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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 4
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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II.

Am Strande Alexandriens.

Am Strande Alexandriens stand ein Mädchen und sang. Neben ihr saßen zwei Flötenspielerinen auf der weißen Brüstung.

I.

Die Satyren haben in den Wäldern
Die leichte Spur der Orcaden verfolgt.
Sie haben den Bergnymphen nachgejagt
Ihre dunkeln Augen erschreckt,
Ihre lang flatternden Haare ergriffen,
Ihre Jungfrauenbrüste im Laufe gefaßt,
Ihre warmen Körper zurückgelehnt,
Auf den feuchten Rasen hingestreckt,
Und die schönen Körper, die schönen halbgöttlichen Körper
Streckten und reckten sich im Schmerze.
Eure Lippen, ihr Frauen, preisen Eros
In leidvoll süßem Verlangen.

*

Die Flötenspielerinen wiederholten:

»Eros!«

– Eros!« und ihre Klagen schluchzten im doppelten Schilfrohr.

II.

Kybele hat durch die Ebene
Attys, schön wie Apoll verfolgt.
Eros hatte sie in's Herz getroffen, und für ihn,
O weh! aber nicht für sie.
Um geliebt zu werden, grausamer Gott, böser Eros,
Ist nur der Haß, was Du anräthst...
Durch die Wiesen und die weiten, fernen Felder
Hat Kybele dem Attys nachgejagt,
Und weil sie den liebte, der sie verschmäht',
Hat sie in seine Adern den mächt'gen Hauch,
Den kalten, den Hauch des Todes geblasen.
Oh schmerzhaft-süßes Verlangen!

*

»Eros!

– Eros!«

Den Flöten entstiegen schrille Töne.

III. Der Satyr hat bis zum Flusse
Syrinx, die Tochter der Quelle verfolgt.
Der bleiche Eros, der den Geschmack der Thränen liebt,
Küßt sie im Fluge, Wange gegen Wange:
Und der flücht'ge Schatten der ertrunkenen Jungfrau
Hat erbebt, wie ein Schilf auf dem Wasser;
Doch Eros besitzt die Welt und die Götter,
Er besitzt sogar den Tod;
Auf dem Wassergrabe pflückt er für uns
Alles Schilfrohr und macht daraus die Flöte...
Eine todte Seele beweint hier, ihr Frauen,
Das schmerzhaft-süße Verlangen!

*

Während die Flöten den langsamen Gesang des letzten Verses fortsetzten, hielt die Sängerin den Zuhörern, welche sich im Kreise um sie versammelt hatten, die Hand hin. Sie sammelte vier Obolen und ließ sie in ihre Schuhe gleiten.

Nach und nach zerstreute sich die Menge, zahllos, neugierig auf sich selbst und auf die Vorbeigehenden. Das Geräusch der Schritte und der Stimmen deckte sogar das Rauschen des Meeres. Matrosen zogen mit vorgebeugtem Leibe Fahrzeuge ans Ufer. Mit vollen Körben auf den Armen gingen Früchteverkäuferinen vorbei. Bettler verlangten mit zitternden Händen ein Almosen. Mit vollen Schläuchen beladene Esel trabten vor den Stöcken der Eseltreiber daher. Aber nun war die Stunde gekommen, wo die Sonne untergeht; und zahlreicher noch als die geschäftige Menge, bedeckte die müßige Menge den Hafendamm. Gruppen bildeten sich hie und da, zwischen welchen die Frauen hin und her gingen. Man hörte bekannte Persönlichkeiten nennen. Die jungen Leute schauten sich die Philosophen an; diese hingegen betrachteten die Hetären.

Und es waren Hetären jeder Gattung und jeden Ranges da, von den berühmtesten angefangen, welche mit lichter Seide bekleidet waren und Schuhe von Goldleder trugen, bis zu den elendesten, die mit bloßen Füßen daher gingen. Die Ärmsten waren nicht minder schön als die anderen, aber weniger glücklich, und die Aufmerksamkeit der Weisen war am liebsten auf diejenigen gerichtet, deren Anmuth nicht durch die Kunstgriffe der Gürtel und die Fülle des Schmuckes entstellt war. Da man am Vorabend der aphrodisischen Feste war, hatten diese Frauen die Freiheit die Kleidung zu wählen, die ihnen am besten saß, und einige der jüngsten waren so weit gegangen, überhaupt keine Kleider zu tragen. Aber ihre Nacktheit erregte bei Niemandem Anstoß, denn sie hätten nicht in dieser Weise jede Einzelheit derselben der Sonne ausgesetzt, wenn sie sich des kleinsten körperlichen Fehlers, der den Spott der verheiratheten Frauen herausgefordert hätte, bewußt gewesen wären.

»Tryphaera! Tryphaera!«

Und mit diesem Ausrufe stieß eine junge Hetäre von fröhlichem Aussehen einige Vorübergehende bei Seite, um eine Freundin, die sie bemerkt hatte, einzuholen.

»Tryphaera? bist Du geladen?

– Wo das, Seso?

– Bei Bacchis.

– Noch nicht. Giebt sie ein Mittagsmahl?

– Ein Mittagsmahl? einen Festschmaus, meine Liebe. Sie will ihrer schönsten Sklavin, Aphrodisia, am zweiten Tage des Festes die Freiheit schenken.

– Endlich hat sie bemerkt, daß man nur noch wegen ihrer Sklavin zu ihr kam.

– Ich glaube, sie hat gar nichts bemerkt. Es ist eine Laune des alten Rheders Cheres. Er wollte das Mädchen für zehn Minen kaufen; Bacchis hat abgelehnt. Er bot zwanzig Minen und sie hat nochmals abgelehnt.

– Sie ist verrückt.

– Sie setzte eben ihren Ehrgeiz daran, eine befreite Sklavin zu haben. Übrigens hat sie recht gethan zu feilschen. Cheres wird gewiß fünf und dreißig Minen geben und für diesen Preis kann sich das Mädchen freimachen.

– Fünf und dreißig Minen? Drei tausend fünf hundert Drachmen? Drei tausend fünf hundert Drachmen für eine Negerin!

– Sie ist die Tochter eines Weißen.

– Aber ihre Mutter ist schwarz.

– Bacchis hat erklärt, daß sie sie nicht billiger hergeben würde, und der alte Cheres ist so verliebt, daß er eingewilligt hat.

– Ist er wenigstens geladen?

– Nein! Aphrodisia wird beim Festmahl als letzter Gang nach den Früchten aufgetragen werden. Jeder wird nach seinem Geschmacke davon kosten und am zweiten Tage erst soll man sie an Cheres abliefern; aber ich fürchte, daß sie dann recht müde sein wird ...

– Bemitleide sie nicht! Bei ihm wird sie Zeit haben auszuruhen. Ich kenne ihn, Seso. Ich habe ihn schlafen sehen.

Sie lachten zusammen über Cheres. Dann lobten sie sich gegenseitig.

»Du hast ein hübsches Kleid, sagte Seso. Hast Du es bei dir zu Hause sticken lassen?«

Tryphaeras Kleid war aus dünnem, meergrünem Stoffe, der ganz mit breitblumigen Iris durchwirkt war. Ein in Gold gefaßter Karfunkel heftete dasselbe an der linken Schulter in spindelförmigen Falten fest; das Kleid fiel wie eine Schärpe zwischen den Brüsten hernieder, die ganze rechte Seite des Körpers bis zum Metallgürtel nackt lassend; nur ein enger Spalt, welcher sich bei jedem Schritte öffnete und wieder schloß, enthüllte das weiße Bein.

Seso! sagte eine andere Stimme, Seso und Tryphaera, kommt, wenn ihr nichts Besseres zu thun habt. Ich gehe zur Mauer des Kerameikos, um zu sehen, ob mein Name dort angeschrieben steht.

– Mousarion! woher kommst Du, Kleine?

– Vom Leuchtturm, es ist Niemand dort.

– Was sagst Du da? Man braucht ja nur zu fischen, so voll ist es dort.

– Kein Fang für mich. Deßhalb geh' ich zur Mauer. Kommt doch!

Unterwegs erzählte Seso wieder vom beabsichtigten Gastmahle bei Bacchis.

»Ach! bei Bacchis! rief Mousarion aus. Erinnerst Du dich des letzten Essens, Tryphaera: und alldessen, was man über Chrysis erzählt hat?

– Sage es nicht wieder, Seso ist ihre Freundin.«

Mousarion biß sich in die Lippen; doch schon fragte Seso ängstlich:

»Wie? was hat man gesagt?

– Oh! nur Bosheiten.

– Sprechen ist leicht, erklärte Seso. Alle drei zusammengenommen wiegen wir Chrysis nicht auf. Am Tage wo es ihr gefallen wird ihr Viertel zu verlassen, um sich im Brouchion zu zeigen, wird so mancher unserer Geliebten uns nicht mehr wiedersehen wollen.

– Oho!

– Gewiß. Ich würde für dieses Weib Tollheiten begehen. Es giebt hier keine schönere, glaub es mir.

Die drei Mädchen waren vor der Mauer des Kerameikos angekommen. Von einem Ende der weißen Wand bis zum andern folgte Inschrift auf Inschrift. Wenn ein Liebhaber sich einer Hetäre vorzustellen wünschte, genügte es ihre beiden Namen mit dem Preise, den er bot, da aufzuschreiben; hatte sie den Mann und das Geld als würdig erachtet, so blieb das Weib unter der Aufschrift stehen und wartete, bis der Verehrer wiederkam.

»Schau mal, Seso! sagte Tryphaera lachend. Wer ist der boßhafte Spaßvogel, der das geschrieben hat?«

Und sie lasen folgende, in plumper Schrift geschriebene Worte:

Bacchis
Thersites
2 Obolen

»Es sollte nicht erlaubt sein Weiber so zum Besten zu haben. Wenn ich der Rhymarch wäre, so hätte ich schon längst eine Untersuchung eröffnet.«

Aber ein Stück weiter blieb Seso vor einer ernster zu nehmenden Inschrift stehen.

Seso von Cnidos
Timon, Lysias Sohn

1 Mine

»Ich bleibe,« sagte Seso erblassend.

Und sie lehnte sich an die Wand, dem neidischen Blicke der vorbeigehenden Hetären ausgesetzt.

Einige Schritte weiter fand Mousarion eine, wenn auch nicht so freigebige, so doch annehmbare Anfrage. Tryphaera kam allein auf den Hafendamm zurück.

Der Abend war vorgeschritten, die Menge weniger dicht. Die drei Musikantinen jedoch fuhren fort zu singen und die Flöte zu blasen.

Auf einen Unbekannten zutretend, dessen Schmeerbauch und dessen Kleidung ziemlich lächerlich aussahen, schlug ihm Tryphaera auf die Schulter:

– Väterchen, ich wette, Du bist nicht von Alexandrien, wie?

– In der That, mein Kind, antwortete der Biedermann. Du hast recht gerathen. Ich bin über Stadt und Leute noch ganz verblüfft.

– Bist Du von Bubaste?

– Nein, von Cabasa. Ich bin hierher gekommen, um Korn zu verkaufen und kehre morgen um zweiundfünfzig Minen reicher heim. Den Göttern sei gedankt, es war ein gutes Jahr.

Tryphaera fühlte plötzlich ihr Interesse für diesen Kaufmann wachsen.

Mein Kind, begann er schüchtern von Neuem, Du kannst mir eine große Freude bereiten. Ich möchte nicht morgen nach Cabasa zurückkehren, ohne meiner Frau und meinen drei Töchtern sagen zu können, ich habe berühmte Männer gesehen. Du mußt sicher berühmte Männer kennen?

– Ich kenne einige, sagte sie lachend.

– Nun wohl! Nenne mir sie, wenn sie hier vorbeigehen. Ich bin sicher, daß ich seit zwei Tagen auf den Straßen die berühmtesten Philosophen und die einflußreichsten Würdenträger getroffen habe. Ich bin trostlos sie nicht zu kennen.

– Du sollst befriedigt werden. Hier ist Naukrates.

– Wer ist Naukrates?

– Ein Philosoph.

– Und was lehrt er?

– Daß man schweigen muß.

– Bei Zeus, das ist eine Lehre, welche nicht viel Genie verlangt und dieser Philosoph gefällt mir nicht.

– Hier kommt Phrasilas.

– Wer ist Phrasilas?

– Ein Thor.

– Warum läßt Du ihn da nicht vorüberziehen?

– Weil Andere ihn für einen ausgezeichneten Mann halten.

– Und was sagt er?

– Er sagt Alles mit einem Lächeln, was ihm gestattet, seine Irrthümer als absichtlich und seine Albernheiten als pfiffig gelten zu lassen. Alle Vortheile sind auf seiner Seite. Die Welt hat sich dadurch irreführen lassen.

– Das ist mir zu hoch und ich verstehe Dich nicht recht. Übrigens hat dieser Phrasilas ein Heuchlergesicht. – Hier kommt Philodem.

– Der Stratege?

– Nein. Ein lateinischer Dichter, der griechisch schreibt.

– Kleine, es ist ein Feind. Ich will ihn nicht gesehen haben.

Jetzt entstand in der Menge eine Bewegung und ein Gemurmel von Stimmen sprach einen und denselben Namen aus.

»Demetrios ... Demetrios ...«

Tryphaera stieg auf einen Eckstein und sagte dem Kaufmann:

»Demetrios ... Hier ist Demetrios. Du wolltest ja einen berühmten Mann sehen.

– Demetrios? der Geliebte der Königin? Ist es möglich?

– Ja, Du kannst von Glück reden. Er geht nie aus. Seitdem ich in Alexandrien bin, ist es das erstemal, daß ich ihn auf dem Strande sehe.

– Wo ist er?

– Es ist der, welcher sich vorbeugt, um den Hafen zu sehen.

– Es sind zwei da, die sich vorbeugen.

– Der, welcher blau gekleidet ist.

– Ich sehe ihn nicht recht. Er wendet uns den Rücken zu.

– Weißt Du, daß es der Bildhauer ist, dem die Königin Modell gestanden hat, als er die Statue der Aphrodite für den Tempel gemacht hat?

– Man sagt, er sei der königliche Geliebte. Man sagt, er sei der Herr Ägyptens.

– Er ist schön wie Apoll!

– Ah! Jetzt dreht er sich um. Ich bin recht froh, gekommen zu sein. Ich werde sagen, daß ich ihn gesehen habe. Man hat mir so Vieles über ihn erzählt. Man sagt, daß ihm niemals eine Frau widerstanden hat. Er hat viele Abenteuer erlebt, nicht wahr? Wie kommt es, daß die Königin sich nicht darüber erkundigt hat?

– Die Königin kennt sie so gut wie wir. Sie liebt ihn zu sehr, um ihm deshalb etwas zu sagen. Sie fürchtet, daß er nach Rhodos, zu seinem Meister Pherecrates zurückkehrt. Er ist so mächtig wie sie und sie ist es, die nach ihm verlangte.

– Er sieht nicht glücklich aus. Warum hat er eine so traurige Miene? Es scheint mir, ich würde glücklich sein, wenn ich an seiner Stelle wäre. Ich möchte gern an seinem Platze sein, sei es auch nur einen Abend...

Die Sonne war untergegangen. Die Frauen schauten diesen Mann an, der ihr gemeinsamer Traum war. Scheinbar ohne das Bewußtsein von der Neugierde zu haben, welche er hervorrief, stand er den Flötenspielerinen zuhörend an der Brüstung angelehnt.

Die kleinen Spielmädchen machten nochmals die Runde, um zu sammeln; dann warfen sie ihre leichten Flöten auf den Rücken; die Sängerin faßte sie um den Hals und alle drei wandten sich der Stadt zu.

Als es finstere Nacht war, kehrten die anderen Frauen in kleinen Gruppen nach dem ungeheueren Alexandrien zurück und die Heerde der Männer folgte ihnen nach; doch unterwegs drehten sich alle nach Demetrios zurück. Die letzte, die vorbei kam, warf ihm mit leichter Grazie ihre gelbe Blume zu und lachte dabei. Der Strand lag jetzt in völliger Stille da.

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