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Arbeit

Ilse Frapan: Arbeit - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleArbeit
authorIlse Frapan
year2007
firstpub1903
addressBerlin
titleArbeit
pages198
created20150301
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Buch

»Wer war der Mann, der eben von Ihnen wegging?«

Bernstein hockte vor seinem Ofen, hatte alles herausgeworfen und hielt den Rost zwischen den geschwärzten Fingern. Mit hinaufgezogenen Augen und halboffenem Munde sah er sich nach der Fragerin um.

Josefine stand da, als ob sie mit der Tür hereinfallen wolle: die Arme weit geöffnet, eine Hand am Rahmen, die andere am Drücker. Ein leichter Zug sträubte ihr lockeres dunkelbraunes Haar an den Schläfen auf und machte die Papiere auf Bernsteins Schreibtisch zittern.

Der Hockende zog seine langen Beine unter sich; die schmalen knochigen Schultern schoben sich gegen die Ohren hinauf; ihn fror in dem schwarzen russischen Hemd aus leichter Wolle. »Ech!« grämelte er, »kommen Sie – extra – deshalb – zu – mir – herein? Das – ist – sonderbar!«

»Warum sonderbar?« Die blasse Frau mit den hochgeschwungenen Brauen sah starr und gespannt auf den Kollegen und Hausgenossen zu ihren Füßen. »Warum sonderbar?« wiederholte sie und schien kaum zu wissen, was sie sagte.

Bernstein blinzelte verwundert mit den hellgrauen gutmütigen Augen. »Erstesmal höre ich von Ihnen: ›wer ist dieser Mann!‹«

Eine leise Verwirrung kam in Josefines starres Gesicht. »Kann ich nicht fragen?«

»Nein!« brummte Bernstein, in den Kohlen wühlend, »erstesmal höre ich von Ihnen so eine neugierige Frage.«

»Ich habe keine Zeit,« machte Josefine, und ihr Fuß begann nervös auf dem Boden zu arbeiten, »ich muß fort.«

»Ech! es ist kalt, machen Sie die Tür zu.«

»Gleich. Ich muß ja gehen. Nun?«

Bernstein betrachtete sie prüfend, unangenehm überrascht. Er nieste. »Ech! mir gefällt nicht. Erstesmal sprechen Sie wie russische Fräulein: ›Wer ist er? Wie heißt er? Wie heißt seine Familie? Ech!‹«

»Gut, mit Ihnen kann man heut nicht reden.« Josefine schloß die Tür halb. »Was fehlt Ihnen?«

»Es ist kalt!« schrie Bernstein in scheinbarem Grimm, »ech!«

»Die Sonne scheint,« erwiderte sie und blickte nach dem Fenster, durch das ein breiter bernsteingelber Februarsonnenstreif hereinkam und über den Parkettboden spielte.

70 »Die Sonne scheint.« Ihre Stimme klang erregt, ihre Augen hatten einen intensiven Blick nach außen.

»Warum sind Sie heute – so – so – offenherzlich? Sie sehen aus – so – so –«

»Wie seh ich aus?« fragte Josefine in abwesendem Ton.

»Ich weiß nicht!« Bernstein warf die Ofentür zu, daß es wie ein Schuß klang. Dann reckte er seine langen Arme, als ob er eben aufgestanden wäre; er sprang auf und klopfte oberflächlich die Asche von seinen braunen abgetragenen Hosen. Das Feuer knisterte. »Erbarmen Sie sich meiner! Kommen Sie herein.« Bernstein nahm der Kollegin den Türgriff fort und schob sie sanft ins Zimmer. »Und so weiter,« machte er schelmisch, einladend, »oder wollen Sie schon fort?«

»Ja. Leben Sie wohl, ich habe keine Zeit,« beharrte sie zerstreut.

»Nein, einen Augenblick.« Er hatte ihr einen Stuhl hingeschoben, den Korblehnstuhl, in dem er selbst gewöhnlich saß, und den er mit einer selbstgenähten rotbunten Decke aus russischem Kattun verziert hatte.

Josefine setzte sich flüchtig.

»Was wollen Sie von mir?« fragte Bernstein, indem er auf und ab ging und die Arme übereinander schlug wie ein Kutscher.

»Mir liegt absolut nichts daran.« Josefine griff nach einer Broschüre und schlug sie auf.

»Sehen Sie mal,« machte Bernstein kopfschüttelnd und den Zeigefinger der linken Hand erhebend, »sehen Sie mal, wie Sie sind.«

»Wie bin ich?«

»Ich weiß nicht.« Er ging wieder auf und ab.

Plötzlich zeigte sich auf seinem bärtigen Gesicht ein spitzbübisches Lächeln, das ihn zu einem kleinen Buben von fünf Jahren machte. »Man muß ihm sagen! Er wird sich sehr freuen.«

»Wer? Was?« Josefine stand auf.

»Ja, man muß ihm sagen! Mein Kamerad wird sich freuen,« neckte Bernstein lachend.

»Ach, mit Ihnen kann man heut nicht reden! Ist er Russe?«

»Russe? Wieso nicht? Meine Kameraden sind Russen, hoffentlich. Laufen Sie schon? Sitzen Sie!«

»Sind die Russen so schwarz?«

»Er ist ziemlich schwarz. Haben wir in Rußland viele Völker. Wie Sie singen in Ihre Geidelberg: ›Mein Vaterland muß größer sein‹.«

Josefine lächelte schwesterlich. »Ach, Bernstein, Ihr Deutsch ist ein Elend. Immer sprechen Sie Geidelberg; ha – hei – Heidelberg!« Sie hauchte es ihm vor.

71 »Ech, diese deutsche Sprache! Weißte ich schon lange, aber werde lernen niemals. Etwas Unglaubliches! Immer werde sprechen Geidelberg.«

Josefine blickte in die Broschüre, aber sie las nicht. »War er auch in Heidelberg mit Ihnen?«

Bernstein starrte sie an. »Was ist das? Erstesmal sind Sie so – so – begeisterungsvoll! Man muß ihm unbedingt sagen. Er wird sich sehr freuen,« wiederholte er neckend.

»Das werden Sie nicht tun.« Josefine richtete ihre ernsthaften Augen gerade auf seinen spottenden Mund.

Bernstein jauchzte fast; er duckte sich und lachte: »Was brauchen Sie von ihm? Was kümmert Sie? Das ist interessant! Soll ich ihm sagen?«

Aber Josefine wurde immer ernster; ein fast drohender Zug erschien auf ihrem erregten Gesicht. »Wenn ich Sie nicht besser kennte, so würd ich heute glauben, daß Sie mich noch kein bitzeli kennen,« sagte sie streng und traurig und warf das Heft hart auf den Tisch.

Bernstein hörte zu lachen auf. Er wurde verlegen, ging wieder an den Ofen und rasselte mit der Tür. Plötzlich sagte er mit ungläubigem, in sich gekehrtem Ton, ganz leise: »Ja, er hat mich auch gefragt.«

Ein jähes Erröten lief über Josefines Züge, das sie verwirrte, verjüngte, außer sich brachte. »Wirklich?« Es klang wie ein zerdrückter Schrei.

Bernstein wurde rot und kehrte sich schnell ab. »Scheint es mir, Sie haben ihm das Tür aufgemacht.«

Mit gesenktem Kopf, mit dürstend geöffneten Lippen sagte sie:»Was hat er gefragt?«

»Kommt zu mir und fragt: Wer war diese hoche Frau? War das ›Sie‹?«

Josefine preßte das Heft in ihrer Hand fest zusammen. »Ich nehme das mit,« stammelte sie mit zuckenden Mundwinkeln und war hinaus.

 

Müde und abgequält kam Josefine aus der Klinik.

Es war Sonntag.

Sie kam von denen, wo nie Sonntag ist, und sie hatte selbst keinen Sonntag. Ihre Kleider waren voll vom Geruch des Jodoforms. Ihre Hände hatte sie wie immer mit der Sublimatlösung gewaschen. Ihre Lungen atmeten beklemmt nach dem stundenlangen Aufenthalt in den kranken Dünsten. Vor ihren Augen standen häßliche Bilder. Die Verbrannte, die den Mund nicht schließen konnte, die entsetzliche ...

Aber noch härter hatte es sie getroffen, das kleine Webermädchen nicht mehr zu finden. Es hatte so gute Fortschritte gemacht, hatte ein wenig Fleisch auf den Bäckchen. Aber nun war die gute Zeit für das Mädchen zu Ende. Die Eltern konnten nicht, die Gemeinde wollte nicht länger für sie zahlen. Sie war also fortgebracht worden, um »daheim gesund zu werden.«

72 Sie wird nicht gesund werden, sie wird sterben, und vorher wird sie sich ohne Pflege, und vielleicht sogar mit Arbeit beladen, elend abquälen, und sie wird ihre kleinen Geschwister anstecken, dachte Josefine. Und dann wird man die Geschwister hierher bringen, eins nach dem anderen, kleine, gelbe, blutlose Geschöpfe mit übergroßen anklagenden Augen, und wir werden sie eine Weile hier behalten, sie behandeln und pflegen und sie dann zurückschicken zum Sterben.

Wie immer nach besonders schmerzlichen Eindrücken war es Josefine unmöglich, sogleich zu ihren Kindern zu gehen.

Heut war ihr Verlangen nach viel Luft, nach viel Stille, viel Einsamkeit besonders groß.

So ging sie denn, langsam aufsteigend, die Straßen am Zürichberg hinan. Wer einmal aufatmen könnte! dachte sie unablässig, während sie, gegen den Wind kämpfend, der ihre Kleider an ihrem Körper festklebte, zwischen den heimkehrenden Familien mit lustigen Kindern sich vorwärts arbeitete.

Oder ist es der Föhn, der mich heute so schlaff macht? Sie blickte zerstreut um sich. In harten Linien, indigoblau und schwarz, standen die nahen Berge, die Schneegipfel waren verhüllt. Schnell sich ballendes und zerreißendes Gewölk bedeckte den lichtgrauen Himmel. Die schwarzen Bäume bebten beständig, auch wenn der Sturm schwieg, wie von einer inneren Aufregung geschüttelt. Warm war es, der Boden naß; auf den gelblichen Matten gärten und dampften die Düngerhaufen. Die Spiegelmeise sang ohne Unterbrechung, atemlos; die Sperlinge schrien.

Es wird wieder Frühling; über acht Tage brennen die Fastnachtsfeuer, dachte die Einsame mit einem Seufzer, und ihr Leben erschien ihr wie ein schwerer, entsetzensvoller Traum. Einmal aufwachen und frei sein! Ach! Und sie atmete tief und mit einer bewußten Heftigkeit die starken, feuchten Lüfte.

An der kleinen schmucklosen Flunterer Kirche mit dem schwarzen Dach und den schmalen Fenstern ward sie aufgehalten. Aus zwei Wagen stieg eine ländliche Hochzeitsgesellschaft, dunkle Kleider, sonnverbrannte Gesichter, ohne Jugend, ohne sichtbare Freude. Die Braut in ihrem grünen Wollenkleide, mit dem weißen, künstlichen Kranz im Haar, ging mit festen Tritten, und ohne sich um jemand zu kümmern, geradeaus. Der Bräutigam, rot und ängstlich unter seinem hohen Zylinder, sprach über die Schulter weg mit einer älteren Frau, die ihm ein großes weißes Tuch in die Rocktasche stopfte.

Josefine sah gedankenlos zu, wie die geschäftigen Leute unter das kleine geschnitzte, von zwei Holzpfeilern getragene Schutzdach traten, wie sie die gelbe, mit Messingnägeln verzierte Tür zurückschlugen, wie sie langsam, zögernd im dämmerigen Inneren des Kirchleins verschwanden.

73 »Hier bin ich auch getraut worden,« murmelte sie. Josefine liebte dies weiße Kirchlein, die Stelle, wo es liegt, über der Stadt, wie auf einer vorgeschobenen Klippe. Und sie liebte den von drei ländlichen Häusern begrenzten, unregelmäßigen Platz oberhalb der Kirche mit seinem offenen Brunnen und mit dem Blick nach drei Seiten steil abwärts durch dörfliche, gartenreiche Straßen, mit Weinbergen, Obstbäumen, offenen Gartenpförtchen und bewachsenen Mauern.

Aber heut war alles trübfarbig, und der Blick weit hinab über den sonst so reizenden Vordergrund auf den blaugrünen See erschien hart, die Silhouetten der Häuser wie ausgeschnitten, der See kaum vom Himmel unterschieden.

Der goldene Zeiger auf dem himmelblauen Zifferblatt der kleinen Turmuhr stand auf fünf.

›Ich muß zurück. Die Kinder warten auf mich. Laure Anaise auch. Und ich habe so viel zu tun!‹

Aber sie ging langsam aufwärts, nicht zurück. Der Föhn brach plötzlich hervor zwischen den Häusern wie aus einem zusammengepreßten Sack. Er zischte und heulte und drängte sich hinter den Ecken hervor; er schien aus jeder Richtung zu kommen. Die ziegelroten und rostgelben Blätter der Gebüsche raschelten wie gefegt zu Boden und hüpften wie Frösche.

»Da muß ma fescht hinschtehe, daß ma net umkait wird,« lachte ein Alter mit einer Pelzmütze und blies Josefine fröhlich seinen Pfeifendampf ins Gesicht.

Noch ein paar Schritte, dachte sie, und sie ließ sich weiterdrängen, immer hinauf. Und schon fühlte sie die Wohltat der schnellen Bewegung, und der Kampf mit dem Winde belebte sie.

Noch ein Stückchen! Nur bis zum Waldrand!

Einzelne Häuser nur standen hier zwischen den Gütern, aber sie hatten etwas so traulich Einladendes. An einem langen, niederen Hause mit grünen Läden war ein Fenster offen, und ein lockiger Mädchenkopf drohte und lachte hinaus zu einem Mann in grünem Schurz, mit einer Handsäge, der unten stand und sich eine lange gelbe Hobelspanlocke an dem gestrickten braunen Wams vorn befestigt hatte. Das Mädchen bot ihm einen Fastnachtskuchen für die Locke, aber er wollte sie nicht hergeben, sondern streichelte sie mit den schwärzlichen Fingern und versuchte zugleich mit dem Griff der Handsäge den Kuchen dem Mädchen aus der Hand zu schlagen.

Ein leises Lächeln kam die Einsame an, als plötzlich der Kuchen herunterfiel und unter dem Siegesgeschrei des Bewerbers im stacheligen Dorngestrüpp zerbröckelte.

›Bis zum Waldrande.‹

Die Häuser und Menschen blieben hinter ihr, kein Spaziergänger war zu sehen auf dem schmalen, steilen Wiesenpfad.

74 Ein breitwipfliger Baum an der Halde schüttelte einen blitzenden Regen in das Gras, das im Schatten noch bereift war. Der Meisengesang klang wie eine Glasglocke durch den Sturm.

Es wird wieder Frühling, dachte sie und bückte sich zu den ersten Blumen am Rain, ein paar Marienblümchen, die kurzstengelig und groß, mit rotgesäumter Scheibe, sich an den Boden drückten.

›Und ich bin noch stark, und es wird wieder Frühling.‹

Sie blickte nach der Sonne, die wie eine riesige rote Marienblume auf dem Ütliberg saß. Ein violettroter Dampf füllte das Tal, die Stadt schien im Qualm zu ersticken, aber nun wurden plötzlich die Berge frei, und die Firnen erröteten in ihrem sanften, goldigen Rosenglanz. Der See zu ihren Füßen war eine goldüberflimmerte Schale. Die zerflockten Wolken strahlten in Regenbogenfarben wie das Prachtgefieder eines Riesenvogels.

»Ist das der Paradiesvogel?« hatte Rösli sie neulich gefragt, als die Sonne so schön unterging.

Josefine lächelte, vor ihren Augen schwammen rote und grüne Kreise, und eine Art Schwindel ergriff sie von der Blendung.

Da kam aus dem glühenden Abendrot jemand den schmalen Pfad, den sie hinan wollte, herabgegangen.

Es war ein hochgewachsener, schlanker Mann.

Die eigentümlich stolze Haltung, die ihn von allen Menschen unterschied, welche Josefine je gesehen, machte, daß sie ihn von weither erkannte: es war Bernsteins Kamerad.

Er trug den Hut in der Hand, die Stirn hoch. Und von dieser breiten, blassen Stirn über den dunklen Augen schien etwas Glänzendes und Beglückendes auszugehen.

Er kam heran, und die großen, weitgeöffneten Augen zogen sich zusammen und wurden freundlich: wie ein Sternenregen von guten Wünschen sprühte es aus ihrer Tiefe über die ihm Begegnende.

Weit schwenkte er den großen Hut im Bogen zur Begrüßung und ging ein wenig auf den steilen Wiesenbord hinauf, um nicht hart an ihr vorbeizustreifen, denn der eingeschnittene Pfad war für zwei zu schmal.

Ohne sich aufzuhalten, ohne den Schritt nur zu verlangsamen, gingen sie grüßend aneinander vorüber.

Josefine sah ihn einen Augenblick hoch über sich, wie auf einem Postament; einen Moment erblickte sie sein scharfes Profil mit dem lockigen Spitzbart wie eine Kamee auf Goldgrund.

Dann war er vorbeigegangen. Noch einige Minuten schritt sie vorwärts gegen den schwarzen stummen Wald, aus dem die Krähen ihr entgegenkrächzten.

Sie ging, ohne zu wissen, daß sie ging.

75 Vor ihr war noch dieser seltsame dunkle Kopf, ihr vertraut aus alten Zeichnungen und Bildern. Aber dieser fremde Mann war ihr nicht nur aus alten Zeichnungen und Bildern vertraut ... Von den Gedanken dieser Stirn glaubte sie die meisten zu kennen ... Von der hellen überströmenden Güte dieser ernsten Züge hatte sie als junges Mädchen geträumt ... Er war also in der Welt?

So reich war die traurige Erde?

Josefine wendete sich jäh gegen die Stadt zurück; rote Kreise und grüne Flecke tanzten über das fahle Gras, über die goldbraunen Büsche, über den violetten Abendhimmel, an dem keine Sonne mehr stand.

So reich ist die traurige Erde?

Und auf dem ganzen Heimweg brannten ihr die Wangen, und es war ihr, als sei sie nur ausgegangen, um ihn zu suchen, den sie nicht kannte.

 

Bis Josefine zu ihrem Hause kam, war die Sonnenfeier vorüber.

Grau lag der »Graue Ackerstein« auf seinem Hintergrund von schwarzen Bäumen, und auf dem Platze vor der Treppe drängte sich ein Trüpplein Buben. Sie waren aneinander geraten, geballte Fäuste stießen hinaus, zwei lagen am Boden und pufften sich.

»Was gibt's hier?« fragte Josefine hastig, »steh auf, Hermannli, laß los, sag ich dir.« Sie ergriff ihren Buben an der Schulter und zwang ihn, aufzustehen.

Verdutzt und verdrießlich blickte Hermann die Mutter an. Seine Nase blutete, die Augen waren verschwollen, der Sonntagsanzug beschmutzt. Wie er sich mit den beschmierten Händen durch das zerzauste dünne Haar fuhr, sah er nicht aus wie ein Sieger, obgleich der stämmige, rotbäckige Widersacher unter ihm gelegen hatte.

»Du bist emal zugerichtet! Warum hast gerauft?« fragte die Mutter, widerwillig sein blasses, altkluges Gesicht mit den frischen Knabenzügen der Kameraden vergleichend.

Hermann schüttelte seiner Mutter Hand ab. »No, no, Mama, wir haben Versammlung! Wegen em Faschtnachtsfüer. Wir haben dann gefunden –«

»Na, na – wir net, unser Lehrer hat g'funden –« fiel der Nächststehende ein.

»Ja, 's wär geschieter, wir täten das Geld fürs Faschtnachtsfüer eme armi Weible geben,« unterbrach ihn Hermann in sicherem Ton.

»Schtatt daß man's Holz unnötig verbrennt, wo's so düer ist,« berichtete ein ganz Kleiner.

»Eme armi Wibli, wo kein Mann mehr hat,« schrie jemand aus dem Hintergrunde und lachte hell auf.

Noch einer lachte.

76 Hermannli fuhr hastig herum nach der Stelle, von woher das Lachen kam. Er holte zum Schlagen aus und traf seine Mutter in die Brust.

Sie umfaßte ihn mit beiden Armen und hielt seine Hände nieder.

»Das ischt der Ebstein, wo den saudummen Antrag geschtellt hat!« schrie der Bub und versuchte, sich zu befreien. Seine hängende Unterlippe zuckte, seine Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut.

Die Buben drängten plötzlich auseinander. Einige stellten sich an entfernteren Bäumen auf, andere gingen ganz fort, ohne umzublicken.

»Der Ebstein ischt 'n saudummes Luder!« kreischte Hermann und wollte sich nicht ins Haus ziehen lassen.

Josefine fühlte den alten Druck auf dem Herzen zurückkehren.

Sie haben über mich gesprochen, die Kinder auf der Straße spotten über mein Unglück, dachte sie, und ihre Hände wurden schlaff.

»Em armi Wible, wo kein Mann mehr hat!« höhnte ein verhallender, unterdrückter Ruf aus der Ferne.

Hermann riß sich los und sprang mit seinen langen, schlanken Beinen über einen Zaun, hinter dem er den Spötter vermutete.

Das ist mein Leben, dachte die Unglückliche, das ist mein Leben.

Die Buben hatten sich alle verlaufen, die Versammlung war zu Ende. Hermann kam zurück; er weinte laut und ohne alle Beherrschung; er hatte seinen Gegner nicht gefunden und drängte sich rücksichtslos an der Mutter vorüber in die Haustür. Der Anblick seines verzerrten nassen Gesichtes erinnerte sie qualvoll an ein anderes, das sie ebenso naß von Tränen und verzerrt von Wut gesehen. Sie hatte Mühe, sich zu bezwingen.

»'s ischt nit der Wert, sich aufzuregen! komm!« sagte sie.

Aber der Bub stieß ihre Hand von sich. »Wo ischt der Pappe?« heulte er, »sie sagen so Züegs – i will zum Pappe! I lauf denn emal in d' Welt, du wirscht schon sehn. Er sait – weißt, was der Ebstein sait? er sait, wir sollten 's Geld dir geben, du häbist auch kein Mann und seiest 'n armis Wible.«

Seine matten, grauen Augen glitzerten rachsüchtig und tückisch, und doch war etwas unsäglich Elendes, Erbarmungswürdiges in diesem häßlichen Jungen, der schon zusammenbrach unter einem schweren Schicksal.

Schweigend legte die Mutter den Arm um seine dünne Gestalt und zog ihn mit die Treppe hinauf und in ihr Schlafzimmer.

Dort stand sie eine Weile wortlos mit ihm, der in ihren Arm hineinschluchzte.

»Ein armes Weib ist deine Mutter, Bub, sie haben ja recht,« flüsterte sie seufzend in sein Haar, »ein armes Weib ...«

77 Wie der Knabe heftiger weinte, besann sie sich.

»Aber so arm nit, das weißt ja auch. Mußt dir nichts draus machen ...«

Hermann erhob sein Gesicht. »Ischt der Pappe tot?«

»Nein.«

»Kommt er emal heim?«

»Ja.«

»Wo ischt der Pappe?«

»Du weißt 's ja, Hermannli.«

»'s ischt nit wahr!« winselte der Junge, »meine Kameraden sagen – der Pappe sei net in Afrika, er sei wo anders –«

Josefine drückte sein weinendes Gesicht fest an ihre Brust. Sie bebte vor Entsetzen, und doch schien es ihr ja natürlich, daß dieses Schreckliche einmal kommen mußte. Hatte sie es nicht erwartet?

Wenn er die Wahrheit weiß, so kann er nicht hier bleiben, das hält ein Kind nicht aus, fühlte sie, und ihr Atem stockte vor Angst.

»Ich werd's wohl besser wissen als deine Kameraden,« machte sie, »hör nur auf mich.«

»Schwör, Mamme!« flüsterte der Bub mit verstecktem Kopfe.

»Ja, ja, ich schwör's!«

Hermannli fuhr in die Höhe, sein Gesicht veränderte sich. »Mamme, Mamme, jetzt hast du geschworen!« rief er in sonderbarem Ton, anklagend, drohend, zweifelnd.

Josefine versuchte zu lachen. »Warum nit gar schwören! Eure Rede sei ja ja, nein nein, weißt es nit? hast's ja gelernt!«

»Nein, nein, nein, Mamme!« schrie leidenschaftlich der Junge, »es hilft dir nit, du hast geschworen!« Er begann hin- und herzuspringen wie besessen, plötzlich rannte er aus der Tür. »Ich sag's dem Ebstein! dem Ebstein!«

In Hut und Cape blieb Josefine sitzen, stumpf und ratlos.

Ein Netz um sie, über ihrem Kopf, um ihre Glieder ...

Kein Schritt frei ...

Die Zukunft schwarz ...

Und die Kinder?

 

Da erscholl Röslis Vogelstimmchen vor der Tür: »Mamme, Mamme!«

Und nun war das Vögelchen drinnen, hüpfte um die traurige Mutter hin und her und sah nichts von ihrer Trauer.

»Mamme! Mamme! ich sage dir öppis! Ich sage dir ein schönes Geheimnis! Meine süße Mamme, es ist so schön! es ist im Keller! du mußt in den Keller mit abi! Es ist zwischen den Kartoffeln und Kohlen! O! ich habe es entdeckt, aber es ist ein Geheimnis! 78 du darfst es keinem Menschen auf der ganzen Welt sagen, auf der ganzen Welt, Mamme!«

»Ich bin müde,« sagte Josefine und lehnte sich in den Stuhl zurück. »Ich bin weit gegangen und müde, mein Rösli, ein andermal!«

Das ungestüme Kind kletterte auf der Mutter Schoß und nahm ihr den Hut ab. Es schmiegte sich an ihre Backen. »O nein, Mamme, gleich, gleich: das Geheimnis ist so schön! du mußt es sehen! Du mußt aber schwören, daß du es keinem Menschen sagst! Schwör! nun? schwör! So! man nimmt zwei Finger, sagt Laure Anaise!« Röslis wilde, braune Locken tanzten. Sie hatte ihr Schürzchen von einer Schulter herabgerissen und schlug heftig und nervös mit dem freien Zipfel um sich, während sie sich auf der Fußspitze drehte. »So machen wir's in der Turnstunde, Mamme! gleich komm! gleich komm! ich turne immer mit den schwersten Hanteln! Ich kann sie so hoch aufheben!«

Während Josefine aufstand, sprang die Kleine auf einen Stuhl und reckte die Ärmchen gerade gegen die Decke, dann sprang sie der Mutter jauchzend auf den Nacken.

»Das Geheimnis! das Geheimnis! ist – weiß! ist – schön! ist – weiß! ist – weiß!« sang sie über die Treppenstufen und schüttelte ihr Haar. Dann kehrte sie um und holte ein Schächtelchen Streichhölzer. »Das Geheimnis ist im Dunkeln, Mamme; darum ist es gerade ein Geheimnis,« flüsterte sie mit großen Augen. »Dir allein, Mamme! dir allein.« Mit ihren eigensinnigen kleinen Händen drehte sie den Schlüssel im Vorhängeschloß und zündete die Hölzchen an, glücklich, die Mutter einmal zu haben, ganz nah, ganz fest, und ihr etwas zu zeigen, etwas Merkwürdiges, etwas ... »Hier! hier ist es! hier!« Triumphierend leuchtete sie mit dem blauen Flämmchen in eine Ecke hinein, zwischen die Kartoffeln, die lange, weiße Keime getrieben hatten, mit denen sie nach Licht und Erde zu tasten schienen. »Eine Blume! ein schönes Geheimnis! sieh!«

Die Mutter hielt ihr Mädchen an der Hand; ihr ernstes Gesicht hatte die ängstliche Spannung verloren. »Ja, Rösli, ja, mein Liebling.«

Eine merkwürdige Ergriffenheit überkam Josefine vor dieser Blume in dem schwarzen, schmutzigen Keller, vor dieser zarten Hyazinthe, deren vergessene, weggeworfene Zwiebel hier in der häßlichen Dunkelheit einen Schoß getrieben, einen Blütenschaft getrieben hatte.

Bei dem unsicheren, immer schnell verlöschenden Streichholzlicht beugte sich Josefine mit ihrem Kinde an der Hand über das duftende Wunder des Lebens.

»Weiß, Mama, ganz weiß!« flüsterte die Kleine feierlich. »Siehst du es jetzt? ist es nicht ein schönes Geheimnis?«

So schön, so einfach, so selbstverständlich erhob sich aus dem dunklen Eck die weiße Pflanze. Ganz fest und aufrecht stand sie auf den vielen nackten, weißen Wurzeln wie auf ihren eigenen Füßen. Weiß die Wurzeln, weiß die Zwiebel; die Blätter nicht 79 grün, die Glocken nicht rot oder blau, alles wächsern bleich und doch nicht krank oder verkümmert. Reizend gebogene Blätter mit feinen, wasserklaren Längsadern, weiße durchscheinende Glocken, so zart, so klar, daß der weiße Klöppel durch die Wandung schien. Ein Märchengebilde, keine Wirklichkeit, ein Idealbild ihrer selbst, eine Blume des Traumes, eine Hyazinthe der Phantasie ...

Mutter und Kind hielten sich fest umschlungen. In Josefine klang eine neue unfaßbar schöne Melodie. Der Fremde und die Blume und das Kind? waren sie sich nicht in irgend einer Art verwandt? war da nicht eine seltsame, verwirrende, entzückende Ähnlichkeit?

Ist die arme Erde so reich? Woher kommt dies neue beseligende Licht? Wunder über Wunder!

»Mein Kind!« hauchte sie, »meine süße Überraschung, meine neue Blume! Was entfaltet sich vor mir? War ich blind?«

Und das Kind fühlte die Zärtlichkeit der Mutter wie warme Wellen über sich rinnen, und es bebte und schauerte vor Glück ... »Was werden die Schmetterlinge zu ihr sagen, wenn sie sie sehen, Mama?«

Josefine seufzte, plötzlich erschreckend. »Kein Schmetterling wird sie besuchen, mein Kind.«

»Aber die Bienen? was werden die Bienen sagen?«

»Es ist Winter, mein Rösli, die Bienen schlafen ja alle.«

»Aber die Sonne, Mama?«

»Die Sonne, mein Kind? Nein, die Sonne darf diese Blume nicht sehen.«

»O – wie schade! Mama, wie schade! Warum darf die Blume die Sonne nicht sehen?«

»Wenn die Sonne sie trifft, dann wird die Blume sterben und verdorren.«

Rösli hielt eilig die Händchen über die Blume. »Sterben und verdorren? Nein! Ich will ein Häuschen machen mit den Händen. Sie soll nicht sterben! nicht sterben!« Schon zitterte Trauer in des Kindes Stimme. »Mama?«

Die Mutter – aber sie war sehr jung in diesem Augenblick – streichelte des Kindes Haar. »Der Mond wird sie bescheinen, und sie wird leuchten, schöner als alle Blumen,« sagte sie träumend. »Leuchten in überirdischer Schönheit, und ihresgleichen wird nicht sein unter den Blumen des Waldes, des Gartens und der Wiese!«

Entzückt küßte die Kleine ihrer Mutter Kleid. »Ja! ja! ja!« flüsterte sie wie berauscht. »Mehr, Mama! mehr, mehr!«

»In Dunkel und Vergessenheit, im schmutzigen, traurigen, lichtlosen Loche ist sie aufgeblüht,« träumte die Frau dem horchenden Kinde ins Ohr, »und ihre Schönheit ist nicht die Schönheit dieser Welt; sie ist zarter, feiner, ätherischer als die Blume der Sonne, und fleckenlos steht sie inmitten des Schmutzes und strahlt nur umso heller und duftet nur um so berauschender ...«

80 Die Kleine hob die Arme empor. »Ist das Märchen aus? Du weißt so schöne Märchen, Mamme! Aber – ist es nicht traurig?«

Das Stimmchen hallte wie ein Schluchzen aus.

»Vielleicht auch traurig,« sagte Josefine vor sich hin.

»Und bleibt hier ganz allein?«

»Wir kommen alle Tage.«

»Arme Blume! gelt, Mama?«

»Arme Blume.«

»Ganz allein, Mama!«

»Ganz allein –«

 

Josefine hatte immer wesentlich in Männergesellschaft gelebt. Schicksal oder eigene Neigung oder beides abwechselnd hatte sie mehr den Frauen entfernt, den Männern genähert.

Früh verlor sie die Mutter, früh wendeten sich die Schwestern von ihr ab.

Ein kluger, guter Vater, der sich treu bemühte, ihre Gaben zu entwickeln, ein strebsamer Bruder, der mit ihr lernte, gaben ihr Ersatz für die Verlorenen. Als der Bruder in jungen Jahren auf Java verunglückte, wohin eine Studienreise ihn geführt, schloß sie sich mit schwesterlicher Neigung an einen Freund des Verstorbenen, dachte, fühlte mit ihm. Der Freund war es, durch den sie Georges Geyer kennen lernte, den einzigen Mann, der sie weder durch seine Gespräche noch durch seinen Interessenkreis angezogen hatte, sondern den sie mit elementarer Leidenschaft liebgewonnen, ohne sich je über ihre Liebe Rechenschaft geben zu können. Zwei gleich heftige Temperamente waren von einer Flamme entzündet worden. Die Flamme erlosch bald bei dem Manne, um eine unselige, verdeckte, glimmernde Gier zu hinterlassen, die sein Leben verdarb und das seiner Frau und Kinder. Die Liebe der Gattin nährte sich von Erinnerung und Hoffnung und von einem zornigen, eifernden Mitleid für den Ausgestoßenen. In allem Elend fühlte sie sich ihm gegenüber als die Starke, die Stützende, die Schützende.

Längst hatte sie aufgehört, für sich von ihm das Geringste zu fordern, ja nur zu erwarten.

Von ihm oder von irgend einem anderen Manne, außer von dem Vater.

›Geben! geben! nur immer geben! Meine Arbeit, meine Gedanken, meine Seele, mein Blut! Es ist gut, daß ich etwas zu geben habe. Es tut wohl, dem Sturm die Brust zu bieten.‹

Und lächelnd gedachte sie ihrer Kindheit und der Begeisterung, mit der sie einmal als kleines Mädchen einen schweren Pack für ihren Vater getragen. Es waren Bücher, 81 und der Vater war auf der Versuchsstation, draußen vor der Stadt, hatte aber längst diese Bücher erwartet.

Der Sturm blies sie vom Wege ab, als sie, ihr Bündel fest an die Brust gedrückt, die steile, frischbeschotterte Straße hinaufkletterte. Der Sturm entriß ihr den Hut und entführte ihn weit über die Matten, und sie mußte ihm mit dem schweren Pack nachspringen, und das Herz klopfte ihr vor Entzücken, daß der Pack so schwer und daß die Straße so steil war. ›Mit der Brust gegen die Winde,‹ das hatte schon das kleine Mädchen gefühlt.

Und als sie endlich beim Vater angekommen, da hatte er sie ausgelacht und gesagt: »Wohl! wohl! trag sie nur heim. Hier zwischen den Samenbeeten ist's nichts mit dem Lesen.« Und munter hatte sie wieder aufgepackt und war mit ihrer Last bergab gesprungen.

Damals war der Vater für sie der erste aller Menschen gewesen.

Später waren es die großen Dichter und Künstler, die sie mit Anbetung verehrte, lauter Tote oder Niegesehene.

Dann, eine Weile, war es Georges ...

Und dann, nach zwei, drei Jahren ihrer Ehe, gab es für sie nichts Verehrungswürdiges mehr, weder bei Männern noch bei Frauen, gab es für sie keinen Menschenglauben, keine Hoffnung auf die Zukunft mehr. Nichts war ihr geblieben als der alte instinktive Drang, sich zu betätigen, etwas zu sein, etwas zu geben.

Und von diesem Drange hatte sie gelebt bis zu jenem Tage, da eine Hand aus dem Nebel, eine warme, starke Hand die ihre streifte und ein heller, heißer Sonnenguß die Finsternis verschlang.

 

Oft und oft war es Josefine peinlich und beschämend zum Bewußtsein gekommen, daß sie unter Frauen und Mädchen wie verirrt, mißverstanden und bespöttelt oder gefürchtet dasaß, während sie im Verkehr mit Männern frei und zwanglos sprechen konnte und offenes Entgegenkommen und selbstlose Förderung fand.

Sie schämte sich, daß sie den Frauen nichts zu sagen wußte, und daß die Frauen sie nicht liebten, während die Männer sie suchten. Sie schämte sich, daß Männerverkehr ihr unentbehrlich war, und daß ihr die häuslichen Angelegenheiten, die kleinen intimen Interessen für ihre Toilette und die ihres Hauses nicht wichtig und anziehend erschienen.

»Was für ein Mädchen sie ist!« hatten die Kameradinnen gespottet, als sie noch zur Schule ging.

»Was für eine Frau sie ist!« hatten die Schwestern und die Bekanntinnen geklagt.

82 »Es ist wohl recht, wenn eine Frau Verstand hat, aber das Gemüt ist die Hauptsache,« eiferten die anderen Frauen. Und als sich Josefine verheiratet, hatten sie ihren Mann bedauert wie einen, der auf den Kuhhandel gegangen und betrogen worden ist.

Sie steckten die Köpfe zusammen: »Der arme Mann! ob der auch emal Spießli kriegt oder Salwinli oder so öppis Urchigs

Und als über die Familie das Unglück hereingebrochen, als der Unselige ins Zuchthaus abgeführt war, da rechthaberten sie: »No g'seaht mer's emal wieder, wohin dös führt, wenn d' Frau nüd ischt! Hat der arme Mann auch jemal bei seiner Frau Spießli kriegt oder Salwinli oder so öppis Urchigs? Ja, ja, wo d' Frau nüd ischt, no kommt's Unglück g'schwind an enen Mann. 's ischt nur zum Beduere.«

Nein, mit diesen Frauen gab es kaum ein Verständnis, und Josefine zog sich zornig und verächtlich von ihnen zurück. Ihr tiefes inneres Feuer, ihre Selbständigkeit war den Männern etwas Verwandtes, den Frauen etwas Beängstigendes.

Immer breiter ward die Kluft, die Josefine von ihren Geschlechtsgenossinnen schied. Immer böswilliger steckten sie die Köpfe zusammen.

»Sie laßt sich net emal scheiden? Jo, warum net? Do schteckt öppis Verdeckt's! Sie schtudiert als Frau mit drei Kindern? No ischt sie nüd wert! so öppis tut nümme guet! Den Mann hat sie bereits ruiniert, es nimmt uns nur auch wunder, was das emal für Kinder gibt?«

Und dann erzählten sie sich wieder und wieder, was Josefine als junges Mädchen über die »Kinderfrage« gesagt.

»Sich grämen, weil man keine Kinder hat! Wie sonderbar! Kann ich mich grämen um etwas, das ich nicht kenne? Bin ich selbst denn nicht auch ein Kind? Und sollte ich an die ganze Welt, die da vor mir ist, so groß und wundervoll, nicht denken, sondern an mein zukünftiges Kind? Und das Kind dann, wenn es ein Mädchen wäre, wieder an die ganze Welt nicht denken? Und so weiter und so weiter? in alle Ewigkeit? Das ist doch dumm!«

»Dumm, hat sie g'sait, präzis dumm! 's ischt öppis Gefährlichs in dem Maitli g'si von Anfang. Sie hat so Meinunge g'habt! Ja, für was braucht so e jungs Maitli Meinunge zu habe? I bin so alt worde, aber nie, meiner Lebtag, hätt i mir so was traut.«

Und wie die Josy so gar nicht hatte nachfühlen können, daß ein Mädchen sich aus Sehnsucht nach Kindern mit irgend einem Mann, gleichviel mit welchem, verheiratete! Nicht einmal glauben konnte sie's. Wie sie gelacht hatte!

»Ein Mann? aber das ist doch kein – wie sagt man? doch kein Werkzeug – kein Mittel nur? das ist doch scheußlich, so zu heiraten! Da bliebe ich doch ledig und 83 machte aus mir selbst etwas! Bin ich nicht selbst etwas? Irgend eine Blüte? irgend eine grüne Spitze? Bin ich für mein Leben nichts und nur etwas für die Zukunft? Ihr müßt wohl schrecklich klug sein, daß ihr so weit hinausdenkt. Ich stolpere auf Schritt und Tritt, ich bin nämlich sehr dumm noch! Klein und kindisch und möchte mich selbst entwickeln. Wenn ich selbst noch nichts bin, wozu hat die Welt Kopien von mir nötig?«

Sie hatte gesagt: »Kopien von mir«, aber jeder fühlte, daß es hieß: »Und Kopien von dir und von dir und von euch allen!« Unangenehme Augen hatte sie gehabt, fragend und offenherzig und ernsthaft und unbequem; keine hatte sich in ihrer Gegenwart so recht ausklatschen können, alle hatten sich bald abgewendet und geseufzt: »Ach, was für ein Mädchen! was für ein Mädchen!«

Seit Josefine studierte, sah sie kaum jemals mehr eine der früheren Bekanntinnen. Um Sommerfliegen zu vertreiben, ist nur ein kleiner Wind nötig, und über das Geyersche Haus war ein Vernichtungssturm ergangen.

Aber auch mit den Schwestern und Schwägern war jeder Verkehr abgebrochen.

Da geschah es, daß Josefine mit Bernstein und Zwicky aus dem Kolleg ging, und daß ihnen eine schlanke Dame in elegantem pelzbesetztem Kostüm begegnete. Sie hielt eine Lorgnette mit langem Stiel vor die Augen. Als sie in die Nähe der drei Studenten kam, stutzte sie, errötete und ging quer über die Straße nach dem jenseitigen Trottoir.

Josefine senkte den Kopf und erhob ihn dann plötzlich mit einer ihr eigentümlichen, energischen Bewegung. »Kommen Sie, Zwicky,« sagte sie laut, »wir versperren den Weg.«

»War das nicht –?« begann der Student, mit verstörtem Gesicht der Dame nachblickend, die in entgegengesetzter Richtung drüben weiterging.

»Wohl ... ich habe sie gesehen.«

»Grüßt nit emal?«

»Ich bin's ja gewohnt. Wir haben sie, scheint's erschreckt.«

»Verfluchte Sauerei!« platzte der junge Mann los, ganz rot und beleidigt, mit Falten auf der Stirn.

Bernstein, der etwas voraufgegangen war, blickte sich schlau lächelnd um. »Ech, Ihre Schwester, glaub ich?«

»Grüßt nit emal!« wiederholte der Junge empört.

Bernstein schob den runden Hut noch mehr in den Nacken, er zuckte die Achseln. »Wozu brauchen Sie sie? Was brauchen Sie von ihr? Denken Sie, daß sie versteht gar nicht! Daß Ihre Schwester ist eine Hausfrau –«

»Verfluchte Sauerei!« schrie Zwicky.

» Eine Kaufmannsfrau! was versteht eine Kaufmannsfrau,« fuhr Bernstein gemächlich fort. »War es sehr unangenehm für Ihre Schwester! Man muß nicht böse sein, nur ein bißchen verstehen! Sehr unangenehm für Ihre Schwester!«

84 »Für mich auch!« knurrte der Schweizer.

Bernstein stieß mit dem Fuß eine Orangenschale vom Trottoir. »Nein. Es ist sehr interessant! Sind Sie beleidigt? Ech, was kümmert Sie! Eine gewöhnliche Dame! nicht intelligent, ganz anderer Kreis, ganz andere Anschauung. Wozu haben Sie diese Dame nötig?«

 

Zwei Tage darauf erschienen Adele und Marie im Haus »Zum grauen Ackerstein.«

Wieder war es Abend.

Aber die Wohnung war nicht leer und traurig wie bei ihrem letzten gemeinsamen Besuch. Alle Fenster schimmerten hell, und auf dem schmalen Korridor hörte man die Stimmen lebhaft sprechender Menschen.

Josefine kam heraus, angeregt, den Kopf hoch, die Augen glänzend.

Neugierig blickten die Schwestern in die halboffene Tür hinter ihr, drei oder vier Herren in eifriger Unterhaltung waren zu erkennen.

»Ach, du hast wohl Besuch?« sagte Adele in förmlichem Ton, »wir entziehen dich deinen Gästen.«

»Kommt herein, wenn ihr wollt! Es sind Kollegen –« Josefine stand da und blickte von einer der Schwestern auf die andere.

Sie wehrten mit übertriebenem Schrecken ab. »Wir? zu lauter fremden Herren? Nein, das bringt nicht jede fertig!« hüstelte Marie und versuchte ihrem weichen Gesicht einen strengen Ausdruck zu geben. »Wir wollten dich allein, Josy.«

Josefine wendete sich ins Zimmer zurück.

»Fräulein Helene, kann ich meinen Besuch in Ihr Zimmer führen? Erlauben Sie?«

»Besuch? Damen?« scholl eine kräftige Stimme zurück. »Unmöglich! eine schreckliche Wirtschaft bei mir. Alles voll Flickerei.«

»Bernstein, kann ich in Ihr Zimmer?«

»Keineswegs! keineswegs!«

Ein lautes Gelächter brach los.

Zwicky kam zu Josefine hinaus, grüßte die Besucherinnen mit einem kurzen Kopfruck nach seitwärts und sagte, während das Blut ihm in die Stirn stieg: »Bei mir ist's leidlich, Frau Josy, die Damen begreifen schon, daß man arbeiten muß.« Und ohne sich weiter zu verabschieden, trat er trotzig den Rückweg ins Wohnzimmer an.

»Verzeiht,« sagte Josefine lächelnd, »so ist's jetzt bei uns, aber der Zwicky hat immer eine gute Ordnung, hier herein, bitte.«

»Wollen wir nicht lieber in dein Schlafzimmer –«

Aber Marie fiel ihrer Schwester ins Wort. »Laß nur, Adele, dort ist wohl nicht geheizt, und ich huste immer noch. Wir sind ja auch nur gekommen –«

»Hier ist Zwickys Bude, ich bringe sofort Licht, sitzt inzwischen.«

85 Die beiden saßen im Dunkeln. Sie seufzten und beratschlagten.

»Adele! fang du an.«

»Du hast herkommen wollen, Marie. Ich sagte und sage noch: vollständig hoffnungslos.«

»Hat sie denn nit emal e Bedienung? Das ist 'ne Wirtschaft.«

»Bohême, meine liebe Marie.«

»Sie sieht aber sehr gut aus.«

»Find ich auch! Sogar auf der Straße neulich. So jung!«

»In einer Studentenbude uns zu empfangen! Unglaublich!« Adele versuchte in der Dämmerung des Zimmers, das eine Glastür hatte, etwas zu erkennen.

»Das ist wohl das frühere Wartezimmer. Ein hübscher Bursch, gelt?«

»Wer? der Zwicky, meinst du? hübsch wohl, flott, aber er grüßte kaum.«

Josefine brachte die Lampe.

Marie veränderte ihr Gesicht. Sie blickte sanft und kummervoll. »So sehen wir uns wieder.«

»Wie geht's euch? wie lebt ihr?«

Und etwas zurückgelehnt in den Stuhl, die Arme gefaltet, das Kinn gehoben, hörte Josefine den Bericht der Schwestern an. Ihre Augen wanderten an der Decke; oft bemerkte sie, daß sie ganze Sätze nicht gehört hatte. Dann, gezwungen, mit fremdem, kühlem Lächeln, blickten sich von Zeit zu Zeit die drei fremden Schwestern ins Gesicht.

Es ging ihnen wohl, sehr gut, ausgezeichnet, neue Geschäftsverbindungen mit Smyrna. »Denke nur, Josy, ja, Léon ist auch sehr befriedigt zurückgekommen, er ist so geachtet, aber ich habe nun schon ein Vierteljahr diesen nervösen Husten, eigentlich nur ein Kitzeln, ja, eigentlich nur das, aber es macht mich unglücklich, effektiv, und das ganze Haus, das ganze Haus wird dadurch ungemütlich; denn wenn man nervös ist, kann man sich nicht so beherrschen, und es gibt ja immer etwas mit den Dienstboten – die täglich anspruchsvoller werden – und die Kinder – und dann in der letzten Zeit –« Marie wendete sich hilfesuchend nach Adele um, die schon ein paarmal ungeduldig dazwischenzufahren versucht hatte und nun steif aufstand, um sich auf das kleine Sofa zu setzen.

»Entschuldige, Josefine, aber diese harten Stühle – ich möchte nicht korpulent sein, habe die dicken Leute nie beneidet, aber so harte Stühle kann man dann – nicht auf die Dauer –«

»Ihr wolltet mir etwas Bestimmtes sagen?« begann Josefine, während sie sich bemühte, Adele ein kleines abgenutztes Wollkissen hinter den Rücken zu schieben.

Eine unangenehme Stille trat ein.

86 Adele streckte ihre rechte Hand aus, die in dem neuen, faltenlosen Handschuh ganz wie von Holz aussah und berührte Josefines Arm. »Es gehen Gerüchte!« sagte sie feierlich.

Die Studentin blickte auf die hölzerne Hand und machte eine Bewegung, um sie abzuschütteln. Sie runzelte die Brauen.

»Gerüchte bis nach Basel,« bekräftigte Marie. Und dann nach einer schweren Pause gedankenvoll: »Nein, das geht nicht! Das geht nicht.«

Adele fiel ein. »Josefine – es geht nicht. Du mußt Rücksicht nehmen. Die Tante Ludmilla aus Basel ist hier!«

Die Studentin lachte hell auf, ein lautes, zorniges Lachen wie ein Schrei. »Und der alte Schuhu soll mich schrecken? Lebt sie immer noch?« Und erbittert über alles Maß fügte sie hinzu: »Säuft sie noch so viel? Betet sie noch immer, wenn sie nicht lästert oder flucht? Uh! Tante Ludmilla!«

Marie klemmte ihre Hände in einander. »Adele,« lispelte sie, »sag du –«

Josefine ergriff Marie am Mantel. »Mia, es ist deine Erbtante, das hatte ich vergessen! Verzeih –« ihre Stimme klang schneidend, – »Gott, ich freute mich, als ich euch sah, aber ihr bleibt ewig dieselben!«

Adele erhob sich. »Geh zu deiner Männergesellschaft, die ist interessanter!«

»Ohne Zweifel, Adele!« rief Josy herb, aber gleich, sich beherrschend, fügte sie hinzu: »Kommt mit hinein! Seht euch meine Leute an, hört, was wir vorhaben! Wir bereiten einen Verein vor für Gymnasiasten. Abstinenz. Zwicky ist Präsident –«

»Zwicky heißt der hübsche Bursch?« entfuhr es Adele.

Josy blickte sie scharf an, sie verstummte und sah beiseite.

»Du bist nun einmal eine Männerfreundin, Josy,« stichelte Marie.

Josefine fixierte eine nach der anderen. »Wohl! das bin ich! Ihr nicht?«

Adeles Gesicht zuckte, ein unangenehmes Lächeln verzerrte es. »Ich hab's ja neulich selbst gesehen.«

»Was, Adele? was?«

»Man trifft dich überhaupt nur mit Männern!«

»Du kompromittierst dich und uns mit!« winselte Marie.

»Wodurch?«

Keine antwortete.

Josefine biß die Zähne aufeinander. »Oh ihr!« machte sie, »ihr!« Und dann, mit einer übermenschlichen Kraftanstrengung, bezwang sie sich noch einmal. »Kinder,« sagte sie in überlegenem Ton, »seid nicht so ungemütlich. Ich begegne euch, und ihr grüßt mich nicht. Ihr kommt zu mir und beleidigt mich. Seid ihr nicht zwei wüste Weiber?«

87 Sie umfaßte rechts und links eine der Schwestern und ließ dann plötzlich los. Sie prallten ein wenig zur Seite und schwankten wie vom Sturm geschüttelte, schlecht bewurzelte Bäume. Dazu schnauften sie vor Empörung durch die Nasen, und endlich begann Marie jämmerlich zu husten – sie wand sich, als müsse sie ersticken.

Josefine wollte sie beruhigen, ihr erhitztes Gesicht streicheln, ihr heißen Tee bringen, aber sie tat nichts von alledem. Ihre Arme waren schlaff, ihr Kopf leer und müde, ihre Beine schwer ...

Sie ließ Marie husten und stand abgewandt.

Da trat Adele ihr ganz nahe. »Wenn ich es nur begriffe,« sagte sie hämisch, mit der Absicht, durch eine quälende Erinnerung zu verletzen, »hast du Ursache, die Männer uns vorzuziehen?«

Josefine wich zurück. »Sie sind besser gegen mich als ihr,« sagte sie mit Nachdruck auf jedem Wort, »sie sind mitleidiger und menschlicher. Sie erzählen mir nicht, was der Abhub auf der Straße für Schmutz über mich ausgießt! Wer ist diese Tante Ludmilla? Nichts Schmutziges und Gemeines, das sie nicht ausdenken könnte! Eine betrunkene Betschwester, ich kenn sie gut! Ja, Marie, so ist's. Widrig an der Seele wie häßlich am Körper, mit ihren blutunterlaufenen Glasaugen und ihrer Schandzunge. Geht hinein und seht meine Gesellschaft an und vergleicht! Ach, ihr! Hätte sie nicht Geld, so würdest du vor ihr schaudern, meine sanfte Marie – schäme dich! ganz einfach.« Der Zorn übermannte die beleidigte Frau. »Schäm dich!« rief sie, und stieß mit wuchtiger Armbewegung die Tante Ludmilla mit ihren Verleumdungen weit von sich. –

Die Tür ward plötzlich geöffnet. Niemand hatte Schritte gehört.

Hoch und schwarz, mit seiner stolzen Haltung und seinem strahlenden Gesicht, den Hut in der Hand, stand vor den feindlichen Schwestern Bernsteins Kamerad ...

»Hovannessian,« sagte er, sich vorstellend, und neigte tief den Kopf vor Josefine. Und dann, unschlüssig, schüchtern fast, mit einem unwillkürlichen, freudigen Lächeln sah er auf die Frau nieder. »Man hat mir gesagt ... Wo ist diese Versammlung?«

So groß sah er aus in dem kleinen Zimmer, so fremd und so freundlich – die Stimme war so männlich – die dunklen Augen blickten so bekannt –

»Hier!« antwortete eine zarte, frohe, befangene Frauenstimme, Josefines Stimme.

War es die ihre?

Sie blickten einander an, und jeder sah nur den anderen.

›So sprichst du?‹ sagte sein Blick, ›sprichst du so milde, fremde Frau?‹

›Ich freue, freue mich!‹ antwortete der Blick der Frau.

›Ist es wahr? Bin ich dir willkommen?‹

›Willkommen! Willkommen! Ja!‹

›Hast du mich erwartet? Kann ich dir in etwas helfen?‹ fragte sein Auge.

›Es war so dunkel eben noch, und da kamst du!‹ erwiderte das ihre.

88 »Hier,« wiederholte Josefine laut, und ohne einen Gedanken, der nicht Er war, ging sie durch das plötzlich hell gewordene Zimmer auf den hellen Flur hinaus und in die Versammlung.

Der Gast folgte. –

Als Josefine lächelnd, mit aufgeschlossener Seele, mit schwingendem Schritt in Zwickys Stübchen zurückkehrte, um die Schwestern nachzuholen, waren sie fort ...

Auf dem Tische lag eine Visitkarte Adeles, darauf gekritzelt war: »Adieu, wir kommen nicht wieder.«

Josy las es gedankenlos, zerriß die Karte und warf die Stückchen in den Papierkorb. Und dann, mit denselben lächelnden Lippen, nahm sie die Lampe auf und kehrte zurück in die kleine Versammlung, als gehe sie dem Glück entgegen.

 

Die kleine Versammlung war in angeregter Unterhaltung.

Zwicky hatte rote Ohren und guckte in verschiedene Bücher, aus denen Zettel hervorhingen. Er sagte, er wollte lieber reden als organisieren, und bat daher Helene Begas, den Vorsitz zu übernehmen.

»Nein, es muß ein Schweizer sein,« hieß es, »es handelt sich wesentlich um Schweizer Gymnasiasten.«

»Präsident? Wozu? Sind Sie nicht im Parlament hier,« sagte Hovannessian.

Alle sahen ihn an.

»Ech!« machte Bernstein, »er ist noch in Rußland! Hat man immer Vorsitzenden hier! Ganz parlamentarisch.«

»Dann eine Frau,« sagte Hovannessian.

»Warum?«

»Jeder erwartet dann etwas Sympathisches.«

Hermann streckte den dünnen Hals vor und rief: »Nein, keine Frau.«

Hovannessian, neben dem der Bub saß, lachte über das ganze Gesicht. Mit seiner schlanken Hand schlug er ihn leicht auf den Kopf. »I du! Was weißt du! Piepst du?«

»Keine Frau!« murrte Hermann und zog den Kopf tief zwischen die Schultern.

»In der Schweiz Frau ist frei,« sagte Hovannessian, »weißt du nicht?«

Der Knabe blickte argwöhnisch und ängstlich nach dem Fremden, dessen großes warmes Auge lächelnd auf ihm ruhte. »Nein.«

»Schade! Du mußt lernen.«

Hermann duckte sich noch mehr. Plötzlich glitt er von seinem Sitz auf den Boden und schlich sich hinter den Stühlen fort und zu Bernstein, neben dem er stehen blieb.

Man einigte sich schnell dahin, daß Zwicky als Vorsitzender gleichwohl reden dürfe, soviel er wolle.

89 Der Bub schrie: »Bravo!« und applaudierte wie im Theater. Mit einer Siegermiene kehrte er auf seinen früheren Platz zurück.

»Sitze hier!« machte Hovannessian, indem er in seine Rocktasche zeigte.

Hermann errötete und schielte den starken Mann unbehaglich an. Die Rocktasche war gar nicht so klein ... Es wurde ihm wieder bedenklich, und er glitt aufs neue auf den Boden und hinter den Stühlen fort. In der Ecke unter dem Schreibtisch hatte Rösli eine Puppenstube eingerichtet, in welcher sie diesen Augenblick ganz still für sich emsig waltete. Zu ihr flüchtete sich Hermann, um mit ihr zu flüstern und zu deuten. Nachher saßen dort beide Kinder und starrten den Fremden an, der so merkwürdige Sachen sagte und so tat, als kenne er sie schon lange. Mitten zwischen den Reden bückte er sich zuweilen und nickte und blinzelte ihnen zu, ohne zu sprechen, nur mit dem Zeigefinger in die aufgespreizte Rocktasche deutend: Sitze hier!

»Propaganda für totale Abstinenz unter den Gymnasiasten, das ist unsere Hauptaufgabe, das wird die Aufgabe des Vereins sein!« rief Zwicky und fuhr sich durch das lockige Haar, bis es wie ein Hahnenkamm aufrecht stand, und er begann seine Pläne darzulegen. Schriften sollten verfaßt, wissenschaftliche Broschüren popularisiert werden, und diese Blätter wollte man gratis an die Schüler verteilen.

»Und an die Schülerinnen,« riet Josefine.

»Scheint es mir, auch an die Lehrer,« bemerkte Bernstein mit listiger Miene.

»An die Lehrer ja, aber die Mädchen – nein, machen wir uns nicht zu mausig! nur nicht zu mausig!« fiel Helene Begas ein.

»Muß man sich immer mausig machen, glaube ich!« sagte Hovannessian unternehmend.

Fräulein Helene wehrte ab. »Damit sie uns sofort das Handwerk legen! Wenn wir die Schülerinnen wie erwachsene Mädchen behandeln, kriegen wir's mit den Eltern zu tun!«

»Trinken solche kleine Mädchen Wein?« fragte Hovannessian sehr überrascht.

»Na, Sie glauben wohl, daß die Mädchen hier Engel sind?« rief Helene.

»Ja, glaube wohl,« sagte er fröhlich. »Immer dachte ich, daß im Ausland sind solche Engel, wunderbare –«

Alle lachten, und Hovannessian lachte am herzlichsten.

Rösli unter dem Schreibtisch starrte ihn wie verzaubert an.

»Sind Sie wohl gar deswegen ins Ausland gekommen?« spottete Helene.

»Nein,« sagte er treuherzig, »zu studieren.«

Bernstein verzog den Mund. »Ech! Weiter! weiter!«

Helene Begas konnte ihre gute Laune nicht bezwingen. »Na, haben Sie bei uns viele Engel gefunden?«

»Nein,« machte er, »noch nicht.«

90 »Wieviel denn? Oder gar keinen?«

»Bis heute? Bis heute habe ich keinen gefunden.«

»Aber heute einen gefunden?«

Er betrachtete die Scherzende freundlich, wie wenn sie ein kleines dummes Kind wäre, das durchaus eine Antwort auf eine dumme Frage verlangt: »Muß ich Ihnen sagen –?«

»Zur Sache!« rief Zwicky, »also wollen wir die Schülerinnen von vornherein mithineinziehen –«

»Nein! nein! Vorsichtig! Sonst geht alles schief!« warnte Helene.

»Nun, warum denn? Wir sind doch nicht in Deutschland!«

Zwicky hielt seine Rede. Er gab meistens Physiologisches. Mit besonderem Nachdruck verweilte er auf jenen Versuchen, die nachweisen, daß die feinsten Nervenendigungen der Hirnrinde durch den Genuß des Alkohols eine Lähmung erleiden, die nie wieder gehoben werden kann.

Ein anwesender Gymnasiast schrieb eifrig nach, so, als ob er sich im Kolleg befinde.

Helene Begas ergriff nach Zwicky das Wort. Sie schilderte das Elend in Trinkerfamilien mit Hilfe einer großen Reihe von Zahlen.

Der Gymnasiast konnte fast nicht nachkommen. Er hatte ein blasses Gesicht mit einer großen Nase und einem keimenden Backenbart. Im Eifer des Schreibens erschien zwischen seinen vollen roten Lippen die Zunge und begleitete die Bewegungen der Hand. Die Kinder unter dem Schreibtisch ahmten es erst unwillkürlich und dann absichtlich nach. Hovannessian nickte ihnen zu und forderte sie pantomimisch auf, in seine Rocktasche zu steigen.

Und dann, als das Fräulein gelesen hatte, sprach Hovannessian.

»Geben Sie der Jugend eine Begeisterung,« sagte er, »etwas, wofür sie kämpfen soll, eine Idee; begeistern Sie die jungen Leute, das ist, glaube ich, die Hauptsache.« Er war aufgestanden und sprach, hinter seinem Stuhl stehend. Es war ein krauses Deutsch, aber ganz leicht und natürlich kam es über seine Lippen, und in seinen träumerischen Augen glomm eine freudige Flamme auf. »Begeisterung! jedes Lebensalter hat seine Begeisterung! Als wir Kinder waren, bauten wir unseres Schifflein aus Papier und setzten es auf den Bach. Aber das Bach war für uns ein Meer. Und der kleine Sommerwind, der in das Papiersegel blies, war ein Sturm. Und das Schifflein segelte fort in ferne Ländern. Es hatte reiche Fracht: unsere Gedanken – kindische Gedanken – unsere Träume und Wünsche – kindische Träume und Wünsche. Aber wie teuer! wie lieb!«

Der blasse Gymnasiast mit der großen Nase saß ganz aufrecht. Er hatte nichts zu schreiben jetzt. Der sorgenvolle, eifrige Geschäftsausdruck war aus seinen Zügen verschwunden, sie wurden rein, gläubig, so als höre er einen schönen, fernen Gesang.

91 Hovannessian fuhr fort: »Physiologie und Statistik ist gut, gewiß, aber für die Jugend ist eine Begeisterung besser als Physiologie und Statistik. Die kleinen Papierschiffen schwimmen nicht mehr, wir haben eingesehen, daß sie das ferne Ufer nicht erreichen. Aber nun schicken wir die Gedanken selber aus, die Träume selber aus. Wohin sollen sie fliegen? Eine Sonne brauchen sie, ein leuchtendes Ziel, ein Ideal, das immer leuchtet und immer leuchtet und unsere Gedanken, unsere Augen, ganzes Wesen, ganzes Leben zu sich reißt. Wir haben so getan und tun noch so in Rußland. Russische Jugend lebt mit Ideen. – Sie wollen arbeiten für Abstinenz von Alkohol unter der Jugend. Es ist sehr gut. Aber bleiben Sie nicht bei medizinisch – physiologisch – statistisch! Zeigen Sie, daß hier ist eine Idee, eine Idee von Vervollkommnung. Geben Sie eine Begeisterung für Idee der fortschreitenden Entwickelung. Wer sich frei hält vom Gebrauch des Alkohols, hält sich frei von einem schädlichen Bedürfnis. Frei werden von schädlichen Bedürfnissen – das heißt überhaupt frei werden. Hier ist Entwickelung. Neue Generation soll freier werden, als alte war; zeigen Sie der Jugend, wie man an sich selber für seine Freiheit arbeiten kann! Geben Sie der Jugend eine Begeisterung, die sie mitreißt und sie lehrt, was ist der Zweck und Bedeutung von unserem ganzen menschlichen Leben!«

Hovannessian erhob den Kopf, dann suchten seine Augen den Gymnasiasten und hefteten sich fest auf das jetzt tief errötete Gesicht des Jünglings, der den Blick schwärmerisch zurückgab.

»Der Vorsitzender Ihres Bundes,« sagte er, »wenn Sie einen haben müssen – wir in Rußland haben keinen – Ihr Vorsitzer muß einer von Ihnen selbst sein. Sie müssen das zwischen sich ganz allein machen.« Und mit seinem ernsthaften, brüderlichen Lachen fügte er hinzu: »Scheint es mir, daß Sie sehr guter Vorsitzer werden in Ihrer Gesellschaft.«

Der Gymnasiast schnellte vom Platz auf. Sein blasses Gesicht war rotüberstrahlt, und er bebte vor freudiger Überraschung und Beschämung. »Darf ich einmal zu Ihnen kommen?« stammelte er.

Hovannessian ging sofort zu dem Knaben hinüber und verabredete mit ihm. Der Gymnasiast sah zu ihm auf mit einem blinden, ergebenen Vertrauen, das ihn in Josefines Augen schön machte.

Er hat den Blick für das Gute im Menschen, und sein Blick erweckt es, fühlte sie, und eine glühende Bewunderung für den Fremden überwallte sie. Ihr Gesicht wurde so heiß, daß sie sich abwenden mußte; sie fürchtete, ihre Empfindung stehe auf ihren Lippen geschrieben, jeder könne sie ablesen.

»Denke ich, wir werden dort bei Ihnen, in Ihrer Gesellschaft, von Zeit zu Zeit zu Gaste sein,« sagte Hovannessian, »medizinisch – statistisch und so weiter. Aber Hauptsache werden Gymnasiasten unter sich machen. Wie denken Sie?«

92 Die Versammlung diskutierte noch eine Weile.

Fräulein Begas war nicht einverstanden. »Vielleicht kommt gar nichts heraus; wenn alle nichts wissen, alle auf gleichem Niveau stehen – wer soll dann die Führung übernehmen?«

»Sieht man deutlich, daß Sie sind eine Monarchistin!« spöttelte Bernstein, »immer Führung, Präsident, König, ech!«

Helene drohte mit dem Finger. »Na, und Sie? haben Sie keinen Zar? Nur nicht mausig machen!«

»Selber ziemlich mauseriges Fräulein! Sehr mauserig.«

»Nicht Schule! Gruppe zur Selbstbildung wollen Sie machen,« beharrte Hovannessian. »Führung ist in Literatur zu finden. Beste Ideen der besten Denker zusammen kennen lernen, nicht Präsident, nicht Schulmeister!«

»Anarchismus!« machte Helene halb scherzend, halb prüfend.

Der Fremde richtete sich auf, wie wenn er gerufen worden. Seine großen, weitgeöffneten, dunklen Augen blitzten freudig auf. Er wandte sich gegen das Fräulein und lauschte gespannt .....

Aber es kam nichts weiter, es war nur ein hingeworfenes Wort gewesen.

Da nickte er, harmlos und heiter, indem er nach seinem Hute griff: »Ganz anarchistisch muß es sein. Freie Kooperation.«

»Darf ich mitkommen?« rief der Gymnasiast und sprang auch auf.

Hovannessian legte ihm leicht den Arm um die schmale Schulter. So gingen sie hinaus.

Josefine reichte beiden die Hand.

Sie folgte jeder Bewegung des Fremden mit Selbstvergessenheit, ohne die Augen abzuwenden. Dabei hielt sie Rösli im Arm, die schlaftrunken und weinerlich zu der Mutter geflüchtet war.

Einer der Gäste nach dem andern verabschiedete sich und verschwand.

Josy merkte es kaum; sie stand unbeweglich und streichelte mit lässigem Druck die weichen, wirren Haare und das heiße, kleine Ohr des Kindes. Aber sie war nicht hier. Sie wanderte, gezogen und geführt, über die nassen, frühlingswinddurchrauschten Straßen an der Seite dessen, zu dem eine rätselvolle unbezwingliche Neigung sie hinriß, seit der ersten Minute, da sie ihn gesehen.

 

Die ganze Nacht war ein Spukgeheul im Kamin, ein Rasseln der Ziegel auf dem Dache, lautes Katzengeschrei aus dem Garten und das Klatschen der Regenböen gegen die Fenster.

Josefine wachte nach kurzem, allzu tiefem Schlummer auf. Sie konnte sich in ihrem Zimmer nicht zurechtfinden, starr waren ihre Glieder, wie festgebunden.

93 Ach ja, sie lag in der Gletscherspalte, daher war es so dunkel rundum.

Schreien? nein, es ist nicht möglich, die Lippen sind schon zugefroren. Und wenn sie auch schreien könnte – der Ton selbst ist gefroren, ist unhörbar, dringt nicht hinaus aus dem eisigen Loch.

Könnte sie nur eine Hand heben, einen Finger nur!

Oh, alles schon Eis! schon Eis! Bald kommt es ans Herz.

Es kriecht kalt herauf, durch alle Adern kalt herauf –

Oh!

Meine Kleider sind im Absturz zerrissen! Nackt und hilflos bin ich!

Verloren!

Verloren!

Es kommt an – mein – Herz!

Halt – jetzt – halt – jetzt –

Nein – das ist – nicht – nicht der Tod – das ist ja –

Josy fühlt: plötzlich richten sich warme Strahlen auf ihre nackte Brust.

Die Sonne ist gekommen! durchzuckte es sie.

Zu mir herein! die Sonne! in mein Grab!

Und während rund um sie her, von den Füßen aufwärts, die kettende, tötende Kälte dringt, brennt ihr die Sonne ein überschwengliches Entzücken in die Brust.

Die Sonne! die Sonne! die Sonne! Und sie wird noch scheinen, wenn ich gestorben bin! fühlt sie, und das Wonnegefühl wird immer heftiger, wird fast zur Qual.

Erfroren und verbrannt!

Erfroren und verbrannt!

Nimm mich! nimm mich! nimm mich, Sonne!

Ihr ist, als ob die nackte Haut über dem Herzen sich der Sonne entgegenhebt, sich von ihrem versteinten Körper ablöst und in die Glut hineinsaust, während Fleisch und Gebein zu Eis gefrieren.

Du, die noch scheinen wird, – die noch scheinen wird, wenn ich gestorben bin –

Es ist meine Seele – es ist meine Seele – ist – meine – Seele – Hhh! da fliegt sie in die Sonne hinein! mitten in die große rote –

Ein heißer Schlag hat sie durchfahren und nun – was war?

Jetzt bin ich wach, dachte Josy, endlich ist es vorbei! Diese unbequeme Rückenlage ist schuld; die Stockung im Blutumlauf bringt das hervor.

Ganz klar war es ihr noch nicht, doch stand sie auf und tastete mit eiskalter Hand nach einem Glase.

Ein unsteter Mondschein flog durch das Zimmer und über das Bett, in dem Laure Anaise und Rösli dicht umschlungen lagen. Laure Anaise mit offenem Munde, mit tief 94 um die Stirn gewühltem schwarzem Haar sah fahl und hager aus, und Röslis zartes Gesicht erschien der Mutter leichenhaft blaß.

Josy war plötzlich ganz wach.

Wenn sie krank wäre! Und statt für sich selbst ein paar Gramm Bromkali aufzulösen, wie sie gewollt, beugte sie sich ängstlich über die Schlafenden und sog den warmen, reinen Hauch ihres Kindes ein.

Aber während sie sich so überzeugte, daß beide ruhig schliefen, kam eine Trauer, ein Einsamkeitsgefühl über sie, das beinah Furcht war. Mit nackten Füßen, die Augen groß offen, stand sie, ohne sich besinnen zu können, blickte scheu nach dem Fenster, an dem der Regen wie Tränen herunterrann; die gekalkten Stämme der Obstbäume im Garten schimmerten unbestimmt im Mondlicht – jämmerlich, wie gequälte Kinder schrien die Katzen.

Ein nie empfundener Wunsch, sich anzulehnen, an kraftvolle Schultern sich zu schmiegen, tauchte wie unbewußt auf. Sie streckte die rechte Hand aus und seufzte. Plötzlich warf sie beide Arme über dem Kopf zusammen, und heiße, qualvolle Tränen brachen hervor. Es schmerzte in den Augen, in der Kehle, in der Brust.

Langsam ermannte sie sich und riß die Vorhänge zusammen; das Totenlicht auf Röslis Köpfchen brachte sie zur Verzweiflung.

Sie tastete sich an ihr Bett zurück.

Was fehlt mir? fragte sie, und sie antwortete sich: lebenswund; lebenswund.

›Denke, daß er in der Welt ist!‹ sagte eine süße Stimme, vor der Josefine erschauderte.

Es war wie eine Liebkosung, dieser warme, frohe Ton.

›Denke, daß solch ein Mensch lebt! daß er Wirklichkeit ist! kein Kindermärchen, kein Poetenmärchen, schlichte Wirklichkeit‹ –

Josefine ertrug die Stimme nicht länger, sie wollte sie nicht länger hören.

»Und du lügst!« sagte sie, bebend vor Zorn, »und es ist alles Betrug! Es ist eine Schwäche, die vorübergeht, und er ist ein Mensch wie die anderen. Ich bin erfahren, nur zu erfahren! Nur zu sehr belehrt, daß die Welt nicht so ist, und daß es solche Menschen nicht gibt! Nein, so ist die Welt nicht, und wir müssen sie nehmen, wie sie ist!«

Sie zündete eine Kerze an und schluckte das beruhigende Salz, das sie sich selber verschrieben hatte.

Aber es wirkte sehr langsam, und während sie dalag und auf den Schlaf wartete, ward die süße Stimme nicht müde, zu flüstern: ›Er ist in der Welt! er ist wirklich! kein Kindertraum, kein früher Morgentraum, kein Jungemädchentraum!‹

»Es ist Lüge! es ist Lüge! wir träumen, und wenn wir erwachen, lächeln wir über unsere Träume, oder – wir weinen über sie.«

95 Sie wollte sich im Bette aufbäumen, wollte Licht machen, sich ankleiden, arbeiten, um nichts mehr zu hören.

Aber eine unsichtbare Gewalt drückte ihren Körper nieder, eine weiche, schwere Hand legte sich auf ihren Kopf, und das Singen in ihrer Seele ward lauter als zuvor.

›Und doch hören wir nicht auf zu suchen, unser ganzes Leben lang! Und doch hören wir nicht auf zu suchen, so lange wir atmen.‹

»Ich habe nichts gesucht! ich habe nichts ersehnt. Ich glaube an nichts Gutes! Ich glaube an nichts Großes. Es ist ein Schatten! Es ist eine Schwäche!«

Ahhh! da war wieder der Sonnenschein auf der nackten Haut; und dazu ein seliges Wohlgefühl des Geborgenseins, der Sicherheit, des Ruhens in einer großen, mächtigen, ringsum verbreiteten Kraft.

›Freude!‹ hauchte es um sie; ›Freude! Freude.‹

So fühlte sie sich untersinken.

 

Tage des Rausches, in denen die Wirklichkeit undeutlich und alle unsichtbaren, namenlosen Dinge groß und wichtig sind und selbst das Heimlichste klar! Tage des Rausches!

Josefine empfand plötzlich Sehnsucht nach Musik, sie, die ihr Ohr als stumpf und empfindungslos kannte. Sie nahm Rösli an die Hand und ging mit ihr ins Großmünster, zum Orgelkonzert.

Viele Studenten waren dort, alle sahen die schlanke schwarze Frau mit dem weißgekleideten Kinde kommen. Manche grüßten sie, aber sie dankte nur wenigen, denn sie sah niemand in den Farben des Lebens – die Menschen, die anderen Menschen waren für sie zu Schemen verblaßt.

Der Orgel gegenüber, im Chor, auf einer der langen Bänke ohne Lehne nahmen sie Platz. Aber die Bank knarrte erbarmungslos, und Josy flüchtete sich mit der Kleinen in einen dunklen, dicht an die Mauer gedrückten Kirchenstuhl.

Die Orgel begann, gegen ihre Gewohnheit, wie es der Hörerin schien, leise und bebend, als schauerten Tropfen herab, klingende, warme Regentropfen, weich und voll und doch säuselnd und zart. Und Josefine war es, als ob ihr Herz sich öffne, und ihre Seele wurde wie ein dürstendes Erdreich, das sich dem sanften Perlenregen entgegenbog. Aber allgemach fielen die Tropfen seltener und wurden größer, und jeder der Tropfen hatte eine andere Stimme, und es waren keine Tropfen mehr, es waren goldene Kugeln, die in einem plötzlich aufschießenden Springquell spielen. Und nun werden aus den goldenen Kugeln kleine klingelnde Schellen und große, sanft hallende Glocken. Und nun unterreden sie sich miteinander, die kleinen klingelnden Schellen und die großen hallenden Glocken; erst ein aufgeregtes Flüstern von den kleinen zwitscherhellen, nun ein machtvolles Dröhnen von den großen ruhigen. Und nun fangen sie an, durcheinander zu rufen, immer tiefer, immer heller, immer dröhnender, immer spitziger, und 96 plötzlich – fängt der Turm, in dem die Glocken hängen, mit an. Er erzittert von oben bis unten, er schwankt von einer Seite auf die andere, er kracht, er donnert, er reißt auseinander, er stürzt zusammen! O – da ist der sanfte Regen wieder, will das wilde Brausen hinwegschmeicheln, eine kleine Weile klingeln ängstlich, wimmernd, sterbend die Silberglöckchen. Aber Feuerstürme brechen aus, die Berge wanken und bersten, die Erde bebt, es grollt aus ihren Schlünden, eine Welt – eine Welt will untergehen! – Ruhe! Freude! Feierlich in großen breiten Wellen rollt es heran über die zerstörte Welt, breite Strahlengarben schießen über weite, leuchtende, unendliche Wasserspiegel – ein schwaches dumpfes Stöhnen – ein süßes allgemeines Klingen – die ganze Luft Musik – Ende.

»Da die Weissagungen aufhören werden«, fühlte Josefine, und es schien ihr, als liege vor ihr das große Geheimnis des Lebens in heiliger Unschuld, in Sieg und Verklärung, und sein Name sei Schönheit und Größe und unerschöpfliche Liebe. –

Und neben ihr sitzt Rösli, die langen, schwarzen Beinchen eingeschlagen, die Hände zusammengedrückt, und sieht sich staunend um.

Zum erstenmal ist sie in einer Kirche. Rösli sieht die Fenster an, die langen, staubigen, schmalen Fenster und denkt: Das sind also Kirchenfenster? Der Himmel ist ebenso blaßblau dahinter wie hinter anderen. Sie sieht die grauen Steinfliesen an und denkt: Die sind aber kalt! Und sie tippt nach dem grauen, dicken, viereckigen Pfeiler vor ihr. Der ist auch kalt, aber das braune Holzwerk der unbequemen Stühle und der kleinen gewundenen Treppe dort, das Holz sieht ordentlich warm aus. Stufe für Stufe wandern Röslis Augen die kleine braune Holztreppe hinauf – da oben muß es nett sein! Wenn sie da hinauf könnte! – Da – was ist denn das da? Ein Kirchenfenster kann es doch nicht sein, da gegenüber? Ich bin kurzsichtig, denkt Rösli, Mama hat es gesagt. Wenn man die Augen zukneift, wird das da drüben etwas ganz Merkwürdiges. Ein Männergesicht wird es, mit einem Schnurrbart und einer Pfeife und einer runden hohen Mütze. Ganz in einen dicken Überzieher ist der Mann eingewickelt, der Kragen geht bis halb über den Hinterkopf. Er hört unbeweglich zu. Die Musik ist so groß! Der Mann raucht, aber keine Wolke steigt aus seiner Pfeife ... Rösli kann die Augen nicht abwenden. So gemütlich sitzt er da im Fenster, als wäre er hier der Hausherr! Ein freudiger Schreck durchzuckt Rösli: Wie, wenn es der liebe Herrgott wäre? Dies ist ja die Kirche, man sagt auch Gotteshaus. Also wird er es wohl selber sein! Rösli starrt und starrt. Er sieht so freundlich aus, aber doch nicht wie Menschen. Sein Gesicht ist farblos wie Silber. Oder wie durchsichtig. Es wird Rösli immer klarer, daß er es ist. Und sie faltet ihre Hände fest und sieht ihn entzückt an – –

Die Musik ist aus. Josefine erhebt sich. Als sie draußen sind – die Allerletzten, zupft Rösli ihre Mutter, die gar nicht hört: »Mama, weißt du, wer da war?«

97 Die Mutter hört nicht; ungeduldig zupft die Kleine: »Hast du ihn auch gesehen, den lieben Herrgott?«

»Ja«, sagt die Frau zusammenschreckend und wundert sich über ihr Kind und wundert sich doch nicht. Es ist ihr so süßschaurig, daß die Kleine immer mit ihr ist in diesen Entzückungen.

Sie halten sich fest an den Händen ...

 

Helene Begas nahm Josefines Arm und sah ihr mit freundschaftlicher Besorgnis in die Augen: »Du bist krank Josy, du brauchst Ferien! Und so zerstreut und ungleich. Neulich, als ich dich mit Rösli die steile Wiese hinunterlaufen sah, hab ich mich gefreut. Donnerwetter, dacht ich, die hat Spannkraft! Da kann sich unsereins verstecken. Aber jetzt gefällst du mir ganz und gar nicht.«

Josefine besah ihre Nägel; ihr Gesichtsausdruck wurde gezwungen. »Das ist diese psychiatrische Klinik, die mich so aufregt. Heut war's der Assistent, hat mich fast krank gemacht, der brutale Mensch! Diese Vergewaltigung des intimsten Lebens durch die Kliniken und durch uns Mediziner: es macht mich wild! Ich kann's nicht ertragen!«

Sie seufzte tief und sah die ruhige Helene gequält und ängstlich an. »Es war ein armes Ding, primäre Melancholie lautet die Diagnose. Sie ist fast hergestellt. Er bringt sie vors Auditorium. ›Nun, erzählen Sie uns Ihre Geschichte.‹ Sie sitzt da, engbrüstig, scheu, rot vor Scham. ›Aber ich werde ja bald entlassen,‹ sagt sie leise. ›Das wollen wir nicht wissen, erzählen sie von Ihrem Emil, wie der Sie überall verfolgt hat.‹ Und der Bursch lacht und blinzelt, und er fühlt sich so überlegen und so witzig – o! Das Mädchen – 'n armes Ding, 'n Zimmermädle, springt halb auf, sie hat schon nasse Augen: ›I bin nit hier, um usg'lacht z' werde!‹ ›Nein, wir lachen Sie nicht aus,‹ lacht der Doktor, ›nun, was hat Ihnen der Emil alles angetan? Der Emil, der Uhrmacher, in den Sie verliebt waren!‹ Das Mädle schweigt und hängt den Kopf. Er hebt ihr das Kinn in die Höhe, grinst sie an: ›Er hat dann auch recht verliebtes Zeug durch den Ofen an Sie hingeschwatzt, gelt!‹ ›I bin jetzt g'sund! Was geht das die Schtudente an!‹ murmelt das arme Ding. Er wendet sich an das lachende Auditorium. ›Sie hat ihn nämlich nur vom Sehen gekannt, und er hat sich überhaupt nie um sie gekümmert!‹ Wie die Kranke zusammenzuckte, wie sie den Kopf ganz auf die Brust sinken ließ – es war bemühend! es war brutal! Aber er läßt nicht los. ›Und vor lauter Verliebtheit hat sie sich dann eingebildet, er spricht mit ihr durch den Kamin, oder war es durchs Dach?‹ ›Durch den Ofen,‹ murrt die Patientin; die Dummen im Auditorium lachen laut. ›Sagte er natürlich, er wollte Sie heiraten!‹ amüsiert sich unser edler Dozent. Das Mädchen schüttelte den Kopf. ›Na, was wollt er dann von Ihnen? Daß er Ihr Schatz wollt sein?‹ Helene, ich sag dir's, mir saust es im Kopf, ich wollte auffahren und schreien: ›Das geht über Ihre Befugnis, Doktor!‹ Ach, man ist ja so feige!«

98 Das Fräulein drückte Josefines Hand. »Gut, daß du dich beherrscht hast. Wir armen Frauen, was sollen wir machen! Hast du gelesen, wie's den Hörerinnen an deutschen Universitäten ergeht? Man muß noch Gott danken jeden Tag. Aber das war wirklich ruppig.«

»Los, auch, was er weiter sagt! Er sagt: ›Aber wie konnten Sie denn so etwas einem ordentlichen Menschen zutrauen?‹ So ein Heuchler, wie dieser Doktor ist! Als ob man's nicht wüßte, wie sie's alle treiben, und halten sich doch samt und sonders für ordentliche Menschen!« Josy ballte die Hände.

»Und was das arm' Ding drauf erwiderte, klang so himmeltraurig, so – o!«

»Was sagte sie?«

»Sagte kläglich und ganz von Herzen: ›Weil ich halt nur 'n armes Mädle bin.‹«

Helene fand das eher beruhigend. »Siehst du, Josefine, das ist ihnen natürlich, diese Denkweise; sie fühlen ja nicht wie wir, diese ungebildeten Leute! Wie kannst du dich ewig mit jedem Erstbesten identifizieren?«

»Was red'st auch!« Josefine entriß der Freundin ihre Hand, auf ihrer Stirn standen Zornfalten. »Denkst du so? Bist 'n Frauenzimmer und denkst auch nur mit dem Kopf wie die, wo unsere ganze Ordnung geschaffen haben? Weil's uns bequem ist, glauben wir so! Aber ich glaub's nit; die heut, das arm' Zimmermädele mit ihrer heißen Liebe zu dem Uhrmacher, der sie nit emal kennt –«

»Ja, aber das ist doch schon bißchen verrückt!« fiel die Mathematikerin besänftigend ein.

Josy flammte: »Verrückt? Warum? Sie hat ihn geliebt, den feinen, stillen, fleißigen Menschen, und hat's keinem gesagt, keinen damit belästigt. Und dann ist sie in Melancholie verfallen, weil er so hoch über ihr war und sie keine Möglichkeit sah, sich ihm zu nähern –«

»Aber nein!« unterbrach sie Helene erstaunt, »solche romantische Ideen hat eine Ärztin?«

»Nicht eine Ärztin, alle Ärzte wissen, daß Störungen im Triebleben von außen hervorgerufen werden können. Was ist überhaupt innen und außen? – Ein Monismus sind wir, wenigstens in dieser Beziehung, eine Einheit, und ich bin ganz rasend über dich, daß du mit diesem Doktor glaubst, arme Leute hätten kein Gefühl!« Sie brach plötzlich in Tränen aus. »Weißt, Helene, du – es freut mich nur, daß du nicht Medizin studierst. Solche wie du hat's unter den Männern genug!«

»Danke! merci vielmal!« Mit verbissenem Gesicht drehte Helene sich um. »Du bist eigentlich so ganz Weib, so recht Weib, Josy, und weißt's selber nicht!«

»Weiß es nicht? Weiß es, bei Gott!« schrie Josy, die Arme weit ausbreitend, »dank auch Gott dafür!«

99 Helene lächelte wider Willen. »Gut also, du weißt es. Ob aber so ein rechtes Weib sich zum Studieren eignet, das ist wohl die Frage!«

Josefines Gesicht verdunkelte sich. »Vielleicht! Was mich angeht! Mein Leben ist zu schwer.«

Die Freundin kam zurück. »Nimm Ferien,« sagte sie entschieden. »Wenn du nachher auf der Nase liegst, was war dann die ganze Mühe nütz? Überhaupt, wie du dir alles zu Herzen nimmst! Ich kann das gar nicht verstehen. Es hat ja keinen Zweck. Plötzlich wunderst du dich über die Menschen, wenn sie sich zeigen, wie sie nun mal sind? Ich wundere mich über nichts mehr, ich freue mich den ganzen Tag, seit ich in der Schweiz bin! Mit Genuß nehm ich die Gelegenheit wahr, die mir hier geboten ist! Bei uns zu Haus ist ja noch tiefste Nacht und Finsternis! In unserem teuren Deutschland ist für uns der Tag überhaupt noch nicht angebrochen! Ich sage dir, das ist 'n Hottentottenland, und unsere Studenten sind Hottentottenkerle, und unsere Mediziner sind Menschenfresser gegen uns Frauenzimmer, und kurz und gut – du solltest mal 'n paar Jahre bei uns sein! Morgen säßest du draußen, wärst hinausgeschmissen, ganz einfach. Und übermorgen wärst du im Loch! Nein du – bei uns – kritisieren – is nich! Noch gar Frauenzimmer, die ja schon ohnehin vogelfrei sind!«

Josefine lachte ungläubig auf. Viel hatte sie nicht gehört. »Schlimmer als in Rußland,« sagte sie mechanisch.

Helene nickte heftig. »Ist es auch! Viel schlimmer! In Rußland drückt man ohne Unterschied des Geschlechts. Was zur Partei der Intelligenz gehört, ist verdächtig. Bei uns gibt es keine Partei der Intelligenz, es gibt nur politische Parteien, die Studenten haben keine Meinung oder sind gegen uns, und das höhere Streben der Frau ist nicht verdächtig, sondern verächtlich! Verstehst du? Großer Unterschied!«

»Ja, es dürfte endlich anders werden!« meinte Josefine.

»Dürfte wohl, aber wird nie! nie! sag ich dir. Bei uns ist es so: wer nicht selbst drückt, der verehrt doch wenigstens die Unterdrücker. Verehrungsmichel erster Sorte wir Deutschen, oder eben Despoten. Und oft beides in einer Person! Reizende Mischung. Und alles so von Herzen, so bona fide, ohne die heimliche Selbstverspottung anderer Nationen. Na, ich sage nichts mehr.«

Josefine sah mit einem langen Blick hinaus in die berstenden Knospen der Baumkronen. Ihr Gesicht rötete sich. »Zuweilen denke ich ganz im Ernst, daß wir berufen sind –«

»Wer wir?«

»Wir Frauen –«

»Aha!«

»Daß wir Frauen zu einer Art Revision des Männerstaats berufen sind,« fuhr Josy nachdenklich und halb beschämt fort. »Daß die ganze Frauenbewegung diesen Sinn 100 und Zweck hat. Revisorinnen im Dienste der Menschlichkeit, die halt doch, und wär's auch im Schneckengang, vorwärts geht! An all die Versteinerungen unseren schlicht menschlichen Maßstab anlegen, mit unserem vielgescholtenen Gefühl ihre kalten Verstandeswerke durchprüfen und sehen, was standhält, was nicht – was wirklich nützt, was ganz entschieden schadet – gegen ihre Pedanterie, Profitsucht, Brutalität und blinde Folgsamkeit den Schrei der Natur erheben – der mißhandelten, getretenen Menschlichkeit Rechte zu wahren – dort – dort dort – –«

Helene starrte sie an, Spott und Rührung kämpften auf ihren Zügen. »Sorg für dich selbst, Josy, Kind, großes, törichtes, liebes Herz!« Sie seufzte mit feuchten Augen: »Denk an das Nächste, das Allernächste. Du arbeitest nicht wie sonst. Etwas beschäftigt dich, stört dich; ich fürchte, du wirst das Staatsexamen dieses Jahr nicht machen können.«

Josefine antwortete nicht; sie blickte noch immer wie im Traum auf die verklärte Apfelbaumkrone, deren Knospen wie Bronze funkelten.

Helene ging zu der Stummen und legte ihr die Hand auf die Schulter: »Mach jetzt Ferien.«

Kühl und abweisend blickte Josy auf. »Nun, was willst du? du sagst mir Unangenehmes, ohne Grund. Ich arbeite. Ich bin nicht müßig, außer diesen Augenblick.« Sie sprang vom Stuhl auf, ihre Augen röteten sich, eine tiefe Qual sprach daraus. »Umsetzen. Transponieren,« flüsterte sie, wie zu sich selbst; »es geht alles, es muß überwunden werden.« Und dann, als sie Helenes forschendes Anschauen bemerkte, wurde sie heftig: »Nimm deine Augen fort! Wir sind hier doch nicht in der psychiatrischen Klinik! Noch hab ich meine fünf Sinne beieinander.«

Traurig ließ die Mathematikerin sie an sich vorbei und hinausgehen.

 

Ja, sie identifizierte sich mit dem armen verschüchterten Zimmermädle, sie hielt sich nicht für »feinere Rasse«, wie Helene Begas es unbewußt immer tat.

Fast täglich sah sie Hovannessian jetzt, und wenn sie ihn nicht sah, so stand er doch vor ihren Augen. Oft in sonderbaren Verkleidungen.

Bald war er vor ihr als schlanke, schwarze Zypresse mit leise geneigtem Wipfel, mit erzgegossenem Stamm, an den sie sich wohlig lehnte, den sie mit beiden Armen umfaßte, an den sie ihr sehnsüchtiges Herz drückte. Bald hing er über ihrem Himmel mit breitoffenen Schwingen, ein König der Adler, hoch über den Gräbern und Schlünden der Erde.

Er funkelte als Stern, rätselhaft und süß und fremd; er war ein weißes Marmorbild auf einer hohen Säule, ein Bild der Menschlichkeit und der reichen Güte. Viel erzählte er ihr, und nachher erblickte sie ihn als Jäger im unbetretenen Wald, wie er für sich und die Genossen Feuer anzündet, das Wild abhäutet erlegt und am Spieße über den Kohlen dreht wie ein homerischer Held, oder als Fischer am Meer, Gast in der 101 Fischerhütte des Einsamen, auf Seemärchen horchend, und Märchen ersinnend beim Licht des Kienspans, indessen draußen die Mondkugel über die brechenden Wellen rollt. Ein andermal liegt er mit lachenden schwarzen Gesellen auf buntem Teppich im Garten unter dem Maulbeerbaum; Lieder singen sie auf die Lilie, die Nachtigall, die Rose, sie springen auf, um zu tanzen, den graziösen, plastisch schönen Einzeltanz, der eigentlich nur eine wechselnde Folge anmutig herrlicher Stellungen ist; einer spielt auf dem Tarr, zuckend fährt das Knochenstäbchen, mit spitzigen Fingern gehalten, über die Drahtsaiten – in sanften Tönen summt die Suflöte, und unermüdlich klopft mit behenden Fingern der Tipelipitòspieler auf den mit Haut überspannten zusammengebundenen Steintöpfen den Takt ...

Und plötzlich verwandelt sich der furchtlose Jäger, und er ist ein scheuer, großäugiger, barfüßiger Knabe, der mit beiden Händen eine weiße Taube an sich drückt, seine Taube, die er leidenschaftlich liebt, und die man ihm wegnehmen wird, um sie dem Vater gebraten vorzusetzen! Der hungrige Student in Moskau, der von Tee und Kartoffeln lebt und immer noch ein paar Kopeken besitzt für andere und für einen Theaterplatz, wenn ein erster Schauspieler kommt, und der am eifrigsten ist, ihm die Pferde auszuspannen in schäumendem Enthusiasmus; der fröhliche Geiger, der plötzlich die Geige opfert, weil es ihm in den Sinn kommt, daß es »Besseres« zu tun gibt, als zu »spielen«; – der brüderliche Mensch in einer Welt brutalsten Faustkampfes; – der Starke mit dem Kinderlächeln, für den es keine Beschwerden gibt, oder der sie nicht anerkennt, der Furchtlose, der sich nicht scheut, zu helfen, gleichviel, ob es dabei beschmutzte Hände geben kann – alles, alles ist er, und die Liebende lebt wie in einem Wunderlande.

Ein Kind ist sie, wenn der Rausch über sie kommt, ein Kind, wundersüchtig, wundergläubig. Wie weit ist sie von ihrem früheren Selbst! Hat sie nicht in ihrer unseligen Ehe, von dem unglücklichen Manne gelernt, daß alle Menschen, und sie selber auch, niedrig sind? viel zu verbergen haben? »Des Menschen Trachten ist böse von Kind auf!« So war es, bis sie ihn kannte, ihn, der nun alle Erfahrung, alle Weisheit zu Schanden macht.

Denn nun bringt jeder neue Tag eine neue Entzückung, eine neue beseligende Offenbarung! Auf der Stirn des Mannes, den sie liebt, leuchtet alles Gute, leuchtet der Kuß der großen, tiefen, starken Güte!

Und so frei und schlicht und selbstverständlich geht dieser Mensch, von dessen Stirn das Gute leuchtet! so wie eine Feier der Schönheit ist sein Leben! Sie fühlt – für ihn ist die Welt da, nur für ihn und seinesgleichen ...

102 Und langsam aus dem entzückten Staunen wuchs für Josefine ein heißer Schmerz. Sie lernte, daß sich selber fühlen heiße, sich krank fühlen; ganz entwurzelt war sie, ohne irgend einen Zusammenhang nach rechts oder links.

Und sie quälte sich: ›Gehört die Welt den Guten? ist das wahr?

Wohin dann sollen wir uns flüchten, wir, die wir schlimm sind und nur Schlimmes von allen erwarten?‹

Sie begann sich vor Hovannessian zu fürchten. »Was hab ich mit dir zu schaffen, du allzu helles Licht? Laß ab, wirf keinen Strahl in meine Dunkelheit!«

Schwarze, stürmische Wellen rollen dahin, treiben eine zerbröckelnde Eisscholle, treiben sie hinaus in Nacht und Untergang. Und auf der zerschellenden Scholle die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt. Sie kennt diese Gestalt – diese Gestalt ist das Schicksal, das auf sie wartet in der Zukunft, diese und keine andere!

›Geh! geh! geh! du Herrlicher, du Guter – nicht für mich, nicht für mich strahlt deine Stirn. Bleibe so für mich, schönste Säule der Menschlichkeit, aufgerichtet unter den Bäumen, die bis zum Grase niederblühen, aus dem die weißen Blüten wieder emporblühen zu den Bäumen! So wie ich dich jetzt sehe, mit dem schlanken Fuß auf dem Spaten, mit den hellen Tropfen frohen Schweißes auf der Stirn, aus der du den Hut zurückgeschoben hast hinter die tanzenden, schwarzen Locken!‹

Josefine blickte hinaus zu der heiteren Gruppe im Garten, trank ihre sehnsüchtigen Augen satt an der geliebten Gestalt.

»Abschied! ich nehme Abschied von dir.«

Lautes Lachen klang unter den Fenstern; sie warfen sich mit abgefallenen Kirschblüten, Zwicky, Hovannessian, die Kinder, Laure Anaise ... Rösi mit purpurroten Bäckchen ist ganz außer sich, wie fiebernd in dem warmen, düftebeladenen Wind, der die eben begrünten Sträucher biegt und die zitternden Schatten spielen läßt auf der vom dörrenden Ost und der starken Maisonne blaßgrau gefärbten, wartenden Erde.

Weiße Blüten und seliges Blau und goldiges Grün und Kinderlachen.

»Kommen Sie nicht?« ruft Hovannessian und stößt kräftig den Spaten in den sonnenharten Boden. »Kommen Sie auch! Schöne Arbeit!« Er strahlt. »Einen Weg machen wir!«

Nun kommt Rösi zu ihm gelaufen, er beugt sich zärtlich zu der Kleinen, seine schwarzen Bartlocken streifen ihr Haar. Liebkosend spricht er mit dem Kinde – wenn er mit Kindern spricht, immer bekommt seine tiefe Stimme diesen liebkosenden Klang.

Die Kleine blickt freudig empor, und ihre Gebärde, dieses Aufhorchen voll Hingebung macht sie so schön.

›Oh‹, denkt die Frau am Fenster, ›wär ich so klein wie die! wär ich mein eigen Kind und stände bei ihm so und blickte in die Höhe zu ihm so – wie Rösi, wie mein glückliches Kind zu ihrem lieben Herrgott aufblickt, den sie im Kirchenfenster sieht! Noch 103 einmal jung sein, noch einmal glauben – keine Vergangenheit, keine Zukunft, keine Schuld, keine Furcht, keine Pflicht, keine Klarheit!‹

Und wie gebannt durch ihre wilde Sehnsucht hebt Hovannessian nun die Augen zu der Frau oben, und sein frohes Gesicht wird ernst ...

Plötzlich schoß ihm das Blut heiß in die Wangen.

Sie war fort.

 

In dieser Nacht träumte es Josefinen, daß ihr plötzlich ein Fremder gegenüberträte, dessen unerwartetes Erscheinen sie von einer Seite des Zimmers zur anderen scheuchte.

Der Fremde war in eleganter Kleidung, wie bereit, in eine Gesellschaft zu gehen. Sie bemerkte deutlich die breite, weiße Hemdbrust unter dem lose überhängenden Kaisermantel, den spiegelnden Zylinder, die neuen roten Handschuhe.

Er sprach nichts, sondern stand da mit einem geheimnisvollen und blasierten Lächeln auf dem schlaffen Munde, das sie zu verhöhnen schien. Seine goldene Brille glitzerte, die Gläser glitzerten, so daß sie seine Augen nicht sehen konnte. Und dann begann er eine Gebärde des Händewaschens zu machen, die ihr so sehr, so unheimlich bekannt war: die rechte Handfläche wäscht den linken Handrücken – die Schultern runden sich – er scheint sich auf ein Wort vorzubereiten, auf ein Wort, vor dem sich die Träumende ängstigt, das sie nicht hören will.

Immer sonderbarer lächelt er; seine glitzernden Gläser sind auf sie gerichtet – er hebt den Arm und beschreibt einen Bogen voll gekünstelter Grazie, einen einladenden Bogen, mustert sie, ihre Gestalt von den Füßen aufwärts und lächelt spöttisch überlegen; etwas Cynisches ist auf seinen breiten, blassen Lippen zu lesen.

›Ich kenne Sie wirklich nicht‹, sagt die Träumende, ›bitte, verlassen Sie dieses Zimmer.‹

Ihr Herz scheint nicht mehr zu schlagen, kalt und gleichgültig ist ihr, und tief, tief unten glimmt eine Angst – eine Angst!

Sie wacht auf: ›das war Er!‹

›Georges!

Ich habe gesagt: ich kenne Sie nicht.

Aber ich kannte ihn wohl.

Oh! Oh! Oh!‹

Von Schauder durchzuckt blieb sie starr liegen.

›Das war Er.

Habe ich diesen geliebt? Diesen einmal geliebt? geliebt?

Nein! nein! nein!

104 Fort, du Entsetzlicher! Fort! Mensch, ich kenne dich nicht! Ich war nie dein! Nie! Nie!

Hörst du? Niemals!

Ich habe dich nie geküßt! Nie!

Hörst du? Niemals!

Fremd! Wildfremd! Fort!

Ein Nachttier! ein Phantom!

Wer hat dich ausgedacht? Du! Du!‹

Und sie richtete sich heftig auf, rang hart die Hände und stöhnte fast bewußtlos: »Oh, Herr des Himmels, töte ihn! töte ihn! töte ihn!«

 


 

Da kam eine kleine weinerliche Stimme wie ein zerdrückter Vogellaut aus dem Dunkel: »Mama! Mama!«

Die Frau hielt den Atem an.

Rösi wachte.

»Mama, warum sagst du töten?«

Einen kurzen Augenblick schien es Josefine, als schwebe ein Stern durch die Nacht; als klinge etwas ...

Aber nur einen Augenblick.

Dann zog sie stumm das Leintuch über den Kopf und wiederholte mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten ihr furchtbares Gebet: »Allmächtiger Gott! Herr des Himmels! Töte ihn! töte ihn! töte ihn!«

 

»Ich habe etwas gebracht. Ich habe das Bild gebracht,« sagte Hovannessian im Eintreten zu Josefine.

Sie blickte flüchtig auf, einen schnellen Blitz Auge in Auge gab es.

Beide hatten heute einen gespannten, fast unglücklichen Zug zwischen den Brauen.

»Welches Bild?«

»Répin, die Burlaki, Sie wissen.«

Er legte das Bild – eine farbige Lithographie – vor Josefine auf den Schreibtisch und trat einige Schritte hinter ihren Stuhl zurück, wie um sie in der Betrachtung nicht zu stören.

Die Frau hatte nur einen Blick auf die fürchterliche Gruppe geworfen, dies Häuflein Elender, die – ach, wie mühselig, wie schwer an der allzu großen Last schleppen, die ihnen aufgeladen worden. Mit einem Blick, mit dem ersten Blick erschloß sich ihrer aufgewühlten Empfindung die fast übermenschliche Gewalt dieses Gesanges der Qual.

105 Die Riesen der Arbeit voran, mit blaurot geschwollenen Gesichtern, den Kopf gesenkt, wie der Ochs im Joch die Stirn senkt, um mit ganzer Schulterkraft zu ziehen, zu ziehen, vorwärts zu schleppen, das hoch mit Gütern beladene Schiff stromaufwärts zu schleppen. Hinter den starken menschlichen Zugtieren die zähen, mageren, sehnigen; fleischlose Hälse mit vorgedrängtem, fast berstendem Kehlkopf, mit straff, zum Zerreißen gespannten Muskeln, die wie Knorren und Stricke auf den eckigen Knochen liegen. Inmitten der Ergebenen ein junger Empörer, aufgebäumt, Schmerz und Wut im hocherhobenen Kopfe, der sich zurückwirft und die Hand unter den entsetzlichen Riemen schiebt, der ihm über die nackte, saftstrotzende Brust geht und tief in das Fleisch schneidet – der entsetzliche Riemen, der alle drückt – der über ihre Brust zu dem Lastschiffe geht, an dem sie schleppen. Wieviel Flüche auf diesen Lippen! wieviel Stöhnen in ihrem unendlichen Gesang! Aber der letzte in der Reihe, der flucht nicht mehr, der singt nicht mehr! Stumpf und aller Menschenwürde beraubt, mit hängenden Armen und auf die Brust gesunkenem Kopfe trottet er mit, ohne Bewußtsein, ohne Willen; sein Gesicht ist gegen den Boden gekehrt, das menschliche Zugtier ist auch zur Haltung des Tieres zurückgeführt worden – alles ist zu Ende.

Hovannessian hörte ein lautes, ununterdrückbares Schluchzen.

Dicht an den Tisch gepreßt, beide Hände vor dem Gesicht, saß die Frau über dem Bilde, und ihre Schultern zuckten im Weinen. Eine unbegrenzte Traurigkeit hatte sie befallen angesichts dieser Qualbeladenen, und sie hatte alles vergessen, sich selbst, Hovannessian, Georges, die Kinder, das Zimmer, in dem sie sich befand – alles. Die Luft um sie war voller Stöhnen, und ihr Herz schien zu bluten, als sei hineingestochen worden. Sie fuhr mit der Hand nach der Brust – da! da! da preßte der entsetzliche Riemen und schnitt in das weiche, zuckende Fleisch.

Wo war das Kreuzchen?

Da sollte doch ein Kreuzchen hängen an einer Schnur?

Sie tastete danach, als müsse sie auf ihrer Brust das Kreuzchen finden, das jenem Jüngling in der Mitte des Bildes, dem jungen Empörer im roten zerrissenen Kaftan, unter dem Riemen hervor auf der Brust hing. Ach nein, sie hatte nichts vergessen! Sie wußte alles deutlicher als je. Sie wußte: das ist das Leben, meines auch! meines auch! Gerade die zwingende Symbolik des Bildes, diesem Bilde eigen wie allen Werken großer Kunst, gerade diese zwingende Symbolik hatte sie überwältigt, ins Herz getroffen.

Alle so! Alle so!

Sie selbst, Georges, die Kinder, die Kranken.

Nur – –

Nein, er nicht – der Mann mit dem strahlenden Lächeln war nicht unter dieser Gruppe! Hovannessian nicht!

106 Sie blickte ein wenig seitwärts, sie wollte diese großen Züge sehen, auf denen das Leiden keinen Raum hatte ...

Aber ein ganz Neues durchbebte sie, als ihre Augen ihn gefunden – halb abgekehrt stand er, sinnend, und große klare Tropfen rannen ihm aus den weit offenen Augen in den Bart ...

Sie fühlte eine geheimnisvolle Anwesenheit. Etwas Unsichtbares war hier im Zimmer zwischen ihnen, zwischen jenem weinenden Manne und ihr selbst, die ihre Tränen wie einen heißen Quell strömen fühlte.

Sie hielt den Atem an, und eine leichte Bewußtlosigkeit überkam sie: Funken und Sterne umtanzten sie, eine schwere dröhnende Musik betäubte ihre Ohren. Sie flog weg, über dunkle, unabsehbare Tiefen, rasend schnell – –

Dann empfand sie eine leichte Berührung, ihre Haare sträubten sich, ein Schauder überlief ihre Kopfhaut, ihre Arme: sie war wach. Neben ihrem Stuhl, in den sie zurückgesunken war, stand Hovannessian, streichelte ihr Haar und murmelte, sich zu ihr niederbeugend: »Das ist jetzt nicht mehr! Das machen jetzt die kleinen Schleppdampfer!«

Sie lächelten sich an wie zwei Auferstandene, mit Tränen an den Wimpern, ungläubig und erstaunt, umgeben von einer Fülle überirdischer Glückseligkeiten ...

»Zum erstenmal sehe ich, daß Sie viel gelitten haben,« flüsterte Josefine und forschte auf seinem ihr jetzt nahen Gesicht. »Es ist das, was Sie so ...«

Sie wollte sagen, was Sie so schön macht, aber sie konnte es nicht sagen, sie errötete.

Hovannessian hielt ihre Hand, seine Wimpern zitterten wie die Flügel eines dunklen Schmetterlings. »Ich habe in letzter Zeit sehr viel über die Frauen nachgedacht,« sagte er mit fremd klingender Stimme.

»Was haben Sie gedacht?«

Er wurde sehr blaß, eine schüchterne Anmut breitete sich über seine männlichen Züge. Er schloß die Augen, preßte stumm ihre Finger.

Plötzlich trat ihm das Blut ins Gesicht – er beugte sich tief auf ihre Hand, schamhaft in übermächtigem Gefühl: »Verzeihen Sie! Verzeihen Sie! Ich habe nicht so von den Frauen gedacht! Nicht so hoch! Verzeihen Sie, Sie haben mich gelehrt! verwandelt! ganz verwandelt! Ich habe nicht gehofft, daß ich finde – – Ich habe nicht geglaubt – oh, verzeihen Sie! verzeihen Sie!«

Er stürzte auf die Knie, den Kopf an ihr Kleid gedrückt. Dann erhob er sich, hastig und verwirrt, und verließ wortlos das Zimmer.

 

Zwischen den Seelen, die sich anziehen, wächst eine zarte, seidenfeine, lichtscheue Vegetation, wie weiße Algenfäden, wie tastende Wurzelglieder, hinüber, herüber. Zitternd und leicht zerbrechlich, und doch straff die Röhrchen gefüllt mit dem besten 107 Safte des Lebens. Leise, verborgen dem Tage, suchen einander die schwirrenden blinden Fädchen, die seiner Seele, die ihrer Seele entsprossen, und wenn die Stunde erfüllt ist, wenn sich die zarten Munde berühren, die tastenden Glieder aneinander gleiten – dann blüht eine Blume auf, groß und duftend und leuchtend in allen Farben des Himmels und der Erde, genährt von den süßesten und erhabensten Träumen, vom feinsten Herzblute, und ihrem Kelch entsteigen Wolken von Duft, die Leben spenden und Tod, untrennbar, so ineinander gemischt, daß beides eins ist. Und beides ist gleich süß, erhaben und erwünscht, Leben und Tod.

Die Stunde war erfüllt, die Blume war erblüht. –

Sterben! dachte die Alleingebliebene in ihrer Verzückung, sterben in dieser Minute! Du! du! du! Ich habe ja nicht gewußt, was für Menschen leben; ich habe ja nicht geahnt, daß es einen Menschen gibt, tausendmal größer, höher, teurer als die ganze Welt. Und du redest von mir, du! du! Was bin ich? Wie kannst du zu mir sprechen, wie du gesprochen hast? Ich lebe ja nur, seit ich dich kenne! Ich bin ja nichts ohne dich! Ich habe ja erst durch dich Sinne, Gefühl, eine Seele bekommen! Ich sehe erst jetzt die unbeschreibliche Schönheit der Erde, des Himmels, des Lebens!

Ach, sterben! jetzt! jäh! in der Seligkeit dieses Augenblicks. Es ist zu schön, es wird schnell zerbrechen. Er wird mich sehen, wie ich wirklich bin, dann wird es vorüber sein.

Nein, sterben, und wäre es unter Qualen, aber mit dem Kuß des Glückes auf den Lippen. Sterben durch deine Hand! Durch deinen Dolch. Mit dir zusammen sterben?

Eine plötzliche Angst überfällt Josefine, eine Angst vor sich selbst. ›Ich bin irr! Auch ihn töten wie den anderen, den ich heute nacht in seinem Gefängnis erstickt habe? Was für mörderische Gedanken hege ich! Und mich – mich sollte er lieben?‹

Aber der verführerische Gedanke läßt sich nicht bannen. Er legt sich wie ein erschlaffendes Bad um die müde Seele.

›Könnte das sein! Mit ihm zusammen sterben ... Ach – ich muß allein! Er muß leben! Was? diese Augen brechen sehen? diese Stirn erbleichen sehen im Todesschweiß? Und meinetwegen?

Ach, eine Hilfe! eine Hilfe aus dieser großen Not! Sie ringt die Hände.

Nur die Glücklichen dürfen sterben. Nicht Menschen wie ich!!‹

Es klopft hart an die Tür.

Josefine springt auf, öffnet verstört.

Vom Frauenspital ist Botschaft da. Sie muß kommen. Sofort. Diese Geburt, die erste, die sie selbständig leiten soll, das erste Mal, daß ihr diese Aufgabe wird, und sie hat das vergessen? ›So untauglich also! Solch eine nutzlose Träumerin! Und was für Träume! Heiliger Gott, laß nur nie einen Strahl deines Himmelslichts in dies dunkle Herz fallen. Schande! eine Schande!‹

108 Josefine rafft eilig ihre Instrumente zusammen, sie senkt den Kopf, ruft Helene zu; daß sie gehe, und läuft hinaus.

Das ganze Gewicht des Daseins schwebt über ihrem unbeschützten Nacken und will sich darauf niederstürzen.

Die Oberwärterin guckt sie befremdet an, die Praktikantin Josefine scheint ihr viel zu aufgeregt. Weiß diese Praktikantin auch, daß hier zwei Menschenleben von ihr abhängen?

Aber wie sie den Hut abgelegt hat und die Handschuhe wegtut, hat sie ja schon ein ganz anderes Gesicht. Die Erregung ist wie weggewischt, hier ist nur tiefer Ernst und ein Aufgehen in ihrer Aufgabe.

Am Bett der sich windenden, schreienden Frau gewinnt Josefine alle Ruhe wieder. Das arme Dienstmädchen, das in seinen Schmerzen um den Tod winselt – sie besänftigt es liebevoll, weist es zurecht, sagt ihm, daß es leben müsse, um ihr Kind zu geben. Und das seltsame blinde Gesetz des Lebens um jeden Preis ergreift sie beide, die Gebärende und die Ärztin. Wem gebe ich mein Kind? Dem Licht? dem Tage? der Finsternis? grausamer Verfolgung? Die Arme fragt es nicht, sie duldet, sie hält aus.

Und in demselben blinden Lebensdrang, der die Mutter beherrscht, tut mit Kraft und mit keinen Augenblick erschlaffender Umsicht die Helferin, was sie zu machen hat. Den ganzen Abend bleibt sie, die ganze Nacht am Bette der Ringenden.

In dieser Nacht, in der sie gewünscht hatte, sich das Leben zu nehmen, in der sie sich das Leben genommen hätte, wäre sie ein freier Mensch gewesen, nicht eine Mutter und Helferin – in dieser selben Nacht verhalf sie einem Wesen zum Leben und erhielt das andere in seinen Nöten.

Als sie fröstelnd und hungrig durch die tauige Morgendämmerung beim ersten schüchternen Amselruf heimwärts ging, war das wundersame Erlebnis mit Hovannessian schon Vergangenheit geworden. Das schwere blutige Leiden eines Menschen lag dazwischen. Sie dachte an Bücher, die sie notwendig zu studieren hätte, an vielerlei Gelerntes und wieder Vergessenes.

»Hovannessian,« sagte sie halblaut vor sich hin, und ein Lächeln löste ihre starren Züge, »mein lieber Freund, Sie denken viel zu hoch von mir!«

Sie sah zur Seite; es war ihr tröstlich zu denken, er gehe dort neben ihr.

»Viel zu hoch!« wiederholte sie sich, »wirklich, das Beste, was ich vermag, ist, daß ich mich der Forderung des Augenblicks fügen kann.«

Eine Ruhe, wie sie ihr lange fern geblieben, senkte sich mit der Ermüdung der Muskeln auf ihre Sinne. Als habe sie ein Ziel, ein langersehntes, jetzt unverhofft erreicht.

»Er schätzt an mir, daß ich arbeiten kann!« sagte sie, befriedigt lächelnd, »es ist das einzige, was er an mir schätzen kann, sonst bin ich ja nichts. Wir wollen uns das erhalten, nicht wahr, mein Freund? Oh, ich habe so lange nicht mit voller Kraft gearbeitet.«

109 Ihre Blicke küßten den Morgenstern.

In ihrem Herzen war ein Heiligtum.

 

»Wie eifrig du dich zu Grunde richtest!« schalt Helene Begas die Freundin. »Diese ewige Exaltation. Auch wenn du nicht sprichst – immer siehst du aus, als wolltest du aufschreien! Und arbeiten bis in die Nacht obendrein! Ich lese jetzt Augustinus. Sehr lehrreich! Du hast wohl Heimsuchungen wie der?«

Josefine zischte ihr etwas ins Gesicht. Sie war glühendrot geworden.

Helene seufzte. »O, diese verkehrte Welt! Diese glühenden Heiligen alle! Der Hovannessian ist auch so einer. Ich bin immer in Versuchung, ein Zündhölzchen in seinen Dunstkreis zu halten – ich glaube, es würde brennen! Meinst nicht auch?« Und als keine Antwort kam, fuhr sie ernster fort, auf das Répinsche Bild deutend, das jetzt in der Nähe des Schreibtisches mit Heftnägeln befestigt war. »Gestern hat Hovannessian mir das Bild erklärt,« sagte Helene, »es ist ausgezeichnet gemacht, nicht wahr? Der Junge da, in dem zerrissenen roten Kittel mit dem Kreuz auf der Brust, den zeigte er mir ganz gerührt. ›Der kämpft noch,‹ sagte er, ›die anderen haben sich schon ergeben.‹ Und dann, ganz ruhig: ›Bei diesem habe ich immer an Ihre Freundin Josefine gedacht, da ist eine große Ähnlichkeit.‹ Und seine Augen brannten zwei Löcher in das Bild, sag ich dir, so hat er es angestaunt.«

»Sprich nicht von ihm,« murmelte Josefine, ihr Ton bat: ›Sprich noch! sprich mehr von ihm!‹

Aber Helene gehorchte den Worten: »Gottchen, ruhig Blut! Das bete ich immer für dich, liebste Josy – ich hab's ja zum Glück, bin als Amphibium geplant gewesen und rein aus Zufall 'n Mädchen geworden. Ich sage dir, so was Bequemes wie mein Temperament – –«

 

Ja, Josefine hatte Augenblicke heftigen Verlangens nach dem Manne, den sie liebte. Sie haßte und verachtete sich unbeschreiblich in diesen Augenblicken, aber sie kehrten immer wieder. War er fern, dann blieb er ihr Held, ihr Adler, ihr edler Zypressenbaum, aber seine Nähe reizte und quälte sie zuweilen so, daß sie fortgehen mußte. Sie stand dann, nach Fassung und Ruhe suchend, in ihrem Schlafzimmer, rang die Hände, biß ihre Lippen, reckte verlangend die Arme nach der Tür. Und schämte sich! schämte sich!

Dann trieb der Drang sie wieder zurück zu ihm, und sie machte absichtlich kleine enge Schritte, hielt die Arme ängstlich dicht an sich gedrückt, wenn sie wieder ins Zimmer trat.

Einmal auf ihn zufliegen und ihn totküssen! Einmal!

110 Aber sie kam scheu und langsam und sah mit wilder Eifersucht Hermann oder Rösi in seinem Arm. Kaum beherrschte sie ihre Blicke.

Wenn Zwicky neben ihm stand, vertraulich die Hand auf Hovannessians Schulter, Helene und Bernstein scherzend mit ihm spielten, ihn um den Tisch herumjagten oder die Erwachsenen und die Kinder ihn dicht umdrängten, dann kam ihr eine wahnsinnige Lust, zu rufen: ›Er ist mein! mein! Fort ihr alle! Wie könnt ihr wagen, ihn zu berühren?‹

Ihr ganzes Wesen war in Empörung in solchen Augenblicken; – gegen Laure Anaise, die sich oft mit naiver Bewunderung in Hovannessians Nähe drängte, entstand dann ein spontaner Widerwille in der Seele der Frau, gegen den sie umsonst mit allen Gründen der Vernunft ankämpfte. Dann kam eine Wut über sich selbst, eine Zerknirschung, eine Verachtung, die in tiefster Selbsterniedrigung sich genugtun wollte.

Sie wollte an Hovannessian schreiben, ihm ihre ganze wilde lodernde Leidenschaft enthüllen und ihm sagen: ›So sehr hast du dich in mir geirrt! so schlecht bin ich!‹

Aber sie schrieb nicht, denn wenn sie allein war, verflog der unheilige Sturm, und ihre Seele kniete andachtsvoll vor ihrem Abgott. Sie war wieder rein, wieder glücklich, sie wollte ihn nicht für sich, der ganzen Welt sollte er leuchten, viele beglücken durch sein Dasein, so wie er sie beglückte. ›Wenn sie dich kennen, dann werden sie nicht mehr trauern, nicht mehr allein sich fühlen; keine Niedrigkeit, keine Gemeinheit, keine Angst vor dem Abgrund wird sie mehr quälen, wenn sie dich kennen, meine Sonne!‹

In solchen Augenblicken schien ihre Liebe ihr ein Gottesdienst; sie vergoß Freudentränen vor einem Altar; die Gewißheit, daß das Leben gut sei, weil auf ihrem Altar dieses Bildnis stand, umtönte sie wie himmlischer Gesang.

Sie hob die Hände und betete wie ein Kind: »Mach mich gut! mach mich fromm, daß ich zu dir in Himmel komm! Amen.«

Zwischen frommer Ekstase und wildem Begehren hin und her gerissen, gehetzt und müde, griff sie dann nach der Arbeit, der immer wartenden, wie zu einer heilenden Arzenei.

Und in der Arbeit schien es ihr, als lebe sie erst jetzt wirklich. Das andere war ein Tanzen und Taumeln auf stürmischer Flut; hier war sie selbst, hier stand sie ruhig am Steuer und drehte das Rad und spähte sorglich nach den Sternen und den Klippen.

Sie wuchs in dieser Zeit an Einsicht und Stoffbeherrschung; ihr Blick vertiefte sich mehr und mehr, und ein Gefühl der Überlegenheit über ihre eigenen Leidenschaften wehte manchmal kühl herauf.

Ich liebe ihn, weil ich ihn lieben will, dachte sie dann; wenn ich nicht will, dann kann ich diese Lampe auslöschen. Es wird dann Nacht sein, aber man kann auch im Finstern leben.

So vergingen zwei Monate, und dann kam ein Abend. Jener Abend.

 

111 Josefine war noch spät in der chirurgischen Abteilung geblieben.

Die ihr liebe Krankenschwester Wanda war abwesend; ein kleiner Halbtagsausflug nach Rapperswyl war ihr gewährt worden unter der Bedingung, daß sie Ersatz stellen könne. Josefine war für sie dageblieben.

Es war schwül; den ganzen Tag hatten die Fliegen ihre Kranken gequält, und die offenen Fenster hatten nicht vermocht, frischere Luft in der überfüllten Abteilung zu schaffen.

Dieser Spitaldunst, zusammengesetzt aus den scharfen, durchdringenden Gerüchen des Jodoforms, des Chloroforms und des Karbols und aus den Ausdünstungen der Kranken und ihrer Wunden, war der Medizinerin noch immer eine schwer zu ertragende Last.

Schrecklich waren vor allem die eiterhüftigen jungen Mädchen; in ihrer Nähe roch es nach Tod und Verwesung, und doch forderten gerade diese Hilflosen, zu langem Siechtum Verurteilten so sehr die Teilnahme heraus. Neben ihrem Schmerzenslager sitzen, ihre eiskalte, feuchte oder fieberglühende Hand streicheln, einen sanften Dankesblick in ihre tiefliegenden Augen rufen – es war Josefine unmöglich, auf diese Freude zu verzichten, obgleich die leichte Bettkleidung der Kranken vom Schweiß der Schwäche durchtränkt war, und obgleich ihr beklemmter Atem aus einem Grabe zu kommen schien.

Widriger war ihr das Gezänk zweier blutjunger Mädchen gewesen, die sich gegenseitig mit kläglichen und doch von Bosheit geschliffenen Stimmen wegen ihrer Verstümmelungen verhöhnten. Beide waren Lupuskranke.

»Sie hat nur ein Aug, und sie glaubt noch, daß sie sich putzen muß! Für den Doktor bist schön g'nug. Meinst, er schaut so eine an? Mit dem Kotelett im G'sicht? haha!«

»Aber du!« schrie die andere fast weinend, »du mit dem künschtlichen Knödel da! ischt däs e Näs? Halte – là, wöllscht en Schpiegel eppe? I ben noch dusigmal schöner für di!«

Die erste, die mit einem roten Bande getändelt hatte, das sie sich um den glatten, weißen Mädchenhals schlang, befühlte oberflächlich den seltsamen Nasenklumpen, den ihr der Arzt aus der Stirn geformt hatte. Vorsichtig liefen die Fingerspitzen über die gespannte Haut.

»Net so übel wie du!« grollte sie hämisch, »und i krieg allbot en Mann, aber du – jo frili, du bischt zum Beduere! so e Blindschleich – wer die emal nimmt!«

Die Halbblinde schlug ein gellendes Gelächter an, das in Schluchzen endete. »Du! du! en Mann? aber i – i bin schon besser, gelt Schweschter? I wär net übel! Ein Aug sieht noch g'nueg! Schweschter, Se, die welche von uns zwei ischt schöner? die wel' kriegt 'n Mann?«

112 »Schämt's euch! beruhigt euch! kriegt alle beide keinen Mann! 's geht auch so!« sagte Schwester Wanda, die erfrischt und rotbäckig von ihrem Spaziergang zurückgekehrt war und einen großen Feldblumenstrauß in die Abteilung mitbrachte. »Zankt ihr schon wieder?«

Josefine war dann gegangen. Sie konnte das Gekeife nicht loswerden. Mit zusammengezogener Stirn horchte sie noch auf die jammervollen und häßlichen Worte, während sie unter den wehenden Bäumen des Spitalgartens dahinging.

Es wetterleuchtete über dem See; der Himmel war mit flatternden Wolken bedeckt, zwischen denen der fast noch volle Mond hinrollte, bald verschwindend, bald aus dem zackigen, schwarzen Vorhang auftauchend und einen blauen Guß von Licht auf den Weg sendend.

Als sie fast das Tor des Gitters erreicht hatte, in dem ein Seitenpförtchen für sie offen stand, kamen leichte, leise Schritte über den Kies, und eine Stimme sagte: »Guten Abend.«

Josefine wich unwillkürlich zurück. Sie hatte sich unausgesetzt mit ihm beschäftigt, hatte bei dem Zank der Kranken gedacht: Wie entsetzt würde Hovannessian sein, wenn er dies hörte! Sie hatte sich eben gewöhnt, alles an ihm zu messen, was ihr begegnete.

Und nun war er plötzlich vor ihr, schien hier auf sie gewartet zu haben.

»Wollen Sie spazieren, oder sind Sie müde?« sagte er leise, indem er an ihre Seite trat.

Befangen, wortlos, taten sie nebeneinander einige Schritte.

»Es ist aber schwül,« sagte Josefine gepreßt, »es kommt etwas.«

»O nein, noch nicht. Ich möchte, wenn Sie erlauben – einige Worte mit Ihnen –« Seine bebende Stimme sagte alles.

Das Schweigen, mit dem sie an Josefines Hause vorüber und die noch unbebaute ansteigende Straße hinangingen, war betäubend.

Sie standen einen Augenblick und blickten auf das lichtdurchstickte Stadtbild unter ihnen, auf das jetzt alle Sterne und der Mond leuchtend heruntersahen. Der Wind strich mit einem plötzlichen tiefen, dumpfen Orgelton über die Berghalde hinter ihnen.

Hovannessian hielt ihre Hand, drückte sie an die Lippen und atmete tief. »Mir ist so schwer ... Ich kann nicht mehr zu Ihnen kommen ... So gespannt, so unruhig ...«

»Ja,« flüsterte Josefine mechanisch, »ja, es ist wohl –«

»Ich weiß – Sie lieben – einen – anderen –; ich – ich weiß – Sie – o, ich bin Ihr Freund – ich möchte – Sie lieben – ihn – Ihren Mann –« Er zeigte flüchtig nach oben. »Ach, könnt ich Sie nehmen und aus allem heraustragen, und wir fliegen – fliegen auf einen schönen Stern! Muß ich – muß ich fortbleiben? Soll ich – Josefine?«

Sie hob ihre angstvollen Augen auf, flehend, außer sich. Nein! nein! flehten ihre Augen. »Ja,« hauchten ihre zitternden Lippen.

113 Er stöhnte auf, der Fleheblick brachte ihn um alle Besinnung.

Josefine fühlte plötzlich etwas Starkes, Mächtiges, Heißes, das sie ganz umschlang, ganz einhüllte.

Sie zerschmolz in einer nie empfundenen Glut.

Eine Flamme zuckte auf ihren dürstenden, verbrannten Lippen.

Sie bäumte sich zurück, stemmte die Hände gegen seine breite, hochklopfende Brust ...

»Willst du nicht mein sein? willst du nicht?« rauschte es an ihrem Ohr wie ein Wildbach. Und der wilde Bach ihres Blutes schrie »ja«. Aber ihr selbst unerklärlich, unbewußt riefen die Lippen: »Nein! nein!«

»Nein!« Er lockerte seinen Arm um ihre Schulter, er seufzte laut.

»Nein?«

»Nein!« wiederholte die Frau, »nein! nein!«

Sein Arm sank herab. Er nahm ihre Hand, klemmte ihre Finger zwischen seine Zähne. »Ich soll nicht wiederkommen?«

»Nein!«

»Und du wirst mich vergessen, Josefine?«

Ein gebrochener Laut kam aus ihrem Munde, sie bebte am ganzen Körper. »Sterben,« flüsterte sie rauh, »nur sterben!«

Ein plötzlicher Schauder überlief seine große, prächtige Gestalt. »Das ist zu schwach für dich! – du – wirst leben,« sagte er leise, nachdrücklich.

Die Hand vor den Augen stand er eine Weile stumm. Josefine rührte sich nicht. Die Luft war voller Seufzer.

Ihr war, als sei er schon fern, fern, als sei sie schon gestorben.

»Nach mir – was ich tun werde, fragst du nicht,« sagte er bitter.

Hastig trat sie auf ihn zu: »Was wirst du tun?«

Da zog er sie noch einmal in die Arme und begann zu flüstern, in seiner Sprache, mit erstickter Stimme, mit nassen Augen, einen Segen, ein Gebet, einen Dank. Und dann: »Lebe! lehre mich zu ertragen! du wirst vieles tun! Ich werde von dir hören. Vielleicht hörst du von mir. Wir haben Aufgaben dort – du weißt ... in Rußland!« Sein Ton verlor die dringende Wärme, seine Augen blickten groß und über sie hinaus. »Zwischen dir und mir liegt ein Dolch,« sagte er mit gerunzelten Brauen. Seine Arme gaben sie frei. »Du hast es so gewollt.«

Das Wetterleuchten um sie herum ruhte keinen Augenblick, es war ein rotes und grünliches Lohen, die ersten Donner rollten über den See. Hell schien der Mond.

›Erschlagt mich, ihr Blitze‹, wimmerte Josefines gequälte Seele, ›dies ist mehr, als ich tragen kann.‹

114 Sie wendete sich um, entfernte sich: »Einziger Freund!« stammelte sie mit gesenktem Kopfe, »lebe wohl – glücklich du! – vergiß – ich – ich – danke – dir –«

Sie verschwand im Schatten der Bäume. Ihre Worte verklangen klagend im Rauschen der Äste.

Hovannessian ließ sie gehen ... Er wartete, daß sie zurückkehren, daß sie wenigstens den Kopf nach ihm zurückwenden würde.

Aber sie tat es nicht. Mit wankenden Schritten, in gebeugter Haltung, aber durch eine unerklärliche Kraft beseelt ging sie vorwärts, blind geradeaus.

Wenn ein Berg dort vor ihr wäre, sie würde hindurchgehen, dachte der Mann.

Er folgte ihr in einiger Entfernung, sah, wie sie in den Lichtkreis ihres Hauses trat, wie sie sich zu kurzer Rast an die Pfosten des kleinen, hölzernen Vorbaues lehnte. Mit hintenüber gesunkenem Kopf stand sie, den Hut in der schlaff herabhängenden Hand.

Er fühlte, daß er sie allein lassen müsse, aus Schonung, aus Zartgefühl, aus einer Liebe, die er sich selbst nicht zugetraut, und die ihm plötzlich gekommen war, irgendwoher, vom Himmel herunter oder aus dem Herzen der Frau, die ihn geboren.

›Gefunden und verloren‹, dachte er. ›Warum drängt alles vorwärts! Warum konnte es nicht bleiben, wie es war!‹

Sie war im Hause verschwunden.

»Gott schütze dich! Gott sei mit dir!« murmelte der Mann unter den Bäumen, mechanisch –

Er glaubte an keinen Gott, er glaubte an keinen Schutz, der sich erflehen ließ, aber in dieser heiligen Stunde fand er auf seinen Lippen die Worte seiner Mutter, die er liebte, die Worte einfältiger, demütiger, ergebener Zärtlichkeit.

Auf dem Bänkchen in der Anlage, wo er ihr Haus sehen konnte, verbrachte er die Nacht.

Zwei Tage später hatte er die Stadt verlassen.

 

Und Josefine lebte weiter in dem verödeten Zimmer, in dem verödeten Hause, in der verödeten Stadt.

Die Welt war eine Wüste geworden.

Lebte weiter, ein Leben ohne Sinn und Inhalt, ohne Sonne und Stern, verstümmelt und verarmt.

Lebte so, lange, lange Monate, vier qualvolle Monate.

Nicht untätig, aber in einer seellosen, bewußtlosen Tätigkeit, aufnehmend und wieder vergessend, und von neuem aufnehmend und von neuem vergessend.

Die Arbeit, ihre Ehre und ihre Hoffnung, war wieder nur das Opium geworden, das ihre Schmerzen betäubte, abstumpfte, einschläferte.

115 Sie spann sich in ein dichtes Netz; was draußen vorging, war so gleichgültig geworden. Eine seltsame Unempfindlichkeit gegen Böses und Gutes stellte sich ein. Ihr Verkehr mit den Kindern selbst, mit den Hausgenossen und Freunden wurde äußerlich und unfruchtbar.

›Aus der Einsamkeit kommen wir, in Einsamkeit leben wir, in die Einsamkeit kehren wir zurück,‹ fühlte sie, und groß und fremd blickte sie die anderen Menschen an, die von Gemeinsamkeit, Zusammenwirken, Solidarität sprachen.

Sie war allein. 116

 

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