Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Fallada >

Anton und Gerda

Hans Fallada: Anton und Gerda - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleAnton und Gerda
publisherGünter Caspar
year
printrun
isbn
editorGünter Caspar
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
created20170823
projectidc0c32339
Schließen

Navigation:

Viertes Buch

Motiv

Später, in der Erinnerung schien es ihm, als hätten an allen Bahndämmen ihre Fahrt entlang golden grüne Birken gestanden; das Haupt gegen den warmen eiligen Luftzug, der sein und ihr Haar verwirrte, gesenkt, hatten sie gemeinschaftlich ausgeblickt und bei mancher bergan sich werfenden Wiese an das stundenlange, blinzelnde Liegen in Sonne gedacht, das nun kommen würde.

Und als eine beinahe schmerzhaft heitere Vision hatten sie auf einer Waldlichtung ein Häuschen gesehen, mit grünen Läden, von feierlichen Pappeln umschritten, und – verlassen schien es. In die Polster zurückgeworfen, die Blicke ineinander, hatten sie sich in einen Märchentraum von Fernsein aller Menschen verspielt; sie waren leiser geworden, sie hatten am Ende schweigend gesessen. Das noch festgehaltene Lächeln wehmütiger, doch der Blick glänzend von der Liebe, der einen großen Liebe.

Und – indes längst andere Stätten, Bäume, Hänge, Getier und Fenster vorüberhuschten –, und er hatte sich tiefer in eine selige Träumerei verloren.

Er sah sie hinausgehen, eines frühen Morgens, in jenen kleinen Garten, über dessen Lattenzaun Blumen sich drängten über Blumen. Die Sonne war kaum auf, ihr erster rötlicher Schimmer veränderte die Wipfel der Bäume.

Von seiner Seite war sie fortgeglitten, im Halbschlummer hatte er's gespürt, nun sah er sie durch die tauigen Blumenstauden gleiten, als wüßte sie nichts. Er begriff: sie schlief. Sie träumte wohl. Diese geöffneten Augen sahen nichts, und nur der sachte Fuß ertastete zage seinen Weg. Dann hatte die Tür im Weidenband geknirscht, schnell und schneller war sie über die Lichtung geglitten, durch die ziehenden Erdnebel, selber ein zarter Nebel.

Er hatte sie wieder gesehen, kniend auf dem Berge. Eine Quelle entsprang unterhalb der Kuppe, an ihr kniete sie. Sie warf drei grüne Zweige ins quicke Wasser, sie wusch andächtig ihr Gesicht, sie hob den feierlich erkennenden Blick zur Sonne, die handbreit über dem Horizont stand.

Sie sang.

»Wir werden ein Kind haben«, sang sie, »wir werden einen schönen Sohn haben«, sang sie ihm zu.

Unvergeßliche Vögel erhoben sich bunt aus den Zweigen in das goldene Licht, Märchenschleier wehten, eine endlose Freude ließ sein Herz erbeben.

»Wir werden ein Kind haben«, sang sie, »einen schönen und starken Sohn.«

 

Sie sah vor sich und zu ihm hin. Oh, sie hatte es vielleicht mehr noch im Blute als er, dieses grünlädige Haus, aufgewachsen aus dem Gestreif und Gesperr einer waldigen Wiese. Aber sie sah kein Bild. Dieses hier: hinzufahren mit ihm, den sie liebte, der sie völlig erfüllte, das war jenes Haus schon und alles Ende, über dem es nichts Erdenkliches mehr geben konnte. Solch Glück war nicht zu überbieten. Er träumte sich ein Haus, ein äußerstes und entscheidendes Alleinsein; sie wußte, kein Alleinsein vermochte jenes Gespräch im Wartesaal zu überbieten, und Wiederholung jenes Feierlichen wäre als Äußerstes dem Leben noch abzutrotzen, nein, abzuschmeicheln.

Sie bewegte ein wenig die Schulter, schnoberte, krauste die Stirn. »Aber wir werden essen müssen, du! Und Essen geben uns nur die schlechten Menschen. Da sind sie schon wieder, siehst du!«

»Aber ...« Er schiebt die Schulter vor, öffnet die Hände, als griffe er etwas. »Aber ...«

Sie deckt rasch ihre Hand auf die seinen. »Pfui! Sage nicht, daß du selber den Garten bestellen würdest! Was du für ein Bauer wärest, mit diesen Schultern, deinen weichen Händen! Ziehe kein Gesicht, liebe ich dich nicht so wie du bist?«

»Aber ich will gar nicht das Land selbst bebauen. Ich weiß etwas viel Besseres. Wir gehen in die Südsee, auf eine Insel. Dort ist es ewig warm, kein Winter. Die Bäume tragen, was wir zum Leben brauchen. Wir sind allein. Keine Menschen. Denk doch, keine Menschen!«

»Wir müssen doch ein Haus haben, Kleider, Möbel?«

»Ein Haus –? Wir schlafen unter Bäumen, regnet es, in einer Höhle. Möbel – für was denn? Wozu Kleider, da es immer warm ist?«

Sie entschied: »Ich mag sie nicht, deine Insel. Ich will nicht so leben. Ich muß schöne Dinge haben, viele: Pelze und Kleider und Schmuck. Schönes Essen. Wäsche. Und Wein. Und Parfüms. Dann das Nacktsein. Ich mag nackt sein, morgens, nackt über einen roten Teppich laufen, das Fenster aufstoßen, Sonne einlassen. Am liebsten nackt in ein Zimmer huschen, an dem am Abend vorher viele Männer waren, die mich alle haben wollten, und dann um die leeren Sessel tanzen und höhnen. Aber immer nackt sein, wie langweilig! Wozu sind schöne Kleider da? Oh, ich habe welche, in denen bin ich froh wie ein Mädel, übermütig, lache, daß ich neben dem Stuhl sitze. Und andere, die machen mich feierlich, kurze Schritte muß ich gehen, und die Brust steht ganz fest. Kleider, schöne Dinge – geh mit ewigem Nacktsein auf einer Insel.«

Leise: »Aber die andern! Denke an sie. Ich muß immer an sie denken. Eines Tages ...«

»Nichts. Nichts! Es gibt keine andern. Es sind immer nur du und ich. Nur du und ich! Die andern leben ja nicht. Nur wir sind da. Du und ich.«

»Heute.«

Hierhin – dorthin

Der Wagen schaukelt, leis klirren Glas und Geschirr, unter dem Blick eines Dicken neigt sich Anton zu Gerda und macht eine Bemerkung, die frech sein muß, denn jener schnauft kurz.

Drüben zischelt leise Seide, das Land breitet sich vorbei, schlägt sich auf, rasch, Wald um Feld, Feld um Wiese, vorbei, sie neigt sich etwas vor, spricht lächelnd, die Bänder am Arm klingeln, der Kellner sagt: »Gnädige Frau«, sie lächeln, sie lehnen sich zurück.

Sie fühlen die Blicke der andern auf sich, diese mißbilligenden, prüferisch abschätzenden, und sie machen's, daß ihre Wangen sich dunkler färben, ihre Blicke glänzender sind. Sie wollen schön sein, und dieser Wille macht sie schön, läßt in ihren Stimmen Frohsinn läuten.

Aber immer wieder kommt ein Augenblick, da es sachter in ihnen wird. Die Welle Übermut ebbt zurück, eine warme Hand streift die andere, sie stehen am Ende des Zuges, ihre Blicke begegnen sich und enteilen. Eine unnennbare, unbestimmte Schwermut steigt wolkig in ihnen auf, läßt die jungen Leiber leise erschauern, entfärbt die Wangen um eine Nuance. Sie sehen das Land entschwinden, und es ist, als risse der stampfende Zug mit ihm auch sie aus ihrer Liebe fort, die irgendwo dort hinten bleibt, du ahnst, unerreichbar, nie wiederzufinden.

Plötzlich kommt Angst wie ein Zwang, nach Bremsenzug sie bei der Hand zu nehmen, auszusteigen hier im Unbekannten, ehe es noch zu spät ist. Denn wie, wenn dies alles wäre, was noch zu erwarten, ein Dahinstampfen und schon Entschwinden, ein kaum »Erblicktwerden« und schon »Entschwundensein«? Wenn nichts weiter käme? Diese endlose Fahrt, rüttelnd, ohne Ende eben, zweie nebeneinander, trostlosen Blickes hinausstarrend, kaum je berühren sich die Schultern, kreuzen sich Blicke, Abschied nehmend, und verweilten doch so gerne –?

Sie faßt seine Schulter, sie ruft jubelnd: »Das Meer! Sieh doch das Meer!«

Da liegt es, ein unendlich tiefblauer schmaler Streif, zwischen gilbenden, weißenden Feldern.

»Es ist nur der Sund«, murmelt er, »der Strelasund.«

Aber sein Herz weitet sich. Ein Unbestimmtes, eine Rührung steigt in ihm auf, ein beglückendes Gefühl von Befangenheit läßt ihn kurz aufatmen, rasch schlucken. Ist es ihm doch, als zeige er der einzigen ewigen Schönheit auf Erden nun seine Liebe.

Der Sund blitzt noch einmal auf, Häuser schieben sich vor, Fabriken, Wäsche flattert im Wind, der Sund ist fort. Er stößt einen tiefen Seufzer aus. »Wir werden eine herrliche Dampferfahrt haben, du!«

Dampfer Möwe

»Fahre hin mit uns, fröhlich pochendes Schiff, kleiner Dampfer! Dort hinten stehen noch groß und in einem feuchten Graugrün die Türme der Stadt, aber nun, da der frische Seewind deinen Schleier faßt, da sich immer neue, immer glänzendere Flächen vor uns, seitlich auftun, werden sie so schnell klein und unbedeutend: sie halten das Auge nicht mehr, es ruht auf dem Wasser, das keinen Anhaltspunkt hat und immer hält. Es rauht sich auf, kleine geschwinde Wellen laufen uns entgegen, die große, schwarze Boje schaukelt leise. Sieh dort drüben den Leuchtturm! Das Festland ist zu Ende, rechts und links Inseln: Hiddensee, Rügen.

Du findest diese Insel kahl? Langweilig? Du hast sie ganz klein erwartet, mit einem Haus, zwei Kühen und ein paar Bäumen im Windschutz? Nun sei sie nicht anders wie das Land, über dem da hinten nun schon ein graublauer Dunst hauchfein liegt? Groß? Zu groß?

Aber du vergißt: wir werden am Außenstrand wohnen. Nächstes Land nördlich, blicken wir über die Wellen, ist Finnland, und dieser Name ruft wach für mich eine dunkle Vorstellung von ungeheuren schwarzen Nadelwaldungen, aus denen Tag wie Nacht der Qualm frisch angelegter oder auseinander gestoßener Kohlenmeiler zum Himmel steigt. Im Nordwind werden wir es riechen, dieses Land, in einem Geruch, durch dessen Teer und Harz Algen und Salz hindurchwehen.

Klein muß der Ort sein. Wie verlassen. Acht Häuser vielleicht. Wir werden uns ganz gehören, wie ich es träumte. Wie gut es von dir war, nicht in ein großes Seebad zu gehen. Alle hätten dich betrachtet, und ich wäre mir noch kleiner und jünger vorgekommen. Angst hätte ich gehabt vor ihren frechen Blicken, die Abwehr verlangen, und ich doch nicht gewußt, wie abzuwehren ist. Vielleicht hätte ich einen gefordert, und er hätte mich lachend ›dummer Schuljunge‹ genannt, in seinen Arm hätte er dich gezwungen, ihr wäret über den Sund davongelaufen, gleich nur noch ein paar kleine, ferne Gestalten, die über eine Meerwasserlache springen, um die nächste Ecke biegen und fort sind. Ich wäre allein gewesen, und was hätte ich tun können?

Du hast gelacht. Jawohl, du lachtest. Aber es klang zu scharf, dieses Lachen. Ist es darum, weil auch du dir mißtraust und jenes Bild für nicht so unmöglich hältst, wie ich glauben möchte und doch nicht kann? Nein, sieh mich nicht gut an. Das täuscht, und du bist nicht immer gut. Du bist es nur zu mir und nicht immer. Ich weiß es wohl, du würdest dich verachten, bliebe auf einem Gedemütigten noch ein Rest deiner Liebe. Du gingest, denn auch du bewunderst die Gewalt, und sei es auch nur die Kraft einer Faust. Ach, einen schwachen Körper haben und darum die Roheit jedes Lümmels fürchten müssen -: zersetzende, nie rastende Angst! Wie wäre denn das wieder gutzumachen, auch nur irgendwie einzuholen, welche Gebärde könnte man finden, dich wieder zurückzureißen in den hold verzauberten Kreis unserer Erlebtheiten, wenn irgendein Vieh vor dir mir den Hut vom Kopf schlug? Ich taumele. Die Wange schwillt rot an. Du siehst mich geduckt, den Sehnigen triumphierend, du wendest dich ab, du gehst. Welche Geste, welch äußerster Schrei wäre denn heraufzuholen aus einer roh gestoßenen Seele, der dich zurückriefe, so frei und so aus jeder Spannfeder des Gefühls geschnellt, daß du dich und mich nicht zu verachten brauchst und ich mich nicht?

Keiner. Denn schon, da du dich von dem Unterlegenen abwendest, müßte ich dich verachten und Liebe dürfte nicht Liebe mehr sein.

Du lächelst. Du siehst hinaus, der Wind hat an deinen Schläfen kleine Locken gekraust, du siehst fort von mir und meinen Worten. Hörst du sie nicht? Streift nur ihr Klang an deinem Ohr vorbei, und ist's dieser Klang, der dein Lächeln so rätselvoll traurig macht? Wo liegt sie, diese Traurigkeit? In dem Mund? In den leicht gehobenen Nasenflügeln? O es ist, weil ich deine Augen nicht sehe – schau mich doch an!

So ... und nun sage, was sollte ich tun, schlüge mich einer?«

»Schlage zurück, du!«

»Ich könnte es nicht, schon im Körperlichen gehemmt. Mehr noch im Seelischen. Nur eines beweist dieses Schlagen und Geschlagenwerden: die infame Lüge des Bürgers, die behauptet, der Geschlagene sei nun unehrlich. Wer zuschlägt, ist's. Der lügt!

Aber was soll das –? Beweise ich dies mir und dir nur darum, weil ich zu schwach bin, zu schlagen? Hasse ich nur darum die Kraft, weil ich selbst kraftlos bin? Ach, ich weiß es nicht. Ich sehe mich nur dastehen, geschlagen, gedemütigt, wehrlos. Du schaust mich an, ich kenne diesen Blick, der schon nichts mehr von mir weiß, du schaust mich an und gehst.

Ich ertrüge es nicht. O nun weiß ich, eine Waffe muß ich haben, ich habe sie, der Beleidiger stürzt, und du bist wieder in meinen Armen. Ich halte dich. Alles zerflattert vor dieser Nähe.

Wie dick die Luft der Maschine mit ihrem Öl um uns steht! Komm laß uns ans Gitter treten. Dieser Wind erfrischt gut. Nun halte den Blick ins Wasser, das so rasch entgleitet mit seinen Schaumkränzen, seinem helleren, tieferen Grün, unter dem man die stummen, herrlichen Vögel des Wassers ahnt, die Fische, deren Schwimmen eine schönere Sprache ist ...

Komm, wir wollen uns wieder setzen. Nicht dort am riechenden Schornstein, sondern hier auf die Bank bei der Treppe. Hier bläst der Wind, macht klar, die dummen Gedanken sind fort, die ziehenden Wasser nehmen sie weg. Ich kann wieder klar denken.

In welchen Wahnsinn war ich geraten! Ich, ich wollte jemand fordern, eine Waffe ziehen, Unsinn durch größeren Unsinn überbieten –? Nein, nicht größeren, denn das Ergebnis entscheidet nichts: geschwollene Backe, erschossener Mann wiegen völlig gleich. Stumpfsinniger Irrtum, das Ergebnis zu bewerten. Aber ich konnte denken, ich wußte, es war Sünde, und der andere lebte vielleicht noch in aller erlernten Lüge ...

Welch langer Weg vor uns! Wie viele Generationen müssen noch diesen Gedanken denken, ehe er das blödsinnige, triebmäßige Argument der Faust tötet, ehe er uns im Blute sitzt!

Auch ich hatte den andern im Blut. War es denn nicht eine meiner ersten Entdeckungen, daß die Gewalt Unsinn ist, und, nun wollte ich schlagen und schießen? Ach, ist man gedemütigt, spricht zuerst das Ererbte, und später erst – aber später ist zu spät – rührt sich Erworbenes.

Keiner hat Recht wie auf sich allein. Geschähe jenes – höre gut zu! -, schlüge mich einer, entrisse dich mir, entflöhe, verbliebe dem wahrhaft Beleidigten dieses Eine, und ich vollbrächte es vielleicht: abseits zu gehen und zu sterben. Und ich täte es! Möglich, daß dann, erführest du es, noch einmal die Sonne unsrer längst untergegangenen Liebe ein brennendes Rot in deine Seele würfe. Aber was nützte es mir -?

Du lächelst wieder. Dein Lächeln ist unbegreiflich leise und nicht einzufangen. Immer lächelst du. Immer bist du stumm. Hörst du mich überhaupt? Wo bist du?

Schon wieder lächelst du. Hier, am Meere, erfasse ich erst ganz, wie schön du bist. Auf diesem kleinen Dampfer, um den das Meer rauscht, fährst du zwischen den flachen, gelbgrünen Ufern dahin, ein Beutestück etwa, ein heimgebrachtes, ein herrliches Kunstwerk, dessen verschlungene Linien eine rätselhafte, ahnungsschwere Schrift bilden.

Auch die andern hier spüren es. Diese schweren, wie verhaltenen Landleute, die auf irgendeine Art nicht fertig geworden zu sein scheinen, hast du in Bewegung gebracht. Sie erklettern gar zu häufig den windumwehten Brückenbau, wo wir sitzen. Immer streichen sie dicht an dir vorüber, aber dann ist ihr Blick nicht auf dir. Er kommt erst wieder, wenn sie beim Kapitän am Ruder stehen. Sie begreifen dich nicht, niemand begreift dich; bloß schön vor sich hin zu blühen: unbegreiflichstes Geheimnis!«

 

»Ah, Liebste, es ist ganz anders! Jetzt weiß ich, warum sie so oft die Treppe hinaufsteigen! Du hast die Beine übergeschlagen, sie können gerade unter deine Röcke schauen. Darum also! Rücke hierher.

Du bleibst sitzen? Lächelst nur? Lächelst wieder? Du hast es also gewußt! Darum lächelst du?!!

Dämmerungswege ...

Der Dampfer schreit dreimal in den Abendhimmel hinaus, der nicht dunkler werden will, sondern in einem sachten und sanften Grün leuchtet.

Der Hafen taucht auf, Fischerboote schaukeln hastig in den Ausläuferwellen, endlich klappt die Brücke hinüber, ein Tumult beginnt. Sie warten bis zuletzt. Da sind die paar Wagen längst fort. Gerda sieht sich um. »Erwartet uns denn keiner? Ich habe doch telegraphiert.«

Ein Individuum nähert sich mit einer Karre. Ja, er sei vom Ostseehotel. Er solle das Gepäck holen. Ein Wagen? Nein, es gäbe keinen Wagen. Aber es seien doch Wagen dagewesen! Das seien die Wagen von den Gütern. Wie weit es sei? O nur zehn Minuten!

Anton ist stumm. Wie es draußen dunkler wird, so auch in ihm. Er fühlt einen Arm zu schwer und heiß in seinem lasten, er hört eine Stimme neben sich reden, die er nicht kennt: »... Kaffern ... Bande ... unmögliche Wege ...«

Das Dorf ist zu Ende. Sie biegen in einen Feldweg ein, in der Nähe hochstämmige Waldung.

»Sieh doch, Gerda, da ist ja der Wald, den du so vermißtest!

»Ein schöner Wald! Kümmre dich lieber um den Weg. Wir sollen zehn Minuten gehen, und jetzt sind es schon dreißig.«

»Es ist sicher richtig, eben war noch ein Wegweiser da.«

»Wegweiser –! Nicht ein Haus ist zu sehen.«

»Sicher liegen sie dort im Wald.«

»Unsinn! Im Wald gibt es keine Häuser; dann ist es kein Wald. Wir hätten längst da sein müssen.«

 

Von drüben der feierliche Laut der Brandung klang näher; vor ihnen lag das erleuchtete Hotel. Gerda weigerte sich, es anzuerkennen. »Das ist ein zweistöckiger Kasten, kein Hotel.«

Sie versuchten Türen – »die elende Bande schläft wohl« – und gelangten in einen Saal, wo jachternd Leute ein Gesellschaftsspiel durchführten. Alles hielt inne, drehte sich um, glotzte.

Gerda fragte in die Starrenden nach dem Portier. Dies löste Heiterkeit aus. Im Hintergrund kicherte es. Flucht schien das beste, aber jene lähmende Feigheit, die Anton so gut für sich gekannt, nun hatte er sie auch für jene. Schweigen blieb allein; er stand neben ihr, ein wenig zurück, er versuchte, streng auszusehen, die kichernden Mädchen zu entdecken. Wann kam der Ausbruch? Er zitterte für ihn, er fürchtete ihn, nicht für sich – er hatte es immer gewußt, daß auch dies in ihr war, und sich's nie ernstlich geleugnet –, nein, er fürchtete diesen Ausbruch für sie.

Wie war es denn möglich, daß diese kleine Zärtliche, diese tollende Mädelschönheit mit Sekunden tiefster Versunkenheit schelten konnte, keifen? Sie, die in jedem Kleid, in jeder Farbe witterte, was zu ihr paßte, wesenseins mit ihr, scheute sich nicht vor Wörtern, die in ihrem Munde etwas sinnlos Groteskes annahmen.

Ihm war es, als wüste sie gegen sich selbst. Als treibe sie manchmal ein wahnwitziges Verlangen, die Schönheit, die sie war, zu schlagen, zu treten, in den Staub zu ziehen. Diese Augen, die nun flackerten, waren noch immer schön, aber es war ein Irrsinn in dieser Schönheit; diese zornig gekrümmte Hand hatte wohl nur darum so rosige, gepflegte Nägel, um, griff sie in Schmutz, wirklich etwas an sich zerstören zu können. Wie anders dies zornige, freche, gehässige Gesicht war und wie bekannt! Immer hatte es als Kern, als ein Kern in dem lieben gelegen, er hatte es nur vergessen wollen. Nun stand sie so da, und alle erkannten sie, gleich in der ersten Minute. Sie hatten hier Wochen leben wollen, still, friedlich, vergessend und vergessen, nun würde in jedem Blick zu lesen sein: »Das ist die Hure mit ihrem Geliebten.«

Vielleicht wußte sie dies auch, im gleichen Augenblick. Es tat ihr weh wohl. Auch sie litt. Wer so böse war, mußte darunter leiden. Und Güte, äußerste Güte war es von ihr, daß sie nicht ihn zum Ziel dieser Szene machte. Aber er hätte beinahe gewünscht ...

»Ich frage, wo der Portier ist? Warum können Sie nicht antworten? Was ist?«

Eine unterdrückte Stimme murmelt: »Hier gibt es doch gar keinen Portier!«

»Ich habe Sie nicht gefragt! Ich frage diesen Herrn hier! Nun, was wird? Warum gibt es hier gar keinen Portier? Warum stellen Sie sich nicht vor? Wissen Sie nicht, was Sie einer Dame ...«

Eine schrille Stimme schreit: »Wer ist das denn eigentlich?«

Ein Dicker sagt halblaut: »Und Sie lassen sich das gefallen, Langenberg?«

Der lange Semmelblonde blinzelt durch seinen Klemmer, er sieht dunkelrot aus. Sein Blick irrt von Gerda ab, glotzt auf Anton, seine Miene wird drohend und heldisch. »Mein Herr, wenn Sie Ihre Dame nicht ...«

Und Gerda noch drohender: »Lassen Sie bitte meinen Bruder in Frieden.«

Die Schrillstimme schreit: »Bruder ist gut!«

Der Dicke: »Aber sehr gut!«

Und Gerda: »Was stehen Sie hier? Können Sie nicht wenigstens einen Kellner ...«

Der Semmelblonde starrt hilflos, hypnotisiert, kaninchenhaft, er macht zwei Schritte zur Tür, als diese sich öffnet.

»Ah! Frau Helbig!«

»Hören Sie!«

Getuschel. Geflüster.

»Sie sind die Herrschaften aus Leipzig, die telegraphierten? Ihre Zimmer sind fertig. Bitte sehr.«

Anton atmet auf. Gerda macht eine schnelle, ungeduldige Geste, aber es kommt nicht weiter als bis zu einem: »Gut.«

Sie folgen der Frau.

 

Anton hebt grade das Gesicht vom Waschbecken, da hört er Stimmen, Streit, rasches, lautes, empörtes Sprechen, Geschrei, das Sprechen wird noch schneller, noch lauter. Er kennt diese Stimme. Diese im äußersten Moment vermiedene Szene – nun war es also doch zu ihr gekommen. Er schiebt seine Sachen in den Koffer zurück, bindet sich den Kragen um, den Schlips ... Da fliegt die Tür auf, Gerda steht in ihr, das Gesicht weiß vor Wut, so sinnlos verzerrt, es tut unendlich weh, in dies zerstörte hineinzuschauen.

»Packe sofort ein. Nicht eine Minute bleiben wir in diesem Dreckloch. Wir fahren sofort nach Stralsund zurück. Was, es geht kein Dampfer mehr? So nehmen wir einen Wagen! – Wir kommen nicht übers Wasser mit einem Wagen? Du, du willst nur Hindernisse finden. Du hast mich hierhergelockt. Du willst ...«

»Aber die Tür steht offen, Gerda. Laß sie mich wenigstens erst schließen ...«

»Nichts da. Nichts wird geschlossen. Mag sie doch hören, diese unverschämte Person ... Ich habe ein Bad bestellt, und unsre Zimmer sollten nebeneinander sein. Diese Frechheit ...«

Sie gehen über den Gang, die Treppe hinunter. Hinter ihm werden Türen geöffnet, er spürt verächtliche Blicke in seinem Rücken. Gerda spricht vor sich hin.

Im Speisesaal steht noch eine Gruppe, erregt flüsternd. Sie gehen vorbei. Stille entsteht. In sie sagt Gerda vernehmlich: »Daß du dem Hausdiener kein Trinkgeld gibst. Du bezahlst keinen Pfennig. Für diese Bande ist ein einziger Groschen zu schade.«

Jemand murmelt hörbar: »Freches Berliner Judenpack.«

Beifälliges Gemurmel.

Gerda fährt herum, tritt nah an die Gruppe: »Was? Wer sagte hier etwas?«

Sie sieht prachtvoll aus, findet er, ganz weiß und schwarz, mit dieser leicht erhobenen, gekrümmten Hand, die sicher zuschlagen wird, spricht einer ein Wort. (Und diese Schlagbereitschaft findet er plötzlich schön.)

Aber keiner sagt etwas. Unter völliger Stille verlassen sie Saal und Hotel.

Draußen ist es ganz dunkel. Keine Beleuchtung. Kein Mond. Gerda atmet ein paarmal rasch, dann spricht sie, viel sachter: »Wir gehen in das Dorf zurück, wo der Dampfer anlegte. Es sind ja nur zehn Minuten.«

Da er protestieren will: »Tu, was ich sage! Mach mich nicht noch einmal wild.«

›Noch einmal‹, denkt er, ›war denn ich schuld?‹

Sie hängt sich in seinen Arm ein, aber plötzlich will er nicht, er macht irgendeine ausweichende Geste, und sofort gibt sie ihn frei. »Wie du willst«, sagt sie so sanft.

Im Dunkeln machen sie von neuem den Weg. Im Dunkeln tappen sie durch das lichtlose Dorf. Kein Mensch. Der Nachtwächter gibt ihnen am Ende Auskunft. Hier ist alles überfüllt. Sie müssen zurück in das Seebad.

Sie steht einen Augenblick stumm, verharrend. »Gehen wir«, sagt sie kurz.

Und sie gehen den Weg zum dritten Male, getrennt, einzeln, stumm. Und da geschieht es, daß sein Herz sich bewegt in einem unendlichen Mitleid für diese laute stumme Schöne, die unter ihrer Schönheit leidet, sich selbst schmerzende Wunden schlägt, die auch nicht ganz ist, ungebrochen, ohne Naht und Fehl, sondern in der Dunkles mit Hellem kämpft und so oft traurige Siege erringt.

Auch sie klein, schwach. Auch sie am Boden. Auch in ihrem Gesicht der dumme rohe Absatz des Zwangs.

Könntest du doch sein ein fröhliches kleines Tier, bei dem Wollen und Tat eines sind, und ein Reueloses. Ach, deine schöne wilde Fröhlichkeit, wie ist sie umdampft von der Salzluft deiner traurigen Tränen!

»Bist du noch böse?« flüstert eines.

Er will antworten, heißes Schluchzen bedrängt seine Kehle, er tastet nach ihrer Hand, dieser alles zu sagen, im Dunkeln findet er sie nicht. Schweigend gehen sie weiter. Das Schweigen wächst, es ist groß und dunkel, eine ganze Nacht wie die um sie.

 

Am Ende liegen sie in einer kleinen Villa neben dem Hotel und wollen schlafen. Ihre Zimmer stoßen nicht aneinander, sie haben kein Bad.

Halbwach

Um ihn lag das Schlaflose – wie ein Grasfeld. Silbrige Rispen beugten sich im Wind, tanzten hoch, beugten sich neu. Man mußte sich wundern, wie silbrig sie waren, wie sie immer wieder fortglitten und neu sich ins Gesichtsfeld schoben. Man konnte spielen, nun ließe man seine Hand hinein, sie wurde gestrichen, sanft, sanft, aber nun stürzte das Schwarze einem vorbei, sehr rasch, immer tiefer schwarz. Kein Gras wehte mehr, doch der Laut der Wellen ging groß und ewig um ihn. Er wußte es nah, das Schöne, und er hätte ihm näher liegen mögen, im Sande etwa, mit dem Wind zu Häupten und tiefer hineinhorchen, viel tiefer.

Doch nun glitt auch das fort, es war nie dagewesen, und einzig ihre Stimme sprach zu ihm, jenes: »Komm zu mir, nachher.«

Er drückte den Kopf tiefer ins Kissen, seine Lippen formten die Laute nach, die in seinem Ohr klangen. In diesem blassen Gesicht, das nun im Dunkeln nahe sich schob, waren die Lider gesenkt gewesen, vor der lächerlichen Hausfrau hatten ihre Lippen beihin gesprochen: »Komm zu mir, nachher«, und laut und gleichgültig: »Ja, mein Bruder. Er hat seine Papiere nicht da, sie werden ihm nachgesandt.«

Welch verwirrender Zauber in diesem jungen Gesicht lag, das in gleicher Sekunde frech öffentliche Aufforderung zu Intimstem und ruhig verächtliche Erfindung einer Lüge in sich vereinte. Nun war es nahe bei ihm, dieses Gesicht, es zerging mit seinen Zügen, seiner Wellung, seinem Fleisch unter dem Blick des Halbwachen, wie ein herrlicher blaßgelber Blütenstrauß war es, duftend, köstlich und unbegreiflich, wie solch ein Blütenblatt in unsrer Hand: es lebt, die ganz kleine Aderung von der muschelförmigen Ansatzstelle bis zum vollendet geschwungenen Rand verfolgst du ... es lebt, aber das undurchdringliche Geheimnis seiner Formung und seines Seins überwältigt dich.

Der Strauß duftet stärker, das Grasfeld ist wieder da und verschwunden, ein Blumengarten nun, und am strohgedeckten Bienenschauer klettern die blaßgelben Rosen höher und höher, die Bienen summen so stark, die Blüten nicken im Wind, eine frohe, tiefe Stimme ruft: »Es ist gleich Essenszeit!«

Zwei Kinder beugen Blütendolden zu sich herab.

Eine dunkle Stimme spricht: »Das geht dich an!«

Die Bienen summen so stark.

Das andere Gesicht

Die Brandung ist wieder da. Eine weiße Helle springt in das Zimmer, huscht tagklar in Winkel, rastet nicht, ist wieder fort.

Er tastet sich zum Fenster. Es ist dunkel, das Geräusch der Wellen ist näher um ihn, da tut sich drüben, weit draußen in der Nacht, etwas blendend Weißes auf, so hell, daß es im Auge schmerzt, es wirft sich breit wie ein Viertelsfächerschlag zu ihm her – er meint in seinem Schein Bäume, Masten, schaumige Wellen zu sehen -, ist vorbei: »Der Leuchtturm! Ah, der Leuchtturm!«

Er geht zurück zum Bett. Weitoffner Augen liegt er da. Nun beginnt, da sein Herz laut und unhaltbar weiter dem Ende zu klopft, die Beschwörung dieses Herzens um das im Einschlaf geschaute Gesicht. Bild um Bild wird gerufen und umsonst gerufen: jenes Gesicht erscheint nicht. Es ist versunken in ihm, schöne Göttinnenstatue, die, als die Mannschaft schlief, über Bord glitt. Nun erhebt sich ein anderes Gesicht aus den Wellen, ein blasses, trauriges. Er hat es nie gesehen, aber diese böse Traurigkeit scheint ihm so wohlbekannt. Sie ist mit ihnen gewesen in allen Stunden, von der erstersten an, sie kam in jener rätselhaften Gartenhotelnacht wohl hervor, sie lag versteckt in dem zornigen Gesicht heute abend in jenem verfluchten Speisesaal. Aber vor allem war sie in jener Stimme heute nacht, die zum dritten Male den Weg zum Badeort gebot, die jenes stille »Wie du willst« sprach, als sein Arm dem ihren entglitt. – Unter dem Blick dieser traurigen, zweifelnden, hilflosen Augen stöhnte er auf. Jenes tiefe Mitleid krampfte von neuem sein Herz, das ihn da schon ergriffen. Er schluckte schnell. Seine Augen brannten.

»Nein, ich werde heute nacht nicht zu dir gehen. Süße Liebende, schmerzliche Geliebte, verzeih! In dieser Stunde bist du über aller Liebe. Ich denke wohl an jene Stunden, da der Tag grauer wurde und eine Amsel sang. Aber nun kommt zurück jene früheste Stunde, da du sprachest zu mir: ›Ich bin böse ... so böse ...‹ Ich wollte es dir nicht glauben, verzeih doch, es war Unrecht an dir. Ich glaubte dir zu sehr dein äußeres Sein. Wenn du geschwind warst und lachtest, wenn du Streiche tatst und trankst, wenn du in einer übermütigen Geste plötzlich versonnen wurdest und ein Lächeln an dir hattest, als gingest du durch einen blühenden Seegarten –: ich glaubte dir alles. Ja, ich glaubte dich wahrhaft frei, ohne Hemmung, Wille und Tat ein Schlag.

Nun sehe ich die Kette, die auch deine zarten Knöchel blutig schneidet. Auch du mußt lachen, wenn du weinen möchtest, du schweigst und gehst stumm neben dem Nächsten einher, da doch alles in dir dazu drängt, den Arm jenem dort um den Hals zu schlingen. Du leidest. Du bist klein.

Nein, nun bist du nicht mehr so weit über mir. Ich sehe dich näher, Leidende, unentrinnbar Gefesselte. Ich werde mehr den Mut haben, dich zu lieben, jetzt, da du böse bist, da du mir wehe tust. Glaubte ich nicht bisher, du tätest es aus Laune, mich zu kränken? Ach, ich lernte aus diesem Stimmklang, daß deine Launen dir auferlegt sind wie allen und daß sie dich nicht weniger schmerzen als mich.

Es ist mir, als ob diese dunkle und schweigende Wegstunde unsrer tiefsten Liebe erste Stunde gewesen sei. Da, als das brüderliche Mitleid in mich fiel wie tausend Tränen, wurdest du aus der Geliebten die Schwestergeliebte, die Vergötterung wandelte sich, über die starren Züge lief ein Schein ... Schau doch, sie leben nun, und in ihnen formtest du dich: du Mensch!«

Er sah grade vor sich hin. Das weiße Licht kam, ging, kam. Rastlos. Aus der kargen Dunkelheitminute leuchtete ihr Antlitz, noch unter Tränen. Er schien zu danken.

»Nein, ich komme heut nacht nicht zu dir. Wie könnte ich in dieser Stunde des Erkennens solch Geliebter sein?!«

Die Glücks- und Unglückstage

Eine Weile lag er still, fühlte in sich das starke Sein eines schönen Gefühls, dann verging es, ganz leise, unmerklich, und da er ihm erschrocken nachspürte, war es schon nicht mehr da. Eine fröhliche Heiterkeit tanzte in ihm, drehte sich zum Klang von Zimbeln, ihre lustigen Bänder flammten in der Sonne auf, ihre Füße, nackt auf dem Grase, waren geschwinde. Eine starke Stimme rief aus waldigen Bergen: »Nun lasset uns ernten.«

Und das Echo warf sie unaufhörlich einem nächsten zu. Er lauschte ihm nach, ferne klang es und ferner, kaum noch zu unterscheiden, nun schien es der sachte Atem einer Schlafenden geworden, eine Stimme rief: »Die Blume, die verblüht ist, ist verblüht!«

Er zittert, wirft Kleider über und entschwindet tastend durch den nächtlichen Gang.

Er war eingetreten, die Tür schlupfte leise hinter ihm ins Schloß, er stand an ihr, im halben Dunkel, und sah zu Gerda hinüber. Sie saß am Tisch, vor ihr brannten Kerzen, auf dem Tisch Schreibzeug, Papier, Spiegel, Bürste und Kamm. Sie bewegte zwischen Blättern die Hände, sie sah nicht auf. Ihr Haar war gelöst, war gekämmt. Viel Duft war im Zimmer, stand zu ihm.

Was tat sie? Ihre Stirn war gerunzelt, getrübt; ihre Finger so eilend geschäftig mit dem Sortieren, dem Auflegen ... Er blickte verständnislos.

Nun stand sie auf, mit einem Ruck. Sie ging zum Koffer. Es war klar, daß sie von seiner Anwesenheit nichts ahnte. Sie beugte sich über den Koffer, wühlte darin, fand ein Buch, öffnete, las, abgewandt von ihm. Zwischen Blättern fragte sie: »Warum kommst du so spät?«

»Ich ... ja, warum? Ich weiß nicht, ich habe geträumt.«

»Geträumt? Eingeschlafen bist du wohl. Jetzt ist es viel zu spät. Gleich Morgen. Geh nur.«

»Nein, ich schlief nicht. Ich lag wach. Wachend träumte ich von dir. Du warst ein Rosenstrauß, in den ich mein Gesicht senkte. Nachher tanztest du. Du warst aller Frohsinn der Welt und tanztest dahin. Deine Füße ...«

»Mir ist nicht nach Tanzen zumut. Einen schönen Wahnsinn haben wir gemacht, an einem Unglückstage zu reisen. Ausgerechnet am 17. Juli. Daß da alles schiefgehen mußte ...«

»Einem Unglückstage –?«

»Frage nicht so höhnisch. Du lachst natürlich darüber. Du glaubst nicht daran. Das natürlich hast du in euern Schulen gelernt, daß man so etwas nicht glauben darf. Und nun verlachst du mich.«

»Ich verlache dich nicht. Ich fragte nur. Ich habe nie etwas davon gehört. Was sind Unglückstage?«

»Was Unglückstage sind? Heute ist einer. Der 13. Januar ist einer. Der 18. Oktober. Es gibt Unglückstage erster Ordnung und zweiter Ordnung. Wer wie ich unter dem Merkur geboren ist –«

»Aber ich verstehe nichts! Was ist das? Ich habe nie etwas davon gehört. Woher weiß man das, von den Glücks- und Unglückstagen? Gilt es für alle?«

»Woher man es weiß? Verstelle dich noch! Ich habe oft genug gehört, daß ihr in der Schule vom sechsten Buch Mosis erfahrt. Du willst mich verspotten, du!«

»Aber ich versichere dir ... glaube mir doch! Ich weiß nichts. Zeige mir einmal dein Buch.«

»Es ist das Buch der Wahrsagekunst. Auf der letzten Seite sind die Glücks- und Unglückstage abgedruckt. Da lies, daß –«

»Ja, das sind sie ... ich lese. Laß sehen, welcher Verlag ...«

»Aber was geht er dich an, der Verlag! Lies die Zahlen, die Daten! Heute ist ein Unglückstag. Wärest du nicht fortgelaufen, wir wären einen Tag früher gefahren. Alles wäre gut gegangen. Und so –«

»Gerda!«

»Sei still! Die Karten waren gut! So gut! Aber du hast alles verdorben. Du bringst mir Unglück. Immer denkst du nur an dich, du liebst mich nicht –«

»Du hast recht, vielleicht, aber –«

»Eine Blonde liebst du, eine Helle, ganz Junge ...«

»Ich gehe ...«

Aber er bleibt stehen, von neuem gehemmt durch ihre Rede, dort unter der Tür. Sie geht auf und ab, hastig, sie spricht vor sich hin, als spräche sie nur für sich selbst. Die Kerzen flackern im Zug ihres Kimonos, er sieht ihren Schatten an der Wand tanzen, beinahe lächeln muß er, wie grotesk ihre kleine eigenwillige Nase abgeschattet ausschaut, – dann hört er sie wieder reden: »Aber du willst dich über mich erheben! Du verachtest mich. Was bin ich dir? Hast du auf dem Dampfer ein gutes Wort zu mir gesagt? Ein eifersüchtiges, als ich diesen Viechern meine Beine zeigte übers Knie? Du hast geschwiegen. Du hast gar gelächelt. Kein Knecht hätte es geduldet von der, die er liebt! Du verachtest mich. Du willst mich unten sehen. Du hast nur von Haus fort wollen, mein Geld ...«

»Ich gehe nun.«

 

»Auf diesem Gang sind zwei Stufen. Ich will warten, bis der Leuchtturmschein kommt, damit ich nicht stolpere. Höre doch, dort hinten weint sie. Ach! Tränen gelten nichts, Weinen gilt nichts, aber ...

Dies ist meine Zimmertür. Das Bett ist noch warm. So wenig Zeit verflossen. Welch ein Hexensabbat! Welch ein Tier mit Blut an den Krallen, meinem Blut ...

Und sie hat ausgespäht ... nein, ich will jetzt nichts denken. Aber alles ist vorbei. Alles. Dies vergibt sie sich nie. Wie kann sie?

Ich muß gehen, irgendwohin. Und weiß keines. Wieviel Welt tanzte heute an mir vorbei! Das kleine Jägerhaus auf der Waldwiese ... alles ein Nirgendwo. Keine Bleibe für mich ...«

 

»Anton ... Toni ... schläfst du? Ja? Ich wollte dir nur sagen, daß ich nach Berlin wegen deiner Papiere geschrieben habe. In zwei, drei Tagen sind sie hier. Halte dich bis dahin. Sie werden wie die Hunde hinter uns sein nach heute Abend ...

Schläfst du wirklich? Hast du gehört? Ich gehe jetzt. Schlafe gut, Kind, schlafe gut!

Du sagst nichts? Bist du mir böse? Du darfst mir nie böse sein, ich liebe doch nur dich. Gute Nacht.

Ach, gib mir noch deine Hand. Bitte. Nein, sage kein Wort. Ich weiß, wir sind beide unglücklich. Alle sind wir es. Ade, mein Kleiner.«

Tamburine knattern. Musik schrillt. Kastagnetten klappern. Im Saale drehen sich die Masken alle der Hübschlerin. Dort die Betörende ... dort, die an der Bar trinkt. Jene taumelt aus dem Arm eines Plumpen, aber nun ist es eine Frohe, Kindhafte, die die Füße zum Tanze hebt. Ein trauriges Gesicht blickt dich an, Schläfer; es weht vorüber, nun lehnt sich ein Kopf weit in den Nacken, Arme breiten sich zur Sonne. Das Gesicht überstrahlt ein grenzenloses Entzücken. Eine bückt sich, eine kniet, eine verreckt. Sie erhebt sich mit hoheitsvoller Gebärde und zankt wie ein Marktweib. Ein Kind jubelt ...

Sie ... sie ... sie ...

Es läßt sich schlafen, immerhin.

Morgen am Meer

Dieser Tag ist früh blau, von lauter weißen, kleinen, geschwinden Wolken besetzt. Wie Vögel, die von einem Gestern nichts wissen, werfen sie sich hinein in ihn -: wozu wäre denn Schlaf gut, als gestern völlig vergessen zu machen und belanglos fern?

Welch tausend Köstlichkeiten solch früher windiger durchsonnter Sommertag hat! Die weißen Vorhänge wehen im Wind, die Seife in der Schale duftet freundlich, leise und verschollen, die Diele unter der nackten Sohle ist so gut kühl, und lehnt man sich aus dem Fenster, ist draußen das Gelärm und Gejage vieler Vögel im Kieferngestrüpp, ein Endchen weiter eine Dünenkuppe und im Sattel zur nächsten ein Streif blaues Meer. Nur ein Streif.

Dann geht er über den Gang zu ihrem Zimmer. Daß hier einmal Nacht war und Verzweiflung, ist undenkbar. Er streicht mit der Hand über das Gesicht, ein-, zweimal, und das gute Sommermorgenlächeln blüht neu. Diese zwei Stolperstufen mit ihrer abgetretenen Kokosfasermatte in Rot und Grün sind gut. Er sieht sich im Spiegel und geht die paar Schritt an ihrem Zimmer vorbei, trotzdem er darin lockende Geräusche erlauscht, geht bis dicht an den Spiegel, um die ganze Figur zu sehen in ihrem ungewohnten Weiß.

Er macht mit dem Arm eine Geste, eine übermütige Jungensgeste, wie man den Servusgruß auf der Penne machte als Spießer umwerfenden Ulk, er salaamt vor sich, wirft Erde über Schulter und Haupt. Doch jener dort ist zu ermüdend folgsam, und schaut man näher hin, sind zwar seine Augen mit fröhlichen Lichtern besteckt, aber das Zweiflerische blieb, und dieses schwache Kinn nimmt alles zurück. So wendet er sich denn ab, dem Blick schulterüber sieht er entschwinden einen beunruhigend Eleganten, Weißen, Schlanken ...

Sie macht drei Schritte zurück. Er weiß, nun liest sie aus dem Blühland seines Gesichtes die hohe Sonne, die längst den nächtlichen Regenschauer abtrocknete; ihre Miene wird plötzlich klein, spitz, spitzbübisch, sie greift nach hinten, und unter dem Augenschließen, das der von ihrer Hand aus dem Kruge gesprühte Strahl erzwingt, sieht er die jugendlich brüske Geste, mit der sie die schwarzen Haare aus dem Gesicht zurückwirft.

Vage und fern rührt sich eine Erinnerung in seinem Hirn und ist entschwunden, als sie nach ihm faßt.

Sie verfolgen sich, greifen sich, küssen sich, lassen einander los. Stühle stürzen, und das Zimmer ist erfüllt von den kleinen Ausrufen jugendlicher Kehlen, ihren plötzlichen Gelächtern. Sie enden atemlos, über das Bett hingeworfen, sie ruft zwischen seinen übermütigen, neckenden Küssen: »Ging je ein Bruder so mit seiner Schwester um! Was möchtest du denn von mir? Ich glaube gar ...«

Ganz nah sehen sie einander an, überstrahlen einander. In die plötzliche Stille fallen die Geräusche des Hauses: Raschelei, Tuscheln, Türengeklapp.

»Da! Wir haben das ganze Haus in Aufruhr gebracht. Ein schöner Anfang! Was die Leute von uns denken mögen!«

Musternd: »Geh jetzt! Geh. Du kannst von frischem anfangen mit Anziehen. Dein Kragen ist hin und dein Schlips. Und Jackett. Und Hose.«

»Aber die Hose ist noch ganz gut.«

»Sie muß gebügelt werden. Die Quetschfalten haben wir endgültig überwunden.«

Er bummelt den Gang hinauf. Ein kleines unterirdisches Dienstmädchen will an ihm vorbeihuschen, stutzt, und ihr leeres Gesicht trieft von Erstaunen. Er erinnert sich, wie er aussehen muß. Er lacht, lacht dem Mädchen ins Gesicht und zerrt seinen Schlips wild auseinander.

Noch lachend tritt er vor seinen Spiegel, mit verwildertem Haar, glänzenden Augen, einem übermütigen Mund. Und auch er stutzt bei seinem Anblick.

Die Vögel draußen lärmen lauter. Er bindet seinen Kragen ab.

Strand, Sand, Sonne

Sie überstehen am Ende auch das Frühstück, überwacht und belauert von ihrer kleinen, formlosen Wirtin, angegafft von Gästen, die den Kopf zur Verandatür hereinstecken, eine Entschuldigung murmeln und ihn viel später zurückziehen.

Sie brechen auf, gehen über die Straße.

Das Dorf war zu Ende. Flach und übersichtlich dehnte sich das Land vor ihnen aus, grüne und gilbende Felder, die sich durcheinanderschoben, bis dort hinten, mit einer Reihe von Chausseebäumen, einem großen, um die ragende rote Kirche gebauten Dorf alles zu Ende schien. Die Ebene war erfüllt von sommerlichen Geräuschen: dem Wetzen von Sensen, Lerchenliedern, Schlagen von Wagenachsen, dem monotonen Schnattern von Mähmaschinen, und ein Knecht schrie laut seinem Viergespann etwas zu. Sie wandten sich zur Rechten, überschritten einen schmalen mit Kiefernkuscheln bestandenen Dünenstreif, der Weg hob sich, sie hielten inne auf der letzten Düne, und vor ihnen lag das Meer.

Es war lichtblau und wellenlos, erst ganz am Strande kräuselten sich einige klare Kämme und liefen klingend auf den Sand.

»Wie schön das ist!« rief sie und faßte seine Hand.

Der sanfte Busen der Küste verlor zur Linken unweit seine sandige Glätte, das Ufer wurde steinig, in der Sonne lag gelb, unfruchtbar und zerrissen die lehmige Steilküste, bis sie dahinten, wo das Meer tiefblau war, blendend weiß und hoch sich aus dem Meer auftürmte. Diese Übergänge von Weiß über Grau zu Gelb und dem schwirrenden Weißlich des Sandes, von dem fernen satten Grünblau des Wassers bis zum hellen Grünweiß der strandlaufenden Wellen machten ihre Herzen unter einer nie gefühlten Wonne erzittern. Ihre Schultern berührten sich, aneinander gelehnt sahen sie hinaus und spielten ihre Seele an diese Weite hin, die atmend schien wie sie und endlos wie ihre Liebe.

Jemand ging vorüber, sah sie scharf an. Sie schraken zusammen, ihre Schultern lösten sich voneinander, ihre Hände entglitten. Schweigend sahen sie dem langen Blonden nach, der storchbeinig durch den Sand stapfte. Sein schmales, wie ein First abschüssiges Genick war von feuchten Strähnen beklebt.

»Langenberg«, sagte Gerda, »so war es, Langenberg.«

Plötzlich bückte sie sich zum Sand, sie rief scharf: »Sssst«, der Lange fuhr herum, sie warf in der Richtung nach ihm eine Hand voll Sand. Er stand zaudernd, sein Gesicht färbte sich dunkelrot. Wieder rief Gerda: »Sssst! Sie da! Langenberg!«, da wandte er sich schnell und eilte wie fliehend über den Sand. Seine schmalen Schultern waren rund und hochgezogen, er hielt die Hände fest gegen die Hüften, daß sie nicht schlenkern sollten.

Sie stiegen an den Strand hinunter. Zwischen Wasser und durchsonntem Sand schritten sie auf dem schmalen festen Streif dahin, den immer wieder eine längere Welle überrieselte, und betrachteten die zwei Dutzend Burgen mit ihren Strandkörben. »Wir werden die schönste Burg haben und die höchste«, erklärte Gerda. »Außerdem zwei Strandkörbe. Für jeden von uns einen. Damit sie zu reden haben.«

»Es wäre viel netter, wir ignorierten sie ganz.«

»Sonst tue ich es auch. Aber hier ... O du glaubst nicht, welche Wut ich manchmal auf diese Spießer habe! Dieser Langenberg soll noch etwas erleben!«

»Aber er hat dir nichts getan! Er war so verschüchtert gestern abend.«

»Fange nicht jeden Satz mit aber an. Das ist dumm. Stets sagst du ›Aber‹ wie all die dummen Bürger. Die haben auch immer Bedenken und Erwägungen. – Und mit diesem Langenberg paßt mir das grade. Er ist so dumm. Und so feig. Wie er auf dich losfuhr! Sieh, jetzt hat er den ganzen Strand alarmiert. Alles glotzt.«

Sie standen in ihren Burgen. Die dicken Männer hatten sich schnaufend aus den Strandkörben erhoben, ihre Bäuche zitterten unter den geöffneten Westen und den bunt gemusterten Hemden. Ihre reizlosen Frauen taten, als sähen sie nicht hin. Aber sie warfen über die Umwallung der Burgen einander scharfe Blicke zu.

Gerda setzte sich nieder, wo sie stand. Sie streifte ihre Schuhe ab und zog langsam und mit Bedacht die Strümpfe herunter. »Komm. Zieh dich aus. Wir waten.«

»Aber die Schuh und Strümpfe!«

»Aber! Wir lassen sie hier liegen. Keiner nimmt sie. Die Damen passen zu gut auf!«

Und sie stieg, übertrieben vor der handhohen Welle geschürzt, ins Wasser. Er folgte ihr zögernd. »Du kannst, du wirst recht haben«, begann er, »der Bürger denkt erst, wenn er spricht. Mit dem ersten Wort keimt sein Denken, im ersten Satz scheint die Entscheidung gefallen, doch, da er ihn ausspricht, dämmert aus seinem Nichts die Kehrseite, darum heißt sein zweiter Satz ›Aber‹. Oder sie sagen einen Gedanken mit verteilten Rollen auf und jedes neue Glied der Kette ist ein neues Aber. Sie ...«

»Halte ein!« rief sie flehend. »Ist dies ein Gespräch fürs Waten. Wie kommst du darauf?«

»Aber du selbst fingest an mit dem Aber.«

»Aber! Aber! Schau das Wasser an, wie klar es ist! Diese Sonnenkringel darin.«

»Sie liegen auf dem Sand, huschend, verhuschend, immer wieder da, immer neue, immer sanfteres Gold. Es ist, als gingest du in ihm, trätest darauf ...«

»Ich wollte, ich täte es.«

Sie wanderten der östlichen Seite der Bucht zu. Auf einem zum Meere sich senkenden Hochland lagen verstreut Höfe und Dörfer zwischen Bäumen. Die Luft schien zu zittern darüber, aus den Schornsteinen stieg bläulicher Rauch, der sich rasch verlor, und man unterschied die in der Sonne blendenden Wände der Kreidebrüche. Wo die Spitze des Hochlandes ins Meer stieß, sahen sie die satten grünen Töne großer Laubwälder, die sich – fernerhin – gegen den blauen Himmel verwischten.

Dieses Hochland, das eine warme und ausgetrocknete Luft ihnen so nahe brachte, daß sie jedes Fenster, ein über die Dorfstraße huschendes Tier unterschieden, schien ihnen friedlich und von einer unbekannten stillen Schönheit.

»Wären wir dort!«

»Unter den Bäumen.«

»Verwachsene Pfade eine Lichtung entlang.«

»Sonniges Ruhen auf der Kante eines Kreidebruchs.«

»Ach, auch dort werden Menschen sein!«

»Und nicht andere wie die schon gesehenen.«

»Soviel müssen wir uns gegen sie behaupten, daß wir oft die für sie gemeinte Gebärde gegen uns wenden.«

»Wo ist die stille Insel der Südsee?«

»Wo unser Waldwiesenhaus?«

Sie sahen einander in die Augen. Sie lasen in einander all jene Träume von Glück –: an deren Möglichkeit sie noch glaubten, die nur darum unmöglich schienen, weil jene überall waren.

»Auch hier sind wir allein!«

Fern hinten, kaum noch erkennbar, wehten die bunten Fahnenfetzen der Burgen. Sonnenbestrahlt, verlassen wanderten die weißlichen Dünen, Begleiterinnen ihres kühlen Weges.

»Gehen wir noch weiter. Das dort hinten soll ganz fort sein.«

Sie wateten weiter. Ein wenig kamen sie vom Ufer ab, kühler wurde das Wasser, reichte bis zum Knie und Gerda stieß einen Schrei aus.

»Was ist?«

Sie versuchte umsonst, die gerafften Röcke mit einer Hand zu halten, um etwas zu greifen. Er hob ihr eine Qualle heraus, sie berührte sie mit einem Finger. »Setze sie zurück. Wie häßlich sie sich anfaßt und wie schön sie ist!«

Sie segelte langsam mit Dutzenden ihrer Schwestern längs der Küste dahin, ihre Fühlfäden, durch die manchmal ein Streif Lila lief, bewegten sich leise und die atmende Schale war durch eine bunte, regelmäßig gewundene Kante verziert.

»Woher kommen sie? Was wollen sie hier? Können sie sehen? Wovon leben sie?«

Er wußte fast nichts. »Wir wollen im Konversationslexikon nachsehen. Im Eßsaal ist eines.«

»Hier will ich es wissen. Von dir. Gedruckt ist es bloß langweilig.«

Sie schlenderten weiter. Sie wandten sich um: sie waren allein. Selbst das Dünenhotel war verschwunden. Ein breiter, fahl leuchtender Streif lag, unendlich sanft gewunden, die Küste vor ihnen. Die flachen Rücken duckten sich unter dem siegenden Blau des Himmels, in dem ein paar Möwen hingen, schossen, hingen, und aus einem Winkel der Bucht zog das rostrote Segel eines Fischerbootes auf die See hinaus.

Sie jubelten einen Schrei der Lust und stürmten durch spritzendes, sprühendes Wasser auf den Sand. Sie verhielt, und während er ihr zusah, begann sie mit ihrer gelenkigen Zehe Buchstaben zu malen, Herzen.

»Schreibe doch nicht immer deinen Namen.«

Sie lachte und malte »Anton Loo«. Eine Welle lief darüber, die Schrift wurde undeutlich, war fort.

»Er hat keinen langen Bestand gehabt, der Anton Loo!«

Sie besann sich, wieder begann sie zu malen, und vergebens suchte er nun über ihre Schulter zu spähen.

»Willst du fortgehen, Böse? Was hast du für Geheimnisse vor mir?«

Sie hielt inne, und was sie dann nachdrücklich mit der großen Zehe in den Sand drehte, mußte ein Punkt sein. Er drängte sie rasch, sie schrie leise, faßte nach ihm, der schon las: »Gerda Färber«.

Er sah sie an. Sie stand mit hängenden Armen und betrachtete prüfend ihr Werk. Ihre Stirn hatte kleine, senkrechte Falten, als denke sie bemüht nach. Dann sah sie auf. Ihre Blicke trafen sich. Sie versuchte, dem seinen standzuhalten, ein leises Rot stieg ihr in die Wangen, sie senkte die Lider.

»Wie dumm ich nur bin.«

»Wie dumm du bist, großes Mädchen!«

Plötzlich stieß sie ihn, daß er taumelte. Im Fallen sah er ihr Gesicht: ein zorniges.

»Fange mich!« Und sie war fort.

Während er sich aufraffte, ihr nachzusetzen, schossen ihm Fragen durch den Kopf, viele: Was wollte sie? War sie böse gewesen? Im Ernst? Und er töricht? Wünschte sie das wirklich? Aber sie mußte doch wissen, daß er es tun würde, jeden Tag, sobald sie nur wollte. Und daß es nicht das war. Aber etwas anderes hatte sie auch gemeint.

Er sah sich um. Sie war fort. Über die Dünenreihe entwischt. Er rief nach ihr. Keine Antwort.

»Eine Sehnsucht war es. Weiter nichts. Eine kleine, vorüberfliegende Sehnsucht nach einem andern Leben, daß sie sicherer glaubt, sturmfreier, von dem solch Name ihr ein Zeichen scheint. Wenn sie wüßte ...!«

Er entdeckte sie, liegend in einer Sandmulde, gegen den Wind geschützt, in der Sonne röstend mit geschlossenen Augen.

»So braun will ich werden! So braun. Lege dich neben mich.«

Indes er es tat: »Sei mir nicht böse, du. Ich war dumm, ich ...«

Sie aber rasch: »Schweig. Kein Wort. Glaubst du, man kann über alles reden? Gar nicht!«

Und eine ganze Weile später, wie im Schlaf: »Gar nicht ...«

Sie lagen da, weit ausgestreckt, ganz versunken in dies Durchsonntsein. Manchmal schmiegte sich ein Windstoß in ihre Böschung, der Strandhafer raschelte, und die feinen Sandkörner stießen klingend aneinander. Dann war wieder nur die Sonne da, die sich ein Nest zusammentrug auf ihrem Leib.

Einmal war es ihm, als sei sie fort; aber er mochte nicht nachsehen, herrlich müde eingewiegt. Nach einer Weile raschelte der Hafer: sie kam zurück.

»Wo warst du?« fragte er faul.

»Ich habe den Namen ausgelöscht. Er brauchte nicht dort zu stehen. Übrigens kommt jemand den Strand entlang; nun, wir liegen hier sicher.«

Und wieder Stille, Sonne, ab und an Singen von Sand. Dann schnaufte es in ihrer Nähe, prustete. Es entstanden wunderbare Geräusche, man hüstelte, schnaubte. Eine verfettete, atemlose Stimme sagte: »Gnädigste!«

Und noch einmal flehend, beschwörend: »Gnädigste!«

Anton fuhr auf. Schon saß auch Gerda, die Hände hinter sich gestützt, weit fort die Beine, und einen Dicken betrachtete sie, der sich die Stirn trocknete. »Aber das ist ja der dicke Herr von gestern abend!« rief sie.

Er war es, und er verbeugte sich würdig vor den beiden, indem er erklärte, Hermann zu heißen.

»Herr Mann oder Herr Hermann?«

Nein, er war Herr Hermann. »Und womit können wir Ihnen dienen, Herr Hermann?«

»O Gnädigste, Ihre Schuhe und Ihre Strümpfe ...« Er hielt inne mit runden Augen. »Das Wasser kam heran.«

»Ja, und –?«

Er klopfte auf die Taschen, triumphierend, er glänzte von Lächeln und Fett. »Ich habe sie hier. Ich trage sie bei mir. Sie sind gerettet.«

»Sehr gütig, Herr Hermann, sich dieser Mühe ...«

»Oh, es war keine Mühe! Die Schuhe sind ja so klein. Achtundzwanzig oder dreißig. Sie gingen gut in die Taschen.«

»Sie sind Schuhmacher?«

»Neinnein! Wieso? Welche Idee! Amtsvorsteher, Gnädigste!«

»Weil Sie sich so gut auf Schuhnummern verstehen, Herr Amtsvorsteher. Darf ich Sie jedenfalls bitten, die Schuhe an ihren Platz zurückzutragen?«

»Aber, meine Gnädigste, aber ... das Wasser ...«

»Lassen Sie immer das Wasser.«

»Sie können gestohlen werden. Es ist Fundgut. Es ist sozusagen meine Pflicht als Amtsvorsteher ...«

»Ihre Pflicht hat Ihnen natürlich auch befohlen, die Schuhe meines Bruders mitzubringen? Neinnein, gehen Sie nur. Ihre Erfindungsgabe ist recht mäßig, Herr Amtsvorsteher.«

Und sie legte sich zurück in den Sand. Sie schloß die Augen.

»Gnädigste!« flehte der Dicke. Und noch einmal: »Gnädigste!« Er wandte sich ab. Er seufzte schwer. Noch einmal hielt er inne: »Darf ich Schuhe und Strümpfe nicht wenigstens hierlassen?«

Schwankend, mit gebeulten Taschen verschwand jener über die Dünenkuppe.

Auch Anton legte sich zurück. »Sie werden uns keine Ruhe lassen, diese.«

»Ich werde schon für Ruhe sorgen.«

Verhalten

Wie die Sonne sang! Manchmal war diese schmeichelnde Wärme, der der ganze Leib entgegen schwellte, dicht und warm über einem wie eine Decke, sie lüftete sich, der Wind rauschte in den Kiefernzweigen, vor den Augen glühten gezackte Ränder, und ganz ferne heulte ein Dampfer, einmal, zweimal, dreimal. Wieder war das Land still und nur noch Sonne.

»Nun freuen sich die kleinen Tiere und wir nicht anders. Eine Hand – deine Hand. So. Dieselbe Wärme singt in uns, wir strömen ineinander über. Ohne Grenzen ist unser Leib, er geht mit dem Wasser draußen in eins, leise verschwimmt er in Himmel, er wuchs in Erde, und gute Blumen wurden daraus, blausilbrige ... ich sah solche, irgendwo ... im Traume vielleicht ...«

Und nach einer Weile: »Komm.«

Sie schoben sich auf die Kuppe der Düne, sie spähten hinab – und wie je war es da, das Blaugrüne, Endlose. Kleine silbrige Wellen liefen klingend strandauf, sie führten, dunklere, duftenden Tang mit sich, sie löschten Namen aus, Quallen segelten leise bewegter, farbiger Fühlfäden in ihnen, und die Fische hatten ihr Reich dort, oben und unten, in dunklen Wäldern und im durchwärmt Strömenden. Und drüben lag das Hochland, seine Dörfer und Höfe ruhten zwischen Pappelwipfeln, der Wald vertuschte sich gegen den Horizont, die Wände der Kreidebrüche glänzten weiß. Eine düstere Fackel wehte die braunschwarze Rauchfahne eines Dampfers am fernen Walde.

Sie sahen sich an. Ihr Blick ging langsam auf, als begriffen sie noch nicht. Sie zauderten, und dann stürzten sie tief in die schwarzen, samtigen Rätsel des andern. Sie versanken. Ihm war es, als ginge er auf feinem Sand. Seltsam bebende, weiß und rosa fleischige Blumen schwankten auf sehnigen Stengeln, ihre Blütenblätter bewegten sich, wie im Atmen gingen sie auf und zu, und er hörte eine Stimme sagen, die vielleicht die seine war: »Das sind ihre Gedanken.«

Sie färbten sich grauer. Ein fahles Zwielichtdämmern wie unter einer Sonnenfinsternis erhellte kaum seinen Weg; er drang vor, in einem Winkel hockte ein Blutendes, das zu weinen schien.

Dieser groteske und furchtbare Anblick machte sein Herz erschauern. Eine Häsin war es, die dort hockte, eine kleine, blutende Kaninhäsin; über ihre süße, bewegliche Schnobernase lief Blut in klebrig erstarrenden Tropfen, ihr blaugraues Fell war von Bissen zerfetzt, ein Bein lag gebrochen in häßlich steifem Winkel hinter ihr.

Eine namenlose Bangigkeit ergriff ihn: diese roh zerfetzte Häsin betraf ihn und ihn allein. Ihm war sie fortgenommen, an seiner Brust hatte sie einst geruht, ein warmer, beruhigender Ballen ... Wie kam sie hierhin? Wer verletzte sie so?

Es wehte in ihm. Er spürte den Atem eines großen Sturmwindes, der ihn erzittern machte. Zu ihm auf hob die Häsin den blutenden Blick, der anklagend war und zweideutig.

Eine letzte Kraft ließ ihn die Knie beugen, sich emporschnellen, wie es ein Taucher vom stummen, tiefen Sandgrund des Meeres tut, seine Brust strudelte -, und schon schwamm er, fröhlich atmend, in dem samtigen Schwarz ihrer Pupille, in dem die Sonne sich spiegelte.

Der Bruchteil einer Sekunde war es gewesen. Ihre Blicke ließen einander los und suchten das Hochland. Dort war es: besonnt, friedlich und ein Leben, das mehr war, schien es, als die zärtliche Umfassung einer Hand, die einen Apfel vom Ast bricht. Längst zerging im Blau die dunkle Fahne des Dampfers.

»Nie werden wir es erreichen«, flüsterte sie.

»Immer wird es dort liegen, besonnt, über die Maßen selig, unendlich fern.«

»Kämen wir dorthin, alle Gebärden unserer Kämpfe wären unter jenen friedlichen Pappeln geschehen, und der Blick, mit dem die Wirtin das von uns benützte Bett anschaut, risse uns zurück in den eng quetschenden Kreis unserer Gewesenheit.«

»Nie werden wir so glücklich sein, wie es unser Herz begehrt.«

»Arme sind wir, denen das bißchen Reichtum zwischen den Fingern verrinnt.«

»Nicht aber die Stunde, die Minute, die einzige Sekunde. Deinen Mund sehe ich dort, einen schmalen, blutigen Riß, wie sich verströmend von all den unfruchtbaren Küssen, die er empfing, bis ich kam.«

»Ein Kind war ich, ein wildes, ein kleines. Wie flog, im Jagen durchs Feld, der schottische Rock ums nackte Knie! Wie ich jeden Schmetterling griff, nicht ruhte, bis er in meiner Hand war, der körnige Farbstaub von den Flügeln gestrichen, so fing ich ein jede Sekunde. Aber immer und immer habe ich gewußt, daß eine kommen würde, nicht abzugreifen; unter meinem Blick, unter atmendem Herz, dem meinen, leuchtete ihre Farbe freudiger auf, ich halte mich ganz hinein: die sich vergab an jedes Windlein, fühlt nun doch die Gnade der großen, geheiligten Fittiche eines Orkans.«

»Ich sehe mein Zimmer am Wall. Meine Mutter pflegt es, kein Möbelstück ist verrückt, aufgeschlagen liegt mein letzter Aufsatz auf dem Tische, die Baumäste wehen mit zackigem und rundem Laub herein. Sie glaubt noch an Rückkehr. Ach, käme ich selbst zurück, vergäße Hochland, Meer und dein – o Geliebte! – dein Schlendern in Sand und Wasser: ich habe hingeblutet mein Blut an das Leben, das Wehen deines Kleides überweht allen Wind in den Bäumen; ich sehe mich dort, einen Schmalen, Blassen am Pult sitzend, er langt nach dem Wörterbuch, und plötzlich fühlt er wieder die Geschwistertheit aller Welt. Noch einmal singen am Wall die Kinder das alte Laternenlied. Da hört er das Schluchzen der Liebenden im Wege, die alles verrieten, um nicht verraten zu werden, die alles hinter sich ließen, auf den höchsten Gipfel der Liebe zu gelangen und allein zu sein. Umsonst verließen sie, sie erreichten ihn nicht. Das Laternenlied schallt wie je an das Ohr des Einsamen, er senkt das Haupt, er will weinen, aber das Bewußtsein, solche Opfer – und wenn auch umsonst – gebracht zu haben, läßt die Tränen versiegen, er lächelt, und in seine Kammer tritt – sie!

Was der Ruhm! Was die Ehre! Was die Pflicht! Was Gehorsam, Streben, Arbeit, Stillesein!

Sie tritt herein, und da sie aus dem Mantel ihren Leib entfaltet, entfaltet sich alle Liebe. Sie lehnt sich über seinen Tisch, sie flüstert in sein Ohr. Von ihrer Brust steigt nie gespürter Duft in sein Hirn. Lachend verwirrt sie sein ängstlich gescheiteltes Haar, wie sie auch die Blätter seiner sorgfältigen Arbeiten verwirrt. Sie lächelt ihm zu. Und ihre Stimme ist über allen Stimmen der Bücher, sie singt süß, und seine Hände werden schlaff.

Nun weiß er, daß er in irgendeiner Stunde früheren Lebens seine Adern öffnete, sein Blut sickerte in die Erde fort, es ward Same für viele Blumen. Sie sind aufgegangen, sie drängen sich in Blühegärten, ihre Farben erschöpfen die Sonne, die Bienen werden des Fliegens nicht müde, noch des Nachts, unter der schief gestellten Sichel des Mondes, umfliegen sie solche nie gesehenen Blütenstände.

Doch deren schönste Blume ging auf vor ihm. Er nimmt sie an sein Herz. Sein Mund fließt über von Lobpreisungen. Starr stehen im Zimmer die von der Mutter geretteten Möbel. Er schwingt sich fort von ihnen, eine unendliche Seligkeit schwillt sein Herz, er vergißt alles. Vielleicht hat er umsonst gekämpft, möglich, daß er umsonst opferte. Aber ein Herz klopft an seinem, in ihm klingen alle je im Traum gehörten Sänge, tausendmal schöner, er hebt sich sehr hoch, er entschwindet.«

»Und doch werden wir jenes Land nicht erreichen.«

»Genug, es ersehnt zu haben.«

Tage ... Nächte ...

Diese Tage waren unendlich lang, unnennbar köstlich und von einem immer sich verstärkenden Blau überspannt. Nie ging die Sonne aus ihnen unter. Sie war da, des Morgens, bei einem geschwinden, sicheren Aufwachen, das gleich fest im Tage ruhte, sie stand ewig lange über ihren Scheiteln, und sie war immer noch da, wenn sie längst ging; die viel zu grellen Töne ihres Untergangs waren verblaßt, aber ihr Schein hing, durchsichtig grün und leuchtend, im Firmament und erhob die Herzen der Liebenden.

Diese ewigen Geräusche der Vögel. Ihr Huschen, ihr Singen, das endlose, monotone Kuckuck des nie gesehenen Vogels, wenn die andern den Mittagsschlaf hielten. Dies Flattern im Geäst am Morgen, dies Hämmern des Spechtes am Mittag im Walde, die wilden Möwenschreie, das tiefe trauliche Kukuru der Wildtauben, wenn die leise Dämmerung kam und der leichte Abendwind, manchmal überschrieen von dem heiseren Schrei eines Eichelhähers.

Seltener suchten die Augen der beiden das selige Hügelland mit Gebüsch, Höfen und Wald. Sie hatten es schon erreicht. An seiner Schwelle hatte ihr Fuß gezittert. Aber die Verwirrenden, die weit über tierhaft Fremden waren fortgescheucht worden; nun wandelten sie allein die verwachsenen Waldpfade, in die die Brombeerranke hing, ihre Hüften gingen im gleichen Rhythmus, die unter dem Übermaß des Glückes erbleichenden Gesichter neigten sie einander zu, ihre Hände, die der Erfassung eines geliebten Leibes nie müde wurden, fühlten immer neu und immer neu reizvoll die Berührung einer erschauernden Haut, sie hoben die Arme, Augen versanken und verschwammen in einem Blick.

»Wie ich dich liebe!«

»Wie du mich liebst!«

Oft war sie eine unnennbare Qual, diese Liebe. Keine noch so lange, noch so inbrünstige Umarmung schien das Liebste näher holen zu können, der saugende, beißende Kuß ermattete, und umsonst schrie man zum gebrochenen, immer noch unbefriedigten Auge empor: »Nimm mich ganz! Nimm mich ganz.«

Sie schlichen nebeneinander her, und sie leugneten nie, daß dort an der Seite ein Fremdes ging, das herrlich erregte und nicht erreichbar wurde. Die nie erfüllte Unfruchtbarkeit solcher Umarmungen erstaunte und erschreckte sie. Sie hätten das Liebste einschlürfen mögen wie einen köstlich parfümierten Likör, um es, stöhnend vor Wonne, ganz in sich zu haben. Die Blicke, von der Seite geworfen, schwarz umrandet, waren feig, hinterlistiger und jäher Begierden voll. Plötzlich stürzten sie aufeinander, mit einem heiseren Aufschrei, die Gelenke knackten, der Speichel mischte sich, Lippen und Zähne wühlten sich ineinander – und sie erhoben sich, beschämt, gesenkter Lider, im Letzten unbefriedigt.

Aber über ihren Häuptern leuchtete der unerhört blaue Himmel. Er war ihnen, in seiner nie ausschöpfbaren Schönheit, eine ewige, peinigende Mahnung, daß es nicht immer so sein, daß der Winter kommen würde, das Erkalten, und ihre Glut und Gier verdoppelte sich. Ihre erhitzten Sinne vergaßen unter der ruchlosen Aufreizung dieser Mahnung Zeit und Stunde. Kaum waren die Hände erschlafft fortgesunken, so erhoben sie sich von neuem, sie umschmeichelten eine starre, stehende Brust, sie spielten Fugen auf der nervösen Bahn eines Schenkels, ihre Schreie, wilder und unerfüllter denn je; glichen den Möwenschreien, ungefähr in die Sonne gerufen, fern, sehnsuchtbeizend, unerfüllt.

Sie versuchten alle Wege. Sie krochen ineinander hinein. Sie verschmähten die niedrigsten Reizungen nicht, und die Gemeinheit der Ausrufe, mit denen eines das andere zum äußersten aufreizte, war nicht mehr zu überholen. Sie überfielen einander. Die Öffentlichkeit des Speisesaals, eine Promenadenbank war ihnen nicht Würze genug für ihre Lust. Sie eilten abends, kaum dunkelte es, halb nackt auf die Straße, und ineinander verknäuelt, lauschten sie mit einem Empfinden äußersten Entzückens den Schritten der Vorübergehenden, die nahe an dem bergenden Busch vorbeistrichen.

Die Geliebten von ehemals erhoben aus dem Dunkel ihre grauen, längst vergessenen Häupter. Ihre Schreie waren es, die sie ihn lehrte, ihre griffigen, von Sehnen und Muskeln hart gemachten Liebkosungen, unter denen ihr Leib sich bog. Sie verschloß ihn. Die Beine zusammengepreßt, die Arme über der Brust gekreuzt, erwartete sie bleich, geschlossener Augen wie eine Tote seine Liebkosungen. Er sprengte sie. Er riß ihre Glieder voneinander, ihr wilder und scharfer Geruch reizte ihn auf, er wühlte sich ein, er ertrank in diesem eisigen und glühenden Fleisch, das ohne Laut, mit einer hartnäckigen Gier seinem Eindringen sich widersetzte, und mit Mund und Zunge in ihrem Letzten, zog vor seinen geschlossenen Augen das Bild des baumüberwehten friedlichen Heims vorüber, in das eine blonde Frau ihn rief, wo Kinder auf dem Rasenplatz vorm Fenster spielten.

Er stöhnte auf. Er erreichte sie nicht. Er überholte sie nicht. Sie blieb draußen. Die eisige Kälte ihres Leibes erhitzte sein Blut zum äußersten. Seine Schreie wurden Peitschen, Hände Krallen, Küsse Bisse, das Eindringende äußerster Frevel.

Sie glitt unter ihm fort, kalt, eisig, entferntest. Sie fiel endlos. Aus der Tiefe ihres Sturzes hob sie die verschwimmenden starren Augensterne bis an die Schale seines Gesichtes. Ihr Schoß öffnete sich, eine unnennbar schöne, im ersten und letzten unbegreifliche Blume breitete sich aus, sie duftete betörend, er verschwamm, er wurde endlos, dieser Welt Grenzen waren nicht seine Grenzen, zehntausend Sonnen tanzten ihm zu Häupten, er stieg. Er stieg!

Sie stöhnte: »Mehr! Mehr!«

Und es begann das unheilvolle, gänzlich vergebliche Einholenwollen der längst verstrichenen Sekunde. Es begannen die Peinigungen, die Geißelungen, die rauhen Worte. Die verschwitzten Leiber hingen sich ineinander, sie schienen eine Brücke zu bilden über den schreckensvollen Abgrund der Einsamkeit, der sie entsetzte, aber sie waren allein, sie blieben allein.

Der Rest blieb.

Sie erlebten, abends spät auf eine Düne hingeworfen, die fürchterliche Reizung eines Meergewitters. Sie lagen nebeneinander; unter einer schlaffen, gelben, niedrigen Wolke lastete auf ihnen die dicke, gedunsene Luft des nahen Ungewitters. Nebeneinander hingeworfen, der Leib angeschwollen von einer Elektrizität, die keine Entladung findet, bissen sie sich einen unbefriedigt leidvollen Weg über Arm und Brust. Der erste Blitz, der erste Schlag warf sie aufeinander. Sie sahen sich in die gebrochenen Augen, ihre versagenden Stimmen flüsterten: »Wir sind Tote. Noch im Grabe lieben wir einander. Wir haben keine Ruhe.«

Und der ewige Preis: »Wie wir uns lieben!«

Sie zerrten ihre Leichentücher von einander, ihre blassen blauen Lippen wühlten sich ein, in die starren Augen flog der schweflige Reflex des Blitzes, leuchtete wider und erlosch. Das Meer stürmte, der Wind brauste, der Regen strich lau ihre eisige Nacktheit.

Nebeneinander, gebeugt, zitternd wankten sie nach Haus. Der Himmel, den der Blitz zerriß, öffnete sich ihnen nicht. Hundertmal verbluteten sie sich ineinander, hundertmal mehr begehrte ein Leib den andern.

Sie lagen im Bett, getrennt voneinander, aber den Kopf in den Arm gestützt, schien es ihnen, als hörten sie den lauen, von Begehren beschleunigten Atemzug des Geliebten im Gemach, sie erhoben sich zitternd, sie tasteten sich hinaus. Auf dem Gang, in der Schwärze der Nacht, umfaßten sie sich, sie fielen nieder, und mit einem wollüstigen Zittern lauschten sie dem Geräusch ihres Falles, der in dem bürgerlichen Hause widerhallte. Dann umschlangen sie sich. Auf dem kratzigen Teppich des Flurs begannen ihre Leiber den ewig erneuerten Kampf, sie schenkten einander nichts, und sie erreichten sich nie. Wie ihre Lippen geschwollen waren! Ihre Arme, ihre Brust, ihr Gesäß bluteten. Sie versuchten alle Pforten ihres Leibes, aber sie fielen, geschwinder als ein Stein, voneinander fort, und ferne, aus einer grausenvoll erleuchteten Nacht, erhob sich das fahl angeleuchtete Gesicht des Geliebten mit bebenden Lippen, die die ewige Frage zu fragen schienen: »Wo bist du? Ich finde dich nicht ...«

Dann tasteten sie sich empor, sie lehnten an einer fremden Schlafzimmertür, sie lauschten mit einem perversen, verachtenden Entzücken dem taktmäßigen Rucken einer Bettstelle, dem unartikulierten »Ah« und »Oh«, den sinnlosen Seufzern »Das ist zu viel« eines Bürgerpaars, und das Blut in Brand, schlichen sie einem Bett zu, das nur ihre Schwächung erlebte, nie ihre Erlösung.

Aber immer ging endlich, nach einer kurzen Weile, über ihnen dieser unerhört blaue Himmel auf. Noch war die Sonne nicht sengend, ein frischer Meerwind umstrich ihre Wangen. Sie richteten sich langsam empor. Das Lächeln, mit dem sie einander begrüßten, sah aus, so schön, als habe es ein Traum geformt, als holdestes Morgengeschenk für das Geliebte. Sie griffen sich bei den Händen, sie wuschen sich gegenseitig die gequälten Leiber. Die tollen Erlebnisse des Zuvor strichen an ihnen vorüber, sie machten ein Geräusch wie der verwirrende Flügelschlag niedrig ziehender Vögel im Nebel, sie lächelten, sie waren froh.

Sie waren endlich ohne Scham und ohne Geheimnis. Wie die Körper lagen die Seelen nackt voreinander. Sie waren die ersten Liebenden ohne Ekel, ohne Scham, ohne Verantwortung. Der Wurf, der das eine aus allen Grenzen schleuderte, schleuderte das andere mit. Sie neigten die Gesichter zueinander, sie hatten sich erkannt, sie waren die wahrsten Geschwister. Ein Leib hatte sie geboren, und sie waren ein Leib. Sie umgriffen schmeichelnd den kühlheißen Atlas der Haut des andern.

Diese Vögel sangen für sie. Dieser Möwenschrei für sie, dieses tiefe Kukuru für sie.

Ihre Handflächen lehnten sich aneinander, ihre Augen versanken, die Welt blühte in ihr Fenster.

Die Wonne ihrer Entzückung machte sie schluchzen:

»Wie wir uns lieben!«

»Wie wir uns lieben!«

Groß, blau und feierlich hatte sich der Tag dem Meere enthoben. Der neue Tag.

Einer von tausenden.

Variationen über ein Thema

Du glaubst, sie seien traurig gewesen – in der Qual ihres Unerfülltseins? Nur ein gütiger Vogel konnte es sein, der über ihnen, bergend, seine unendlichen Flügel aufschlug. Sie hörten zitternd vor Glück die goldene Stimme seiner Erfüllung. Vor einer Distelstaude stürzten sie nieder, ihre Herzen waren ein Dank, daß sie solche nie geglaubte Blüte schauen durften. Ihre Schreie, ihre Küsse, ihre nimmermüden Umarmungen waren die tastenden frohen Schritte zu einem ganz gewissen Ziel. Sie hielten inne, ihre bleichen Wangen bestrahlte ein seliges Rot, sie rochen den Duft der ewig schönsten Leiber neu, und sie erhoben die Hände, als opferten sie. Ihre Liebe war überall und nirgends. Sie hockte in dem Lächeln des geliebtesten Antlitzes, mit dem rostbraunen Fischersegel zog sie in die himmelblaue Dünung, eine Möwe schoß senkrecht zu Wasser, und ihre Liebe war der Fisch, den sie verschlang, der gebreitete Fittich war sie, der sie trug; sie war in den kleinen Tieren des Waldes, im Wind zwischen Laub, sie erhielt den flammenden Peitschenschlag aus dem schiechen Blick eines Bürgers, der ihre Wangen glühen machte, die ineinander ruhenden Arme beben.

Wer hatte gewußt, daß dies auf der Welt sei? Man hatte seinen Körper geliebt oder verachtet oder nichts von ihm gewußt, nun war er ein herrliches Instrument geworden, dessen Töne das Himmelsgewölbe erfüllten. Man strich ihn mit einem Finger, und er schwellte sich göttlich wie die Brust eines Schwanes, der jubelnd den Tod grüßt, Töne hüpften aus ihm, die leicht und fröhlich waren wie Schritte von Kindern auf gefegter Erntetenne; eine Zunge küßte ihn zag und leise, und ein voller Wind warf sich in schäumendes Blütengeäst, kleine weiße Blätter tanzten in seinem Zuge und ein fortfliegender Duft, wie eine geahnte Erinnerung, die nicht über die Schwelle des Bewußtseins tritt; ein liebender Leib umschlang ihn mit aller Gewalt, und jener taube Gott war es, der, über sein Instrument gebeugt, Töne über eine Welt rauschen ließ, deren Ohren geschlossen waren und unfruchtbar von dem Gestammel der Nichtswürdigen.

Wer hatte gewußt, daß dies auf der Welt sei –? Niemand, auch war es nicht hier, sondern dorten, wo der Himmel kristallblau kreiste und die guten Sonnen ihr erfülltes Lachen lachten.

Jene erhoben die flachen Hände. Die kleinen Zapfen der Kiefern waren tausend Gehäuse für Wünsche, dein geheimstes Liebeswort legst du in eine Muschel und in ein Meer, und die Stunde wird die herrliche Perle ihm schon anspülen; du trinkst das Wasser der Geliebten und der süßfade ekle Geschmack ist wie das volle Aroma ihrer Person, die du nun ganz in dir hast; ein anderer Jupiter wandelst du dich tausendfach, besitzest sie tausendfach und begehrest sie immer neu. In jedem Wind wehte das selig-silbrige Gespinst ihrer Liebe.

Zwei Briefe

In einem Flieder stand ihr Frühstückstisch. Anton sah auf Gerda: aus den Ärmeln ihres weißen Kleides hervor griffen ihre Hände zierlich und wie spielend die Dinge vor ihr, in dem Schwarz ihres Haares standen die herzförmigen Lederblätter des Strauches seltsam stumpfgrün. Er erinnerte sich an den Flieder jenes Gartens da hinten: seine Blätter hatten der Sonne ein freudiges und helleres Grün gezeigt, das am nächsten noch dem blaßgoldenen junger Birken glich. Diese hier waren stumpf und schwer, jene nun längst verblühten frohsamen Dolden glaubte man ihnen nicht. Oder machte es das Haar, in dem mit vielen gebrochenen und glänzenden Lichtern die Sonne lohte ... dessen Lebendigkeit alles andere langsam und wie verhalten werden ließ?

»Was ist –?« fragte sie unter seinem Blick und hob den ihren. Er war dunkel, aber schon im Wehen der Lider gingen Lichter in ihm auf, er erhellte sich ganz und bot ihm ein schönes Lächeln. »Was ist –?«, und sie griff langsam mit einer köstlichen Gebärde an ihr Haar. So, unter der Huldigung seiner Augen, verharrte sie, das Hinterhaupt in die Hand gelehnt, halbgeöffneten Mundes, lächelnden Blicks.

Ihr Arm fiel herab, ihr Blick glitt neben Anton hin, nach der Gartenpforte hinter ihm, ihr Lächeln war erloschen, eine kleine irritierte Falte stand auf der Stirn.

»Jemand kommt«, sagte sie leise, »einer in blauer Uniform. Deine Papiere waren in Ordnung?«

»Völlig.«

»Jedenfalls gefaßt sein. Man weiß nie ...« Und, mit einem reizbaren, flüchtig zusammengesuchten Lächeln unter der gefalteten Stirn, indes sie ihn anschaut: »Wir segeln doch heute endlich, ja?«

»Gewiß, um drei Uhr.«

»Und allein?« Sie wartet nicht auf seine Antwort, sondern fragt gleichgültig den Mann, der im grotesken, überknielangen Uniformrock an den Tisch tritt: »Sie wünschen?«

»Ich hätte hier zwei Briefe für den Herrn.«

»Geben Sie nur her. Sie sind nicht der Briefträger, nein?«

»Ich bin der Amtsdiener. Es sind amtliche Schreiben. Das eine wenigstens.«

»Nun gut. Geben Sie immer her.« Und sie streckt zum zweiten Male die Hand nach den Briefen aus.

Er dreht sie in der Hand. Seine kleinen, wässrigen, trüben Augen blicken von der Dame auf die Briefe und zurück. Er wagt einen Blick auf den Herrn. »Das ist nun mal so«, sagt er.

»Was ist?«

»Mit dem Herrn«, meint er. »Sie sind doch Herr Anton Loo?«

»Ja. Und –?«

»Dann ist dieser Brief für Sie.« Und er legt einen vor Anton hin. »Dann habe ich hier noch einen für Herrn Anton Färber.«

Schweigen. Stille. O so lange Stille!

Er sieht dicht vor sich, über dem Kopf Gerdas, eine kleine grüne Raupe kriechen, sie ist am Zweigende angelangt und hebt blind tastend den Kopf; er will Gerda zurufen: »Nimm dich in acht!«, aber dann ist das gleichgültig geworden, denn nun hat sich dies alles ja ganz, ganz anders entschieden. Eine traurige Stimme flüstert in ihm etwas wie von schönsten Tagen, die längst vorbeigerauscht sind, ein Krümlein auf seinem Ärmel stört ihn, er will es fortwischen, seine Hand hält in der Schwebe inne, sein Gesicht nimmt einen gespannten lauschenden Ausdruck an, Wasser stürzt endlos, fällt, stäubt, aus weiter, weiter Ferne sagt eine klare, beherrschte Stimme, sagt Gerdas Stimme: »Nehmen Sie den Brief nur wieder mit, das muß ein Irrtum sein.«

Er fährt hoch: »Gerda!«

Und sie fragt: »Anton –?«

Sie sehen einander an, eine Sekunde lang stockt beider Herzschlag, ihre Blicke messen sich, und da er den seinen senkt, scheint alles entschieden: jenes böse blutige Lächeln war darauf gekommen, sein Zweifel war erkannt, sein Verrätertum entlarvt, er war gewogen und zu leicht befunden.

Er wollte antworten, schluckte ein paarmal, machte eine Bewegung mit der Hand, da sagte sie schon, genauso lässig und ruhig wie zuvor: »Es ist alles in Ordnung, legen Sie den Brief immer hin.«

Es geschieht. »Na also!« sagte der Amtsdiener. »Der Herr sagte schon, es würde stimmen.«

Er drehte sich um, wandte sich noch einmal zurück, diese starren Gesichter erschreckten ihn wohl, er tat sein Äußerstes und brachte ein »Guten Morgen auch« über die Lippen.

»Guten Morgen«, antwortete Gerda und nur Gerda. Das Knirschen auf dem kiesgestreuten Gang verging, die Gartentür fiel ins Schloß.

Eine unendliche Zeit verstrich. Mit einer wahnsinnig machenden Regelmäßigkeit klappte Gerda den Deckel der Teekanne auf und zu. Er sah vor sich hin wie sie. Zwischen ihnen lagen die Briefe, zwei rechteckige stumpfweiße Flecke – sie brauchten nicht mehr geöffnet und gelesen werden, ihr Kommen hatte sie entlarvt, beide Liebenden, denen es kalt geworden war unter der Sonne. Sie froren.

Sie machte eine Geste und hielt inne. Ihr war, als lägen Blicke auf ihr, sie wandte sich ein wenig seitwärts, indem sie sich eines Fensters erinnerte, des einzigen, das auf diesen Garten hinausging. Sie warf brüsk den Kopf herum und sah einen dunklen Schatten, einen großen, unförmigen, der sich rasch zurückzog. Und wieder lehnte sie den Kopf zurück, ihre Finger griffen nach dem Deckel, sie dachte: ›Sein Vater! Nun nicht, nun ist alles anders.‹ Und siegesgewiß: ›Ich werde mein Spiel spielen.‹

Seine Stimme kam ängstlich – noch hielt er den Blick gesenkt – zu ihr. Er fragte, und wieviel umsonst gewußte, doch gesprochene Bitte um Verzeihung lag in dem einzigen Namen: »Gerda?«

Ganz ruhig sagte sie: »Du willst deine Post lesen? Ich störe dich?«

Und er wieder: »Gerda?«

Sie stand nicht auf, sie ging nicht. Dunkel, ein unterirdischer Strom, brauste in ihr ein Gefühl, das keine Worte hatte, aber ein lächelnder Schmerz war, eine wehe Erkenntnis und eine Verzeihung bereits für dieses und das nächste und alles, was kommen würde – von ihm.

Sie hielt inne. Sie hob das Gesicht, sie schnoberte in diesem Gefühl, das sie gegen sich hatte, ihre ganze Gewordenheit wehrte sich, sie wollte rechnen, anklagen, sich wehren ...

Und plötzlich wurden ihre Augen feucht. Sie zog rasch die Schultern in die Höhe, ein Schluchzen aufzuhalten, das sich in ihrer Kehle löste.

Dann lächelte sie leise, ganz leise. Ihre trotzige Mädelstirn senkte sich, in ihrem Schatten sollten die beiden Tränen fallen, die sich nun, ungehindert, in ihren Augen bildeten. Sie fielen; zwei glänzende Tropfen lagen sie einen Augenblick in ihrem Schoße und zergingen rasch in den Stoff ihres Kleides.

Eine ungeheure Freude beseligte sie. Ihr war so leicht. Ihr ganzes früheres Leben war noch einmal vor ihr aufgetaucht, noch einmal, ein endloser Zug von Tagen, von denen nur die nächsten kenntlicher waren, graue, trübe Schatten in einem grauen, trüben Nebel, endlos und eintönig, hatten sie sich vorübergedrängt, sie waren lautlos im Nebel verschwunden, das Mädchen aber hatte sich von ihnen abgewendet und ging langsam einem anderen Leben zu.

›Ich bin gern und mit Lust böse gewesen‹, dachte sie, ›fortan muß ich ungerne gut sein zu ihm.‹

Und dann, mit einem unnennbaren Entzücken, fühlte sie es zum ersten Male: ›Mein Kind! Mein Kind!‹

Sie hob ihre Hand sehr leicht und legte sie auf die seine, neben den Briefen.

Sein erblindeter, trostloser Blick kroch vor sie. Er erhellte sich ungeheuer, eine jauchzende Freude ließ die trüben Augen erstrahlen, seine Hand unter der ihren zitterte feucht.

Er hatte gesessen und sinnlos auf nicht gutzumachendes Vergangenes gestarrt, sie hatte es in sich genommen, es betrachtet und verzeihen können.

»Wir wollen deine Briefe gemeinsam lesen, drinnen?« sagte sie.

Dicht nebeneinander gingen sie den Gartensteg hinab. Sie zitterten beide. Ihre Glieder waren ungeheuer schwer.

Der Schatten am Fenster blieb vergessen.

Zwei Gegner

Langsam gingen die beiden, Arm in Arm, die Straße hinauf. Ein vorüberfahrender Wagen zwang sie, beiseite zu treten, sie ließen sich nicht los, im Sommerweg stehend, von Staub eingehüllt, hörten sie sein Rattern anschwellen, vorüber klingen – sie nahmen ihren Weg wieder auf.

Über ihnen jagten die Vögel in den Zweigen. Ein weißer Hund mit schwarzen Flecken lief auf drei Beinen über die Straße in jaulender Verfolgung einer Katze. Sie blieben stehen, sahen ihm nach, tauschten eine Bemerkung und nahmen ihren Weg wieder auf. Durch die Lücke zwischen zwei Häusern kam stärker das Geräusch des Meeres, er deutete leicht darauf hin, ohne sie anzuschauen, sagte er: »Das bleibt, das wenigstens bleibt.«

Sie lächelte, ein verlorenes Lächeln, das niemand sah und das nichts galt, denn einen anderen ferneren Sinn schienen seine Worte zu tragen: Drohung klang mit, aufatmende Freude klang mit über die Gewißheit, niemals im Letzten unterliegen zu können. Und sie sprach es aus, beihin, leicht: »Sie werden uns nie bekommen, das rettet alles.«

Er sah rasch auf sie: ihr Gesicht war sehr bleich, ihre blassen Lippen, festgeschlossen, schienen zu zittern, das Auge sah verloren gradaus, sah ein Bild vielleicht, hart, aber gut. Sie gingen schneller, unter den schwer gewordenen Füßen wirbelten kleine Staubwolken auf, die ihre Schuhe puderten.

Er sagte: »Wohin sind wir gekommen! Haben wir je diesen Weg geahnt?« Leiser: »Immer! Schon beim ersten Male.«

Sie sagte rasch: »Mut, du! Alles ist grad, wie es war – und wird sein, auch nachher ...«

Aber er zweifelte. »Mut, wofür wäre er gut? Ich weiß nicht, wer ich bin, ich weiß nicht, wie ich handeln werde, – wüßte ich das alles, so hätte es Sinn, Mut zu haben.«

Aber schon sehr rasch und warm: »Verzeih, o verzeih! Ich fürchte ja nicht den Kampf, nur den Ärger, die Verstimmungen ... All das war hinten geblieben in diesen Tagen ... nun drängt es sich wieder vor ... Das ist es! Neinnein, ich werde schon an dich denken.«

»Ich hoffe, du denkst an dich. Das ist besser.« Und aufschreckend: »Da sind wir schon!«

Sie betrachteten böse das kleine hingeschluderte Haus, mit seinen Holzvorbauten, seinen farbigen Verandascheiben, dem großen Schild, das die Inschrift trug: »Amtsvorsteher«. Sie machte eine rasche Bewegung und gab ihn frei: »Es hilft nichts! Also mach's gut. Ich erwarte dich nachher am Strand.«

Sie sah ihm nach, wie er den Kiesgang an der Flaggenstange hinaufging. Ein wenig langsam, ein wenig schlendernd, aber seine Haltung war einwandfrei. Einen Augenblick freute sie sich darüber, daß seine Hosen gestern frischgebügelt vom Schneider wiedergekommen waren.

In der Haustür schaute er sich um. Er sah sie hinten stehen, eine lichte schlanke Figur, über ihrem Haupt stand der ganze Himmel mit Sommersonnenglanz. Er hob grüßend die Hand.

Dann wandte er sich und öffnete die Haustür. Der kleine mit Kleidern vollgehängte Vorplatz schien ihm öde und grau.

 

»Wie ist Ihr Name?«

»Er steht auf der Ladung.«

»Sie möchten mir ihn nicht sagen?«

»Ich sehe den Grund nicht. Da Sie lesen können.«

»Sie täten mir einen Gefallen damit.«

»Ich habe keine Ursache, Ihnen einen Gefallen zu tun. Wenn Sie es nicht als Gegenleistung für die Schuhe ...«

Der dicke Mann hob den Kopf. Seine ein wenig besorgten Augen musterten den Vorgeladenen, der, an den Ofen gelehnt, blinzelnd zu ihm sah. Jener sah blaß aus, jener Junge. Nun er nicht mehr sprach, fiel auf, wie schmal und festgeschlossen dieser Mund war: ein trotziges Bubengesicht, flimmernde Augen. Ah, dieser Kerl mochte so gut und sauber aussehen, wie er wollte, man wußte genug von ihm, in welchem Dreck er lebte. Man hatte völlig das Recht, ihn zu verachten. Wie gleichgültig er vor sich hin, wie ein Belangloses, diese Anspielung mit den Schuhen gesagt hatte! Wer vom Nebenzimmer aus zuhörte, konnte nicht einmal verstehen, daß es eine Spitze war.

Der Amtsvorsteher räusperte sich. Mit zwei Fingern griff er aus der Westentasche den Klemmer, er befestigte ihn auf der Nase. Und nun, mit verborgenen Augen: »Sie wollen Anton Loo heißen?«

»Sie haben vor ein paar Tagen bei der Anmeldung meine Papiere gesehen.«

»Wann sind Sie geboren –?«

»Und wo?«

»Was waren Ihre Eltern?«

Anton zögerte nicht einmal. Nun kam wieder eine kleine Pause, der Amtsvorsteher fragte sacht: »Sie führen nicht etwa noch einen zweiten Namen?«

Eine ganz kleine Stille, in die plötzlich das Ticken der Uhr hineinschwang, lebhaft, rasch, unendlich die Zeit fortstürzend. »Nein«, sagte Anton langsam, »nein, ich führe keinen zweiten Namen.«

»Warum nehmen Sie dann einen auf den Namen Anton Färber lautenden Brief an?!«

Dies war rasch gesprochen, zufahrend; der Dicke war halb vom Stuhl hoch, er stützte sich mit seinen Armen auf das Pult, und sein Gesicht glänzte im Triumphe.

»Infolge eines Irrtums Ihres Boten, den ich sogleich nach seinem Weggange merkte. Hier ist übrigens der Brief.«

Und er reichte ihn hinüber. Der Dicke riß ihn ans Auge. »Wie! Was! Mensch! Sie haben den Brief Ihrer Mutter nicht gelesen!«

Er schnaufte. Eine fliegende Röte der Empörung färbte ihn bis unters Haar.

»Wie ich Ihnen neulich bereits bemerkte, ist meine Mutter im Jahr 1903 in Beuthen gestorben.«

Der Dicke, den Brief in der Hand, erhob einen anklagenden Blick zur Decke. Er stöhnte: »Er hat den Brief seiner Mutter nicht gelesen! Er gibt ihn zurück!«

Er tastete sich hinter seinem Pult hervor, näherte sich dem am Ofen, streckte den Brief hin, flüsterte, mit einem Blick zur Tür: »Lesen Sie ihn jetzt noch, junger Mann. Ich bitte Sie. Ehe es zu spät ist. Ihre Mutter ist krank, schwerkrank.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

Der Dicke zog sich zurück, murmelnd: »Ich weiß nicht ... es ist unerhört ... ich weiß wirklich nicht ...«

Plötzlich in einer ganz anderen Tonart: »Entschuldigen Sie einen Augenblick.« Und schnell entschwand er durch die Tür.

Anton lehnte das Haupt zurück an den Ofen. Plötzlich strömte ihm alles Blut zum Herzen, das dumpf pochte und sehr langsam. Er griff mit der Hand dahin. Er schloß die Augen. Er sah nichts mehr. Er war müde. Und jetzt erst würde es kommen, er würde sich zu behaupten haben, zu kämpfen; jetzt kam die Stunde, in der es zu beweisen galt, daß er des heutigen Morgengeschenks wert war. Und er mochte nicht kämpfen! Es überkam ihn das Verlangen, all dies hier im Stich zu lassen, zu entfliehen durch das ebenerdige Fenster und zu ihr zu eilen an den Strand.

»Aber wie soll ich dort niederknien vor ihr, wie gestehen, daß nichts entschieden wurde und daß es nur die Flucht eines kläglichen Herzens ist, die dort zu ihren Füßen endet! Ach, gleich wird diese Tür in ihren Angeln sich drehen, durch die offene werden zweie kommen, die Eltern, und ich werde wieder erfahren, was ich in all meinem Haß schon geahnt habe, daß ich mit all meinem Haß sie liebe. Hart müßte ich sein, und doch würgt schon der Gedanke an ihr Kommen meine Kehle. Ach, diese kleine gerundete Schrift auf dem Briefe! Sie schrieb mir auf der Schiefertafel vor, manchmal auch in den Heften, wie lange sah ich sie dann nicht! Nun kommt sie wieder zu mir, sie ist klein und wie scheu geblieben, aber nun fordert sie das unmögliche Opfer von mir und heißt dieses Opfer noch ihr Recht. Mutti, liebe Mutti, ich darf doch nicht! Und doch, wenn ich daran denke, daß sie jetzt hereinkommt, mit ihrem kleinen, scheuen, kummervollen Gesicht: ich werde weich werden!«

Die Augen offen, zum Fenster eilend: »Ich will nicht weich werden! Auch vor ihr nicht, dann ist Flucht besser.«

Er öffnete den Fensterriegel, er lehnte hinaus.

Eine Stimme kam an sein Ohr: »Bitte, Herr Superintendent.«

Er stand starr. Dann atmete er auf, leuchtend. Unendlich befreit regte sich Herz und Brust. ›Dies ist Geschenk in der letzten Stunde‹, flüsterte er und stand wieder am alten Platz, als zwei Herren eintraten. Ein Streifblick: wirklich, der Onkel, der Onkel Otto. Und er grüßte gleichgültig mit dem Kopf.

»Da ist er«, sagte der Amtsvorsteher halblaut.

Der Onkel trat langsam an den Neffen heran. Sein gewichtiger Leib war kolossalisch aufgerichtet, sein blühendes, fettes Gesicht schien blässer, aber seine Augen blickten böse. Steine waren sie; böse, undurchsichtige, kalte Steine.

Er trat ganz nahe heran. Und wieder einen Schritt zurück, um einen Überblick zu gewinnen. Er nickte bedeutungsvoll, sah von dem Neffen zum Amtsvorsteher und sagte: »Ganz, was ich mir gedacht hatte. Ganz und gar.«

Die beiden Beleibten, der große Massige mit dem guten Ernährungsspeck des Theologen, der kleine Gedunsene mit dem faulen Sitzfleisch des Schreibers, sahen sich einig an. Sie nickten.

Anton war es plötzlich leicht, unendlich leicht. Tausend hurtige prallvolle Gelächter tanzten in ihm, sie stießen gegen seine Haut. Wer waren denn diese beiden, die ihn schädigen wollten, ihm wehtun, ihn kränken? Zwei bedeutungslose fette und ferne Leben, die nie, nie in sein Leben hineinreichen würden! Mochten sie sich bemühen, mochten sie sich abstrampeln: ihr Leben war nicht so geführt worden, daß es als Ergebnis ein Wort hätte aufweisen können, mit dem zu seinem Leben, zu seinem Herzen zu sprechen gewesen wäre. Hatte er unter seiner Einsamkeit, unter seiner Beziehungslosigkeit zu anderer Dasein gelitten? Nun erwies sich, wie gut sie sein konnte, solche Einsamkeit.

›Wir müßten mindestens dieselbe Sprache sprechen‹, dachte er rasch. ›Aber ihr seid einfach viel zu dick.‹

Dieses Fett der andern drängte sich immer mehr vor in seinen Gedanken, wie ein nahes, häßliches Berühren war es an seinem Leibe, der sich darunter ekelte.

Und noch einmal wiederholte er, und dieses Mal laut: »Sie sind einfach zu dick.«

Die beiden sahen rasch zu ihm, mit einem stieren verständnislosen Blick. Er fragte: »Betrifft dies noch meine Vorladung? Wer ist dieser Herr, Herr Amtsvorsteher?«

Er sah, verhalten lächelnd, ein wenig den Kopf vorgeneigt nach dem Ziel, zu sehen, ob sein Schuß traf.

Er traf! Der Amtsvorsteher machte eine Art Sprung, rang nach Atem, ein klagender Laut entrann seinem Munde, aber der geistliche Onkel tat eine dicke Gebärde mit dem Arm, die die Luft zu zermalmen schien, er schrie ein rotes: »Lassen Sie mich!« und stürzte auf den Neffen zu, den er bei den Schultern packte. »Anton!« schrie er und schüttelte ihn. »Anton!«

Der Neffe wand sich fort unter diesen Händen, strich sich über die Schultern. »Aber das wird dramatisch!« rief er leicht erstaunt. »Was will der Herr?«

»Wenn Sie sich irrten, Herr Superintendent! Wenn Sie sich doch irrten!«

»Sind Sie wahnsinnig, Mann?! Oder glauben Sie, daß ich wahnsinnig bin!« brüllte der Kirchenherr mit einer wilden Bewegung. »Ich werde doch meinen Neffen kennen! Den Sohn meiner Schwester!« Er wandte sich um, er sprach ruhiger: »Anton, du hast den Brief deiner Mutter nicht geöffnet. Du hast auf die Aufrufe in den Zeitungen nicht geantwortet. Aber deine Mutter ist wirklich sehr krank. Nicht nur körperlich. Ihr – Gemüt hat gelitten. Sie hat nicht glauben wollen, daß du entflohen bist, schimpflich mit einer – lassen wir das, du weißt ebensogut wie wir ... Ihr Herz hat nicht glauben können. Du bist anders geworden, ich sehe es dir an. Du bist nicht der Junge mehr, ich glaube es. Du hast in einer anderen Luft geatmet, andere Ansichten erworben. Ich spreche darüber nicht mit dir. Ich weiß nicht einmal, wer das ist, zu dem ich spreche, wo er zu fassen ist, wo sein schwacher Punkt ist. Ich bitte dich nur eines: denke zurück an die Zeiten, da du klein warst, da dieser Mutter Hand dich hielt, ihr Mund dich sprechen lehrte. Als sie erfuhr, daß du fort seiest – ich selbst brachte ihr die Nachricht vorsichtig, sehr vorsichtig -, sagte sie kein Wort. Sie sah uns nur an, deinen Vater und mich, sie schüttelte den Kopf, verließ uns. Wir glaubten, sie sei auf ihr Zimmer gegangen, wir dachten, es sei besser, sie allein zu lassen. Sie war nicht auf ihr Zimmer gegangen: sie war auf die Straße gelaufen. In der Nacht wurde sie uns von Leuten gebracht. Sie hatte dich gesucht. Überall war sie herumgeirrt, sie hatte nach dir gerufen, sie hatte dich gesucht. Aber schon hatte ihr kranker Geist vergessen, daß du groß warst, erwachsen, sie glaubt, ein Kind, ein vierjähriges, sei abhanden gekommen, böse Leute hätten es ihr gestohlen. Sie sucht dieses Kind. Wir haben später gehört, daß du zur gleichen Stunde wie sie in den Anlagen herumgelaufen bist, du mit jenem – Mädchen. Du hast sie nicht rufen hören.«

Er brach ab, sein gesenkter Blick hob sich für einen Augenblick und suchte den Neffen, der am Fenster stand, eine verzogene Gestalt mit grauem, altem Gesicht, das unaussprechlich zu leiden schien. Die Stille dauerte an, plötzlich tickte die Uhr unerträglich laut, sie schien zu jagen. Das ebbte ab, und wieder war die tiefe Stille da, in der sich kein Gedanke bilden wollte, kein Wort laut werden, nur das ungeheure öde Gefühl einer schrecklichen Verwüstung.

»Wir können sie nur schwer zu Hause halten, immer will sie fort, dich zu suchen, alle Leute fragt sie, ob sie dich nicht gesehen haben. Nun haben wir alte Kinderkleider hervor gesucht, an denen näht sie, damit du etwas anzuziehen hast, wenn du wiederkommst.«

Und wieder Stille. In ihr bildet sich ihm die Vision jener bekümmerten, besorgten, ältlichen Frau, die so gut zu ihm gewesen war, wie es ihr Herz nur verstand. Sie war gestraft worden, aber die Unschuldigste hatte die Strafe gebeugt, denn nie war ihr Kopf fähig gewesen, als Lüge zu erkennen, was sie tat. Sie hatte es so gelernt, und auf ihrer Seite lag der gute Glaube.

Ein dummer Satz war durch seinen Kopf gegangen, quälend, er murmelte ihn vor sich hin, um ihn loszuwerden. »Das sind die kleinen, häßlichen Tragödien des Bürgertums.« Ja, wahrhaftig, sie waren klein, häßlich und niedrig! Was in aller Welt war geschehen! Ein junger Mann war seiner Liebe gefolgt, und weil er das nicht mit achtzehn, sondern erst mit achtundzwanzig Jahren hätte tun dürfen und nicht mit einem beschädigten, sondern einem intakten Mädchen, aus dummen, irrsinnigen, widerlichen Gründen also, verdüsterte sich ein kleiner, kummervoller, hilfloser Geist.

Er sah jene am Fenster sitzen, am Nähtisch, über den Rock eines schottischen Kinderkleidchens gebeugt, und fortwährend rannen ihr die blanken Tränen übers Gesicht, während sie weiternähte. Er erinnerte sich: sie konnte mühelos weinen wie ein Kind. Hinter der kleinen Vergrämten aber, mit dem hilflos zuckenden Mund, sah er ein Großes sich erheben, ein düsteres, unnennbar Häßliches, das ihren ganzen Himmel verdeckte: die Lüge von der Moral. Sie war da, immer lauerte sie im Hintergrund, sie vergiftete die Herzen und die Gedanken. Sie war's, die in die Herzen der Unreifen die widersinnigen Formeln von der ewigen Treue, der reinen Liebe, der Intaktheit des Weibes, dem feigen Leugnen der Geschlechtlichkeit einpflanzte, die den Samen säte zu den schrecklichsten Enttäuschungen, den widerlichsten Eröffnungen, irrsinnigen Kämpfen gegen das eigene Herz und dem Ekel, Ekel, Ekel ... Ihm war es, als höre er die Millionen Schreie derer, denen das Glück getötet wurde, und aller Tränen waren es, die seine Mutter weinte!

Da saß sie: keine Fremde, kein Schicksal, das man prüfend umwandern konnte, um die Waffen zu stählen gegen die Biester, die die Kirchen, die Schulen, die Gerichtshöfe füllten –; nein, seine, seine Mutter war es, und bei ihm stand es, über dies verhärmte Gesicht das Glück eines Lächelns zu gießen. Bei ihm! Oh, wie fern ist nun plötzlich Gerda, wie recht hatte sie gehabt, als sie mahnte: »Denke nicht an mich, denke an dich!« Er mußte an sich denken, er mußte sich klarmachen, daß die Rückkehr als reuiger Sohn eine Lüge gegen sein ganzes Herz sein würde ... die am Ende doch vielleicht umsonst gelogen sein würde, wie sollte er das dort aushalten, immer, Tag für Tag? Ideen anhören zu müssen, die alles leugnen, was man achtet, Dinge und Menschen bespieen zu sehen, die man liebt – unerträgliche Qual! Und doch, dein Herz ist es mit, Armer, das dich auch zu jener Verkümmerten zieht, es erbebt schon jetzt von der äußersten Wonne der Umarmung, die dich an ihre Brust werfen wird. Du wirst es können. Oh, du wirst es können, denn du mußt es können!

Er macht drei Schritte zum Onkel. Sein Mund öffnet sich, er will sprechen. Da verändert sich sein Gesicht. Deutend streckt er den Zeigefinger aus, ein wahnsinniges Gelächter brüllt von seinen Lippen.

Die beiden sind aufgesprungen. Sie sehen seinem deutenden Finger nach. Da liegt auf dem Schreibtisch der Brief der Mutter!

Sie hat ja geschrieben an ihn! O Gott, diese Lügner! Sie hat wohl dem Vierjährigen geschrieben?

Brüllend vor Gelächter schießt Anton an den beiden vorbei aus dem Zimmer.

Entspannung

Die Haustür fiel hinter ihm zu, sehr laut. Von der Erschütterung lösten sich Blütenblätter, sie fielen vor ihn, er nahm eines in die Hand. Er betrachtete es neugierig. »Gut! Gut!« sagte er, dann ungeduldig: »Das ist zu Ende.«

Langsam schlenderte er den Gartenweg hinauf, er kam an dem Fenster vorüber, hinter dem er eben noch gestanden, er wendete sein Gesicht fort. Er hörte keinen Laut von drinnen.

»Sie werden fortgegangen sein ...«, überlegte er. »Diese Betrüger, beinahe hätten sie mich gefangen. Wenn ich den Brief nicht eben noch gesehen hätte ...«

Er trat aus dem Garten, ging über die Straße in den Wald auf der andern Seite. Er wollte noch nicht an den Strand, es war noch zu früh, er mußte sich erst klarwerden ... Nein, das brauchte er nicht. Das war es nicht. Klar genug stand es ihm vor der Seele, daß er Gerda wieder verraten, daß er während der ganzen Zeit kaum an sie gedacht hatte, daß sie seine Entschlüsse nicht beeinflußt hatte.

Er kam auf einen kleinen Hügel, von dem aus man, zwischen Bäumen und Büschen hindurch, aufs Land sehen konnte. Er warf sich hin, gleichgültig ging sein Blick über diese Felder, wo auf Brachen schwarzbuntes Vieh in langer Reihe getüdert stand, Wintergerste und Roggen schon reiften und die Kartoffeln ihre ersten lila oder weißen Blüten entfaltet hatten. Aber daß er das Meer nicht sah, tat ihm gut. Das hätte ihn wieder gemahnt an jene, die seiner wartete, die immer gut war, immer verzieh, immer liebte.

»Ach, ich Schwacher, der keine Stimmung aushält, den jede mit sich davonträgt und schon wieder läßt! Blicke ich zurück, in wieviel Brocken zerfallen diese Tage, immer sich wandelnd; eben noch voll hoher Entschlüsse bin ich nun schon Verräter und Verräter ohne Scham. Ja, ich sehe es, ich erkenne es, ich blicke vor mich hin, ich nicke mit dem Kopf: so bin ich! Ich kann es nicht ändern.

Schön, wahrhaftig! Was denn haben meine Entschlüsse, meine Hoffnungen für Sinn? Ich tue immer anderes. Ich sollte aufhören, zu entschließen, zu hoffen, und mich treiben lassen, wie es kommt, ohne Vorbehalt. Ja so: hinstürzen, die Hände küssen, ewige Liebe schwören, wie ein Bürger, und es glauben, wie kein Bürger, fortgehen, vergessen, einer andern Stunde und einer andern gehören, das ist das Leben, das wäre das Leben ...«

Er atmete rasch, die Sommerluft stieß kleine duftende Wellen gegen sein Gesicht, die ihn entzückten, er schmiegte sich fester in die Grasbüschel, da hörte er einen leichten, schnellen Schritt, er wandte sich um, die Büsche bogen sich auseinander, eine helle Gestalt und ...

Mahnung ...

Nun erhebe noch einmal, aus dem Innersten dich empörend, deine Hand, Träumer, und weigere Folge einem Leben, das soviel seliger schien als deines und das nun – ganz wie deines – in jenem sinnlosen Grau sich zu verlieren scheint, das auch dich bis ins letzte entmutigte.

In all deinem Elend hegtest du doch den einen Traum, daß dein Leben über die Maßen köstlich gewesen wäre, hättest du deinen Fuß den eilenden Sandalen der Liebe folgen lassen. Nun wird der Traum geträumt, und in Grau, im Grau der Verzweifelung und des Verrates, endet er wie dein wahres Leben.

Dein Wehren hilft nichts, und deine Mahnung ist für den Wind. Eine schlimme Sonne stand über deinem heutigen Tag, ein schlimmerer Mond ist deinem Schlafe entstanden, und wie er sich verhüllt oder entbreitet, sendet er dir verzückte Ängste oder angstvolle Verzückungen.

Es hilft dir alles nichts: du mußt liegen und träumen. (Es hilft uns allen nichts: stille liegen müssen wir und träumen.)

Träume doch, Träumer!

Freundin –?

... und er rief: »Inge –!«

Sie beugte sich zu dem Liegenden, rasch atmend sah sie ihn an. »Daß ich dich gefunden habe!« rief sie rasch. Und noch einmal: »Daß ich dich gefunden habe!«

Eine wenig Veränderte erschaute er: die blonde Krone war aufgesteckt, der Hals etwas voller. Plötzlich kam ihm das Erinnern, er begriff, wieso er an diesem jungen Hals die fehlende Rundung der Reife erkannte. Seine Gedanken irrten ab zu jener, die auf ihn wartete und der er einen Sieg zu bringen hatte. Er murmelte mürrisch: »Du wünschest?«

Nein, der Sieg rechnete für ihn nicht. Aber er gab ihm das Recht, vor sie hinzustürzen, zu stammeln: »Ich bin jenen entronnen!«, und dann das Gesicht in ihren Schoß. Mochte sie schon glauben, er verberge die Röte des Triumphes. Er würde nichts erklären. Keine Erklärung, keine Täuschung, kein Ruhm konnten einer Liebe etwas hinzufügen, die unabhängig von allen Winden als ein machtvoller Strom dahinfloß. Sie würde mit ihren Händen über seinen Kopf streichen, und diese Liebkosung würde ihm – ob verdient, ob unverdient – unsagbar lind sein. So stark sah er dies Bild, dessen dunkelblaue Schatten sich auf dem Strandsand vermengten, daß es nicht Zukunft, sondern Erinnerung zu sein schien. Jene beiden hatten ihre Gesichter zueinander erhoben, ein Glanz umfloß sie, und der Glanz jener unausweichlichen Einigung war es, die auch Lüge heißen konnte – gleichviel.

Von Südwest stieß ein warmer Wind stoßweis schnobernd gegen sein Gesicht, er brachte den Duft von Kleeheu heran mit dem süß durchsonnten von Lupinen, die dort hinten, samtig gelb, gegen den Horizont anstiegen. Wenige Dutzend Meter vor ihm hob sich eine Lerche aus der Brachfurche gegen den Himmel, sein Auge folgte ihr und meinte diesen Gesang zu sehen; zu nahe, zu fest geschichtet klang da die Stimme der Blonden an sein Ohr: »Wie schick du bist. Nein, wie schick du geworden bist!«

Er sah blinzelnd zu ihr. Eine ferne Gestalt aus so sehr versunkener Zeit hob dort ihr Haupt aus dem Grase, Lichter blitzten in den Augen, ein lieber, einst geliebter, eigenwilliger Mund zuckte und war fern, fern, fern.

»Ich weiß noch immer nicht, was du wünschst?«

»Und dieser lachsfarbene Schlips – du hast dich sehr, sehr verbessert, Tonerl.«

Durch die Blätter ging das Sausen des Windes, leichte Sonnenflecken hoben sich beschwingt, huschten, nisteten auf ihrer Wange, ihrer Stirn, halb über ihrem Mund, waren fort und liefen im Grase, hierhin, dorthin, dahin, nicht zu halten.

Grollend sagte er: »Wie alt bist du – nebenbei –, Üz?«

Und sie, auf dem Bauche liegend wie damals, damals, damals: »Seit wir uns geküßt haben, zähle ich nicht mehr.«

»Haben wir das? Wie wir dumm waren, damals!«

»Waren wir es? Wieso?«

»Weil wir nichts wußten, nichts, gar nichts! Heute –«

»Heute –?«

»Man muß erfahren haben, um genießen zu können.«

»Ja, aber wie ...?«

Rauschte nicht nebenan, hinter Johannisbeersträuchern, ein eiliger Fluß? Wurde nicht ein Superintendent gerufen? Lagen nicht zwei Verschworene beieinander auf dem Bauch, im warmen Sande, und taten die ersten täppischen Regungen der Liebe?

Ein verstrichener Frühsommer hob sein umkränztes Antlitz, unter seinem Hauch erblühte der Garten, zweie liefen, sie trugen die allgemeine Liebe im Herzen, die niemand betraf und alle ... Die kleinen Vögel – waren sie damals nicht zutraulich gewesen? -, wohin hatten sie sich verflogen? Jene Lerche oben im Blau: sie galt nichts, war zu fern.

Er rückte näher an sie. Er versank mit seinem Blick in dieses Gesicht, dem einst so holde Verheißung lieberfüllten Lebens geglaubt worden war, er prüfte jeden Zug, aber verlockend formte sich die Wange wie vorher, diese Augen glänzten, dieser Mund war feucht wie bevor.

Eine lang verhallende Stimme rief: »Keine Eile hast du! Alles kehrt wieder.«

Sie verklang. Einen Augenblick erhob sich ein weißer Garten zum Mondeslicht, erglänzte – und versank. Hurtige Lichter schwirrten, eine aufgehende Sonne verfärbte den Saum des Horizontes, eine klagende Stimme rief: »Nimm mich mit!«

»Ich habe nichts erfahren, diesen Sommer«, sagte sie sehr traurig; eine Flechte fiel, wie breitgedrückt, in ihre ganze Stirn. »Wie könnte ich genießen –?«

Er beugte sich vor, er glaubte – in dieser Stunde – noch an das unbefruchtete Ohr, das zu hören vermochte, ohne den Schlick der Erfahrung einzumengen. Zu ihm sprach er, das übervolle Herz quoll über und die Stimme sang:

»Ich habe tausend Leben gelebt seit damals. Tausendmal starb ich. Immer wieder beugte sich eine weiße Liebende über mein entweichendes Leben, ihre Klagen strichen ihm nach, sie überholten es, sie brachten es zurück. Ich regte mich in ihren Armen, ich empfing es aus dem Hauch ihres Mundes; ich war tot gewesen, sie liebte mich immer noch, ich lebte neu. Neu? – Ich lebte zum ersten Male.«

»Die Giebeluhr oben zählte jede Minute. Sie dehnten sich. Ich konnte einem Schmetterling nachsehen, eine Blüte brechen, ihre Blätter zählen und in den Wind fliegen lassen mit der Frage, wann er käme. Ich wartete, ich wartete – endlich hob ich das Auge: noch nicht eine Minute war vorbei.«

»Mein Leben enthuschte mir schneller als ein Traum im Erwachen. Ich sehe zurück, und ich sehe viele große Gebärden an meinem Wege aufgerichtet, die nichts zu bedeuten scheinen. Ich habe soviel Angst gehabt, aber immer von neuem stürzte die Liebe in mich, ich lohte auf, und das Bewußtsein, für sie, als Fackel für den Glanz ihrer Wangen hinzubrennen, entschädigte für alles.«

»Für was?«

»Ah, ich weiß es nicht! Doch, ich erinnere mich der Träume, die ich als Knabe hatte. Über meine Bücher gebeugt, verloren in dem Suchen nach einer lateinischen Vokabel, erhoben sich plötzlich die Gesichter der Frauen. Ich erinnere mich, ihre Gesichter waren fern, ihr Lächeln bleich und obszön. Es versprach unerhörte Dinge. Sie schienen in meinen Leib hineinzukriechen, sie waren in mir, die Wollust dieses Gefühls erzwang die Senkung des Hauptes. Sie waren unermeßlich, ihre Gelüste stoben über mich hin wie ein Nordwind über die Sandwüste: sie hatten den Geruch satter Wälder und waren aufgetrocknet in nichts. Ich verdurstete, aber, noch verdurstend, begehrte ich sein. Dann verzichtete ich auf sie alle, sie entglitten vor der Wirklichkeit schneller als Schatten vor der Mittagssonne: sie allein war da.«

Er sah sie fragend an. Er versuchte ein Lächeln. »Sie allein war da«, tastete er noch einmal.

Aber die Junge war längst näher bei ihm, sie machte eine freudige Gebärde mit beiden Händen, die den Blühegarten von einst beschwor. »Wie anders du wurdest, seit damals auf der Schaukel. Ich wünschte immer, du küßtest mich, aber wo warst du –? Bei jenen Frauen, bei jener, von der du sprichst? Ich glaube es dir nicht. Du sehntest dich nach mir, in den Ausschnitt meines Kleides spähtest, meinen Mund begehrtest du ... dann zogst du dich zurück, alles verwischte sich gegen einen nebelhaften Hintergrund; aber – jenes Begehren wurde nie eingelöst von dir, es besteht wie je und mir gilt es!«

Er hatte staunend sein Haupt erhoben, sie sah er nicht an, aber ihm schien, als sei das Wogen der Ährenfelder draußen ihre Stimme, ihm schien der sommerliche Duft von Klee und Lupine der gleiche zu sein wie der Duft jenes Gefühls, das aus ihren Worten wehte, er rief staunend: »Wer spricht? Wer spricht?«

»Oh, du meintest eine kleine höhere Tochter dahinten gelassen zu haben? Eine, die im ganzen Leben nie begreifen kann, was ihrem Herzen geschah, die nun dumpf und hilflos dahintaumelt, bis sie einer findet, der ihr das gibt, was er sein Herz nennt, dessen Sprache sie ebensowenig erlernen wird wie die jenes unvergessenen ersten? Aber zu gut hat man mir die Pfarrhauslektion eingeprägt, als daß ich sie nicht hassen müßte, diese Litanei von Liebe, Unterordnung und Treue, die schon darum Lüge sein muß, weil man sie gar so eifrig lehrt. Ich hasse sie! Du bist der erste, der zu diesem Herzen sprach, deine Hand war die erste, die in diesen Ausschnitt griff um eine wachsende Brust, und immer –«

»Du lügst! Du lügst ja!«

»Und immer werde ich dein sein, immer, ohne Bedingung, ohne Treue, ohne Liebe gar, weil du der bist, den zuerst mein Herz grüßte in einem Blühegarten.«

»Ich will nicht. Toll bist du ...«

Flüsternd: »Du brauchst heute nicht zu kommen noch morgen. Du kannst alt geworden sein, ekelhaft, dir selbst ekelhaft, wie je werde ich dasein, deiner wartend, jung, schön. Wie in jener Mondstunde damals, wird mein Ruf sein: ›Nimm mich mit.‹ Und wird es nun nicht sein, daß du mir folgst, so viele Leben liegen vor uns: einmal biegst du aus deiner kläglich gewundenen, staubigen Spur und gehst den graden Weg zu mir.«

»Du rufst umsonst! Du lügst!«

»Wo bist du?« rief sie, und ihre Stimme schien von weither zu kommen, vermischt mit dem Sausen der Wälder, dem freien, köstlichen Lärm der Wogen und den wilden Schreien der grenzunwissenden Vögel. »Wo bist du – über Länder schweifende Brust, in der mein Herz klopft? Süßer Sperber, warum hockst du nicht auf meinem Handschuh? Blume, Margaretenblume, warum macht zwischen meinen Fingern dein Gelb und dein Strahlenweiß mein Herz nicht verwirrt? Oh, so komm doch!«

Er sah sie: ihr von leichtestem Rot gefärbtes Gesicht war erhoben, ihre leuchtenden Augen sahen dem Geliebten entgegen, der gleich, gleich die Kulissen dieses Waldes zurückschlagen und vor sie, herrlich erregt, treten würde. Sie hatte die Hand ihm entgegengestreckt, gekrümmt, als wolle sie sofort sein Gelenk umfassen, um ihn zu Tänzen zu ziehen, die keinen Aufschub duldeten. Ihre Stirn leuchtete rein, und ihr Mund schien überzuströmen von einem Lächeln, das zu schön war, um Laut zu haben. Die Himmel sangen's.

Hingerissen sah er auf sie. Seine Zunge eilte: »Ich sehe ihn kommen! Er schlägt die Wogen zurück aus Grün und Blau, sein Fuß regt sich nicht, aber er gleitet dir schneller entgegen als die Natter auf dem Hungerweg ihrer Speise.«

Sie umfaßte sein Handgelenk. Leise, dringlich: »Sein Gesicht leuchtet, sein Mund ist glühend, seine Hände kühl auf der Brust. Er hebt mich an seine Lippen, und in alle Himmel werde ich erhoben, tausend Sonnen taumeln klirrend in seinem Kuß, und die Fallende stürzt nach oben!«

Sie lagen Brust an Brust, ein Heuschreck feilte noch, das Land schien zu summen im Überentzücken der Sommersonne, eine geheimnisvolle, aufreizende Melodie wurde gespielt, hinten irgendwo in den Wäldern, die die Rehe im Sprunge einhalten ließ. Mit der Axt in der Hand zögert der Holzschläger und starrt auf den Traum seiner jungen Tage, der sich reizender denn je vor ihm auf weißen Fersen dreht, die Holztauben drücken sich tiefer auf ihre bläulichweißen Eier und lassen ihr endlos verhallendes Kukuru tönen, eine festliche Stimme ruft: »Zeit! Zeit!«, Silberwellen streichen auf Silbersand ...

»Du meine Geliebteste ...«

»Liebster ... Du mein Liebster ...«

... alle Geräusche scheinen Atem der Sonne und das Zusammenströmen zweier Herzen ihr köstlichster Most – .

Feindin ...?

Dieses holde Inge-Gesicht unter ihm erblühte mehr und mehr. Dieser holde Mund tat sich auf, und die Worte, die er zwischen seinen Küssen hervorstieß, waren die zwitschernden Laute der Vögel, die nichts bedeuteten und alles. Hierhin, in dieses Antlitz hatten alle Meere ihre schönste Welle entsendet, ihre Kinderhände waren nah und fern zugleich, und der Leib, der sich ihm als erstem erschloß, verbarg unter den Krämpfen des Schmerzes nicht die roten wie die falben Rosen, die endlich, endlich doch alles überstürzten.

Rieche die Süßigkeit der Luft! Und die eines jungen unerschlossenen Leibes, der doch, pflegend, schon von sich wußte! Wie geschah solches dem Einsiedler aus einer Kammer? Die Laubbäume haben ihre Kronen hierher gestreckt, die schrillen und die verhaltenen Melodien der sehnsüchtigen oder der nehmenden Liebe sind allerorten aus den grünenden Hintergründen hervorgeklungen.

Wo denn wären Ströme, die hier nicht mündeten? Wo denn Wiesen, deren Gräserspitzen solch Liebeswind nicht aus Süd kämmte?

Du hältst das geliebteste Haupt in den Armen, seine gebrochenen Augen erflehen von dir mehr noch Liebe, als ein Gott zu vergeben hätte; willig öffnet, saugt und schließt sich das begehrte Gefüge eines Mundes unter deinen Küssen, und unter einem fast unerträglichen Ansturm von Beseligung erlebst du die verborgene Behaarung eines Leibes, die geheimnisvolle und groteske, die Bildung eines Leibes, die unwiderruflicher und überraschender nie geschaffen schien.

Du lächelst dein zages Lächeln von ferne. Du spürst die Nacktheit und das aufreizende Vermischtsein von Unterkleidern mit Fleisch, das stöhnen macht vor Wollust, und das plötzliche Erfassen einer starren Brustknospe, das den Kopf taumeln läßt. Das scheinen tausend Arme um deinen Hals zu sein und tausend feuchte Küsse in deinem Gesicht. Deine überströmende Liebe findet keine Hemmung in der Begrenztheit eines Körpers, und was jenen Hemmung scheint: ein warmes, duffes Fleisch, das ist die Hochebene des Gefühls, über die allein von ferne jene Schneewipfel glänzen, die du ...

Stille doch!

Du müßtest dich endlos weit hinauslehnen aus der Bewaldung dieses Fleisches, um sie zu erschauen. Noch ist es süß, tausend murmelnde Quellen rinnen aus dem dir Eröffneten. Jener zarte andere Mund ist nur friedlich gemeint, und jene Lerche dort oben sänge beziehungslos?

Ah, geh! Ah, geh!

Verlorener liebest du! Liebender bist du entzückend verloren.

Deine Hände tanzen, deine Lippen küssen Loblied, dein gar zu rotes Herz möchte ertrinken im Blut.

Sieh das Haupt deiner Geliebten unter dir, mit seinem gebrochenen Auge und vielem Weiß. Welche Hilflosigkeit vermöchte dich mehr zu rühren als diese dir ausgelieferte, von deren Freuden und Wollüsten, von deren Trauertränen du nichts ahnst, so wild du dich hinein verbohrst.

Halte ein! Ich bitte dich. Sieh diese Lippen, die sich regen, regen sich für einen ganz anderen Genuß wie den von dir gemeinten. Diese gebrochenen Augen brach eine eigensüchtige Wollust. Diese Überströmung deines Leibes ward aus Eigenstem bestritten, dessen Quellen unerkennbar fern liegen.

Du küßt weiter? Dich kümmert nichts?

Ah! Dieser Wind kam von so weit, weht nach so weit – welches Gran deiner Leidenschaft wird er einer einsamen Liebenden zuwehen? Welches Gran fremder Verliebter wehte er dir zu, daß es deine Adern und zu dieser Stunde und mit ihren zugleich so erhitzte, daß dies wurde?

War es die Sehnsucht etwa jener Einsamen am Strand? Die Sehnsucht jener wartenden Einsamen? War es die?

 

Ach, nur dein eigen Herz war es, das in jedem Hauch von Leidenschaft eigensüchtig erzittert, gleichviel von wo er weht. Nur von der erfassenden Gewalt des Sturmes weiß es, nichts darüber, ob von Inge, Gerda, ob von ... (stille doch, willst du ein Herz beschämen –?) ... ob er aus Nord oder Süd kommt. Und dies war ein Windstoß nur, in seinem Ansturm tanzten alle Blätter eines Mondsilber-Gartens auf, bebend wiesen sie ihre flaumige, sanfte Unterseite und – vorüber!

Nun sinkt vor deinem Auge eine erblindende Welt fort mit dem Haupte jener, das dem Wollust geschwellten Halse zu schwer ward. Ein rasch entfliehender Blick trifft dieses zu gerötete Antlitz, dessen Lippen verwühlt sind wie ein morgens verlassenes Bett. Er läßt sie entgleiten, er murmelt mürrisch: »Ach, so geh doch!«

Gegen einen Baumstamm gelehnt, sieht er ins Land hinaus, über dem die Sonne tiefere und raschere Melodien anstimmte. Aber unter ihnen allen geht als sacht anschwellende und verebbende Begleitung das Weinen jener Kleinen dort, die auf dem Bauch liegt, das Gesicht in den Händen verborgen. Aus dem Augenwinkel späht er ein-, zweimal rasch zu ihr, er sieht die verwirrt hängenden feuchten Haarflechten, die durcheinander gewuselten Kleider, zwischen denen so unsagbar gleichgültig der Häkelspitzenbesatz einer Hose aufblitzt, das stumpfe nahrhafte Weiß von sonst verborgenem Fleisch, – und schon sieht er wieder dem gelben Postauto nach, das auf jener Straße am Horizont auftaucht und rasch, zwischen Bäumen beim Kirchhof, entschwindet.

Das Weinen der Kleinen schwillt an, es zerbricht in tausend schluchzende, hervorgestoßene Splitter, sie schlägt wüst, in einem Überfall von Schmerz, mit den Beinen die Erde, es ist fort, und die Lerche singt oben allein, endlos und unermüdet, ein zitternder Punkt im Blau.

»Tannenwälder sind da, dunkle, auf steinigen Höhen eingewurzelt, unter einem Novemberhimmel geduckt, der das erste Schneetreiben verheißt. Und endlose wortstille Gespräche an einem frostklirrenden Tage über Land. Da sind Buchten, verrückt in ein Landprofil gerissen, mit Eis bedeckt, das in allen Farben von einem weißlichen Grau über Lila und Hellgrün in tiefstes Blau spielt. Da sind all die kalten Wege, die nur das Gefühl des Schreitens und Frierens beseligt. Da sind die wilden Schreie des Entzückens und der Aufreizung hinter einem Hasen her, der sein mit dem Winde eingescharrtes Lager verläßt und von Hunden verfolgt, schneestäubend, über die winddurchjagten Erdstücke dahinschnellt. Das alles ist in dir. Und denk doch, denk an die vielen herrlichen Stunden, da dein Herz sich rührte, seine Schwingen entfaltete als ein ungeheurer Vogel und dich entgegentrug dem Gleiß und Glimm der Sonne – unter dir, verschwimmend in vielen frühlingshaften Farben, lag eine jubelnde Welt, aber dein gereinigtes Herz hob dich selbst aus ihrem Anblick noch, und was nun an dein Ohr klang, war wohl der Gesang von Engeln –: du warst gut.

Nun weinet eine. Ah, diese nie gehörten Klagelaute kenne ich nur allzugut. Sie bejammern nichts, was eines Achselzuckens nur wert wäre. Die gemeinen hilflosen Klagen ob der Überrumpelung der Bürgerideale durch das Blut ...«

Und plötzlich rauh, böse: »Ah, bist du entjungfert? Bringst du deinem Gemahl ins geordnete Ehebett eine entblätterte Rose, einen Acker, in dem jemand schon pflügte –? Ah, geh doch, geh!«

Und leise, neu: »Wie man sie verachten muß, diese alle, ob der unerhörten Gemeinheit ihrer Klagen! Aber doch, dieses Klagen schwillt an, es mischt sich mit dem Säuseln der Blätter, dem Gesang der Lerchen, und daß es so, in aller Natur besteht, rechtfertigt es beinahe, trotz aller Gemeinheit seines Anlasses. Mein Gott, am Ende ist es doch Weinen, wie es jeder weint – – –!«

Und zu ihr geneigt, den Arm um die zuckenden Schultern gelegt, sanft und leise: »Oh, so weine doch nicht! So weine doch nicht –!«

 

»Was soll ich tun?! Was soll ich tun?!«

Immer von neuem wiederholte sie diesen Ausruf, von Schluchzen unterbrochen, und mit jedem anderen Male schien er törichter und sinnloser geworden zu sein. Er zog den Arm zurück, aus kurzer Entfernung sah er in dieses von Tränen verschwollene, gerötete Gesicht, auf dessen rechter Backe etwas Schmutz verwischt war, die laue Ausdünstung der geöffneten, schwitzenden Poren traf ihn, und weiter abrückend, seufzte er verdrossen.

»Komm doch näher! Warum rückst du fort? Liebst du mich nicht mehr? Bin ich schon nicht mehr schön?«

Er antwortete nicht. Er dachte vielleicht jener andern, im Vorüberschnellen eines Augenblickes, die weder in höchster Lust noch tiefstem Leide die eingeborene Verpflichtung vergaß, schön zu sein, und die die Träne mit dem Schluchzen bezwang, um sich so zu erhalten. Diese hier wollte opferlos schön sein. Eine Frechheit war es, in diesem Zustande zu fragen, ob man noch schön sei. Nein, man war es nicht, man war nur schamlos. Welche Größe lag in der andern! Nie hatte jener Leib sich einmal merken lassen, daß er schmerzte, der Ruhe bedurfte, ein unzulängliches Werkzeug war. Mit einer köstlichen Gebärde entzog er sich dem Arm des Mannes, zurückgelehnt verlor man sich in berauschenden Träumen, und kehrte er zurück, war er duftender und frischer denn je.

Diese hier versagte beim ersten Male. Kaum hatte sie sich einem gegeben, dem ersten, so glaubte sie ihm gegenüber alle Scham, alle Verhüllung, allen Reiz überflüssig. Daß er in das Kleinod ihrer Jungfernschaft eingedrungen, das war ihr belangvoll, aus irgendwelchen dunklen religiösen Wahnsinnigkeiten.

Und indem er die Augen schloß, sah er, erzitternd, die schreckensvollen Stationen eines Lebens mit solcher, die dem bereitet waren, der sie als Braut zum heiligen Altare führen würde: die verlogene Anspruchsfülle aus den Idealen, die nie zu beweisende Lügenhaftigkeit ihrer Liebe und Treue, die Unduldsamkeit, die Kleinlichkeit, das Lüsterne nach Dreck. Aber die großen Dinge waren nicht diese, die kleinen waren es.

Er sah das Schludrigwerden, die hängenden Strümpfe, die zu selten gewechselte Wäsche, die schmutzigen Hälse und Ohren, die vernachlässigten Hände. Sie aßen laut, sie zogen den Schnupfen in der Nase hoch, und ihre riechenden, zerdrückten Taschentücher lagen überall umher. Während der Brautzeit verbannte, tötende Redensarten tauchten wieder auf, jeder Neuerung stemmte sich Indolenz entgegen, plötzlich hatten sie Tränen in den Augen und einen Schrei, der, so oft gehört, nur noch empörte. Auf Filzschuhen schlichen sie durch das Haus, sie lauschten an den Türen, durchstöberten den Papierkorb, und ihre sinnlose, durch keine Aufwendung von ihrer Seite sich rechtfertigende Eifersucht galt ebensosehr einem Buch oder Bild wie einer Frau. Daß sie einmal geheiratet waren, das gab ihnen schon das Recht, von vorneherein jedes Opfer zu verlangen, jedes Anderssein zu verurteilen, riechend in der Regel sich hinzuwerfen und zu schreien: »Ich bin doch schön (denn du hast mich ja geheiratet).«

Erschüttert murmelte er: »So wirst auch du sein. Auch du!«

Er sah die Weinende an, ihr unausweichliches Geschick erschreckte ihn, sanft wollte er sie umfassen, zu ihr die doch ganz überflüssige Warnung sprechen, – da jagte ein Windstoß durch den Wald, die Blätter raschelten, kaum bogen sich die Kronen der Bäume und sausten, aber – in seinem sommerduftenden Wehen – schien jene andere vorübergeflogen zu sein, fröhlich lachend, mit gelösten Haaren, bloßer Brust, all dem unvergänglichen Zauber befreiter Körperlichkeit.

»Sie hat's erreicht. Sie ja – und kam von unten«, murmelte er, und zurückgelehnt, barsch zu Inge: »Willst du dich nicht wenigstens anständig hinlegen?«

Schon bereute er's. Kindisch schien ihm diese Mahnung nun und jener Unduldsamkeit entsprungen, die er eben erst bei ihr verurteilt. Mochte sie sein, wie sie wollte, kein Recht hatte er, sie zu fordern, wie er wollte.

Sie sah zu ihm hinüber. Mit einer raschen Bewegung warf sie ihr Haar zurück aus der Stirn, ihre Schulter zuckte trotzig, ihr Mund wölbte sich. »Ist ja alles egal, jetzt ...«

»Vielleicht ist nichts egal. Vielleicht wäre es besser ..., aber lassen wir das jetzt. Überlege doch, Inge. Da ist die Sonne, sie scheint wie je, Wind kommt und geht in den Blättern, und die Vögel singen wie je, du trocknest dein Gesicht, ordnest deine Kleider, gehst auf die Straße: du hast nichts erlebt! Denn nichts geschieht, was du nicht erleben willst, nicht in dich hinein läßt. Siehst du!«

»Nichts erlebt –?«

»So verstehe doch – – –«

»Es ist nichts geschehen – aber ... alles wurde anders, nun bin ich kein Mädchen mehr –«

»Aber doch nicht darum! Doch nicht aus einem physischen Grunde! Wenn etwas anders wurde, haben's deine Gefühle bedingt, wuchs es organisch aus dir –«

»Neinnein, rede nicht. Du verstehst nichts. Wohin bist du geraten, daß du meinst ... ah, ganz egal du! Aber ich. Ich! Ich!! Ich habe alles verloren, ich bin kein Mädchen mehr, diese tausend sonnigen Stunden im Garten voll Träumens, wie es sein würde, und das Hineinwachsen darein ... vorbei! Alles vorbei! Und so jung noch –!«

»Inge ...«

Aber sie, wild: »Laß mich, laß mich gehen, du, du Idiot!«

Sie wendet sich, sie geht den Waldpfad hinunter. Er starrt ihr nach. Etwas Weißes gleitet an ihr hinunter, dreht sich einmal in der Luft, fällt. Sie entschwindet.

Vor dem Brief

Er starrt ihr nach. Jene Gräser dort scheinen sich noch zu bewegen von der Berührung ihres streifenden Rockes, aber sie ist fort, es ist wohl nur der Wind. Er sieht den Waldgang hinab, der zwischen Unterholz unübersichtlich wird, sich verliert, man könnte glauben jene war nie da, ohne diesen weißen Fleck, der dort leuchtet, ein Taschentuch zweifelsohne.

»Ich werde es erfassen, ich werde daran riechen, ihr ganzer Duft wird um mich stehen, verlockend, wie damals, vorher.«

»Ah nein, sie hat Recht gehabt, zu sehr bin ich jenen allen schon entfremdet, ich weiß nichts mehr von ihnen. Nun, da sie sprach, erinnere auch ich mich wieder jener ungeheuren gestaltlosen Träumereien, die einer Frau entblühten. Das war, ehe diese Wartende kam.«

»Nun bleibt ihr nur das Eine, das sie jemanden von uns findet, die, befreit von allem Körperlichen, sich ihm hingeben können ohne Vorbehalt. Ich ahne, es wird deren viele geben, aufgewachsen in der Stickluft der Bürgerhäuser ersehnen sie die freie Luft um jeden Preis. Aber – wird sie warten können? Vermag sie dem Druck der andern zu widerstehen, dem sie schließlich doch nachgibt, indem sie ihm durch eine gänzlich sinnlose Ehe zu entrinnen glaubt?«

Er sah wieder die zärtliche Gestalt der kleinen Liebenden, sie wehte zögernd, verhalten und nun rasch wirbelnd an ihm vorüber wie ein Blatt im Winde. Kaum verhüllt von dem kurzen Rock bewegten sich die schlanken Beine. Ihre glänzenden Augen sahen nicht auf ihn, sondern ein erhabenes Ziel. Sie bewegte die weißen Hände zum Haar, ein verhaltenes Lachen schwellte ihre Brust.

»So ist sie. So allein ist Inge! Ich habe alles geträumt. Nie war sie bei mir, in engster Körperlichkeit befangen. Ihr Vater schickte mir diesen häßlichsten Traum.

Immer aber flüstert noch sie den überschönen Schlußklang im Mondgarten, sie wartet meiner wie je, die seidige Wimper von Tränen betaut.«

Unwillkürlich macht er einige Schritte den Hügel hinab. Er steht auf dem Wege. Er eilt, er bückt sich, er hebt das Weiße. Dann murmelt ein unnennbar Erschütterter: »Ein Brief. Ah, ein Brief. Natürlich.«

Brief – Katze – Brief –

Er hob den Brief zum Gesicht. Er betrachtete ihn, wollte ihn lesen, verschlungen und rätselhaft bewegte sich ein Zug schwarzer Zeichen vor seinen Augen, er löste sich, drängte sich zusammen, von weither drängte in sein Erinnern: »Herrn Anton Färber«.

»Aber das ist ja ...«

Jaches Hundeläuten auf warmer Spur fiel in sein Ohr, Geräusch im Walde, er warf lauschend den Kopf herum, Unterholz brach, jagender Atem, das aufreizende, jaulende Kläffen wildernder Hunde – – –.

Er riß den Brief auf. »Mein lieber Junge ...«, begann er, lief über vier Seiten ...

Aufstöhnend, ihn sinken lassend: »Also doch kein Betrug! Der Onkel redete Wahrheit!«

Da jagte es raschelnd auf dem Weg daher, die hetzenden Hunde tauchten, bräunliche, langgestreckte Körper, stumm nun, mit hängender Zunge, geröteten Augen auf, – etwas Weißes fing er im Arm, dann kam der Anprall, das japsende lautlose Anspringen der überraschten Hätz, er schrie: »Schert euch zum Teufel, verdammte Biester!«, und sah sie, als er den moosigen Stein drohend erhob, zwischen dem Blattwerk verschwinden, knurrend, mit eingekniffenen Schwänzen.

»Bauernköter –!« murrte er.

Aber sanft, zu der Dreieckköpfigen, die mit nassen Flanken stoßweis atmete in seinem Arm: »Das ging mit heiler Haut, Miessekatt! Welcher Teufel besaß dich, daß du liefest, statt zu klettern –?! Wieviel rettende Bäume!«

Sie leckte die Schnauze, lag warm im Arm, er ging zur rasigen Anhöhe, und mit einem raschen Schwung bot sich ihm das ganze blühende, sommerliche Land dar, er setzte sich nieder, er streichelte die Läuferin. »Sachtpfötige, bessere Muskeln fürs Laufen haben die Hetzhunde. Warum magst du nicht klettern? Ohne mich wärest du ihnen nicht so sacht entwischt.«

Er betastete ihre Beine. Mit dem großen blinzelfreien Blick, der nichts zu sehen schien, betrachtete ihn das Tier unverwandt und sanft, dann bog es sacht den Kopf zur Seite und rieb ihn mit zarten Stößen an seiner Weste. »Du hast es darauf ankommen lassen, Puschel –? Aber du mußtest wissen, daß auf dem Boden sie dich fangen würden. Tausendfach ererbte Erfahrung in deinem Blut – – –«

Sein leichter tröstender Ton verklang. Draußen am Horizont wanderte neben dem gelben Lupinenfeld die wipflige Straße. Unter der Decke der Saaten schien sich die Erde wie eine Atmende zu dehnen; der sanfte Wind, das Haar verwühlend, war der Atem, den die erwachende Schläferin gegen den Himmel schickte.

Lange sah er darauf hin. Eine beziehungsreiche Bedeutung, die in seinen Worten zur Katze aufgeglommen war, verging vor diesem Anblick, das fragend Zweiflerische in seinem Gesicht zerlöste sich, weich wurde es, die Katze schnurrte tief und verhalten in seinem Arm, über dem Finger spürte er das schnarrende Beben der Kehle – aber es kam von weiter her –, und plötzlich fühlte er sich von einer guten sanften Müdigkeit eingehüllt. Halb schloß er die Augen. Dann murmelte er: »Jetzt muß ich lesen, jetzt ... nun tut es mir nichts ...«

Er tastete nach dem Papier in seiner Tasche. Es war zwischen andere geglitten, blind suchten die Finger dazwischen, sie brachten es hervor mit einem andern, blinzelnd schaute er. »Das ist gut. So ist es gut. Ihr einziger Brief ... und ihr einziger Brief ...«

Aber er las nicht.

Vor ihm tanzten die rheinweingoldenen Sonnenflecken. So hatten sie auch um die beiden getanzt, als sie in der Laube saßen, damals – wann damals? –, o frage nicht! Irgendwelche Tage damals – – –!

Er schloß ganz die Augen, nun saßen sich beide wieder gegenüber in der Laube, sie schreibend, er wartend, die Morgenluft kam frisch vom Meere. Und die Zwiesprach hob an:

»Was schreibst du ewig?«

»Eine Viertelstunde.«

»Das heißt?«

»Nicht ewig – nur ein Viertelstündchen.«

»Was – frage ich doch!«

»Nein, du sagtest ewig.«

»Bitte, Gerda –?«

»Ja –?«

»An wen schreibst du?«

»O du, Störenfried, gib mir einen Kuß.«

 

Ihre Feder ging eiliger. Sie blätterte um. Auf dem Blatt lag ein Sonnenfleck, sie runzelte die Braue, rückte ein wenig: der Fleck blieb. Da hob sie die linke Hand gegen das grüne Laubendach, fing den Flecken darauf wie einen Schmetterling, und so, in dieser gezwungenen Haltung, schrieb sie weiter, und nichts konnte entzückender sein als diese weiße vorgebeugte Gestalt, der schwarze irisierende Strähnen in die Stirn hingen und die mit der linken Hand die Sonne aufzufangen schien, um sie, durch ihr Herz verwandelt, in kleinen eiligen Schriftzügen auf den Bogen zu malen.

Er aber grollte.

Einen raschen Blick warf sie zu ihm. Sie verzog den Mund. »Nein, welch ein Gesicht!«

»Ich habe wohl gelesen: ›Mein lieber, lieber Junge‹!«

»Nein ...?«

»Ich habe ...«

»Oh, still doch ... ich schreibe ...«

»Nein, Gerda!«

»Sssst!«

 

Ihre Feder hielt inne, sie sah diebisch lächelnd zu ihm wie ein Gassenmädel, die Haare wild, die Wangen sanft gerötet von der Anstrengung des Schreibens. Sie wollte etwas sagen, sie besann sich, noch einmal kritzelte die Feder, zärtlich malte sie ein Wort, sie wehte das Blatt hin und her.

Er aber flehend: »Du wirst den Brief nicht absenden!«

»Aber warum nicht, Schäflein –?«

»Ich habe wohl gelesen: ›Mein lieber, lieber Junge –!‹ Du sollst solche Briefe nicht schreiben, wenn ich vor dir sitze – –«

»Aber nun habe ich doch geschrieben – –«

»Gib ihn mir, bitte, bitte! Wir wollen ihn zerreißen. Die kleinen Fetzen sollen im Winde wehen ... Ja –?«

»Aber nein, ich will ihn absenden –!«

»Ich bitte dich!«

»Absenden ...«

»Ich bitte dich. Zerreiße ihn ...«

»Nein.«

Er haschte danach. Sie zog ihn lachend fort. Er beugte sich über den Tisch. Sie trat einen Schritt zurück.

»Gerda!«

»Tonerl!«

»Ich bitte dich, Gerda!«

»Mein Junge, mein lieber, lieber Junge!«

Er lauschte dem Klang nach, der sanft und zärtlich verhallte. Er griff nach dem Blatt. Ihr Gesicht hielt das Lächeln fest. Sie nickte langsam und träumerisch: »Junge, mein lieber Junge ...«

Eine Ahnung überkam ihn. Er glitt auf die andere Seite des Tisches. Den Arm um ihre Hüfte, die sich warm heranwölbte, lasen sie gemeinsam die Worte, die sie ihm geschrieben. Sie sprach sie halblaut vor sich hin wie er, und dieser Doppelklang kam aus seinem Herzen, das in ihm wie neben ihm schlug; sie sprachen dieselben Worte, frühsommerlichen Lobesgesang in einer durchgoldeten Weinlaube:

»Mein lieber, lieber Junge, rede mir nicht ein, du wärest groß. Du bist mein Kind und nie, nie darfst du vergessen, daß du mein Kind bist. Ich habe dich in mich hineingenommen, du gehörst mir. Sei bei den andern wie du willst, bei mir sei mein Kind, mein Liebstes, das ich in meinem Leib empfing –«

Die Katze in seinem Arm rührte sich. Sie stieß mit dem Kopf verlangend gegen ihn. Er öffnete die Augen. Seitlich vom angetüderten schwarzbunten Vieh war eine Kolonne Schnitter auf die Kleebrache gelangt, ihre weißen Hemdärmel leuchteten in der Sonne; am Raine des Feldes angelangt, griffen sie aus dem Horn den nassen Stein: süß und träumerisch trug der Wind das Wetzen des Sensenblattes herüber.

Er sagte sanft: »Es war nicht gut, Katt, daß du mich störtest. Hast du Schmerzen? Wolltest du anders liegen? Wem gehörst du? Du schnurrst in meinem Arm, dir ist wohl hier. Aber ich werde dich enttäuschen müssen.

Warum hast du mich gestört?! So süß war jener Halbtraum. Nun muß ich andere Briefe lesen. Und ich werde böse werden auf dich und auf mich –«

Zögernd, in großer Angst, entfaltete er den andern Brief. Er las und ein bestürztes Erstaunen ließ seinen Mund zittern, hilflos, in Furcht vor Schluchzen.

»Mein lieber Junge, sie wollen mir einreden, daß du groß wärest, erwachsen. Aber ich weiß, daß du mein Kind bist, mein kleines, eben noch trug ich dich in mir: wie kann das wahr sein, was die andern sagen? Laß die andern reden, du bist mein Kind, mein einziges, ich weiß so gut ...«

»Willst du still sein, Kater! Was bäumst du dich in meinem Arm, mit gesträubtem Schnurrbart! Sind wieder die Hatzhunde auf deinem Wege?«

Leiser, verhalten: »Es ist nur ein Traum, Murr! Die Hunde sind längst geflohen, du kannst ruhig weiter schnurren und schlummern. Du willst nicht –? Du meinst, in dir seien sie ebenso schlimm wie außer dir? Schlafe, Großer, samtig Behaarter, träume von den blauen durchscheinenden Milchsatten der Liebe, die alles gut machen werden ... Schlaf ... Träume schon ...«

»Ah, laß doch sehn ... Ich verstehe noch nicht ...«

»... ich weiß so gut, daß ich an mein Kleines schreibe, daß sie Unsinn reden, daß du mir nicht fremd sein kannst. Wo hast du denn etwas in dir, was nicht von mir kam –? Habe ich dich nicht alles gelehrt vom mühsamen Gehen an bis zu jenem undeutlich lallenden Laut, der sich schließlich zu dem süßesten ›Mutti‹ kristallisierte? Die, die dich groß wollen, mögen doch still sein, mein kleiner Bub bist du, auf Straßen verirrt, der nach mir ruft –«

»Schweige doch stille, Kater! Willst du durchaus nicht ruhig liegen, heh –? Zur Unzeit erinnerst du mich daran, daß zu mancher Stunde alles Erlernte nichts gilt, daß einmal die Katze die Lust überkommt, vor den Hatzrüden zu laufen – sie werden dich fangen, Käterle, nicht immer steht ein Mensch in deiner Fluchtstraße – –«

»Wie nun?«

»Glaubst du, du seiest erwachsen? Dir mögen es die andern einreden, mir nicht. Was wärest du denn vor mir –? Hast du gelebt, vor mir, sprich –? Habe ich dich nicht alles gelehrt vom freien, achtlos schlendernden Gang an – vor mir gingest du ein wenig über die große Zehe, verzeih! – bis zum letzten Schwingungston, in dem du ›Mama‹ zu mir sagtest –? ›Meine Mama!‹ Was wärest du ohne mich? Und wo? Verirrt irgendwo, ewig unzufrieden, nach mir suchend aus der ziellosen Sehnsucht deines Innern heraus, nach mir, die du nicht kennst, die in all deinen Träumen aufsteht –«

»Du rufst nach mir. Ich beuge mich über die kleine Arbeit, die ich für deine Erwärmung stricke. (Denn du mußt frieren, manchmal, draußen, so verlassen.) Und sehe ich die winzigen Formen deiner Höschen an, ist es mir, als würde ich selber klein, ich verliere mich ...«

»... du bist mein Kind. Manchmal ist mir seltsam. Unter deinem warmen Atem vergehe ich, mir ist, als wäre ich das kleine Mädchen ...«

»Ob du stille bist, Katt? Du willst nicht? Ah, du mußt! Mit Gewalt! Ah, bitte schön, die Luft wird dir schon eher ausgehen als mir die Kraft, deine Kehle zu schließen –«

»... mir ist, als wäre ich das kleine Mädchen, das einst in einem Knieröckchen umherlief, wieder fühle ich den Wind an den nackten Beinen, so klein wie du bin ich, du mein Bruder, du mein Goldkind, und alles Wachsen, was du tust, tue ich auch; mit dir verwandle ich mich ...«

»... du mußt nicht glauben, daß ich dir darum schriebe, weil die andern mich drängen. Schon seit Tagen bestürmen sie mich. Vielleicht begreift ein Kind nie, wie wenig neben einer Mutter alle andern gelten, endlos fern sind sie, ganz ohne Zusammenhang, das eine allein besteht: ich und du! Ich schreibe nicht einmal dir ... ich schreibe meinem Herzen, das du bist ...«

»Siehst du, nun liegst du da, japst mit den Flanken und ächzt ... Wer hat dir von vornherein gesagt, daß er der Stärkere sei, Murr? Du willst bei deinem einzigen Freund nicht aushalten, Puschel –? So muß sein schmerzhafter Griff dich lehren, daß draußen die Feinde sind und dieser hier – dein Freund. In der Villenstraße werde ich dich absetzen, vielleicht findest du dort ... ah, laß schon! Du schläfst wieder –? Nun gut.«

»... vielleicht findest du es dumm, daß ich dir schreibe, da du doch vor mir sitzt und ich dir so viel besser Wort um Wort sagen könnte – nein, nicht besser. Ich bin albern, weißt du, und will ich sprechen, kommt alles mit ganz törichten Worten, einem ganz entstellten Klang heraus. Ich schreibe an dich, um dein Gesicht nicht zu sehen, in dem sich all die andern gespiegelt haben, die durch dich gingen. Nun, sehe ich dich nicht, wurden sie, was sie sind: ganz ferne, ohne Zusammenhang mit uns. Wir beide – wie das gut klingt! –, wir beide, wir zwei einzigen, – was gelten da noch andere? All mein Schreiben geht darum, dir das zu sagen, daß du immer, immer und ewig, mein einziges Kind bist und ich, ich, ich allein deine Mama.«

»... ich sage meinem Herzen, daß, was ihm einmal entwuchs, sich nicht trennen kann davon, daß es mein, mein, mein Kind ist, das Kind deiner Mutter.«

»Ah, du willst nicht stille sein, du verruchtes Biest? Deinen einzigen Freund kratzt du? Du bist dumm genug, zu laufen, wenn Hunde hinter dir sind, und zu verwunden, wenn ein Freund dich hält?! Da! – Da! – Und da –!«

»Siehst du! Das hat man davon, wenn man nicht stille hält!«

Intermezzo ...

Er sah trübe auf den kleinen verkrümmten Leichnam, aus dessen Nase Blut tropfte. »So oder so«, sagte er, »die Hunde hätten dich erwischt und zerrissen, so wurdest du erst einmal behütet, lagest warm, atmetest auf ...«

Zusammenfahrend: »Ah, geht es mir nicht auch so? Biege auch ich mich nun nicht in einen Arm, der mich Aufatmenden so rasch schon töten wird? Ist nicht alles wie bei ihm? Lief nicht auch ich vorm Feind, der ich doch Klettern und Versteck erlernt hatte, und erst an ihrer Brust fand ich die Hilfe –?«

Den Kopf schüttelnd, trübe, indes das Tier unbeachtet den Händen entgleitet: »Neinnein, das alles ist es nicht – das Geborgenwerden, das zählt, nicht der hastige Tod, der nur Zufall ist. Das Aufatmen, selbst die bös zugesperrte Kehle –: die sind Lust –.«

Er trat vor. Zu seinen Füßen fiel der Hügel ab, nicht weiter wanderten die Bäume, die verzweigte Kleepflanze war's, die gespreiztblättrige Lupine, die ihren Duft ihm sandten. Er öffnete die Arme. »Du, du bist meine Heimat. Du allein mein Zuhause. Du allein meine Mutter. Deine Sprache klingt wie die jener Fernen, aber mit Recht berufst du dich auf den Namen der Schwester, du Jüngere. In deinen Worten ist ein zages Geräusch gleich dem leisen Streifen von liebenden Armen: du bist, jene war, segne ein Gott ihr Leid.«

Noch einmal der Strand ...

»Ah, daß die Büsche, die Waldwege hinter mir liegen! So verworren erhöhen sie noch die Verwirrung meines Herzens, das, unter tausend Anregungen schwankend, nicht weiß, wie es sich entscheiden soll. Ich müßte warten, aber ich kann es nicht, denn sie ist da – .

Diese Villenstraße nun, trotz Fenster, Staub, Menschen, ist besser schon, denn zwischen Dächern und Gartenbäumen blitzt ein Stück Meer auf, das alles erleichtert. Am Strande hingebreitet, dem eintönigen Geräusch der Dünung lauschend, wächst jeder Entschluß von selbst. Sie wird bei mir liegen –.

Dort sehe ich schon den Wimpel unsres Strandkorbes. Wenige Schritte und das einzige, was wert hat, wird wieder gelten: das Beisammensein.«

Stutzend, starr: »Sie ist nicht allein? Jemand ist bei ihr? Ein Herr! Ich weiß nicht ...«

Aber schon – und der Atem weht schneller – weiß er: »Langenberg ... So hieß er ... Langenberg ..., aber es bedeutet nichts ... lächerlich ...«

Näher schon: »Sie sieht mich nicht ... ganz vertieft sind sie in dies Gespräch ... sie erwartet mich nicht ... sie hat überhaupt nicht gewartet auf mich -«

Er steht, späht, er möchte jede Falte erraten, aber das Gesicht dieser scherzhaft Plaudernden ist undurchdringlich: »Wenn ich gehen könnte, fortgehen für immer aus ihrem Leben zu jener andern ...«

Aber sofort: »Ich habe sie in mir! Ich müßte von mir fortgehen ...«

Und lauschend, plötzlich sehr lauschend auf dieses letzte Wort nur, das ein Hauch von fernliegenden Ideen streng verfärbte: »Fortgehen ... fort ... ge ...«

Sie wendet sich um, sie bietet ihm ruhig das gewohnte Lächeln, das köstlich war und köstlich ist, aber nun ruht so viel Schmerz schaffende Schönheit in ihm, da er meint, sie wisse überhaupt nichts von ihm, bestehe ganz allein und für sich ...

(›Wird man auch das noch lernen müssen? Und selbst ertragen lernen? ... fort ...‹)

»Ah, Herr Assessor, da ist mein Bruder. Darf ich die Herren bekannt machen –?«

Nur einen Augenblick zögert er vor der ausgestreckten Hand, die lang, knochig und ein wenig feucht ist, er nimmt sie, er verbeugt sich. Mit einem ganz hellen Erstaunen fühlt er ein Zittern in den Knien, das Herz dumpf und langsam schlagen, ein Verwundern steigt in ihm auf, daß er noch beobachten kann, eine Stimme spricht in ihm: ›Das ist der Schmerz‹ und verhallt, er hört den Assessor reden: »Ich verdanke ihrem Fräulein Schwester eine reizende Stunde. Sie machte mir Hoffnung ...«

»Ja ...?«

»... daß wir heute abend vielleicht eine Segelpartie machen könnten. Freilich ist der Wind noch sehr frisch, wenn wir aber den großen Kutter nehmen –«

»Ich weiß wirklich nicht ... Wenn Gerda ...«

»Wie gesagt, Herr Assessor, kann ich jetzt noch nichts bestimmen. Vielleicht heute nachmittag –«

Sie gibt ihm ihre Hand. »Adieu.«

»Adieu.«

Sie schauen der sich zurückziehenden langen Gestalt nach, das höfliche Lächeln verblaßt, sie sehen einander an, er senkt scheu die Augen, dann sagt er: »Gehen wir.«

»Wohin?«

»Den Strand hinauf. Nein, nicht jene Seite. Diese hier. Ich mag das Hügelland nicht vor Augen haben. Am besten, man sähe nichts mehr. Man wäre am Ende.«

(›Dieses Man erleichtert das Aussprechen von vielem. Ach, daß erst das Reden, die Vorwürfe in Gang wären, alles wäre leichter.‹)

Lange gingen sie stumm. Mit gesenktem Kopf blickte er starr vor sich hin, in seinem Hirn bildeten sich Sätze um Sätze, aber im Versuch, schon zu reden, zergehen sie und neue bilden sich ...

Sie nun beginnt: »Deine Geschäfte gingen glatt?«

Und er: »Vielleicht ... es ist dir wohl gleich.«

Sie schweigen lange, plötzlich wendet sie sich um, sie breitet ihre Arme nach jenem Hochland, das sie in manchem verliebten Traum erreichten. »Dort! Dort!«

Er betrachtet schweigend dieses überschöne Gesicht, das ein üppiges, atmendes Fruchtland zu sein scheint, Entzücken läßt sein Herz erzittern, es schwillt an, zu ihr möchte er stürzen ..., er betrachtet diesen schwach getrennten Mund, der, atmend, das Herrlichste ist der ganzen Erde ..., aber das Entzücken ebbt ab, ein paar Klänge noch von fern ..., und er fühlt, wie ungeschickt er dasteht, wie lächerlich ...

Sie wendet sich zu ihm, ihre Geste ist zusammengefallen, ihr schöner Mund bebt kläglich, da sie fragt: »Was ist? Was ist denn, Liebster?«

Er betrachtet sie, anders möchte er sie ansehen, da er spürt, daß sein Blick bereits alles verrät, aber er kann nicht. Mit hängenden Lidern, tränengebeizten Augen schaut er an, die vor ihm steht.

Sie begreift. »Es ist alles vorbei? Du liebst mich nicht mehr?«

»Schlimmer: alles vorbei und liebe dich noch wie je.«

»Toni!«

»Gerda!«

»Wie wir uns lieben!«

»Wie unglücklich wir sind!«

 

Es ist dasselbe Schluchzen, das die berührenden Brüste erzittern macht. Dieselben Tränen sind es, die ihre wie seine Wange feuchten. Dieser Schmerz, der sie beide fing, ist die letzte Wonne, die allerhöchste des Glückes.

Sie gleiten aneinander nieder, sie fassen sich bei den Händen, die sie mit feuchten Küssen überströmen, und so verwandt sind sie in dieser Stunde miteinander, daß alle Reizung fremden Fleisches aufhört: es ist der eigene Leib oder der des Geschwisters, den sie küssen. Dies ist ein Busen, dieses ein männliches Glied, – was verschlägt's?: ein Leib.

»Wie ich dich verraten habe, heute, viele Male – wie fern wir voneinander sind, fühlen wir uns nicht!«

»Armer, du!«

»Zum ersten Male beim Onkel, ein Zufall rettete mich. Den ihm verdankten Sieg wollte ich stolz dir bringen, da kam Inge.«

»Du warst fern. Ich dachte deiner. Das Geld war zu Ende. Wir müssen doch leben, Lieber.«

»Ich weiß nicht, was es war. Vielleicht war es Stolz darauf, daß du mich so vieles lehrtest, ich wollte ihr beweisen –«

»Wir haben nichts. Mein bißchen Geld ist längst alle. Die Wirtin schreibt nicht mehr an.«

»Ach ..., es zählt nicht. Ich weiß, du bist gut ..., wir beide sind es. Aber wir geraten hinein in die dunklen Torweggänge, tiefer und dunkler. Die Liebe, die uns leitete, ließ längst die führende Hand entgleiten, wir stehen da, und nur unser unsägliches fremdes Weinen ist es, das wir noch hören: nichts mehr von dir ...«

»Halte ein, ich bitte dich!«

Und das Meer ...

Sie gingen am Strande zurück. Ihre Hände lagen leicht ineinander, ein guter Strom von Geborgenheit, Wärme durchfloß sie.

Und in der Sonne glänzte drüben manch Hausdach, auf den grünen und blauen Hügeln, Wälder mußten dort sein, ihre letzten Bäume standen über den Wänden weißer Kreidebrüche. Eine feierliche Stille stieg wie je von dort hoch und vergrößerte die Sehnsucht beider, die einem Heimweh glich.

»Wir werden es nie erreichen«, murmelte er.

»Ja –?«

»Nie werden wir zum seligen Hügelland kommen. Uns ist es schon zu viel, dies unten zu behaupten. Immer von neuem verlieren wir den Weg unter unsern Füßen. – Was ist –?«

Ein Kind lief an seiner Seite, redete: »Vater ist die Zeit zu lang geworden. Außerdem wär der Wind zu stark. Sie möchten am Abend wiederkommen.«

Er sah seitlich. Neben der Landungsbrücke tanzte das Boot. Das Segel schlug lose.

Sie sahen sich an. »Wenn wir –?«

Und schon liefen sie Hand in Hand über die Bretter des Steges, er zerrte das Boot am Strick näher, eine Welle hob es, sie fiel hinein, stolperte, saß, und schon war er am Steuer, ließ das Schwert hinab, holte das Segel an den Wind.

Der Junge schrie: »Sie dürfen nicht – ohne Vatern – bei dem Wind -«

Ein Herr oben murrte: »So ein Wahnsinn! In dieser Jolle ...«

Er sah hinauf. »Was?! Das könnte Ihnen passen, am Abend im großen Kutter –«

Und schon waren sie frei, schossen dahin, dicht streifte mit Strudel und Schaum das Wasser am schrägen Vordeck, und als sie nun zurücksahen, war der Strand fern und ferne die Brücke: frei.

»Frei!« rief er. »Ferne all jenen!« Und: »Wir erreichen es doch! Dieses wenigstens werden wir doch erreichen.«

Sie saß ihm gegenüber, eine Strähne hatte sich gelöst, mit sanfter Schwingung lehnte sie an der Wange, ihr Auge sah verwirrt auf das rasch vorüberstreichende Wasser, mit seinem Grün und Blau, mit Schaum, Blasen und Glätte.

Und nun lag auch die Brandung hinter ihnen, und die Dünung war da, voll, schaumlos und dunkel kamen die großen Wogen dem Boot entgegen; er saß und hatte acht, sie rechtwinklig anzusegeln, um kein Wasser überzunehmen. Das Boot hob sich, stieg, stieg, und nun glitt es dahin, rasch, rasch, der nächsten blauenden Wand entgegen.

Er atmete langsam und tief. Ein unendliches Glücksgefühl ließ sein Herz groß werden. Dieses hatte er vergessen, diesen tiefsten Rausch seiner Knabenjahre, die endlosen Segelfahrten den Fluß hinab, auf das Meer hinaus.

Nun war es wieder da, dieses Gleiten vorm Wind, dieses Heben und Senken, dieses straffe Zerren der Segelleine und das stille Geräusch des Wassers hinterm Heck. Hier war die unendliche Stille, die wie keine das Herz erhob. Er wußte, nun würde bald der Augenblick kommen, wo er schreien mußte, schreien aus diesem tiefsten Glücksgefühl heraus, wortlose wilde Schreie, derer man sich an jedem andern Ort geschämt hätte, für niemandes Ohr, und am Ende würde wieder die Stille da sein, die ungeheure, von Wasser und Wind.

Er holte das Segel an, drückte aufs Ruder und im ebenen Wandern von links nach rechts breitete sich nun das erwünschte Hügelland vor ihm. Die Abhänge hinauf liefen die erntegoldenen, saftgrünen Felderflächen, warfen sich bis an den dunklen Rand der Forsten, und er meinte, den Randsteig zu sehn, zwischen Buchen und Sommerung, von Brombeerranken überhangen, wo sie heute noch gehen würden. Er meinte, seine blühenden Kleefelder zu riechen, den Duft des Waldes, und all dies und das staubige prickelnde Aroma jener ansteigenden grauen Landstraße vermischte sich mit dem Duft des tangblühenden Meeres zu einem Ganzen, das in seiner Herrlichkeit unerträglich war. Er stieß einen Schrei aus, schnellte ihn hinein in die strahlende Blaukuppel unter das langflüglige Getrieb der Möwen. Und noch einen. Und einen dritten.

Er lauschte ihnen nach.

Aber verändert erreichten sie von neuem sein Ohr, blaß, verfärbt, angstvoll, und er verstand, senkte den Blick aus dem Blau, richtete ihn auf die Gefährtin, die da rief: »Anton!« Und wieder: »Anton!« Und wieder: »Anton!«

»Ja –?«

Da saß sie, zusammengekauert, bleich, ihr Mund war so weich und hilflos, verschoben, auf der Stirn eine senkrechte Falte und die Brauen ganz dicht über den Augen.

»Ja –?«

Hervorgestoßen: »Wir wollen umkehren, du!«

Er fragt: »Umkehren –?«

»Ja, siehst du nicht –?«

Er sieht und versteht: sie ist bleich, ihr ist schlecht.

»Das ist schlimm. Aber du mußt aushalten, du! Wir können nicht umkehren. Wir sind zu leicht, um zu kreuzen.«

»Wir können nicht umkehren –?«

»Nein.«

»Aber ...«

»Siehst du, wir fahren bis drüben ans Ufer, und wenn du dann nicht mehr magst, nehmen wir einen Wagen und fahren heim.«

»Bis ans Ufer ...« Sie wendet sich und mißt die Entfernung. »Bist du verrückt! So lange soll ich noch –? Kehre um, sage ich dir.«

»Aber ich kann nicht. Wir würden kentern.«

»Unsinn! Du willst nur dorthin. Der Fischer kehrt doch auch um.«

So ermüdend ist es, gegen Wind und Wellen anzuschreien, und sie ist ein Kind, sie versteht rein gar nichts, sie will auf, zu ihm hin, sich neben ihn setzen.

»Achtung! Bleib!!« brüllt er.

Als sie aufstand, legte sich das Boot ganz schief, die Mastspitze schien das Wasser zu berühren, sie wankt, sie scheint über Bord –, aber sie fällt auf ihren Sitz zurück, das Boot richtet sich wieder auf, eine Woge Wasser schwabbert im Raum.

Sie hat die Augen geschlossen, ihre Farbe ist ein graues Weiß, nun sieht er kleine Schweißperlen auf der Stirn, sie beugt sich über den Bootsrand. Dann lehnt sie wieder, mit geschlossenen Augen, schwer atmend. Von Zeit zu Zeit späht sie rasch zu ihm hin, ihr Blick ist kalt, feindlich, fliehend. Sie spricht kein Wort, aber langsam beginnt er, aus diesem Schweigen, diesen Blicken, den Weg ihrer wahnsinnigen Angst zu erraten. Ihn schaudert. Er will sprechen, räuspert sich, aber dann versteht er, daß hier jedes Wort unsinnig ist, daß es nur einen Beweis gibt. Er räuspert sich noch einmal, deutet auf den Topf, ruft: »Du mußt Wasser ausschöpfen, es segelt sich zu schwer.«

Wieder der rasche böse Blick, dann beugt sie sich wortlos, beginnt zu schöpfen.

Aber sie hält inne, eine plötzliche Wut verzerrt ihr Gesicht, sie sieht ihn haßerfüllt an, sie schreit: »Also das hast du gewollt, das! Wie feige du bist, wie gemein! Da, da!«

Sie sieht ihn funkelnd an, macht eine Geste, sieht den Topf in ihrer Hand und wirft ihn über Bord.

Er sieht nach ihm. Der ist nur halb gefüllt, dreht sich im Wasser, einen Augenblick läßt er das Ruder los, greift nach ihm, aber schon ist der vorbei, schon ganz hinten, ein kleines, weißes Rund tanzt er über den Rücken einer Welle und ist fort.

Als er wieder nach ihr sieht, richtet sie sich gerade vom Bootsrand auf; nun ist ihr Haar ganz gelöst, es weht um das bleiche, feuchte Gesicht, über das Tränen der Angst laufen. Sie schluchzt: »Oh, ich will nicht sterben, ich will nicht, noch nicht! Oh, bitte, bitte –.«

»Aber, Liebste, du sollst doch nicht. Sieh, eine halbe Stunde noch und wir sind am Ufer. Halt aus! Nein, sterben sollst du nicht!«

»Nein, nicht wahr? Oh, bitte, bitte, lieber Tonerl, laß uns an Land. Ich kann nicht mehr! Ich will auch alles tun, was du willst.«

Er nickt nur, sanft möchte er zu ihr sprechen, an ihrer Seite sitzen, sie streicheln; Schulter an Schulter, ganz in die Süßigkeit der Liebe eingehüllt, möchte er die Schwäche der Starken genießen, sich an dem Duft ihrer Angst berauschen, aber er muß am Steuer sitzen, die gestraffte Segelleine in der Hand; kaum daß er ihr einen raschen Blick senden kann über Achten auf Wind, über Spähen nach Böen, die von ferne schon die Haut der Dünung schauern machen.

Und nun hört er abgerissen dieses Klagen in Wogenrauschen hinaus, lächerlich nah, lächerlich fern von der klagenden Liebsten, auch sein Herz schauert unter dem Winde ihrer Worte, die sie vor sich hin spricht, ein schönes Tier, das nichts, nichts, nichts versteht.

»Aber was soll denn werden, wenn du beim ersten schon so böse wirst! Wir wollen doch leben! Glaubst du, da reicht Trinkgeld und Gehalt? Nicht so weit! Das muß doch sein. Und was macht es dir? Glaubst du, ich liebte jene? Es sind so viele, sie gleiten vorüber, kaum erinnere ich mich an einen. Aber dich, dich liebe ich!«

Sie sah zu ihm. Da sie das tausendfach Beteuerte von neuem sprach, hatte selbst jetzt ihre Stimme einen Glanz von jener Sonne, die, ohne Untergang, über all ihren Nächten und Tagen stille gestanden hatte; von jener rauchigen ersten Nacht in der Bar an hatte ihr Schein ihre Augen geweitet, ihre Herzen für ein Gefühl, und nur eines, geglüht.

Auch sie dachte wohl jener Nacht, in der durch den Zigarettenqualm ihr Glanz gegangen kam, ein erstes Mal. »Ich habe dich geliebt vom ersten Sehen, gleich als du eintratst, klopfte mein Herz. Habe ich Mätzchen gemacht, mit dir gespielt, hinausgezögert? Eine andere, jede hätte es getan, weißt du. Ich nicht. Ich bin nicht so. Und selbst eben noch, als ich glaubte, du wolltest mich töten und dich mit, liebte ich dich. Selbst da noch! Aber ich brauche nicht zu sterben, nein?«

»Nein«, murmelte er, aber sein Herz zitterte.

»Wir sind bald da?«

»Bald«, und seine Hand am Steuer bebte.

»Bald, ja. Wir werden einen Wagen nehmen, wir wollen in den Wald fahren, auf einer Lichtung wollen wir liegen und die Rehe erwarten. Wir werden dort gewesen sein.«

Aber in ihm sprach es: »Wir werden nie dorthin kommen, nein, nie.« Seine Augen suchten den endlosen Schaumstreifen am Ufer ab. Senkrecht entstieg die Steilküste einem weiß zerrissenen Meer. Zwischen dem Gepeitschtem der Brandung erkannte er die schwarzen Flächen ungeheurer Steine. Und sie jagten grade draufzu.

»Wir können nicht landen hier, nein. Und weiter oben, weiter unten das gleiche. Wir müssen kreuzen, müssen zurück, aber wir können nicht, denn das Boot ist zu leicht. Und kreuze ich vorm Winde, schlagen wir um. Es ist zu weit zum Ufer. Ob sie schwimmen kann? Ich darf sie nicht fragen. – Ah, nun kommt es doch soweit, wie sie fürchtete. Wir werden ertrinken, wir beide, und sie wird mich im Sterben hassen, weil sie meint, ich hätte es gewollt. – Es bleibt nichts, ich muß das Kreuzen versuchen. In zwei Minuten ist es zu spät, dann sind wir zu nah an den Felsen.

Er hob sein Gesicht ihr entgegen, nun entfärbt wie das ihre. »Du.«

Sie sah ihn an, fragte: »Ja?«

Er zeigte auf die Brandung. »Wir kommen nicht durch, wir müssen zurück.«

Sie folgte seinem Blick, rasch, sah ihn wieder an, und in einem Augenblick hatte sie alles begriffen. »Ja«, sagte sie, nur: »Ja.«

Sie zitterte. Er sah ihre Mühe, den Mund fest zu halten, der bebte. Aber – und noch einmal glänzten aller Traum, alle Erfüllung, alle Seligkeit des Daseins in ihrem Blick –, aber dann lehnte sie sich vor, zu ihm, sie streckte die Hand aus. »Liebster!«

Seine Hände mußten halten, festhalten, da lehnte er sich vor, seine zitternden Lippen streiften die glatte Haut derer, die er einzig im Leben geliebt, in seiner Brust schwoll ein dumpfer, wirrer Klang wie der einer tiefen, fernen Trommel ...

»Und nun ...«

Er gab ihr die Weisungen, lehnte sich zurück, das Segel flappte ohne Wind, er richtete sich wieder auf. »So geht es nicht. Zu leicht. Ich muß vorm Wind ... Wenn ich rufe, gehe gleich auf die andere Seite. Aber ganz schnell, ganz ... Heuho!«

Das Boot neigte sich, neigte sich, neigte sich ...

Eine atemlose Sekunde sah er das Wasser eine Handbreit von seinem Gesicht, rasch gleitend, grün, mit den Spuren von Schaum. »Wie schnell es ist, dahinein ... Aber ich darf nicht, ich muß an sie ... Inge!«

Und dann war es dunkel um ihn, kühl, er tauchte tief, tief, fuhr hoch, fühlte wieder Sonne auf dem Scheitel, blinzelte, sah –:

Und da trieb das Boot, kieloben, dichtbei, ein paar Schwimmstöße, er faßte es schnaufend, und da lagen zwei Hände schon neben den seinen, ein gerötetes feuchtes Gesicht, tauchte neben ihm auf, und sie lachte, wie sie lachte: »Das war ein Bad, Segelmeister!«

Sie ruhten, gestützt auf den Boden des Bootes. Eine ungeheure Leichtigkeit erfüllte beide, nach der Angst eben beseligte sie ein unerhörter Rausch, da zu sein, zu atmen, zu schwimmen.

»Sieh doch, wie hoch das Boot liegt! Es muß Luftkästen haben. Wir drehen es um. Vielleicht kommen wir ans Ufer.«

»Wir kommen hin! Wie sollten wir nicht? Jetzt sterben –? Ah bah!«

 

Und sie kamen ans Ufer.

Taumelnd in seinem Arm war sie über den steinigen Boden die letzten Schritte gegangen, nun lag sie schwer atmend da, ihre Augen waren geschlossen. Er hockte an ihrer Seite, hielt ihre Hand, rief sie bei den liebsten Namen. Er sah das blasse Gesicht an, das gealtert schien, voller Falten, und an ein anderes Alter mahnte es ihn, das für sie kommen würde. »Aber gemeinsam werden wir hineingehen, wir beide. Daß es spät sein möge, daß der Weg lang sein möge und, da es nicht anders sein kann, schwer. Was werden wir alles ertragen müssen! Wie wir leiden werden! Nun sehe ich alles, und ich weiß wohl, daß da keine Demütigung sein wird, die ich nicht ertragen werde, keine Schande, der ich nicht halb schon entgegen komme, um ihretwillen. Um ihretwillen? Für mich selbst werde ich abends in Abseits-Lokalen sitzen und zitternden, schmerzenden Herzens lauschen, wie sie mit Liebhabern lacht, deren Geld in meine Hände gehen wird. Denn ich kann nicht verzichten, schon hält mich der Luxus fest, und jene Zeiten sind fern, wo ich an ein Haus im Walde glaubte mit Bedürfnislosigkeit. Vielleicht werde ich auch Kellner sein, an ihrer Seite werde ich stehn, ihr die Platte reichen, und auch das Letzte wird mir kaum erspart bleiben, zu stehlen und Strafe zu leiden. Aber am Ende werde ich immer in ihre Arme zurückkehren, sie wird mich für alles belohnen, und schließlich wird es so sein, als wären wir stets ganz allein gewesen, die einzigen Menschen.«

Er spähte in ihr Gesicht. »Gutes, liebes Gesicht, schönstes, einziges auf der Welt. Für mich hast du gelächelt und geweint, immer warst du mein schönster Gruß, mein seligstes Glück. Du hobest dich als ein Übermenschliches in mein Leben hinein, das sich sonst verloren hätte in den Niederungen des Bürgers. Um deinetwillen, nur um deinetwillen ist das Leben schön. Wie ich dich liebe!«

Sie hob die Augen, sie lächelte sanft: »Wie wir uns lieben!«

Ihre Arme schlangen sich um seinen Hals, sie küßten sich.

 << Kapitel 4 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.