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Arbeit

Ilse Frapan: Arbeit - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleArbeit
authorIlse Frapan
year2007
firstpub1903
addressBerlin
titleArbeit
pages198
created20150301
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Buch

Es hatte soeben ein Uhr geschlagen. Über dem ganz lautlosen Hause »Zum grauen Ackerstein« brütete die lautlose, schwüle Sommernacht.

Plötzlich begann es in einem Zimmer des zweiten Stockwerks zu klingen, ein langgezogenes, schlaftrunkenes Kinderweinen, und zwischenhinein laute, schrille Schreie, einer nach dem anderen. Dann erhob sich eine dritte schluchzende Stimme, die einzelne Silben jammernd hinausstieß: »Uh! Uh! Mam! Uh!«

Das dunkle Eckzimmer, wo sie weinten, wurde jäh von einem hereinschießenden Lichtstreifen erhellt. Durch die helle Lichtbahn kam mit rücksichtslosem Tritt, so als ob es nicht Nacht wäre, eine große schwarze Frauengestalt, ihre Stirn berührte fast den niederen Querbalken über der Tür.

»Kinder! Kinder! Attention!« rief die Frau, hastig und erschrocken von einem Bettchen zum anderen eilend.

Eine Sekunde lang verstummte das Geschrei, dann brach es aus mit greller Heftigkeit, daß die ganze Luft davon zu zittern schien.

Drei kleine Gestalten saßen jammernd zwischen ihren Kissen. Nun erhob sich die eine und stand lang und weiß, mit verlangend gebogenen Armen, im Bette aufrecht.

Die Mutter eilte zu ihm, legte ihre Hand unter seine Achsel und versuchte die leichte, zitternde Gestalt niederzulegen.

»Was ist dir, Hermannli? Was ist denn, großer Bub?« beruhigte sie ihn.

Der Kleine widerstrebte, steif und unbeweglich, indes er an der Mutter vorbeistarrte, gerade hinaus mit offenen, tränenvollen Augen, den Mund vom Weinen zuckend, ohne Acht auf die streichelnden Hände.

»Ruhe! Attention!« rief sie laut und trat hart auf den Boden.

Dann lief sie hinaus und holte die Lampe.

Wieder war das Geschrei auf eine Weile verstummt. Und während die zusammengezogenen traurigen Augen der Mutter angstvoll suchend jeden Winkel des großen, einfachen, weißgetäfelten Schlafzimmers durchspähten, folgte ihr der blinzelnde, sonderbar vorwurfsvolle Blick der schläfrigen, aufgescheuchten Kleinen, und die Mündchen bebten, wie bereit, aufs neue hinauszuschreien.

Zum zweitenmal ging die Mutter von einem zum anderen, trocknete ihnen das Gesicht, klopfte und streichelte die zarten Backen und Schultern.

Aber ihre Stirn entrunzelte sich nicht bei ihrem Tun; die scharfe Gramfalte um den Mund verschwand nicht. Sie war nicht hier bei den Kindern, die sie zu beruhigen strebte.

6 Und die Kinder fühlten es. Auf einmal begann das Geschrei von neuem. Es hatte etwas Bewußtloses, Elementares, Ansteckendes. Etwas vom klagenden Wind, etwas von der Sturmglocke.

Die Frau richtete sich heftig empor, unwillkürlich öffnete sich ihr Mund. Da, tief in ihrer Kehle steckte auch ein Schrei, ein Schrei, den sie Tag und Nacht zurückpressen mußte, der sie würgte, erstickte ...

Sie rang ratlos die Hände.

»Hermannli, was ist denn? Kinder, ich bitt euch! Verrückt! verrückt! Man wird verrückt! – Leg dich, Bub! Schlaf!« schrie sie plötzlich auf und drückte den ältesten gewaltsam in sein Bettchen nieder.

»Papa!« schluchzte der Bub und drängte ihre Hand weg.

»Nein!« Sie klopfte auf den Boden. »Schlafen sollt ihr!«

Plötzlich, bei den starrenden Blicken ihrer Kinder, verließ sie die letzte Fassung. Die Tränen stürzten ihr hervor, unstillbar, unaufhaltsam, die Füße trugen sie nicht länger.

Sie warf sich auf den Boden, neben die Wiege, in der das Kleinste still im Schlaf geblieben war, biß in die Kissen und zuckte in wilden Krämpfen.

Ihre heftigen Bewegungen schaukelten die Wiege, aber die Kissen dämpften die Schreie ihres Mundes.

Die Lampe erlosch.

Die Kinder beruhigten sich, schliefen ein. Und zwischen ihnen auf dem Boden, in voller Kleidung, sank auch die Mutter endlich in bleiernen Ermattungsschlaf, den Kopf auf der Bretterdiele, in den entzündeten Augen Bilder des Entsetzens, die Ohren widerhallend von dem fieberischen, unbewußten Weinen ihrer kleinen Kinder, zermalmt unter der Wucht eines furchtbaren Schicksals.

 

Am anderen Morgen, früh gegen sieben Uhr, kam der Vater der Frau.

Er stand und wühlte mit den sonnengebräunten Fingern in dem breiten grauen Bart, sein breitkrempiger schwarzer Filzhut war tief in die Stirn gezogen. Die Stimme drang, wie aus weiter Ferne, fast erloschen und dennoch rauh aus der mächtigen Brust.

Das Mädchen, das die Stiege kehrte, erschrak vor ihm; sie war in der letzten Zeit in diesem Hause völlig schreckhaft geworden.

Auf seinen goldknäufigen Serbenstock gestützt, stand der alte Plattner vor dem kleinen Flurfenster mit dem roten Vorhang, durch den die Sonne breit auf die blanken gelben Stufen fiel, und blickte auf seine bestaubten Schuhe, während er seiner Tochter nachfragte.

»Noch nicht aufgestanden? Aber es ist bereits bald sieben Uhr. Geh, sag's ihr.«

7 Die natürliche Sicherheit eines starken aufrichtigen Menschen, die sich in der ganzen Erscheinung Plattners aussprach, schien wie durch eine innere schwere Erregung verstört. Bei den wenigen Worten färbte sich sein braunes Gesicht, und die Hand, die den Stock hielt, bebte.

Das Mädchen hatte die Flurtür hinter sich offen gelassen, durch die er schwerfällig, stampfend eintrat; er atmete stoßweise in der beklemmten Luft des fensterlosen Flurs.

»Vater,« sagte eine Stimme hinter ihm, halblaut, wie eine Frage, auf die man keine Antwort hoffen darf.

Plattner wendete sich um und streckte langsam die Hand aus, um die seiner Tochter zu erfassen.

Wortlos gingen sie miteinander auf eine der gelben Türen zu, an der ein weißes Porzellanschild mit der Inschrift »Wartezimmer« schimmerte.

Plattner zeigte im Hineingehen auf das Porzellanschild. »Warum nimmst du das nicht weg?« sagte er streng. Es war das erste Wort, das er sprach.

»Ja, ja,« erwiderte die Tochter bereitwillig und zerstreut. Ihre Blicke hingen an ihm. Als er sich auf einen der Rohrstühle setzte, wies sie auf das kleine Ledersofa. »Warum nicht hier? Es ist bequemer ... Du kommst so früh, so früh zu mir, Papa!«

Er saß dicht an der Wand, den Stock zwischen den Knien, den Kopf gesenkt. In die tiefe Stille klang durchs offene Fenster Räderknarren, Flüche und der Gesang der Amseln.

Die Frau schob mit abgewandtem Gesicht ihr weißes Tuch in die Tasche des schwarzen Kleides. Sie stand noch immer.

»Nun, Josy,« begann Plattner, »sitz daher!«

»Ja.« Sie blieb stehen.

»Und – also – eben – Josy – – es ist also eben aus! Und fertig und aus.«

»Ja.«

»Schuft! Schuft! Niederträchtiger Schuft!« brach der Mann aus und stieß den Stock nieder.

»Vater!« schrie Josy. Es war kein Wort, es war ein Hilfeschrei.

Der alte Plattner zuckte den Kopf empor, schob sich den Hut in den Nacken und blickte seine Tochter an. Auf der schönen hellen Stirn, die der Hut verdeckt hatte, arbeitete es, die klaren Augen funkelten.

»Nun?« grollte er verwundert, »noch nicht Schuft genug? Was meinst?«

Das Räderknirschen, die Fuhrmannsflüche, der Amselgesang erklang deutlich wie zuvor in der Stille. Josefine ächzte leise.

»Ich mein, wenn einer emal fünf Jahr Zuchthaus überkommt, no braucht man sich nicht genieren, ihn Schuft zu heißen!« schrie Plattner.

»Bitte, Papa! Nicht, nicht!«

8 Eine neue heftige Bestürzung überlief das Gesicht des Vaters. Er sprang auf, um der Tochter in die gesenkten, abgewendeten Augen zu sehen.

»Das wäre noch besser!« grollte er. »Wärst ihm etwa noch gut nach all der Schande? Hör emal – –«

Er faßte nach ihrem Ärmel, da drehte sie ihm selbst das leidende, verzerrte Gesicht mit den geschwollenen Augen zu. Eine kaum beherrschte Heftigkeit machte ihre Züge scharf, fast drohend.

»Ach, Vater, kommst auch nur, um ihn noch mehr herunterzusetzen? Gern haben? Man kann fast nicht anders! Wenn einer emal so tief drunten ist – ach, was wollt ihr noch! Er ist ja schon in der Höll, und ich – mit – ihm –«

Sie schrie es heraus, dann erstarb ihre Stimme im Weinen. Das Gesicht mit den Händen verdeckt stand sie neben dem Vater, der sie lange betroffen, verständnislos anstarrte.

»Bin nit herkommen derwegen,« begann er endlich mit schwerer Zunge, »derwegen nit, Josy. Herkommen bin ich, um dich heim zu holen mit deinen Kindern. Ich hab Retourbillet.«

Er machte sich an seiner Brusttasche zu schaffen, indes er fort und fort ein gedankenloses »Ja, ja, ja!« murrte. Als er der Tochter die grüne Fahrkarte reichte, bebte seine Hand immer noch.

»Da siehst es. Heut oder morgen. Es läuft drei Tage.« Seine Stimme nahm einen gutmütig beruhigenden Ton an. Er las das Datum umständlich vor, Jahreszahl und alles. Ein zutrauliches Lächeln erschien auf seinem starken, grobgeschnittenen Gesicht.

»Die Alte hat schon die ganze Nacht rumort. Gleich gestern abend, wie's Telegramm kommen ist vom Verteidiger,« – er seufzte – »daß es aus ist, hat's angefangen, Betten rüsten. Ich bin gewesen wie en Ochs – vor den Kopf geschlagen – wie's Telegramm kommen ist – aber es ging halt in Gottesnamen kein Zug mehr – wirst es begreifen, Josy.«

Josefine preßte seine Hand.

»Bist gütig, Vater!« sagte sie in müdem, hoffnungslosem Ton, »einzig lieb und gütig.« Sie bückte sich, schluchzte auf und legte ihren Kopf auf seine Schulter.

Steif und verlegen, ohne sich zu rühren, blickte Plattner gerade hin. Der dunkelblonde Scheitel, so nah seinem Gesicht, mahnte ihn an längst vergangene Zeiten und machte ihn weich vor Rührung.

»Nun, nun!« stotterte er. Und dann faßte er schnell nach einem Halt. »Und die ganz' Nacht hat's kracht und wetteret – – und ich hab mir dacht, wenn's nur ihn in den Gottserdsboden hineinschmetteret hätt, den verfluchten Schuft!«

Josefine richtete sich steil auf und zog mit plötzlichem Besinnen ihren Arm zurück. In den verweinten Augen begann es leidenschaftlich zu glühen.

9 »Ach, ihr! Ach, ihr alle!« rief sie schrill, »immer das gleiche! Immer der Schuft! Ich kann's nicht mehr hören! Ich will's nicht mehr hören! Es bringt mich um! Er ist ja verurteilt! Fünf Jahr, Vater! Zuchthaus! Denkst es? Kannst es ausdenken? Und die ganze Zeit, bis auf die letzte Minute, hab ich Hoffnung gehabt, bis – –«

Die Tränen überströmten ihr Gesicht, das im unerträglichen Weh zuckte. Händeballend begann sie das Zimmerchen zu durchlaufen, auf und ab.

»Wehe, wehe, wer ihnen in die Hände fällt! Es ist ihnen recht so! Es macht ihnen Freude! Ein Sündenbock muß sein, daß die Heuchler alle ihre Tugend an Tag legen können, wenn sie den einen in Fetzen reißen! Nein, Vater, so versteh ich's denn doch nit! Müßt mich nicht wild machen, ich versteh's nicht! Bist gütig, Vater, aber siehst – mit dir gehn – 's tut sich eben nicht! Wir kämen emal nicht überein! Du hast deine Meinung, aber ich – ich bin die Frau! Da sind die Kinder! Seine vier Kinder! Kannst die Natur umkehren? Wenn ich auch noch anfang, schreie: hoho, der Schuft! – Was dann? Nein, lieber grad in den See, daß ein End wär! Aber es geht ja nicht! Nit Vater, nit Mutter für die vier Waisen? Bedenke doch, Vater, 's wär schrecklich! Schändlich wär's gradaus! Ich vermag's nicht und tät's doch so gern!«

Der Atem versagte ihr. Sie drückte die Hand auf den schmerzenden Hals, während sie hart vor dem Vater stehen blieb, der mit gerunzelter Stirn und offenem Munde, blaß und regungslos, diesen Ausbruch angehört.

Es klopfte an die Tür des kahlen Wartezimmerchens, wo sie sich immer noch befanden.

»Frau, 's Koffi ischt vorusse!« rief das Mädchen, ohne zu öffnen.

Wie wenn es eine unaufschiebbare Pflicht zu erfüllen gelte, gingen Vater und Tochter auf die Altane, aßen und tranken.

Während dieser Zeit sprachen sie nichts. Plattner brockte sein Brot in die große Kaffeetasse und brummte etwas vor sich hin vom Zahnreißen, das er recht unleidlich spüre.

Josy erwachte wie aus schreckhaften Träumen. »Welcher ist's, Vater? Zeige emal.«

Der Alte öffnete weit den Mund unter dem überhängenden grauen Bart und klopfte mit dem Teelöffel an seine gelben starken Zähne.

»'s Gebiß wär g'sund. ›Echte Bündnerzähne‹, sagt der Doktor Anstand – kennst ihn ja – ist g'schickt. Aber die ewig' Aufregung zeither, 's sind halt die Nerven.« Sein Blick richtete sich voll Besorgnis auf die Tochter. Er versuchte sich vorzustellen, wie Josy sonst ausgesehen. »Ja so! Wie geht's denn dir mit der Gesundheit?«

»O danke, merci, Papa! 's passiert. Ich spüre nichts.«

Er sah die scharfen Züge von den Mundwinkeln abwärts, die hohlwangige Magerkeit Josefines. Unterm Tische ballte er die Hand. »Spürst nichts, bis die Reaktion kommt. Aber die bleibt nicht aus.«

10 Sie schwiegen wieder. Plattner sah hinaus.

Der Morgen war nebelig; die Sonne schien gedämpft. Die Altane, von Reben umzogen, deren Blätter sich an den vier Pfeilern zu goldgrünen Kränzen verwoben, ließ den Blick frei wandern über die schöne weiße Stadt am grünen See, auf den niedere weißgeballte Wolken herabhingen. Hier und da funkelte eine Fensterreihe, ein Glasdach, eine der Wiesen am Ütli drüben war smaragdgrün herausgehoben, sonst lag ein sanftes Lilagrau über allem; rosig schimmerte das nackte Felsenegg aus den sommerdunklen Wäldern. Mit kosendem Zwitschern schossen die Schwalben ganz nah und niedrig um die Altane; Wolken von Duft stiegen aus den Weinbergen und aus den breiten saftigen Gewinden an den Pfeilern.

»Blühen eure Reben erst jetzt?« entfuhr es Plattner.

»Ja! Es ist recht verspätet. Die Sonne hat gefehlt.«

Wieder langes Schweigen.

Die Nebel zerrannen und flossen wieder zusammen. Einen Augenblick standen die hübschen Villen am See weiß und zierlich wie Elfenbeinspielzeug auf dunklem, verwischtem Grunde. Dann wieder war die Stadt grau verschattet und hob sich nur in undeutlicher Masse vom hell und scharf beleuchteten Berge ab.

Plattners Augen folgten dem Wechselspiel, ohne daß er selbst darum wußte. Nun schob er die klirrende Tasse zurück und faltete die braunen Hände auf der Tischplatte. »Was hast vorhin gemeint, Kind? Ich hab's nicht recht verstanden.«

Josy hob die dunkelumschatteten Augen und ließ sie gleich wieder sinken; es war eine Bewegung in ihrem eingefallenen Gesicht, die den Vater warnte.

»Man muß ja reden, wenn's auch unangenehm ist, Josy. Also – heraus mit der Hauptsach! Willst gleich Antrag stellen auf Scheidung oder willst noch warten?«

»Nein, davon ist keine Rede,« sagte Josefine mit fester Stimme.

Der Mann bäumte sich von seinem Sitz auf. Das Blut stieg ihm in die Augen.

»Ich versteh nicht,« sagte er rauh. »Hast mich nicht recht gehört, wie es scheint. 's ist ja nur die letzte Form. Glatt wird's gehen, ohne allen Anstand. Ich denk sogar, daß du nicht vor Gericht erscheinen mußt. Es wär ja auch widrig. Wenn du mal von dem Schurken los bist – auch gesetzlich los – –«

Josefine stand auf, so schnell, daß ihr Strohsessel umfiel. Leise, mit zischender Dringlichkeit in der Stimme, begann sie: »Nein, Papa, nein! Scheiden laß ich mich nicht! Ihr braucht mir nicht zuzureden. Weder glatt noch schwierig – ich will's nicht! Es ist unmöglich. Aber weißt, es sticht mich da! Jedes Wort, was du drüber redest! Nur nicht sagen, ich wär vernarrt in ihn, jetzt noch! O nein! Bin nicht vernarrt, Vater, bin ganz klar und so ruhig!«

Ihr ganzes Gesicht glühte plötzlich in Fieberröte.

11 »Du sagst: nicht vernarrt? Also verzaubert? Behext?« schrie Plattner, auf den Tisch schlagend. »So ein Schuft, so ein –«

»Siehst du!« rief sie wild. »Das ist es! Weil ihr immer so sprecht! Weil er von der ganzen Welt verachtet, verstoßen, verlassen ist! Und ich soll mitmachen? Nein, nicht verzaubert, nicht behext, aber die nächste, wo er hat! Den einen erwischen sie, und zehntausend gehen frei aus. Schuft! Schuft! Immer nur Schuft! Pfui, die Bande! Alle hergefallen über einen! Schämt euch! Vater, weißt – einmal ist der Georges doch so ganz wie andere – doch so ganz – –«

Tränenüberströmt sank sie an der Wand in sich zusammen. Aber wie der Vater wirr und stumm dreinblickte, zwang sie ihre Fassung zurück.

»Bitte, bitte, laß mich tun, was ich kann! Du weißt ja, daß ich immer meinen Weg gehen muß. Ich bin ja ganz zerschlagen, eigentlich wie toll!« Sie drückte ihre Schläfen mit den Händen zusammen. »Auf die Straße möcht ich und schreien, bis die Leute mit mir kommen und ihn da herausreißen, wo sie ihn vergraben haben!«

Sie funkelte den Vater an, kurz und schnell, mit ihren Fieberblicken. Aber sein Gesicht war fremd und abweisend geworden; er sah sich verloren um, betastete seine Stirn, auf der Schweißtropfen standen. Dann suchte er seinen Hut, den derben Stock und näherte sich dabei unmerklich der Tür.

»Also – also – adie, Josy,« sagte er in trockenem Ton, ohne die Hand auszustrecken.

Sprachlos sah die junge Frau ihm zu. Sie konnte nichts reden, um den Preis ihres Lebens nicht. Aber ihr Herz klopfte in wilder Verzweiflung, daß er so gehen sollte, ihr lieber, treuer Vater.

Und er ging.

Durch das halbdunkle Balkonzimmer über den kleinen fensterlosen Flur hörte sie seine schweren Tritte. Er stieß mit dem Stock auf, als ob er mit lahmen Füßen an der Krücke ginge ...

Die Tür klappte, der schwere, müde Tritt, der Krückstock erklang auf den Treppenstufen ... Josy schüttelte sich auf aus der Erstarrung. Sie riß das Kleinste aus der Wiege und rannte mit ihm auf dem Arm dem Vater nach. Am Ende der Stiege holte sie ihn ein.

»Die Kinder!« rief Josy keuchend. »Vater, du hast ja die Kinder nicht gesehen.«

Er kehrte mit ihr zurück in die Wohnung.

Die älteren Kinder lärmten in ihren Betten. Josefine riß weit die Schlafzimmertür auf: »Springt heraus, der Großvater ist gekommen!«

Schüchtern, im Hemdchen, mit bloßen Füßen kamen sie herangehuscht, ein blasser, schmaler Bub von sieben Jahren mit unruhigen Augen und ein untersetzter Blondkopf mit rotgeschlafenen Backen. Ein zartes Mädchen mit dünnem, seidigem, dunklem 12 Haar folgte. Es ging mit gesenktem Kopf und schlaff hängenden Ärmchen beschämt und langsam hinter den Buben her.

Josefine eilte mit dem Kleinsten in die Küche. Sie war froh, einen Augenblick fortzukommen, während sie doch den Vater noch hier wußte, hier bei ihr, in der traurigen Wohnung mit dem schwarzen, gähnenden Schlund in der Mitte. Der gute, treue Vater mit dem starken, ehrlichen Antlitz, mit den kräftigen, Lebensfrische atmenden Gliedern, mit den derben Kleidern, die nach Heu dufteten, mit den sonnenbraunen, arbeitgewöhnten Händen. Er war noch hier.

Sie stand in der Küche und sah gedankenlos zu, wie das Mädchen die kleine Nina badete und ankleidete. Das Mädchen lachte, denn die Kleine sog an dem Waschschwämmchen und wollte es nicht fahren lassen. Aus dem Zimmer vorn kamen die Stimmen der Kinder, froh und jauchzend, und dann wieder hörte sie ihres Vaters Stimme und sein Gelächter. Josefine seufzte erleichtert. Er war ja im Grunde ein fröhlicher Mann, ihr Vater, jung geblieben zwischen seinen jungen Zöglingen von der landwirtschaftlichen Schule. Und sie fühlte es: immer doch würde er auf ihrer Seite sein mit seiner Hilfsbereitschaft, mit seinem praktischen Sinn und seinem Vaterherzen. Nur keine Entzweiung zwischen ihnen! Nur seine Hand nicht loslassen müssen!

Zögernd entschloß sich Josefine, wieder hinüberzugehen, aber dann, als sie die fröhliche Gruppe sah, wurde ihr ganz licht vor den Augen. Die Kinder hielten den Großvater eng belagert, wie er da mitten im Balkonzimmer saß. Röslis leichtes, kleines Figürchen lag ganz fest in den starken Armen, das Köpfchen dicht an des Großvaters Brust geschmiegt, die Finger in seinem grauen Lockenbart vergraben. Hermannli hielt ihn von rücklings umfaßt, der Kleinere, Uli, stand zwischen den Knien des Alten, der ganz beruhigt, milde und versöhnt auf die Kinder niedersah.

»Sie gehen mit mir, alle miteinander! Deine ganze wilde Bande! Aber das ist die wildeste von allen!«

Er zupfte Rösli an den braunen Ringeln und wiegte sie spielend. Hermann versuchte, sie von dem bevorzugten Platze zu verdrängen. Plattners Blick musterte scharf den Knaben, und jäh entschwand das Wohlgefallen aus seinen Zügen.

»Wie der Bub ihm gleicht!« sagte er langsam. »Der wird dir zu schaffen machen.« Und in romanischer Sprache fuhr er fort: »Er hat mich gleich gefragt, wo doch der Papa sei. Die Mama sage: im Spital bei den kranken Leuten, aber er glaubt's nicht. ›Und warum glaubst du's nicht?‹ frag ich ihn. Da macht der Lausbub so ein altbärtiges G'sicht hin und flüstert: ›Mir darfst schon sagen, Großvater, daß der Papa tot ist. Ich bin nicht so dumm, wie die Mama meint, ich merke alles.‹«

Während der Wiedererzählung blickte der Knabe mit seinen unruhigen Augen von dem Großvater zur Mutter und umgekehrt, als verstehe er jedes Wort der ihm fremden Sprache.

13 »Mama, wann kommt der Papa heim?« sagte er, sich an des Großvaters Schulter drängend.

»Wenn er gesund ist,« entgegnete Josefine kurz.

»Wird er wahrscheinlich lange krank sein?« fing der Bub in herausforderndem Ton an.

»Ja, lang. Wahrscheinlich.«

»Wieviel Jahre, Mama? Ein Jahr oder mehr?« Es klang wie frühreife Ironie.

Josy ergriff ihn am Arm. »Schwatz nicht so viel,« sagte sie finster. »Geh jetzt! Wasche dich! Zieh dich an! Marsch hinaus!«

Da beugte sich der Knabe an des Großvaters Ohr und zischelte: »Wir beide sind Männer, gelt Großvater? Ich will mit dir gehen! Und du zeigst mir Papas Grab, haha!«

Er lachte plötzlich frech der Mutter ins Gesicht, dann duckte er sich, schluchzte auf und ging mit schlotternden Knien hinaus. Mit scheuer Miene schlich ihm Rösli nach. Nur der kleine rotbäckige Uli ritt lärmend und jauchzend in seinem kurzen Hemdchen auf einem Blumenstab durch das Zimmer und über die Altane, wo Vater und Tochter wieder gramvoll nebeneinander saßen. Selten fiel ein Wort.

»Ihr kommt also nicht mit mir?«

»Nein, Vater!«

»Und was gedenkst du zu tun?«

»Irgend etwas anfangen.«

»Und denkst davon zu leben?«

»Ja!«

»Mit den Kindern?«

»Wenn ich die Kinder nicht hätt, braucht ich nicht zu leben.«

»Soo-o?« Der große vorwurfsvolle Aufblick des Vaters drang Josefinen tief in das leidende Herz.

»Hab nicht Furcht,« sagte sie bitter, »ich lebe und will leben. Der Bub bringt mich fast um mit seinen Fragen, und ich gäb ihn dir gern. Aber es könnte ein Wort fallen – von den Knechten – von einem Zögling – nein. Sie werden ja dort von nichts anderem reden.«

Plattner fuhr auf. »In meiner Gegenwart?« stürmte er ingrimmig. Unwillkürlich sah er hinter sich, als erwarte er schon die Angreifer und Tuschler.

Die Sonne kam über den Balken herein, sie malte das zackige Blattornament scharf und treu auf den hellen Parkettboden. Aus dem nebligen Morgen wollte ein voller Sommertag erstehen, nicht ganz klar, aber voll lockendem, mildem Glanz.

»Was der Mensch sich selber zubereitet!« nickte Plattner aus seinen schweren Gedanken heraus.

Josefine nickte stumm.

14 »Du auch, Kind, du auch.«

»Ich? Was kann ich noch tun oder nicht tun? Mir hat ja das Schicksal alle Wahl erspart,« höhnte sie bitter.

»Wenn du dem – dem – Menschen absagst und läßt dich scheiden und ziehst zu deinem Vater und – –«

»Dann bist erst recht gemein!« rief Josy überlaut. »Wenigstens ich, Vater, ich wär's. Übrigens – ich könnt nicht. Da ist kein Überlegen, kein Besinnen. Was ich einmal lieb gehabt, das bleibt mein gegen die ganze Welt. Wir sind nun in der Hölle, Vater – nun denn – in der Hölle.« Sie sprang auf. Ihre starren Augen erschreckten ihn.

Unwillkürlich hob er den Arm, um sie zu schützen. Aber er ließ ihn wieder sinken.

Ihr bewegliches Gesicht hatte sich verändert.

»Man muß herauskommen, aber nicht so, wie du meinst, Vater. Man muß ihn mit herausreißen, sonst ist's gemein. Wenn ich könnte – wenn ich beweisen könnte, daß man ihn unschuldig verurteilt hat!«

Glühend, leuchtend, von Schwärmerei verklärt, mit aufwärts gerichteter Stirn, mitten in dem sonnendurchspielten Zimmer stehend, erschien die Frau plötzlich wie eine andere. Es war einer jener Augenblicke, in denen das sonst unkenntlich verhüllte oder umpanzerte Innerste des Menschen, sein eigenes, individuelles Selbst, in eigenster Gestalt erscheint, überraschend, neu, eine Offenbarung.

Den Vater überrann ein leichter Schauer. Er schwieg betroffen. Die Tochter gewann Gewalt über ihn, über seine Meinungen und Abneigungen, die er für unerschütterlich gehalten. Mühsam ermannte er sich.

»Unschuldig?« sagte er in weichem, traurigem Ton. »Josy, was träumst auch! Er hat ja gestanden. Da fehlt kein Pünktchen am Schuldbeweis. Die Hoffnung mußt fahren lassen.«

Josefine antwortete nicht gleich. Die Begeisterung auf ihrem Gesichte erlosch, wie eine helle Lampe erlischt. Herausforderung bebte um ihre Lippen.

»Und wer in der ganzen Welt ist unschuldig?« schrie sie. »Welcher Mensch und welcher Mann? Wen dürfte man nicht einsperren, wenn man jedes Blatt seines Lebens kennte?«

»Halt du! Hast schon vorhin so etwas gesagt!« Plattner war aufgestanden, Zornröte schoß ihm über die Wangen. »Ich verbitt mir, daß du so mit mir redest!«

Die Hände auf dem Rücken, lief er im Zimmer hin und her, kopfschüttelnd, unbehaglich über alle Maßen, von hilflosem Mitleid gequält für dies eigensinnige Kind, das sich in allem Elend so selbständig, so unbeugsam zeigte.

»Ich bin so weit,« sagte Josy, ins Leere sprechend, »daß für mich alles aus ist. Achtung vor den Menschen? Pah! Glauben an die Menschen? Noch viel haltloser. Heute 15 denk ich so, morgen wieder anders, und alle Leute so, einfach. Wir sind wie Buchstaben, ins Wasser geschrieben! Launische Kranke! Armselige Verrückte, wir alle!«

»Widerspricht sich bei jedem Wort und weiß es selber nicht!« zürnte Plattner.

»Widersprech ich mir?« – Josy errötete flüchtig – »nun, vielleicht auch. Warum nicht, wo alles ringsum sich widerspricht? Aber ich weiß doch nicht, warum wir nicht aneinander hängen sollten, coûte que coûte. Glauben hab ich nicht, Hoffnung hab ich nicht, aber dies – dies bißchen Liebe – das ist etwas so menschliches – so natürliches –« Sie brach in ein heftiges Schluchzen aus.

Der kleine Uli kam herangestolpert, ahnungsvollen Kummer in seinem dreijährigen Gesichtchen und bereit, auch zu schreien.

Plattner drückte ihn an sich und faßte Josys Hand. »Gut, gut; ich sage nichts mehr. Die kleine Zeit, wo ich noch hier bin, soll Friede sein. Von mir aus.« Seine Augen wanderten, und plötzlich rief er: »Aber ich bitte dich, Josy, warum hast du nicht wenigstens das Bild da weggetan? 's ist doch entsetzlich, wenn jemand –«

Er stockte und zog Uli auf seine Knie.

Der unselige Georges! wie er den Eindringling, den Verderber, den Teufel haßte!

 

Drei Tage blieb Plattner bei seiner Tochter und all die drei Tage stieß er Stunde um Stunde mit dem Gespenst zusammen, das hier im Hause »Zum grauen Ackerstein« bei hellichter Sonne, bei Amselsang und Kinderlachen in allen Zimmern spukte und aus seinen verschleierten Augen mit stillem Hohnlachen auf all die blühende Wirklichkeit sah.

Im Balkonzimmer die große Photographie des jungen Ehepaares – Josefine und Georges mit dem damals einjährigen Hermann auf den Knien – verdarb dem Vater das Frühstück und ließ ihn mitten im Satz innehalten, so oft seine Augen widerwillig über die Wand streiften.

Auf dem Flur das Porzellanschild an der Tür mit der Aufschrift »Wartezimmer. Sprechstunden von 7 bis 9 und von 3 bis 5 Uhr« stach ihm belästigend in die Augen, wenn er aus dem einen Raum in den anderen ging.

Im Eßzimmer wieder ein Bild: Georges mit seiner Schwester Licile, sie im weißen Konfirmandenkleid und Schleier, er halbwüchsig, mit langen blaßblonden Locken über einem goldbraunen Sammetrock, schmachtend und glatt, die fatale Unterlippe ohne alle Form und Zeichnung schon gerade so schlaff wie jetzt beim Erwachsenen. Eine talentlose Malerei, eine süßlich fade Auffassung; für Plattner eine tägliche Herausforderung, dies Geschwisterpaar.

Schon damals hat er nicht getaugt, der freche lüsterne Bengel! dachte er bei sich und ballte heimlich die Faust. Und der hat meine Josy bekommen, mein bestes, 16 tüchtigstes Kind! Wo hab ich alter Esel meine Augen gehabt? Wir sind alle blind gewesen, sagte er sich ingrimmig.

Im Schlafzimmer, Doktor Georges Geyers ehemaligem Schlafzimmer, derselbe Georges Geyer als Student, in einer Gruppe, irgend einer Verbindung in Wichs. Hier unter den übrigen, ziemlich unbedeutenden Köpfen sieht er gleichwohl nach etwas aus. Ein feines Gesicht, bis auf den Mund. Und den versteckt der Bart. Was man so einen »schönen Mann« nennt. Der Teufel hol ihn.

Und Plattner nahm allabendlich die Photographie von der Wand, um besser schlafen zu können.

Aber er schlief trotzdem schlecht. Warum konnte er nicht sein tapferes armes Kind herausziehen aus alledem? Warum nicht sie in die Arme nehmen, samt ihren Kleinen und fort, fort in reine Luft?

Er hätte ihr befehlen mögen: Denk nie mehr an ihn! vergiß sein Gesicht, seine Stimme, euer achtjähriges Zusammenleben! vergiß das kurze Glück, vergiß die lange Schmach! es soll alles sein, als wäre es nie gewesen!

Wenn er abwesend war von ihr, im anderen Zimmer nur, dann erschien sie ihm so jung, so hilflos, so unendlich mitleidsbedürftig.

Seine Lider wurden heiß und feucht, seine starken Hände wanden und krampften sich in verzweifeltem Harm. Wie ein kleines Kind war sie ihm dann, das in dunklen Wellen um sein Leben kämpfte.

Und wenn er sie dann wieder vor sich sah in der Dornenkrone ihres Leides, in der ernsten Würde der Gefaßtheit, unnahbar in ihrem heißen Gram, unnahbar in ihrer leidenschaftlichen Parteinahme für den Verurteilten – dann stand er stumm, dann sagte er sich bitter und schmerzlich: nie mehr kommen wir recht zu einander. Der verfluchte Schuft steht zwischen uns.

Und er haßte ihn tiefer jeden Tag, und er fluchte ihm mit jedem Gedanken und jedem Wort, und seine Tochter fühlte den Haß wie eine feindselige Atmosphäre um den geliebten Vater, die sie nicht durchbrechen konnte; sie hörte die Flüche, obgleich sie nicht ausgesprochen wurden, und Weh und Trotz kämpften in ihrem Herzen.

Plattner lag nachts und grübelte: Sie sagt, der Schuft ist wie alle! Allmächtiger Gott, was meint sie? Hat er ihr zu allem übrigen noch das moralische Gefühl geraubt? Ist sie auch schon verdorben?

Er sah Josy wieder und atmete auf: Sie ist so unschuldig – sie versteht nicht einmal, was der schuftige Patron angestellt hat!

Der Abschied war unsäglich traurig.

Gerade beim Verlassen der Wohnung sieht er noch die Messingtafel an der Glastür. Auf dem Namen »Doktor Georges Geyer, praktischer Arzt« funkelt gelb die Sonne. Neben Plattner steht Josy, wie immer in Schwarz, mit bleichem, schmalem Gesicht, 17 mit ungeduldigen Augen, denn bis zum letzten Moment fürchtet sie einen jähen Zusammenstoß.

»Adieu! adieu!« rufen die älteren Kinder. Den dreijährigen Uli, die einjährige Nina nimmt der Großvater mit; das Mädchen ist mit ihnen voraus auf den Bahnhof, wird sie auch während der Eisenbahnfahrt versorgen.

Rot vor Zorn deutet Plattner auf die sonnenglitzernde Namentafel. »Und das soll auch bleiben?«

»Ja,« macht Josy herausfordernd.

»Aber 's ist ja nicht wahr! Er wohnt ja ganz wo anders!« ruft Plattner.

Ein Blick auf die Kinder macht ihn still. Er erschrickt. Fast hätten sie sich gezankt, harte Worte gesagt, hier an der Schwelle der Trennung.

Auch Josefine besinnt sich. »Nein, so sollst du nicht gehen, Vater! Wir kommen mit. Holt eure Hüte, Kinder.«

Als sie gerüstet da standen, und Plattner sie stumm und trübe musterte, blitzte ihr ein plötzlicher Argwohn auf.

»Ich trage keinen Schleier. Soll ich einen Schleier umbinden, Vater? Du scheust dich vielleicht, mit mir so über die Straße zu gehen?«

»Komm, komm!« sagte Plattner müde.

»Aber du wirst angestarrt werden, Vater. Sie werden dich alle sehen wollen. Ich kenne diese grausame Neugier,« rief sie schneidend.

Ohne zu antworten, ergriff Plattner das kleine Rösli an der Hand und ging mit ihm hinunter.

In Josys Augen spielten grünliche Funken. Sie wollte ihren Hut wieder abnehmen.

»Komm, komm, Mama! Der Zug fährt weg!« drängte Hermann.

So kamen sie dann auf die Straße. Aber nur gleichgültige Worte wurden gewechselt, und ein gespannter argwöhnischer Zug wich nicht aus den Gesichtern.

Erst als sie die Bahnhofshalle betraten, unter dem Kohlendampf und dem Pfeifen der Züge sich durch den Menschenstrom arbeiteten, schob sich Josefine an ihres Vaters Seite.

»Aber das ist alles dummes Zeug, nicht wahr? alles dummes Zeug.« Sie sprach hastig, sie überstürzte sich im Reden. »Ich habe dir noch nichts von meinen Plänen gesagt. Man muß natürlich Pläne machen. Mit dem dummen Zeug, dem Kummer und so weiter verliert man alle Zeit und Kraft. Und nun reist du fort! O, wie schade! Ich habe einen Plan, weißt du, einen Hauptplan – du schickst mir Laure Anaise, nicht wahr? Und dann, wenn ich sehe, daß es geht, schreib ich dir. Du hilfst mir ja doch, gelt? Ach, es ist eigentlich keine Minute zu verlieren, und nun haben wir diese drei Tage – O, schon einsteigen? Kaum, daß ich die Kinder noch küssen kann!«

18 Noch aus dem Fenster rief Plattner seiner Tochter zu: »Das Türschild ist absolut unnötig, führt nur irre!«

Das letzte, was er sah, war ihr hartnäckiges Kopfschütteln.

Dann kamen große, graue Dampfwolken und legten sich zwischen die Abschiednehmenden, und die geschwenkten Taschentücher wurden unsichtbar ...

 

Josefine weinte viel auf dem Rückwege. Stumm und gedrückt gingen die Kinder neben ihr.

Einmal blieb sie stehen: »Kinder, nun ist der liebe, liebe Großvater fort! Aber wir danken es ihm tausend-, tausendmal, daß er zu uns gekommen ist.«

»Tausendmal,« sagten die Kleinen mechanisch.

Und den ganzen Nachmittag, während sie sich in der verödeten Wohnung bewegten, das nötigste besorgten, ohne fremde Hilfe, ward Josy nicht müde, den beiden von dem lieben Großvater zu erzählen, und daß man ihm tausendmal danken müsse.

»Er hat uns aber nichts mitgebracht,« sagte Hermann blinzelnd.

»Und Uli und Nina?« fragte Röslis unsicheres Stimmchen, »sind sie nicht lieb? Wollen wir sie nicht mehr haben, Mama?«

»Nein, aber ich möchte wissen, in welchem Spital Papa ist!« flüsterte der Bub seinem Schwesterchen zu. »Es ist sicher, daß Mama ihn gar nicht lieb hat, sonst würde sie ihn doch besuchen. Und ich geh dann einmal, ich gehe von Tür zu Tür und frage: Ist mein Pappe nicht hier?«

»Ich geh auch,« flüsterte Rösli mit großen Augen.

»Nein, du nicht, das ist nur was für Männer,« er stieß sie vertraulich an. »Weißt, Rösli, der Pappe ist überhaupt schon lang tot, die Mama will's nur nicht sagen. Er ist ausgegangen und nicht heimgekommen, einmal am frühen Morgen; wir haben noch geschlafen. Er ist gewiß ermordet. Man muß sein Grab suchen. Ich will ihm einen Kranz hinlegen von Efeu und Immergrün. Das ist für die Toten.«

»Und weiße Rosen sind auch für die Toten. Und ich will auch,« sagte Rösli, ängstlich an den Bruder geschmiegt.

»Nein, du nicht. Du bist zu klein. Du bist eine dumme Gans. Der Pappe ist ermordet!« Er spitzte den Mund und machte starre Augen.

Rösli wurde es heiß vor Angst. »Das lügst du,« flüsterte sie empört, »das sag ich der Mama.«

»Ach, du Dumme! Warum trägt sie immer Schwarz? Schwarz ist Trauer! Da siehst es!«

Rösli zitterte vor Aufregung. »Kriegen wir jetzt einen neuen Papa?«

»Ho, die redet! neuen Papa, sagt sie. So sagt man nicht, man sagt Stiefvater! Dann kriegst du aber Wichs!«

19 Der Bub lachte höhnisch auf; dann stockte er. Die Kinder sahen sich erschrocken an.

»Was habt ihr beiden vor? Warum flüstert ihr? sprecht laut!« rief Josefine aus dem anstoßenden Raum.

»Wir sprechen etwas, Mama,« sagte Rösli kleinlaut.

»Vom Christkindli, Mama!« rief Hermann und ließ seine Finger knacken. Er lächelte dreist der Kleinen zu.

»Vom Christkind? schon jetzt?« Josy seufzte erleichtert. »Wohl, 's ist ganz recht, sprecht nur vom Christkindli. Vergeßt auch den Großpapa nicht.«

Und die Geschwister nickten sich zu und steckten die Köpfe dicht zusammen und spannen weiter an ihrem phantastischen Gewebe wie zwei der kleinen roten Spinnentierchen, die blitzgeschwind über schwarze Spalten und unheimliche Klüfte ihre silbernen Fädchen ziehen und daran durch die Luft fliegen, heimlich und lautlos, fast ohne Bewegung, daß man meint, sie schliefen nur, die schlauen kleinwinzigen Spinnlein.

 

Josefine hatte nicht mehr geglaubt, daß ihre Schwestern zu ihr kommen würden, aber eines Abends, in der Dämmerung, kamen sie doch zu ihr. Hübsch, jung und elegant, von einer Wolke zarten Parfüms umhüllt, mit dem Knistern seidener Unterkleider, traten sie in das Zimmer.

In Hüten und Schleiern saßen sie, nahe der Tür, als Josefine, aus dem Schlafraum der Kinder kommend, sie begrüßte.

Josefines Herz wallte hoch auf, als sie die Schwestern sah. Sie konnte nicht sprechen. Sie trug die Sonnenschirme, die sie ihnen abgenommen, aus einer Zimmerecke in die andere.

Die hübschen Frauen saßen da wie das böse Gewissen. Schweigend bewegten sie die Taschentücher.

Die Balkontür war halb geschlossen, es regnete schwer. Durch das Prasseln der Tropfen in das dichte, harte Kastanienlaub tönte das Kreischen und Klingeln des Trams. Der Wind schüttelte die Balkontür. Die Besucherinnen seufzten und schnäuzten sich abwechselnd.

Adele, die schlanke Älteste mit der gebogenen Nase und dem Zwicker am Bande, blickte Josefine prüfend an. »Du trägst also Schwarz! ja, ja, ja!« sagte sie in kondolierendem Ton.

»Ihr trinkt doch eine Tasse Tee mit mir,« machte Josefine aufstehend.

Marie hielt sie zurück. Ihr kleines verweintes Gesicht unter dem toupierten hellen Blondhaar verzog sich kummervoll.

»Nicht dazu sind wir hergekommen, Fifi; ist es denn wahr, daß du dich nicht scheiden läßt?«

20 »Ja, das ist ganz wahr,« nickte Josefine, den Blick abwendend.

»Aber, mon dieu! mon dieu! was werden sie sagen!« Adele zog die Handschuhe ab und begann die Hände zu ringen.

»Wer?« machte Josefine zerstreut.

»Die Leute, Fifi, alle Leute!«

»Ja, ich kann mich doch darum nicht kümmern!« Josefines Gesicht ward immer finsterer.

»Sie sagen, dir fehlen die moralischen Begriffe!« schrie Marie auf.

»Ich habe meine eigenen Begriffe, Mia.«

»Aber das verzeiht dir ja kein Mensch, Josefine.«

»Auch ihr nicht?« forschte Josefine in seltsam leichtem Ton.

Adele richtete sich gerade auf. »Wir sind deine Schwestern. Mit uns ist es ja anders. Wir kennen dich.«

»Bin ich eure Schwester? Kennt ihr mich?« stammelte Josefine mit verzerrtem, schmerzhaftem Lächeln. Sie fühlte Stiche am Herzen und atmete mühsam.

»Mein guter Mann –« begann Marie.

»Mein Léon –« fiel Adele ein.

»Ja, ihr seid die Glücklichen,« fiüsterte Josefine.

»Aber das ist doch nicht unsere Schuld!« riefen die Schwestern gleichzeitig.

»Nein, es ist euer Verdienst,« versetzte Josefine sehr bitter.

Schmollend blickten die Besucherinnen einander an.

»Wir haben's ja gewußt, wie du uns aufnehmen würdest!« sagte Adele gekränkt, »aber gekommen sind wir in Gottesnamen doch.«

»Arme Fifi! du bist natürlich furchtbar verbittert,« schluchzte Marie und fächelte mit dem feuchten Taschentuch ihre Augen. »Wir, das heißt unsere Männer und wir, meinen es ja so gut mit dir!«

Josefine sah die Sprecherin mit einem langen, trüben Blick an. Dann glitt der Blick zur Seite und fiel auf den Boden, matt und leblos.

»Warum seid ihr gekommen?« hauchte sie in sich hinein.

»Wenn du es nur nicht falsch auffassen möchtest –« sagte Marie und legte mit einer ihr eigentümlichen weich koketten Bewegung den Kopf auf die rechte Schulter.

Adele rückte sich zurecht.

»Das beste ist und bleibt doch, daß du von Zürich fortziehst, liebe Josefine, von dem Orte, wo – nun, wir wissen ja alle, wie schrecklich dir diese Stadt jetzt sein muß! Zum Vater – das wäre natürlich sehr schön, jedoch in seiner Stellung – als Direktor der landwirtschaftlichen Schule – ist es ja begreiflich. – – Nein, aber irgendwo aufs Land. Es ist auch wegen der Kinder. Weil sie dort frische Luft haben. Sehr viel besser ist ja die Luft auf dem Lande als in der Stadt.«

21 »Keimfrei, Fifi, das ist nicht zu unterschätzen,« fiel Marie ein.

Adele nickte. »Ganz recht. Und dann, wenn du dich dann recht bald zur Scheidung entschließen wolltest – nein, hör doch erst, was ich dir sagen soll – Léon und der Vater und vielleicht auch Albert, wenn seine Geschäfte so weitergehen, werden jeder jährlich tausend Franken hergeben, damit du die Kinder recht erziehen und selber ziemlich bequem leben kannst. Auf dem Lande, wo alles billiger ist, der Hauszins und so weiter, wirst du mit dreitausend Franken – aber Léon wird sogar noch fünfhundert zulegen, wenn du ja sagst, denn der Plan, weißt du, ist von Léon, und der Vater weiß noch nichts davon.«

»Vater war hier,« unterbrach sie Josefine.

»Hier? Bei dir und nicht bei uns? Wie lange denn?«

»Drei Tage.«

»Drei Tage?« Die Schwestern blickten sich fragend an. »Und zu uns ist er nicht gekommen? In schöner Gemütsverfassung mag er gewesen sein.«

Sie schwiegen wieder. Marie seufzte oft und schüttelte den kleinen Kopf. »Nun, Fifi, was sagst du zu Léons Vorschlag?«

Josefine hielt die Augen gesenkt. Sie drehte eine welke Rose in den Fingern, die aus der Schale auf dem Tische herausgefallen war. »Ich begreife, daß es euch unangenehm ist, wenn ich hier bleibe, und euren Männern erst recht,« sagte sie mit schwerer Zunge, »und ich danke euch für eure Fürsorge, auch der Kinder wegen. Die zwei kleinsten hat der Vater mitgenommen, die alte Nina ist noch beim Vater. Ich habe vorläufig nur die Sorge für zwei.«

Die Schwestern hatten mit angehaltenem Atem gehorcht.

»Das wußten wir ja gar nicht,« sagte Adele verwundert. »Wir sind immer die letzten, die etwas erfahren. Übrigens – Léons Plan wird ja dadurch nicht alteriert. Er hängt wirklich sehr an dem Plan. Sogar einen Ort hat er schon in Aussicht genommen. Es ist nämlich in Tessin, bei Morcote, weißt du, an dem reizenden Luganersee. Man bekommt selber gleich Lust, gelt Mia?« Adeles Jovialität brach durch den Nebel der Unbehaglichkeit und des bösen Gewissens plötzlich siegreich hervor.

»Also, Fifi, nämlich. Léon ist – er weiß selbst nicht wie – an ein Häuschen in Morcote gekommen, ein reizendes Chalet. Von einem verkrachten Geschäftsfreund, sagt er. Es ist mit immergrünen Rosen berankt, von oben bis unten. Diese kleinen gelben immergrünen Rosen, weißt du – sie blühen so merkwürdig früh. Auch Garten dabei; Kamellien im Freien – alles tadellos. Und das Chalet gibt Léon dir kostenfrei für dich und die Kinder zum Bewohnen! Onkel Birrli sagt: ›Potztausend, da möcht ich auch hin!‹ Mit diesen Worten. Das einzige ist – – etwas einsam! Sozusagen weltabgeschieden! Aber das ist ja gut, nicht? Du mußt ja vergessen, arme Fifi! Dort kannst du vergessen. Die Rosen! Die Kinder! Die Kamellien – –«

22 Josefine schwieg. Ihr Atem ging hörbar laut. Sie drehte die entblätterte Rose immer schneller zwischen den Fingern.

Marie fiel ein: »Einsam ist gut, aber ich hätte doch Angst so allein. Ich habe gleich gesagt: ›Fifi muß einen großen Hund haben!‹ Und den schenk ich dir, liebste Fifi – ohne Hund laß ich dich nicht in das abgelegene Häuschen ziehen. In Rapperswil hab ich einen prachtvollen Wurf echter Bernhardiner besehen. Ich nehme nämlich auch einen, Albert ist so oft auf Reisen jetzt. Sie sind braun, ein wunderhübsches Braun mit weißen Flecken. Die Mutter ist auf den Mann dressiert. Der Vater ein Prachttier! So hoch. Schon zweimal prämiiert!« Marie griff nach Josefines kalter Hand und war zum erstenmal, seit sie in die Tür getreten, unbefangen und natürlich.

Josefine blickte auf. »Und was noch?« machte sie mit seltsamem Lächeln.

Ganz ernüchtert sahen die Besucherinnen sich an. Sie verstanden nichts.

»Möchtest du nicht an den Luganer –« stammelte Marie erschrocken.

Ein schneidendes Lachen antwortete ihr. Josefine warf die Rose hin und sprang auf. »Warum nicht nach Afrika? Warum nicht auf eine Südseeinsel? Das wäre doch noch weiter! Mit einem zahmen Panther zur Unterhaltung und mit dem Geld meiner großmütigen Schwäger beladen! Man kann nur lachen! Als ob ich ein Kind wäre! ein Kind! eine Null! ein Nichts! Wie groß ist der Bernhardiner, Mia, zeig noch mal! Und was schenkst du mir, Adele, um mich zu beschützen? Eine Dynamitpatrone? Albert handelt ja mit Dynamit! Ach!« schrie sie und lachte immer wilder, »wie gütig ihr doch seid! Wie zwei fremde Damen gegen eine arme – so zum Verzweifeln großmütig! zum Verrücktwerden gütig. Aber seht mal« – sie setzte sich dicht zu den entsetzten Schwestern und flammte sie mit ihren großen Leidensaugen an – »es geht nicht. Der Bernhardiner frißt zu viel! Und die Rosen sind zu rot! Und der Luganersee ist zu blau! Haha! ich weiß, wie blau der ist. Das ist etwas für Leute, wie ihr seid! nicht für mich. Warum machst du solch ein dummes Gesicht, liebe Mia? Von geschenktem Gelde leben – in meiner Lage – und tun, als wäre es mir ums Tanzen –? Denken, wie ich mir einen guten Tag mache? Ach, Kinder, Kinder!« – –

Marie war zusammengeknickt. »Mir ist fast ohnmächtig. Gib mir ein Glas Wasser!« stöhnte sie, »diese Aufregung! Dafür bin ich nicht gemacht.«

Josy ging hinaus.

»Was hat sie vor?« flüsterte Marie.

»Was sie vor hat? Gott mag wissen. Irgend etwas Unsinniges! Du kennst doch Josefine. Ach, ich fürchte – wir werden nicht sobald wieder hierher kommen.«

Marie weinte. »Sie ist nicht zurechnungsfähig. Man wird hier ganz nervös. Was für ein Zustand. Und solche Hartnäckigkeit. Wie öde hier! Schrecklich! Man sieht es den Zimmern an.«

23 »Gottlob, Josefine hat Nerven von Stahl. Vater scheint auch in Unfrieden von ihr gegangen zu sein,« überlegte Adele.

Dann kam Josy und brachte Himbeerlimonade.

»Wir müssen leiser sprechen,« bat sie, »die Kinder wachen schon wieder. Sie sind so unruhig geworden –«

Der Lampenschein, leicht gedämpft durch einen zartblauen Schleier, der die Gesichter blaß machte, beleuchtete die drei Schwestern, die ungleichen Schwestern. Sie tranken, und dabei musterten sie einander wie fremde Leute.

Hastig, sprudelnd, wie es ihre Art war, wenn sie einmal ihre natürliche Zurückhaltung durchbrach, begann Josy zu sprechen: »Was ich tun will? O, vielerlei. Erstlich kommt zu mir Laure Anaise von Chur, Vater hat mir heut telegraphiert.«

»Ach, die Kleine von der alten Nina?« sagte Marie verwundert.

»Ja, die. Sie ist achtzehn Jahr, frisch, naiv. Nach der hab ich Sehnsucht.«

»Merkwürdig!« machte Adele.

»Laure Anaise – das ist wie ein Feldblumenstrauß; die Kinder brauchen sie auch. Dann – die Wohnung ist zu groß und zu teuer. Ich vermiete zwei Zimmer und die Mansarde.«

»Fifi, aber nein! nein! Das ist doch nun wahrlich nicht nötig,« jammerte Marie.

»Nicht? Ich weiß wohl, was nötig ist! Viel ist nötig. Alles ist nötig. Die Hauptsache kommt noch. Ich werde Medizin studieren und meines Mannes Praxis übernehmen.«

Adele lachte schrill auf. »Du machst dich lustig! Das ist nicht schön von dir, Fifi, wir sind in guten Treuen zu dir gekommen!«

»Und ich spreche zu euch in guten Treuen. Seit ich den Entschluß gefaßt habe, bin ich wieder ein Mensch. Ich lebe wieder! Ich habe ja diese Zeit nicht gelebt.«

Marie streichelte mitleidig Josys schmale Wange. »Arme Josy! Ich bin furchtbar erschrocken.«

Josefine fing die Hand der Schwester und drückte sie zwischen ihren fiebernden, heißen.

»Arme Marie! Arme Adele! Verzeiht! Ich muß hier bleiben. Wo sonst sollt ich so bequem studieren, so bequem Pensionäre finden. Ich werde bald hineinkommen. Hab ihm ja oft geholfen. Bei den Operationen, wißt ihr.«

Adele saß wie erstarrt in kühler Würde. Sie vergaß, mit dem Zwicker zu spielen.

»Ja, ob aber Albert und Léon zu einem solchen Experiment Geld hergeben – –«

Marie seufzte tief auf.

»Wohl,« sagte Josy nach langer Pause, »das glaub ich gern. Ich hab auch nicht auf eure Hilfe gerechnet, Kinder. Wir kennen uns ja. Eure Wege sind nicht meine Wege, und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken. Que faire?«

24 Marie beobachtete sie, diese vergrämten Züge mit den tiefliegenden Augen, die einen seltsam erschrockenen entsetzten Blick bekommen hatten. Ein schwesterliches Gefühl wallte auf. »Es ist mir unbeschreiblich traurig zu Mute. Dieses viele Schwere willst du auf dich nehmen, meine arme Fifi! Weißt du, was du brauchst? Ruhe und Erholung, sonst nichts! Wenn ich dich so ansehe – ach, kein Mensch würde denken, daß du von uns allen die jüngste bist.«

»Das größte Unglück!« lachte Josefine. »Ich seh wohl schrecklich aus?« Sie sprang auf. »Das macht das Herumsitzen, das Zuwarten. Man wird fast verrückt davon. Nein, so kann es nicht weitergehen. Ich muß etwas tun, ich muß einen Beruf haben, sonst geh ich zu Grunde. Nur nicht denken! Denken macht verrückt! Tun! Arbeiten! Irgend etwas!«

Die Schwestern gingen bald. Es war kein Wort mehr über das Geldanerbieten gefallen.

»Besinne dich, Fifi!« hieß es noch beim Abschied.

»Stärke dich! erhole dich!« rief Marie, während sie Josefine küßte.

Aber als sie fort waren, hatte Josefine einen Weinkrampf.

Hermannli erwachte davon; er rief Rösli zu: »Hörst du's? Mama weint wieder! Merkst du jetzt, daß der Papa tot ist?«

 

Die Antwort des Vaters kam umgehend. Sie lautete!

Mein gutes Kind Josefine!

Du bist von den Menschen, die sich selbst helfen wollen und denen anderer Hilfe nichts nützt. Ich billige deinen Entschluß nicht, ich billige vor allem nicht, daß du die Scheidung hinausschiebst. Denn ich bleibe dabei, sie ist nur hinausgeschoben, und spätestens nach fünf Jahren, wenn eine gewisse schreckliche Frist abgelaufen sein wird, wirst du die Notwendigkeit einsehen. Mir ist nur leid, daß er überhaupt einmal wieder herauskommt. Das sollte nicht sein. Ich glaube auch nicht, daß du dir die Möglichkeit eines künftigen Zusammenlebens vorstellst. Ich kann das nicht glauben. Ich bin überzeugt, es wäre das größte Unglück für dich. Überlege, Kind.

Ich habe dir oben so rundweg geschrieben, daß ich deinen Entschluß, zu studieren, nicht billige. Doch das ist zu viel gesagt. Ich kann nur sagen, daß mir die Frage neu und fremd vorkommt. Auf alle Fälle bin ich bereit, dich zu fördern und mit Geld zu unterstützen, soweit es in meinen Kräften steht. Doch das ist selbstverständlich.

Pensionäre schaden nicht, nur bürde dir nicht zuviel auf. Nina und Uli möchte ich jedenfalls über die nächsten Jahre hier behalten. Die Alte ist versessen auf sie. Laure Anaise kommt morgen.

Es ist wohl recht, daß du dein Heil in der Arbeit suchst. Lebe gesund!

Dein Vater.

25 Josefine küßte den Brief unzählige Male. Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie sich irgendwo auf die Kniee werfen in Dank für die Erlösung.

Aber sie nahm sich kaum Zeit, den Kindern zuzurufen: »Der liebe Großvater hat geschrieben. Vergeßt ihn fein nit.«

Dann schrieb sie Briefe, Zimmerangebote und trug sie selbst auf die Redaktion und zum Pedell, damit er sie am schwarzen Brett anschlage. Sie erkundigte sich auch, wann der Rektor zu sprechen sei, und kaufte den Kindern, die sie mitgenommen, auf dem Heimweg Kirschen.

»Könnten wir nicht gleich auch Papa besuchen, weil du so gut gelaunt bist?« fragte der Knabe, während er fröhlich dahinsprang.

Josefine faßte beide Kinder an den Händen. »Hermannli und Rösli, der Papa ist auf eine große Reise gegangen, auf eine weite Reise –«

»Nach Afrika?« fiel der Bub überrascht ein.

»Ja ja, nach Afrika, und besuchen können wir ihn also nicht.«

»Ist der Papa also wieder gesund,« sagte Hermann noch verwunderter.

»Ja, gesund.«

»Aber warum hat er uns nicht Grüß-Gott gesagt und nicht adie?«

»Es war ja spät am Abend. Ihr schliefet schon. Da ist er in die Stube gekommen, hat euch angeschaut und im Schlaf geküßt und einen schönen Gruß für euch dagelassen. Und ist fort.«

»Nach Afrika?«

»Ja, nach Afrika.«

»Und wir – sind wir nicht traurig, Mama?« fragte Rösli mit kläglichem Stimmchen.

Auf der Bank in der kleinen blühenden Anlage, wo sie saßen und die Kirschen verzehrten, zog Josefine die beiden Kleinen in ihre Arme. »Ja, wir sind traurig,« sagte sie, ihre Tränen bezwingend, »aber wir dürfen nicht daran denken. Wir sollen nur denken, wie wir tüchtige, brave Menschen werden –«

»Und dem Papa Freude machen, wenn er heimkommt,« fiel Hermann mit altkluger Miene ein.

»Ja. Weißt noch, wie er sich über dein erstes Zeugnis gefreut hat?«

»Man muß den Papa also lieb behalten?« fragte Rösli nachdenklich.

»Aber gewiß! Behaltet ihn lieb, den armen Papa, behaltet ihn lieb, aber sprecht nicht von ihm. Es tut eurer Mama weh –«

»Geht es ihm nicht gut in Afrika?« lispelte Rösli ängstlich.

»O nein, es geht ihm nicht gut. Und er sehnt sich nach euch und denkt an euch, mein Rösli –«

»Ich sehne mich auch.« sagte Rösli feierlich, die kleinen Hände faltend, »gib mir noch ein paar Kirschen, Mama.«

26 »Ja, aber warum geht es dem Papa schlecht in Afrika? Ist es zu heiß da?« begann Hermann wieder.

»Ja, heiß. Und nun hört, Kindli, was ich euch sage. Wir wollen den Papa lieb behalten und an ihn denken, da inwendig, in unserem Herzen,« Josefine tippte auf Hermanns und Röslis Brust, »aber sprechen wollen wir nicht mehr von ihm. Nicht laut und nicht leise. Nicht zur Mama und nicht zu anderen Leuten, hört ihr das? Weil es der Mama weh tut?«

»Ja, aber wenn sie mich in der Schule fragen, was denn der Papa in Afrika macht?« fuhr Hermann unerwartet heraus.

Josefine war ratlos vor Schrecken. »Nun – kannst ja nicht sagen, was du nicht weißt.«

»Aber schreibt der Papa keine Briefe?«

»Ich weiß nicht. Wenn die Kamele den Weg finden durch die große Sandwüste –«

Die Augen der Kinder weiteten sich und hingen an ihr. »Ist der Papa auf einem Kamel, Mama?«

»Ja, dort unten,« sagte Josefine mechanisch.

Aber der Bub schüttelte eifrig ihren Arm.

»Erzähl uns von der großen Sandwüste, von den Kamelen, erzähl uns alles, Mama!«

»Ich bin nicht dort gewesen, Bub, ich weiß also nichts. Aber hört etwas anderes! Eure Mama war einmal klein, ganz klein, so klein wie Nina.«

»Ach du!« sagte Rösli lachend, »das glaub ich nit.«

»Ich glaub's, ich glaub's!« schrie Hermann, »sag weiter, Mama.«

»Und die kleine Josefine, eure Mama, war hungrig und durstig, denn sie hatte keine liebe Mutter.«

»Warum nicht?« erschrocken rückten die Kinder näher.

»Weil sie gestorben war und ihre kleine Josefine allein gelassen hatte.«

»Ach! Und was tat die kleine Josefine?«

»Sie schrie den ganzen Tag, denn sie war durstig und hungrig, aber wenn jemand ihr Milch zu trinken geben wollte, dann drehte sie ihr Köpfchen weg und schrie noch ärger. Und die Leute sagten: die kleine Josefine trinkt nicht, sie wird sterben.«

»O!« Rösli schmiegte sich dicht an die Mutter. »Und wo waren wir, Mama?«

»Und es wäre vielleicht gut gewesen für die kleine Josefine, wenn sie damals gestorben wäre, denn sie mußte noch viel weinen,« sagte Josy, von Schwäche übermannt.

Hermannli streichelte ihren Ärmel. »Mach es lustiger, Mama, mach die Geschichte jetzt lustiger.«

»Ja, sie wird ganz lustig. Da kommt eine braune Bäuerin aus dem Dorf, mit einem lustigen bunten Rock und einem lustigen seidenen Tuch um die Schultern und mit 27 roten Bändern im Zopf und sagt: ›Gebt mir die kleine Josefine, bei mir wird sie wohl trinken lernen.‹«

»Ja,« sagte Rösli zufrieden, »mit roten Bändern im Zopf, das ist schön.«

»Und sie nimmt die kleine Josefine in den Arm, steckt sie unter das bunte Seidentuch, lacht ihr zu und hätschelt sie und klingelt mit der silbernen Kette an ihrem Hals, und die kleine Josefine muß lachen!«

»Ja, sie muß lachen!« lachten die Kinder.

›»Kannst du lachen, so kannst du auch Milch trinken, mein Schatzi,‹ sagt die gute Bäuerin Nina, und richtig – die kleine Josefine dreht nicht mehr das Köpfchen weg, schreit nicht mehr, sondern trinkt!«

»Haha! Wir haben auch eine Nina, Mama!«

»Und die kleine Josefine ist gerettet, denn die lustige Bäuerin ist ihre Amme geworden und hat sie so lieb wie ihre eigenen Kinder. Und die kleine Josefine wird groß, und die lustige Bäuerin wird alt. Ihre Kinder sind verheiratet, beim Großpapa in Chur führt sie die Wirtschaft. Sie hat aber eine Enkelin, und das ist Laure Anaise. Und nun, was geschieht? Laure Anaise sagt: Ich will einmal die Josefine in Zürich besuchen, und Hermann und Rösli will ich auch besuchen. Lange will ich bei ihnen bleiben und alles mit ihnen tun. Wann die Stuben geputzt werden, will ich mit putzen helfen, und wann viel zu schaffen ist, will ich mit schaffen. Und wenn sie mich dafür lieb haben, will ich singen und ihnen auf der Zither vorspielen und mit Hermann und Rösli tanzen. Ist das nicht schön? Sehr lieb werden wir Laure Anaise haben und keinen Augenblick vergessen, daß sie uns besucht und uns hilft. – Wie Mamas Schwester wird Laure Anaise sein –«

»Wie Tante Adele?« machte Hermann erschrocken.

»Nein, nicht wie Tante Adele, bitte, Mama!« rief Rösli.

»Wie Tante Marie? Tante Marie ist ziemlich hübsch,« forschte der Bub mit dem altklugen Gesicht.

Die Mutter beruhigte sie. »Laure Anaise ist Laure Anaise, heißt nicht Tante, heißt Laure Anaise, hat eine Zither und lacht den ganzen Tag.« –

Diese Nacht weinten die Kinder nicht im Schlaf, von unbewußten Schrecknissen geängstigt. Sie träumten von Laure Anaise, die mit ihnen lacht und springt, daß der schwarze Zopf mit dem roten Bande wackelt.

Und am Morgen, als sie erwachten, war Laure Anaise gekommen und lachte wirklich und nickte ihnen zu, nickte bei jedem Wort, aber nichts verstand sie, denn sie war ein romanisches Kind und konnte wenig deutsch.

 

In der Küche erklingt das Lachen und Zwitschern der Kinder, die Zither erklingt.

28 Werden die zarten Klänge allmählich das dumpfe Grabgeläute übertönen, das unablässig, Tag und Nacht, durch dieses Haus dröhnt?

Werden die Frühlingsblumen den schwarzen Spalt verhüllen, dem Höllenqualm entsteigt?

Josefine sah es deutlich durch die geschlossenen Türen gehen, das Gespenst mit den verschleierten Augen, das sie verfolgte mit seiner Unbegreiflichkeit, mit seinen höhnenden, quälenden Rätselfragen.

Ich war dein Gatte. Ich war Georges.

Wer bin ich? Wer ist das – Georges?

Bin ich der Mann, den du kennst? Den du geliebt hast? Dem du noch anhängst mit der Kraft der Erinnerung? Der Vater deiner Kinder? Der Mann, der deine Kinder liebte? Bin ich dieser Mann? Oder bin ich der Abschaum, der Verbrecher, der Ausgestoßene, vor dem alle guten Dinge der Erde fliehen, vor dem die Sonne ihr Gesicht verhüllt? Das Scheusal, das die Menschen nicht unter sich dulden durften? Der Angesteckte, der die Pest verbreitet?

Nein! nein! nein! schrie es in ihrem zerspaltenen Herzen, ich kenne dich, Georges! Du bist ganz Mensch! Hab ich dich nicht oft gesehen, hilfsbereit, eilig, selbstverleugnend fortstürmen mitten in kalter Nacht? um als Arzt Leidenden beizustehen? Wie oft hab ich von dir Worte gehört, tiefe, warme, wenn du an den Bettchen unsrer Kinder standest! Wie dientest du eifrig der Wissenschaft! Wie wenig verlangtest du von den Menschen! Wie nachsichtig war dein Spott! Wie fröhlich war deine Weinlaune! Hast du nicht angstvoll um mein Leben gebebt, als ich in Gefahr war? Wolltest du nicht mit mir sterben, als ich zu sterben fürchtete? Nein, du bist ganz Mensch, Georges, ich muß dich doch kennen, ich, die Mutter deiner Kinder!

Aber – aber – sie sagen ja – ich kenne dich nicht! Sie sagen, du seiest jemand anders als der, der du bist. Du selber hast bekannt, nicht der zu sein, als der du gewöhnlich erscheinst. Du selber hast gegen dich ausgesagt. Das war gefährlich, Georges. Das war unsinnig! Sie haben alles geglaubt. Sie glauben das schlechteste zuerst und am liebsten. Warum hast du gegen dich selber ausgesagt, Georges?

Sie haben dich angeklagt unbegreiflicher, lichtscheuer Greuel, die der Mund nicht nennen kann, die nur ihr Mund nennt, der Mund der schamlosen Gerechtigkeit, die gekommen ist, die Schamlosigkeit zu strafen. Du hast die Beschuldigung gehört, und du hast sie nicht ins Gesicht geschlagen, deine Beschuldiger. Du hast ihre abscheuliche Zunge nicht in den lügnerischen Mund zurückgestoßen. Du hast die Achseln gezuckt, sagen sie, du hast – gelächelt! War das ein Augenblick zum Lächeln, Georges?

Wer bist du? Sprich, wer bist du?

Ein Bild auf dem Wasser?

Ein bunter Anstrich auf einer zerbröckelnden Lehmwand?

29 Ein Ungeheuer mit Menschenaugen?

Ein Vampir, der lachen kann und in heimtückischer Mitternacht seinen Mund in Blut taucht?

Ja – aber dann – wer bin ich?

Und deine Kinder?

Kleine weiche, rosige Geschöpfe mit träumenden Augen und Vogelstimmchen – wer sind sie?

Sind es Kinder wie andere Menschenkinder? Sind es junge Werwölfe?

Sind sie wie – du?

Wie welches du? Sind sie wie dein du, das ich kenne?

Sind sie wie jener schreckliche Verbrecher, den sie in dir gefunden haben?

Eine Mutter denkt viel, Georges! Sage mir etwas über die Kinder, deine und meine Kinder! Ist ihr Schicksal – nein, nein! Ich kann es nicht aussprechen! Ich kann die Antwort nicht hören. Ich entsetze mich vor der Antwort! Ich empöre mich gegen jede Unerbittlichkeit! – Ich will das nicht dulden, Schicksal! Hörst du mich, du unerbittliches?

Oh, Georges! ich kenne dein verschleiertes Lächeln. Was flüstern deine seltsam zuckenden Lippen mir zu? Was sagst du?

Wie ich, so sind alle! Ohne Ausnahme. Keiner ist besser. Nichts ist gut. Niemand ist wert, daß ihn die Sonne wärmt. Alles ist nur Heuchelei, Konvention, und darunter das Aas. Lüge ihre Begeisterung, Lüge ihre Entrüstung. Sie spielen! Hast du das nicht gesagt, Georges? Hast du nicht die Erde um mich zu einem Leichenfeld gemacht? Hab ich nicht an deiner Seite gebebt und gezittert nach der Sonne, die keiner auf Erden wert ist? –

Aber dann – als alles vorüber war, als du vor den Schranken standest, abgeurteilt, verdammt, zerschmettert, ausgelöscht, bist du da nicht wie ein Flehender an der Himmelspforte zusammengeknickt? Hast du nicht mit der Stimme der Wahrheit und der Verzweiflung geschrieen: ich sterbe ohne mein Weib! Gebt mir mein Weib und meine Kinder!

Haben sie nicht in ihren kalten Berichten berichtet: Es ging ein eisiger Schauder durch alle Anwesenden?

War das auch Heuchelei? Konvention? Lüge? Hast du das gespielt? Wer bist du?

Grübelnd, qualvoll starr ich dich an, und du erwiderst meinen Blick, grübelnd, qualvoll. Bodenlos und seicht zugleich ist dein Auge, höhnisch und verzweifelt zugleich ist dein Lachen.

Wer bist du? – –

Und plötzlich dann brach es wie ein Erlösungsschrei aus Josefines angstbeschwerter Brust: Ein Leidender! Was frag ich noch! Ein Verlassener! Ein Gefangener!

30 Armer Georges, fürchte nichts! Fürchte nichts! Ich verlasse dich nicht. Ich beurteile dich nicht. Ich verachte dich nicht. Ich will dich schützen, denn du bist in der Verzweiflung. Ich will aus meinem Herzen einen warmen Mantel machen um deine Nacktheit. Ich will –

Aber sag – wo waren deine Gedanken, während du bei mir warst, Georges? Was für Bilder –

Ach, nicht denken! Nicht denken! Gar nichts denken.

Leben. Und vergessen.

Die Zeit wird helfen; dir und mir.

Und die Arbeit! Vor allem die Arbeit.

Schaffen muß man, nicht rechts, nicht links sehen. Schaffen, leben und vergessen.

Lieber Gott, ich danke dir, daß ich arbeiten darf!

Lieber Vater, ich danke dir, daß du mir beistehen willst!

Nur Kräfte bitt ich ...

Und fort mit dem quälenden Grübeln!

– – – – – – – – – – – – – – –

Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten. Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Tätigkeit, und eine Fülle von Kraft strömte ihr aus der Arbeit entgegen. 31

 

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