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Gutenberg > William Shakespeare >

Antonius und Cleopatra

William Shakespeare: Antonius und Cleopatra - Kapitel 39
Quellenangabe
typetragedy
booktitleJulius Cäsar ? Antonius und Cleopatra ? Coriolanus
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20633-X
titleAntonius und Cleopatra
pages85-88
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Alexandrien. Ein Zimmer im Monument

Cleopatra, Charmion und Iras treten auf

Cleopatra.
Schon gibt Verzweiflung mir ein beßres Leben;
Armselig ist es, Cäsar sein: da er
Fortuna nicht, ist er nun Knecht Fortunens,
Handlanger ihres Willens. – Größe ist's,
Das tun, was alle andern Taten endigt,
Zufall in Ketten schlägt, verrammt den Wechsel,
Fest schläft und nicht nach jenem Kot mehr hungert,
Des Bettlers Amm und Cäsars.

Proculejus, Gallus und Soldaten erscheinen unten an der Tür des Begräbnisses.

Proculejus.
Cäsar begrüßt Ägyptens Königin
Und heißt dich sinnen, welchen billigen Wunsch
Er dir gewähren soll.

Cleopatra (von innen).
Wie ist dein Name?

Proculejus.
Mein Nam ist Proculejus.

Cleopatra.
Mark Anton
Sprach mir von Euch, hieß mich auf Euch vertraun;
Doch wenig soll mich's kümmern, ob Ihr täuscht,
Da mir Vertraun nicht nutzt. Will Euer Herr
Zu seiner Bettlerin ein fürstlich Haupt,
Sagt: Majestät, schon anstandshalber, dürfe
Nicht wen'ger betteln als ein Reich. Gefällt's ihm,
Für meinen Sohn Ägypten mir zu schenken,
So gibt er mir so viel des Meinen, daß ich
Ihm kniend danken will.

Proculejus.
Habt guten Mut!
Ihr fielt in Fürstenhand, seid unbesorgt,
Vertraut Euch ohne Rücksicht meinem Herrn,
Der so voll Gnad ist, daß sie überströmt
Auf alle Hilfsbedürftgen. Ich bericht ihm
Von Eurer Fügsamkeit, und er erscheint Euch
Als Sieger, der der Güte Beistand sucht,
Wo man um Gnade kniet.

Cleopatra.
O meldet ihm,
Ich, seines Glücks Vasallin, bring ihm dar
Die Hoheit, die er sich gewann: gehorchen
Lern ich jetzt stündlich, und mit Freuden säh ich
Sein Angesicht.

Proculejus.
Dies sag ich, werte Fürstin;
Seid ruhig, denn ich weiß, Eur Unglück weckt
Des Mitleid, der's veranlaßt.

Gallus.
Ihr seht, wie leicht wir jetzt sie überfallen!

(Proculejus und einige von der Wache ersteigen das Grabmal auf einer Leiter und umringen Cleopatra. Zugleich wird das Tor entriegelt und aufgesprengt.)

Bewacht sie gut, bis Cäsar kommt. (Ab.)

Iras.
O Fürstin!

Charmion.
Cleopatra! Du bist gefangen – Fürstin!

Cleopatra.
Schnell, liebe Hand!

(Zieht einen Dolch hervor.)

Proculejus.
Halt, edle Frau: laßt ab!
(Er greift und entwaffnet sie.)
Tut Euch nicht selbst so nah; dies soll Euch retten,
Nicht Euch verraten!

Cleopatra.
Wie? vom Tode auch,
Der selbst den Hund von seiner Qual erlöst?

Proculejus.
Entzieht Euch nicht des Feldherrn Gnade, Fürstin,
Durch Euern Untergang! – Die Welt erfahre
Das Wirken seiner Großmut, das Eur Tod
Nicht läßt zum Ziel gelangen.

Cleopatra.
Tod, wo bist du?
Komm her! Komm, komm! Nimm eine Königin,
Mehr wert als viele Säuglinge und Bettler! –

Proculejus.
O mäßigt Euch! –

Cleopatra.
Freund, keine Speise nehm ich, Freund, nicht trink ich,
Und wenn es einmal müßig Schwatzen gilt,
Schlaf ich auch nicht: dies irdsche Haus zerstör ich;
Tu Cäsar, was er kann. Wißt, Herr, nicht steh ich
In Ketten je an Eures Feldherrn Hof,
Noch soll mich je das keusche Auge züchtgen
Der nüchternen Octavia. Hochgehoben
Sollt ich des schmähnden Roms jubelndem Pöbel
Zur Schau stehn? Lieber sei ein Sumpf Ägyptens
Mein freundlich Grab! Lieber in Nilus' Schlamm
Legt mich ganz nackt, laßt mich die Wasserfliegen
Zum Scheusal stechen; lieber macht Ägyptens
Erhabne Pyramiden mir zum Galgen
Und hängt mich auf in Ketten!

Proculejus.
Ihr dehnt weiter
Die Bilder solches Schauders, als Euch Cäsar
Veranlassung wird geben.

Dolabella tritt auf.

Dolabella.
Proculejus,
Was du getan, weiß Cäsar, dein Gebieter. –
Er hat gesandt nach dir; die Königin
Nehm ich in meine Hut.

Proculejus.
Wohl, Dolabella,
Mir um so lieber. Seid nicht streng mit ihr. –
Cäsarn bestell ich, was du irgend wünschest,
Wenn du mir's aufträgst.

Cleopatra.
Sprich, ich wolle sterben.

(Proculejus mit den Soldaten ab.)

Dolabella.
Erhabne Kaisrin, hörtet Ihr von mir?

Cleopatra.
Ich weiß nicht.

Dolabella.
Ganz gewiß, Ihr kennt mich schon.

Cleopatra.
Gleichviel ja, wen ich kenne, was ich hörte; –
Ihr lacht, wenn Fraun und Kinder Träum erzählen;
Nicht wahr? Ihr lacht? –

Dolabella.
Was wollt Ihr damit sagen?

Cleopatra.
Mir träumt', es lebt' ein Feldherr Mark Anton –
Ach, noch ein solcher Schlaf, damit ich nur
Noch einmal sähe solchen Mann! –

Dolabella.
Gefällt's Euch...

Cleopatra.
Sein Antlitz war der Himmel: darin standen
Sonne und Mond, kreisten und gaben Licht
Dem kleinen O, der Erde.

Dolabella.
Hohes Wesen...

Cleopatra.
Den Ozean überschritt sein Bein; sein Arm
Erhoben, ward Helmschmuck der Welt; sein Wort
War Sphärenklang, wenn er mit Freunden sprach;
Doch galt's, den Weltkreis stürmisch zu erschüttern,
War er wie Donnerrollen. Seine Güte –
Kein Winter jemals; immer blieb sie Herbst,
Die mehr noch wuchs im Ernten. Seine Freuden –
Delphinen gleich – stets ragte hoch sein Nacken
Aus ihrer Flut; es trugen seine Farben
Krone wie Fürstenhut; gleich Münzen fielen
Ihm aus der Tasche Königreich' und Inseln –

Dolabella.
Cleopatra...

Cleopatra.
Gab es wohl jemals, gibt's je solchen Mann,
Wie ich ihn sah im Traum? –

Dolabella.
Nein, edle Fürstin! –

Cleopatra.
Du lügst, hinauf bis zu dem Ohr der Götter!
Doch gab es je, gibt's jemals einen solchen,
So überragt er alles Maß des Träumens: –
Stoff mangelt der Natur,
Die Wunderform des Traums zu überbieten;
Doch daß sie einen Mark Anton ersann,
Dies Kunststück schlug die Traumwelt völlig nieder,
All ihre Schatten tilgend.

Dolabella.
Fürstin, hört:
Groß wie Ihr selbst ist Eur Verlust, und Ihr
Tragt ihn der Last entsprechend. Mög ich nie
Ersehntes Ziel erreichen, fühl ich nicht
Durch Rückschlag Eures Grams den tiefsten Schmerz,
Bis in des Herzens Grund.

Cleopatra.
Ich dank Euch, Freund. –
Wißt Ihr, was Cäsar über mich beschloß?

Dolabella.
Ich wollt, Ihr wüßtet, was ich ungern sage.

Cleopatra.
Ich bitt Euch, Herr...

Dolabella.
Wie groß sein Edelmut –

Cleopatra.
Er will mich im Triumph aufführen?

Dolabella.
Fürstin,
So ist's, ich weiß es.

(Hinter der Szene «Platz! macht Platz dem Cäsar!»)
Cäsar, Gallus, Proculejus, Mäcenas, Seleucus und Gefolge treten auf.

Cäsar.
Wo ist die Kön'gin von Ägypten?

Dolabella.
's ist
Der Imperator, edle Frau.

(Cleopatra kniet.)

Cäsar.
Steht auf;
Ihr sollt nicht knien, ich bitt Euch drum; steht auf;
Steht auf, Ägypten!

Cleopatra.
Also wollten es
Die Götter; meinem Sieger und Gebieter
Muß ich gehorchen.

Cäsar.
Laßt das trübe Sinnen!
Wir wolln des Unrechts, das Ihr uns erwiesen,
Obschon in unser Fleisch geschrieben, uns
Erinnern als der Wirkung bloßen Zufalls.

Cleopatra.
Allein'ger Herr der Welt,
Ich kann nicht meinem Tun das Wort so führen.
Daß es ganz klar erscheine: ich bekenn es,
Mich drücken solche Schwächen, wie schon sonst
Oft mein Geschlecht beschämt.

Cäsar.
Cleopatra,
Wir wollen mildern lieber als verstärken,
Wenn ihr Euch unsrer Absicht fügsam zeigt,
Die gegen Euch sehr sanft ist, findet Ihr
Gewinn in diesem Tausch. Doch wenn Ihr sucht,
Auf mich den Schein der Grausamkeit zu werfen,
Antonius' Bahn betretend, raubt Ihr Euch,
Was ich Euch zugedacht: stürzt Eure Kinder
In den Ruin, vor dem ich gern sie schützte,
Wenn Ihr auf mich vertraut. – So geh ich nun.

Cleopatra.
Das könnt Ihr durch alle Welt! Sie ist Euer,
Und uns, Schildzeichen und Trophäen gleich,
Hängt auf, wo's Euch gefällt. Hier, edler Herr...

Cäsar.
Ihr selbst sollt für Cleopatra mir raten.

Cleopatra.
Hier steht an Geld, Gerät und Schmuck verzeichnet,
Was mein Besitz: es ist genau verfaßt,
Nur Kleinigkeiten fehlen; wo ist Seleucus?

Seleucus.
Hier, Fürstin.

Cleopatra.
Dies ist mein Schatzverwalter; fragt ihn, Herr,
Daß ich Euch nichts entzog, laßt ihn versichern
Bei seiner Pflicht. – Seleucus, sprich die Wahrheit! –

Seleucus.
Eh schließt den Mund mir, als daß ich auf Pflicht
Versichre, was nicht wahr.

Cleopatra.
Was denn verhehlt ich?

Seleucus.
Genug, damit zu kaufen, was Ihr hergabt.

Cäsar.
Errötet nicht, Cleopatra! Ich lob Euch
Für Eure Klugheit.

Cleopatra.
Seht, o Cäsar, lernt
Des Siegers Macht! Die Meinen werden Euer
Und, tauschen wir das Glück, die Euern mein.
Dieses Seleucus' schnöder Undank macht
Ganz wütend mich. O Sklav! Nicht treuer du
Als feile Liebe! schleichst du fort? Du sollst
Fortschleichen, glaub mir's! Doch dein Aug erhasch ich,
Und hätt es Flügel. Hund! Sklav! Fühllos Tier! –
O Niederträchtiger! –

Cäsar.
Fürstin, mäßigt Euch! –

Cleopatra.
O Cäsar, wie verwundet diese Schmach!
Daß, während du geruhst mich zu besuchen,
Die Ehre gönnend Deiner Fürstlichkeit
Der Tiefgebeugten – daß mein eigner Knecht
Vermehrt die große Summe meines Unglücks
Durch Zutat seiner Bosheit. – Gesetzt auch, Cäsar,
Daß ich behielt ein wenig Frauentand,
Unwichtig Spielwerk, Dinge solches Werts,
Wie man sie leichten Freunden schenkt; – gesetzt,
Ein edles Kleinod hätt ich aufgespart,
Für Livia und Octavia, ihr Vermitteln
Mir zu gewinnen; – mußte mich verraten
Ein Mensch, den ich genährt? O Gott, das stürzt mich
Noch tiefer als mein Fall. Du weilst noch? – Fort! –
Sonst sollen Funken meines Geistes sprühn
Aus meines Unglücks Asche. Wärst du menschlich,
Du hättst Mitleid für mich.

Cäsar.
Geh fort, Seleucus.

(Seleucus geht.)

Cleopatra.
Ihr wißt, uns Größte trifft sooft Verdacht
Um das, was andre taten; fallen wir,
So kommt auf unser Haupt die fremde Schuld
Statt Mitleid, das uns ziemte.

Cäsar.
Königin,
Nicht was Ihr angezeigt, noch was verhehlt,
Wolln wir als Beute ansehn; Euch verbleib es.
Schaltet damit nach Willkür. Denkt auch nicht,
Cäsar sei Handelsmann, mit Euch zu dingen
Um Kaufmannswaren: deshalb seid getrost,
Macht Euren Wahn zum Kerker nicht. Nein, Teure,
Wir wollen so mit Euch verfügen, wie
Ihr selbst uns raten werdet: eßt und schlaft;
So sehr gehört Euch unsre Sorg und Tröstung,
Daß Ihr als Freund uns finden sollt. Lebt wohl.

Cleopatra.
Mein Herr mein Sieger!

Cäsar.
Nicht also; lebt wohl! –

(Cäsar und sein Gefolge ab.)

Cleopatra.
Ha, Worte, Kinder! Worte! Daß ich nur
Nicht edel an mir handle! – Horch du, Charmion. –

(Spricht leise mit Charmion.)

Iras.
Zu Ende denn! der klare Tag ist hin
Das Dunkel wartet uns!

Cleopatra.
Komm schnell zurück;
Ich hab es schon bestellt, es ist besorgt.
Geb, daß man's eilig bringe.

Charmion.
Ja, so sei's.

Dolabella kommt.

Dolabella.
Wo ist die Fürstin?

Charmion.
Hier. (Geht ab.)

Cleopatra.
Nun, Dolabella...

Dolabella.
Auf Eures königlichen Worts Geheiß,
Dem meine Lieb als heilig treu gehorcht,
Meld ich Euch dies: durch Syrien denkt nun Cäsar
Den Marsch zu lenken; innerhalb drei Tagen
Schickt er mit Euern Kindern Euch voraus.
Nutzt diese Frist, so gut Ihr könnt: ich tat
Nach Euerm Wunsch und meinem Wort.

Cleopatra.
Ich bleib Euch
Verpflichtet, Dolabella.

Dolabella.
Ich Eur Knecht.
Lebt, Fürstin, wohl, ich muß dem Cäsar folgen.

Cleopatra.
Lebt wohl! ich dank Euch.
(Dolabella geht ab.)
Nun, was denkst du, Iras?
Du, als fein ägyptisch Püppchen, stehst
In Rom zur Schau wie ich: Handwerkervolk,
Mit schmutzgem Schurzfell, Maß und Hammer, hebt
Uns auf, uns zu besehn; ihr dicker Hauch,
Widrig von ekler Speis, umwölkt uns dampfend
Und zwingt zu atmen ihren Dunst.

Iras.
Verhüten's
Die Götter! –

Cleopatra.
O ganz unfehlbar, Iras! Freche Liktorn
Packen uns an wie Huren; schreiend singt uns
Der Bänkelsänger; aus dem Stegreif spielen
Uns selbst und Alexandriens Gelage
Die lustgen Histrionen: Mark Anton
Tritt auf im Weinrausch; und ein quäkender Junge
Wird als Cleopatra meine Majestät
In einer Metze Stellung höhnen! –

Iras.
Götter! –

Cleopatra.
Ja, ganz gewiß!

Iras.
Das seh ich nimmer. Meine Nägel, weiß ich,
Sind stärker als mein Auge.

Cleopatra.
Freilich, so nur
Höhnen wir ihren Anschlag und vernichten
Den aberwitzgen Plan.
    Charmion kommt zurück.
Nun, Charmion? Nun?
Schmückt mich als Königin, ihr Fraun; geht, holt
Mein schönstes Kleid; ich will zum Cydnus wieder
Und Mark Anton begegnen. Hurtig, Iras! –
Nun, edle Charmion, wirklich enden wir,
Und tatst du heut dein Amt, dann magst du spielen
Bis an den jüngsten Tag. Bringt Kron und alles. –
Was für ein Lärm?

(Iras geht. Lärm hinter der Szene.)
Ein Soldat tritt auf.

Soldat.
Es steht ein Bauer draußen,
Der will durchaus mit Eurer Hoheit reden:
Er bringt Euch Feigen.

Cleopatra.
Laßt ihn herein. (Soldat ab.) Welch armes Werkzeug oft
Das Edelste vollführt! Er bringt mir Freiheit!
Mein Vorsatz wanket nicht; nichts fühl ich mehr
Vom Weib in mir: vom Kopf zu Fuß ganz bin ich
Nun marmorfest; der unbeständge Mond
Ist mein Planet nicht mehr.

Der Soldat kommt zurück mit einem Bauer, welcher einen Korb trägt.

Soldat.
Dies ist der Mann.

Cleopatra.
Geh fort und laß ihn hier.
(Soldat ab.)
Hast du den artgen Nilwurm mitgebracht,
Der tötet ohne Schmerz?

Bauer.
Ja, freilich; aber ich möchte nicht der Mann sein, der's Euch riete, Euch mit ihm abzugeben, denn sein Beißen ist ganz unsterblich: die welche daran verscheiden, kommen selten oder nie wieder auf.

Cleopatra.
Weißt du von einem, der daran gestorben?

Bauer.
Sehr viele; Mannsleute und Frauensleute dazu! Ich hörte ganz kürzlich, noch gestern, von einer, ein recht braves Weib, nur etwas dem Lügen ergeben (und das sollte eine Frau nie sein, außer in redlicher Art und Weise), die erzählte, wie sie an seinem Biß gestorben war, was sie für Schmerzen gefühlt. Mein Seel, sie sagt' viel Gutes von dem Wurm; aber wer den Leuten alles glauben will, was sie sagen, dem hilft nicht die Hälfte von dem, was sie tun. Das ist aber auf jeden Fall eine inkomplette Wahrheit: der Wurm ist ein kurioser Wurm.

Cleopatra.
Geh, mach dich fort, leb wohl!

Bauer.
Ich wünsche Euch viel Zeitvertreib von dem Wurm.

Cleopatra.
Leb wohl!

Bauer.
Das müßt Ihr bedenken, seht Ihr, daß der Wurm nicht von Art läßt.

Cleopatra.
Ja, ja, leb wohl!

Bauer.
Seht Ihr, dem Wurm ist nicht zu trauen, außer in gescheiter Leute Händen; denn, mein Seel, es steckt nichts Gutes in dem Wurm.

Cleopatra.
Sei unbesorgt, wir wolln ihn hüten! –

Bauer.
Recht schön. Gebt ihm nichts, ich bitt Euch; er ist sein Futter nicht wert.

Cleopatra.
Wird er mich fressen?

Bauer.
Denkt doch nicht, ich wäre so dumm, daß ich nicht wissen sollte, der Teufel selbst werde kein Weibsbild fressen. Ich weiß, ein Weibsbild ist ein Gericht für die Götter, wenn's der Teufel nicht zugerichtet hat; aber, mein Seel, diese verfluchten Kerle von Teufeln machen den Göttern viel Verdruß mit den Weibern: denn von jedem Dutzend, das sie erschaffen, verderben ihnen die Teufel sechse.

Cleopatra.
Nun geh nur, geh! leb wohl.

Bauer.
Ja wahrhaftig, ich wünsch Euch viel Zeitvertreib von dem Wurm. (Ab.)

Iras kommt zurück mit Krone und Kleid.

Cleopatra.
Den Mantel gib, setz mir die Krone auf,
Ich fühl ein Sehnen nach Unsterblichkeit!
Nun netzt kein Traubensaft die Lippe mehr. –
Rasch, gute Iras! Schnell! mich dünkt, ich höre
Antonius' Ruf: ich seh ihn sich erheben,
Mein edles Tun zu preisen; er verspottet
Des Cäsar Glück, das Zeus nur als Entschuldigung
Zukünftgen Zorns verleiht. Gemahl, ich komme. –
Jetzt schafft mein Mut ein Recht mir zu dem Titel!
Ganz Feur und Luft, geb ich dem niedern Leben
Die andern Elemente. – Seid ihr fertig,
So kommt, nehmt meiner Lippen letzte Wärme! –
Leb wohl, du gute Charmion! liebste Iras!
Ein langes Lebewohl!
(Küßt sie. Iras fällt hin und stirbt.)
Hab ich die Natter auf der Lippe? Fällst du?
Kann sich Natur so freundlich von dir trennen?
So trifft uns Tod wie Händedruck des Liebsten,
Schmerzlich und doch ersehnt. Liegst du so still?
Wenn du so hinscheidst, meldest du der Welt,
Sie sei nicht wert des Abschieds.

Charmion.
Schmilz, trübe Wolke, regne, und ich sage,
Daß selbst die Götter weinen.

Cleopatra.
Dies beschämt mich! –
Sieht sie zuerst Antonius' lockig Haupt,
Wird er sie fragen und den Kuß verschwenden,
Der mir ein Himmel ist. – Komm, tödlich Ding,
(Setzt die Schlange an ihre Brust.)
Dein scharfer Zahn löse mit eins des Lebens
Verwirrten Knoten. Armer, giftger Narr!
Sei zornig, mach ein End! O könntst du reden,
So hört ich dich den großen Cäsar schelten
Kurzsichtgen Tropf.

Charmion.
O Stern des Ostens!

Cleopatra.
Still,
Siehst du den Säugling nicht an meiner Brust
In Schlaf die Amme saugen?

Charmion.
Brich, mein Herz!

Cleopatra.
So süß wie Tau! so mild wie Luft! so lieblich –
O mein Antonius! – ja, dich nehm ich auch,
(Setzt eine zweite Schlange an ihren Arm.)
Was wart ich noch... (Fällt zurück und stirbt.)

Charmion.
... in dieser öden Welt? so fahre wohl!
Nun triumphiere, Tod! du führtest heim
Das schönste Fraunbild. Schließt euch, weiche Fenster!
Den goldnen Phöbus schaun hinfort nicht mehr
So königliche Augen. Deine Krone
Sitzt schief; ich richte sie; dann will ich spielen. – –

Wache stürzt herein.

Erste Wache.
Wo ist die Königin?

Charmion.
Still, weckt sie nicht! –

Erste Wache.
Cäsar schickt...

Charmion.
Viel zu langsam seine Boten! –
(Setzt sich die Schlange an.)
O komm! Nun schnell! Mach fort! Dich fühl ich kaum!

Erste Wache.
Kommt her; hier steht es schlimm, sie täuschten Cäsarn.

Zweite Wache.
Ruft Dolabella, Cäsar sandt ihn her!

Erste Wache.
Was gibt's hier? Charmion, ist das wohlgetan? –

Charmion.
Ja, wohlgetan; und wohl ziemt's einer Fürstin,
Die soviel hohen Königen entstammt –
Ah, Krieger! – – (Stirbt.)

Dolabella tritt auf.

Dolabella.
Wie steht's hier?

Zweite Wache.
Alle tot.

Dolabella.
Cäsar, dein Sorgen
Verfehlte nicht sein Ziel. Du selber kommst
Erfüllt zu sehn die grause Tat, die du
Gern hindern wolltest.

(Hinter der Szene: «Platz für Cäsar! Platz!»).
Cäsar tritt auf mit Gefolge.

Dolabella.
O Herr! Ihr wart ein allzu sichrer Augur,
Was Ihr besorgt, geschah.

Cäsar.
Ihr End erhaben! –
Sie riet, was wir gewollt, und königlich
Ging sie den eignen Weg. Wie starben sie?
Ich seh kein Blut.

Dolabella.
Wer war zuletzt mit ihnen?

Erste Wache.
Ein schlichter Landmann der ihr Feigen brachte;
Dies war sein Korb.

Cäsar.
Gift also! –

Erste Wache.
Eben noch,
O Cäsar, lebte Charmion, stand und sprach
Und ordnet' an dem Königsdiadem
Der toten Herrin; zitternd stand sie da,
Und plötzlich sank sie nieder.

Cäsar.
Edle Schwachheit!
Hätten sie Gift geschluckt, so fände sich
Geschwulst von außen; doch sie liegt wie schlafend,
Als wollt im starken Netze ihrer Anmut
Sie fangen einen zweiten Mark Anton.

Dolabella.
Aus ihrer Brust floß Blut; sie ist geschwollen,
Und ebenso ihr Arm.

Erste Wache.
Dann war's 'ne Schlange; auf den Feigenblättern
Ist Schleim zu sehn, so wie die Schlang ihn läßt
In Höhlungen des Nils.

Cäsar.
Sehr zu vermuten,
Daß so sie starb: denn mir erzählt' ihr Arzt,
Wie oft und wiederholt sie nachgeforscht
Schmerzlosen Todesarten. Nehmt ihr Bett
Und tragt die Dienerinnen fort von hier;
Bei ihrem Mark Anton laßt sie bestatten! –
Kein Grab der Erde schließt je wieder ein
Solch hohes Paar. Der ernste Ausgang rührt
Selbst den, der ihn veranlaßt, und ihr Schicksal
Wirbt so viel Leid für sie, als Ruhm für den,
Der sie gestürzt. Laßt unsre Kriegerscharen
In Feierpracht begleiten diese Bahren.
Und dann nach Rom. – Komm, Dolabella, dir
Vertraun wir der Bestattung große Zier.

(Alle gehn ab.)

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