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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 8
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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VI

Die Jungfrauen

Der Morgen dämmerte über dem Meere herauf. Alle Dinge nahmen eine Lilafarbe an. Die flammende Gluth des Leuchtthurmes erlosch gleichzeitig mit dem Monde. Flüchtige gelbe Lichter tauchten auf den violetten Wogen auf wie Sirenengesichter unter einer Haarfülle von malvenfarbenem Algen. Plötzlich war es Tag.

Der Strand war vereinsamt. Die Stadt war todt. Es war das trübe Licht vor der ersten Morgenröthe, das den Schlaf der Welt beleuchtet und die müden Träume des Morgens bringt.

Alles war verschwunden; nur die Stille herrschte.

Wie schlafende Vögel die Schwingen, ließen die an den Ufern nebeneinander gereihten Schiffe ihre parallelen Ruder in's Wasser hängen. Die Perspective der Straßen zeichnete sich in architectonisch regelmäßigen Linien ab, welche kein Karren, kein Pferd, kein Sklave unterbrach. Alexandrien war nur eine ungeheure Einöde und bot das Bild einer alten, seit Jahrhunderten verlassenen Stadt.

Doch ein leichtes Geräusch von Schritten hallte auf der Erde und zwei junge Mädchen, das eine gelb, das andere blau gekleidet, wurden sichtbar.

Sie trugen beide den Jungfrauengürtel, der sich um die Hüften wand und sehr tief, unterhalb des jugendlichen Bauches befestigt war. Es war die Sängerin der Nacht und eine der Flötenspielerinen.

Die Musikspielerin war jünger und hübscher als ihre Freundin. Ihre Augen, so blau wie ihr Kleid, lächelten schwach, halb unter ihren Augenlidern verschwindend. Die beiden dünnen Flöten hingen auf ihren Schultern an einem farbigen Achselbande. Ein doppelter Iriskranz war um ihre runden Beine gewunden und unter dem leichten Stoffe des Kleides an den Knöcheln mit zwei silbernen Ringen befestigt.

»Myrtocleia, sei nicht betrübt, weil Du unsere Täfelchen verloren hast. Hättest Du je vergessen, daß Rhodis Liebe Dir gehört, oder konntest Du, Böse! denken, daß Du diese von meiner Hand geschriebene Zeile je hättest allein gelesen? Bin ich eine jener schlechten Freundinen, welche den Namen ihrer Bettgenossin auf ihren Fingernagel eingraben, und sich mit einer anderen verbinden, wenn der Nagel bis zu Ende nachgewachsen ist? Bedarfst Du eines Andenkens an mich, wenn Du mich selbst ganz und lebendig hast? Ich habe kaum das Alter erreicht, wo die Jungfrauen heirathen, und doch war ich, am Tage wo ich Dich zuerst sah, erst halb so alt. Du erinnerst Dich wohl. Es war im Bade. Unsere Mütter hielten uns unter den Armen und schaukelten uns einander entgegen. Wir haben lange auf den Marmorplatten gespielt, bevor wir unsere Kleider wieder anlegten. Seit jenem Tage haben wir uns nicht wieder verlassen, und fünf Jahre später haben wir uns geliebt.«

Myrtocleia erwiederte:

»Es gibt noch einen anderen ersten Tag, Rhodis, Du weißt es wohl. An jenem Tage hattest Du, unsere Namen vereinend, die drei Worte auf die Täfelchen geschrieben. Es war der erste. Er kommt uns nimmer wieder. Aber was liegt daran? Jeder Tag ist neu für mich und wenn Du gegen Abend erwachst, scheint es mir, ich hätte Dich nie gesehen. Ich glaube fast, daß Du kein Mädchen bist: Du bist eine kleine Nymphe Arcadiens, welche die Wälder verlassen hat, weil Phoïbos ihre Quelle versiegen ließ. Dein Leib ist biegsam wie ein Olivenzweig, Deine Haut ist weich wie das Wasser im Sommer, Irisblumen winden sich um Deine Beine und Du trägst die Lotos-Blume wie Astarte die offene Feige. In welchem Haine, von Unsterblichen bewohnt, ist Deine Mutter vor Deiner glückseligen Geburt eingeschlafen? Und welcher kecke Ägipan oder welcher Gott eines geheiligten Flusses hat sich im Grase mit ihr vereint? Wenn wir einst diese häßliche afrikanische Erde verlassen, wirst Du mich zu Deiner Quelle führen, weit hinter Psophis und Phenaea, in die großen, schattigen Wälder, wo man auf der weichen Erde die doppelten Spuren der Satyren, von den leichten Schritten der Nymphen durchkreuzt, sieht. Dort suchst Du dann einen glatten Felsen, und gräbst in den Stein, was Du auf das Wachs geschrieben hattest: die drei Worte, welche unsere ganze Freude ausmachen. Höre, höre zu, Rhodis! Beim Gürtel der Aphrodite, worauf alle Begierden eingestickt sind, alles Verlangen ist mir fremd, weil Du mehr als mein Traum bist. Beim Füllhorn Amaltheia's, woraus alle Güter der Welt fließen, die Welt ist mir gleichgültig, weil Du das einzige Gut bist, das ich darin gefunden habe. Wenn ich Dich betrachte und dann mich selbst ansehe, so weiß ich nicht mehr, warum Du Gegenliebe für mich fühlst. Deine Haare sind blond wie Kornähren und die meinigen schwarz wie das Fell eines Bockes. Deine Haut ist weiß wie die Käse der Hirten und die meinige gebräunt wie der Sand am Ufer. Deine Brust ist zart und blühend, wie der Apfelsinenbaum im Herbste, und die meinige mager und unfruchtbar wie die Fichte auf den Felsen. Wenn mein Gesicht schöner geworden ist, so ist es, weil ich Dich so viel geliebt habe. Oh Rhodis, Du weißt es, meine seltsame Jungferschaft gleicht den Lippen des Gottes Pan, wenn er einen Myrthenzweig ißt; die Deine ist rosig und schön wie der Mund eines kleinen Kindes. Ich weiß nicht, warum Du mich liebst, aber wenn Du eines Tages aufhörtest mich zu lieben, wenn Du, wie Deine Schwester Theano, welche neben Dir die Flöte spielt, jemals in dem Hause schlafen bliebest, wo man uns beschäftigt, so hätte ich nicht einmal den Gedanken allein in unserem Bette zu schlafen und Du würdest mich, wenn Du heim kämest, mit meinem Gürtel erwürgt finden.«

Die schmalen Augen Rhodis' füllten sich mit Thränen und Lächeln, so sehr war dieser Einfall grausam und toll. Sie setzte ihren Fuß auf einen Eckstein.

– Meine Blumen belästigen mich zwischen den Beinen. Mache sie los, angebetete Myrto. Für diese Nacht habe ich genug getanzt.

Die Sängerin fühlte in sich wie einen Aufstoß des Ekels.

– Ach! ja, es ist wahr. Ich hätte sie schier vergessen, diese Männer und diese Dirnen. Sie haben Euch beide tanzen lassen, Dich in diesem Kleide von Cos, das durchsichtig ist wie das Wasser, und Deine Schwester nackt mit Dir. Wenn ich Dich nicht vertheidigt hätte, sie hätten sich an Dir vergriffen wie an einer Dirne, wie sie sich an Deiner Schwester vergriffen haben, in unserer Gegenwart und im selben Räume ... Oh! diese Abscheulichkeit! Hörtest Du ihr Schreien und Klagen! Wie schmerzhaft ist doch die Liebe der Männer!

Sie kniete vor Rhodis nieder und löste die beiden Kränze los, dann die drei Blumen, die höher befestigt waren, an die Stelle jeder Blume einen Kuß drückend. Als sie sich erhob, nahm das Kind sie am Halse und glaubte auf ihrem Munde zu vergehen.

»Myrto, Du bist wohl nicht auf alle diese Wüstlinge eifersüchtig? Was liegt Dir daran, daß sie mich gesehen haben. Theano genügt ihnen, ich habe sie ihnen gelassen, sie kriegen mich nicht, heißgeliebte Myrto. Sei auf sie nicht eifersüchtig.

– Eifersüchtig! ... Ich bin eifersüchtig auf Alles, was Dir naht. Damit Deine Gewänder Dich nicht allein haben, ziehe ich sie an, wenn Du sie getragen hast. Damit die Blumen Deiner Haare nicht in Dich verliebt bleiben, übergebe ich sie den armen Hetären, die sie in ihren Gelagen verunreinigen. Ich habe Dir nie etwas gegeben, damit nichts Dich besitze. Ich fürchte Alles, was Du berührst, und hasse Alles, was Du anschaust. Ich möchte mein ganzes Leben hindurch zwischen den Mauern eines Kerkers bleiben, wo wir allein wären, Du und ich, und Dich so tief mit mir vereinen, Dich so gut in meinen Armen verbergen, daß kein Auge Dich dort vermuthen könnte. Ich möchte die Frucht sein, die Du genießest, der Wohlgeruch, der Dir gefällt, der Schlaf, der unter Deine Augenlider dringt, die Liebe, die Deine Glieder zusammenzieht. Ich bin eifersüchtig auf das Glück, das ich Dir gebe, und doch möchte ich Dir sogar dasjenige geben, das ich durch Dich habe. Darauf bin ich eifersüchtig; aber Deine Geliebten einer Nacht, welche mir helfen Deine kindischen Gelüste zu befriedigen, fürchte ich nicht; und was die Liebhaber betrifft, so weiß ich, daß Du ihnen niemals angehören wirst; ich weiß wohl, daß Du den Mann nicht lieben kannst, den unbeständigen, rauhen Mann.

Treuherzig rief Rhodis aus:

– Lieber würde ich, wie Nausithoë, meine Jungferschaft dem Gotte Priapos opfern, den man in Thasos anbetet. Aber heute Morgen nicht, Geliebte. Ich habe lange getanzt, ich bin sehr müde. Ich möchte zu Hause sein, um auf Deinem Arme zu schlafen.

Sie lächelte und fuhr fort:

– Wir werden Theano sagen müssen, daß unser Bett nicht mehr für sie ist. Wir werden ihr ein anderes, rechts von der Thüre, zurichten. Nach dem was ich diese Nacht gesehen habe, werde ich sie nicht mehr umarmen können. Myrto, es ist wahrhaft furchtbar. Ist es möglich, so zu lieben! Das ist es, was sie Liebe nennen?

– Das ist es.

– Sie irren sich, Myrto. Sie wissen nicht.« Myrtocleia nahm sie in ihre Arme und sie schwiegen stille.

Der Wind vermengte ihre Haare.

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