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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 9
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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VII

Chrysis' Haare

»Schau, schau! sagte Rhodis. Da kommt Jemand.«

Die Sängerin schaute: fern von ihnen ging ein Weib mit schnellen Schritten das Ufer entlang.

»Ich erkenne sie, sagte das Kind von Neuem. Es ist Chrysis. Sie trägt ein gelbes Kleid.«

– Wie? wäre sie schon angekleidet?

– Ich verstehe nichts daran. Gewöhnlich geht sie nie vor Mittag aus; jetzt aber ist kaum die Sonne aufgegangen. Es ist ihr Etwas zutheil geworden, wahrscheinlich eine große Freude; sie hat so viel Glück!

Sie gingen ihr entgegen und sagten ihr:

»Sei gegrüßt, Chrysis!«

– Seiet gegrüßt. Wie lange seid Ihr schon hier?

– Ich weiß nicht, es war schon Tag, als wir ankamen.

– War Niemand auf dem Strande?

– Niemand.

– Nicht ein Mann? seid Ihr dessen sicher?

– Oh! ganz sicher. Warum fragst Du Das?

Chrysis antwortete nicht. Rhodis sagte wieder:

– Wolltest Du Jemanden sehen?

– Ja ... Vielleicht ... ich glaube, es ist besser, daß ich ihn nicht gesehen habe. Alles ist gut. Ich hatte Unrecht wieder zu kommen; ich konnte mich nicht davon abhalten.

– Aber was geht denn vor, Chrysis, wirst Du es uns sagen?

– Oh! nein.

– Selbst uns nicht? selbst uns nicht, Deinen Freundinen?

– Ihr werdet es später erfahren, mit der ganzen Stadt.

– Das ist freundlich.

– Ein wenig früher, wenn Ihr wollt, aber diesen Morgen ist es unmöglich. Es gehen außerordentliche Dinge zu, meine Kinder. Ich sterbe vor Verlangen sie Euch zu sagen; aber ich muß schweigen. Ihr wolltet schon nach Hause gehen. Kommt zu mir schlafen. Ich bin ganz allein.

– Oh! Chryse, Chrysidion, wir sind so müde! In der That, wir wollten eben nach Hause gehen, aber es war um zu schlafen.

– Nun, Ihr werdet nachher schlafen. Heute ist der Tag vor den aphrodisischen Festen. Ist das ein Tag, wo man ausruht? Wenn die Göttin Euch beschützen und im nächsten Jahre glücklich machen soll, müßt Ihr in den Tempel kommen mit Augenlidern, so dunkel wie Veilchen, und Wangen so weiß wie Lilien. Wir werden das Nöthige thun; kommt mit mir.

Sie nahm Beide um den Leib, höher als der Gürtel, schloß ihre liebkosenden Hände auf den fast nackten Brüstchen, und zog sie schnellen Schrittes mit sich.

Rhodis aber war noch immer nachdenklich.

– Und wenn wir in Deinem Bette sein werden, begann sie von Neuem, wirst Du uns dann noch nicht sagen, was Dir geschieht, was Du erwartest?

– Ich werde Euch vielerlei sagen und Alles was Euch gefällt; aber Das werde ich verschweigen.

– Selbst dann, wenn wir in Deinen Armen sein werden, nackt, ohne Licht?

– Laß ab, Rhode. Du wirst es erst morgen erfahren. Warte bis morgen.

– Wirst Du sehr glücklich sein, oder sehr mächtig?

– Sehr mächtig.

Rhodis machte große Augen und rief aus:

– Du schläfst mit der Königin?

– Nein, sagte Chrysis lachend, aber ich werde so mächtig sein wie sie. Bedarfst Du meiner? Wünschest Du etwas?

– Oh! ja!

Und das Kind ward wieder nachdenklich.

– Nun, und was ist es? fragte Chrysis.

– Es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Warum sollte ich es verlangen?

Myrtocleia redete für sie:

– Wenn in Ephesus, in unserem Vaterlande, zwei Mädchen, die mannbar und noch jungfräulich sind, wie Rhodis und ich, einander lieben, so erlaubt das Gesetz, daß sie einander heirathen. Sie gehen zum Tempel der Athene, um ihren doppelten Gürtel zu weihen; dann zum Heiligthum der Iphinoë, um eine vermengte Locke ihrer Haare darzubieten und endlich unter den Säulengang des Dionysos, wo man der männlicheren von beiden ein dünnes Goldmesserchen und ein weißes Tuch, um das Blut abzuwischen, übergiebt. Am Abend wird diejenige, welche die »Braut« ist, auf einem Blumenwagen zwischen ihrem Manne und der Paranymphe, von Fackeln und Flötenspielerinen umgeben, nach ihrer neuen Wohnung gebracht. Und von nun an haben sie alle Rechte der Eheleute; sie können kleine Mädchen an Kindesstatt annehmen und sie ihrem intimen Leben zugesellen. Sie stehen in Ehren. Sie haben eine Familie. Das ist Rhodis Traum. Aber hier ist es nicht Sitte ...

– Man wird das Gesetz abändern, sagte Chrysis; Ihr werdet einander heirathen, ich nehme mich der Sache an.

– Oh! ist es wahr? rief die Kleine roth vor Freude aus.

– Ja; und ich frage nicht, welche von Euch beiden der Mann sein wird. Ich weiß, daß Myrto All das hat, was nöthig ist, um diese Täuschung hervorzubringen. Du bist glücklich, Rhodis, solch eine Freundin zu besitzen. Was man auch sagen mag, sie sind selten.

Sie waren bis zur Thür gekommen, wo Djala, auf der Schwelle sitzend, ein leinenes Tuch wirkte. Die Sklavin stand auf und ließ sie vorüber gehen; dann folgte sie ihnen auf dem Fuße.

In einem Augenblicke waren die Flötenspielerinen ihrer einfachen Kleider entledigt. Sie leisteten einander, in einem grünen Marmor-Gefäße, das sich in das Badebecken entleerte, peinlich genaue Waschungen. Dann wälzten sie sich auf das Bett.

Ohne sie zu sehen schaute ihnen Chrysis zu. Bis in's Unendliche wiederholten sich in ihrer Erinnerung selbst die geringfügigsten Worte des Demetrios. Sie fühlte nicht, wie Djala stillschweigend ihren langen gelben Schleier löste und entfaltete, wie sie ihr den Gürtel abnahm, die Halsbänder öffnete, die Ringe, die Siegel, die Spangen, die Silberschlangen und die goldenen Nadeln abnahm; aber das Kitzeln des herunterfallenden Haares weckte sie aus dem Traume.

Sie verlangte nach ihrem Spiegel.

War sie von Angst gequält, nicht schön genug zu sein, um ihren neuen Geliebten zurückzuhalten – denn sie mußte ihn festhalten – nach den tollen Unternehmungen, die sie von ihm verlangt hatte? Oder wollte sie durch die Prüfung jeder ihrer Schönheiten irgend eine Besorgniß zerstreuen und ihr Zutrauen begründen?

Sie näherte den Spiegel allen ihren Körpertheilen, den einen nach dem anderen berührend. Sie beurtheilte ihre weiße Hautfarbe, schätzte durch lange Liebkosungen ihre Weichheit, ihre Wärme durch Berührungen. Sie prüfte die Fülle ihrer Brüste, die Festigkeit ihres Bauches, die Enge ihres Leibes. Sie maß ihr Haar und beurtheilte seinen Glanz. Sie versuchte die Stärke ihres Blickes, den Ausdruck ihres Mundes, das Feuer ihres Athems und von dem Rande der Achselhöhle bis zur Falte des Ellenbogens zog sie langsam einen Kuß, längs des nackten Armes.

Eine außerordentliche Erregung, zusammengesetzt aus Überraschung und Stolz, aus Sicherheit und Ungeduld, bemächtigte sich ihrer bei der Berührung ihrer eigenen Lippen. Sie drehte sich um sich selbst, als ob sie Etwas suchte, doch als sie auf dem Bette die beiden Ephesierinen erblickte, deren sie vergessen hatte, sprang sie mitten zwischen dieselben, trennte und umarmte sie mit einer Art verliebter Wuth, und ihr langes, goldenes Haar umwallte die drei jungen Köpfe.

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