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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 21
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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V.

Die Gekreuzigte.

Alle zusammen wiederholten:

»Aphrodisia hat ihn genommen! Hündin! Sau! Aas! Diebin!«

Ihr Haß gegen die bevorzugte Schwester vergrößerte sich durch ihre persönliche Angst.

Aretias stieß sie mit dem Fuße an die Brust.

– Wo ist er? rief Bacchis. Wo hast Du ihn hingethan?

– Sie hat ihn ihrem Geliebten gegeben.

– Wer ist das?

– Ein opischer Matrose.

– Wo ist sein Schiff?

– Es ist heute Abend nach Rom zurückgesegelt. Du wirst den Spiegel nicht mehr sehen. Sie muß gekreuzigt werden, die Sau, das Ungeheuer!

– Ach! ihr Götter! ihr Götter! weinte Bacchis.

Dann verwandelte sich ihr Schmerz in einen milden Zorn.

Aphrodisia war wieder zum Bewußtsein gekommen, aber durch den Schreck gelähmt und nicht begreifend was vorging, verharrte sie ohne Stimme und ohne Thränen.

Bacchis faßte sie bei den Haaren, schleppte sie auf dem beschmutzten Boden herum, inmitten der Blumen und Weinpfützen und schrie:

»An's Kreuz! an's Kreuz! Holt die Nägel! Holt den Hammer!«

– Oh! sagte Seso zu ihrer Nachbarin, das habe ich nie gesehen. Folgen wir ihnen.

Alle folgten sich aneinander drängend. Und auch Chrysis folgte, Chrysis, die allein den Schuldigen kannte und die allein an Allem die Schuld trug.

Bacchis ging gerade auf das Sklavenzimmer zu, ein viereckiger Saal, der mit drei Matratzen ausgestattet war, wo sie zu zwei und zwei schliefen. Im Hintergrunde erhob sich als stets gegenwärtige Drohung ein T-förmiges Kreuz, das bis jetzt noch nicht verwendet worden.

Inmitten des verworrenen Gemurmels der jungen Frauen und Männer hoben vier Sklavinen die Märtyrerin zur Höhe der Arme des Kreuzes empor.

Noch kein Laut war aus ihrem Munde gekommen, als sie aber an ihrem nackten Rücken den kalten, rauhen Stamm fühlte, öffnete sie weit ihre langen Augen und begann ein kurz abgestoßenes Wimmern, das bis zu ihrem Ende nicht mehr aufhörte.

Sie setzten sie rittlings auf einen Holzpfahl, der in der Mitte des Pflockes eingesetzt war, um den Körper zu stützen und das Reißen der Hände zu vermeiden.

Dann that man ihr die Arme auseinander.

Chrysis schaute zu und schwieg. Was konnte sie sagen? Sie hätte die Sklavin nur entlasten können, indem sie Demetrios angeklagt hätte; er war geschützt vor jeder Verfolgung und hätte sich grausam gerächt, dachte sie. Übrigens war eine Sklavin ein Reichthum, und es gefiel Chrysis, daß ihre Feindin im Begriffe war mit eigenen Händen einen Werth von dreitausend Drachmen so vollkommen zu zerstören, als ob sie die Geldstücke in den Eunostus geworfen hätte. Und übrigens, war denn das Leben eines dienenden Wesens werth, daß man sich darum bekümmerte?

Heliope reichte Bacchis den ersten Nagel mit dem Hammer und die Marter begann.

Die Trunkenheit, der Ärger, der Zorn, alle Leidenschaften zusammen, selbst jener Grausamkeitsinstinkt, der im Herzen der Weiber schlummert, bewegten Bacchis' Seele in dem Augenblicke, wo sie den ersten Schlag führte und sie stieß einen ebenso durchdringenden Schrei aus, als derjenige Aphrodisia's war, als sich der Nagel in der offenen Handfläche krümmte.

Sie nagelte die zweite Hand an. Sie nagelte die Füße aufeinander. Dann rief sie, durch die Blutquellen, die den drei Wunden entströmten, aufgestachelt:

»Es ist noch nicht genug! Da hast Du! Diebin! Sau! Matrosendirne!«

Sie zog, eine nach der anderen, die langen Nadeln ihrer Haare heraus und stieß sie heftig in das Fleisch des Busens, des Bauches und der Schenkel. Als sie keine Waffe mehr in den Händen hatte, ohrfeigte sie die Unglückliche und spie ihr auf die Haut.

Sie betrachtete einige Zeit ihr vollendetes Rachewerk, dann kehrte sie mit allen ihren Gästen in den großen Saal zurück.

Phrasilas und Timon allein folgten ihr nicht.

— — — — —

Nach einigen Augenblicken des Sammelns hustete Phrasilas ein wenig, legte seine rechte Hand in die Linke, hob den Kopf in die Höhe, runzelte die Stirne und näherte sich der Gekreuzigten, die unaufhörlich von einem schrecklichen Schauer geschüttelt wurde.

»Obwohl ich bei manchen Gelegenheiten, sagte er ihr, den Theorien, die sich gern absolut nennen, entgegengesetzt bin, kann ich nicht verkennen, daß Du in dem Zustande, in welchem Du Dich befindest, nur gewinnen könntest, wenn Du in ernsthafterer Weise mit den stoischen Maximen vertraut gemacht würdest. Zeno, der nicht in allen Dingen einen von Irrthümern freien Geist besessen zu haben scheint, hat uns einige Sophismen ohne große, allgemeine Tragweite hinterlassen, aus welchen Du aber, in der Absicht Deine letzten Augenblicke zu lindern, Nutzen ziehen könntest. Der Schmerz, sagte er, ist ein sinnloses Wort, weil unser Wille die Unvollkommenheiten unseres vergänglichen Körpers überwindet. Es ist übrigens wahr, daß Zeno im Alter von achtundachtzig Jahren starb, ohne die geringste Krankheit gehabt zu haben, sagen seine Biographen; aber das ist kein Grund, den man gegen ihn einwenden kann, denn aus der Thatsache, daß er eine unverwüstliche Gesundheit zu bewahren wußte, können wir logisch nicht schließen, daß, wenn er krank geworden wäre, es ihm an Charakterstärke gefehlt hätte. Auch wäre es ein Mißbrauch die Philosophen zu zwingen, persönlich die Lebensregeln, welche sie vorschlagen, in Anwendung zu bringen und ohne Unterlaß die Tugenden zu pflegen, welche sie als die höchsten betrachten. Kurzum, und damit ich nicht über die Maßen meine Rede verlängere, so daß sie Gefahr laufen würde länger zu dauern als Du: bemühe Dich Deine Seele, so viel es ihr möglich ist, über Deine körperlichen Leiden zu erheben. So traurig, so grausam sie Dir auch scheinen mögen, ich bitte Dich überzeugt zu sein, daß ich wahrhaft daran Theil nehme. Sie gehen ihrem Ende zu; habe Geduld, vergiß! Die Stunde ist gekommen, wo Du unter den verschiedenen Lehren, die uns die Unsterblichkeit zuerkennen, diejenige wählen kannst, die am besten Dein Bedauern, daß Du verschwindest, einzuschläfern geeignet ist. Wenn diese Lehren die Wahrheit sagen, wirst Du sogar die Schauer des Übergangs erleuchtet haben. Wenn sie lügen, was liegt Dir daran? Du wirst nie wissen, daß Du geirrt hast.«

Als er so gesprochen, ordnete Phrasilas die Falten seines Gewandes auf der Schulter, und zog sich schwankenden Schrittes zurück.

Timon blieb mit der Gekreuzigten, die mit dem Tode rang, allein zurück.

Die Erinnerung einer Nacht, die er auf dem Busen dieser Unglücklichen zugebracht hatte, verließ sein Gedächtniß nicht mehr, mit dem Gedanken vermengt, daß baldige Fäulniß diesen schönen Körper, der in seinen Armen entbrannt war, verunstalten würde.

Er drückte die Hand auf die Augen, um die Gefolterte nicht zu sehen, aber er hörte fortwährend das Zittern des Leibes am Kreuze.

Endlich blickte er auf. Blutige Streifen liefen kreuzweise über ihre Haut, von den Nadeln der Brust bis zu den eingekrümmten Zehen. Fortwährend drehte sich der Kopf. Das ganze Haar hing auf der linken Seite herab, von Blut, Schweiß und Wohlgerüchen benetzt.

»Aphrodisia! hörst Du mich! erkennst Du mich! Ich bin es, Timon, Timon.«

Ein schon fast blinder Blick traf ihn für einen Moment. Aber der Kopf drehte sich immer noch. Der Leib hörte nicht auf zu zittern.

Leise, als ob er gefürchtet hätte, daß das Geräusch seiner Schritte ihr weh thun könnte, trat der Jüngling bis zum Fuße des Kreuzes vor. Er streckte die Arme vorwärts, nahm sorgfältig den kraftlosen und schwankenden Kopf in seine beiden mitleidigen Hände, entfernte andächtig die Haare, welche durch die Thränen an den Wangen klebten und drückte auf die heißen Lippen einen unendlich zärtlichen Kuß.

Aphrodisia schloß die Augen. Erkannte sie Den, der ihr schreckliches Ende durch eine Regung liebevollen Mitleides versüßte? Ein unsagbares Lächeln zog ihre blauen Augenlider in die Länge und in einem Seufzer gab sie den Geist auf.

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