zeitgefügte Mauern zersprengt hat und dem Licht entgegentastet mit verlangenden Organen?

Was tun?

Josefine schreibt an Georges: ›Ich bitte dich dringend, diese für dich selbst erniedrigenden und mich beschimpfenden Artikel abzubrechen.‹

Sie schreibt das und zerreißt das Blatt.

Warum?

Nun, vor ihr steht sein hohnlachendes Gesicht und sie weiß: er wird versprechen und nicht halten. Das Gegenteil wird er tun von dem, was er versprochen.

Sie schreibt an die Redaktion der Zeitung, die Georges' Aufsätze veröffentlichte: ›Mein Herr! Diese Aufsätze werden nicht fortgesetzt. Der Verfasser ist ein geistig anormaler Mensch; er bedauert selbst, daß seine Schrift an die Öffentlichkeit gelangt ist.‹

Sie liest, was sie geschrieben, und wieder zerreißt sie das Blatt.

Warum?

157 Ach, vor ihr windet sich der Unglückliche, von allen Bitterkeiten Trunkene, und ihr Fuß bebt, der ihn nun ganz vernichten will. Geistig anormal – die Menschen halten es für schimpflich, geistig anormal zu sein. Man darf sie schlecht, cynisch, frivol, hyperegoistisch heißen – nur nicht geisteskrank! Wer geisteskrank ist, der ist tot.

Muß sie ihn töten?

Sie schreibt an Georges: ›Ich verbiete dir die Fortsetzung der »Gelehrten Weiber«.‹

Sie zerreißt den Zettel.

Nein, Kerkermeister kann sie nicht sein! Zensor sein ist ihr verhaßt. Und dieser Armselige!

Aber ein gemeingefährliches Unkraut wuchern lassen? Dumme Vorurteile in Handweite haben und sie nicht ausraufen? Ist das konsequent? Ist das durch irgend welche Rücksicht zu verteidigen? Mit Liebe hegt man jedes gute Samenkorn, und hier, wo Gift gestreut wird aus vollen Händen, soll man nichts tun, die Unheilshände aufzuhalten?

Der Gedanke an Hermann, an seine ungezügelte Schadenfreude über die Schmähungen gegen die strebenden Frauen machte sie endlich fest.

›Aufhalten! Es muß sein. Es darf nicht einer kommen und die Kinder lehren, ihre Mütter zu verachten!

Ich muß hart sein, ich bin es anderen Müttern, den Frauen bin ich es schuldig,‹ dachte sie.

Und plötzlich sah sie vor sich diesen Bogen mit Georges' Handschrift, dieses vielfach durchstrichene überkorrigierte Manuskript, und es wurde ihr leid und heiß um den Unseligen. Seine Arbeit war das, seine Gedanken, sein Ehrgeiz, sein Stolz, das einzige vielleicht, an dem er sich aufrecht gehalten in diesem entsetzlichen zellenartigen Stübchen mit der Drehbank, mit dem bestaubten Fenster, das einzige, an das er sich geklammert in diesen schrecklichen Monaten der Vereinsamung, in seiner Verstümmelung. Mit der Folgerichtigkeit eines Naturgesetzes war dieses Widrige aus ihm herausgewachsen, so wie im Zahn der Schlange das Gift wächst, wie in der Tollkirsche der tödliche Saft.

›Weh, wenn keine Brücken zwischen den Seelen sind,‹ dachte Josefine, ›wenn alles Finsternis, Verwirrung, Haß und Verderben ist! Liebten wir uns, so gäbe es Brücken, aber wir sind fern von einander, durch ewige Klüfte geschieden.

Ich habe zu wenig Liebe!‹ klagte sie sich an.

Und sie, die starke Frau, die selbständige freie Denkerin, die von keinem Gotte Rettung hoffte, faltete ihre Hände und flehte: ›Oh du, der du die Liebe bist, gib, daß ich lieben kann, wo ich nicht liebe, gib, daß ich morgen lieben kann, wo ich heute noch verachte und hasse, und laß mich Böses mit Gutem überwinden.‹ 158

 


 

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