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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 11
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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II.

Melitta.

»Reinige Dich, Fremdling.«

– Ich werde rein eintreten, sagte Demetrios.

Die junge Thürhüterin tauchte das Ende ihres Haares in das Wasser, benetzte ihm zuerst die Augenlider, dann die Lippen und die Finger, damit sein Blick geheiliget sei, so wie der Kuß seines Mundes und die Liebkosungen seiner Hände.

Und er schritt im Haine der Aphrodite weiter.

Durch die schwarz gewordenen Zweige bemerkte er die untergehende dunkel-purpurne Sonne, welche die Augen nicht mehr blendete. Es war am Abend des Tages, wo die Begegnung Chrysis sein Leben aus seiner Richtung gebracht hatte.

Die weibliche Seele ist von einer Einfachheit, an welche die Männer nicht glauben können. Wo nur eine gerade Linie ist, suchen sie hartnäckig ein verwickeltes Gewebe: sie finden die Leere, und verlieren sich darin. So schien Chrysis' Seele, klar wie diejenige eines kleinen Kindes, Demetrios geheimnißvoller als ein metaphysisches Problem. Als er dieses Weib auf dem Strande verlassen hatte, ging er, wie in einem Traume nach Hause, unfähig alle die Fragen, die auf ihn einstürmten, zu beantworten. Was wollte sie mit diesen drei Geschenken anfangen? Es war ihr unmöglich einen berühmten gestohlenen Spiegel, den Kamm einer ermordeten Frau, das Perlenhalsband der Göttin zu tragen, noch auch sie zu verkaufen. Wenn sie diese Gegenstände bei sich zu Hause behielte, würde sie sich jeden Tag einer verhängnißvollen Entdeckung aussetzen. Warum verlangte sie dann darnach? um sie zu zerstören? Er wußte zu gut, daß die Frauen an geheimnen Dingen keine Freude haben und daß glückliche Ereignisse erst am Tage wo sie bekannt werden, anfangen sie zu erfreuen. Und dann, wie hatte sie errathen und durch welche tiefe Scharfsichtigkeit beurtheilen können, daß er im Stande wäre für sie drei so außerordentliche Thaten zu vollbringen?

Gewiß, wenn er es gewollt hatte, wäre Chrysis, aus ihrem Hause entführt, seiner Laune preisgegeben, seine Geliebte, seine Gattin, oder seine Sklavin geworden, ganz nach seiner Wahl. Er hätte sogar die Freiheit gehabt sie einfach aus dem Wege zu schaffen. Frühere Revolutionen hatten die Bürger an den Anblick der gewaltsamen Tödtungen gewöhnt und Niemand hätte sich um eine verschwundene Hetäre gekümmert. Chrysis mußte es wissen, und doch hatte sie gewagt ...

Je mehr er an sie dachte, desto mehr war er ihr dankbar, in die Besprechung der Vorschläge so hübsche Mannigfaltigkeit gebracht zu haben. Wie viele Weiber, die ihr gleichkamen, hatten sich ungeschickt dargeboten! Was verlangte diese! Weder Liebe, noch Geld, noch Kleinodien, aber drei unwahrscheinliche Verbrechen. Sie interessirte ihn lebhaft. Er hatte ihr alle Schätze Aegyptens angeboten; jetzt fühlte er wohl, daß, wenn sie dieselben angenommen hätte, sie keine zwei Obolen erhalten hätte und daß er ihrer überdrüssig geworden, wäre, noch bevor er sie gekannt hätte. Drei Verbrechen waren sicherlich eine ungewohnte Entlohnung; aber sie war werth eine solche zu empfangen, da sie das Weib war sie zu fordern; und er war entschlossen das Abenteuer fortzusetzen.

Um sich keine Zeit zu lassen, von seinen festen Entschlüssen abzukommen, ging er noch an demselben Tage zu Bacchis, fand das Haus leer, nahm den Silberspiegel und wandte seine Schritte nach dem Garten.

Sollte er sich sogleich in das Haus des zweiten Opfers begeben? Er dachte anders. Die Priesterin Touni, welche im Besitze des berühmten Elfenbeinkammes war, war so reizend und so schwach, daß er Angst hatte sich erweichen zu lassen, wenn er sich so, ohne jede Vorsicht zu ihr begab. Er kehrte um und ging die große Terrasse entlang.

Wie Blumen in den Schaufenstern, so saßen die Hetären in ihren »ausgesetzten Zimmern« zur Schau. Haltung und Kleidung waren bei ihnen nicht weniger verschieden als Alter, Typus und Rasse. Die Schönsten ließen, nach der Tradition der Phryne, nur das Oval ihrer Gesichter unbedeckt und saßen, von den Haaren bis zu den Zehen, in ein langes Kleid aus seiner Wolle eingehüllt da. Andere hatten die Mode der durchsichtigen Kleider angenommen, unter welchen man undeutlich ihre Schönheiten erblickte, wie man unter einem klaren Wasser die grünen Moose als schattige Flecke auf dem Grunde unterscheidet. Diejenigen, welche als einzigen Reiz nur ihre Jugend besaßen, blieben bis zum Gürtel nackt und streckten ihren Körper vor, damit man die Festigkeit ihrer Brüste beurtheilen könne. Die Reiferen, im Bewußtsein, daß des Weibes Gesichtszüge schneller altern als die Haut des Körpers, saßen nackt da, ihre Brüste mit den Händen stützend, und sie spreizten ihre schwerfällig gewordenen Schenkel aus, als ob sie beweisen wollten, daß sie noch Weiber wären.

Demetrios ging sehr langsam an ihnen vorüber und ward nicht müde zu bewundern.

Niemals hatte er die Nacktheit eines Weibes ohne heftige Gemüthsbewegung sehen können. Er begriff weder den Ekel vor der verschwundenen Jugend, nach die Unempfindlichkeit vor den all zu jungen Mädchen. An diesem Abend hätte ihn jede Frau reizen können. Wenn sie nur schweigsam blieb und nicht mehr Feuer bezeugte als das Minimum, das die Höflichkeit des Bettes verlangte, erließ er ihr schön zu sein. Im Gegentheil: bei ihnen war ihm ein plumper Körper lieber; denn je mehr sein Gedanke bei vollkommenen Formen verweilte, desto mehr entfernte sich sein Verlangen von ihnen. Die Unruhe, welche der Eindruck der lebenden Schönheit ihm verursachte, war von einer so ausschließlich geistigen Sinnlichkeit, daß sie die geschlechtliche Erregung vernichtete. Er erinnerte sich voll Angst eine ganze Stunde lang bei dem herrlichsten Weibe, das er jemals in seinen Armen gehalten, unvermögend wie ein Greis geblieben zu sein. Und seit jener Nacht hatte er gelernt weniger wählerisch zu sein.

»Freund, sagte eine Stimme, erkennst Du mich nicht wieder?«

Er wandte sich um, verneinte mit einem Winke und ging seines Weges, denn er entkleidete niemals dasselbe Mädchen zweimal. Es war der einzige Grundsatz, dem er, während seiner Besuche in den Gärten, folgte. Ein Weib, das man noch nicht besessen, hat etwas Jungfräuliches; aber welchen guten Erfolg, welche Ueberraschung konnte man von einer zweiten Begegnung erwarten? Das hieße schon fast heirathen. Demetrios setzte sich nie den Enttäuschungen der zweiten Nacht aus. Die Königin Berenike genügte seinen seltenen ehelichen Anwandlungen und, außer ihr, trug er Sorge jeden Abend die Theilnehmerinen seines unvermeidlichen Ehebruchs zu erneuern.

»Klonarion!«

– Gnathene!

– Plango!

– Mnaïs!

– Krôbyle!

– Joessa!

Während er vorbeiging, riefen sie ihre Namen, und einige setzten die Versicherung ihres feurigen Temperamentes oder das Angebot eines abnormen Verfahrens hinzu. Demetrios folgte dem Wege; er schickte sich eben an, nach seiner Gewohnheit aufs Gerathewohl im Haufen zu wählen, als ein blau gekleidetes Mädchen, den Kopf auf die Schulter neigend, ihm leise, ohne sich zu erheben, sagte:

»Wäre es nicht möglich?«

Diese unerwartete Wendung entriß ihm ein Lächeln. Er blieb stehen.

»Oeffne mir die Thür, sagte er. Ich wähle Dich.«

Die Kleine sprang mit einer freudigen Bewegung auf ihre Füße und klopfte zweimal mit dem Phallos-Hammer. Eine alte Sklavin öffnete.

»Gorgo, sagte die Kleine, ich habe Jemanden; schnell Kretenser-Wein, Kuchen, und richte das Bett her.«

Dann wandte sie sich an Demetrios.

»Brauchst Du kein Satyrion?«

– Nein, sagte der junge Mann lachend. Hast Du denn welches?

– Ich muß wohl, antwortete das Kind, man begehrt es öfter als Du glaubst. Komm hier herüber; gieb auf die Stufen Acht, eine derselben ist abgenützt. Tritt in mein Gemach, ich komme sogleich zurück.

Das Gemach war ganz einfach, wie dasjenige der neuen Hetären. Ein großes Bett, ein zweites Ruhelager, einige Teppiche und einige Sitze bildeten die spärliche Einrichtung; aber durch eine weite Fensteröffnung sah man die Gärten, das Meer, die doppelte Rhede Alexandriens. Demetrios blieb stehen und betrachtete die ferne Stadt.

Oh, Sonnenuntergang hinter den Häfen! unvergleichlicher Ruhm der Seestädte, Ruhe des Himmels, Purpurfarbe der Gewässer: auf welche Seele – mag Schmerz oder Freude sie schwellen – würdet ihr nicht Ruhe ausgießen! Welche Schritte haben nicht vor euch stille gestanden, welche Wollust wurde nicht unterbrochen, welche Stimme nicht stumm gemacht ... Demetrios blickte hinaus: eine strömende Flammenwelle schien aus der halb in die See getauchten Sonne zu kommen und unmittelbar bis an den abgerundeten Rand des Haines der Aphrodite zu fließen. Von einem Horizonte zum anderen war das Mittelmeer von einer herrlichen Stufenleiter der Purpurfarbe überzogen. Es waren Farbenzonen ohne Übergang, von einem goldigen Roth bis zu einem kalten Violett. Zwischen diesem beweglichen Glanze und dem torfhaltigen See von Mareotis war die weiße Masse der Stadt ganz von violett-rothen Farbenreflexen übergossen. Die zwanzigtausend flachen, nach allen Richtungen orientirten Häuser sprenkelten sie wunderbar mit zwanzigtausend Farbenflecken, welche je nach den Phasen des Sonnenuntergangs beständig wechselten. Einige Augenblicke stand der Himmel in Flammen, dann verschwand die Sonne fast plötzlich und die erste Fluth der Nacht wehte über die ganze Erde einen Schauder, in einem leichten, einförmigen und durchsichtigem Luftzuge.

»Hier sind Feigen, Kuchen, Honigwaben, Wein und ein Weib. Man muß die Feigen genießen, so lange es Tag ist und das Weib, wenn man nicht mehr hell sieht.«

Es war die Kleine, welche lachend eintrat. Sie hieß den jungen Mann Platz nehmen, setzte sich rittlings auf seine Kniee und mit den beiden Händen nach ihrem Kopfe greifend, befestigte sie in ihrem kastanienbraunen Haare eine Rose, die nicht halten wollte.

Demetrios konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken: sie war vollständig nackt; des bauschigen Kleides entledigt, zeigte sich ihr kleiner Körper so jung, mit einer so kindlichen Brust und so schmalen Hüften, so sichtlich unreif, daß Demetrios von Mitleiden ergriffen wurde, wie ein Reiter, der im Begriffe steht, sein ganzes Mannesgewicht einem allzuschwachen Füllen aufzubürden.

»Aber Du bist noch kein Weib!« rief er.

– Ich bin noch kein Weib! Bei den beiden Göttinen, was bin ich dann? ein Thrazier, ein Packträger oder ein alter Philosoph?

– Wie alt bist Du?

– Zehn ein halb. Elf Jahre. Man kann elf Jahre sagen. Ich bin im Garten geboren worden. Meine Mutter ist aus Milet. Es ist Pythias, welche man »die Ziege« nennt. Willst Du, daß ich sie holen lasse, wenn Du mich zu jung findest? Sie hat eine zarte Haut, meine Mutter, sie ist schön.

– Warst Du im Didaskalion?

– Ich bin noch darin, in der sechsten Klasse. Nächstes Jahr werde ich fertig. Es wird nicht zu früh sein.

– Langweilst Du Dich dort?

– Ach! Wenn Du wüßtest, wie die Lehrerinen streng sind: Sie lassen fünfundzwanzig Mal die selbe Lektion von Neuem beginnen! ganz unnöthige Sachen, welche die Männer nie verlangen. Und dann ermüdet man sich auch umsonst; das liebe ich nicht. Da, nimm eine Feige. Nicht diese, sie ist nicht reif. Ich werde Dich eine neue Art sie zu essen lehren. Schau mir zu.

– Ich kenne sie. Das dauert länger und ist nicht besser. Ich sehe, daß Du eine gute Schülerin bist.

– Oh! was ich weiß, habe ich, allein gelernt. Die Lehrerinen möchten glauben machen, daß sie mehr wissen als wir. Es ist möglich, daß sie mehr Fertigkeit haben, aber sie haben nichts erfunden.

– Hast Du viele Liebhaber gehabt?

– Sie sind alle zu alt; das ist unvermeidlich. Die jungen Leute sind so dumm. Sie lieben nur die Frauen, die vierzig Jahre alt sind. Ich sehe manchmal solche vorbeigehen, die so schön sind wie Eros, und wenn Du nur sehen könntest, was sie wählen! wahre Nilpferde. Es ist zum Erbleichen. Ich hoffe wohl nicht so lange zu leben, bis ich das Alter dieser Frauen erreicht habe. Ich würde mich zu sehr schämen mich zu entkleiden. Ich bin so froh, so froh, noch ganz jung zu sein! Die Brüste wachsen immer früh genug. Es scheint mir, daß ich im ersten Monat, wo ich mein Blut fließen sehe, mich schon fast dem Tode nahe glauben werde. Laß mich Dir einen Kuß geben. Ich habe Dich sehr lieb.

Hier nahm das Gespräch eine Wendung, welche weniger ernst, wenn auch nicht stiller war und Demetrios bemerkte bald, daß seine Bedenken bei einem schon so gut unterrichteten Geschöpfchen nicht am Platze waren. Sie schien sich klar zu sein, daß sie für die Begierden eines jungen Mannes nur eine sehr magere Kost sei und sie brachte den Geliebten durch eine wunderbare Behendigkeit in den Berührungen, die er weder voraussehen, noch gestatten, noch lenken konnte, in Verwirrung, ohne ihm die Ruhe einer liebenden Umarmung zu gönnen. Der kleine, flinke und feste Körper vervielfältigte sich um ihn herum, sich abwechselnd gebend und verweigernd, gleitend, drehend und kämpfend. Endlich ergriffen sie sich. Aber diese halbe Stunde war nur ein langes Spiel.

Sie sprang zuerst von dem Lager, tauchte ihren Finger in eine Honigschale und bestrich sich damit die Lippen. Dann beugte sie sich, alle Anstrengung machend um nicht zu lachen, zu Demetrios hernieder und rieb ihren Mund an den seinen. Ihre runden Locken tanzten zu beiden Seiten ihrer Wangen. Der Jüngling lächelte und stützte sich auf seinen Arm.

»Wie heißest Du?« sagte er.

– Melitta. Hast Du meinen Namen nicht auf der Thür gesehen?

– Ich achtete nicht darauf.

– Du konntest ihn in meinem Gemache sehen. Sie haben ihn alle auf meine Wände geschrieben. Ich werde bald gezwungen sein sie neu tünchen zu lassen.

Demetrios hob den Kopf in die Höhe: die vier Seiten des Raumes waren mit Inschriften bedeckt. »Schau, schau, das ist seltsam, sagte er, darf man lesen?«

– Oh! wenn Du willst. Ich habe kein Geheimniß.

Er begann zu lesen. Melitta's Name stand da, mehrere Male wiederholt, neben Männernamen und barbarischen Zeichnungen. Zärtliche, unzüchtige oder komische Sätze durchkreuzten sich auf seltsame Weise. Liebhaber rühmten sich ihrer Stärke oder zählten einzeln die Reize der kleinen Hetäre auf, oder machten sich über ihre guten Freundinen lustig. Dies alles war nur als geschriebenes Zeugniß einer allgemeinen Verworfenheit interessant. Doch am Ende der rechten Wand angelangt fuhr Demetrios in die Höhe.

»Wer ist das? Was ist das? Sage es mir!«

– Aber wer? was? wo? sagte das Kind. Was hast Du?

– Hier. Dieser Name. Wer hat das geschrieben? Und sein Finger hielt unter dieser doppelten Zeile inne:

ΜΕΛΙΤΤΑ Λ. ΧΡΥΣΙΛΑ
ΧΡΥΣΙΣ .Λ. ΜΕΛΙΤΤΗΝ

»Ach! antwortete das Mädchen, das bin ich. Das habe ich geschrieben.«

– Aber wer ist diese Chrysis?

– Es ist meine liebe Freundin.

– Ich vermuthe es wohl. Das frage ich Dich nicht. Welche Chrysis? Es giebt deren viele.

– Die meinige, es ist die schönste. Chrysis aus Galilaea.

– Du kennst sie Du kennst sie! Aber erzähle mir doch! Woher kommt sie? wo wohnt sie? wer ist ihr Geliebter? sage mir Alles!

Er setzte sich auf das Ruhelager und nahm die Kleine auf seine Kniee.

»Bist Du denn verliebt?« sagte sie.

– Was liegt daran? Erzähle mir was Du weißt, ich muß Alles erfahren.

– Oh! ich weiß gar nichts. Es ist sehr wenig. Sie ist zwei Mal zu mir gekommen und Du denkst wohl, daß ich sie nicht nach ihrer Familie gefragt habe. Ich war zu glücklich sie zu besitzen und ich habe keine Zeit mit Reden verloren.

– Wie ist sie gebaut?

– Sie ist wie alle schönen Mädchen gebaut, was soll ich Dir mehr sagen? Soll ich Dir jeden ihrer Körpertheile nennen und hinzufügen, daß alles schön sei? Und dann: sie ist ein Weib, ein rechtes Weib ... Wenn ich an sie denke, habe ich gleich nach Jemandem Verlangen.

Und sie faßte Demetrios am Halse.

»Du weißt nichts, begann er von Neuem, nichts, nichts über sie?«

– Ich weiß ... ich weiß, daß sie aus Galilaea kommt, daß sie fast zwanzig Jahre alt ist, und daß sie im Judenviertel, im Osten der Stadt, bei den Gärten wohnt. Aber das ist Alles.

– Und was ihr Leben, ihre Neigungen betrifft? kannst Du mir nichts sagen? Sie liebt die Weiber, sonst käme sie nicht zu Dir. Aber ist sie denn ganz Lesbierin?

– Gewiß nicht. In der ersten Nacht, die sie hier zubrachte, hatte sie einen Geliebten mit und ich schwöre Dir, daß sie sich nicht verstellte. Wenn ein Weib aufrichtig ist, sehe ich es an seinen Augen. Das hat sie nicht verhindert, ein anderes Mal allein zu kommen ... und sie hat mir eine dritte Nacht versprochen.

– Hat sie Deines Wissens keine andere Freundin in den Gärten? Niemanden?

– Doch, ein Weib aus ihrer Heimath, Chimairis, eine Arme.

– Wo wohnt sie? Ich muß sie sehen!

– Sie liegt seit einem Jahre im Gehölz. Sie hat ihr Haus verkauft, aber ich weiß wo ihr Nest ist. Ich kann Dich dort hinführen, wenn Du es wünschest. Gib mir meine Sandalen, willst Du?

Demetrios knüpfte mit schneller Hand die Lederriemen, welche die zarten Knöchel Melittas umgaben. Dann reichte er ihr ihr kurzes Kleid, das sie einfach unter den Arm nahm und sie gingen schnell hinaus.


Sie machten einen langen Weg. Der Park war unendlich groß. Dann und wann sagte ein Mädchen, das unter einem Baume lag, seinen Namen, wobei es das Kleid öffnete; dann legte sie sich wieder nieder, die Hände vor den Augen. Melitta kannte einige der Mädchen; sie küßten sie, ohne sie aufzuhalten. Als sie vor einem verwitterten Altar vorbeikamen, pflückte sie drei große Blumen im Grase und legte sie auf den Stein.

Die Nacht war noch nicht ganz dunkel. Das intensive Licht der Sommertage hat etwas Dauerhaftes, das gleichsam in der langsamen Abenddämmerung verharrt. Die schwachen und feuchten Sterne, kaum heller als der Grund des Himmels, blinzelten in sanften Zuckungen, und die Schatten der Zweige blieben undeutlich.

»Schau,« sagte Melitta, »da kommt meine Mutter!«

Eine mit dreifachem, blau gestreiftem Musselinestoffe bekleidete Frau kam allein, langsamen Schrittes auf sie zu. Als sie das Kind bemerkte, lief sie ihm entgegen, hob es von der Erde, nahm es in seine Arme und küßte es lebhaft auf die Wangen.

»Mein Mädchen! mein kleiner Schatz, wo gehst Du hin?«

– Ich führe Jemanden, der Chimairis sehen will. Und Du? Gehst Du spazieren?

– Corinna ist Mutter geworden. Ich bin zu ihr gegangen; ich habe an ihrem Bette zu Mittag gegessen.

– Und was hat sie zur Welt gebracht? einen Knaben?

– Zwei Mädchen, mein Liebchen, sie sind rosig wie Wachspuppen. Du kannst diese Nacht hingehen. Sie wird sie Dir zeigen.

– Oh! wie hübsch das ist! Zwei kleine Hetären. Wie hat man sie genannt?

– Alle beide Pannychis, weil sie am Tage vor den aphrodisischen Festen geboren wurden. Es ist ein gutes Vorzeichen. Sie werden einmal hübsch sein.

Sie stellte das Kind wieder auf die Erde und fragte, zu Demetrios gewendet:

»Wie findest Du meine Tochter? Hab' ich das Recht auf sie stolz zu sein?«

– Ihr könnt mit einander zufrieden sein, sagte er ruhig.

– Küsse die Mutter, sagte Melitta. Stillschweigend küßte er sie zwischen die Brüste.

Pythias erwiderte den Kuß auf den Mund und sie trennten sich.

Demetrios und das Kind machten noch einige Schritte unter den Bäumen, während die Hetäre zurückblickend sich entfernte. Endlich kamen sie an und Melitta sagte:

»Hier ist es.«

Chimairis saß auf der linken Ferse zusammengekauert, in einem kleinen, mit Rasen bedeckten Raume zwischen einem Baum und einem Busch. Unter ihr hatte sie einen rothen Lappen ausgebreitet. Es war während des Tages ihr letztes Kleidungsstück und nackt lag sie darauf zur Stunde, wo die Männer vorbeigehen. Demetrios betrachtete sie mit wachsendem Interesse. Sie hatte jenes fieberhafte Aussehen mancher abgemagerten braunen Frauen, deren fahler Körper von einer unaufhörlichen Gluth verzehrt zu sein scheint. Ihre muskulösen Lippen, ihr ausdrucksvoller Blick, ihre bleichen, breiten Augenlider bildeten einen doppelten Ausdruck von sinnlichem Begehren und Erschöpfung. Die Biegung ihres hohlen Bauches und ihrer nervigen Schenkel höhlten sich von selbst wie zum Empfangen; und da Chimairis alles verkauft hatte, selbst ihre Kämme und ihre Nadeln, und sogar ihre Enthaarungszangen, hatte sich ihr Haar zu einem Wirrsal vermengt, wahrend ihre schwarzen Schamhaare ihrer Nacktheit etwas Wildes, Unzüchtiges und Zottiges gaben.

Neben ihr stand ein großer Bock auf seinen steifen Beinen, mittelst einer goldenen Kette, die früher in vier Reihen auf der Brust seiner Herrin geglänzt hatte, an einen Baum gebunden.

»Chimairis, sagte Melitta, stehe auf. Da ist Jemand, der mit Dir sprechen will.«

Die Jüdin schaute auf, rührte sich aber nicht.

Demetrios trat vor.

»Du kennst Chrysis?« sagte er.

– Ja.

– Du siehst sie oft?

– Ja.

– Kannst Du mir von ihr erzählen?

– Nein.

– Wieso, nein? Warum kannst Du nicht?

– Nein.

Melitta war ganz erstaunt.

»Sprich mit ihm, sagte sie. Habe Zutrauen. Er liebt sie: er will nur ihr Wohl.

– Ich sehe deutlich, daß er sie liebt, antwortete Chimairis. Wenn er sie liebt, will er ihr Böses anthun. Wenn er sie liebt, werde ich nicht sprechen.

Demetrios bebte vor Wuth, doch er schwieg.

»Gieb mir Deine Hand, sagte die Jüdin zu ihm. Da werde ich sehen, ob ich mich getäuscht habe.«

Sie nahm die linke Hand des jungen Mannes und drehte sie dem Mondscheine zu. Melitta bückte sich um zu sehen, obwohl sie in den geheimnißvollen Linien nicht lesen konnte; aber das Verhängnißvolle derselben zog sie an.

– Was siehst Du? fragte Demetrios.

– Ich sehe ... kann ich sagen was ich sehe? wirst Du mir dafür danken? Wirst Du mir auch nur glauben? Ich sehe zuerst alles Glück; aber es ist in der Vergangenheit. Ich sehe auch alle Liebe, aber sie verliert sich im Blute ...

– Das meinige?

– Das Blut eines Weibes. Und dann das Blut eines anderen Weibes. Und dann das Deine etwas später.

Demetrios zuckte mit den Achseln. Als er sich umdrehte, sah er Melitta in der Allee auf und davon laufen.

»Sie hat Angst bekommen,« sagte Chimairis. »Es handelt sich doch weder um sie, noch um mich. Laß die Dinge gehen, da man doch nichts dagegen thun kann. Lange vor Deiner Geburt war Dein Schicksal bestimmt. Gehe! Ich werde nicht mehr sprechen.«

Und sie ließ die Hand sinken.

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