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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 22
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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VI.

Begeisterung.

Die Sache war also gethan. Chrysis hatte den Beweis.

Wenn Demetrios sich entschlossen hatte das erste Verbrechen zu begehen, mußten die anderen kurz darauf gefolgt haben. Ein Mann seines Ranges mußte Mord und Tempelschändung für weniger entehrend halten als Diebstahl.

Er hatte gehorcht, also war er gefangen. Dieser freie, ruhige, kalte Mann duldete ebenfalls den Sklavendienst, und seine Herrin, seine Gebieterin, war sie, Chrysis, Sarah aus dem Lande Genezareth.

Ah! daran denken, es wiederholen, es laut sagen, allein sein! Chrysis eilte aus dem geräuschvollen Hause hinaus und lief schnell, gerade vor sich hin, das Angesicht durch den endlich frisch gewordenen Morgenwind abgekühlt.

Sie folgte bis zur Agora der Straße, die zum Meere führte und an deren Ende, ungeheuren Ähren gleich, die Masten von achthundert Schiffen eng beisammen standen. Dann wandte sie sich nach rechts, angesichts der ungeheuern Dromos-Straße, wo sich Demetrias Wohnung befand. Sie wurde von einem Schauer des Stolzes umweht, als sie vor den Fenstern ihres zukünftigen Geliebten vorbeiging; aber sie war nicht so ungeschickt, auch nur zu versuchen ihn zuerst zu sehen. Sie durchschritt die lange Straße bis zum Thor von Canope, und warf sich zwischen zwei Aloës auf den Boden.

Er hatte Das gethan! Er hatte Alles für sie gethan, mehr als je ein Liebender wahrscheinlich für ein Weib gethan hatte. Sie wurde nicht müde ihren Triumph zu wiederholen und zu bekräftigen. Demetrios der Vielgeliebte, der unmögliche Traum so vieler Frauenherzen, hatte sich ihretwegen willig allen Gefahren, allen Schanden, allen Gewissensbissen ausgesetzt. Er hatte sogar das Ideal seines Denkens verleugnet, er hatte sein Werk des wunderbaren Halsbandes beraubt und dieser aufgebende Tag wird den Geliebten der Göttin zu Füßen seines neuen Götzenbildes sehen!

»Nimm mich! nimm mich!« rief sie aus. Jetzt betete sie ihn an. Sie rief ihn, sie wünschte ihn. Die drei Verbrechen verwandelten sich in ihrem Geiste in Heldenthaten, zu deren Belohnung sie nie genug Zärtlichkeit, nie genug Leidenschaft zu geben haben wird. In welcher unvergleichlichen Flamme wird diese einzige Liebe zweier gleich jungen, gleich schönen Wesen brennen, die von einander gleich geliebt waren und für immer, nach so viel überwundenen Hindernissen, vereint waren!

Sie würden beide wegziehen, die Stadt der Königin verlassen, sie würden nach geheimnißvollen Landen segeln, nach Amathont, nach Epidaurus oder nach der unbekannten Stadt Rom, welche die zweite der Welt nach dem ungeheuern Alexandrien war, und welche im Begriffe war die Welt zu erobern. Was würden sie nicht thun, wo immer sie auch seien! Welche Freude würde ihnen fremd sein, welches menschliche Glück würde das ihre nicht beneiden, und nicht vor ihrer zauberischen Erscheinung erbleichen!

Chrysis erhob sich wie geblendet. Sie streckte die Arme aus, drückte die Schultern zusammen, reckte ihren Oberkörper vor. Ein Gefühl von Mattigkeit und Lust wuchs in ihrer gehärteten Brust. Sie machte sich wieder auf den Weg, um heimzukehren.

Als sie die Thür ihres Zimmers öffnete, verwunderte sie sich, daß seit dem gestrigen Tage sich nichts unter ihrem Dache verändert hatte. Die kleinen Gegenstände ihrer Toilette, ihres Tisches, ihrer Gestelle schienen ihr ungenügend, um ihr neues Leben zu umgeben. Sie zerbrach einige, die ihr zu aufdringlich frühere, fortan unnöthige Liebhaber in Erinnerung brachten und die sie plötzlich zu hassen begann. Wenn sie die anderen verschonte, so war es nicht etwa, weil ihr diese kostbarer schienen; aber sie fürchtete das Gemach auszuleeren, im Falle, daß Demetrios die Absicht hätte die Nacht darin zuzubringen.

Sie entkleidete sich langsam. Überbleibsel von dem Gelage fielen von ihrem Gewande, Kuchenbrosamen, Haare, Rosenblätter.

Sie glättete mit der Hand ihre des Gürtels entledigte Taille und griff mit den Fingern in die Haare, um deren Dichtigkeit zu verringern. Doch bevor sie zu Bett ging, bekam sie Lust einige Augenblicke auf dem Teppich der Terrasse, wo die Frische der Luft so köstlich war, auszuruhen.

Sie stieg hinauf.

Die Sonne war kaum seit einigen Augenblicken aufgegangen. Sie lag am Horizonte wie eine ungeheuer vergrößerte Apfelsine.

Ein großer Palmbaum mit gekrümmtem Stamme ließ sein dichtes, grünes Laub über den Dachsaum überhängen. Chrysis barg darunter ihre kitzlige Nacktheit, und mit den Brüsten in den Händen begann sie zu frösteln.

Ihre Augen irrten über die Stadt, die nach und nach hell wurde. Die violetten Dünste des Tagesanbruchs stiegen in den schweigsamen Straßen empor um in der klaren Luft zu verschwinden.

Plötzlich durchzuckte ein Gedanke ihren Geist, ein stets wachsender, aufdringlicher Gedanke, der sie wahnsinnig machte: Demetrios hatte schon so viel für sie gethan, warum würde er die Königin nicht tödten, er, der König sein könnte?

Und dann …

— — — — —

Dann würde dieser ungeheure Ozean von Häusern, Palästen, Tempeln, Thoren, Säulengängen, welche sich vor ihren Augen ausbreiteten, von der westlichen Begräbnißstätte bis zu den Gärten der Göttin: Brouchion, die glänzende und regelmäßig gebaute Griechenstadt, Rhacotis, die aegyptische Stadt, vor welcher sich wie ein akropolisartiger Berg das hell erleuchtete Paneion erhob; der große Tempel der Serapis, dessen Façade von zwei langen Obelisken, wie von Hörnern überragt war; der große Tempel der Aphrodite, von dem Rauschen von dreihunderttausend Palmbäumen und von den zahllosen Fluthen umgeben; der Tempel der Persephone und der Tempel der Arsinoë, die beiden Grabstätten Poseidon's, die drei Thürme der Isis Pharis, die sieben Säulen der Isis Lochias und das Theater und die Rennbahn und das Stadium, wo Psittakos mit Nikosthenes um die Wette gelaufen war und das Grab der Stratonike und das Grab des Gottes Alexander; – Alexandrien, Alexandrien! das Meer, die Menschen, der ungeheure Leuchtturm aus Marmor, dessen Spiegel die Menschen vom Meere errettete; Alexandrien! die Stadt der Berenike und der elf Ptolemäischen Könige, Physkan, Philometor, Epiphanes, Philadelphos; Alexandrien, das Ziel aller Träume, die Krone allen seit dreitausend Jahren in Memphis, Theben, Athen, Corinth, durch den Meißel, durch den Griffel, durch den Kompaß, durch das Schwert errungenen Ruhmes; – weiter noch das durch die sieben Zungen des Nils gespaltete Delta, Saïs, Bubastes, Heliopolis; dann gegen Süden, den Fluß hinauf, der Streif fruchtbaren Landes, das Heptanom, wo sich längs des Flusses zwölfhundert, allen Göttern geweihte Tempel staffelförmig aneinander reihten; und weiter, die Thebaïde, Diospalis, die Elephantinische Insel, die undurchschiffbaren Wasserfälle, die Insel Argo ... Meroë ... das Unbekannte; und selbst, wenn man an die Überlieferungen der Aegypter glauben kann, die fabelhaften Seeen, woraus der alte Nil entspringt und welche so groß sind, daß man den Horizont aus dem Gesichte verliert, wenn man ihre purpurnen Fluthen durchschifft, und so hoch auf den Bergen liegend, daß die nahen Sterne sich wie Goldfrüchte darin spiegeln, – dies Alles, Alles, würde das Königreich, das Gebiet, das Besitzthum der Hetäre Chrysis sein.

Erstickend hob sie die Arme in die Höhe, als ob sie den Himmel berühren zu können wähnte.

Und bei dieser Bewegung sah sie, langsam, zu ihrer Linken, einen großen Vogel mit schwarzen Fittigen vorbeiziehen und nach dem hohen Meere zu verschwinden.

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