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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 16
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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VII.

Das Märchen von der verzauberten Leier.

Er ging sehr schnell, in der Hoffnung, Chrysis noch auf dem Wege zur Stadt einzuholen, denn er fürchtete, wenn er länger wartete, wieder in Entmuthigung und Willenlosigkeit zu verfallen.

Der Weg war von der Hitze so blendend weiß, daß Demetrios, wie bei der Mittagssonne, die Augen schloß. So ging er ohne vor sich hinzuschauen, weiter und er war im Begriff vier schwarze Sklavinen anzurennen, welche an der Spitze eines neuen Zuges daherschritten, als eine leise, singende Stimme sich vernehmen ließ:

»Vielgeliebter! wie bin ich froh!«

Er hob den Kopf: es war die Königin Berenike, die auf ihre Ellenbogen gestützt in ihrer Sanfte lag.

Sie befahl:

»Haltet an, Träger!« und streckte dem Geliebten die Arme entgegen.

Demetrios war sehr verdrossen, aber er konnte nicht nein sagen und so stieg er mürrisch in die Sänfte.

Da schleppte sich die Königin Berenike, toll vor Freude, auf den Händen bis in den Hintergrund und wälzte sich mitten in den Kissen herum, wie eine Katze, die spielen will.

Denn diese Sänfte war ein Gemach und vierundzwanzig Sklaven trugen dieselbe. Zwölf Weiber hätten sich auf dem dicken, blauen Teppich, der mit Kissen und Stoffen bedeckt war, darin bergen können; und die Sänfte war so hoch, daß man die Decke selbst mit einem Fächer nicht hätte erreichen können. Sie war länger als breit, nach vorn und auf drei Seiten von drei gelben, sehr leichten Vorhängen, welche in hellem Lichte strahlten, geschlossen. Der Hintergrund war aus Zedernholz, mit einem langen Schleier aus orangegelber Seide überzogen. Ganz oben, auf dieser glänzenden Wand, dehnte der goldene Sperber Aegyptens seine steifen Flügel aus; weiter unten, aus Elfenbein und Silber geschnitzt, öffnete sich das antike Symbol der Astarte über einer brennenden Lampe, die in unfaßbaren Lichtreflexen mit dem Tageslichte kämpfte. Unterhalb der Lampe lag die Königin Berenike zwischen zwei persischen Sklavinen, welche mit zwei weißen Büscheln von Pfauenfedern ihr Kühle zufächelten.

Sie zog mit den Augen den jungen Bildhauer an ihre Seite und wiederholte:

»Vielgeliebter, ich bin froh.«

Sie legte ihm die Hand an die Wange:

»Ich suchte Dich, Vielgeliebter. Wo warst Du? Seit vorgestern habe ich Dich nicht gesehen. Wenn ich Dich nicht getroffen hätte, wäre ich jetzt vor Kummer gestorben. Allein in dieser großen Sänfte langweilte ich mich so sehr. Als ich über die Hermesbrücke kam, warf ich all meinen Schmuck in's Wasser, um Wellenkreise zu sehen. Du siehst, ich habe nichts mehr, weder Ringe noch Halsbänder. Ich sehe aus wie ein kleines armes Mädchen, das Dir zu Füßen liegt.«

Sie wandte sich ihm zu und küßte ihn auf den Mund. Die beiden Fächerträgerinen kauerten etwas weiterhin nieder und als die Königin Berenike anfing leise zu sprechen, drückten sie die Finger an die Ohren, um so zu thun, als ob sie nichts hörten.

Aber Demetnos antwortete nicht, hörte kaum zu und blieb in seine Gedanken versunken. Er sah von der jungen Königin nur das rothe Lächeln des Mundes und das schwarze Kissen ihrer Haare, die sie immer sehr lose kämmte, um ihren müden Kopf darauf zu betten.

Sie sagte:

»Vielgeliebter, ich habe in der Nacht geweint. Mein Bett war kalt. Wenn ich erwachte, streckte ich meine nackten Arme nach den beiden Seiten meines Körpers aus und nirgends fühlte ich Dich, und meine Hand konnte Deine Hand, die ich heute küsse, nicht finden. Ich wartete des Morgens auf Dich und seit dem Vollmonde bist Du nicht gekommen. Ich habe Sklaven in alle Viertel der Stadt geschickt und habe sie eigenhändig getödtet, als sie ohne Dich zurückkamen. Wo warst Du? Warst Du im Tempel? Du warst nicht im Garten mit diesen fremden Frauen? Nein, ich sehe es an Deinen Augen, daß Du nicht geliebt hast. Und was thatest Du dann, immer ferne von mir? Warst Du vor der Statue? Ja, ich bin dessen sicher. Du warst dort. Du liebst sie jetzt mehr, denn mich. Sie sieht mir ganz ähnlich, sie hat meine Augen, meinen Mund, meinen Busen; Sie ist es, die Du aufsuchst. Ich bin eine arme Verlassene. Du langweilst Dich mit mir, ich merke es wohl. Du denkst an Deine Werke von Marmor und an Deine häßlichen Statuen, als ob ich nicht schöner wäre als sie alle, und wenigstens lebendig, verliebt und gut, bereit zu Allem, was Du annehmen willst, auf Alles verzichtend, was Du verweigerst. Aber Du willst nichts. Du wolltest nicht König, Du wolltest nicht Gott sein, in Deinem eigenen Tempel angebetet. Du willst mich fast nicht mehr lieben.«

Sie zog die Füße unter ihren Körper ein und stützte sich auf die Hand.

»Ich würde Alles thun, um Dich im Palaste zu sehen, Vielgeliebter! Wenn Du mich dort nicht mehr suchst, sage mir, wer Dich anzieht: sie wird meine Freundin sein. Die ... die Frauen meines Hofes ... sind schön. Ich habe deren zwölf, die seit ihrer Geburt in den Frauengemächern behütet werden, und die noch nicht wissen, daß es Männer giebt ... Sie alle sollen Deine Geliebten sein, wenn Du mich, nach ihnen, besuchen willst ... Ich habe andere bei mir, die mehr Liebhaber gehabt haben, als die geweihten Hetären, und welche in der Liebe vielerfahren sind. Sage nur ein Wort, ich habe auch tausend fremde Sklavinen: Diejenigen, welche Du haben willst, sollen befreit werden. Ich werde sie in gelbe Seide, in Gold und Silber kleiden.«

»Aber nein, Du bist der schönste und der kälteste der Männer. Du liebst Niemanden, Du läßt Dich lieben. Du leihst Dich aus Barmherzigkeit Denen, welche Deine Augen in Liebe entflammen. Du erlaubst, daß ich meine Freude an Dir finde, so wie eine Kuh sich melken läßt, indem sie in eine andere Richtung schaut. Du bist voll Herablassung. Ach! Ihr Götter! ach! ihr Götter! Ich werde Dich endlich entbehren können, junger Geck, den die ganze Stadt anbetet und den Keine zum Weinen bringt. Ich habe nicht blos Frauen in meinem Palaste, ich habe kräftige Aethiopier, die Brüste von Erz haben und von Muskeln schwellende Arme. In ihren Umschlingungen werde ich schnell Deine Mädchenbeine und Deinen hübschen Bart vergessen. Der Anblick ihrer Leidenschaft wird für mich den Reiz der Neuheit haben und ich werde mich in ihren Armen von der Liebe erholen. Aber an dem Tage, wo ich sicher sein werde, daß Dein abwesender Blick mich nicht mehr betrübt, und daß ich Deinen Mund ersetzen kann, lasse ich Dich von der Hohe der Hermesbrücke hinunter stoßen, um meinen Halsbändern und Ringen Gesellschaft zu leisten, wie einen zu lange getragenen Schmuck. Ach! Königin sein!«

Sie richtete sich auf und schien zu warten. Allein Demetrios blieb kaltblütig und rührte sich nicht mehr, als wenn er Nichts gehört hätte. Wüthend begann sie von Neuem:

»Du hast nicht verstanden?«

Er lehnte sich nachlässig hin und sagte mit sehr ruhiger Stimme:

»Mir ist ein Märchen eingefallen:«

— — — — —

»Einst, bevor Thrazien von den Vorfahren Deines Vaters erobert worden, war es von wilden Thieren und einigen scheuen Menschen bewohnt.

Die Thiere waren sehr schön; es waren Löwen, so roth wie die Sonne, Tiger, gestreift wie der Abend, und Bären so schwarz wie die Nacht.

Die Menschen jenes Landes waren klein und plattnasig, mit alten, enthaarten Fellen bekleidet, mit plumpen Lanzen und unschönen Pfeilbogen bewaffnet. Sie schlossen sich in Berghöhlen ein, hinter ungeheueren Felsblöcken, die sie mit vieler Mühe hinwegrollten. Ihr Leben verbrachten sie mit der Jagd. In den Wäldern gab es viel Blut.

Das Land war so traurig, daß die Götter es mieden. Wenn bei Morgengrauen Artemis den Olymp verließ, führte ihr Weg sie niemals nach Norden. Die Schlachten, welche dort geschlagen wurden, kümmerten Ares nicht. Die Abwesenheit der Flöten und Zithern hielt Apoll fern. Die dreifache Hekate allein glänzte dort wie ein Medusengesicht über einer versteinerten Landschaft.

Doch einst kam ein Mann dorthin wohnen, der von einer glücklicheren Rasse war und der nicht, wie die Wilden der Berge, mit Fellen bekleidet einherging.

Er trug ein langes, weißes Gewand, das er ein wenig hinter sich nachschleppte. Er liebte es Nachts in den Lichtungen, im Mondscheine umherzuirren, ein kleines Schildkrötenschild mit zwei Auerochsenhörnern, zwischen welchen drei silberne Saiten befestigt waren, in der Hand haltend.

Wenn seine Finger die Saiten berührten, ging eine süße Musik davon aus, viel milder als das Rieseln der Quelle, oder die Stimme des Windes in den Bäumen, oder die Bewegung der Haferähren. Als er zum ersten Male spielte, erwachten drei schlafende Tiger, so wunderbar bezaubert, daß sie ihm kein Leid anthaten, im Gegentheil so nahe als möglich an ihn herantraten und sich, als er zu spielen aufhörte, zurückzogen. Den nächsten Tag waren es noch viel mehr Tiger und Wölfe und Hyänen und Schlangen, welche sich auf ihren Schwänzen in die Höhe reckten.

So daß nach kurzer Zeit die Thiere von selbst kamen, um sein Spiel zu erbitten. Es geschah ihm oft, daß ein Bär allein zu ihm kam und mit drei wunderbaren Akkorden zufrieden wieder weiter ging. Für seine Gefälligkeiten brachten ihm die wilden Thiere seine Nahrung und beschützten ihn gegen die Menschen.

Aber er wurde dieses herrlichen Lebens überdrüssig. Er wurde seines Genies und der Freude, die er den Thieren verursachte, so sicher, daß er sich nicht mehr Mühe gab gut zu spielen. Wenn nur er es war, waren die Thiere immer zufrieden. Bald weigerte er sich ihnen selbst diese Befriedigung zu bieten und aus Lässigkeit hörte er überhaupt auf zu spielen. Der ganze Wald trauerte, aber die Fleischstücke und die saftigen Früchte fehlten deßhalb nicht an der Schwelle des Musikers. Man fuhr fort ihn zu nähren und liebte ihn um so mehr. Das Herz der Thiere ist nun einmal so geschaffen.

Doch eines Tages stand er an seine offene Thüre gelehnt und betrachtete die Sonne, die hinter den unbeweglichen Bäumen unterging. Da kam eine Löwin in der Nähe vorüber. Er machte eine Bewegung um sich zurückzuziehen, als ob er unliebsame Bitten fürchtete. Die Löwin schritt einfach vorbei und kümmerte sich nicht um ihn.

Da fragte er verwundert: »Warum bittest Du mich nicht zu spielen?« Sie antwortete, daß ihr nichts daran liege. Er sagte ihr »Kennst Du mich denn nicht?« und sie antwortete: »Du bist Orpheus.« Da begann er von Neuem: »Und Du willst mich nicht hören?« Sie wiederholte: »Ich will nicht.« – »Oh!« rief er aus, »oh! wie beklagenswerth bin ich! Gerade für Dich hätte ich spielen wollen. Du bist viel schöner als die Anderen und sicher verstehst Du viel mehr davon. Wenn Du mir nur eine Stunde lang zuhörst, werde ich Dir Alles bieten was Du wünschest!« Sie antwortete: »Ich verlange von Dir, daß Du den Menschen der Ebene ihr frisches Fleisch stiehlst. Ich verlange von Dir, daß Du den Ersten, den Du antriffst, tödtest. Ich verlange von Dir, daß Du die Thiere, die sie Deinen Göttern geopfert haben, nimmst, und sie mir zu Füßen legst.« Er dankte ihr, daß sie nicht mehr verlangte und that, was sie von ihm gefordert.

Eine Stunde lang spielte er vor ihr, dann zerbrach er seine Leier und lebte als ob er todt wäre.«

— — — — —

Die Königin seufzte:

»Ich verstehe die Allegorien nie. Erkläre mir. Vielgeliebter, was es heißen soll?«

Er erhob sich.

»Ich erzähle Dir das nicht, damit Du verstehest. Ich habe Dir ein Märchen erzählt, um Dich ein wenig zu beruhigen. Jetzt ist es spät. Lebe wohl, Berenike.«

Sie begann zu weinen.

»Ich war dessen sicher! ich war dessen sicher!«

Er legte sie wie ein Kind auf ihr Bett von weichen Stoffen, drückte einen lächelnden Kuß auf ihre unglücklichen Augen und stieg ruhig von der großen Sänfte herab.

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