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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 19
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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III.

Rhacotis.

Kaum hatte Chrysis die Thür geschlossen, als sie ihre Hand auf das entflammte Centrum ihrer Gier drückte, wie man einen schmerzhaften Punkt preßt, um stehende Empfindungen zu lindern. Dann lehnte sie sich mit der Schulter an eine Säule und rang leise schreiend die Hände.

Wird sie denn nie Etwas erfahren?

Je mehr die Stunden vergingen, desto deutlicher sah sie die Unwahrscheinlichkeit ihres Erfolges. Plötzlich nach dem Spiegel verlangen: das war ein sehr gewagtes Mittel die Wahrheit zu erfahren. Im Falle derselbe gestohlen worden, würde sie allen Verdacht auf sich lenken und sich ins Verderben stürzen. Andererseits war es ihr nicht mehr möglich da zu bleiben, ohne zu sprechen; aus Ungeduld hatte sie den Saal verlassen.

Timon's Ungeschicklichkeiten hatten ihre stumme Wuth zu einer bebenden Überreiztheit gesteigert, die sie zwang ihren Körper an die kühle, glatte Säule zu lehnen.

Sie sah einen Nervenanfall voraus und bekam Angst.

Sie rief die Sklavin Aretias herbei.

»Bewahre mir meinen Schmuck auf; ich gehe hinaus.«

Und sie stieg die sieben Treppenstufen hinunter.

Die Nacht war warm. Kein Luftzug trocknete auf ihrer Stirne die schweren Schweißtropfen. Die Enttäuschung, die sie deßhalb fühlte, vergrößerte ihr Unbehagen und machte sie wanken.

Sie ging die Straße entlang.

Bacchis Haus war am äußersten Ende von Brouchion gelegen, an der Grenze der Altstadt Rhacotis, einer ungeheueren Spelunke voll mit Matrosen und Aegypterinen. Die Fischer, welche wahrend der glühenden Hitze des Tages in den vor Anker liegenden Fahrzeugen schliefen, kamen dahin, um bis zum Morgen ihre Nacht da zuzubringen, den Dirnen und den Weinverkäufern ihren Erwerb des vorigen Tages zurücklassend.

Chrysis lenkte in die Gäßchen dieser alexandrinischen Suburra ein, die voll Stimmen, Bewegung und barbarischer Musik war. Sie schaute verstohlen durch die offenen Thüren, in die vom Dampfe der Lampen stinkenden Säle, wo sich nackte Paare begatteten. An Straßenecken, auf niederen, vor den Häusern nebeneinander gereihten Gerüsten, gab es Strohmatten, die unter ihrer doppelten Menschenlast knarrten und sich bewegten. Chrysis ging unruhig weiter. Ein Weib, das ohne Liebhaber war, forderte sie auf. Ein Greis griff ihr an den Busen. Eine Mutter bot ihr ihre Tochter an. Ein Bauer, der sie angaffte, küßte sie auf den Nacken. Sie floh in einer Art erröthender Furcht.

Diese fremde Stadt, mitten in der griechischen, war für Chrysis voll Nacht und Gefahr. Sie kannte schlecht dies sonderbare Labyrinth, den Wirrwarr von Straßen, das Geheimniß gewisser Häuser. Wenn sie sich von Zeit zu Zeit hieher wagte, folgte sie immer demselben directen Wege, nach einer kleinen rothen Thüre und dort vergaß sie ihre alltäglichen Geliebten in der unermüdlichen Umarmung eines jungen Eseltreibers mit sehnigen Muskeln, den sie das Vergnügen hatte ihrerseits zu bezahlen.

Aber an jenem Abend merkte sie, ohne nur den Kopf zu wenden, daß doppelte Schritte ihr folgen.

Sie beschleunigte ihren Gang. Der doppelte Schritt wurde gleichfalls beschleunigt. Sie begann zu laufen, man lief hinter ihr her; dann lenkte sie wie toll in ein anderes Gäßchen, dann in ein anderes in entgegengesetzter Richtung, dann in eine lange Straße, die in eine unbekannte Gegend führte.

So floh sie mit trockenem Gaumen und geschwollenen Schläfen, nur von Bacchis' Wein aufrecht gehalten, ganz bleich und verwirrt.

Endlich verschloß ihr eine Mauer den Weg: sie befand sich in einer Sackgasse. Schnell wollte sie umkehren; allein, zwei Matrosen mit braunen Händen versperrten ihr den engen Durchgang.

»Wohin gehst Du, Goldpfeilchen?« sagte der Eine lachend.

– Laßt mich hindurch.

– Was? Du bist verirrt, mein Kind, Du kennst Rhacotis nicht, wie? Wir wollen Dir die Stadt zeigen.

Und damit faßten sie beide beim Gürtel. Sie schrie, sträubte sich, theilte Faustschläge aus, aber der zweite Matrose nahm ihre beiden Hände gleichzeitig in seine Linke und sagte einfach:

»Verhalte Dich ruhig. Du weißt, daß man hier die Griechen nicht liebt; Niemand wird Dir zu Hilfe kommen.«

– Ich bin keine Griechin!

– Du lügst, Deine Haut ist weiß und Deine Nase gerade. Laß uns gewähren, wenn Du den Stock fürchtest.

Chrysis schaute den Sprecher an und warf sich ihm plötzlich an den Hals.

» Dich liebe ich, Dir werde ich folgen,« sagte sie.

– Du wirst uns beiden folgen. Mein Freund wird seinen Theil daran haben. Geh mit uns; Du wirst Dich nicht langweilen.

Wohin wollten sie Chrysis führen? Sie wußte nichts davon, aber der zweite Matrose gefiel ihr wegen seiner Rauheit, wegen seines brutalen Kopfes. Sie betrachtete ihn mit dem unablässigen Blicke, den junge Hündinen vor dem Fleische haben. Sie beugte ihren Körper nach seiner Seite, um ihn im Gehen zu berühren.

Schnellen Schrittes durchzogen sie seltsame Viertel ohne Leben und ohne Licht. Chrysis begriff nicht, wie sie in diesem nächtlichen Labyrinth, wo sie nicht allein hätte hinauskommen können, den Weg fanden, so seltsam verworren waren die Gäßchen. Die geschlossenen Thüren, die leeren Fenster, die unbeweglichen Schatten erschreckten sie. Ueber ihr, zwischen den eng beisammen stehenden Häusern, zog sich ein schmaler Streifen des bleichen, vom Mondscheine überflutheten Himmels hin.

Endlich kehrten sie in das Leben zurück. An einer Straßenecke erschienen plötzlich acht, zehn, zwölf Lichter. Es waren beleuchtete Thüren, wo junge nabatenische Frauen zwischen zwei rothen Lampen kauerten, die von unten ihre goldbehaubten Köpfe beleuchteten.

Aus der Ferne hörten sie zuerst das Gemurmel wachsen, dann ein Getöse von Karren und von hingeworfenen Ballen, von Eselstritten und von menschlichen Stimmen. Es war der Platz von Rhacotis, wo, während Alexandrien schlief, sich der eintägige Vorrath für die Nahrung von neunmalhunderttausend Menschen anhäufte.

Sie gingen die Häuser des Platzes entlang, zwischen grünen Haufen von Gemüse, Lotoswurzeln, glänzenden Bohnen, Olivenkörben. Von einem violetten Haufen nahm Chrysis eine Hand voll Brombeeren und aß sie, ohne sich aufzuhalten. Endlich blieben sie vor einer niederen Thür stehen und die Matrosen stiegen mit Derjenigen, für welche man die wahren Perlen der Anadyomene gestohlen hatte, hinunter.

Da war ein ungeheurer Saal. Fünfhundert Männer aus dem Volke tranken da, den Tag erwartend, Tassen gelben Bieres, aßen Feigen, Linsen, Sesamkuchen und Olyrabrod. Mitten unter ihnen wimmelte ein Wirrwarr kreischender Weiber, ein ganzes Feld schwarzer Haare und bunter Blumen in einer glühenden Atmosphäre. Es waren arme Mädchen ohne Obdach, welche Allen gehörten. Sie kamen dorthin, um nach den Überresten zu betteln, mit nackten Füßen, nackten Brüsten, nothdürftig mit rothen oder blauen Lappen auf dem Bauche bedeckt; die meisten trugen auf dem linken Arme ein in Lumpen gehülltes Kind. Auch da gab es Tänzerinen, sechs Aegypterinen auf einem Gerüste, mit einem Orchester von drei Musikanten, von denen die beiden Ersten mit Stäben auf Felltrommeln schlugen, während der Dritte ein großes Sistrum aus tönendem Erze schüttelte.

»Oh! Myxarkuchen!« sagte Chrysis vergnügt.

Und sie kaufte von einer kleinen Händlerin für zwei Kupfermünzen.

Aber plötzlich wurde ihr übel, so sehr war der Geruch dieser Spelunke unerträglich; die Matrosen trugen sie in ihren Armen weg.

In der frischen Luft erholte sie sich.

»Wo gehen wir hin?« flehte sie. »Machen wir rasch, ich kann nicht weiter. Ich widersetze mich nicht, ihr seht es, ich bin gut. Aber findet so rasch als möglich ein Lager, sonst falle ich auf die Straße hin.«

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