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Gutenberg > Ilse Frapan >

Arbeit

Ilse Frapan: Arbeit - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleArbeit
authorIlse Frapan
year2007
firstpub1903
addressBerlin
titleArbeit
pages198
created20150301
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch

Rastlose Tätigkeit, wie freundlich bist du dem Leidenden, der sein Herz nicht beschwichtigen kann. Aber Gedankenarbeit muß es sein, Gedächtnisarbeit selbst ist willkommen. Das stärkt, das lindert, das – betäubt.

Die Uhr schlägt halb sechs. Dunkel, mondlos ist der Wintermorgen.

Steh auf, Josefine, die du müde wie eine Lohnarbeiterin gestern abend auf dein Bett sankest; um sieben Uhr beginnt das Kolleg.

Wecke die Kinder nicht, sie brauchen den Morgenschlaf, wecke nur Laure Anaise und das Mädchen, das dir und den drei Pensionären das Essen bereitet. Zwei von den dreien müssen auch geweckt werden, sie haben auch um sieben Kolleg.

Da poltert schon einer in die Küche, um sich die Stiefel zu putzen.

Ein ordentlicher Mensch, dieser Bernstein; der Einfall, daß sich jeder hier selbst die Schuhe zu putzen habe, stammt von ihm.

»Kocht das Wasser, Laure Anaise? Ein Ei für jede Person; wir haben Kolleg bis elf in einem Ruck, dann komm ich heim. Nur zwei Grad heute morgen? Zieh Hermannli die wollenen Strümpfe an, die ich zurecht gelegt habe, und laß Rösli nicht ohne Jäckchen in den Garten. – Guten Morgen Kollege! Ist Ihr Referat fertig? Ich brauche einen hellroten Farbenstift, können Sie mir aushelfen? Ich werde mich blamieren heut im Präpariersaal, Sie sollen sehen!«

Bernstein ruft zum Tee. Bernstein macht immer den Tee morgens. Er hat seinen Samowar dazu hergegeben. Ein ordentlicher Mensch, dieser Bernstein. Immer gelassen, hilfbereit, ohne Galle.

Er steht neben dem Samowar und liest. Das ganze Zimmer ist voll Holzkohlendampf. Zwei Bücher hat er unter dem Arm, die Pelzmütze liegt vor ihm auf dem Teller. Er liest halblaut, murmelnd und blickt nicht auf, wenn jemand kommt. Laure Anaise lacht über Bernstein, aber Bernstein ist ein ordentlicher Mensch.

Den heißen Tee geschluckt, die Kinder geküßt, die sich erwachend die Augen reiben, noch ein paar Anordnungen an Käthe wegen des Mittagessens, und hinaus in den Wintermorgen. Die Laternen brennen rot. An der Spitalscheuer heult der Hund an der Kette. Ein Wagen fährt ganz langsam in den Spitalhof ein; ein anderer mit einem schmucklosen Sarge rasselt hinaus. Beide, der Krankenwagen und der Totenwagen, fahren an Josefine vorüber, die in das Auditorium der Anatomie geht. Sie blickt sich nach dem Sarge um, trübe Gedanken wollen sich ihrer bemächtigen.

32 Da läuft es eilig heran durch den Nebel über den knirschenden Kies. Eine Kollegin. »Hören Sie, schlägt's schon ein Viertel? Nachher sind unsere Plätze fort.« Sie stürmen vorwärts.

Atemlos hinein und auf die Plätze. Die ganze Wandtafel ist schon vollgezeichnet, der Assistent wäscht sich eben die Hände. Man gähnt, zeichnet nach und gähnt.

Richtig, der hellrote Farbenstift fehlt. Fatal!

Ist da schon der Professor? Wischt der Assistent die Zeichnung schon ab? Es ist ja noch niemand fertig! Was für eine Art ist denn das, abzuwischen, ehe jemand fertig ist?

»Meine Herren und Damen –«

Zwicky wird die Zeichnung haben, denkt Josefine, während sie eifrig nachschreibt. Zwicky ist der zweite Pensionär. Auch ein ordentlicher Mensch, aber hitzig und ehrgeizig, nicht so wie Bernstein.

In den Präpariersaal jetzt. Nun, was ist da für ein Auflauf? Etwas besonders interessantes? Ach nein, nur eine frische Leiche, eben aus dem Wasser gezogen. Eine Frau, die mit ihrem Kinde in die Siehl gesprungen ist; sie wird sofort »verteilt«.

Josefine weicht zurück, es ist ihr immer noch schwer.

Der Prosektor sagt etwas. Ein einziger lacht.

Dann dröhnendes Gescharre. »Was hat er gesagt?« Das Scharren will kein Ende nehmen.

»Geniert Sie das, meine Herren?« piepst die schwache Stimme des Prosektors. »Sehen Sie her, es ist, wie ich sage. Wir haben noch keinen Proletarier seziert, der nicht auch sein bißchen Fett gehabt hätte.«

Sie scharren wieder. Der Prosektor ist durchaus unbeliebt.

Josefine geht mit ihrem Präparat an ihren Tisch. Die Hand ist's, die sie bekommen hat, die rechte Hand der Selbstmörderin. Eine feine, jugendliche Hand, die Finger von Nadeln zerstochen. Die Hand einer fleißigen Näherin. Nun starr, bläulich, gekrümmt.

»Ist Ihnen schlecht?« ruft die Kollegin vom Nachbartische, »wollen Sie eine Zigarette?«

Josefine bezwingt sich, raucht und beginnt ihre subtile Handarbeit an der zernähten Hand. Eine Mutter mit ihrem Kind im Arm – in der Siehl gestern – heute hier – zerstückt – von einer anderen Mutter, die an ihrem toten Leibe den Bau – die normale Anatomie studiert.

»Was? ich werde doch nicht ohnmächtig? Kollegin, Wasser! Nein, ich laufe hinaus! Aber ich komme sofort wieder. Lassen Sie niemand mein Präparat wegnehmen, bitte – oh – Luft!«

Josefine kommt zurück, noch etwas blaß, aber gefaßt. Sie schämt sich ihrer Schwäche. Sie möchte sich verteidigen. »Ich begreife das nicht. Ich stehe ganz ruhig 33 und interessiert, schneide vorsichtig, habe keine Spur von Widerwillen, und plötzlich fühle ich etwas unter den Fußsohlen, so eine Schwäche – es dreht sich langsam alles im Kreis – der Magen wird ungemütlich – im Munde –« Sie schüttelte sich, sie fürchtete eine Wiederholung des Anfalls.

»Ich denke gar nichts,« sagte die Nachbarin ruhig. »Tun Sie das auch. Ich finde, diese Präparate sind wirklich angenehm. Neulich hatte ich mal eins mit Würmern unter der Haut. Das war widerlich. Es muß ja doch sein.«

»Können Sie sogar hier essen?« ruft Josefine fast erschrocken.

Die Kollegin kaut. »Nur Beefsteak, englisch, nicht. Es ist 'ne gewisse Ähnlichkeit. Aber mein harmloses Butterbrot – warum nicht?«

Warum nicht? Es muß ja sein. Man muß ja essen, alles muß so sein, wie es ist. Die magere, zernähte Hand, die scharfen Messerchen zum Zerschneiden, der Selbstmord der Armen. Woher sonst frisches Material nehmen für die »normale Anatomie«?

Ich – das hier – der Präpariersaal – arme, verzweifelte Mutter – starrer Zeigefinger du –

Nun, was ist das heute mit mir? Fängt es schon wieder an? Nimm dich zusammen, Josefine, der Assistent kommt. Er wird dich fragen nach den Namen der Muskeln, der Nerven, die diese arme Hand – Um Himmels willen, was ist mit mir? Ich werde mich blamieren! Sie ist ja tot. Fühlt nichts mehr. Hat den Witz des Prosektors nicht gehört. Keine Miene verzogen! Du willst doch lernen. Lernen, um nachher helfen zu können! Kann ich – kann ich helfen? Solchen armen Müttern, die in die Siehl springen müssen mit ihrem Kinde im Arm?

Da! der Assistent. Er schiebt heran. Das tägliche Examen beginnt.

›Das ist's ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.‹

Immer zitiert er, der Assistent... »Was er erschafft –«

Und was er zerstört auch. Wieso zerstört? Hier wird nichts zerstört. Nur schön reinlich zertrennt. All die Muskeln, die Bänder, die Nerven. Nachher gibt es ein zierliches Präparat. Man lobt sogar. Es muß ja sein. Aber doch lobt man das schönste Präparat. Das ist für den Ehrgeiz.

Warum sprang sie in die Siehl? Sitzt ihr Mann vielleicht im Zuchthaus? Und die Kindesleiche? Die ist gleich in Eis gelegt, nicht wahr?

Ach richtig, daß ich es nicht vergesse – morgen ist Röslis Geburtstag. Die kleine Wachspuppe muß ich noch kaufen, sie freut sich so darauf. Liebes Rösli du!

34 Aha, der Professor auch noch. Jetzt examiniert der noch einmal. Werd ich bestehen? Werd ich mich blamieren? Nein, ich werde schon wissen, ich bin das meinem Vater schuldig.

Was für ein häßlicher, quarrender Ton? Woher kommt der?

»Nein aber!« ruft die Kollegin, »der Lausbub, der Luzerner, sehen Sie, was der macht. Hat den Magen da genommen und bläst ihn auf wie 'nen Dudelsack! Seelenroheit!«

Der Bursche lacht »hihi!« Ein paar lachen mit.

»Pfui!« schreit Josefine. Es ist ihr so entfahren, ganz laut und empört. Alle gucken sie an. Einige nicken.

»Das hätten Sie sich sparen können,« sagt die Kollegin, »der bringt's in die Bierzeitung, passen Sie nur auf. Man muß diese Dinge nicht so ernsthaft nehmen. Der Lausbub kommt vom Frühschoppen. Das macht nur böses Blut gegen uns Weibliche. Tun Sie das, bitte nicht wieder.«

Josefines Gesicht zuckt. »Immer werd ich pfui schreien, wenn's nötig ist. Sollen wir überall dabei sein und schweigen? Man läßt uns zu – nun – wir wollen den Ton mit bestimmen, der hier herrschen darf!«

»Sie sind zu hitzig. Wenn Sie so machen, fliegen wir Weibliche nächstens hinaus. 's ist ja nur ein dummer Junge.«

Am Ausgang trifft Josefine mit dem Luzerner zusammen. Er bringt sein blasses freches Gesicht dem ihren ganz nah und schreit: »Sie da! Warum haben Sie pfui gerufen?«

»Warum?« Josefine sieht ihn ernsthaft an. »Solche Roheiten gehören nicht in eine wissenschaftliche Anstalt, Herr –«

Der Student blinzelt. Seine Augen röten sich vor Wut. »Sie haben hier nichts zu monieren. Dazu ist der Prosektor da.«

»Ich werde mich beim Professor beschweren!«

»Hihi! sogar beschweren! Haben Sie nicht gehört, was der Doktor Ebert vom Proletarierfett gesagt hat?«

»Schämen Sie sich, Herr!« ruft Josy.

»So? auch noch schämen! Wer zimperlich tut, mag draußen bleiben, wissen Sie's jetzt?«

Es hat sich ein Kreis um die Streitenden gebildet, niemand greift ein. Der Luzerner ist ein bekannter Raufbold.

»Ich hab's ja nur ausmessen wollen, wieviel Kubikcentimeter Inhalt so en Proletariermagen faßt,« grinst der Bursche gegen die Umstehenden.

Man lacht.

35 »Kommen Sie fort!« Die Kollegin zieht Josefine mit sich. »Sie haben schon genug angerichtet, Sie hetzen uns den ganzen Präpariersaal auf den Hals, sämtliche deutsche Studenten!«

Müde und zerschlagen heim zum Mittagessen.

Aber an der Tür laufen Josefine die Kinder entgegen.

»Einen Augenblick, Kinder, Mama muß sich erst umziehen.«

Fort mit den Arbeitskleidern, an denen der Geruch aus dem Präpariersaal klebt! Fort mit den abstoßenden Bildern, den niederdrückenden Vorstellungen dieser letzten Stunden. – ›Es ist doch gut, daß wir nicht in die Siehl gesprungen sind, meine süßen Kinder.‹

»Leg dein Köpfchen an, Rösli, schneckelt euch an die Mama; ja, die Mama bleibt jetzt bei euch, vier volle Stunden, wir haben heut einen bequemen Tag. Und morgen? was ist morgen? Wie alt wird unser Rösli morgen? Und wünscht sich noch eine Puppe, so ein großes Mädchen von sieben Jahren!«

Aber da kommt Bernstein zum Mittagsessen, lesend im Gehen wie gewöhnlich.

Josefine läßt die Kinder los und ruft ihn an: »Haben Sie die Geschichte mit dem widerwärtigen Luzerner gehört? Wo waren Sie, als ich den Streit hatte?«

Bernstein zieht die Brauen in die Höhe und blickt mit runden Augen durch die Brille. »Weiß nicht. Komme eben vom Präpariersaal. Nichts gehört.« Bernstein liest wieder.

»So hören Sie jetzt. Oder – Sie haben wohl keine Lust?«

»Ach – nein. Ich lese.«

Josefine lacht und wendet sich wieder zu den Kindern. Aber ihre Gedanken sind bei dem Zusammenstoß mit der Roheit, den sie heut wieder erlitten, und instinktiv nur drückt sie die Kleinen an sich.

Wie einsam ich bin, fährt es ihr schmerzhaft durch die Seele.

Da klingelt Hermann mit der Kuhglocke zum Mittagessen. Das ist sein Amt und sein Vergnügen. Er klingelt, bis ihn Zwicky am Ohr nimmt und ihm die Schelle entreißt. Zwicky spielt oft mit den Kindern, er packt sie derb an, aber sie haben ihn gern.

Käthe bringt das Mittagessen. Es ist genießbar, mehr nicht. Die Kartoffeln sind sogar angebrannt.

»Aber, Käthe!« ruft Josefine.

Bernstein blickt von seinem Buche auf, er macht ein finsteres Gesicht. »Beschämen Sie das Mädchen nicht, wir essen die Kartoffeln doch.«

»Wir sind nicht so verwöhnt,« fällt Zwicky ein.

Nur der dritte Student sagt nichts. Ihn scheinen die angebrannten Kartoffeln zu verdrießen. Sein Schweigen beunruhigt Josefine. Diesem Neuen gegenüber fühlt sie sich als »verantwortlicher Minister,« wie sie das nennt.

36 »Es tut mir sehr leid, Herr Dubois – Käthe hat vielleicht etwas anderes.«

Dubois murmelt und errötet. Der wird nicht lange hier bleiben. Diese Art fühlt sich in der kleinen Republik »Zum grauen Ackerstein« nicht behaglich. Bernstein und Zwicky sind wie zu Hause, der dritte ist immer ein Wandergast, sonderbar! –

Lateinstunde bei Zwicky, dann wieder ins Kolleg bis sieben Uhr. In die Stadt, eilig, sonst sind die Läden geschlossen und das Wachspüppchen für Rösli nicht mehr zu haben.

In den Anlagen um die Universität rauscht der Sturm, er jagt Josefine den steilen Weg des Schienhut hinab zum Hirschengraben, wo die kahlen Bäume mit ihrem breiten Geäst die Laternen fast verdecken.

Wachspuppe – morgen Repetitorium in der vergleichenden Anatomie – und der will Arzt werden? darf Arzt werden? Sind wir wirklich nur geduldet, wie die Kollegin sagt? Ach, das zahme, zahnlose, wehrlose Frauenvolk! Die Entstehung des Glykogens ist mir nicht klar, da frag ich Bernstein – noch kein Brief vom Vater – ach, mein kleiner Uli, so lang hab ich dich nicht gesehen! – Und der will Arzt werden! Und den wollen sie auf die Menschheit loslassen? – Georges –

Ein Schauder schüttelt Josefine, jemand faßt sie am Genick und dreht ihr den Kopf nach rechts hin. »Dort!«

Von Mauern umgeben, von Anlagen umschlossen, liegt dort das Haus des Schreckens wie ein Herrensitz oder ein Schloß. Was tut er jetzt! Sie haben ihn mit Schreinerarbeit beschäftigt, aber er hat kein Geschick für mechanische Arbeiten. Fortwährend verletzt er sich an seinem eigenen Werkzeug. Dann geht er müßig und brütet vor sich hin.

Ach, qualvoll! qualvoll!

Nur den Weg nicht gehen, der sich an der Zuchthausmauer entlang windet!

Sie standen nicht immer, diese Mauern. Es kam ein Tag, da wollte man dies schreckliche Haus stürmen und die Gefangenen befreien. Den schmalen gewundenen Weg kamen sie herauf, wollten die Türen erbrechen. Damals ist hier scharf geschossen worden, und nachher hat man die festen Mauern angelegt.

Josefines Herz bebt mit den Sturmstößen um die Wette.

Wenn solch ein Tag wiederkäme wie der von 1871, von dem ihr der Vater als Augenzeuge erzählt hat, und sie dabei, und sie in der vordersten Reihe! Sie wird doch in der vordersten Reihe sein, wenn es zu befreien gilt!

Komm heraus, du Armer, Verachteter, unseliger Mann du! Fühle die Luft, den Alpenwind von den Bergen herunter. Sieh, die Sonne scheint noch! Die Erde steht noch fest. Der See rollt seine blitzenden Wellen. Wer hat dir das Schandkleid angezogen? Wer hat dir die rote Nummer auf die häßliche Jacke genäht?

Ihre Seele strömte in ihre Augen, sie flossen über.

37 Wie Georges vor ihr gestanden ist, wenn sie ihn besuchte! Wie ihm die graugelbe Jacke am mageren Leibe hängt! Wie gelb sein Gesicht geworden ist, wie fahl sein Haar, wie matt seine Augen, wie schlürfend sein Schritt. Ein gebrochener Mann! Wie er wimmert und klagt und seine blutlosen Hände zeigt und auf seine Brust schlägt und ächzt.

»Morphium, Josefine, bring mir Morphium! Aber genug! Ich will nicht an der Schwindsucht sterben, das geht mir zu langsam. Du kannst es leicht verschaffen, mußt es tun! Ich hinterlasse einen Brief, in dem ich sage, daß ich das Gift noch selbst in Besitz hatte. Auf dich fällt kein Verdacht! Laß mich sterben.«

Entsetzliche Stunden, diese Besuche im Zuchthause. Krankmachende, wirrmachende Minuten.

Nun haben sie ihn nach Neuenburg übergeführt, seit einem halben Jahre ist er fort von hier.

»Aus Schonung!« sagte der Direktor. »Ihre Besuche lassen stets eine hochgradige Aufregung zurück bei dem Gefangenen; in der Zwischenzeit findet er sich in sein Schicksal so gut wie die anderen hier.«

Der Direktor hat Josefine immer mit Achtung und Mitgefühl behandelt; endlich hat er den Ausweg einer Wegführung des Gefangenen in eine Anstalt seines Heimatkantons erdacht.

»Es geschieht auch in Ihrem Interesse,« hat der Direktor gesagt.

Der Vater hat Josefine darauf einen beglückwünschenden Brief geschrieben. Er hat seine Meinung noch immer nicht geändert, der alte Plattner. Das macht den Verkehr zwischen Vater und Tochter schwierig.

An der Zuchthausmauer raschelt der dürre Efeu. Ob in Neuenburg oder hier, immer doch ist der Unglückliche dort, wo in der Mauer die Gittertür schließt, die sich nur öffnet, wenn der Wächter es erlaubt. – –

Vorwärts! in den Laden. Das Wachspüppchen für das geliebte Kind gekauft. Laure Anaise hätte den Gang machen können, aber Josefine wollte selbst.

Ach, meine Kleinen, zu wenig, zu wenig bin ich für euch! Und doch – alles, was ich treibe, mein ganzes Studium, mein ganzes Tagewerk, ist es nicht für euch? Wozu sonst lebte ich? Was wäre mir dies schwere Dasein? Ihr versteht das heut noch nicht. Ihr schmollt mit mir, wenn ich immer von euch weggehe. Einmal werdet ihr es verstehen. Einmal werdet ihr wissen, daß mich die Liebe zu euch von euch forttrieb ...

Und morgen also Repetitorium, und am Samstag zum erstenmal Diagnose machen! Himmel, wenn ich mich nur nicht blamiere!

 

Sie blamierte sich nicht. Sie machte all ihre Examina in der denkbar kürzesten Frist, trotz all der Erschwerungen. In den Pensionären fand Josefine Kameraden, die sie 38 bereitwillig und mit großer Stetigkeit vorwärts schoben. Auch das dritte Zimmer gewann einen ständigen Bewohner in Helene Begas, einer scharfäugigen, tüchtigen Mathematikerin, die Josefine bald freundschaftlich näher trat und ihre Hilfe auch auf das Stiefkind des »Grauen Ackersteins,« die geregelte Hauswirtschaft, ausdehnte. Ihr war es zu danken, daß in das Hausmädchen Käthe ein feuriger Ehrgeiz einzog, keine Kartoffeln mehr anbrennen zu lassen. Man nannte Käthe die »Ernährerin« und behandelte sie mit Achtung, und Käthe sah, daß hier im Hause niemand lebte, nur um sich einen guten Tag zu machen. Verwundert sah sie, wie emsig geackert ward im Haus »Zum grauen Ackerstein.« Es gab nur ein Gespräch, nur ein Interesse, nur ein Streben – die Arbeit! die Arbeit! und noch einmal die Arbeit!

 

Wenn Josefine später dieser Jahre gedachte, dann sah sie vor sich einen flachen Garten unter einem grauen Himmel. Mit schnurgerader Regelmäßigkeit war der Garten angelegt, in unübersehbar viele kleine Quadrate geteilt, und jedes Quadrat trug seine Namentafel. Und in diesem Garten wandert sie und ist wieder Kind. Eine zweite Schulzeit ist gekommen. Wie Hermann und Rösli denkt man nur von einem Tag auf den anderen. Wie Hermann und Rösli freut man sich, wenn man gut bestanden hat, und ist niedergeschlagen, wenn man schlecht bestanden hat. Man freut sich auf den Samstagnachmittag, weil dann kein Kolleg ist; man erwacht und will aus dem Bette springen, mit Herzklopfen, mit Angst, weil man zehn Minuten zu spät aufgewacht ist, und auf einmal dehnt man sich lachend: »Ach, es ist Sonntag! Sonntag.« Und wie gut sind die Ferien, obwohl man dann erst recht studiert, alles wieder durcharbeitet und endlich auch einmal zum Lesen kommt. Natürlich wissenschaftliche Bücher, aber zusammenfassende, philosophische, vor denen man klein wird und ganz sich vergißt und seine eigene ephemere Existenz.

Das sind schöne Jugendaugenblicke, die vor den Büchern und die vor dem Mikroskop, wo man sich in das Geheimnis des Lebens vertieft. Der Kern der stillen Zelle wird unruhig, er dehnt sich zur Spindel, die Elemente, einen Augenblick zum Knäuel verschlungen, ordnen sich an beiden Polen. Sie schließen sich zu Sternen zusammen, sie lösen sich von einander, aus dem Mutterstern sind zwei Tochtersterne geworden, die ein selbständiges Dasein führen; der Teilung des Zellkerns folgt die Teilung der Zelle, ein neues Individuum ist entstanden, da unter dem zarten Deckgläschen auf dem Objektträger, und ich hab es werden sehen!

 

Eine merkwürdige Kräftigung ging von diesen Naturstudien aus. Josefine vergaß nicht nur sich und ihr Leid, sie fühlte eine intellektuelle Freude, einen Genuß am Erkennen, der sie widerstandsfähig machte gegen die Stöße des Geschicks. Es war ihr, als gewänne sie festen Grund unter den Füßen. Sie schwebte nicht mehr im Bodenlosen, sie erkannte 39 wenigstens die Grenzlinien des unbekannten Landes, das hinter aller menschlichen Erkenntnis liegt. Es war vielleicht nicht möglich, etwas zu wissen, aber man konnte vieles sehen, woran man nie zuvor gedacht. Die Schaulust war auch eine Lust und keine geringe.

Josefine vergaß zuweilen, daß die Kinder noch jünger waren als sie, und zeigte ihnen, was sie selbst überrascht hatte. Die Kleinen sahen den lebendigen Plasmastrom durch die Stengel der Armleuchterpflanze rinnen und beguckten durch das Fernrohr die Ringe des Saturn. Josefine wollte ihnen große Eindrücke geben, die größten, die sie selber gehabt. Dann saßen die Kleinen nachher mit Laure Anaise zusammen und woben Märchen daraus. Rösli war voll Phantasie, sie dichtete am eifrigsten. Sie sah die Bäume bluten, wenn man ihnen einen Zweig abschnitt, und die Traube am Hausspalier sprach zu ihr mit deutlicher, flüsternder Stimme: »Nimm mich, Rösli, ich bin reif.« Wenn sie sich in den Straßen verirrte, dann war allemal »ein guter Zwerg« gekommen und hatte sie nach Hause geführt. »Ein Zwerg, ganz gewiß! Glaubst du es nicht, Mama? Er war ganz klein mit einem großen Bart, so wie die Zwerge immer sind, Mama.«

Fräulein Begas warnte zuweilen: »Das ist nicht gut, Frau Josy, das Rösli phantasiert so viel zusammen, Sie als Mutter sollten das nicht dulden.«

Dann lächelte Josefine. »Lassen Sie doch. Das Kind ist glücklich. Ich freue mich über seine schöne Mitgabe für das schwere Leben.«

»Ich freue mich nicht! Das Rösli wird konfus und unzuverlässig. Es lügt ganz ruhig, gerade ins Gesicht.«

»Ach, Fräulein Helene, Sie sind Mathematikerin! Lassen Sie dem Rösli sein harmloses Spiel. Das Leben ist so grau – –«

Zum Schlusse fiel Fräulein Begas über Laure Anaise her: »Auch Laure Anaise ist nicht klar. Sie macht Ausflüchte, wenn sie was pecciert hat. Und den ganzen Tag sind die Kinder mit der zusammen.«

Dann ward Josefine gereizt. »Sie verstehen das nicht, liebe Helene, Sie können Laure Anaise nicht begreifen. Das Mädchen ist wie ein Stückchen Natur, und mir sagt sie immer die Wahrheit. Ich habe Laure Anaise sehr lieb, und die Kinder hängen an ihr. Was wollen Sie weiter?«

Einmal nach solchem Gespräch kam Laure Anaise ins Zimmer. Sie brachte ein Körbchen voll zarter Herbstzeitlosen in dunkelgrünem Moos und strahlte vor Freude.

»Ach, die sind ja giftig!« rief Fräulein Begas unzufrieden.

In Josefines müdem Herzen aber erwachte ein Sturm von Zärtlichkeit. Sie nahm das zierliche Mädchen in die Arme, preßte sie an sich und küßte ihre glänzenden Kirschenaugen, in die das krause Haar hineinhing. »Ich bin froh, daß du da bist, Laure Anaise.«

40 Hinter der Portiere stürzte Hermann hervor: »Mich auch, Mama! Mich auch küssen, Mama!«

Rösli aber hatte sich zwischen den Vorhangfalten verkrochen und beobachtete stumm und gespannt ihre Mutter und Laure Anaise, die Hermann vergeblich wegzudrängen suchte. Röslis dunkle Augen glühten, ihr kleines leidenschaftliches Gesicht zuckte in verhaltenem Weinen. Und dann, als Josefine hinausgegangen war, ohne sie zu beachten, ohne sie zu sich zu rufen, stampfte sie mit den Füßen und brach in unstillbare Tränen aus.

Über den Flur schrie und wimmerte es: »Papa! Papa! Papa!«

Fräulein Begas suchte die Kleine zu beruhigen, es gelang ihr nicht.

»Was ist euch? Was fällt euch ein? Wollt ihr schweigen!« rief Josefine zornig hereinstürmend.

Die Kinder blickten trotzig zur Seite. Sie saßen auf einem Bänkchen, hielten sich umfaßt und schrien um die Wette.

»Wir wollen zum Papa,« sagte Hermann; sein Gesicht hatte einen so bekannten Ausdruck, daß Josefine zusammenschrak. »Wir wollen nach Afrika, wo Papa ist!«

Da kam es wie ein Entsetzen über Josefine. Sie fühlte eine Kälte herwehen von dem Plätzchen, wo die Kinder saßen. Sie entgleiten mir, dachte sie, ich kann sie nicht halten. Ich gebe mein Leben für sie, und sie entgleiten mir.

Sie wollte niederknien, die Kinder umfassen, mit ihnen weinen, ihre Tränen trocknen, aber sie blieb stehen, starr aufrecht, tränenlos, mit geballten Händen.

Sie sah auf einmal fremde Kinder vor sich, die ein ihr unbekanntes Weh weinen machte; – sie sah sich selbst einem unbekannten Ziel nachrennen auf unbekannten Wegen. Die Wege führten sie weit, weit fort von jenen fremden weinenden Kindern.

›In diesem selben Augenblick – was ist das? Woran denke ich? Denke ich an die interessante Anamnese von heute morgen oder denke ich an die Kinder?‹

Ein Schleier zerriß, sie fühlte die Leere um sich wie eine scharfe, bis ins Mark fressende Kälte.

›Ist alles Betrug? Wozu leb ich? Leb ich nicht für sie? Bin ich ganz allein? Ist jeder so allein wie ich?‹

Sie konnte die Kinder nicht ansehen. Sie fühlte: Es sind seine Kinder. Meine nicht. Ich liebe sie nicht genug.

Zwickys laute, lärmende Stimme tönte über den Flur. Hermann erhob den Kopf und schüttelte seine Schwester: »Onkel Zwicky soll uns reiten lassen, komm.«

Mit furchtsamen Blicken nach der Mutter, die in müder Haltung in einem Stuhl hing, schlichen die Geschwister hinaus. Rösli schluchzte noch eine Weile, bis sie sich beruhigte. Mit Laure Anaise aber wollte sie den ganzen Tag nichts zu tun haben. Abends noch beim Auskleiden stieß sie mit den Füßen nach ihr.

41 »Unsinn!« sagte sich Josefine, als sie die kleine Gesellschaft lachen und jauchzen hörte, »die Kinder entbehren nichts. Meine Sentimentalität meldet sich wieder. Die schlauen Schelme haben bemerkt, daß ich unruhig werde, wenn sie nach dem Papa schreien, und nun probieren sie's immer von neuem. Ich gebe den Kindern jeden freien Augenblick. Dies Kopfzerbrechen über unabänderliche Dinge ist ein schädlicher Zeitvertreib. Und ich habe nicht einmal Zeit. Ich habe Besseres zu tun. Ich arbeite, um den Kindern eine Existenz zu schaffen. Wenn ich die Kinder nicht gehabt hätte, hätte ich das Leben nicht auf mich genommen. Jetzt ist es mir recht, daß ich es getan habe. Es ist der Mühe wert, gelebt zu werden, solch ein Arbeitsleben. Man wird stark davon. Die Kinder werden einmal einsehen, wie schwer das war. Wenn ich die Kinder nicht hätte, wie unendlich viel einfacher läge alles. Dann könnte ich mich ganz dem Studium widmen – – dann – Mein Leben für die Wissenschaft! Ich hätte Tüchtiges geleistet, ich weiß es.«

Oft empfand sie Fesseln um sich, atmete schwer unter den hunderterlei Verpflichtungen.

»Ich kann mich dem Studium nicht so hingeben, wie ich möchte. Die anderen haben es gut. Helene, und der Bernstein erst! Wie Bernstein möcht ich am liebsten sein. Hört und sieht nichts als seine Physiologie. Die Physiologie ist seine Mutter, seine Geliebte, seine Welt. Er braucht keine Kunst, keine Religion, er braucht nur Physiologie. Ohne Zucker, ohne Butter kann er leben, ohne Physiologie nicht. So möcht ich mich konzentrieren können. So unbeteiligt, kühl und rein durch dies dumme, abscheuliche, widerspruchsvolle Leben gehen. Aber dieses beste Glück ist mir versagt. Nun – wenigstens werd ich Brot für meine Kinder schaffen. Das ist auch etwas!«

Bei dem Gedanken, daß auch das Brotschaffen etwas sei, ging ein Aufrecken jedesmal durch Josefines Gestalt.

»Ein ganzer Mensch werd ich sein, nicht nur eine Frau. Für meine Kinder werd ich arbeiten. Für meine Kinder und auch für Georges! Für dich, du Armer! Ich, die Mutter von allen!«

Eine fieberhafte Freude durchzuckte sie. Sie riß die Kinder an sich, drückte und küßte sie. »Ich, ich werde euch alles geben! Das Brot, die Kleider, das Haus! Von meinem Blut, von meinem Hirn sollt ihr leben, Kinder. Von meinem ganz allein! Versteht ihr das?«

»Spielst du dann mit uns?« sagte Rösli zaghaft unter den heftigen Liebkosungen der Mutter.

»Spielen? Nein, dazu hab ich nicht Zeit. Mama muß lernen. Hier! all die dicken Bücher. Seht ihr? In den Ferien spielen wir zusammen.«

Josefine schob die Kleine von sich und griff mit Ungestüm nach dem verlassenen Buch. Der Wirbel der Empfindungen legte sich. Sie atmete bald ruhig und gleichmäßig.

42 ›Ich werde doch können, was jeder beliebige Bub kann, lächelte sie, ich werde doch lernen, beobachten, mich konzentrieren können wie jeder dieser jungen Studenten?‹

Und es gelang vollkommen; mit den Aufgaben wuchsen die Kräfte.

 

Josefine stand vor dem dritten Examen. Sie arbeitete jetzt atemlos, aber nicht ohne Genuß, denn sie war ganz allein. Der Vater hatte die älteren Kinder und Laure Anaise mit sich in die Berge genommen, und auch die Pensionäre waren verreist.

Es war im August. Täglich wehte der Föhn und trieb die heißen Luftwellen bis in die Zimmer voll grüner Dämmerung, durch die geschlossenen Läden hinein.

Aber die Morgen waren herrlich. Wenn die Sonne die kahlen Felsen am Ütligipfel rötlich und violett anhauchte, sprang Josefine aus dem Bette, als wären diese lichten Morgenfarben grelle Trompetenstöße.

Schnell, schnell an den Waschtisch, in die große, flache Blechwanne und mit kühlem Gusse den schlummerheißen Leib erfrischt.

Schnell in die einfachen Kleider, jeden Tag dieselbe dünne schwarze Bluse, denselben schwarzen Rock. Keine Schleife, kein Band, keine Blume. Nichts als einen schmalen weißen Leinenkragen um den Hals. Keine Manschetten, nur die schwarzen langen Ärmel, die bis auf die feinen Hände fielen. In der halb klösterlichen Tracht sah sie jung und schmal aus. Das kurzgeschnittene Haar, von dem eine eigensinnige Locke in die gefurchte Stirn hing, umrahmte einen ernsten, energischen Jünglingskopf. Aber sie sieht nicht in den Spiegel. Mit nackten Füßen schnell, schnell in die Küche an den Herd – die kalten Fliesen kühlen so angenehm. Die Sonne scheint heiß in das Küchenfenster, auf dem Fenstersims tönt das Zwitschern der Sperlinge und das Scharren ihrer kleinen Füße.

Mit dem Frühstücksbrettchen hinaus auf den kühlen Balkon. Wie frisch! wie duftig! wie morgendlich! Noch fällt kein Strahl durch das Weinlaub – das Haus »Zum grauen Ackerstein« liegt still, wie unbewohnt.

Josefine trinkt ihren Tee und liest dabei. Bis elf Uhr ist der Balkon im Schatten. Alles besorgt sie sich selbst, geht nur zum Mittagessen aus und täglich zwei Stunden in den bakteriologischen Kurs. Manchmal hat sie keinen Zucker besorgt, dann trinkt sie den Tee bitter, manchmal ist die Butter aufgegessen, dann ißt sie ihr Brot trocken. Auch die Käthe ist in die Ferien gegangen, zu ihrer Mutter ins Dorf.

Nichts unterbricht die Stille um die Arbeitende als je einmal die elektrische Klingel. Dann ist's der Milchmann, der Briefträger, die Obstfrau. Manchmal ein Wort wird gewechselt, oft geht alles stumm vor sich.

Dann – die Flucht vor der Sonne, von einem Zimmer ins andere. Und doch muß man fürs Mikroskop helles Licht haben, darf die Läden nicht alle schließen. Josefine 43 liest laut, und ihre Stimme widerhallt in den menschenleeren Zimmern, deren Türen alle offen stehen, der Kühlung halber.

Heiß ist der Gang zum Mittagessen, das Essen dürftig und schlecht, denn die Pensionswirtin hat keine Pensionäre in den Ferien; bei Tisch wird kaum gesprochen.

Und nach dem Essen wieder das Buch. Es kostet Mühe, denn das Gedächtnis wird schwerfällig.

Man sieht dann Zeichnungen an, um nicht müßig zu gehen; auch beim Examen gibt es ja oft Zeichenaufgaben aus dem Gedächtnis.

Heiße, müde Nachmittagsstunden! Hirnanatomie zum Kaffee. Aber der Kaffee belebt ein wenig. Die Schuhe werden wieder ausgezogen, der heiße Kopf unter den Brunnen gehalten, die schweren Lider mit Wasser gewaschen. Man muß doch studieren, und diese Hirnanatomie ist so schwer!

Die westliche Sonne sticht wie ein blinkender Dolch zum Fenster herein. Auf dem weißen Papier der Zeichnung, des Buches, auf dem Tischtuch, der Zimmerwand erscheinen blutige Flecken.

Einen Augenblick ausruhen!

Josefine faltet die Hände über dem Scheitel und lehnt sich zurück. Nicht schläfrig ist sie, aber erregt, zerstreut, mit Herzklopfen und brennenden Augen. Ach, die Sonne! wenn sie nur einmal erst unterginge! Das ganze Limmattal schimmert in rotviolettem Nebel, und die Strahlen zielen nach allem Glänzenden im Zimmer.

Auf den Balkon hinaus mit dem Buch! Sein Asphaltboden ist weich von der Hitze, der Stuhl bohrt Löcher hinein. Die bunten Wicken aus dem Garten duften zu stark.

Es ist beklommener hier als in den Zimmern, der Föhn hat eine dumpfe Schwüle zurückgelassen.

Kaum ist die Sonne hinab, so steht schon der Mond auf dem Berg, ein großer, runder Märchenmond zwischen den runden Obstbaumwipfeln. Er steht da, aber er scheint noch nicht. Heuschrecken zirpen laut. Heuduft steigt von den Matten auf. Am Ütli brennen Feuer im Walde. Josefine lehnt einen Augenblick am Balkongitter und blickt hinaus. Schön und friedlich! Schon blinkt der Abendstern.

Schnell! schnell wieder an die Arbeit! Was zauderst du müßig! was träumst du! Es gibt noch ganze Bände durchzulesen. Alles muß repetiert werden. Du stehst ja vor dem Examen.

Wie hell der Mond jetzt scheint. Man könnte dabei lesen. Und es wetterleuchtet wieder, so wie gestern und die ganze Woche. Der Himmel öffnet Lichttore und zeigt seine verschlossene Herrlichkeit.

Stehst du noch immer da, Josefine?

Die Lampe angezündet – vielleicht auch eine Zigarette, denn die Mücken sind zudringlich hier draußen.

44 Sie sitzt bei der Lampe, raucht und liest. Eine Fledermaus raschelt am Weinlaub – nun ist sie auf dem Balkon und umschwebt lautlos die Studierende. Eine zweite, dritte, vierte, fünfte folgt. Wie kleine Gespenster kreisen sie um den energischen Jünglingskopf mit dem kurzgeschnittenen Haar und der einen Locke auf der gefurchten Stirn. Josefine blickt zerstreut dem schwebenden Schattenreigen zu. So still alles rundum. Und sie so allein, so fern von all den ihrigen, so abgetrennt. Ganz unpersönlich kommt sie sich selber vor, ganz ohne Zusammenhang mit anderen Menschen. So, als könnte nicht Freud, nicht Leid sie mehr berühren.

Die Hand, die das Buch hält, wird schlaff. Wie im Traum sieht sie die Hand an mit dem Finger, an dem der Trauring zu groß geworden ist.

›War ich einmal eine Frau? Liebte Rosen, Spitzen und Parfums?

Liebte Küsse und Bonbons und bunte Fächer? Ich?

Es kann wohl nicht sein!‹

Sie lächelt flüchtig, zuckt verachtend die Schultern, wirft die Zigarette fort und vertieft sich in ihr Buch. Physiologische Chemie diesmal. Noch viel schwerer als Hirnanatomie. Aber sie rückt sich dabei bequem zusammen.

Ich werde doch können, was jeder Bub da kann? ich werde mich doch nicht von den Buben beschämen lassen? ermuntert sie sich.

Hell scheint der Mond; nicht mehr so groß wie im Aufgang, aber in klarem Silbergrau. Die Blumen duften, lautlos schweben die Fledermäuse – Josefine studiert.

Wie gut das ist, so allein zu sein! wie wohltuend diese Einsamkeit. Alles schläft ein, was quält und stört, und nur das reine, blaue Flämmchen Intelligenz brennt still in diesem stillgewordenen Hause.

Josefine schrak auf.

Stürmisch und anhaltend ertönte die elektrische Glocke der Haustür, die sie schon seit einer Stunde geschlossen hatte.

»Wer ist da?« rief Josefine vom Balkon zu der vom Mondlicht hell beschienenen schwarzen Gestalt hinab, die auf der Haustreppe stand.

»Depesche!« scholl es zurück.

Bei dem Schein des Mondes, der den weißen Gartenhag in ein Kirchhofsgitter verwandelte, las Josefine:

Ninina schwer erkrankt. Keine Hoffnung.

Dein Vater.

 

Mit schweren Füßen stieg Josefine die Treppe wieder hinauf.

Es war aber noch kaum Schmerz, was sie empfand, nur eine dumpfe Mattigkeit und Verstörung.

45 Sie kam in das erste Zimmer und erschrak vor dem hellen Mondschein; als sei etwas Unheimliches in ihrer Abwesenheit eingedrungen.

In allen Zimmern schien der Mond, in allen Zimmern webte etwas Unheimliches, Drohendes.

Auf dem Balkon schwebte immer noch der Fledermausreigen um die brennende, von keinem Luftzug gestörte Lampe. Ein Kranz von toten Nachtschmetterlingen lag auf dem Tisch um die Lampe her und auf dem aufgeschlagenen Buch.

Alles sah so fremd, so verändert aus, wie erstorben.

Der Gedanke, daß ihre stille Arbeit hier nun plötzlich zu Ende sei, ergriff Josefine mit schmerzlicher Heftigkeit.

»Keine Ruhe,« murmelte sie, »keine Ruhe!«

Plötzlich sah sie Nininas zartes Köpfchen vor sich in der Luft. Die Augen waren geschlossen, die Lippen welk. Sie starrte auf das Bild.

»Nini!« stammelte sie zärtlich, »Nini!« dringend, bittend.

Sie sprang auf, blickte wild um sich, aber ihre Augen blieben trocken.

»Keine Hoffnung? keine Hoffnung?«

Sie lief durch all die leeren Zimmer, hob die gefalteten Hände empor und stöhnte: »Nini! keine Hoffnung! Nini!«

Dann wollte sie es plötzlich nicht glauben, suchte das Telegramm, fand es nicht, fand es zuletzt und las mit stieren Augen den Aufgabeort: ›Camischolas‹.

Sie ging auf den Balkon, schlug die Bücher zu und löschte die Lampe. Aber weiß und geisterhaft leuchtete der Mond auf dem Balkon und in allen Zimmern.

Sie sagte laut mit rauher Stimme: »Es wird sterben. Es ist schon tot.«

Dann nahm sie alle Bücher aus dem Bort und baute sie auf dem Tische auf, ohne zu wissen, was ihre Hände machten.

Sie hatte keine Gedanken, nur Bilder, immer das Kinderköpfchen mit den welken Lippen, und dann das Dorf dort oben in Graubünden: Camischolas, die grauen Schindeldächer so klein unter den mächtigen Bergen.

»Über Chur,« sagte sie und begann ohne Licht nach dem Fahrplan zu suchen. Aber er war vom Winter her und diente ihr nicht.

»Nini! keine Hoffnung! Nini!«

Sie lief in die Küche und putzte ihre Schuhe, bürstete ihr Kleid.

Dann packte sie einige Sachen zusammen und stand auf dem Balkon und sah den Morgen kommen über den See. Er kam mit streifigem, dunklem Gewölk und leisem Regen, aber es war doch der Morgen; man konnte nach dem Bahnhof gehen und den ersten Zug nehmen, reisen.

 

46 »Wir haben ihr Blumen gegeben, Mama, viele blaue Glockenblumen und rote Bergnelken, aber Nini wollte sie nicht, Nini wollte nichts,« erzählte Rösli mit fragenden ängstlichen Augen. »Auch Vergißmeinnicht, Mama, und kleine weiße Lilien und Fingerhut! Ich weiß, wo sie wachsen. Nini ist dort, ich hab es gesehen. Da in einem Loch bei der Kirche. Laure Anaise lügt immer, sie sagt, sie ist im Himmel.«

Hermann beugte sich zu der Mutter Ohr: »Aber der Großvater ist sehr grob, Mama, das ist ein alter böser! Immer hat er Nini gebadet, und sie schreit: ›Bitte, bitte! ich will ganz artig sein!‹ Nun ist sie davon gestorben, Mama. Aber er soll es nicht hören – er kommt, Mama, er kommt; sag es ihm nicht! bitte, sei ganz freundlich, damit er nichts merkt.« Dann lief er dem Großvater zu und schmeichelte: »Wir haben die Mama gefunden! Sie ist in Rueras ausgestiegen, weil alle Leute ausgestiegen sind. Wir wollen der Mama gleich Ninis Grab zeigen. Sie hatte schon ›bien di‹gelernt, nicht Großvater?«

Mit einer Gebärde des Widerwillens schob der alte Plattner den Buben von sich und ergriff seiner Tochter Hand: »So schnell ist's gekommen. Ein gesundes Kind ... Gestern haben wir's begraben ... Komm ins Haus, Josy.«

 

Es gibt eine Grenze der Leidensfähigkeit, über die hinaus keine Steigerung möglich ist.

Josefine empfand nur einen dumpfen Kummer über den Tod ihres jüngsten Kindes. Sie hatte es nicht leiden, nicht sterben sehen, und sie fühlte eine Art von Dank dem Schicksal gegenüber, das ihr diese Qualen der Ohnmacht erspart hatte.

Wie die Erzählung eines Fremden, der fremdes Leid berichtet, vernahm sie ihres Vaters Worte. Die drei Tage der Krankheit hatten ihm viel von seinem gewohnten Frohmut gekostet. Die Unmöglichkeit, sofort einen Arzt zu beschaffen, hier in dem hoch in den Bergen gelegenen Alpendorf, war eine schwere Prüfung gewesen für den Mann, der sonst in einer größeren Stadt lebte, wo es in jeder Straße einen Arzt gibt.

»Das Kindli erkrankte in der Nacht, hatte plötzlich Krämpfe. Die Wirtsfrau ist ordentlich: sie machte einen Tee und ein laues Bad. Sagte, das sei nichts Auffallendes bei Kindern. Morgens dann lag das Kleine und schlief ruhig. Ich ging hinunter nach Disentis, aber der Arzt dort war über Land und fort. Wie ich zurückkomme, ist's Nina aufgewacht und verlangt zu trinken. Gegen Abend wieder Krämpfe. Ich schicke einen Boten nach Disentis – es sind immerhin achtzehn Kilometer ab und auf –, der Doktor solle sofort kommen. Der Bote bringt die Nachricht: der Doktor ist im Dunkel aus seinem Wagen gestürzt, hat einen Armbruch und Kontusionen im Gesicht. Schickt etwas Beruhigendes mit. Morgen wird er dann selber kommen. Soll ich etwa nach Andermatt fahren? überlege ich. Ich fahre nach Andermatt, finde den Arzt, nehme ihn mit. Er sieht das Kindli an und findet die Krämpfe unerklärlich, denn im Augenblick 47 ist keine Spur von Krämpfen da. Gibt eine Medizin und fährt ab. Über die Oberalp, weißt Josy, das ist eine Tour für die halbe Nacht! Wär nicht Vollmond gewesen, hell wie am Tage, er wäre nicht weggefahren. Kaum ist er fort, fangen die Gichter wieder an. ›Lauf dem Wagen nach!‹ schrei ich Laure Anaise zu, und die läuft, bis sie hinfällt. Der Wagen ist zu weit voraus, man kann ihn nicht einholen. Eine böse Nacht, sag ich dir, eine Nacht! Ohnmächtig – dumm, ah pfui, es ist 'ne Misere. Früh um sechs Uhr meldet sich der Doktor-Patient mit der Armschiene und dem verbundenen Kopf. War ein braves Mannli, aber etwas einfältig. Meinte, ich hätte mit dem kranken Kindli zu ihm kommen können, da er selbst blessiert sei. Aber wie er das Nina sieht, vergeht ihm der Spaß. ›Da ist leider nichts zu machen. Der nächste Anfall macht Schluß.‹ Ich steh da, als hätte er mir eins ins Genick gegeben. ›Aber gestern hätt man noch helfen können?‹ sag ich. – Schüttelt er den Kopf: ›Nein, die Art ist immer tödlich, zumal in dem Alter.‹ – ›Viereinvierteljahr,‹ sag ich. – ›Präzis,‹ sagt er. Ein braves Mannli, nur ein wenig einfältig. Aber er war ja selbst blessiert, auf den Kopf gefallen. Er blieb bei mir und der Nina, bis es vorüber war.«

Mit seinem gebräunten, faltigen Gesicht, umrahmt vom langen, weißen Haar, stand Plattner der Tochter gegenüber wie ein unschuldig Angeklagter, der sich verteidigt.

»Es ist nichts versäumt worden, glaub es mir – mußt es in Geduld annehmen,« sagte er und drückte ihre Hände, während seine klaren, blauen Augen sich trübten.

 

Josefine nahm es an »in Geduld«. Sie war sehr ruhig. Alle wunderten sich im Dorf. Sie hatten gedacht, daß so eine städtische Mutter weinen und schreien würde. Die Städtischen hatten so wenig Fassung, so wenig Haltung.

Aber diese schrie und weinte nicht. Man grüßte sie, redete sie an, sie erwiderte auf Romanisch, kurz und einfach. Mit ihren ernsthaften, stillen, klugen Gesichtern blickten die Bauern und Bäuerinnen die Städtische an und fanden ihr ernsthaftes, stilles, kluges Gesicht vertraut und verständlich. Diese schwarze hagere Frau mit den dunkelumränderten Augen wußte, daß das Leben kein Kinderspiel ist, und daß man sich drein schicken muß.

Sie alle mußten das. Hoch und wild sind die Berge, und das Häuschen ist gar klein. Lawinen, Steinmuren schicken die Berge herunter, zerknicken den Wald, wie ein Kinderfinger ein Hölzchen knickt, verschütten die duftende Matte, vernichten Menschen und Tiere. Das Hochgewitter kommt, und alle Bäche werden zu tollen Riesen, die mit wütenden Sprüngen herunterpoltern, Felsstücke schleudern, die Brücken einrennen, Schlammströme über die kargen Felder ausspeien.

Da beugt man den Nacken und hält still.

Und am Morgen nach der Verwüstung glühen die mörderischen Verwüster in kinderreiner, unschuldiger, roter Pracht, der Himmel strahlt, alle Engel lachen, und 48 das arme Menschlein kniet auf dem zerwühlten Grunde, und seine Tränen werden zu Gebeten vor der Herrlichkeit und Schönheit, die töten kann und entzücken zugleich, so daß man das Sterben nicht fühlt.

 

Wie ein Bild nur, nicht wie Wirklichkeit empfand Josefines müde Seele die großartige Umgebung. Das grüne Tal mit dem brausenden, weißschäumenden jungen Rhein, die steil aufragenden fichtenbewachsenen Vorberge, die abenteuerlich gezackten, weißgekrönten Himmelsstürmer, die dahinter starren, das Tal eng umschließend, wo die braunen zierlichen Holzhäuschen mit den grauen steinbeschwerten Dächern stehen.

Die Mittagssonne sengt die Haut, nur das Kirchlein wirft einen kleinen Schatten, und dort auf dem Thymianbeet spielen die Kinder, und Josefine sitzt dabei.

Wie auf einer Klippe, von allen Seiten frei, steht das Kirchlein von Sedrun, auf dessen kleinem Friedhof sie Ninina begraben haben. Camischolas hat keinen Kirchhof.

Da naht wieder ein Begräbniszug. Der Küster voran mit der schwarzen Trauerfahne, zwei Priester im gelben, seidenen, blumigen Ornat, der gute, alte, weißhaarige Kaplan von Rueras im langschößigen, verschabten, schwarzen Rock, der kahle Sarg ohne Kranz, ohne Blume, und dahinter in langem, langem Zuge in unförmlichen schwarzen Jacken steckende, zusammengekrümmte, betende, schwatzende Frauen. Auch Kinder. Ebenso schwarz sind die Röckchen, aber die Gesichter rot und munter, die Rücken gerade. Die Rosenkränze drehen sich zwischen den hartgearbeiteten dunkelbraunen Händen, die Lippen murmeln Totengebete, auf den bunten Säumen der Kopftücher und der Schürzen spielt die Sonne.

Hinein in die Kirche der ganze Zug. Josefine schließt sich an. Sie ist ja im Leid wie die anderen hier. Es ist auch das ganze Dorf mitgegangen, als man Ninina begrub.

Und Josefine ist's, als ob man ihr Kind jetzt begrabe.

Der Zug löst sich auf. Der Sarg wird vor den Hauptaltar getragen. Die Bäuerinnen aber gehen, eine nach der anderen, zuerst in die Seitenkapelle, vorüber an dem lebensgroßen steinernen grauen Kruzifix, zu dem mit weißen Schädeln wunderlich geschmückten Altar. An der einsamen Kerze, die dort mit flackerndem Schein die leeren Hängehäuse beleuchtet, zündet jede der Leidtragenden ihr eigenes mitgebrachtes Kerzchen an.

Schützend hält sie die Hand vor die zuckende Flamme und begibt sich auf ihren Platz in der kellerkalten, dunklen, weihrauchduftenden Kirche.

Lange Gebete von murmelnden Stimmen. Lange Gesänge aus rauhen, ungeübten Kehlen. Eine lange eintönige Predigt neben dem schwarzen schmucklosen Sarge.

Wie traurig zittern die schwachen Kerzenstümpfchen im Atem der Betenden die dunklen Bänke entlang! Alles liegt auf den Knien. Die Lichtchen knistern und 49 verlöschen. Ein neues ist in Bereitschaft – so lang ist die Andacht, auch dies wird noch abbrennen.

Josefine betet mit aus dem Buche ihrer Nachbarin. Sie will niemand hier kränken – sie alle gingen mit Ninina.

»Sind wir nicht alle Fleisch und Bein?« hat man ihr geantwortet, als sie hat danken wollen.

Sie betet mit, sie will niemand hier kränken.

Die Messe ist zu Ende. Man geht hinaus. Die Freunde des Toten, die seinen Sarg bis hierher getragen, bringen ihn hinaus in die Gruft.

Draußen wieder ein langes Gebet. Jeder kniet an dem Grabhügel seiner Lieben, eines Verwandten, eines Freundes.

Der Himmel strahlt in feurigem Blau, wie eherne Riesen starren die Berge, und hier, auf der kleinen grünen Klippe über dem Abgrund kniet das mühebeladene, leidgewohnte Leben am offenen Grabe. Die goldenen Strahlensterne an den schwarzen Kreuzen leuchten, die bunten Säume der Kopftücher und Schürzen flimmern rot und gelb – vergänglicher Schmetterlingsflügelstaub auf den schwarzen Schwingen des Todes.

Und überall so, in der ganzen Welt, denkt Josefine. Eine kleine grüne Klippe, auf der das zagende, kurze Leben sich zusammendrängt, verloren im Nichts, in der Nutzlosigkeit, in der Zwecklosigkeit.

›Nini ist tot. Ruhe, mein Kind. Du warst so klein und hast schon leiden müssen. Nun wirst du nie mehr leiden. Ruhe ist das Beste. Ruhe, mein Kind.‹ –

Besorgt blickte Plattner seine Tochter an, als sie hereinkam. »Warum bist nicht mit nach Chiamutt?« sagte er unzufrieden. »Da sieh, Alpenrösli hab ich noch g'funden, und der Strahler, wo ich besucht hab, ist 'n drolliger Kerle, der kann dir erzählen.«

Josefine nickte zerstreut.

»Wie ist dir's denn, Josy, hm?« drängte er, ihre Hand ergreifend, »'s hat di arg anpackt, gelt du?«

»Nein, ganz gut, Vater,« machte Josefine, »aber ich möchte bald wieder fort. Meine Arbeit wartet auf mich.«

Plattner nahm die Pfeife aus dem Mund.

»Schon?« sagte er. »Solltest dir e bitzli Ruh gönnen.«

»Ich brauche Arbeit,« erwiderte sie bestimmt, »weiter taugt mir nichts. Laß mich nur bald fort.«

Kopfschüttelnd blickte der Mann seiner Tochter nach. »Wenn's nur auch gut geht,« murmelte er mit beklemmtem Herzen.

 

Es war am Nachmittag vor Josefines Abfahrt, als ein schweres Gewitter heraufzog.

50 Eben noch hatte man geheuet und die starkduftende Heulast in viereckige Tücher gebunden hie und da, um sie auf dem Nacken die steilen Matten hinan zu den Stadeln zu tragen, eben noch hatten die Kinder mit Josefine im jähen Bergwald die ersten Preißelbeeren gepflückt, als der Himmel sich plötzlich verfinsterte, schwarzblaue Wolken mit fahlen Säumen ihn überdeckten, ein gelblicher Dunst wie Schwefelqualm das grüne Tal erfüllte und der Nebel die Berge verschluckte, daß man kaum um sich sah.

»Heim! heim, geschwind, ihr Kinder!«

Verwundert und unwillig gehorchten sie, die Preißelbeersträußchen, grün, weiß und rot, gefielen ihnen so gut.

Josefine nahm Rösli an die Hand, Hermann folgte mit Uli. Über den steilen Waldpfad zwischen den laut aufrauschenden Fichten hinab zu der kleinen Rheinbrücke. Das grüne Wasser stäubte in weißem Gischt um die Pfeiler, im Sprung eilten sie über das bebende Brückchen. Die ersten Donner rollten.

An der geschwärzten Wassermühle vorbei, immer den engen felsbrockenbestreuten Pfad am Bachtobel empor zu den schützenden Häusern von Camischolas.

»Seid ihr da?« rief ihr Plattner entgegen, »grad komm ich auch an. Am Krutzlipaß sind Touristen auffi – 's ist aber nit geheuer, werden schon umkehren. Da, es läutet schon Sturm in Sedrun, 's kommt ordentlich.«

Die ersten starken Blitze zuckten, angstvoll klang das Sturmläuten vom Sedruner Kirchlein herüber, angstvoll antwortete ihm Rueras und Selva.

Im Wirtshause lief alles durcheinander. Der Wirt versicherte den Stall und den Wagenschuppen, die Wirtin räumte die Blumenstöcke von den Außenbörtern und der kleinen Altane, all die herrlichen hochroten Hängenelken, die grauen Rosmarin und Melissen.

Wie eine Traumerscheinung stob die Bergpost vorüber, die fünf Pferde mit fliegenden Mähnen, klatschend auf dem nassen Boden; heftig bäumte das Vorderpferd sich zurück vor dem blauen Feuer vom Himmel, und die hochaufgerichtete Gestalt des Postillons mit der wehenden Geißel in der erhobenen Faust schien durch die Luft zu fliegen.

Die Kinder fürchteten sich nicht. Sie standen am Fenster des Gastzimmers zu ebener Erde und freuten sich über die weißen und rehfarbenen Kühe, die eilig heimtrotteten auf der spiegelnden Landstraße, getrieben von der kleinen Hirtin im roten Kopftuch. Hastig klingelten die großen Glocken an den breiten bunten Bändern durcheinander, wie sie von einer Seite der Straße zur anderen stapften und sich zusammendrängten, Schutz suchend vor dem schräg niederprasselnden Regen. Und zwischen ihnen und hinter ihnen drein sprangen die sonderbaren kleinen rotbraunen hageren Schweine, schlugen mit den langen buschigen Schwänzen und Ohren und grunzten mürrisch.

51 Josefine hatte der Wirtin geholfen, nun stand auch sie am Fenster und blickte hinaus.

Sie war in großer Erregung seit ihrem Hiersein. Die lange nicht geatmete Luft des Hochgebirges wirkte auf sie wie ein aufregender Trank. Sie schlief unruhig, von bunten Träumen gequält, und fast keine volle Nachtstunde hintereinander. Ein Gefühl des Schwebens, der vollen Losgelöstheit beherrschte sie. Sie war niemals müde, immer gespannt, gehetzt, erwartungsvoll.

Das Gewitter steigerte ihre Unruhe. Mit starren Augen verfolgte sie die stürzenden Regenbäche an den immer von neuem behauchten Scheiben, blickte sie in das mißhandelte Gärtchen hinab.

Ganz klein war es und eben noch wohlgepflegt. Ein wenig blaugrüner Lauch, ein wenig Würzkraut für die Küche, ein paar silberweiß gefleckte Disteln mit großen violetten Blüten, ein paar rote Türkenbundlilien und ganz nah der schützenden Wand des Nachbarhauses ein junger Kirschbaum mit eben sich rötenden Früchten. Unten bei Truns und Ilanz wachsen der Bergkirschen die Fülle, hier oben, im Gebiet der Arven und Fichten, ist ein Fruchtbaum eine Seltenheit. Er war der Stolz des Besitzers, dieser junge fruchtbeladene Baum.

Mit einer steigenden, ihr selbst unerklärbaren Angst im Herzen hefteten sich Josefines weit geöffnete Augen auf das wild vom Gewittersturm umhergeschleuderte Bäumchen.

Alle Blätter waren nach oben gestrichen, die Fruchtstiele durcheinander gewirrt, die Äste schlugen hin und her; der Pfahl, an dem es angebunden war, bog sich, krachte, das Stämmchen wollte sich losreißen.

»Hagel! Auch noch Hagel!« Ein rasendes Wetter brach los. Die Blitze zischten so schnell herab, daß das verfinsterte Zimmer unaufhörlich in zuckenden blauen Flammen stand, gegen die klirrenden, brechenden Scheiben klopften die harten Eiskörner, Heufetzen und Schindelstücke fuhren vorbei, der Sturm heulte wie in der Winternacht zwischen den Häusern, die Haustür dröhnte, auf- und zugeschlagen, und verloren wimmerten die Glocken von Sedrun, Rueras und Selva.

Die Kinder hatten sich zu dem Großvater geflüchtet, Hermann und Rösli versteckten die Köpfe und schrien nur zuweilen auf; Uli saß auf des Großvaters Knie, unerschrocken und fragelustig.

Josefine stand allein.

Sie sah das Dach des Nachbarhauses in Trümmer gehen, einen Fensterladen herumwirbeln und herabstürzen; kläglich flog der bunte Kattunvorhang aus dem leeren Loche heraus, wurde gepackt und fortgerissen. Die Blumen standen wie zerstampft, eine weiße Eisschicht bedeckte die Beete, das Kirschbäumchen mit gebrochener Krone, die wie ein verwundetes Haupt schmerzvoll zuckte, ohne Blätter, ohne Früchte, war ein kahler Stumpf geworden.

52 Eine unstillbare Traurigkeit überfiel Josefine. Ihre ausgebrannten Augen fanden Tränen, eine Flut von Tränen, ihr selbst unbewußt.

Ihr armes Feld! Kaum geblüht hat der Roggen, und schon zerschlagen! Ihre lange, mühselige, schweißauspressende Arbeit auf den jähen glühenden Matten – da wirbelt das Heu, im Wettersturm und Hagel zerstreut – ihr niederes, armes Haus, jedes Brettchen von liebevoller, kunstfertiger Hand geschnitzt – ihr kleiner Kirschbaum – die Blätter – die Früchte – ihr kleiner Kirschbaum!

Die Glocken winselten Gnade! Gnade!

Die Berge schienen zu bersten – das Ende aller Dinge gekommen.

Laure Anaise stürmte herein. Ihr Haar triefte, ihre Kleider klebten. »Wißt ihr's denn schon? Der Bach hat die Brücke eingerannt, und zwei Mannen sind weggerissen, zwei Wildheuer aus Surrhein, sagen sie – der Bach bringt Felsen herab, so hoch! – Aber wie denn? Du weinst, Josefine? Warum?«

Sie flog zu Josefine hin, umschlang und küßte sie, wischte ihr die Tränen ab und war wie außer sich. »Großvater, sieh emal her! Josefine ist krank! Sie hat noch nie geweint, und nun weint sie, weil zwei Mannen weggerissen sind –«

Ein neuer Donner brüllte über das Tal herunter.

 

»Du bist nit gut z' Weg, die Kleine hat recht,« sagte Plattner, als Josefine sich erholt hatte. »So empfindlich muß man nit sein. Mußt ihm Meister werden, Josy. So was führt zur Melancholie. Die Welt ist schlimm genug, aber so schwarz ist sie denn doch nit. Zumal hier in den Bergen. – Der Roggen ist noch grün, er steht wieder auf. Der Cavenz sagt's auch.«

Josefine antwortete nicht, ihre verweinten Augen hingen an dem zersplitterten Stumpf des jungen Kirschbaums. Die Krone lag daneben zwischen den Disteln.

Der Wirt Cavenz trat auch heran. Er hatte schon wieder die kurze Pfeife angezündet, die ihm während der Wut des Wetters ausgegangen war. »Wir sind – wir Bauern hier sind glückliche Menschen,« sagte er ganz unvermittelt. »Verstehen Sie recht. Mit Wind und Wetter kämpfen – das ist das Ärgste nicht. Wir sind alle arm, und deswegen ist niemand arm. Es hat doch jeder zu essen. Gehen Sie nach Paris und London,« seine klugen, braunen Augen wurden lebhaft, »gehen Sie nach Berlin, und sehen Sie, was dort ist! Dort ist Elend! Dort ist Sklaverei! Dort ist's zum Erbarmen, schauderhaft. Ich bin in Paris und London gewesen. Ich war auch in Wien und Berlin. Ich weiß nicht, wo's am schlimmsten ist. Lieber vom Wetter zusammengeschlagen werden, lieber vom Berg abstürzen. Gehen Sie emal dorthin. 's Herz steht einem fast still. Man weiß ja nicht, wofür! Hier weiß ich's, wofür!«

Erwartungsvoll blickte er Josy an.

53 Sie nickte, schüttelte ihm die Hand. »O, es geht mir nichts über die Berge,« sagte sie, »'s ist ja auch meine Heimat; der Vater ist von Valendas. Der Großvater war ein Bauer. In einer Großstadt könnt ich nicht leben. Es ist auch nur –« Sie mußte sich abwenden.

»Bleib noch ein, zwei Wochen hier,« mahnte Plattner, »du brauchst mal ein Ausrasten. Hier oben ist bald wieder Sonnenschein. Verleb ein paar gute Tage hier, 's ist dir notwendig.«

Aber Josefine hatte keine Ruhe. Es hetzte sie von Stelle zu Stelle. »Die Arbeit, Vater! Du weißt, was das auf sich hat. Dazu lebt man doch, daß man schafft. Dazu lebst du doch auch.«

Plattner brummte. »Aber nit so blindwütig wie du. Das ist nichts.«

»Herr Cavenz,« sagte Josefine, »jetzt, sehen Sie – ich muß mein Examen machen! Ja, Vater, es ist doch so. Die Bücher liegen zu Haus.«

»Hätten Sie's nur mitgebracht, Frau,« meinte der Wirt zutraulich.

Einen Tag später, als sie sich's vorgesetzt, fuhr Josefine nach Zürich zurück.

 

Nur keine Ruhe! Arbeit! Nur keine Muße! Arbeit! Nur kein Nachsinnen! Nur kein Grübeln! Arbeit! Arbeit! Arbeit! Das Kind ist gestorben! Arbeit! Georges ist dort! Arbeit!

Was er wohl denkt? – Denk nicht daran! Arbeit!

Vielleicht war es zu retten? – Denk nicht daran! Arbeit!

Sie leben dort, gebückt zum felsigen Boden. Ihr Rücken ist gekrümmt, ihre Beine und Arme scheinen wie knorrige Wurzeln. In ihren Gesichtern sind Runzeln und Falten von zuviel Luft. Ihre Augen tränen von zuviel Luft. Aber zwischen den Tränen glänzt ihr gerader unverhüllter Blick wie ein Stern! Arbeit! Arbeit! Arbeit!

Das Kind ist gestorben. Mein Vater hat es sterben sehen. Er liebte das Kind. Er hielt es in den Armen, bis es starb. Seine Arme sind auch hart wie knorrige Wurzeln.

Die Tränen liefen ihm in den weißen Bart, weil das Kind gestorben war. Er ging auf die Felsen, kam zurück und lächelte: »Die Alpenrosen!« Sein starkes Herz lächelte: »Die Alpenrosen!« Was hat sein Herz so stark gemacht? Arbeit! Arbeit! Arbeit!

Arbeit, und sei es die graueste, eintönigste!

Arbeit, und sei es die blutigste, hoffnungsloseste!

Arbeit, mein Opium! mein Rausch!

Arbeit, meine Betäubung! mein Leben! Hetzjagd von Minute zu Minute! Hetzjagd von Gedanke zu Gedanke! Nie zu Haus, weder drinnen noch draußen!

Arbeit!

 

Blutig und hoffnungslos erschien Josefine die Arbeit in den Kliniken.

54 Nach dem dritten Examen hatte sie mit dem Wintersemester den Besuch der Kliniken belegt, wie es sich gehörte.

Der Eindruck war ein überwältigender.

Die »wissenschaftliche« Haltung, welche vor den Leichen des Präpariersaals mühsam errungen worden, zerbrach vor dem lebendigen Leiden, vor dem Stöhnen und Ächzen, dem Wimmern der Angst, dem Schreien der Qual, vor dem trostsuchenden Fleheblick der gepeinigten Kranken, vor ihrem hilflosen Hinabsinken in die unersättliche Grube.

Der Schnitt in das lebende, blutende Fleisch war ein anderer Schnitt als der in die weiße, wächserne Leiche. Die Zersägung des rotmarkigen Knochens hatte eine andere Bedeutung als das Zersprengen des elfenbeinfarbenen, präparierten Schädels.

Das Leben schrie zum Leben, vor dem Tode. Es schrie um Hilfe mit seinen Wunden, seinem Elend, seiner Verkrüppelung. Es wehrte sich gegen die Vernichtung mit kleinen, fleischlos weichen Kinderknöchelchen und mit den erlahmten, verbrannten, zerknickten Muskeln junger Riesen, die man aus den Fabriken heraustrug. Es schlug um sich mit den verzehnfachten Kräften des Wahnsinnigen, es pfiff mit schauerlichem Winseln aus der Lunge des Schwindsüchtigen.

Das Leben schrie, und vor dem schreienden Leben stand der Arzt, auch ein schwaches, stets bedrohtes, dem Tode unterworfenes Geschöpf, und dieses auch schwache, stets bedrohte, dem Tode unterworfene Geschöpf nahm eine »wissenschaftliche Haltung« an, um sein Zittern und seine Hoffnungslosigkeit zu verdecken. Und der Hoffnungslose erfand in seiner Hoffnungslosigkeit Namen auf Namen, lange, gelehrte Bezeichnungen, und er taufte die zerfressenen Nasen so und die vereiterten Lungen so und die gelähmten Gehirne so, und es schien ihm, als sei ein Funke Hoffnung irgendwo aufgeblitzt.

Das Leben schrie, und der Hoffnungslose forschte, warum es schrie, und fand, warum es schrie – was man so finden nennt – und er schrieb die Geschichte der Krankheit, ihre Symptome, ihre Entstehung, ihren Ausgang, den immer gleichen Ausgang.

Und er sagte: ›Jetzt! jetzt haben wir es.

Das heißt, wir glauben jetzt zu wissen, was dies sein könnte.

Wir haben dies studiert.

Wir haben Bücher darüber geschrieben.

Es kommt bei Millionen vor.

Es hat verschiedene Grade und Stufen.

Wenn wir es merken, so ist es schon zu spät.

Aber doch ist es gut, alles ist gut, denn wir wissen!

Und die Hauptsache ist: Das Material geht uns nicht aus.

Der Mensch ist sterblich, aber die Krankheit ist unsterblich.

55 Sie wird immer von neuem geboren.

Sie wird immer von neuem erworben.

Es ist sehr wohl möglich, daß wir noch einmal dahinter kommen, was es ist.

Inzwischen probieren wir, inzwischen experimentieren wir und fühlen uns Herren über Leben und Tod.

Unter unseren Händen quillt das jüngste Leben ans Licht.

Wir übergeben es dem Licht, wie wir den Sterbenden dem Grabe übergeben.

Wir beherrschen das Leben vom Ende bis zum Anfang, vom Anfang bis zum Ende.‹

 

Josefine sah, wie einige dieser Ärzte so sicher wurden, daß ihre Sicherheit ihnen wie ein Rausch zu Kopf stieg.

Sie hörte einen Professor sarkastisch halb, halb mitleidig lächelnd sagen: »Für den Naturmenschen hat der Tod immer etwas Geheimnisvolles.«

Er entschuldigte den Naturmenschen, er lächelte milde und mitleidig über den Naturmenschen, für den der Tod immer etwas Geheimnisvolles hat.

Nun ja! ein Naturmensch!

Aber freilich – ein wenig Sarkasmus umspielte doch seine Lippen! Der Naturmensch hatte immerhin den Ausweg, einen Professor zu fragen – einen von uns! – und sich belehren zu lassen, daß der Tod nichts Geheimnisvolles hat. Gar nichts!

Tod ist einfach: letaler Ausgang. Und letaler Ausgang ist immer das Ende.

Also – was gibt es da Geheimnisvolles?

Nur ein Naturmensch kann in einem so alltäglichen, allstündlichen, allminütlichen Vorgang etwas Geheimnisvolles sehen!

Und einem stieg der Rausch der Sicherheit bis über den Kopf und machte ihn roh wie einen Trunkenen.

Und er sprach zu dem Sterbenden: »Kehre uns dein Gesicht zu, damit wir sehen können, wie du stirbst.«

Aber da scharrten die Studenten und machten durch ihr Scharren dem Sicherheitstrunkenen bemerklich, daß er »zu wissenschaftlich« gewesen war.

Josefine hörte es auch.

Sie fühlte das Blut in ihren Schläfen sausen. Sie dachte an die Bemerkung über das »Proletarierfett im Präpariersaal.

Sie dachte: Es ist wieder ein Deutscher! Sie nennen das schneidig!«

Und sie sagte ein Wort.

Der sicherheitstrunkene deutsche Professor sah sie an. Er sah das Wort auf Josefines Lippen. Er sah in vielen Gesichtern Mißbilligung, besonders in denen der weiblichen Studierenden. Er haßte diese weiblichen Studierenden. Ihre Mißbilligung war eine Kritik seiner Sicherheitstrunkenheit, darum waren sie ihm zuwider.

56 Und er blinzelte tückisch gegen Josefine hin: warte nur.

Ein kranker Mann lag vor dem Auditorium.

Der Sicherheitstrunkene hieß den Wärter den Kranken entblößen.

Noch weiter! noch mehr! ganz!

Er hieß den entblößten Kranken auf einen Stuhl stellen, überall frei sichtbar.

Und dann blickte er sich suchend um und rief Josefine zur peinlichsten, verletzenden Untersuchung.

Peinlich und verletzend war die Untersuchung für den Kranken.

Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die Untersuchende.

Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die diensttuende Schwester.

Peinlich und verletzend war der ganze Auftritt für die Studierenden.

Und diese peinlichste, verletzendste Untersuchung war völlig nutzlos, war nur eine Strafe, war nur eine Rache, war nur eine Roheit des frauenfeindlichen deutschen Professors.

 

›Hier wird das Herz zerfleischt!‹

Mit brennenden Wangen und brennenden Augen kam Josefine nach Hause. Sie war den Weg gelaufen, als sei jener sicherheitstrunkene Mann mit dem rohen, kalten Gesicht hinter ihr.

Planlos lief sie jetzt durch die Zimmer, die Hände ineinandergepreßt, die Lippen zusammengebissen.

Ach, so ohnmächtig sein! so ohnmächtig!

Sie betrachtete ihre Hände, schauderte und fühlte irgend eine geheime Schuld.

Sie stand auf dem Balkon, in den sachte die Schneeflocken hereintrieben.

Sie stand im Schnee und sah auf die im Schnee schlummernden Wiesen, auf den im Nebel schlummernden See.

Sie stand und sah und sah doch nichts.

›Ich kann das nicht ertragen.

Ich kann nicht. Hier wird das Herz zerfleischt!‹

Rösli kam gelaufen, breitete die Arme aus und drängte sich an Josefine. »Einmal hab ich dich, Mama!«

Josefine schrak vor dem Kinde zurück. Sie versteckte ihre Hände. »Nein, nein, nicht jetzt! Geh, Rösli, spiele – ich habe keine Zeit.«

Mit gesenkten Locken schlich die Kleine weg.

Josefine betrachtete immer ihre Hände, schüttelte sie in unerträglichen Schmerzen; dann nahm sie den weißen, flockigen Schnee vom Balkongitter und begann damit ihre Finger zu reiben.

Sie bebte in Todesangst, ihre Knie knickten ein, sie sann und sann.

57 ›So zwecklos alles!

So grausam alles!

So hoffnungslos alles!‹

Sie sah über den Schnee hinunter. Sie hielt sich am Gitter fest.

Dort – das Spital – die Kliniken, ein gelber, langgestreckter Bau in Gärten. Das Dach beschneit, die Bäume der Gärten schwarz gegen den nebelgrauen Himmel.

Daneben das Frauenspital, das Absonderungshaus, die Anatomie. Weiter daneben der kahle Kirchhof mit den wenigen hängenden Weiden, alles eine weißliche Fläche mit eingesunkenen Steinen und schwarzen Kreuzchen.

Aus den kahlen Bäumen erhob sich krächzend eine Krähenschar; aus den hohen Fenstern gellten die zerreißenden Schreie der Gebärenden.

›Tolle Posse! Tolle Posse des Lebens! Überall Leiden! Überall Kranke! Es schwillt wie von Leichen. Sie kommen wie eine Flut herauf gegen den Balkon.

Nein, nein, nicht Leichen! Leichen sind gut, Leichen sind still, Kranke sind es. Von Kranken schwillt es, von entsetzlichen Kranken!‹

Sie blickte weiter hinaus, über die Stadt.

Sie begriff nichts mehr.

›Häuser bauen sie? Gärten, Brücken, wozu? Wozu das alles?

Es ist lächerlich.

Fabriken, Museen, Bilder, Statuen – lächerlich! lächerlich!

Es ist nicht wert, den kleinen Finger zu rühren.

Hier wird das Herz zerfleischt.

Es gibt nur Kranke.

Wir sind alle vermodert.

Wozu das alles! Wahnwitz! Wahnwitz!‹

Wieder ertönte das wilde Schreien, die Luft trug weit heute.

Josefine sah sich da drinnen, unter den übrigen Studierenden.

›Und so hämische Gesichter bei diesen Männern!

Sie sind hämisch, weil der Professor roh ist!

Roh und hämisch im Angesicht des Todes.

Er lehrt sie roh und hämisch sein.

Man erkennt ihre Gesichter nicht wieder, wenn er da ist.

Einer entstellt Hunderte.

Das ist auch Schule!

O, wie ich ihn hasse!

Ich gewöhne mich nie.

Roh und hämisch ist nur dieser eine, die anderen sind nicht roh und nicht hämisch.

58 Aber wir alle sind wie die Götter in den Wolken, und drunten ist der schwärenbedeckte Lazarus.

Wir haben für ihn im besten Fall ein freundliches, überlegenes Wort, wir haben oft ein kleines Lachen, einen kleinen Witz.

Ein Mensch ist kein Mensch für uns, ein Mensch ist Material.

Ein Mensch ist eine Spitalnummer und »ein Fall«.

Er windet sich vor uns in Schmerzenskrämpfen, und wir beobachten nicht ihn, nur den Fall. Wir interessieren uns wissenschaftlich für den »Fall«.

O, wie ich uns alle hasse!‹

 

In den Kliniken ging es so her.

Die Studierenden versammelten sich in einem Hörsaal des Krankenhauses; das medizinische, das chirurgische, das Kinderspital, das Frauenspital, das Irrenhaus – jedes hatte einen besonderen Hörsaal. Der Professor betrat das Katheder, gab eine kurze Einleitung, und sodann wurden zwei oder drei Fälle, das heißt Kranke, herbeigeholt und dem Auditorium vorgestellt.

Einer der Studierenden, ein Praktikant, trat zu dem Kranken, der zuweilen noch gehen konnte, gewöhnlich aber in einer eisernen Bettstelle lag, in die er im Krankensaal gelegt worden, indem man ihn aus seinem eigenen Bette für die Dauer der Untersuchung heraushob. Diese Umbettung war dem Kranken immer eine Belästigung und verursachte ihm häufig große Schmerzen, aber schlimmer noch war die Angst, vor dem ganzen Auditorium mit seinen Schmerzen, seinen Wunden, seiner hilflosen Blöße ausgestellt zu werden.

Diese im Hörsaal und im Operationssaal den Studierenden preisgegebenen Kranken waren stets Kranke der dritten Klasse, das heißt solche, die wenig bezahlten, weil sie arm waren, und solche, die so arm waren, daß sie nichts zahlen konnten, sondern daß die Stadt- oder Dorfgemeinde, der sie angehörten, für sie zahlen mußte.

Die ausgezeichneten Spitäler mit den vervollkommneten Einrichtungen waren nämlich, genau betrachtet, weniger Wohlfahrtseinrichtungen, als die sie im allgemeinen hingestellt werden, denn Schulen zum Unterricht der Studierenden, in denen man übte, wie andere, zahlungsfähige Kranke zu behandeln und zu kurieren seien.

Die Entblößung des mittellosen Kranken vor einer großen Schar Studierender, die Vernichtung seines Schamgefühls, wurde hier als keine Vernichtung oder kein Eingriff in die Menschenwürde angesehen, da man bei der dritten Klasse Schamgefühl überhaupt nicht voraussetzte. Diese Annahme einer durchgehenden Verschiedenheit der Empfindung von Besitzlosen und Besitzenden war ein in jeder Beziehung unschätzbares Hilfsmittel für die Professoren wie für die Studierenden. War es ihnen gelungen, durch fortgesetzte Verletzung des Schamgefühls bei einem Menschen dasselbe zu vernichten 59 und ihn wirklich schamlos zu machen, dann exemplifizierten sie sofort mit Genugtuung an diesem »Fall« und wiesen nach, daß der Besitzlose überhaupt kein Schamgefühl habe. Gewissenhafte gingen bei diesen Behauptungen gern zurück auf die sozialen Schäden, vor allem auf die Wohnungsnot, die viele Personen verschiedenen Geschlechts in einen Raum oft zusammenpferche und keine Entwicklung des Schamgefühls aufkommen lasse.

Aber auch diese Gewissenhaften verschmähten es nicht, aus den traurigen Tatsachen die äußersten; für sie bequemen und beruhigenden Schlußfolgerungen zu ziehen.

Der Praktikant, das heißt jener der Studierenden, an den gerade die Reihe war, das bisher theoretisch erworbene Wissen jetzt vor dem wirklichen »Fall«, das heißt dem Kranken, zu erproben, zu betätigen, zu vervollkommnen, begann darauf dem vor ihm ausgestreckten Leidenden eine Reihe auswendig gelernter Fragen zu stellen, die der Kranke schon sehr oft gehört und beantwortet hatte, die ihn daher langweilten, quälten und erbitterten, und von denen er wußte oder doch ahnte, daß sie weder aus Teilnahme noch aus Hilfsbereitschaft für seine Person gestellt wurden, sondern einfach darum, weil der medizinische Kurs in dem und dem Semester dem Studierenden diese Frageübungen vorschrieb. Der Praktikant zeigte dabei meistens jene komische Wichtigkeit, mit der beim »Schulespielen« der Kinder die Rolle des Lehrers dargestellt wird, von einem anmaßenden Knirps in kurzen Höschen, der seine Kleinkinderstimme zu kreischenden Kommandos erhebt. Die schielende Furcht des Praktikanten vor dem Professor, der jedes seiner Worte kritisch verfolgte, die Angst, sich vor den spottsüchtigen Kommilitonen zu blamieren, erhöhte noch den Eindruck des Kindlich-Komischen. Komisch war ferner die unverhüllte Mühe des Praktikanten, genau den Professor zu kopieren, in dessen Kolleg er sich gerade befand. Derselbe Student war nacheinander: kurz angebunden, mildtröstend, cynisch, rücksichtsvoll, Gott aus den Wolken, brutal, humoristisch – ganz wie der jedesmalige Professor. Bei den weiblichen Studierenden bemerkte Josefine von dieser geschmeidigen Anpassungsfähigkeit nichts; sie schienen ihr alle bestimmteren Charakters als die männlichen; dem brutalen Cynismus waren die Studentinnen sämtlich abgeneigt, doch zeigten auch sie schon viel Anlage, den Gott aus den Wolken zu spielen, wenngleich die milde Rücksichtnahme bei weitem überwog. Josefine sah unter den Studentinnen ausgezeichnete Kräfte, eine Vereinigung von Intelligenz, Güte und Leistungsfähigkeit, die sie mit Bewunderung, mit Genugtuung erfüllte. Josefine stand freundlich zu ihnen allen, aber an einem Punkt schieden sich stets ihre Wege: diese Medizinerinnen konnten oder wollten nie über ihren Beruf hinaussehen, sie schoben alles Grübeln als unfruchtbar weit von sich und suchten ihr Ziel auf möglichst schnellem Wege zu erreichen. Dann wollten sie ihren leidenden Geschlechtsgenossinnen nach Kräften in allen Leibesnöten beistehen und sich selbst 60 eine geachtete Stellung in der Gesellschaft erwerben. Eine gute Praxis, eine womöglich leitende Stelle an einem öffentlichen Spital war ihr angenehmster Traum.

 

Josefine aber grübelte und litt. Auch sie war zu diesem Studium gekommen, um eine geachtete Stellung in der Gesellschaft, dazu Brot für ihre Kinder und ihren unglücklichen Mann zu erwerben. Immer hatte sie gemeint, daß die Tätigkeit des Arztes die edelste, idealste sei, und mit Freuden hatte sie ihr zu dienen gehofft. Die ersten Jahre ihres Studiums waren in glücklicher Täuschung verflossen, ihre heiße Arbeit schien so planvoll, so unbestechlich, so ehrlich und erfolgverheißend.

Und nun, in den Kliniken, brachte ihr jeder Tag eine neue, furchtbare Erleuchtung.

›Um Gottes willen, was tun wir?

Wo ist unsere Hilfe? Wo ist unsere Überlegung? Wo ist unsere Vernunft?‹

Josefine fragte, und die Antwort hieß: Frevel! Jammer! Unsinn!

Keine Hilfe sah sie. Keine Überlegung herrschte.

Dumpf und vernunftlos, in unentwirrbaren Knäueln, wand sich vor ihr das blutende Leben.

Frevel! Jammer! Unsinn!

Die Gespenster umtanzten sie den ganzen Tag, die ganze Nacht. Sie hielten sich bei den Schattenhänden, sie konnten sich in eine Gestalt verschmelzen, die eine konnte sich in die andere verwandeln, der Frevel ward zum Unsinn, der Unsinn zum Frevel.

Die organisierte Gewalt der Brutalen, Übersatten, der organisierte Besitz der Besitzenden hatten über die Besitzlosen, Hungernden, Nachgiebigen eine Sklaverei verhängt, der sie sich nicht entziehen konnten. Die Sklaverei der schwachen, zur Überanstrengung gezwungenen Leiber der Schlechtgenährten, der Angesteckten, der Krankgeborenen, der Widerstandsunfähigen, der jungen Kinder erzeugte jene Summe des Jammers, von dem die Welt widerhallte, und nun kam im ärztlichen Gewande der Unsinn geschritten und wollte mit Messer und Gift heilen, was durch Hunger und Überbürdung, durch Auspressung des Blutes und des Schweißes so krank geworden, daß es nicht mehr um Heilung, sondern um den Tod flehte.

»Die Erhaltung des Lebens ist unser erstes Gebot,« sprach der Arzt, und es klang so menschenfreundlich, so tröstlich, so hoffnungsvoll.

Aber der Kranke bat: »Lassen Sie mich sterben! Wär ich nur schon vorher gestorben! Sie wissen nicht, was mein Leben ist!«

Nein, er wußte es nicht, und er wollte es auch nicht wissen, der grundgelehrte, ausgezeichnete, geistreiche Arzt, die Leuchte der Wissenschaft. Er hatte ja die Wissenschaft zu pflegen, ihr heiliges Feuer zu unterhalten, er fühlte sich als Diener und Beherrscher der Göttin Wissenschaft. Mit dem Leben hatte er nichts zu tun. Um das Leben 61 konnte er sich nicht bekümmern, dazu ließ ihm sein Beruf nicht Zeit. Oh, wie er ihn liebte, seinen Beruf. Er hatte eine wundervolle, eine epochemachende Erfindung gemacht in seiner Spezialität. Nur in den speziellsten Grenzen der Spezialität durfte man hoffen, etwas zu leisten. Er hielt sie noch geheim, seine Erfindung, denn bis jetzt waren die Versuchsobjekte leider fast unmittelbar nach der Operation gestorben. Aber er würde so lange versuchen, bis es ihm glückte, einmal einen einige Wochen am Leben zu erhalten, und dann würde er hervortreten. Das Material wuchs ja immer nach. Ihm winkte Berühmtheit. Ein Weltruf. – –

Josefine beobachtete, grübelte und litt.

Sah dies denn niemand als sie? Fühlte denn niemand den Frevel, den Jammer, den Unsinn als sie allein?

Sie sahen alle so zufrieden aus, diese Professoren, diese Operateure, diese Assistenzärzte, diese Schwestern, diese Wärter und Wärterinnen. Sie wandelten einher mit Wichtigkeit und Würde.

»Der neue Operationssaal – ist er nicht wundervoll? Nichts als Glas und Eisen! Diese Instrumentenschränke, diese prachtvollen vernickelten Löffelserien, um aus tiefliegenden Abscessen die Materie herauszulöffeln, diese spiegelblanken Knochensägen, diese Häkchen und Haken, die Zängelchen und Zangen, diese interessanten krummen Nadeln zum Vernähen der Wunden, diese Hunderte und Hunderte von Messerchen, Lanzetten, Messern! Diese sinnreichen und hübschen Apparate zum Auskochen der Instrumente, zum Auskochen der Tücher, diese Reihen von Chloroformmasken, von Gummischürzen für die Ärzte, von Waschvorrichtungen für die blutbespritzten Hände, von in jeder Richtung beweglichen und zusammenklappbaren Operationstischen!«

Mit hausfraulichem Stolz zeigten die Schwestern diese Schätze, zeigten sie in ihrer zierlichen Anordnung, ihrer Nützlichkeit, Unentbehrlichkeit, in ihrem Silberglanz, in ihrer gefälligen, das Auge erfreuenden Form.

Welche eine Summe von menschlicher Tätigkeit steckte in diesen Instrumentensammlungen! Welch eine Summe menschlicher Intelligenz und Energie war auf die Erfindung und Herstellung dieses ganzen ungeheuren Spitalapparats verwendet worden!

Und wofür das alles? Wozu?

Wer so fragte, erhielt prompte Antwort!

Man führte ihn vor die scheußlichen Wunden der Arbeit, zeigte ihm die Phosphornekrose der Phosphorarbeiter, die an der langsamen Fäulnis der Kieferknochen durch das Gift zugrunde gehen. Man zeigte ihm die quecksilbervergifteten Spiegelarbeiter, die bleivergifteten, in unheilbaren Blödsinn verfallenen Maler, die rhachitischen Kinder, die in feuchten Kellern feinste Gewebe und Spitzen weben mußten, damit der feine Faden nicht bräche, die aus Mangel und schlechter Ernährung der Tuberkulose Verfallenen, mit verzehrten Lungen oder mit abgesägten Gliedern.

62 Man führte die Fragenden zu den Opfern der Maschinen, zu den von den Zahnrädern Gepackten, von den Transmissionen Umhergeschleuderten, von den Dampfhämmern Zerschlagenen, von den giftigen Gasen Erstickten, von den elektrischen Strömen Verbrannten, von feuerflüssigem Metall Verbrühten.

»Für diese! Für diese!« –

Kann das möglich sein? dachte Josefine schaudernd. Kann es sein, daß dies die Ordnung ist? daß dies unabänderlich ist? Dieser Frevel, dieser Jammer, dieser Unsinn – ist er unabänderlich?

Und ihr durch eigenes Leben fein gewordenes Ohr vernahm den nie verstummenden Hilfeschrei aus der Tiefe: »Ihr da oben, die ihr die Luft und die Sonne zumesset und verteilt, die ihr das Brot, das uns ernährt, zumesset und verteilt, die ihr die Kleider, die unsere Blöße decken, zumesset und verteilt: Hilfe! Hilfe! Hilfe! Laßt uns atmen! Laßt uns essen! Laßt uns nicht erfrieren! Die Arbeit, die ihr uns aufgeladen, und deren Früchte ihr uns aus den Händen nehmt, die Arbeit geht über unsere Kräfte! Sie zerquetscht uns! Sie vergiftet uns! Sie zerreißt uns! Wir sind erschöpft. Wir erkranken leicht. Wir leben nur halb so lang wie ihr. Unsere Kleinen schon verkümmern im eintönigen Erwerb um den Bissen Brot. Und immer steht der Hunger vor der Tür!« – – –

Und die Antwort? O, auch die Antwort hörte Josefine.

»Es ist nichts zu tun, nichts zu ändern. Gott hat gewollt, daß es sei, wie es ist. Kein einzelner von uns vermag ihm in den Arm zu fallen. Die Entwicklung der Menschheit geht über Blut und Leichen. Die Industrie verlangt ihre Hekatomben, aber darum dürfen wir ihre Entfaltung nicht beschränken. Und übrigens – kennt ihr unsere Hospitäler? Es ist das Schönste und Wunderbarste, was unsere Humanität, unsere hochentwickelte Humanität geschaffen hat. Die Menschenliebe ist hier zur Genialität geworden. Alle Fälle sind hier vorgesehen. Ist ein Glied schadhaft geworden und verfault, so schneidet man es dort ab. Wir haben lauter neueste Instrumente, und jährlich gibt es neu verbesserte Methoden. Nun denn – diese ausgezeichneten Anstalten, diese Hospitäler und Kliniken sind – hört es, ihr Unzufriedenen! – in erster Linie für euch bestimmt! Wir wissen, daß ihr erschöpft seid! Wir wissen, daß ihr leicht erkrankt! Wir wissen, daß ihr die Neigung habt, nur halb so lange zu leben wie wir. Wir wissen, daß es für arme Kinder gut ist, sich recht früh an schwere Arbeit zu gewöhnen, und daß dabei leicht etwas geschieht, was auch uns nicht lieb ist. Aber dafür sind nun eben die Kliniken und Krankenhäuser geschaffen worden. Das ist unsere Liebe zu euch. Das ist unsere Fürsorge.«

Frevel! Jammer! Unsinn!

Es schien Josefine, als sei es nie jemand in den Sinn gekommen, über all diese grausamen Sophismen ernstlich nachzudenken.

63 Hätte man nachgedacht, so hätte man ja ein anderes Mittel finden müssen als die Spitäler und die Kliniken, um all diese künstlich erzeugte Summe von Elend aus der Welt zu räumen.

Aber man dachte nicht nach, man wollte nicht nachdenken. Nachdenken hieß zweifelhaft werden an der Vortrefflichkeit und Notwendigkeit des gegenwärtigen Zustandes. Nachdenken hieß an den Stützen der heutigen Ordnung rütteln. Und zu dieser Ordnung gehörte man selbst. Darum tat man leicht und wohlgemut. Man lachte sogar über die Möglichkeit, in diesen Dingen etwas zu ändern. Alles, was bestand, war gut in den Augen derer, die aus diesem Stand der Dinge Vorteil zogen. Zur Ergänzung der heutigen Gesellschaftsordnung mit ihrer wild und üppig wuchernden Industrie, mit ihrer Sklaverei der Massen gehörten ganz notwendig diese schönen Hospitäler mit den prachtvollen Operationssälen, mit den sinnreichen Operationstischen aus Glas und Eisen, mit den eleganten Glasschränken voll blitzender Instrumente zum Abschneiden der zerschmetterten Arme und Beine, mit den vervollkommneten Tobzellen für die Tobsüchtigen, mit den Röntgenstrahlenapparaten zur Behandlung der Tuberkulosen, mit den elektrischen Lampen, mit den feierlichen oder groben, immer aber wissenschaftlichen Ärzten in weißen, reinlichen Metzgerkitteln und Gummischürzen, mit den hübschen Pflegerinnen in gestärkten Häubchen, lieb und sauber, hilfbereit und hoffnungslos. Alles dies mußte sein. Die Humanität erforderte dies. Die Humanität erforderte, daß die Glastische zum Abschneiden der zerschmetterten oder verfaulten Arme und Beine von Glas und Eisen seien, daß die Ärzte große Gehälter bekämen, und daß die guten, hoffnungslosen Pflegerinnen gestärkte Häubchen trügen, aber keinem fiel es ein, daß die Humanität eigentlich erforderte, daß man Mittel ausdächte, wie alle diese so außerordentlich human aussehenden, grausig-appetitlich sich darstellenden Personen und Dinge überflüssig zu machen seien.

Tag und Nacht tobte der Kampf, Tag und Nacht sanken die Toten, die Verwundeten nieder. Und mit aufmerksamen Augen standen die Ärzte an der Peripherie des bluttriefenden Schlachtfeldes und trugen die Verwundeten beiseite, um sie zu verbinden, zu flicken, auf die Füße zu stellen, damit sie aufs neue in den Kampf eintreten und umfallen könnten. Aber den Kampf zu bekämpfen, die gesundheitsschädlichen Betriebe abzuschaffen, die Ausbeutung unmöglich zu machen, Mangel und Not hinwegzuräumen – daran dachte niemand. Und geschah es doch einmal, dann waren diese Versuche so lächerlich winzig gegenüber dem allgemeinen Frevel, so erfolglos und zersplittert, daß sie einzig dem bösen Gewissen der Besitzenden entsprungen schienen, die nach einem Leben des Genusses die Brosamen von ihrer Tafel in alle Winde streuten.

Nein, das geht nicht! das kann nicht so weiter gehen! überlegte Josefine, als sie vor dem zerstückten Körper der armen Tuberkulösen stand, die heute zum zehntenmal operiert wurde. Sie kannte die Geschichte dieser Tagelöhnersfrau aus deren eigenem 64 Munde, eine schaurig beredsame Geschichte gegenüber der trockenen Anamnese im ärztlichen Journal. Aber wenn man das Journal zu lesen verstand, dann war es fast noch schauriger in seiner Trockenheit. Es lautete ins Deutsche übersetzt ungefähr so:

1880, 5. Januar, linker Fuß, große Zehe amputiert.

1880, 12. März, linker Mittelfußknochen reseziert.

1880, 20. Juli, linker Fuß total amputiert bis zum Knöchel.

1882, 2. Mai, linke Hand vierter Finger amputiert.

1882, 10. Dezember, linke Hand Mittelfinger amputiert, Handgelenk reseziert.

1883, 27. März, linke Hand bis zur Handwurzel amputiert.

1884, 6. Januar, linker Arm Ellbogengelenk reseziert.

1886, 18. Juni, linker Arm bis zur Schulter amputiert.

1886, 12. November, rechter Oberschenkel operiert.

Und die Frau, als sie aus der Narkose erwachte, sah mit ihren klugen traurigen Augen Josefine mit einem herzzerreißenden Blick an: »Sechs ruhige Jahre im Grab hätt ich haben können. Wie lange wollt ihr noch so fortmachen mit mir? So viel gelitten, als die Hand noch da war – immer hat er mir die Finger gebogen, damit sie nicht steif werden – ich mußte so schreien – sie schwollen hoch auf jedesmal. Dann, als der Fuß ab war und ich mit dem schweren Schuh gehen sollte, dreimal durch den Saal, vor all den Studenten! Ich konnt's nicht, bat um einen Stock. ›Nein,‹ sagt er, ›Sie sollen's ohne Stock lernen, stellen Sie sich gefälligst nicht so an!‹ Er sagte ›gefälligst‹ und lachte. Er war so ein Großer, Dicker, Gesunder, mit Schmissen kreuz und quer übers Gesicht. Ich konnt's nicht, fiel um, der Fuß wurde wieder schlimmer. Er war sein Assistent, der Professor war menschlicher. Die Schwester sieht mich – ich rutschte die letzte Strecke auf den Knieen –: ›Legen Sie sich zu Bett,‹ sagt die Schwester. Das war eine Gute. Er hieß Reich, hieß der Assistent, ist nun auch schon Professor. Es war nicht hier, es war draußen, in Deutschland. Aber sagen Sie mal, was soll ich denn auf der Welt? was für ruhige Jahre hätte ich gehabt, wenn ich damals gleich gestorben wäre!«

Nein, das geht nicht! das kann nicht so weiter gehen! dachte Josefine, sprechen konnte sie kaum, nur ein paar leere Worte, die vor dem heißen Blick der Unglücklichen zu Schaum zerflossen. Sie stand auf und ging von ihr, sie schämte sich so für all diesen Jammer und Unsinn, in den sie schon verwickelt war.

Wenn man nur den hundertsten Teil der gesamten Arbeit, Mühe, Anstrengung, den hundertsten Teil des Nachdenkens und des Geldes, das man auf die Hinwegräumung des Schuttes, des Abfalles, des Aases, auf das Hoffnungslose verwendete, auf die Vorbeugung all dieses Elends verwendet hätte, wie unendlich anders müßte es in unserer Gesellschaft aussehen! dachte Josefine.

Aus Mangel, in ungesunden Massenwohnungen wurden die Kranken krank, und wenn sie krank waren, dann nahm man sie in die Kliniken auf, damit die Studenten 65 an ihnen lernten, schnitt ihnen die tuberkulösen Knochen weg und entließ sie, damit sie weiter hungerten. Aber niemand dachte daran, daß es einzig mitleidig, menschlich und vernünftig wäre, niemand aus Mangel an Nahrung in gesundheitsschädlicher, abstumpfender Arbeit und in schlechten, engen Wohnungen krank werden zu lassen.

Was hatte diese Unglückliche, eine nur von Tausenden, gearbeitet, ehe sie krank wurde? Sie erzählte Josefine, daß sie in Berlin Knopflöcher gemacht hatte, nichts als Knopflöcher, nicht mit der Maschine, mit der Hand. Hundertvierundvierzig Knopflöcher bezahlte der Wäscheverkäufer mit zweiunddreißig Pfennigen. Knopflöcher zum Frühstück, Knopflöcher zum Mittag, Knopflöcher zum Abendessen, Knopflöcher im Sommer, wenn der heiße Kalkstaub zum Fenster hereinfliegt und die Nadel rostig wird in der schwitzenden Hand. Knopflöcher im Winter, wenn der ganze Tag dunkel ist in dem dunkeln Hinterhaus, wo sie eine Stube haben, und wo die Füße absterben vor Kälte vom ewigen Sitzen. Knopflöcher, Knopflöcher, Knopflöcher, hundertvierundvierzig Stück für zweiunddreißig Pfennig, achtzehn Jahre lang.

»Ich bracht's auf acht Mark die Woche, bevor daß ich krank wurde.«

Josefine nahm ein Blatt Papier und begann zu rechnen. Ihre Hand bebte, ihr Herz schlug unregelmäßig, setzte aus und begann dann mit einem wilden Auftakt von neuem.

Sie wollte ausrechnen, wie viele Knopflöcher die Frau am Tage, in der Woche gemacht, um acht Mark zu verdienen.

»Arbeiteten Sie auch Sonntags?«

»O ja, manchmal aber nur den halben Tag.«

»Also gewöhnlich den ganzen Sonntag?«

»Ja, aber meist doch 'n paar Stunden weniger als Alltags.«

»Und Alltags – wie lange arbeiteten Sie da?«

»Siebzehn bis achtzehn Stunden – unter dem konnt ich das nicht zwingen.«

»Und waren verheiratet und hatten drei Kinder, wie Sie sagen?«

»Ja, drei Kinder, mein kleiner August starb mir ja gleich.«

»Also eigentlich vier Kinder?«

»Ja, drei sind am Leben und verdienen schon mit. Hier ist das ja ganz anders, hier kriegen sie dreißig Centimes die Stunde; wär ich hier man eher hergekommen.«

»Und Ihr Mann, was macht der?«

»Mein Mann ist schon sieben Jahre in der Erde. Der ist damit durch.«

»Was war sein Geschäft?«

»Sein Geschäft war auf Nadelspitzen, wissen Sie, in der Fabrik. Aber, das is auch nich gut.«

›Nadelspitzen! Auch nicht gut! Nein, freilich.‹

»Und er hatte dann Malör. Das war 'ne ganze Kleinigkeit, will ich mal sagen. Er hatte bei einer Aufladestelle 'n paar Kohlen aufgesammelt. Wir konnten das ja gut 66 brauchen, das können Sie sich wohl denken. Nu kam das raus, und mein Mann kriegte zwei Monat. Das Gericht wollt mich da auch mit 'rein ziehen, aber mein Mann sagte: nee, ich hätte da nichts von gewußt. Na, das war je nu nich wahr, ich wußt das ganz gut, wo die paar Kohlen herkamen, das waren je man 'n paar, so'n kleinen Brotbeutel voll. Aber, einer mußt doch bei den Kindern bleiben. Nu kam er wieder zu Haus und war ganz anders. ›Mutter,‹ sagt er, ›nu haben sie mir zum Dieb gemacht, nu is mir alles gleichgültig.‹ Das dauert nich lange, da kommt mein Mann und bringt 'n feinen Herrenhut. ›Ach jotte doch, trag ihn wieder hin!‹ sag ich; ich hatte so 'ne Angst. – ›Nee,‹ sagt er, ›der is 'n Studenten abgefallen, mitten auf'm Weg. Der war ja betrunken, der andere gab ihm 'n Stoß, und da fiel der Hut in'n Dreck. Ich hab ihn man mitgenommen, daß er nich untern Wagen kommt.‹ Anderen Tag haben wir die Polizei in der Stube. Den Hut hatte mein Mann schon verkauft. Er hatte ja kein' rechten Verdienst mehr, in die Fabrik wollt' er nicht wieder. ›Mutter,‹ sagt er, ›seit daß ich hab brummen müssen, hab ich da keine Geduld mehr zu. Wenn ich an all die Jahren denk und an all die Nadelspitzen, wo ich all gemacht hab, dann wird mir ganz kribbelig. So'n Leben is gar kein Leben, das 'n Hundeleben, das sagen sie da auch alle, die da brummen müssen. Ich möcht was Forsches, 'n Haus anstecken oder so was, bloß aus Überdruß, das kannst mir glauben.‹ Ach, was hab ich geweint! was hab ich geweint! Nu war mein Mann ja rückfällig, und sie gaben ihm sechs Monat. Sechs Monat für den alten verfluchten Hut. Ja, nehmen Sie es man nich übel, daß ich fluchen tu! das soll ja nich sein! das is auch sonst meine Manier nich, aber manchmal – Nu, wie mein Mann wieder frei kam, sah ich das all: der war krank! Ach jotte doch, was war der Mann krank. Da war das bald zu Ende. Er hatte die Auszehrung. Der Doktor, der sagte, der Husten wär woll von dem Glasstaub, womit die Nadelspitzen geschliffen werden. Das is nich gesund. Und in den Gefängnis, da war das immer so kalt und feucht gewesen, die husten da alle. Er wußt das nich, daß er sterben tat, er war ganz wie wild, mein Mann. Ich mußt ihn man quälen und bitten, daß er nich auf die Straße ging und was ansteckte. Er wollt immer was anstecken. ›Mutter,‹ sagt er, ›wenn das denn so recht brennt! so'n Höllenfeuer! nich du?‹ Ach, er war ja wohl nich so ganz bei sich, denk ich man. Wie er tot war, dacht ich, nu kriegt ich 'n büßchen Ruh. Nu kam das.«

Josefine sah wie erschreckend auf das Notizblatt, das mit Zahlen bedeckt war. Sie hatte diese Ziffern geschrieben, sie hatte die Summe der Knopflöcher berechnet, während die Arme vor ihr den kurzen, furchtbaren Bericht gab über das, was ihr Leben gewesen war.

Die Tatsache traf Josefine wie ein unerwarteter Blick in den Spiegel. Sie erblickte sich selbst, und sie sah in ihrem eigenen Bilde das Bild aller Menschen ihrer Kaste und ihres Berufes.

67 ›Ja! ja! ja! das sind wir! so sind wir! wir rechnen, während sie verbluten! Wir rechnen, und wir glauben, daß wir etwas für sie tun, wenn wir die Schweißtropfen zählen, die sie für uns vergießen!

Das ist die Wissenschaft! So ist ihre Stellung zum lebendigen, leidenden, blutenden Leben!

Nie, nie, nie wird dem lebendigen, leidenden blutenden Leben durch die Wissenschaft Hilfe kommen!

Es ist alles Lüge und Betrug!‹

 

Oft noch in späteren, stumpferen Jahren gedachte Josefine dieser Augenblicke vor der verstümmelten Kranken, wo in ihre bittere Verzweiflung die ersten Tropfen der Selbstverachtung geflossen waren.

Und sie gedachte auch, wie mitten in ihren angstvollen Selbstanklagen der behandelnde Arzt zum Verbinden hereinkam, sauber und wichtig mit einem Geruch nach Wein und einer Jovialität, die gleichfalls vom Wein herrührte, und wie geschäftig er von Bett zu Bett eilte, und wie er über die alte Frau lachte, die im Delirium lag und unanständige Lieder sang, und wie er sie ermunterte, mehr dergleichen zu singen. Er lachte wie gekitzelt. Und wie würde er erst gelacht haben, wenn man ihn gefragt hätte, warum er sich so wichtig und vortrefflich vorkomme.

Und Josefine erinnerte sich später, wie ihr an dieser Stelle die Phylloxera-Kommission eingefallen war und ihre ausgezeichnet wichtigen und würdigen Mitglieder.

Der Vater hatte Josefine von diesen vortrefflichen Herren erzählt, nachdem er ihren Bericht entgegengenommen.

Nach der »streng sachlichen« Berichterstattung hatte eines der Kommissionsmitglieder ein hübsches, kleines Frühstück gegeben und dabei ein ganz klein wenig zu viel getrunken. Und in diesem Zustande hatte das würdige Mitglied einen hübschen, kleinen Trinkspruch ausgebracht auf – die Phylloxera, die sie hier so freundschaftlich vereinigt, die ihnen eine so ersprießliche Tätigkeit eröffnet, und die sie hoffentlich noch recht oft so freundschaftlich zusammenführen werde.

»Aber die Phylloxera wird, denk ich, bald vertilgt sein!« hatte Plattner ganz bestürzt gerufen.

Worauf der Trunkene treuherzig erwidert: »Wollen's nicht hoffen. Da wär ja die Phylloxera-Kommission auf einmal überflüssig.«

Möglich oder unmöglich, den gegenwärtigen Zustand zu ändern, dachte Josefine – um die Möglichkeit handelt es sich gar nicht. Es handelt sich darum, daß die Phylloxera-Kommission von der Phylloxera lebt, und daß sie brotlos ist, wenn die Phylloxera vertilgt würde. Es handelt sich darum, daß der Arzt von der Krankheit lebt, und daß 68 es in seinem Interesse liegt, wenn die Gelegenheit nicht ausstirbt, für die er seine Kenntnisse erworben hat.

Wie die Made im faulen Fleisch, wie der Richter im Verbrechen, so sucht und findet der Arzt und das Heer seiner Gehilfen in den Krankenhäusern und Kliniken eine auskömmliche Existenz. Und darum liegt es im Interesse der Interessenten, daß faules Fleisch, Verbrechen und Krankheiten immer in genügender Masse vorhanden seien; und alle Reden von Humanität, Wohlfahrtseinrichtungen, Fortschritten der Zivilisation sind bei der heutigen Ordnung der Dinge und im Munde der sich darin Wohlbefindenden Lüge und Betrug!

 

So schwer war für Josefine in dieser Zeit das Leben.

Auch die Arbeit versagte.

Josefine hatte arbeiten wollen, weil sie in der Arbeit Betäubung suchte. Aber mitten in der Betäubung durch die Arbeit war in ihr durch die Berührung mit dem leidenden, blutenden Leben ein höherer Sinn und ein höherer Anspruch erwacht.

Jetzt wollte sie arbeiten um des Nutzens willen, den ihre Arbeit den Menschen bringen sollte, und nun verzweifelte sie, daß ein solcher Nutzen aufzufinden sei.

Sie fühlte sich einsam und ohne Zusammenhang mit den Menschen, wie ein Sandkorn unter einem Berg von Sand.

Das ist die einzige Anarchie, die vernichtet, dachte sie verzweiflungsvoll, unsere heutige Ordnung, wo keiner sich um den anderen kümmert! Wir studieren! studieren! studieren! Aber nachher halten wir uns absichtlich die Augen zu, um uns nur ja auf das zu beschränken, was unseres Amtes ist. Und jeder hat ein Amt, und jeder hat eine Spezialität, und von Amt zu Amt und von Spezialität zu Spezialität gibt es keine Verständigung. Und Amt und Spezialität haben den Menschen aufgefressen. Und nirgends ist eine Stelle, wo alle menschlichen Tätigkeiten zusammenmündeten! 69

 

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