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Aphorismen

Emil Gött: Aphorismen - Kapitel 2
Quellenangabe
typeaphorism
booktitleGesammelte Werke Band 1
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleAphorismen
pages68
created20120214
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es gibt kein Ende: jeder Augenblick ist ein Anfang von Ewigkeit.

 


 

Ein jedes Ding ist so alt wie die Welt selbst; nur seine Form ist neu – aber diese Form ist das Ding.

 


 

Die Gewichte an der Weltenuhr sind gewiß – Imponderabilien!

 


 

Daß der Kosmos sich nicht um die Erde dreht, das sehen wir heutzutage mit den modernen Augen; die Möglichkeit aber, daß er sich nicht um uns Menschen dreht, die darf nicht einmal berührt werden, obwohl man insgeheim sie manchmal überlegt. Sie ist das Skelett im Hause, das nur die enfants terribles der Philosophie nicht respektieren.

 


 

Die Überzeugung von einem harmonischen Endspiel des Lebens und Weltprozesses hat vielleicht mehr als nur Ähnlichkeit mit der optischen Täuschung von dem Zusammenlaufen der Eisenbahnschienen.

 


 

Die weichen verachteten Massen, die leicht von den Elementen hinweggespült wurden, waren Schutz, Hülle und Träger der Kolosse, die wir bewundern.

 


 

In dem Hauche, den ich auf die blanke Messerklinge tue, zieht, indes mein Auge seinem Verwehen folgt, ein kleiner Weltvorgang mit Millionen von Lebewesen an mir vorüber – spurlos sagen meine Sinne; aber wenn ich es hundertmal wiederhole, kann ich schon die Spuren sehen, wo diese Völker gehaust haben.

 


 

Wie die Welt räumlich und zeitlich sich über alle unsere Begriffe hinaus ausdehnt, jedem Versuch, sie zu fassen, spottend, so türmen sich auch jenseits unserer Fassungskraft die Ursachen und Zwecke übereinander, über alle Begriffe hinaus ins Unbegreifliche.

 


 

Gott ist: eine Unseligkeit aushalten, und ihr entgegen selig werden.

 


 

Der Teufel des einen ist anständiger als der Gott des andern.

 


 

Gott, eine Narkose des Menschen.

 


 

Das Schlechte ist der Schlaf des Guten, der Teufel die Nacht Gottes.

 


 

Gott und der Teufel sind sonderbare Konkurrenten. Der eine verwandelt Teufelsdank in Götterspeise, der andere solche zu Teufelsdank. Das Fabrikat des einen ist das Rohmaterial des andern, und der Markt hat eine schwankende Tendenz. Wenn der Teufel ihn beherrscht, ist die Nachfrage nach Götterspeise groß. Das Reich Gottes hat Teufelsdank nötig.

 


 

Gott ist eine Krücke.

 


 

Wir betrachten uns selbst so lange mit den eigenen Augen, bis wir bei jeder kritischen Handlung das Gefühl haben, von einem Auge beobachtet zu sein – – es ist dies eine der Arten, wie selbst reifere Menschen zu einem Gotte kommen, wie überhaupt Gott entsteht.

Das Mitleid mit Gott! Man darf ihn nicht im Stich lassen, man muß zu ihm halten in seinem fürchterlichen Kampfe mit seiner Verzweiflung! Man muß ihn wenigstens diese eine Freude erleben lassen, daß ein mutiger Knirps so treu zu ihm hält, – und so selbst zur Freude an Welt und Leben kommen.

 


 

Es ist noch kein Gott in den Himmel gefallen!

 


 

›Gott hat die Welt aus Nichts erschaffen‹, hat man lange behauptet und umstritten. Wie, wenn er sie zu Nichts erschaffen hätte, und eben darum – – ›Gott‹ wäre?

 


 

Auch Gott stirbt dem Menschen nur, um verwandelt und schöner für ein verwandeltes und schöneres Geschlecht wieder aufzuerstehen.

 


 

Unser Postulat einer Göttlichkeit der Welt ist eins mit dem der alten Menschen nach Wundertaten.

 


 

Gott glauben heißt ihn lästern.

 


 

Etwas glauben ist schon – Aberglauben; etwas wissen heißt auf der Grenze zwischen Erkenntnis und Zweifel angelangt sein.

 


 

Um ihnen kein Vater aus Erden sein zu müssen, verweist man die Armen und Unmündigen auf den himmlischen. Entsetzlich, wenn man dabei noch an diesen glaubt.

 


 

Der Wilde macht einen Fetisch zum Gott, der Zahme einen Gott zu einem Fetisch.

 


 

Wenn du Götzen zerschlägst eines andern – vergiß nicht, daß es ihm Götter sind. Und wenn du ihm Götter für seine Götzen gibst, sieh zu, daß es nicht deine Götzen sind oder ihm neue werden; wenn es Götter sind, so wäre es schade drum.

 


 

Gott zählt die Menschen nicht, er schaut sie an; er hört sie nicht, er kennt sie; er lohnt und straft sie nicht, er läßt sie sich heben und fallen.

 


 

Die Menschen sollten uns nicht soviel wert sein, daß wir uns mehr vor ihnen schämen, als vor Gott, und bei all seiner Höhe sollte Gott nicht so hoch über uns stehen, daß wir uns mehr vor ihm schämen, als vor uns selber.

 


 

Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts anderes tun, als Unrecht; – nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen, wäre erst göttlich.

 


 

Jesus tauchte in seiner Art als Fertiger auf und hinterließ kaum eine Spur von seinen Gerüsten. Wehe seinem Bilde, wenn er treue Tagebücher hinterlassen hätte.

 


 

Was uns von Jesus bleibt, nach aller Kritik, die wir an der Überlieferung seiner Person und dieser selbst üben: das heilige Herz, mit dem der Mensch neu oder mit unerhörter Glut in die Welt fühlt, und die ebenso unerhörte Weisheit, die er dessen Kraft und Süße verdankt.

 


 

So sehr hat Gott die Welt geliebt – oder seinen Sohn, daß er sie seinem Sohn zur Erlösung gab.

 


 

Wenn ihr glaubt, daß ihr euch vor den Augen eines Gottes schön zu machen habt, so sage ich euch, daß ihr euch in diesen Augen durch nichts so sehr befleckt und lächerlich macht, als durch die Furcht; eure beständige Furcht vor irgendeinem und allem und jedem Verlust.

 


 

So lange will ich ohne Urteil dem Unbekannten dienen, bis das innere Stundenglas mir sagen darf: es ist vollbracht, soweit du mir es verliehen.

 


 

Es gibt so recht Fromme, die, weil ihre Linke von der Rechten weiß, lieber nichts Gutes tun – um Gott nicht zu erzürnen.

 


 

Die recht Frommen haben sogar ihren Gott, um den Nächsten damit zu schikanieren.

 


 

Die Heiligkeit ist eine wunderliche – Heilige: mit den Füßen steckt sie in den Schuhen der Schuld. Und geht doch barfuß!

 


 

Die gottlose Welt ist noch lange nicht des Teufels.

 


 

Setze den Gott, mit dem du unzufrieden bist, immerhin ab, sorg aber für einen würdigeren Thronfolger.

 


 

Monotheismus contra Polytheismus? – Wenn der eine Gott nur ein Götze ist, so sehe ich seine Überlegenheit vor vielen Göttern nicht ein. Er müßte höchstens leichter abzutun sein, aber auch dies ist fraglich.

 


 

Die Sünden des einen sind Gott lieber als die Gebete des andern.

 


 

Wenn das Verderben von Gott kommt – und was dürfen wir als nicht von Gott kommend betrachten? – so darf der Mensch, der Gottes ist, auch verderben.

 


 

Nur die Hölle spekuliert auf die Stürze eines Menschen; im Himmel rechnet man nur mit seiner Erhebungsfähigkeit.

 


 

Gott seine Himmel auf seine Façon füllen lassen.

 


 

Nicht unsere Gebete – der Sinn unseres Lebens wird erhört; nicht was der Wunsch – Begierde und Schwäche – stammelt, sondern was unser Sein erheischt.

Ein Gott, der die Gebete der Menschen erhörte, gliche reichen, schwachen Eltern, die hochbegabte Kinder durch Erfüllung aller Wünsche verderben.

 


 

Ein frommes Gemüt könnte das Vaterunser kurz beten: Dein Wille geschehe! – Ein starkes aber würde vielleicht sagen: Dein Wille – sei der meine! er geschehe!

 


 

Beten heißt sich beschwichtigen; sich beschwichtigen dadurch, daß man sich einen Augenblick aus dem heißen Zentrum an die kühlere Peripherie setzt und sich an ein – imaginäres und doch nicht imaginäres – Zentrum wendet. Befriedigt kehrt man zu sich und seinen Dingen zurück.

 


 

Wenn eine Hagelwolke am Himmel aufzieht, betet das ganze Land. Einen Strich verheert das Unwetter; wo es nicht hintrifft, hat Gott die Gebete erhört.

 


 

Am hartnäckigsten werden verlorene Posten verteidigt; siehe die »Religion«. Sie aufgeben, hieße bei Tausenden von Männern, die sich nicht mehr verwandeln können, ein verlorenes Leben sich eingestehen.

 


 

»Pfaffen!« das sagt sich so leicht. Aber es gäbe auch keine Pfaffen der Religion, wenn es nicht solche jeder Klasse gäbe. Wo sollten sie denn herkommen?

 


 

Zu Hause zertraten die Kreuzritter Jesus in ihren Nebenmenschen, und draußen warfen sie ihre Leiber in den glühenden Wüstensand für ihn.

Der Glaube an Gott hat noch jeden Schurken gedeckt. Erst wenn Gott abgesetzt ist, tritt der Mensch in den Dienst des Guten, das er nun nur noch in sich hat.

 


 

Es gibt auch eine Sündenkirche. Wenn ein Mensch von guter Struktur in die Sünde gerät, so kommt er reiner und heiler aus ihr heraus, als ein Schlechter aus der Kirche.

 


 

Wir können keine Dome mehr bauen, weil wir keine Religion mehr haben.

Damit ein Antlitz wie des Straßburger Münsters zu uns spreche, ein Turm wie der Freiburger zum Himmel flamme, muß es in Künstleraugen – und Herzen überirdisch leuchten.

 


 

Die Kirche, die Vertreterin der Religion des Mitleids, war nie mitleidig – mit dem Gesunden, Starken, Schönen, Eignen. Sie will das Elende, um sicherer zu herrschen.

Sie hat nie volle Macht entwickelt, weil sie nie von eigner, heiliger Gewalt erfüllt war; und wo es je eines ihrer Oberhäupter war, so vermochte es nicht den kolossalen, bis tief hinein verderbten Körper heilend zu durchglühen. Dauernd und überall gewirkt hat sie nur auf abergläubische und erschreckte Gemüter, durch Aberglauben und Schrecken.

 


 

Entsetzliches Philistertum, dem das vorhandene Gesetz so heilig ist, daß ihm alles, was dieses nicht strafend erreichen kann, erlaubt und selbst heilig wird – jene Greuel der schleichenden Schufterei, die bodenloseste Gemeinheit, die sublimiertesten Frevel an Gott.

 


 

Unsere Staatsgewalten halten an Jesus Christus so fest, um das Aufkommen neuer Heilande zu verhindern. Teufel auch, wie unbequem wäre ein solcher ungestümer Forderer!

 


 

In den römischen Zirken starb man nicht um die Dreieinigkeits- oder Abendmahlslehre oder sonst so was; da starb man im Namen des göttlichen Nazareners, um diese Welt für eine bessere einzutauschen. Man gab sich hin, um neu aufzuleben; später zerfleischte man sich gegenseitig, um übereinander zu triumphieren.

 


 

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