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Aphorismen

Emil Gött: Aphorismen - Kapitel 8
Quellenangabe
typeaphorism
booktitleGesammelte Werke Band 1
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleAphorismen
pages68
created20120214
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Lichtträger ist blind.

 


 

Wo du nicht zündest, trage deinen Brand nicht hin.

 


 

Das Feuer, das mir aus den Augen fährt, erhellt mir nicht den Weg.

 


 

Zum Selbstleuchten gehört Eigenfeuer, zum Glänzen nur eine glatte Fläche.

 


 

Mein Irren war lang, groß und schmerzlich. Aber was mich vorn blendete, das erhellte scharf und klar die Gegend, wenn ich mich umwandte, den zurückgelegten Weg zu betrachten.

 


 

Niedrigkeit der Empfindung etwas anderes als der Gesinnung: jene der schwarze Vogel, der sich ab und zu, in unbewachten Momenten, auf uns stürzt und einen Krallenfang und Schnabelhieb nach uns tut; dieser aber sind wir ein Nest, in dem sie ihr Gelichter brütet.

 


 

Eine Sünde, die mich weckt, ist besser als eine Tugend, an der ich einschlafe.

 


 

O süße Unschuld, komm! sündige dich weiter in die Höhe!

 


 

Vielleicht genügt dem Reinen die Versuchung, der Unreine aber braucht den Sturz, um sich höher zu erheben.

 


 

Nach verlorenen Schlachten kann man noch die schönsten Siege gewinnen, aber die schlimmsten Niederlagen holt man aus Siegesräuschen.

 


 

Friede sei – satt gewordener gesättigter Kampf.

 


 

Seelenruhe! – Es gibt eine Ruhe, die Faulheit ist! Innerer Friede! – Es gibt manchen Frieden, der schmachvoll ist. Seinen Frieden muß man ersiegen oder doch erkämpfen! Dein Krieg könnte aus lauter Niederlagen bestehen, und dein Sieg doch der Verzweiflung über dich nahe sein.

 


 

Schwester Ruhe schöpft mehr klares Wasser aus dem Quell mit einem Löffel, als Bruder Sturm mit eine Kruge.

 


 

Schwere ist das edelste Laster.

 


 

Vielleicht ist das Edle nur das kunstvolle ritardando einer an sich trivialen Melodie, dazu aus dur in mollübersetzt. Also nicht lebensuntüchtig, sondern nur verlangsamt und beschwert zu ergreifendem Wohllaut. Und gespielt muß es also doch werden, mit denselben Instrumenten; nur kunstvoller, gehaltener, bewußter.

 


 

Das Feinste hat die stärkste Gewalt über uns, das Fernste ist unsere Gewißheit, das Geheimste wird letzte Offenbarung.

 


 

Unsere furchtbarste Schuld ist das Gute, das ein Mensch von uns denkt und das wir nicht erfüllen.

 


 

Irgendwer hat gesagt: »Die Tugend im Übermaß wird zum Laster.« Dieses Übermaß besteht aber genau besehen nur darin, daß man sie wirklich hat und auszuüben gesonnen ist. Dadurch wird sie – lästig. Setzt man statt »Tugend«: Charaktervorzug, und statt »Laster«: Fehler, so wird das Paradoxon milder und verständlicher.

 


 

Der rechte Gegensatz zu einem mitleidigen Herzen ist nicht ein rohes, sondern ein gesundes. – Schöne Gesundheit enthält viel gebändigte Roheit, das ist: Urkraft.

 


 

Es gibt ein Mitleid, das ganz dem Schwindel gleicht: man schaudert beim Hinuntersehen. (Es kann also nur Steigende befallen!) Gegen diesen Schwindel gibt es nur eine Rettung: vorwärts hinaufsehen und – steigen.

 


 

Gut ist nur, dem Bösen widerstreben.

 


 

Kein Unrecht mehr wollen, ein eigenes unerträglicher finden als ein fremdes; sein Recht, mit der Goldwage zugewogen, einem jeden zubilligen, also auch und gerade dem Feinde – wer noch nicht in diesen Empfindungskreis getreten ist, gehört noch einer roheren, unentwickelten Kultur an.

Der Schmerz über uns sich immer mehr verfeinernd ist der gute Führer, der uns von Stufe zu Stufe zu immer größerer Sicherheit unseres Ernstes, zu immer höherem Takte, immer reinerer Gerechtigkeit leitet.

 


 

Die leisen Mahner in uns sind die besten Führer; sie finden den Weg auch in Nacht und Nebel.

 


 

Wer ein volles Gefäß trägt, muß das Gedräng vermeiden, und wessen Seele am Überlaufen ist, einsam Wege gehen.

 


 

Einsam ist man in der Fremde, verlassen kann man in der Heimat sein, verloren aber ist man nur in seinen inneren Wüsten. Dort umspült uns noch überall das Meer des Lebens, hier überflutet uns nur heißer, dürrer, unfruchtbarer Sand.

 


 

Einsamkeit ist ein köstlicher Balsam auf die wunde Haut der Seele; aber im Übermaß aufgetragen reizt er vielleicht mehr als er lindert.

 


 

Unser Schlechtestes findet noch Verständnis und Verzeihung, unser Bestes aber keine Heimat unter den Menschen, als nur in eigener Brust.

 


 

Wo du fragst, tönt dir keine Antwort, wo du suchst, ist alles verloren. Nur das Ungewußte weißt du, nur das dir Gegebene hast du.

 


 

Wer sich nicht von dieser Welt fühlt, aber doch nicht aus ihr heraus kann, für den gibt es immer noch eine Gasse: Hindurch!

 


 

Wir legen zu gern gegen unser Überwundenes einen Eifer und Unwillen an den Tag, der stark nach Renegat und Konvertit schmeckt. Wir sollten zarter mit unserer Vergangenheit umgehen, bei aller Entschiedenheit, mit der wir sie abgestreift haben, mindestens aber unsere Herkunft nie verleugnen. Je niedriger sie ist, je mehr ehrt uns die heutige Höhe.

 


 

Wer der Stütze nicht bedarf, geht leichtsinnig mit dem Stab um.

 


 

Ich will eingehen in weite hohe Räume, ob auch durch enge Türen und über schwierige Treppen.

 


 

Wenn es möglich ist, über mich hinauszukommen, wie ertrüge ich es, daß es ein anderer täte, als ich selbst! Also ist es möglich! Übersetzung aus dem Zarathustrischen ins Deutsche.

 


 

Einen andern als sich selbst zu übertreffen suchen, heißt, sich einem fremden Kurse anschließen.

 


 

Wenn du einen Augenblick dein Urteil anhieltest, so könntest du in meinem Handeln wie in einem Spiegel das deinige sehen; so aber beschlägt dein Atem das Glas.

 


 

Immer der Gleiche – das ist ein Produkt beständiger Verwandlung, in der sich das Wesen behauptet. Mit jedem Hauche ein anderer – das ist immer derselbe, unter der Wirkung eines jeden Angriffs.

 


 

Bereit zum Untergang ist reif zum Aufgang.

 


 

Sich selbst als Fatum nehmen, nicht sich »anders« wollen –!

 


 

Mein Schicksal ist ein dicht gestricktes Netz; zerreiß ich eine Masche, zerstör ich hundert.

 


 

Du hast eine begehrliche Seele, also leide, leide durch Entbehrung.

 


 

Das Unvermeidliche ist nicht schwer mit Würde zu tragen. Bei gescheiten Leuten versteht es sich von selbst. Du mußt aber lernen, auch das Vermeidliche so zu tragen.

 


 

Wer auf sein Elend tritt, steht höher.

 


 

Man muß auch seinem Schicksal mit edler Reserve gegenübertreten, feurig, aber nicht zudringlich!

 


 

Schicksal – du magisches Netz, aus Milliarden Zufällen gestrickt; Vernunft, Weisheit – du Ungeheuer, erbaut aus lauter Sinnlosigkeiten; Leben – wandelnder Berg von toten Sandkörnern; Gott – ein Bündel aller Teufel; Welt, Unendlichkeit, All – grüne Insel, vom Nichts umflossen – –: das bist du!

 


 

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