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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 13
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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IV.

Mondschein.

Draußen war die Nacht klar und in den heiligen Räumen war es ganz dunkel. Als er behutsam und leise die allzu geräuschvolle Thür geschlossen hatte, fühlte er sich von einem Schauder erfüllt und gleichsam von der Kälte des Steines umgeben. Er wagte es nicht die Augen in die Höhe zu heben. Dieses finstere Schweigen erschreckte ihn; das Dunkel war wie mit etwas Unbekanntem bevölkert. Er legte die Hand an die Stirne, wie ein Mann, der nicht erwachen will, aus Angst sich lebendig wiederzufinden. Endlich schaute er auf.

Im vollen Lichte des Mondes erschien die Göttin auf einem rosarothen Steinpostamente mit umhängenden Kleinodien beladen. Sie war nackt und geschlechtlich, den Farben der Frau gemäß leicht gefärbt; sie hielt in der einen Hand ihren Spiegel, dessen Griff ein Priapusglied war; die andere Hand schmückte ihre Schönheit mit einem Halsband aus sieben Reihen Perlen. Eine Perle, größer als die anderen, silberschimmernd und von länglicher Form, glänzte zwischen den beiden Brüsten, wie eine nächtliche Mondsichel zwischen zwei runden Wolken. Und es waren echte, heilige Perlen, geboren aus einem Wassertropfen, der in der Muschelschale der Anadyomene gerollt hatte.

Demetrios verlor sich in eine unaussprechliche Anbetung. Er glaubte wahrhaftig, daß Aphrodite selbst vor ihm stehe. Er erkannte sein Werk nicht wieder, so tief war der Abgrund zwischen dem, was es früher war und dem was es seither geworden. Er streckte die Arme vorwärts und murmelte die geheimnißvollen Worte, durch welche man in phrygischen Feierlichkeiten die Göttin anbetet.

Übernatürlich, leuchtend, unantastbar, nackt und rein schwankte die Erscheinung leicht zuckend auf dem Steine. Er heftete die Augen auf sie und fürchtete schon, daß bei der Liebkosung seines Blickes diese schwache Hallucination sich in der Luft verflüchtigen könnte. Sehr leise rückte er vor, berührte mit dem Finger die rosigen Zehen, als wollte er sich des Vorhandenseins der Statue versichern, und da er nicht im Stande war einzuhalten, so sehr zog sie ihn an, stieg er aufrecht stehend neben sie und legte, ihr in die Augen schauend, die Hände auf die weißen Schultern.

Er zitterte, er wurde schwach, er begann vor Freude zu lachen. Seine Hände irrten auf den nackten Armen herum, preßten die kalte und harte Taille, tasteten die Beine entlang, liebkoseten die Wölbung des Bauches. Mit seiner ganzen Kraft streckte er sich an dieser Unsterblichkeit empor. Er beschaute sein Bild im Spiegel, hob das Perlenhalsband, nahm es herunter, ließ es im Mondscheine blitzen, und hängte es ihr ängstlich wieder um. Er küßte die zurückgebeugte Hand, den runden Hals, den wogenden Busen, den halbgeöffneten Mund des Marmors. Dann trat er bis zum Rande des Postaments zurück und sich an den göttlichen Armen festhaltend, betrachtete er zärtlich den anbetungswürdigen, vorgebeugten Kopf.

Die Haare waren auf orientalische Art angeordnet und verdeckten leicht die Stirne. Die halbgeschlossenen Augen verlängerten sich in einem Lächeln. Die Lippen blieben geöffnet, wie in einem Kusse vergehend.

Stillschweigend ordnete er die sieben Perlenreihen auf der blendenden Brust und stieg zu Boden, um das Idol aus größerer Entfernung zu sehen.

Dann kam es ihm vor, als erwache er. Er erinnerte sich, weßhalb er hierher gekommen war, was er gewollt und beinahe vollbracht hatte: eine gräßliche That. Er fühlte, daß er bis zu den Schläfen erröthete.

Die Erinnerung an Chrysis zog an seinem Gedächtniß vorüber wie eine plumpe Erscheinung. Er zählte Alles, was in der Schönheit der Hetäre zweifelhaft blieb, auf: die dicken Lippen, die schwellenden Haare, den weichen Gang. Wie die Hände waren; hatte er vergessen; aber er stellte sich dieselben breit vor, um dem Bilde, das er von sich wies, einen widerwärtigen Zug hinzuzufügen. Sein Gemüthszustand wurde demjenigen eines Mannes ähnlich, der bei Tagesanbruch von seiner einzigen Maitresse im Bette einer niedrigen Dirne ertappt wird, und der sich selbst nicht erklären kann, wie er sich am Tage zuvor habe verführen lassen. Er konnte weder eine Entschuldigung, noch einen ernsten Grund finden. Es war klar, daß er während eines Tages eine Art vorübergehender Tollheit erduldet hatte, eine physische Störung, eine Krankheit. Er fühlte sich geheilt, aber von seiner Verblendung noch ganz trunken.

Um vollständig zu sich zu kommen, lehnte er sich an die Wand des Tempels, und blieb lange vor der Statue stehen. Das Mondlicht schien immer noch durch die viereckige Öffnung des Daches hernieder; Aphrodite strahlte, und, da die Augen im Schatten waren, suchte er ihre Blicke ...

So ging die ganze Nacht vorüber. Dann kam der Tag und die Statue nahm nach einander die vorige Blässe der Morgendämmerung und den goldenen Schein der Sonne an.

Demetrios hatte keine Gedanken mehr. Der Elfenbeinkamm und der Silberspiegel, die er in seinem Kleide trug, waren seiner Erinnerung entschwunden. Er gab sich sanft der heiteren Betrachtung hin.

Draußen im Garten gab es einen Lärm von Vogelgezwitscher, von Rauschen, Pfeifen und Singen. Man hörte Stimmen von Frauen, die am Fuße der Mauer redeten und lachten. Die Bewegung des Morgens stieg aus der erwachten Erde herauf. Demetrios empfand nur glückselige Gefühle.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel und der Schatten des Daches war weitergerückt, als er ein undeutliches Geräusch von leichten Schritten von den äußeren Stufen her vernahm.

Wahrscheinlich wollte man der Göttin ein Opfer darbringen; ein Zug junger Frauen, welche kamen, um Gelübde zu erfüllen oder solche für den ersten Tag der aphrodisischen Feste vor der Statue der Göttin abzulegen.

Demetrios wollte fliehen.

Das heilige Postament war rückwärts auf eine Art zu öffnen, welche die Priester allein und der Bildhauer kannten. Hier verbarg sich der Hierophant, um einem jungen Mädchen, dessen Stimme hell und laut war, die wunderbaren Reden, welche am dritten Festtage aus der Statue kamen, zu dictiren. Von da aus konnte man die Gärten erreichen. Demetrios drang hinein und blieb vor den mit Bronze beschlagenen Oeffnungen stehen, welche durch den tiefen Stein gingen.

Schwer öffneten sich die beiden goldenen Thüren. Dann trat der Festzug ein.

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