Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Erich Mühsam >

Appell an den Geist. Texte und Geschichten

Erich Mühsam: Appell an den Geist. Texte und Geschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
authorErich Mühsam
titleAppell an den Geist. Texte und Geschichten
publisherProjekt Gutenberg-DE
senderhille@abc.de
created20040605
modified20170615
Schließen

Navigation:

Der Kaiser

Aus: Kain, 1913

 

Wie doch die Welt so herrlich ist! Wie köstlich sich von Tag zu Tag die Saat der Freiheit entfaltet! Wie glücklich dürfen wir uns preisen, unsere Zeitgenossen zu sein! Wenn wir den Festschmöcken und Jubiläumsschwaflern glauben können, dann hat Drang und Qual aller Jahrtausende nur den einen Sinn gehabt, uns diesen Tag erleben zu lassen, an dem der Erdball von fünfundzwanzigjährigem Ruhm wilhelminischer Regierungsweisheit und Herrschergröße widerhallt. Der deutsche Oberlehrer tropft von Begeisterung. Die patriotische Köchin schwitzt von Hochgefühlen. Der Plauderkuli des hinterposnerischen Generalanzeigers impft Kinderbewahranstalt und Synagogengemeinde mit teutonischen Lyrismen. Heil Kaiser dir! Die Liebe des freien Mannes macht es skeptischer veranlagten Naturen einigermaßen schwer, das Bild des Gefeierten frei von karikierenden Verzerrungen aufzunehmen und alle Ironie gerechterweise auf die Feiernden zu häufen. Es soll hier versucht werden, ein Porträt des Kaisers zu entwerfen, wie es sich, herausgehoben aus dem Hurraspalier der vaterländischen Sykophanten[Schmeichler], dem Auge eines überzeugten Antimonarchisten darstellt. Es soll sine ira et studio[ohne Zorn und Eifer] versucht werden, den Charakter Wilhelms II. gegen seine Zeit abzugrenzen. Dabei werde ich den Freunden, die in den Betrachtungen eines Anarchisten über einen Monarchen auf kecke Kunststückchen hoffen mögen, um den Majestätsbeleidigungsparagraphen des Strafgesetzbuches zu umgehen, eine gelinde Enttäuschung bereiten müssen. Die Angriffsflächen, die der deutsche Kaiser nach dieser Seite hin bietet, sind so rein persönlicher Natur, daß ich ihre Beschießung gerne denen überlassen will, die es nötig haben, ihre Unfreiheit vor dynastischen Uberkommenheiten hinter verstohlenem Schimpfen zu verstecken. Wer hinter dem Katheder eines Schulmeisters die Zunge herausstreckt, dokumentiert damit, daß er dem Zuchtbakel des Lehrers noch nicht entwachsen ist. Wer sich von der Autorität monarchischer Institutionen im Innersten frei weiß, der begeht keine Majestätsbeleidigung. Die Privatperson eines Kaisers geht den Feind der Krone nicht das mindeste an, und es sei denen unter meinen anarchistischen Kameraden, die mit Revolver und Dynamit die Spaziergänge der Fürsten gefährden möchten, nachdrücklich gesagt, daß darin eine verhängnisvolle Anerkennung des dynastischen Übermenschentums zum Ausdruck kommt. Zur Beurteilung Wilhelms II. ist weder sein hochgedrehter Schnurrbart noch seine Freude am Reisen und am Reden wichtig, sondern die Rolle, die er in der Geschichte dieser Tage spielt, und die Stellung, die er vor der Nachwelt im Bilde unserer Zeit einnehmen wird. Seine Charakteristik ergibt sich aus dem zeitgeschichtlich sehr interessanten Gegensatz zwischen seiner eigenen Auffassung von seinem Beruf und der Einschätzung, die das Herrscheramt in der Philosophie und Ethik des modernen Empfindens erfährt.

Wilhelm war zwölf Jahre alt, als sein Großvater in Versailles die Salbung zum deutschen Kaiser entgegennahm. Zwölf Jahre: das ist das empfänglichste Knabenalter, die empfindlichste Pubertätszeit, wo das Gefühl für die Mysterien des Lebens ahnungsvoll erwacht, wo das junge Gemüt jeden Eindruck gierig in sich aufnimmt und in der Phantasie romantisch ausbaut. Das ist die Zeit, wo andere Jungen, denen das eigene äußere Erleben nicht genug tut an Abenteuern, nach Indianergeschichten langen, um im Geiste Heldentaten zu verrichten, um mitzukämpfen und mitzuleiden mit Karl Mays Räubern und Häuptlingen und sich selbst in heldische Posen und Erlebnisse hineinträumen. In dieser Zeit bestimmt sich zum guten Teile ein Charakter nach dem Grade, in dem der Geist des Knaben von Eindrücken und Traumbildern befruchtet wird. Wilhelms, des Erstgeborenen eines preußischen Thronfolgers, Erziehung war naturgemäß von Anbeginn der Einwurzelung des Bewußtseins seiner zukünftigen Herrscherwürde gewidmet. Gouvernanten und Hofmeister mußten ihm die Taten seiner Vorfahren in einer Beleuchtung servieren, von der die byzantinische Geschichtslehre, mit der man andere Sterbliche in deutschen Schulen beglückt, vermutlich nur einen schwachen Abglanz gibt. Die Verehrung mannhafter Größe, die seine Altersgenossen auf die Produkte dichterischer Erfindung projizieren mußten, durfte der junge Prinz in der eigenen Familie ausleben. Seine kindlichen Spiele verrichtete er unter den Bildern der bewunderten Ahnen. Dazu kam die kriegerisch bewegte Zeit, in die die frühen Kinderjahre des Knaben fielen und die ihm den Großvater, den er leibhaft vor sich sah, zum Inbegriff alles Heldentums werden ließ. Mit fünf Jahren prägte sich ihm das Wort Düppeler Schanzen, mit sieben Jahren der Name Königgrätz ein. Und dann erlebten die frischen Sinne des wachen Knaben den französischen Krieg mit Gravelotte und Sedan, mit der Reichsgründung und dem pomphaften Einzug der Sieger durchs Brandenburger Tor. Der erwachsene junge Mann sah den ersten Kaiser das lange Greisenalter hindurch als Gegenstand jener »Liebe des Volkes«, die die ehrlichen Empfindungen der Massen niemals zu den Stufen des Thrones dringen läßt, sah ihn als friedlichen Herrscher, umringt von weisen Beratern (die ihn die »Handlanger seines erhabenen Willens« dünkten), sah den als milden, weisen und gerechten Herrn, den reife Männer jener Zeit noch als Prinzen von Preußen, den Kartätschenprinzen und verhaßtesten Mann des Landes gekannt hatten.

Also vorbereitet auf seinen Beruf und völlig im Banne der mächtigen Jugendeindrücke, nahm Wilhelm, erst neunundzwanzigjährig, als fast unmittelbarer Nachfolger den Platz des Großvaters ein. Die Krankheit und der rasche Tod Friedrichs III. realisierten ohne Übergang die Träume des Jünglings, der, erfüllt von romantischem Überschwang und im festen Glauben, jetzt sei sein Wille oberstes Gesetz, die Zügel in die Hand nahm.

Nichts ist menschlich so verständlich wie Wilhelms eiserne Überzeugung von seiner göttlichen Sendung, und der Kontrast zwischen seinem starren Königsbewußtsein und der Realität der Dinge wird späteren Dramatikern als dankbarer Vorwurf für psychologische Zerlegungen dieses unzeitgemäßen Fürstencharakters dienen können. In unzähligen Reden und Manifestationen des Kaisers ist seine Auffassung von Pflicht und Recht des Monarchen niedergelegt. Ich kann nicht umhin, meine Leser mit dem Bekenntnis zu erschrecken, daß ich die Meinung Wilhelms II. von seinem Beruf für die einzig mögliche halte, mit der das Prinzip des Monarchismus überhaupt innerlich zu rechtfertigen ist. Wilhelms Ansicht über sein Herrscheramt ist tief religiös fundiert. Ihre Voraussetzung ist Gott, ihr Beweis die Unfehlbarkeit der göttlichen Gnade. Wilhelm nennt sich »von Gottes Gnaden deutscher Kaiser und König von Preußen«. In vollkommener Übereinstimmung mit diesem Titel beruft er sich auf die Gottesgnade als einzige Grundlage seines fürstlichen Wandels. Im August 1910 noch erklärte er in Königsberg ausdrücklich, er sei das Instrument des Herrn und weder Parlamenten noch Volksbeschlüssen, sondern nur dem lieben Gott verantwortlich. So weit ich davon entfernt bin, die Prämissen des Kaisers zu den meinigen zu machen, so rückhaltlos muß ich doch zugeben, daß nur diese Prämissen das monarchische System stützen können. Damals jammerten die liberalen (und natürlich auch die republikanischen, sozialdemokratischen) Zeitungen bitterlich, der Standpunkt des Kaisers sei unhistorisch, anachronistisch, er sei ein konstitutioneller Fürst, also nicht Gott, sondern dem in den Parlamenten repräsentierten Volkswillen verantwortlich. Ich finde aber mit dem Kaiser, daß jeder andere Standpunkt, von dem aus die Institution der Monarchie verteidigt wird, unhistorisch, unlogisch und unhaltbar ist. Eine konstitutionelle Monarchie ist – schon sprachkritisch betrachtet – eine contradictio in adjecto. Wie soll man den Begriff Alleinherrschaft verstehen, wenn sie von verfassungsmäßigen Instanzen mit gesetzgeberischen Befugnissen abhängig ist? Die Monarchien unserer Tage haben bei nüchternem Zusehen auf ihre Bezeichnung nur noch sehr wenig Anspruch. Die deutsche Kaiserwürde zumal – und hier liegt ein Irrtum des Kaisers in der Sache vor, nicht in der Idee – ist fast eine reine Titular-Einrichtung. Denn das deutsche Reich ist eine durchaus republikanisch organisierte Staatenföderation, nur ist die Präsidialwürde erblich, und ihr Inhaber trägt die Insignien eines Kaisers. Daß die Nationen, als sich die Despotien überall als überlebt erwiesen, die Ausflucht der konstitutionellen Monarchien fanden, ist nur ein Beispiel für die Halbheit aller ihrer Entschlüsse. Sie wollten einfach nicht auf die Gelegenheit verzichten, ihre Untertaneninstinkte zu betätigen, und blieben mitten auf dem Wege zur Republik stehen. Dem Fürsten aber, der sich gegen die Regierungskameradschaft seiner katzbuckelnden Untertanen wehrt, die seinem umschauenden Auge stets nur den Ausblick auf ein Feld von krummen Rücken darbieten, ist gewiß kein Vorwurf zu machen. Es ist mehr als natürlich, daß er sein Werk, das ihm heilig gilt, lieber auf Gottes Hilfe baut als auf die Federfuchserei devoter Gernegröße und daß er diese Herrschaften in bewährter Erfahrung mit einem unzweideutigen »Sic volo, sic jubeo!«[So will ich, so befehle ich!] ins Mauseloch jagt. Daß die Auffassung des Kaisers unhistorisch sei, ist blanker Unsinn. Solange der Begriff des Herrschertums irgendwo in der Welt Geltung hatte, stand die Autorität des selbstmögenden Herrscherwillens von selbst fest. Anachronistisch ist seine Meinung allerdings. Denn die Begriffe haben sich gewandelt. Die Völker sind – seit der französischen Revolution – selbständiger geworden, und der Glaube an die Gottesgnade, die den Königen die Majestät verleihe, ist erschüttert. Die Konsequenz dieser Erkenntnis aber ist die Ablehnung des monarchischen Prinzips insgesamt und darüber hinaus die Anstrebung der unstaatlichen, anarchischen Autonomie der einzelnen. Es ist gezeigt worden, wie Wilhelm II. durch Erziehung und Kindheitseinflüsse zu der merkwürdigen Stellung gekommen ist, die er in der Geschichte unserer Tage einnimmt: der letzte Romantiker auf einem europäischen Thron. Sehr bezeichnend aber ist, wie sich gerade an seiner Person zum ersten Male der Einfluß der wirtschaftlichen Entwicklung als nivellierender Faktor geltend macht. Als Besitzer des Gutes Cadinen ist derselbe Mann, den das Zepter das Symbol seiner Ausnahmestellung unter den Menschen dünkt, als konkurrierender Kaufmann und Fabrikant ins Geschäftsleben seines Landes mitten hineingegangen. Sein kommerzieller Eifer in der Bewirtschaftung seines Gutes und in der Fruktifizierung[Ausnutzung] seiner Kachelindustrie hat nichts mit der viel kritisierten Ubiquität[Ungebundenheit] des in allen Künsten dilettierenden Amateurs zu tun. Dieser Zug im Charakterbild des Kaisers weist vielmehr auf den großen Fortschritt der Dekadenz hin, der der dynastische Romantizismus heute schon verfallen ist. Der engagierteste Verfechter der Adelsidee, der immer noch über ein so großes Maß tatsächlicher Macht verfügt, daß zum Beispiel sein antiquierter Kunstgeschmack ganze Stadtbilder beherrschen kann, kommt an der höheren Macht des Kapitalismus nicht mehr vorbei und muß sich, will anders er die materielle Basis für sein ideelles Amt nicht verlieren, mit beiden Füßen als einer unter vielen in aktiver Betätigung in den wirtschaftlichen Konkurrenzkampf stellen.

Und noch eins: Derselbe Mann, der, erzogen in kriegerischen Erinnerungen, aufgewachsen in kriegerischen Eindrücken, immer und immer wieder den Beruf der Deutschen als kriegerische Nation gepredigt hat, der mit der Devise: »Das Pulver trocken, das Schwert geschliffen!« durch seine Initiative unendlich viel an den ungeheuren Kriegsrüstungen des Landes mitgewirkt und Flotte und Kolonialbesitz des Reiches erst geschaffen hat – dieser selbe Mann war trotz seiner Gewalt über Krieg und Frieden gezwungen, sich die ganzen fünfundzwanzig Jahre seiner Regierung für den Frieden zu entscheiden. Darin liegt eine gewisse Tragik, daß die Fittiche seiner Phantasie, mit der uns Wilhelm herrlichen Tagen entgegenführen wollte, immer wieder umknicken an den harten Wänden der realen Verhältnisse. Diese Verhältnisse haben es mit sich gebracht, daß die Entscheidung über Krieg und Frieden tatsächlich nicht mehr bei dem steht, der das formelle Recht hat, darüber zu bestimmen, sondern bei denen, die an der Börse die Kurszettel machen. Daher braucht man auch die Kriegsbegeisterung des Kronprinzen nicht allzu feierlich zu nehmen, der angesichts einer Kavallerieattacke im Manöver sehnsüchtig ausruft: »Wenn das doch Ernst wäre!« Der junge Herr (der freilich heute schon ein paar Jahre älter ist als sein Vater im Jahre 1888) ahnt noch nicht, daß auch der selbständige Beherrscher eines kapitalistischen Staates längst ein Geschobener ist und daß die Schieber unter denen sind, die bei patriotischen Gelegenheiten am demütigsten auf dem Bauche rutschen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.