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Aphrodite

Pierre Louys: Aphrodite - Kapitel 10
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typefiction
authorPierre Louys
titleAphrodite
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Zweites Buch

I.

Die Gärten der Göttin.

Der Tempel der Aphrodite-Astarte erhob sich außerhalb der Thore der Stadt, in einem ungeheuern Parke voll Blumen und Schatten, wo das Wasser des Nils, durch sieben Kanäle hergeleitet, zu jeder Jahreszeit ein wunderbares Wachsthum unterhielt.

Dieser blühende Wald am Ufer des Meeres, diese tiefen Bäche, diese Seeen und dunkle Wiesen waren in der Wüste mehr als zwei Jahrhunderte vorher durch den ersten Ptolemäer geschaffen worden. Seit jener Zeit waren die auf seinen Befehl gepflanzten Sycomoren riesengroß geworden; unter dem Einflusse der befruchtenden Gewässer waren aus den Rasenplätzen Wiesen geworden, die Wasserbecken hatten sich zu Teichen erweitert; die Natur hatte aus einem Park eine ganze Landschaft gemacht.

Die Gärten waren mehr als ein Thal, mehr als ein Land, mehr als eine Heimath. Sie waren eine vollständige Welt, durch steinerne Schranken abgeschlossen und von einer Göttin beherrscht, welche die Seele und der Mittelpunkt dieses Universums war. Rings herum erhob sich eine ringförmige Terrasse, die achtzig Stadien lang und zweiunddreißig Fuß hoch war. Es war keine Mauer, es war eine ungeheuere, aus vierzehnhundert Häusern bestehende Stadt. Eine gleiche Anzahl von Prostituirten bewohnte diese geheiligte Stadt und vereinigte an diesem einzigen Orte siebzig verschiedene Völker.

Der Plan dieser geheiligten Häuser war gleichförmig und folgendermaßen beschaffen: die Thür aus rothem Kupfer (das der Göttin geweihte Metall) trug als Klopfhammer einen Phallus, der auf einen Fallkloben, in Relief das Bild des weiblichen Geschlechtstheiles darstellend, schlug; darunter war der Name der Hetäre eingegraben, mit den Anfangsbuchstaben des üblichen Satzes:

Ω.Ξ.Ε.
ΚΟΧΛΙΣ
Π.Π.Π.

Zu beiden Seiten der Thür öffneten sich zwei Zimmer in Form eines Ladens, d. h. dem Garten zu ohne Wand. Das rechtsgelegene Zimmer, welches das »ausgesetzte« hieß, war der Ort, wo die geschmückte Hetäre zur Stunde, wo die Männer kamen, auf einem hohen Katheder saß. Das linksgelegene stand den Liebhabern, welche die Nacht unter freien Himmel, ohne jedoch im Grase zu liegen, zubringen wollten, zur Verfügung.

Wenn man die Thür öffnete, so führte ein Flur in einen großen, mit Marmor gepflasterten Hof, dessen Mitte ein ovales Wasserbecken einnahm. Ein Säulengang umschattete diesen großen Lichtfleck und schützte durch eine Zone frischer Luft den Zugang zu den sieben Gemächern des Hauses. Im Hintergrunde erhob sich der Altar, aus rosarothem Granit.

Alle Frauen hatten aus ihrem Heimathslande ein kleines Bild der Göttin mitgebracht, und nachdem sie dasselbe auf dem häuslichen Altar aufgestellt hatten, beteten sie es, jede in ihrer Sprache an, ohne sich je gegenseitig zu verstehen. Lakmi, Aschtoreth, Venus, Ischtar, Freia, Mylitta, Kypris waren die religiösen Namen ihrer vergöttlichten Wollust. Einige beteten sie unter einer symbolischen Form an: ein rother Uferkiesel, ein kegelförmiger Stein, eine große stachelige Muschel. Die meisten errichteten auf einem Sockel von zartgefärbtem Holze eine plumpe Statuette mit mageren Armen, schweren Brüsten und übertrieben breiten Hüften, welche mit ihrer Hand auf ihren dreieckig gekräuselten Bauch deutete. Zu ihren Füßen legten sie Myrthenzweige nieder; sie bestreuten den Altar mit Rosenblättern, für jeden erhörten Wunsch verbrannten sie einige Körner Weihrauch. Sie war die Vertraute aller ihrer Leiden, die Zeugin aller ihrer Arbeiten, die vermuthete Ursache aller ihrer Freuden. Und wenn die Hetäre starb, legte man das Götzenbild in ihren kleinen, gebrechlichen Sarg, als Hüterin ihres Grabes.

Die schönsten dieser Mädchen kamen aus den asiatischen Königreichen. Jedes Jahr setzten die Schiffe, welche nach Alexandrien Geschenke der tributpflichtigen und der verbündeten Völker brachten, mit den Ballen und Schläuchen hundert, von den Priestern für den Dienst der heiligen Gärten ausgewählte Jungfrauen an's Land. Es waren Mysierinen und Jüdinen, Mädchen aus Phrygien und Creta, Ecbatana und Babylon, von den Ufern des Perlengolfes und des heiligen Ganges. Die Einen hatten eine weiße Hautfarbe, mit Medaillengesichtern und unbiegsamen Brüsten, die Anderen waren braun wie die regenbenetzte Erde, trugen Goldringe in den Nasen und schüttelten auf ihren Schultern kurze und dunkle Haare.

Andere kamen noch von weiter her: kleine, schwächliche und langsame Geschöpfe, deren Sprache Niemand kannte, und die gelben Affen ähnlich sahen. Ihre Augen zogen sich zu den Schläfen hin; ihre schwarzen und glatten Haare waren seltsam gekämmt. Diese Mädchen blieben ihr ganzes Leben hindurch schüchtern wie verirrte Thiere. Sie kannten die Bewegungen der Liebe, verweigerten aber den Kuß auf den Mund. Zwischen zwei vorübergehenden Verbindungen sah man sie untereinander spielen, auf ihren kleinen Füßen hockend sich kindischen Zerstreuungen hingeben.

Auf einer einsamen Wiese lebten die blonden und rosigen Töchter der Völker des Nordens in Heerden auf dem Grase liegend. Es waren Sarmatinen mit dreifachen Zöpfen, kräftigen Beinen, und eckigen Schultern, welche sich aus Baumzweigen Kränze flochten und sich durch Zweikämpfe zerstreuten; stumpfnäsige, großbrüstige und behaarte Skythinen, welche sich nur in der Stellung der Thiere paaren wollten; riesengroße Teutoninen, welche die Ägypter durch ihr bleiches Greisenhaar und ihr weiches Kinderfleisch in Schrecken setzten; Gallierinen, rothhaarig wie Kühe, und ohne Grund lachend; junge Keltinen mit meergrünen Augen, welche niemals nackt ausgingen.

An einer anderen Stelle vereinigten sich die braunbrüstigen Iberierinen während des Tages. Sie hatten schwere Haare, welche sie mit Sorgfalt kämmten, und nervige Leiber, die sie nicht enthaarten. Ihre feste Haut und ihre starken Hintertheile waren sehr nach dem Geschmacke der Alexandriner. Man verwundete sie als Tänzerinen eben so oft wie als Beischläferinen.

Unter dem breiten Schatten der Palmbäume wohnten die Töchter Afrikas. Die weißverschleierten Numidierinen; die mit schwarzer Gaze bekleideten Karthagerinen, die in buntfarbige Gewänder gehüllten Negerinen.

Es waren ihrer vierzehnhundert.

Wenn eine Frau dort eingetreten war, so kam sie vor dem ersten Tage ihres Alters nie wieder heraus. Sie gab dem Tempel die Hälfte ihres Gewinnes, das Übrige mußte ihr für Nahrung und Wohlgerüche genügen.

Sie waren keine Sklavinen und jede besaß wirklich eines der Häuser der Terrasse; aber nicht alle waren gleichmäßig beliebt und die Glücklicheren kauften oft die Nachbarhäuser, welche ihre Besitzerinen verkaufen mußten, um nicht Hungers zu sterben. Diese brachten dann ihre unzüchtigen Götzen in den Park und machten in irgend einem Winkel, den sie nicht mehr verließen, aus einem flachen Steine ihren Hausaltar. Die ärmeren Kaufleute wußten das und zogen es vor sich an diejenigen zu wenden, welche so im Moose, bei ihrem Heiligthum unter freiem Himmel lagen; aber manchmal blieben auch diese aus und dann vereinigten die armen Mädchen, zwei zu zwei ihr Elend, in leidenschaftlichen Freundschaften, welche fast zur ehelichen Liebe wurden; es war ein Zusammenleben, wo man Alles theilte, bis zum letzten Lappen von Wollstoff, und wo abwechselnde Gefälligkeiten für die langen geschlechtlichen Entbehrungen trösteten.

Diejenigen, welche keine Freundin hatten, boten sich als freiwillige Sklavinen ihren begehrteren Gefährtinen an. Es war diesen verboten, mehr als zwölf dieser unglücklichen Mädchen in ihrem Dienste zu haben: zweiundzwanzig Hetären hat es gegeben, welche die höchste Zahl erreichten und sich aus allen Rassen eine bunte Dienerschaft ausgewählt hatten.

Wenn es der Zufall wollte, daß eine Hetäre von einem ihrer Geliebten schwanger wurde und einen Sohn zur Welt brachte, wurde dieser innerhalb der Mauern des Tempels in der Betrachtung der vollkommenen Formen und im Dienste der Göttin erzogen. Brachte sie eine Tochter zur Welt, so war diese für die Göttin geboren. An ihrem ersten Lebenstage wurde ihre symbolische Hochzeit mit dem Sohne des Dionysos gefeiert und der Hierophant entjungferte sie mit einem goldenen Messerchen, denn die Jungferschaft mißfällt der Aphrodite. Später trat sie in das Didaskalion ein, ein großes Schulgebäude, das hinter dem Tempel lag. Die kleinen Mädchen lernten dort in sieben Klassen die Theorie und die Methode aller erotischen Künste: den Blick, die Umarmung, die Bewegungen des Körpers, die Verwicklungen der Liebkosung, die Geheimnisse des Bisses, des Zungenspiels und des Kusses. Die Schülerin wählte frei den Tag ihres ersten Versuches, weil das Verlangen ein Gebot der Göttin ist, dem man sich nicht widersetzen soll. An diesem Tage gab man ihr ein Haus auf der Terrasse; und manche dieser Kinder, welche noch nicht einmal mannbar waren, zählten zu den unermüdlichsten und den meistbegehrten.

Das Innere des Didaskalion, die sieben Klassen, das kleine Theater und der Säulengang des Hofes waren mit zweiundneunzig Fresken geschmückt, welche die Unterweisung in der Liebe umfaßten. Sie waren das Werk eines ganzen Menschenlebens: Cleochares von Alexandrien, ein natürlicher Sohn und Schüler des Apelles, hatte sterbend die letzte Hand daran gelegt. – In neuester Zeit hatte die Königin Berenike, welche der berühmten Schule viel Interesse zeigte und ihre jüngeren Schwestern dorthin schickte, bei Demetrios eine Reihe von Marmorgruppen bestellt, um die Ausschmückung zu vervollständigen; aber nur eine einzige war bis jetzt in der Kinderklasse aufgestellt worden.

Am Ende eines jeden Jahres fand in Gegenwart aller vereinigten Hetären eine große Preisbewerbung statt, welche in dieser Frauenmenge einen außerordentlichen Wetteifer hervorrief; denn die zwölf ausgesetzten Preise berechtigten zum höchsten Ruhme, den sie erträumen konnten: zum Eintritt in das Cotytteion.

Dies Gebäude war mit so viel Geheimniß umgeben, daß es heute nicht mehr möglich ist eine genaue Beschreibung davon zu liefern. Wir wissen nur so viel, daß es sich in dem Tempelhofe befand und die Gestalt eines Dreieckes hatte, dessen Basis ein Tempel der Göttin Cotytto war, in deren Namen furchtbare und unbekannte Ausschweifungen vollbracht wurden. Die beiden anderen Seiten des Gebäudes bestanden aus achtzehn Häusern; sechsunddreißig Hetären wohnten da. Sie waren von den reichen Liebhabern so sehr gesucht, daß sie sich nicht für weniger als zwei Minen hingaben. Es waren die Bapten Alexandriens. Einmal im Monat, zur Vollmondszeit, vereinigten sie sich im geschlossenen Tempelshofe, durch aphrodisische Getränke betäubt und angethan mit dem vorgeschriebenen Phallosgürtel. Die älteste der sechsunddreißig mußte eine tödtliche Dosis des furchtbaren Liebestrankes nehmen. Die Gewißheit ihres raschen Todes trieb sie dazu, ohne Schrecken alle gefährlichen Sinnesgenüsse, vor welchen die Lebendigen zurückschrecken, zu wagen. Ihr schäumender Körper wurde der Mittelpunkt und das Vorbild der sie umkreisenden Orgie; unter Heulen und Schreien, Thränen und Tänzen umschlangen sie nackt die anderen Frauen, ihre Haare an ihrem Schweiße nässend, sich an ihre brennende Haut reibend und neue Begierden aus dem ununterbrochenen Kampfe dieses wüthenden Todesringens schöpfend. So lebten drei Jahre hindurch diese Frauen und am Schlusse des sechsunddreißigsten Monats war dies der Wonnerausch ihres Endes.

Andere, weniger verehrte Heiligthümer waren durch die Frauen zu Ehren der anderen Namen der vielförmigen Aphrodite errichtet worden. Es gab sogar einen Altar, welcher der Venus Urania geweiht war, wo die sentimentalen Hetären ihre Gelübde darbrachten; ein anderer der Apostrophia, welche die unglückliche Liebe vergessen ließ; ein anderer der Chryseïa, welche die reichen Liebhaber anzog; ein anderer der Genetyllis, welche die schwangeren Mädchen beschützte; ein anderer der Coliade, welche die groben Leidenschaften begünstigte, denn Alles was die Liebe berührte, war für die Göttin ein Gegenstand der Frömmigkeit. Aber die besonderen Altäre hatten Kraft und Wirksamkeit nur in Bezug auf kleinere Wünsche. Man bediente sie von der Hand in den Mund, ihre Gunst war alltäglich und man verkehrte traulich mit ihnen. Die Flehenden, welche erhört worden waren, legten einfache Blumen darauf nieder; diejenigen, welche nicht zufrieden waren, verunreinigten ihn mit ihren Exkrementen. Sie waren durch die Priester weder geheiligt, noch unterhalten, deßhalb war ihre Schändung nicht strafbar.

Ganz anders war die Zucht im Tempel.

Der Tempel, der große Tempel der großen Göttin, der heiligste Ort in ganz Aegypten, das unverletzliche Astarteïon, war ein ungeheueres Gebäude von dreihundertsechsunddreißig Fuß Länge, das auf siebzehn Stufen am höchsten Punkte der Gärten errichtet war. Seine goldenen Thore waren von zwölf hermaphroditischen Hierodulen bewacht, welche die beiden Gegenstände der Liebe und die zwölf Stunden der Nacht symbolisirten.

Der Eingang war nicht gegen Sonnenaufgang gewendet, sondern in die Richtung von Paphos, gegen Nordwesten; niemals drangen die Sonnenstrahlen unmittelbar in das Heiligthum der großen nächtlichen Unsterblichen. Sechsundachtzig Säulen stützten das Architrav; sie waren bis zur halben Höhe purpurn gefärbt und der ganze obere Theil hob sich in einem blendenden Weiß von dieser rothen Bekleidung ab, den Leibern aufrecht stehender Frauen gleichend.

Zwischen dem Giebel und dem Gesims entrollte gürtelförmig ein langes Thierbild seine thierisch-erotischen und fabelhaften Ausschmückungen. Man sah darauf von Hengsten besprungene Centaurinen, von mageren Satyren gedeckte Ziegen, von ungeheuren Stieren begattete Jungfrauen, von Hirschen belegte Naiaden, von Tigern geliebte Bacchantinen, von Greifen umarmte Löwinen. So stürzte die große Menge der Geschöpfe auf einander los, von einer unwiderstehlichen göttlichen Gier getrieben. Das Männchen streckte sich vor, das Weibchen öffnete sich, und in der Mischung der schöpferischen Quellen erwachte der erste Schauder des Lebens. Die Menge der unbekannten Paare rückte manchmal vor einer unsterblichen Scene zurück: Europa vorgebeugt das schöne olympische Thier ertragend; Leda den kräftigen Schwan zwischen ihren gebogenen Schenkeln lenkend. Weiter erschöpfte die unersättliche Sirene den ersterbenden Glaucos; der Gott Pan begattete stehend eine Hamadryade mit fliegenden Haaren; die Sphinx erhob ihren Hinterkörper zur Höhe des Rosses Pegasus, und, am äußersten Ende des Frieses hatte der Bildhauer sich selbst vor der Göttin Aphrodite nachgebildet, nach ihr in weiches Wachs die Falten eines vollkommenen Kteïs modellirend, als ob sein ganzes Ideal von Schönheit, Freude und Tugend seit Langem in dieser kostbaren und gebrechlichen Blume Zuflucht gesucht hätte.

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