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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 18
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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II.

Das Mahl.

Bei diesen Worten trat ein kleiner, schmächtiger Mann, mit grauer Stirne, grauen Augen und grauem Bärtchen mit kleinen Schritten vor und sagte lächelnd:

»Ich war da.«

Phrasilas war ein angesehener Polygraph, von dem man nicht genau hätte sagen können, ob er Philosoph, Grammatiker, Historiker oder Mytholog war, denn er ging an die ernstesten Studien mit einem schüchternen Eifer und einer flatterhaften Neugierde. Er wagte es nicht eine Abhandlung zu schreiben und war nicht im Stande ein Drama aufzubauen. Sein Styl hatte etwas Heuchlerisches, Zaghaftes und Eitles. Für die Denker war er ein Dichter, für die Dichter ein Weiser, für die Gesellschaft ein großer Mann.

»Nun! gehen wir zu Tische!« sagte Bacchis und sie streckte sich mit ihrem Geliebten auf dem Bette aus, welches zu Häupten der Festtafel stand. Zu ihrer Rechten lagen Philodemus und Faustina mit Phrasilas. Zur Linken des Naukrates: Seso, dann Chrysis und der junge Timon. Jeder der Gäste legte sich quer gegen den Tisch, auf ein Seidenkissen gestützt und den Kopf mit Blumen umwunden. Eine Sklavin brachte die Kränze von rothen Rosen und blauen Lotusblumen. Dann begann das Festmahl.

Timon fühlte, daß sein toller Streich unter den Frauen einige Kälte hervorgerufen hatte. Deßhalb begann er auch nicht sogleich mit ihnen zu sprechen, sondern sagte, sich an Philodemus wendend, mit dem größten Ernste:

»Man behauptet, daß Du ein sehr ergebener Freund des Cicero seiest. Was hältst Du von ihm, Philodemus? Ist es ein erleuchteter Philosoph oder ein einfacher Kompilator, ohne Unterscheidungsgabe und ohne Geschmack? Denn ich habe beide Meinungen vertheidigen hören.«

– Gerade weil ich sein Freund bin, kann ich Dir nicht antworten, sagte Philodemus. Ich kenne ihn zu gut: also kenne ich ihn schlecht. Befrage Phrasilas. Da er ihn wenig gelesen hat, wird er ihn ohne Irrthum beurtheilen.

– Nun, was denkt Phrasilas von ihm?

– Es ist ein bewunderungswürdiger Schriftsteller, sagte der kleine Mann.

– Was willst Du damit sagen?

– Ich meine es in dem Sinne, Timan, daß alle Schriftsteller etwas Bewunderungswürdiges haben, wie alle Landschaften und alle Seelen. Ich könnte selbst der ödesten Ebene den Anblick des Meeres nicht vorziehen. So könnte ich eine Abhandlung des Cicero eine Ode Pindar's und einen Brief von Chrysis, selbst wenn ich den Styl unserer vortrefflichen Freundin kennen würde, nicht nach der Reihenfolge meiner Sympathien ordnen. Wenn ich ein Buch wieder zuschlage, bin ich zufrieden, die Erinnerung an eine Zeile, die mich zum Denken angeregt hat, mitzunehmen. Bis jetzt enthielten alle, die ich aufgeschlagen habe, diese Zeile. Aber kein einziges hat mir eine zweite gebracht. Vielleicht hat Jeder von uns nur eine einzige Sache in seinem Leben zu sagen, und diejenigen, welche versucht haben länger zu sprechen, waren große Ehrgeizige. Wie viel mehr bedaure ich das Schweigen jener Millionen Seelen, welche nicht geredet haben.

– Ich bin nicht Deiner Meinung, sagte Naukrates, ohne die Augen zu erheben. Die Welt ist erschaffen worden, damit drei Wahrheiten gesagt werden und zu unserem Unglück ist ihre Gewißheit schon fünf Jahrhunderte vor diesem Abend bewiesen worden. Heraklit hat die Welt begriffen, Parmenides hat die Seele enthüllt, Pythagoras hat Gott ermessen: wir haben nichts zu thun als zu schweigen. Ich finde die Kichererbse sehr gewagt.

Mit dem Griffe ihres Fächers schlug Seso leise auf den Tisch.

»Timon,« sagte sie, »mein Freund.«

– Was giebt's?

– Warum stellst Du Fragen, die keinerlei Interesse haben, weder für mich, die ich nicht lateinisch kann, noch für Dich, der Du es vergessen willst? Glaubst Du Faustina mit Deiner fremdländischen Gelehrsamkeit zu blenden? Armer Freund, mich wirst Du mit Deinen Worten nicht täuschen. Ich habe Deine große Seele gestern unter meiner Decke entkleidet und ich weiß, Timon, welcher Art die Kichererbse ist, um die sie sich kümmert.

– Glaubst Du? sagte einfach der Jüngling. Doch Phrasilas begann mit ironischer und süßlicher Stimme ein zweites Kapitel.

»Seso, wenn wir wieder das Vergnügen haben werden Dich Timon beurtheilen zu hören, sei es um ihm, wie er es verdient, Beifall zu spenden, sei es um ihn zu tadeln, was wir nicht könnten, erinnere Dich, daß es ein Unsichtbarer ist, dessen Seele eine eigentümliche ist. An sich hat sie kein Dasein, oder man kann sie wenigstens nicht kennen, aber sie spiegelt diejenigen wieder, die sich darin betrachten, und verändert ihr Aussehen, wenn sie die Stelle wechselt. Diese Nacht sah sie Dir ganz ähnlich und ich wundere mich nicht, daß sie Dir gefallen hat. Im Augenblick hat sie das Bild des Pilodemus angenommen: deßhalb hast Du soeben gesagt, daß sie sich Lügen straft. Nun braucht sie sich nicht zu verneinen, weil sie sich nicht bejahte. Du siehst, meine Liebe, daß man sich vor unbedachten Urtheilen hüten soll.«

Timon warf auf Phrasilas einen zornigen Blick, doch er verschob seine Antwort.

»Wie dem auch sei, begann Seso von Neuem, wir sind hier vier Hetären vereint, und wir bestehen darauf das Gespräch zu leiten, damit wir nicht rothwangigen Kindern gleichen, die den Mund nur aufthun, um Milch zu trinken. Faustina, beginne, da Du die neu Angekommene bist.«

– Sehr richtig, sagte Naukrates. Wähle für uns, Faustina. Wovon sollen wir sprechen?

Die junge Römerin drehte den Kopf, hob die Augen empor, erröthete und mit einer Wellenbewegung ihres ganzen Körpers seufzte sie:

»Von der Liebe.«

– Sehr hübscher Gegenstand! sagte Seso, eine Anwandlung zu Lachen unterdrückend.

Aber Niemand nahm das Wort.

— — — — —

Der Tisch war mit Kränzen, Gräsern, Bechern und Kannen bedeckt. Sklavinen brachten in geflochtenen Körben Brode herbei, die so leicht waren, wie Schnee. Auf bemalten irdernen Platten sah man fette Aale mit Gewürzen bestreut, wachsfarbige Alphesten und geweihte Kallichtys.

Es wurden auch Stutzköpfe aufgetragen, ein purpurner Fisch, von dem es hieß, er sei aus demselben Schaume wie Aphrodite geboren, Ochsenfische, Bebradonen, mit Dintenfischen belegte Meerbarben, bunte Drachenköpfe. Um sie brennend heiß essen zu können, bot man in ihren kleinen Pfannen Spitzmäuler, Wespen und warme Seepolypen, deren Arme zart waren; endlich den Bauch eines weißen Zitterfisches, so rund wie der Bauch eines schönen Weibes.

Das war der erste Gang, wo die Gäste bissenweise die guten Stücke eines jeden Fisches wählten, den Rest den Sklaven überlassend.

»Die Liebe,« begann Phrasilas, »ist ein Wort, das keinen Sinn hat, oder auch jeden Sinn, denn es bezeichnet abwechselnd zwei unvereinbare Gefühle, die Sinneslust und die Leidenschaft. Ich weiß nicht, in welchem Sinne Faustina davon sprechen will.«

– Ich will, unterbrach Chrysis, die Wollust für meinen Theil und die Leidenschaft bei meinen Liebhabern. Du mußt von beiden sprechen, oder Du wirst nur halb mein Interesse zu erregen wissen.

– Die Liebe, murmelte Philodemus, ist weder die Wollust, noch die Leidenschaft. Die Liebe ist etwas ganz Anderes.

– Oh! Gnade! rief Timon, halten wir heute Abend ausnahmsweise ein Gastmahl ohne Philosophie. Wir wissen, Phrasilas, daß Du, mit einer sanften Beredsamkeit und einer honigsüßen Überzeugungskraft, die Überlegenheit des vielfachen Vergnügens über die ausschließliche Leidenschaft, verteidigen kannst. Wir wissen auch, daß, nachdem Du während einer Stunde über einen so kühnen Gegenstand gesprochen haben wirst, Du bereit sein würdest, während der darauffolgenden Stunde mit derselben sanften Beredsamkeit und derselben honigsüßen Überzeugungskraft die Gegengründe Deines Widersprechers zu verfechten. Ich leugne nicht ...

– Erlaube ... sagte Phrasilas.

– Ich leugne nicht den Reiz dieses kleinen Spieles, fuhr Timon fort, noch den Geist, den Du daran wendest. Ich zweifle nur an seiner Schwierigkeit und deßhalb an seinem Interesse. Das » Gastmahl«, das Du ehemals im Laufe einer weniger ernsten Erzählung veröffentlicht hast und auch die Gedanken, die Du neulich einer mythischen Person, die Deinem Ideale gleicht, geliehen hast, haben unter der Regierung von Ptolemäus Auletes neu und selten geschienen; aber wir leben seit drei Jahren unter der jungen Königin Berenike, und ich weiß nicht, durch welche Wendung die Denkmethode, welche Du dem berühmten, harmonisch lächelnden Exegeten entlehnt hast, plötzlich um hundert Jahre unter Deiner Feder gealtert hat, wie die Mode der geschlossenen Aermel und der gelbgefärbten Haare. Trefflicher Meister, es thut mir leid; denn wenn es Deinen Erzählungen ein wenig an Feuer gebricht, wenn Deine Erfahrung in Bezug auf das Frauenherz nicht so groß ist, daß man darüber unruhig werden könnte, so bist Du zum Ersatze dafür mit einem komischen Geiste begabt und ich bin Dir dankbar, daß Du mich zum Lächeln gebracht hast.

– Timon! rief Bacchis entrüstet.

Phrasilas unterbrach sie mit einer Handbewegung:

»Laß gut sein, meine Liebe. Im Gegensatze zu den meisten anderen Menschen behalte ich von den Urtheilen, die mir zu Theil werden, nur die Lobworte, die man mir spendet. Timon hat mir dieselben gegeben; Andere werden mich wegen anderer Eigenschaften loben. Es ist nicht möglich unter einer allgemeinen Zustimmung zu leben, und die Verschiedenheit der Gefühle, welche ich erwecke, ist für mich ein reizendes Blumenbeet, wo ich die Rosen riechen will, ohne die Wolfsmilch auszureißen.«

Chrysis machte eine Lippenbewegung, welche klar zeigte, wie wenig sie von diesem Manne hielt, der so geschickt den Diskussionen ein Ende machte. Sie wandte sich zu Timon, der ihr Bettnachbar war, und fragte, ihm die Hand auf den Hals legend:

»Was ist der Zweck des Lebens?«

Das war die Frage, die sie stellte, wenn sie nicht wußte, was sie einem Philosophen sagen sollte; aber diesmal legte sie eine solche Zärtlichkeit in ihre Stimme, daß Timon eine Liebeserklärung zu hören wähnte.

Er antwortete jedoch mit einer gewissen Ruhe:

»Jedem das seine, meine Chrysis. Es giebt für das Dasein der Wesen keinen universalen Zweck. Was mich betrifft, so bin ich der Sohn eines Bankiers, dessen Kundschaft alle großen Hetären Aegyptens umfaßt, und da mein Vater durch scharfsinnige Mittel ein großes Vermögen gesammelt hat, gebe ich dasselbe edelmüthig den Opfern seiner Geschäfte zurück, indem ich, so oft es mir die Kräfte, die mir die Götter verliehen haben, gestatten, mit ihnen schlafe. Meine Lebenskraft, sagte ich mir, ist nur eine einzige Aufgabe im Leben zu erfüllen fähig. Das ist diejenige, die ich wähle, da sie die Anforderungen der seltensten Tugend mit den entgegengesetzten Befriedigungen vereinbart, die ein anderes Ideal weniger gut ertragen würde.«

Während er so sprach, hatte er sein rechtes Bein unter Chrysis' Beine, die auf der Seite lag, geschoben und er versuchte die geschlossenen Kniee der Hetäre zu trennen, als ob er an diesem Abend seinem Leben ein bestimmtes Ziel hätte geben wollen. Aber Chrysis ließ ihn nicht gewähren.

Es gab einige Augenblicke des Schweigens, dann nahm Seso wieder das Wort.

»Timon, es ist sehr schlecht von Dir, daß Du das einzige ernste Gespräch, dessen Gegenstand uns berühren kann, gleich bei Beginn unterbrichst. Laß wenigstens Naukrates sprechen, wenn Du so schlimm geartet bist.«

– Was soll ich von der Liebe sagen? antwortete der Geladene. Es ist ein Name, den man dem Schmerze giebt, um die Leidenden zu trösten. Es giebt nur zwei Arten unglücklich zu sein: entweder das wünschen, was man nicht hat, oder das besitzen, was man gewünscht hat. Die Liebe beginnt mit der ersten Art und mit der zweiten geht sie im schlimmsten Falle ihrem Ende zu, das heißt: sobald sie ihren Zweck erreicht. Die Götter mögen uns davor behüten zu lieben!

– Aber durch Überrumpelung besitzen, sagte Philodemus lächelnd, ist das nicht die wahre Liebe?

– Welche Seltenheit!

– Ach nein, – nicht wenn man darauf achtet. Höre dies, Naukrates; nicht begehren, und sich so einrichten, daß sich die Gelegenheit dazu biete; nicht lieben, aber aus der Ferne einige sorgfältig ausgewählte Personen gern haben, bei denen man vorausfühlt, daß man nach und nach Neigung für sie fassen könnte, wenn der Zufall und die Umstände sie Einem zuführen würden, niemals ein Weib mit den Vorzügen schmücken, welche man ihr wünscht, noch mit den Schönheiten, die sie verbirgt, aber das Abgeschmackte vermuthen, um sich ob des Vorzüglichen zu verwundern: ist das nicht der beste Rath, den ein Weiser den Liebenden geben könnte? Jene allein haben glücklich gelebt, die in ihrem so kostbaren Leben sich manchmal die unschätzbare Reinheit einiger unvorhergesehener Genüsse aufgespart haben.

— — — — —

Der zweite Gang neigte seinem Ende zu. Man hatte Fasanen aufgetischt, Attages, eine herrliche blaue und rothe Porphyris, einen Schwan, mit seinem ganzen Gefieder, den man vierundzwanzig Stunden gekocht hatte, um ihm die Flügel nicht zu verbrennen. Man sah auf gebogenen Platten Phlexiden und Pelikane, einen weißen Pfau, welcher achtzehn gespickte und gebratene Spermologen auszubrüten schien, kurzum: genug Speisen, um hundert Leute mit den Überbleibseln, nachdem die besten Stücke ausgewählt worden, zu sättigen. Aber das Alles war nichts im Vergleich zu dem letzten Gange.

Dieses Meisterwerk (seit langer Zeit hatte man in Alexandrien nichts Ähnliches gesehen) war ein junges Schwein, dessen eine Hälfte gebraten und dessen andere Hälfte in Brühe gekocht worden war. Es war unmöglich zu erkennen, wie es getödtet worden war und wie man ihm die Bauchhöhle mit Allem was sie enthielt, gefüllt hatte. Das Thier war in der That mit fetten Wachteln, mit Hühnerbäuchen, mit Lerchen, mit gehacktem Fleisch und schmackhaften Saucen gefüllt worden, ohne daß man sich hätte erklären können, wie dies Alles in das unversehrte Thier hineingekommen war.

Es gab nur einen Schrei der Bewunderung, und Faustina war entschlossen das Recept zu verlangen. Phrasilas gab lächelnd metaphorische Sentenzen zum Besten, Philodemus improvisirte ein Distichon, wo das Wort »choiros« in seinen zwei Bedeutungen angewendet wurde, worüber Seso, die schon betrunken war, dermaßen lachte, daß ihr die Thränen rannen; doch als Bacchis den Befehl gegeben hatte, jedem Gaste in sieben Becher sieben seltene Weine gleichzeitig einzugießen, entartete das Gespräch vollends.

Timon wandte sich zu Bacchis:

»Warum warst Du so hart gegen das arme Mädchen, das ich mitbringen wollte? Es war doch eine Kollegin. An Deiner Stelle hielte ich eine arme Hetäre mehr in Ehren, als eine reiche Matrone.«

– Du bist von Sinnen, sagte Bacchis, ohne darauf einzugehen.

– Ja, ich habe oft bemerkt, daß man diejenigen, die ausnahmsweise schlagende Wahrheiten auszusprechen wagen, für verrückt hält. In Paradoxen ist alle Welt einig.

– Nun, mein Freund, frage Deine Nachbaren.

Welcher Mann von guter Herkunft würde ein Mädchen ohne Schmuck zur Geliebten nehmen?

– Ich habe es gethan, sagte Philodemus einfach.

Und die Frauen mißachteten ihn.

»Im vorigen Jahre, fuhr er fort, am Ende des Frühlings, als mir das Exil Cicero's Ursache schien, für meine eigene Sicherheit zu fürchten, machte ich eine kleine Reise. Ich zog mich nach den Alpen zurück, in einen reizenden Ort, Orobia genannt, am Ufer des kleinen Sees Clisius. Es war ein einfaches Dorf, wo es keine zweihundert Frauen gab, und eine derselben war Hetäre geworden, um die Tugend der Anderen zu schützen. Man erkannte ihr Haus an einem Blumenstrauß, der an der Thür hing, sie selbst aber unterschied sich nicht von ihren Schwestern und Basen. Sie wußte nicht, daß es Schminken, Wohlgerüche und Schönheitsmittel gebe, durchsichtige Schleier und Haarbrenneisen. Sie wußte ihre Schönheit nicht zu pflegen und enthaarte sich mit Pechharz, wie man in einem Hofe aus weißem Marmor das Unkraut ausrauft. Man erbebte, wenn man bedachte, daß sie ohne Schuhe ging, so daß man ihre nackten Füße nicht küssen konnte, wie Faustinas Füße, die weicher sind als Hände. Und doch fand ich an ihr so viel Reize, daß ich neben ihrem braunen Körper einen ganzen Monat hindurch Rom, Tyrus und das glückliche Alexandrien vergaß.«

Naukrates machte eine zustimmende Bewegung, und sagte, nachdem er getrunken hatte:

»Das große Ereigniß der Liebe ist der Augenblick, wo sich die Nacktheit enthüllt. Die Hetären sollten es wissen und uns Überraschungen bereiten. Doch es scheint, daß sie sich im Gegentheil die größte Mühe geben, uns zu enttäuschen. Giebt es etwas Unangenehmeres als ein wallendes Haar, wo man die Spuren des heißen Eisens sieht? Nichts ist peinlicher, als bemalte Wangen, deren Schminke beim Kusse abfärbt; nichts ist jämmerlicher, als ein geschwärztes Auge, wo sich die Kohle nach der Quere verwischt. Ich könnte allenfalls noch begreifen, daß sich ehrliche Frauen dieser Täuschungsmittel bedienen; jede Frau liebt es sich mit einem Kreise verliebter Männer zu umgeben, und diese Frauen setzen sich wenigstens den Zudringlichkeiten nicht aus, die ihre natürliche Gestalt enthüllen würden. Aber daß Hetären, die das Bett als Zweck und Erwerbsmittel haben, nicht fürchten, sich dort weniger schön zu zeigen, als auf der Straße, das begreife ich nicht.«

– Du verstehst nichts davon, Naukrates, sagte Chrysis lächelnd. Ich weiß, daß man nicht einen Geliebten von zwanzig festhalten kann; aber man verführt nicht einen Mann von fünfhundert, und bevor man im Bette gefällt, muß man auf der Straße gefallen. Niemand würde uns vorbeigehen sehen, wenn wir weder Roth noch Schwarz auflegten. Die kleine Bäuerin, von der Philodemus sprach, hatte keine Mühe ihn anzuziehen, da sie allein in ihrem Dorfe war; es giebt hier fünfzehntausend Hetären; das ist eine ganz andere Concurrenz.

– Weißt Du nicht, daß die reine Schönheit keiner Ausschmückung bedarf und sich selbst genügt?

– Ja. Nun laß eine reine Schönheit, wie Du sagst, und Gnathene, die alt und häßlich ist, sich gemeinschaftlich bewerben. Setze die Erste mit durchlöchertem Kleide auf die letzten Stufen des Theaters und die Zweite in gestirntem Gewande, auf die von ihren Sklavinen ihr vorbehaltenen Plätze und schreibe beim Herausgehen ihre Preise auf: man wird der reinen Schönheit acht Obolen geben, und Gnathene zwei Minen.

– Die Männer sind dumm, schloß Seso.

– Nein, bloß träge. Sie geben sich nicht die Mühe ihre Geliebte zu wählen. Die geliebtesten sind die verlogensten.

– Doch wenn ich, begann Phrasilas, wenn ich einerseits gern leben würde ...

Und er verfocht mit großer Annehmlichkeit zwei ganz interesselose Thesen.

— — — — —

Eine hinter der anderen erschienen zwölf Tänzerinen, die zwei ersten spielten die Flöte, die letzte das Tamburin, die anderen schlugen die Klapper. Sie befestigten ihre Schuhbänder, berieben mit weißem Harze ihre kleinen Sandalen und warteten mit ausgestreckten Armen auf den Beginn der Musik ... Eine Note, zwei Noten ... eine lydische Tonleiter ... und nach einem leichten Rhythmus setzten die zwölf Mädchen sich in Schwung.

Ihr Tanz war lüstern, weich und anscheinend ohne Ordnung, obgleich alle Figuren im Voraus geregelt worden waren. Sie bewegten sich in einem kleinen Räume und mengten sich untereinander wie die Fluthen. Bald gesellten sie sich paarweise und ohne ihren Tanz zu unterbrechen, lösten sie ihre Gürtel und ließen ihre rosarothen Gewänder fallen. Ein Geruch von nackten Frauen verbreitete sich um die Männer, den Duft der Blumen und den Geruch der zerlegten Braten deckend. Sie warfen sich mit hastigen Bewegungen zurück, der Bauch war gespannt, die Arme vorgestreckt. Dann reckten sie sich wieder, mit hohlem Kreuze und mit den Warzen ihrer geschüttelten Brüste berührten sich ihre Körper im Vorbeigehen. Timons Hand wurde von einem vorbeihuschenden warmen Schenkel angenehm gestreift.

»Was denkt unser Freund davon?« sagte Phrasilas, mit seiner dünnen Stimme.

– Ich fühle mich vollkommen glücklich, antwortete Timon. Ich habe nie so klar wie heute Abend die höchste Aufgabe des Weibes verstanden.

– Und welche ist es?

– Sich zu prostituiren, mit oder ohne Kunst.

– Das ist eine Meinung.

– Phrasilas, noch ein Mal, wir wissen, daß man nichts beweisen kann; ja noch mehr, wir wissen, daß nichts existirt und daß selbst dies nicht sicher ist. Nur so nebenbei gesagt und um Deine ehrwürdige Manie zu befriedigen, erlaube ich mir eine zugleich strittige und abgedroschene These, wie es alle sind, aufzustellen, aber interessant für mich, der sie behauptet, und auch für die Mehrzahl der Männer, die sie leugnen. In Bezug auf das Denken ist die Originalität noch mehr chimärisches Ideal als die Gewißheit. Du weißt das.

– Gieb mir Wein von Lesbos, sagte Seso zur Sklavin, er ist stärker als der andere.

– Ich behaupte, begann Timon von Neuem, daß die verheirathete Frau, indem sie sich einem Manne widmet, der sie betrügt, indem sie sich Anderen entzieht (oder sich nur selten Ehebrüche gestattet, was dasselbe ist), Kinder zur Welt bringt, welche sie vor der Geburt verunstalten und nachher ganz in Beschlag nehmen, – ich behaupte, daß eine ehrbare Frau, indem sie so lebt, ihr Leben nutzlos hinbringt, und daß die Jungfrau am Tage ihrer Heirath einen schlimmen Handel eingeht.

– Sie glaubt einer Pflicht zu gehorchen, sagte Naukrates ohne Überzeugung.

– Einer Pflicht? und gegen wen? Hat sie nicht die Freiheit selbst eine Sache zu regeln, die sie allein angeht? Sie ist ein Weib, und als Weib ist sie gewöhnlich geistigen Freuden gegenüber sehr wenig empfänglich: und nicht genug, daß sie der Hälfte der menschlichen Freuden fremd bleibt, versagt sie sich durch die Ehe die andere Seite der Wollust! So kann sich denn ein junges Mädchen im Alter, wo es ganz Leidenschaft ist, sagen: »Ich werde meinen Mann kennen, und zehn Geliebte, höchstens zwölf«, und glauben, daß sie sterben werde, ohne etwas vermißt zu haben? Für mich werden dreitausend Weiber an dem Tage, wo ich die Erde verlassen werde, nicht genug sein.

– Du bist ehrgeizig, sagte Chrysis.

– Aber mit welchem Weihrauch, mit welchen goldenen Versen, rief der sanfte Philodemus aus, müssen mir nicht auf alle Zeiten die mildthätigen Hetären preisen! Ihnen haben wir es zu danken, wenn wir den verwickelten Vorsichtsmaßnahmen, den Eifersüchteleien, den Listen, dem Herzklopfen des Ehebruches entgehen. Sie sind es, die uns das Warten im Regen, die schwankenden Leitern, die geheimen Thüren, die unterbrochenen Randez-vous, die unterschlagenen Briefe und die falsch verstandenen Zeichen ersparen. Oh angebetete Häupter, wie liebe ich euch! Bei euch hat man keine Belagerung zu unternehmen; um einige Geldstücke gebt ihr uns zum Überflüsse, was Andere uns nach drei Wochen harter Weigerung nur unvollkommen und wie eine Gnade gewähren. Für eure erleuchteten Seelen ist die Liebe kein Opfer, es ist eine gleichmäßige Gunst, welche zwei Liebende austauschen; auch dienen die Summen, welche man euch anvertraut, nicht dazu, eure unschätzbaren Zärtlichkeiten zu vergüten, sondern sie bezahlen knapp den mannigfachen und reizenden Luxus, für welchen ihr in eurer äußersten Gefälligkeit Sorge traget und mit welchem ihr jeden Abend unsere anspruchsvolle Wollust einschläfert. Da ihr zahllos seid, finden wir immer unter euch den Traum unseres Lebens und die Laune unseres Abends, Tag für Tag andere Weiber, mit Haaren und Augen in allen Farben, mit Lippen nach jedem Geschmack. Es giebt in der Welt keine Liebe, so rein sie auch sei, die ihr nicht erheucheln könntet, keine so widerwärtige, daß ihr sie nicht zu gewähren wagtet. Für die von der Natur vernachlässigten Männer seid ihr milde, für die betrübten trostreich, allen gastfreundlich und schön! Deßhalb sage ich es euch, Chrysis, Bacchis, Seso, Faustina, es ist ein gerechtes Gesetz der Götter, das den Hetären das ewige Verlangen der Liebhaber zuurtheilt.«

Die Tänzerinen tanzten nicht mehr.

Eine junge Luftspringerin, welche mit Dolchen spielte und zwischen gezückten Schwertern auf den Händen ging, war soeben eingetreten.

Da die Aufmerksamkeit der Gäste ganz auf das gefährliche Spiel des Kindes gerichtet war, betrachtete Timon Chrysis und legte sich, allmälig der Länge nach hinter ihr hin, bis er sie mit den Füßen und dem Munde berühren konnte.

»Nein, sagte Chrysis mit leiser Stimme; nein, mein Freund.«

Aber er hatte den Arm durch den weiten Schlitz, ihres Rockes gesteckt und streichelte zärtlich die schöne, feine und heiße Haut der Hetäre.

»Halt' ein,« flehte sie. »Sie werden uns entdecken. Bacchis wird grollen.«

Ein Blick genügte dem jungen Manne, um sich zu überzeugen, daß man ihm nicht zusah. Er erdreistete sich bis zu einer Liebkosung, nach welcher die Weiber selten widerstehen, wenn sie erst erlaubt haben so weit zu gehen. Und um durch ein entscheidendes Argument die letzten Bedenken der Scham zu beschwichtigen, legte er dann seine Börse in die Hand, die zufällig offen war.

Chrysis wehrte sich nicht mehr.

Die junge Luftspringerin führte indeß ihre feinen und gefährlichen Kunststücke weiter. Sie ging auf den Händen, mit umgestülptem Rocke, die Füße vor dem Kopf hängend, zwischen scharf geschliffenen und spitzigen Schwertern. Die Anstrengung ihrer gefährlichen Stellung und vielleicht auch die Angst vor den Wunden trieben unter ihre Wangen ein warmes, dunkles Blut, das den Glanz ihrer offenen Augen nach erhöhte. Ihre Taille biegte und reckte sich, ihre Beine zitterten zuweilen. Ein angstvolles Athmen belebte ihre nackte Brust.

»Genug,« sagte Chrysis mit strenger Stimme; »Du hast mich entnervt, weiter nichts. Laß mich, laß mich.«

Und im Augenblick, wo die beiden Epheserinen aufstanden, um der Gewohnheit gemäß die Fabel der Hermaphroditen zu spielen, ließ sie sich vom Bette gleiten und ging aufgeregt hinaus.

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