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Anton und Gerda

Hans Fallada: Anton und Gerda - Kapitel 4
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleAnton und Gerda
publisherGünter Caspar
year
printrun
isbn
editorGünter Caspar
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
created20170823
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Drittes Buch

Im Wartesaal

Denen, die vom Obeliskenplatz gingen, war alles geändert: keine fröhliche Stadt mehr, keine lachenden Menschen, von wilder Angst scheint die Pupille verengert, und der Gang ist lose, schon flüchtend. Wie leicht könnte es geschehen, einer jener Dunkelbehaarten streifte vorüber, stutzte, grüßte mit einem leicht verhaltenen, leicht erfreuten Lächeln, und das bisher als Unterton Schwingende wäre am Tage, und das Ende hieße zögerndes Entweichen jenes gekrümmten Rückens, der ein Herz deckt, das nicht mehr lieben will.

Am ersten Tage ständest du allein, Gerda, und das göttliche Geschenk, dessen Duft dein Blut ungewohnt erregte, wäre schon deinen Händen entglitten. Du tust recht daran, ihn – wenn schon ohne Glauben an seine Liebe – festzuhalten, fliehend ihn wieder in deinen Armen einzufangen. Recht tust du!

Neben-, fast hintereinander eilen sie dahin; will er sich verlieren? Plötzlich fort sein in der Menge aus ihrem Leben heraus, ohne ein Wort? Frage nicht ängstlich, du! Deinen Gang betrachtend, halb hinter dir, vergißt er selber das Gehen.

Endlich der Bahnhof. Ihr müßt warten noch, ihr! Ein paar Stunden, und nördlich reißt euch der Nachtzug zu jenem Meer, das sein Wunsch ist, du ahnst es.

»Und du wartest diese Stunden hier, ja? Im Saal sitzt man gut. Eine Welt habe ich unterdes zu besorgen. Im Hotel muß ich packen, dir eine Ausstattung besorgen, auf die Bank –«

Erschrocken: »Du willst doch nicht mit, nein?«

Ruhiger: »Es ist besser hierzubleiben. Das andere ist eine Hatz. Kauf dir ein Buch. Lieber, ja? Und iß ordentlich zu Abend. Du hast noch nichts Rechtes gegessen heut.«

Lächelnd, sehr gütig, sehr leise: »Was siehst du mich an –? Hast du Angst, ich käme nicht wieder? Meinst, ich ginge zu einem von jenen? Kind du, großes! Aber mein Kind. Immer werde ich wiederkommen zu dir, immer. Nur zu warten brauchst du, nur zu ... Sieh mich weiter an, aber versuche zu lächeln, ja. Mir ist angst ...«

Gehaucht: »Lebe wohl, Liebster.«

Sie geht. Was macht es, daß sie in der Tür sich noch einmal wendet, ihn anzuschauen? Er sitzt da, den Kopf zurückgelehnt, den Blick verschwimmend in dem Gewölbe des dämmerigen Saales, als erwarte er Schlaf und Traum. Vielleicht erwartet er Schlaf und Traum.

Sie streift den Schleier hinab. »Wie werde ich ihn wiederfinden –?« fragt sie. »Werde ich ihn wiederfinden? Mir ist angst.«

Sie geht.

»Wie werde ich ihn wiederfinden?«

Erinnerung

Ist der vergessen, der im Dunkel draußen liegt und träumt? Um ihn ist Düne, der Seewind spielt in seinen Haaren, vom Ufer her kommt der laute Schall der Wellen, ein Wacholder steht krumm ihm zu Häupten, und aus den Wolken tritt ab und zu der Mond und bescheint das bleiche, das zerfurchte Gesicht. Dann ist es, daß er sich regt, ein paar Worte murmelt, sich wehrt, weinen möchte, aber schon sinkt er zurück in den zähen Boden seines Traums und schweigt. Ist er vergessen von euch?

Von diesem Träumer, von seinem Traum spreche ich.

Es geschieht, daß er sich völlig aufsetzt. Eine bebende Hand streicht über die regenfeuchte Stirn, strähnt im nassen Haar. Ein Mund beginnt, und eine Stimme hebt an, eine Geschichte wird erzählt dem Wind, den Wellen, der Nacht.

Eine Geschichte hebt an, ein Mund beginnt, eine Stimme klagt.

Höret doch.

Wind, Wellen, Nacht erzählt

Ich rechtfertige mich. Nicht kann ich es länger leiden, daß jener mein ganzes Leben umlügt. In seine Hände jene Nacht! Schläft er dort im Wartesaal –? Nun gut, ich werde ihm meinen Traum senden, den ich einst träumte, der mich einst zerstörte, und er soll sehen, wie er ihm gedeiht. Wachsen soll er in seinem Herzen, seine Liebe soll unter solchem Schatten kümmern, wie meine kümmerte.

Hörst du gut zu, Schläfer im Wartesaal? Dies ist die Stunde des geöffneten Herzens, höre denn!

Du bewegst unwillig das Haupt im Schlaf? Fühlest in Angst den Traum, der zu deiner Seele möchte, und willst nicht?

Höre mich doch, ich flehe dich an! Ich gestehe ja, daß ich log. Nicht dich zu quälen, nicht mich zu rechtfertigen, spreche ich. Sondern laßt mich gegen den Glanz jenes möglichen Lebens, das der kleine Weiße führte, der ich hätte sein können, – laßt mich dagegen die Qual einer Nachtstunde setzen, und dann urteilt!

Höret mich, und dann urteilt!

Fremde Stadt

An jenem Tag war ich in Rostock. Aber nein, ich war nicht in Rostock. Ich war in einer Stadt, die vielleicht einmal durch Rostock hindurchschlenderte und sich diese Allee mitgenommen hatte und jene Straßenecke. Ja, wohl auch die Häuser. Aber die andere Stadt hatte alles seltsam verändert, und in die Straße, in der das Haus der Eltern stand, hatte sie endlose Bataillone von Tischen und Stühlen gesetzt, unzählbare, mit ganz schmalen kiesigen Gängen dazwischen. Und sogar über die Beete hinweg hatte sie Tische gereiht, so daß die Tulpen ratlos einer häßlichen Platte entgegenstielten.

Besah man die Häuser, schienen sie altbekannt, aber trat man hinein, so ging die Treppe nach links statt nach rechts, und es war auch kein roter Läufer da, sondern eine Kokosfasermatte, und die Eltern wohnten nicht im ersten, sondern im dritten Stock.

Man konnte in dieser andern Stadt die Blutstraße hinuntergehen und jeden Augenblick den Markt erwarten, da stand man plötzlich auf einem weiten wüsten Feld voll rotem, kalkigem Schutt oder bei einem Galgen mit Gehenkten. Gewitter hing über einem, und ferne im fahlgelben Licht duckten sich die Dächer einer fremden Stadt.

Und wie die Dinge, altgewohnt und sprunghaft neu, so waren auch die Menschen. Ja, es waren alles alte Bekannte, aber sie waren irgendwie aus ihren Fugen gedrückt, und plötzlich schnellten aus ihnen Federn spiralig heraus und schossen ungewohnte, tadelnswerte Taten auf einen ab. Sie streckten wohl die Hand zum Gruß, aber wollte man sie nehmen, zwickten sie einen in die Wade oder zeigten mit einem glasharten Lächeln ihre immensen Schamteile oder plötzlich fiel ihr Gesicht herunter und zerfloß in einen weichen, kuhdungartigen Brei auf dem glitzrigen Granitpflaster.

Eines aber weiß ich bestimmt: sie alle und die Häuser und die Straßen, auch die Bäume waren völlig lautlos. Ihre Bewegungen waren nicht in Luft, sondern in Watte hinein gemacht und hatten keine Resonanz. Das machte vielleicht ihre Gebärden so seltsam, gab ihrem Tun diesen mystischen Schwung, denn ich erinnere mich, daß auch mich in dieser anderen Stadt eine fieberhafte Rastlosigkeit fortriß und dem Zentrum meiner Gewordenheit entfernte.

In dieser Stadt also war ich damals. Meine Erinnerungen sind zerrissen, hie und da ein scharfes Bild, aber alle Zwischenglieder fehlen.

Lokal

Ich saß in dem großen Zimmer eines Lokals. In jeder Ecke stand ein Tisch mit einem großen roten Sofa dahinter, in das von Zigaretten schwarze Löcher gebrannt waren.

Auf einem dieser Sofas saß ich, meilenweit entfernt von den anderen Tischen, so daß ich nicht erkennen konnte, wer dort war. In den Gläsern schalte schaumloser Sekt. Zwei Gläser standen vor mir. Und ich bemerkte plötzlich, daß ich nicht allein war, sondern neben mir saß starr, mit tief gesenkten Lidern, eine meiner früheren Schreibdamen. Während ich sie noch rätselnd anschaute, wurden ihre Arme mit einem Ruck wie an Schnüren zur Decke gerissen; schon saß sie auf meinem Schoß. Straff gekreist riß sich ihr Mund auf, ihre Kleider klafften auseinander, und ich sah zwischen ihren Brüsten abwärts über den Nabel fort einen Streif wolligen Vließes, der sich zwischen den Schenkeln verlor. Dann sagte sie, daß sie Austern wolle.

(Plötzlich fällt mir ein, daß wir doch reden konnten. Aber das hebt das vorhin Gesagte nicht auf. Im Gegenteil. Unser Sprechen war noch lautloser als unsere Bewegungen.)

Irgendwie standen die Austern auf dem Tisch vor mir. Und quälend überfiel mich der Gedanke, daß ich sie nicht bezahlen konnte. Ich wollte in den Taschen nach Geld suchen, aber Theas Blick lag glashart in meinem. Die Hände entliefen mir über den Tisch, stießen ein Glas Sekt um. Wieder warf Thea die Arme zur Decke.

Da wurde ich gewahr, daß ich die Gruppe am Ecktisch rechter Hand erkennen konnte. Dort saß in tadellosem Frack mit starrer Götzenmiene mein alter Bekannter, der Baron von Bür. Sein Leib war von einer Unzahl Flaschen umstellt, die goldgekröpft den Tisch bedeckten. Neben ihm hockte ein graubärtiger Buckliger, der rastlos die Flaschen in große flache Schalen leerte.

Der Baron bedrohte mit dem Revolver eine dicht zusammen gedrängte Schar nackter Männer, einige ganz dürr, so daß ihre Steißbeine die faltige Haut durchstachen, andere mit überquellenden rosigen Speckfalten im Nacken. Diese Männer, die in ihrer Nacktheit zitterten, daß ihre Ellbogen sich blutig aneinanderrieben, tranken auf die Drohung des Barons den endlos vom Buckligen verschenkten Wein. Einige lagen schon auf dem Boden, sie wälzten sich und gaben unter Stoßen und Krächzen das Genossene von sich.

Dann schoß der Baron. Männer fielen, ein breiter Strom von Blut und Erbrochenem schwemmte durch die Stube. –

Das Bild ist fort. Bür ist fort. Thea ahne ich nur noch zu meiner Linken. Ich kann nichts mehr sehen. Ich bin ganz allein.

In dem weiten Raum ist nun nur noch ein endloses Weinen. Ein ganz tiefes, nicht aufhörendes Weinen. Es fängt sehr leise an wie aus dem Schlaf heraus, wird stärker und immer stärker und hält dann in gleicher Höhe aus, mit sehr kleinen Klagelauten dazwischen, wie sie Kinder haben. Es hockt in meinem Hirn, in jeder Zimmerecke dreht es sich, es fällt von oben auf mich herab. Ich schüttele mich, aber das Weinen will nicht enden.

Plötzlich weiß ich, daß es meine Braut ist, die so weint, irgendwo. Ich habe es gewußt, daß sie mit mir in dieser fremden Stadt ist, ich habe es vergessen, und all die Zeit war ich krampfhaft bemüht, mein Wissen wieder zu finden.

Ich springe auf, trete aus dem Zimmer.

Begegnungen

Draußen regnet es. Fädig wie Sirup schleimt der Regen vom Himmel, überzieht Blätter und Baumstämme mit einer Gummischicht und macht das Pflaster so schlüpfrig, daß ich ausgleite und mich mit verzweifeltem Griff an einem Vorübergehenden halten muß.

Um Verzeihung bittend, blicke ich an ihm empor: ein großer Mann mit einem sehr starken wolligen Bart, der im Hutschatten beginnt, so daß sein Gesicht vollkommen verborgen ist. Wortlos nimmt er meinen Arm und zieht mich Widerstrebenden die immer dunkler werdende Allee hinab fort. Das Weinen fährt noch einmal hinter mir her, überholt mich und ist weg – wie ausgewischt.

Der schwarze Unkenntliche hebt den freien rechten Arm und deutet an meine Seite. Ich bemerke einen Menschen neben mir, sehr hager, mit hohem, schmalem Kopf, die Schläfen sehr weiß von blauen Adern durchsponnen. Sein Mund steht weit offen, rasch hintereinander bildet sich zwischen den Lippen Blutblase auf Blutblase, tritt umspeichelt aus, schwebt einen Augenblick vor ihm und steigt verleuchtend in den Himmel. Sein nackter Oberkörper ist gräßlich abgemagert, wie Peitschenstriemen liegen die Rippen auf ihm. Nahe der linken Brustwarze sind drei schwarzrandige Löcher, in denen bei jedem Atemzug Luft mit Blut pfeift und gurgelt. Seine Hose ist arg von Lehm beschmutzt, aber ich sehe doch, daß es einmal eine modische Smokinghose war. Sein Gang ist ein stolperndes Vornüberfallen und trägt etwas ruchlos Lustiges an sich.

Ganz, ganz schnell habe ich dies alles gesehen, sein Äußeres gemustert, und dämmerndes Erinnern springt mich an. Kindheits-, Jünglingsbilder rasen durch meinen Kopf wie durchgehende Pferde, ihre Hufe schleudern nur herausgerissene mißfarbene Erdbrocken und Grassoden in mein Wissen.

Zugleich weiß ich stärker denn je, daß meine Braut weint, irgendwo, ich muß sofort zu ihr, muß sie finden, sonst geschieht etwas Schreckliches – und ich reiße meinen Arm aus der Umschlingung des Schwarzen. Er gibt mich so rasch frei, daß ich taumele. Ich versuche, mich aufrecht zu halten, da jagt wieder eine Welle Weinen die Straße hinauf. Ich schlage die Hände vors Gesicht. Und stürze zu Boden.

Irre ... wo Ziel?

Der Schwarze ist fort, aber auf meinem Rücken hockt der dürre Begleiter; ich fühle, wie sein Blut warm und klebrig über meinen Kopf rinnt. Ich kann meine Augen nicht mehr öffnen, doch er reißt mich bei den Haaren, taumelnd stolpere ich hoch, und er spornt mich so lange mit seinen Schuhen, bis ich in hohem Trab die Allee hinabrase, allein geleitet von den spitzen, ziehenden Griffen in meinen Haaren.

Plötzlich stoße ich gegen etwas mit meiner Stirn, wieder falle ich, aber wie ich mich sofort wieder in die Knie erhebe, merke ich, daß mein Rücken ohne Last ist. Ich reibe die Blutkuchen aus den Lidern, ich öffne die Augen.

Es ist fast dunkel. Ich stehe vor einem hohen Haus. Ein Fenster ist beleuchtet, es ist geöffnet, und drinnen pfeift einer schrill, monoton, endlos die paar Töne zu dem Text: »Liebst du mich denn gar nicht mehr –?«

Ich weiß, ich weiß alles! Wie konnte ich vergessen!

Ich bücke mich. Der Dürre liegt stöhnend am Boden, phosphorisch glänzen die drei Kugellöcher, die ich einst – – . Oh, es ist ja Wahnsinn! Das alles ist doch schon Jahre her!

»Liebst du mich denn gar nicht mehr –?«

Ich bücke mich und nehme den erschossenen Freund auf die Arme. –

Der Schwarze steht bei mir. Er trägt ein Licht in der Hand, das trotz des rasenden Windes, der mich mit meiner Last immer wieder zum Wanken bringt, ohne Flackern brennt. Er geht schweigend ins Dunkel. Ich folge ihm. Wir wandern endlos. Eine graue Landstraße. Wieder Häuser. Immense dunkle Mietskasernen, die stinken. Mein Hut taumelt im Rinnstein.

Die Straßen werden enger. Gassen. Gäßchen. Aus den Fenstern bricht rosaroter Lichtschein. Hurenhäuser. Die Dirnen liegen mit nackten Brüsten auf den Fensterbrettern, und speien glühende Zigarettenstummel auf mich. Der Dürre bekommt Zuckungen, ich muß alle Kräfte anstrengen, ihn zu halten. Dann kann ich nicht mehr. Ich breche in die Knie. Der Schwarze verschwindet lautlos um die Ecke. Ich lehne den andern an eine Wand. Ich muß Hilfe haben.

Ich gehe ins nächste Hurenhaus. Ich rede. Ich weise Blut. Ich stammele. Knie. Wälze mich bäuchlings. Die Dirnen schreiten auf Zehen um mich herum und zeigen mit verzücktem Lächeln ihre Schamteile.

Ich entblöße mich. Ich reiße mein Herz aus der Brust, spucke darauf und gebe es der nächsten. Sie faßt es mit zwei Fingern und wirft es einem gähnenden, rosaroten Schwein ins Maul. –

Wieder stehe ich im Regen. Auch die Häuser sind jetzt dunkel. Ich friere sehr. Doch ich suche. Suche lange nach dem Dürren. Ich finde ihn. Er ist sehr schwer. Doch bei jedem Schritt wird er leichter. Schließlich halte ich ihn in den hohlen Händen und trabe seltsam gehoben den nur geahnten Weg.

Es dämmert.

Ich bin auf dem Kirchhof. Ein aufgeworfenes Grab mit einer Schar Menschen darum. Alles bekannte Gesichter, aber ich kann sie nicht einordnen. Sie wenden sich mir zu. Über ihre Starrheit scheint plötzlich ein stechender Spott zu laufen. Ich sehe genau zu: sie sind starr.

Ich trete an die gelbe Lehmgrube und will den Inhalt meiner Hände hineinlassen.

Der Tote liegt schon darin. Er lächelt. Böse.

Ich halte in den Händen mein Herz.

Der unkenntliche Schwarze tritt zu mir, er klappt meine Brust auf und legt das Herz in sie. Ich bin wieder sehr schwer. Ein Schluchzen würgt mich im Halse. Meine Augen brennen.

Die Versammlung faltet die Hände. In der Nähe spielt eine Orgel. Auch ich will beten. Meine Hände wollen sich nicht fügen.

»– Vater unser, der du ...«

Was spielt die Orgel? Ist das ein Choral? Mein Gott, nein, ich habe wieder alles vergessen! Ich muß ja suchen. Meine Braut weint, weint ...

Das ist keine Orgel!

Das ist Weinen. Das ist Weinen!

Angst

Die Sonne brennt. Ich stehe in der Straße mit den endlosen Tischreihen. An ihnen sitzen Scharen und Scharen von Bürgern, mit hohen ballonartigen Köpfen. Ihre Gesichter sind verquollen, aber ich merke wohl, daß sie mich mißbilligend ansehen.

Doch ich muß suchen. Suchen! Ich krieche unter die Tische. Ihre genagelten Schuhe treten auf meinen Rücken. Ihre Hunde beißen mich.

Suchen! Suchen!

Die Tischreihen wollen nicht enden. Ich suche fort.

Plötzlich bin ich in einem kegelbahnartigen Raum. Dort stehen drei Verwachsene mit schwarzen assyrischen Barten. Sie sprechen geheimnisvoll miteinander. Ich weiß, sie reden von meiner Braut. Ich möchte sie fragen, aber ich wage es nicht.

Auf den Zehenspitzen schleiche ich mich näher, um zu lauschen. Da merke ich, daß der eine schielt: ich bin in seinem schiefen Blickwinkel. Er lächelt höhnisch und viehisch, greift mit einem Affenarm in seinen Buckel, holt aus ihm eine große hölzerne gelbe Kugel und schleudert sie nach mir. Die andern folgen seinem Beispiel.

Ich entfliehe rasend durch eine kleine Tür und sehe mich in dem düstern Lokal. Thea sitzt auf dem Plüschsofa. Sie wirft die Arme zur Decke. Der Baron hockt noch immer im Winkel und bedroht die Nackten.

Ich fliehe wieder und stehe auf einer bergan steigenden Straße. Vor einem Schlächterladen drängen sich Leute. Im Fenster hängen an großen Haken Rinderhälften. Das Fleisch ist rotblauflechtig, mit gelben Fettpolstern bestickt. Fliegen laufen darüber.

Ich fühle, daß die Entscheidung naht.

Ich stehe im Laden. Ein großer Mann will das Weitergehen verbieten. Doch eine Frau macht mit den Augen ein rasches Zeichen, und ich darf passieren.

Doch ein schreckliches Zittern schüttelt mich. Eine Welle von Todesangst springt in meiner Brust und will mich zurückwerfen. Meine Beine gehen vorwärts.

Ich stehe auf einem grell besonnten Hof. Es ist sehr heiß. Ich rieche einen schlimmen Geruch, einen süßlichen.

Ein Tisch, umdrängt von Leuten. Zwei Menschen in Uniform. Ich bemerke sie sofort. Sie haben in den Händen lange Messer; von denen Blut tropft.

In mir schreit es: zu spät! Zu spät!

Nun kann ich den Tisch übersehen. Ein Stück menschlichen Oberkörpers, aufgeschnitten, die Eingeweide daneben. Der Kopf fehlt. (Oh, ich weiß alles! Ich weiß alles!)

(Nur nicht den Kopf sehen, schreit es in mir. Nur nicht den Kopf sehen!)

Der eine Uniformierte fragt mich: »Können Sie zweckdienliche Angaben machen?«

Ich will reden. Wieder schüttelt mich die Angst. Da taucht am andern Ende des Tisches das gräßlich verzerrte quittengelbe Gesicht meines Vaters spitz auf mich zu auf: »Mach's schnell!«

Ich sehe unter den Tisch. Ich will nicht. Aber ich muß.

Da – liegt – ihr – Kopf!

Ich schreie auf. Ein Kind beißt mich in den Finger. Ich stürze nach hinten.

Gesang von Wind und Wellen, Gesang der Nacht

Nun ist vom federnden Bogen des Hasses das Geschoß ins Herz des Unschuldigen gesandt. Wie zittert der Pfeil! Schon treibt im Blut ihm der Giftsaft, seine Lippen haben sich verzogen, Worte murmelt er im Traum, und jene verzogene Braue weiß nichts mehr von einem guten Ende.

Ach, trotz allen Unglaubens – solch Ende wäre ihm so möglich erschienen! Nur Liebe – und Gutsein wäre so leicht gewesen.

Aber, Menschen, ist es euch nicht schon zu viel, daß ihr mit Herzen geboren werdet voll kolossalischer Wünsche, mit endlosen Begierden, dürstender Ruhmsucht?

Nun hasset ihr auch noch eure eigene Reinheit und schnellt ins eigene Herz nächtens den Pfeil eurer feigsten Wünsche, daß ihr vergiftet erwacht?

Was soll das alles?

Lange schon ist für euch der Pfiff: »Liebst du mich denn gar nicht mehr –?« keine Mahnung der Liebe, sondern Aufruf zum Haß!

Träume denn weiter, Träumer; wurde ein Sieg verscherzt: deiner! Unterlag ein Herz: deines!

 

Eine Stimme fragt: »Aber Inge –?«

Über das Gesicht huscht in kleinen Rucken der Wind. Haben diese Lippen je gesprochen?

Gleichviel. Nun sind sie stumm. Nun antworten sie nicht.

Erwachen

Still. Der Knabe murmelt: »Dies ist ein Wartesaal.« Pause.

»Und jenes war Traum.«

Lange Pause. Angstvolles Schlucken.

»Ah! Ich sehe es von den Wänden triefen. Es schleimt am Boden. Keine Täfelung kann es abdichten, keine Gebärde es bergen!

Warum glauben wir denn noch an Flieder, Sonne, Blauhimmel und das warme fromme Antlitz eines neugeborenen Kalbes? Auch das Gesicht meiner Liebsten war warm und so fromm, aber man wird es nach außen kehren, das Häßliche wird gewiesen sein, ein holder Leib ekel ausgeweidet, eine stammelnde Bitte bespuckt ... seht doch, da steht es: so ist das Leben!«

Wild: »Ich will nicht!«

Flehend, klein, kindhaft: »Ich will doch nicht. Bitte nicht.«

Lange grübelt er. Sein gestütztes Kinn rutscht von der zitternden Hand ab. Sehr steil nun, hinausschnobernd in den Saal, den Geschäftigkeit, Geeß, stürzender Wortschwall durchschwingen. »Ich rieche es. Nichts vermag diesen süßen, faden Geruch zu übertäuben. Wir werden alle getötet, aber langsam, so langsam, immerzu sterben wir, und wenn der Leib nicht mehr will, wenn wir zusammenbrechen, unter Peitschenhieben wieder hochtaumeln, weiter stolpern und wieder zusammenbrechen, so sagen sie stolz: so ist das Leben!«

Er legt ängstlich, huschend und sacht die Hände aufeinander, er bittet zart: »Ich aber will nicht. Ich bin klein. Ich habe Angst. Ich komme aus einem sicheren Heim, in das Laubfahnen wehten. Es ist mir bestimmt versprochen, daß das Leben gut sei und schön, sei ich nur gut. Meine Eltern haben es mir versprochen, auch die Lehrer, in meinen Büchern stand es, der Pastor hat es mir gesagt. Warum sollten alle gegen mich einen lügen, der klein ist und nichts weiß?«

Mit einem sehr schönen, zagen Lächeln flüstert er: »Sie können doch nicht alle schlecht sein? Ich war doch noch ein Kind, da sagten sie schon ... Es war nur ein Traum, und Träume gelten nicht, nicht wahr? Mir braucht nicht angst zu sein. Alles war Schlaf.«

Dieser traurige Blick, der Angst hat, irrt im Saale umher, er sucht auf den Gesichtern der andern die Erhärtung seines Hoffens, das Leben sei doch gut.

»Sie sehen mich alle an. Ach, mein Glas fiel um. Aber ...«

Von unten drang sein Blick vor; sein scheues Lächeln bat um eine Antwort. Es wurde blasser und blasser, es ging unter, und nun stieg der traurige Mond der Verzweiflung auf, und sein Schein beleuchtete die blutige, über das Gesicht breitgezerrte Maske.

Er senkt den Blick. Er ist sehr müde. Sein Herz geht so unheimlich langsam, und es müßte doch schnell gehen, ganz schnell, damit endlich Ende wäre.

»Sie haben mich so erschreckt«, flüstert er, und eine letzte hoffnungslose Hoffnung läßt noch einmal den Blick wenden.

Da geschieht es. In dem tausendsten Teil einer Sekunde platzen die dürren Schalen der angelernten Begriffe: er sieht nicht mehr die bekannten Gesichter der Menschen.

Das sind wahnsinnige Mißgestalten, verrückte, gedunsene, kotige Fratzen. In den Poren stinkt Verwesung. Ihre aus zergehendem Fleisch herausgepreßten Leiber haben sie untereinander geschleppt. Ihre Verabredung ist zu tun, als sähen sie nichts.

Aber nun sieht man's! Man sieht die dicken hängenden Speckfalten, das ekelhafte Gebäude einer fleischigen Hand, den grotesken Irrsinn einer Lippe, auf der Haar borstet, man sieht das öde Glotzen von zwei Gallertdingern, die Poren, die Mitesser, die trocknen kahlen Schädel mit Glanzlichtern. Man riecht die Ausflußöffnungen der Münder, die Schweißkanäle. Man hört Würmer nagen, Bakterien feilen. Verdauungsmaschinen, voll stinkender Gärung und Zersetzung, sterbende!

Und über all dem hocken bizarr und grinsend die Dinge: die Zwicker plinkern, steife Hutlappen höhnen, Ärmelfalten treiben Unzucht, Westen prahlen herrenhaft über schlappen Bäuchen, Hosenknie höhnen als irrsinnige Wülste.

Im tausendsten Teil einer Sekunde sieht er es, er begreift den Wahnsinn, daß er unter Toten sitzt, unter häßlichen, feixenden Toten – und nun schnarren sie alle: »So ist das Leben!«

Nun knarren sie: »Wie ist das Leben?«

Nun schwatzen sie stolz: »Hart ist das Leben!«

Da geht im Kleinen eine hohe Welle auf, sie stürzt in Seele und Hirn, fegt ihn fort, durch die Räume, über Treppen ins Freie.

Wie werde –?

Auch dir war angst gewesen, Liebste!

»Wie werde ich ihn wiederfinden –?« hattest du gefragt, in der Tür verharrt und noch einmal nach dem Gesicht des Freundes zurückgeschaut. Dann hattest du den Schleier herabgezogen, du warst gegangen.

Nun stehst du wieder in der Tür, nun trägst du zu ihm ein Herz, das ganz angefüllt ist von der Lust des Schenkendürfens, denn tausenderlei hast du gekauft, da du ihn schön möchtest.

Dein erster Blick ist noch sicher, aber der zweite zögert schon, du stutzt, fragst: »Irre ich mich denn? Ist das nicht sein Tisch?«

Wie zögert doch der Schritt der Nahenden, wie ängstlich fragt sie den vorbeistreichenden Kellner: »Der einzelne Herr –?«

»Sie sind die Dame zu dem Herrn? Der Herr hat vergessen zu zahlen. Er ist fortgestürzt ...«

»Er ist fortgestürzt ...«

Sie zahlt. Sie geht. Warum geht sie? Warum läßt sie sich nicht zur Erde nieder, wo sie steht, und wächst hinein in sie, um Erde zu sein –? Warum nicht? Da er doch fort ist! Was hat das alles für einen Sinn? Warum laufen diese Menschen umher? Warum grüßt jener Herr auffordernd mit den Augen? Und warum lächelt sie ihm zu mit ihrem Maschinenlächeln, ihrem Gewerbelächeln, das nirgend mehr deckt? Warum? Da er doch fort ist? Ihr entflohen?

Und es beginnt die Qual des anklagenden Herzens. Anhebt die Qual des entschuldigenden Herzens. Und es beginnt das Rätseln um das Warum.

»Warum floh er? War er verfolgt? Von den Eltern? Wohin? Haben sie ihn gefaßt? Im Gefängnis etwa? Schon im Zuge nach Rostock? Denkt er an mich? Wartet er auf mich im Hotel? Was habe ich ihm getan? Bin ich nicht gut zu ihm gewesen? Schämt er sich meiner, will nicht mit mir reisen? Wenn er mich suchte! Ist er auf dem Bahnsteig, im Glauben, unser Zug ginge schon? Oder nur auf der Toilette? Längst wieder am Tisch? – Ah, ich muß sehen ... Nein, der Tisch ist leer. Wo ist er? Was habe ich getan?«

Und die Anklage beginnt. Das kummervolle Rechnen des Herzens, das schreckliche Messen der Zärtlichkeitsdichte einer längst entwesten Umarmung, das geizige Wägen eines Wortgewichtes.

Diese Stunde kann nie verziehen, solch Wartenacht nie vergessen werden, käme er selbst zurück. Was denn hätte er am Ende zu sagen, solches Wartens Last ganz zu tilgen –? Nichts.

Und nie wird von ihr begriffen werden, daß er floh, um das glatte göttliche Gesicht der Liebe sich zu bewahren. Diesen herben, unerfüllten ersten Heuduft in den Nüstern ist er entflohen, und die Liebe von zwei Reinen ist es, die seine Angst retten will, unberührt noch von dem Elend, das tapfend anschleicht.

Wie aber könnte er es ihr sagen?

Wie aber könnte sie ihn verstehen?

Und alles wird sie ihm zum Vorwurf machen: das erniedrigende Fragen bei Hotelportiers, ihre spöttischen Antworten, das Herumirren, die Nachfragen, die Unmöglichkeit, sich auf der Polizei zu erkundigen, die umsonst gekauften Geschenke, die umsonst gehabte Vorfreude, alles, bis zu dem Herrn, der mit den Augen grüßte und ihr Gewerbelächeln empfing – alles, alles wird Vorwurf sein!

... käme er selbst zurück.

Nachtwanderung

Er eilt durch die nächtliche Stadt. Bogenlampen werfen ihr weißes Licht auf die Vorüberstreichenden. Ihm ist, als stünde er still und als würden jene in rasendem Tempo an ihm vorübergehetzt, angesogen von dem Atem eines ungeheuren Strudels, der irgendwo dorthinten lauert und dem sie entgegentanzen mit ihrem starren Puppenlächeln über das ganze Gesicht hin.

Sähe er doch eine menschliche Gebärde! Wenn sie stillständen, eines eine Sekunde, bei jenem Busch etwa, und verweilend ein Blatt streichelten; wenn zwei sich die Hände nur geben würden und einbeschlossen läge in solcher Geste die runde unangreifbare Kurve eines Gefühles, wenn – nichts: sie streifen vorüber, rasch, so rasch, mit starren Blicken und sind fort. Sie werden nie wieder da sein.

Fremde Stadt! Vertauschte Menschen!

Ihre erhellten Autos schnellen vorbei. Sie haben es eilig noch. Er sieht Seide glänzen. Ein weißer Arm leuchtet auf. Eine mit sanftestem Violett vom Hutrand beschattete Wangenkontur – und fort!

»Nein, ihr alle täuscht mich nicht mehr. Ihr alle wißt, daß ihr Verwesung seid, fort, schon nicht mehr gerechnet, da ihr noch atmet in den Mund eures Liebsten, und solch Wissen hat euch schlecht gemacht. Es zu vergessen, eine Sekunde, tut ihr Bösestes, verratet, verkauft. Aber euer listiges Betrügerspiel bräche zusammen, stünde ein Reiner auf unter euch, und ihn zu töten im leisesten Anfang, erfandet ihr die großen Worte von der Liebe, der Treue, von der Ewigkeit.

Ich rieche sie, eure Ewigkeit! Es ist die Ewigkeit allen Vergehens. Der ungeheure Schrei der Verzweiflung erhallt Nacht wie Tag ungehört, in den Kissen erstickt, von lebenden Fingern in die Mundhöhle zurückgegittert. Es schreit. Immer und ewig schreit es. Diese dunklen Häuser, wieviel endloser Wahnsinn steckte schon in ihnen? Welch Strom von Tränen stürzt heraus!

Mir ist angst. Denn ich, der redet, eilt, verzweifelt – bin ich anders? Bin ich nicht schon vorbei? Ich habe es gespürt, es warnte mich, damals als ich mit ihr ging – wann?, heute mittag –, überrieselte mich der erste Schauer. Mich überkam's, daß auch wir vorbei sein werden, daß dann andere schlendern, lachen, küssen werden, daß andern ein blauer Morgen über dem Bett ihrer ersten erfüllten Liebe aufgehen wird. Andern! Und wir ganz vorbei ...

Aber, mein Gott, ich habe daran geglaubt, daß man schön und gut sein könnte bis zu jenem Ende, an die Gewalt des rosenfarbenen Himmels, an den allmächtigen Hebel Liebe habe ich geglaubt. Wie? Gut bis zum Ende? Schön? Die Arme gebreitet, den köstlichen Schrei der Liebe auf den Lippen in jene Ewigkeit hinab taumeln, die unser letztes Weinlaublachen noch verhöhnt?

Nie hat mir geahnt, daß wir lebend sterben, in jeder Sekunde und in der schönsten zumeist, daß plötzlich unter einem Kuß eine eisige Kälte die Lippen lähmt und daß der herrlich zuckende Leib unter uns nur noch eine tote Maschine ist, der längst die Seele entfloh.

Gerda! Liebste Gerda! Dein kleines längliches Dunkelgesicht ist tot! Die Menschen werden lachen, aber deine holde Schnobernase wird Fäulnis sein. Deine Hände verwest! Wer weiß dann noch von der Musik deines Ganges? In welches Ohr wäre das Lied unserer Liebe zu gießen, dieses ewige, das schon verhallt ist!

Bleibe, Gerda! Blicke mich an mit deinen Meeraugen!

Umsonst ... Eiseskälte steht um unsere nächste Umarmung und ... Nächste? Ach, unsere letzte ist längst verwest! Mir ist angst!«

Er hält inne. Stille. Er sieht um sich. Dunkel. Wo der eben noch hallende Lärm der Stadt? Fort. Die Häuser? Versunken. Menschen? Gestorben wohl. Die lieben Menschen, all die lieben Menschen? Gestorben wohl.

Allein ist er. Allein. Und das ängstlich tastende Auge erkennt, daß er in nächtlichem Wald steht; dunkle Baumumrisse, kaum durch Blick geformt, zergehen schon wieder in dunklen Schatten. Der nach oben gerichtete Blick sieht keinen hellen Schein der nahen Siedlung.

»Wolken wohl.«

Ein ganz leises Säuseln: Wind in Blättern. Stille. Rechts knackt ein Ast. Der Kleine fährt herum. Nun hinter seinem Rücken Knacken. Hier. Dort. Tappt jemand herum? Greift einer nach ihm? Die Schwärze surrt zitternd vorm Blick. Wer tupft ihn mit eisiger Hand, daß er bebt? Nichts. Stille. Langes Rascheln, absetzend, wieder aufgenommen, lauter, fort. (O die Angst! Die Angst!) Wald, Nacht, Wind, schwärzestes Dunkel.

Er versucht einen Schritt, hält, das Haupt nach rückwärts gedreht, bebend. Dunkel. Stille. Aber nun streift es, kommt näher, bläst ihm kalt ins Gesicht: er macht einen Satz. Es ist fort. Plötzlich scheckert es laut. Er fährt zusammen. Kann es ein Vogel sein? Unmöglich. »Wenn es ein Mensch wäre, ein einziger Mensch! Ich will nie wieder sündigen. Bitte. Bitte.«

Und die Flucht beginnt, der Hexensabbat leisester Laute, in eine Nirwanastille stürzend, die sie unheimlich mästet, bis sie knallend über den Kopf des Flüchtlings platzen. Der Nachtwald tost. Schreie, Gelächter brüllen, Schatten huschen vorbei, Fratzen biegen sich über seine Schulter, grinsen in die Angstaugen und zergehen unter ihrem Blick in Schwarz. Wo ist der Weg? Keiner! Ruten peitschen in sein Gesicht, er taumelt über Baumstümpfe, Sumpfwasser in Gräben näßt ihn bis zum Knie.

Dann stürzt er. Er fällt nicht schwer. Er bleibt liegen, es ist gut, so liegenzubleiben, mit geschlossenen Augen, indes der Wahnsinn in seinem Hirn abebbt. Und nun breiten sich sachte und leise die stillen Regungen des Windes oben in den Wipfeln über ihm aus. Es singt ein, es singt still und ewig: »O du Mensch! O du Mensch! O du Mensch!«

Ein leidvoller Lobgesang scheint das, ein tröstender Hymnus auf einen Kämpfer, der ehrenvoll erlag.

Er öffnet die Augen, blinzelt. Ein Lichtpfeil schoß hinein. Licht in Nacht. Er richtet sich halb auf, späht und erkennt ein Haus vor sich, ein mehrstöckiges, zwischen Bäumen, in dem da und dort ein Fenster tröstlich und gewiß scheint.

»Dank! O Dank!«

Und, als er sich über einen Zaun schwingt: »Nun werde ich dich immer lieben.«

Er öffnet eine Tür, tritt in ein Treppenhaus, steht auf einem Flur, der endlos lang, kahlweiß im Licht von elektrischen Birnen liegt.

Ein zögernder Schritt. Er schleift hohl am Steinboden, klappt an den Wänden, verklingt. Es ist, als halte dieses nächtlich beleuchtete Haus den Atem an über den Eindringling. Er wartet endlos. Kein Laut. Nur das Klopfen des Herzens, nur das Sausen des Blutes. Zwei Schritte, drei ... Er räuspert sich. Hustet.

Da – und der Kleine erstarrt – schwillt ein Schrei an, dringend, irgendwo im Haus, schwillt, schwillt, wird lauter, immer lauter, brüllt.

Und die Stille ist zerbrochen, ein Toben, ein Rasen, ein Trampeln, Krachen von Holz, Schreien vieler Stimmen, wie Weinen, wie Schluchzen, ein Krähen, ein Höhnen, ein Keifen ...

Und ebbt ab ...

Und nur eine Weile noch der Schrei, der hohe, gelle, nicht endende Schrei, wie ein Tier schreit, in äußerster Angst.

Und Stille. Und das Licht im weißgelben Gang. Und vor dem Fenster Waldnacht.

Aber am Fenster ein Zusammengestürzter, der irr immer wieder fragt: Wo bin ich? In der Hölle?

Nachtvergnügung

Sie hält ein im Gehen, blickt gedankenlos in ein Schaufenster, ihr Herz spricht: »Was könnte man nun noch tun? Etwa –? Ah, man müßte sich zusammenraffen können auf der Spur der eignen Schritte, man dreht sich rasch, aus dem Sande schleift die Schleppe jene Spur, die bis hierher führte, und man begönne als Neue völlig Neues. Jeder Baum doch blüht neu jedes Jahr und weiß nichts von den alten Blüten. Warum dürfen wir Menschen denn nicht unser altes Blühen überbieten und überblühen.«

Eine sanfte Stimme spricht an ihrer Seite überzeugend in ihr Ohr: »Jenes Sandfarbene dort mit der schwarzen Stickerei dürfte Ihnen herrlich stehn. Soll ich –?« Und die Hand nicht ernstlich an der Ladentür mit einem Lächeln: »Es ist zu spät! Man muß Ihnen böse sein, Gnädigste, daß Sie so spät erst ...«

Sie ist herumgefahren. Sie begreift, wer, wo sie ist. Noch nicht erkennt sie, wieso sie hierherkam, verlockt von jenem Entflohenen, der auch sie herauswarf aus ihrer Bahn, sie in eine Luft brachte, die sich gut atmen ließ, doch das Herz verwirrte.

Nun hat die tausendmal gehörte Männerstimme die Entführte wie Wind aus Heimatland angeweht, ihr nur zu bereites Lächeln blüht auf, und zwei endwissende Kenner spielen das alte Spiel mit seinen so bürgerlich reizenden Umwegen, seinen so bürgerlich feinen Höflichkeiten. Sie umlügen das Ende göttlich.

»Nein, wie Sie mich erschreckt haben! Ich war ganz in Gedanken. Ich hatte keine Ahnung ...«

»Schon seit dem Bahnhof folge ich Ihnen. Dort sah ich Sie. Ich bin untröstlich, so wenig Eindruck ...«

»Wer weiß! Übrigens, das Sandfarbene ist wirklich schön. Was es kosten ...«

»Aber wir stehen hier und stehen. Wie das Pflaster riecht! Auto! Hallo, Auto!«

»Und wohin?«

»Sagen wir ...«

 

»Nein, nicht. Keinen Sekt. Laß etwas mischen. Halt, ich weiß ...«

»Du bist noch nicht lange in Leipzig?«

»Gestern gekommen. Aber ich war früher schon ... Ich trat im ›Nachtfalter‹ auf.«

»Als was?«

»Spitzentänzerin.«

»Diese Spitzen oder –«, den Rock sacht anhebend, »diese –?«

»Nicht ungezogen werden! Was sollen die Leute ...«

 

Hört niemand eine kleine weiße Stimme, die um so viel Unschuld bittet, eine Minute oben sein zu dürfen, auf dem Teichspiegel, wo die Seerosen blühen, die schönen grausamen Libellen schwirrend stehen und eine weiße Wolke sich weißer spiegelt?

Hört niemand sie?

 

»O du meinst die blonde Agnes! Gewiß, sie war vor einem Jahr in der ›Viktoriadiele‹. Etwas ganz Ausgefallenes.«

»Mir gefiel sie eigentlich sehr.«

»Na, weißt du! Sie konnte ja nicht mal richtig gehen. Und diese Waden! Aber sie war frech und das muß man sein, um euch Männern ...«

»Weißt du vielleicht, wo sie jetzt ...?«

»Keine Ahnung! Sie ist ja mit einem Kellner durchgegangen.«

»Von Leipzig fort?«

»Ja, denke dir.«

»Und ich sah sie gestern noch auf der Grimmschen.«

»Wenn ich dir doch sage! Du wirst sie eben verwechselt haben.«

»Ausgeschlossen.«

»Dann meinst du eine andere Agnes.«

»Ja, meine Liebe ...«

 

Du bist nämlich auch klein gewesen. Du hast auf einem Kirchhof gespielt, wo Schierling wuchs. Du weißt, wie gut Kühe riechen. – Hast du nicht Nester ausgenommen, und ein Flaumweiches mit wachsgelbem Riesenschnabel kuschelte in deiner Hand, hatte schwarze Punktaugen, und ein kleines Herz klopfte hell und rasch gegen deinen Daumenballen? Hast Heu gerochen? Und blühende besonnte Lupinen?

Du träumst bloß. Du wirst erwachen und ein linder Sommerwind weht dein Röckchen um bloße Knie. Du stößt kleine Vogelschreie der Lust aus und läufst hinter Schmetterlingen. All deine Haar stürzen dir in die Stirn.

Du träumst bloß.

 

»Donnerwetter, so spät! Ich muß ja machen, daß ich nach Haus komme.«

»Du wirst schon Zeit haben. Ich weiß hier in der Nähe ein Hotel, wir trinken noch gemütlich eine Tasse Mokka und ...«

»Ich müßte wirklich nach Haus. Aber wenn du meinst ...«

»Nein, natürlich ganz wie du meinst.«

 

Sieht ihn niemand dort knien, den Kleinen, den Bebenden –? Er ist allein. Es ist still um ihn, und in der elektrischen Helle geht Gespenst auf Gespenst um. Ihn graust. Er meinte eine kleine Zärtliche zu finden und die Gebärde einer Liebe, die schön und darum ewig ist; er aber fand nur sein eigenes Herz, das schmerzte. Und nicht einmal dies will er glauben.

Stille ist's. Gespenster gehen um. Auf dem dunklen Hintergrunde der Nacht wandeln erhellte Gestalten, er hört sie sprechen ...

Sieht ihn niemand dort?

Auch du nicht?

Auch sie nicht!

Er hört sie sprechen ...

 

»Jetzt mußt du dich umdrehen, ich muß auf den Eimer ...«

»O laß schon. Ich ...«

 

Sähe man euch, hörte man euch, röche man euch – keiner glaubte, daß ihr Kinder wart, so völlig gelang es euch, aller Reinheit zu entrinnen.

Aber doch höre ich in der kleinen weißen Stimme, die nun schrill und leer ist, die Stimme der Unschuldigen. Du bist ein Kind gewesen, in der Sonne hast du gekräht, nach dem Monde gegriffen, der Puxhund war dein Freund, die ganze Welt war dein Freund.

Tue die Kleider ab. Wende dich ganz langsam um. In jenem matten Spiegel erblickst du dich zum ersten Male selbst. Wie es deinen Leib schon zurichtete! Die Knospen deiner Brüste sehen alt aus, bläulich. Über den Bauch eine Falte. Jene Wulst an der Hüfte ... Die Bißnarbe am Arm ...

Wie alt bist du?

O nein! Da du dich nun siehst, bist du dreißig. Was bliebe noch, wärest du es auch nach Jahren?

Nein, ich beschwöre dich, halte ein! Versuche an jenen zu denken, dessen geglaubten Verrat dein Herz doch nicht anzurechnen vermag. Er ist so sanft zu dir. Seine ungelenken Glieder sind voll tausend neuer sprühender Liebkosungen für dich, seine Hände um deine Schenkel sind zärtlicher als eine verliebte Katze, die ihren Kopf an deine Wange stößt. Denkst du daran?

Tritt hinter dich! Wende dich und geh. In dieser Stunde muß es sein. Kein Zögern.

Denke doch an ihn! Denke einen Augenblick nur an ihn.

 

»Du küßt so süß, Liebling.«

Schlafsaal

Eine Hand berührt seine Schulter. Er blickt hinter sich und sieht einen Großen in blauweißem Kittel, hört ihn fragen: »Wer sind Sie? Was machen Sie hier?«

Er stammelt: »Verlaufen ... erstes Licht ...«

Jener: »Nicht hier. Ich darf nicht so lange fort sein. Kommen Sie mit in den Wachtsaal.«

Er wendet sich ab, geht den Gang hinunter, schließt eine Tür auf, hinter Anton wieder zu. Ein dunkler Raum. Durch eine angelehnte Tür Lichtschein. Eine betäubende Luft, gemischt aus ekligem Dumpfen und ekligem Scharfen. Das Geräusch von Stimmen, seltsamen Stimmen, monotonen Stimmen, die reden, als redeten sie ganz allein für sich, ohne Beziehung zu etwas Erdenklichem.

Er tritt ein und begreift: ein Krankenhaus.

Lange Bettreihen. Sehr sauber, sehr hell alles. Das Linoleum des Bodens spiegelnd. Weißes Licht von der Decke.

Er fühlt sich beruhigt, schon möchte er lächeln, da sieht er – wie seltsam doch! –, daß einem der Pfleger ein Handtuch unter das Kinn schiebt; nun zuckt es im Bett, »Krämpfe«, denkt der Kleine, aber wie fest der Wärter jenen hält, als sei er kein Mensch, irgendein Stück Ding, das gehalten werden muß, gleichgültig wie.

Und nun kommen Schreie, kleine, klagende, sehr laute Schreie, dann ein Stöhnen, ein Rasseln in der Luft und wieder Schreie. Ihm ist, als müsse er wie jener dort, den die Wärterfigur nur halb verbirgt, stöhnen, rasseln, schreien, sich zuckend dehnen, einen schaumigen Speichel aufs Handtuch träufeln lassen.

(Und dabei ahnst du noch die Augen nicht, diese Augen, die auch einmal gelächelt haben und deren Blick nun ganz weggedreht ist in das wüste Steinchaos eines erlöschenden Hirns, während nur ein müdes, ermüdetes Gelb das zugespitzte Oval erfüllt.)

Nun ist der ganze Saal lebendig, in allen Betten zuckt es, erstorbene Hände kriechen wie Würmer, längst auseinandergefallene Gesichter starren, einer hustet schrill, einer erbricht.

Und der angstvoll nach Ruhe irrende Blick sieht nur die Verzerrungen des Wahnsinns, die längst entmenschten Hüllen einst vielleicht Suchender, er hört Lallworte ...

Und er sieht einen Greisen, dessen Arm unermüdlich zum Deckenlicht deutet, die Hand kreist, der Mund plappert schwerzüngig: »Und der weiße Mond und die helle Sonne, die in meinem Pariser Hotel, in dem ich nur französische Seife ...«

Dort huscht einer auf, schleicht leise in kurzem Hemd zu einem Schlafenden, lüftet die Decke, entblößt ihn, da jagt ihn der Wärter zurück. »Das dürfen Sie nicht, Herr Wetzel!«

Herr! Wie das Antons Hirn trifft! Auch diese sollen sein wie er, sie, die kaum noch die Gesten des Menschen haben, die von einer unbekannten, nie erlebten Resonanzlosigkeit sind. Kaum noch Pflanzen, sondern Traumgewächse, verkümmerte.

Und der Lärm schwillt ab, der Wärter kehrt an seinen Tisch zurück; er schreibt etwas, dreht an einer Uhr. Dann fragend: »Also –?«

Nach einer Weile: »Gut. Gut. Aber Sie müssen bis zur Ablösung warten. Ich darf Sie jetzt nicht hinauslassen. Ich kann hier nicht fort.«

»Und wo bin ich?«

Jener lacht. »Und er fragt noch! Das müssen Sie doch sehen. Irrenanstalt. Abteilung Männer drei. Die unheilbaren, wissen Sie.«

»Richtig. Die Unheilbaren.«

Halbe Heimat

Diese Nacht ist voll seltsamer Träumereien. Den Kopf in die Hand gestützt, läßt Anton zwischen den halb geschlossenen Lidern den Blick über die Bettreihen streichen, sein Ohr lauscht den tiefen, tierhaften Atemzügen der Schlafenden, dem immer wiederkehrenden An- und Abschwellen des Lärms, und ihm scheint, so schlimm sei dies am Ende gar nicht.

Wenn jene ihre wilden Schreie ausstoßen, seltsame Gebärden vollbringen, Redeströme loslassen, so ist es, wie wenn Regen fällt, Schnee stöbert im Nordost –: es ist Natur, und das sich darob krampfende Herz gehört nie den so bald wieder tierhaft unschuldig Schlafenden. Freilich, der Weg in dieses weiße saubere Bett muß schwer sein, aber möglich, daß man ihn nicht schwerer geht als jeden andern. Und wann wäre denn ein Augenblick, innezuhalten und mit Schaudern die Stationen zu betrachten, die ein Weißes, Lebendiges, Atmendes so entkernten? Wann denn? Etwa hier noch –?!

Oh, halte dein Herz fest in Händen! Sieh nur, im gepolsterten Kastenbett hinten tanzt jemand hoch, ein Junger, dessen Schädel, eine knollige Kugel, wie aus sehr hartem Holz gebosselt scheint. Nun stürzen Tränen aus seinen Augen, das junge Gesicht, alt von vielen Furchtfalten, fleht: »Ich kann doch nichts dafür! Ich kann doch nichts dafür! Meine Eltern haben mich immer auf den Kopf geschlagen. Ich kann doch nichts dafür!«

Der Pfleger geht sacht hin. »Maxe, hab nur keine Bange. Dir tut keiner nichts.« Und reicht ihm einen Hampelmann.

Wie das Tränen überströmte Gesicht strahlt! Der zuckende Mund öffnet sich kindlich, rührt sich leise, schreit freudig.

Und der Rückkehrende auf eine Frage: »Ich weiß nicht. Ein Bauernjunge. War wohl immer blöde. Und dann viele Schläge –, der eine verträgt's, der andere nicht. Das ist einmal so.«

Nun wehen große heilige Flügel durch den Saal. Ihr lindes Fächeln senkt deine Lider, und schon siehst du dich in jenem Bett nächtens. Der weiße Deckenmond gießt seinen milchigen Schimmer auf dich. Du hast dich aufgerichtet, im stillen beruhigten Atmen um dich hat sich etwas gerührt, in dir, und über die dunkle Schlucht deines Herzens gebeugt, spähest du.

Und jetzt – oh, es ist vielleicht Spanne einer Zeit, die keine Uhr mißt – siehst du den Weg bis hier, an seinen Rändern blühen überstaubt deine verschwendete Liebe, deine Pläne von Arbeit, Glück und Ruhm. Sie wuchsen, um zu verstauben, ohne Frucht, und kein Wind wehte auf den Stempel deines Herzens goldstaubigen Pollen.

Und da begreifst du die kolossalische Verzweiflung jenes zuerst gehörten Schreis, der allein noch laut in dir werden kann – denn wo wären Worte für dies? – und der in sich als ein Motiv die ganze traurige Melodie deines Lebens zusammenfaßt.

Dich hat bestochen diese spiegelnde Weiße, die geschäftliche, unsentimentale Art des Pflegers, dieses tiefe Schlafen, in dem kein Traum sich mehr rührt. Ginge dein Weg in dieses Bett über Gras und Blumen, nichts wäre dir abgenommen –: in eine Sekunde reißt sich Chaos zusammen und gebiert den Schrei.

Und in diesem Schrei liegt alles: die erloschenen Feuerstätten deiner Jugend glimmen noch einmal auf, alle Hoffnungslosigkeit stäubt als feingefrorener Schnee eines Wintertages vom grauen Himmel, und die flehend gespreizte Hand fleht um nichts mehr.

Aber die Sonne geht ihre Bahn, Menschen lachen, die Blumen blühen, die feuchte grüne Welt duftet, und sanfte Kälber schnobern sich tief in den Klee – du nur allein ...

Halbe Heimat meintest du?

Nichts wird geschenkt und gar nichts genommen, und wohl kann es sein, daß du den ganzen schweren Weg mühselig gehst und als »leichtes« Ende dir solch Bett bereitet steht.

Und solch Schrei.

Fort, nur zu ihr ...

Heller dämmert es durch die Scheiben. Anton spürt den Blick des Wärters, den prüfenden, er fragt: »Wann ist Ihre Wache zu Ende?«

»Um sechs.«

»Und dann kann ich gehen, nicht wahr?«

»Ja, sehen Sie ... Sie dürfen mir das nicht übelnehmen ... Sie könnten ja aus einer andern Abteilung durchgegangen sein ... Unsereines muß sich vorsehen, nicht?«

»Ja ... aber ...«

»Und da ist es schon besser, Sie warten, bis die Visite kommt.«

»Die Visite?«

»Die Ärzte, ja.«

»Und das ist?«

»Um neun.«

»Und jetzt?«

»Halb fünf.«

»Ja. Ja ...«

 

Tut es weh, innen? Du begreifst, wärest du einer von jenen dunklen Männern am Marktplatz, er hätte dich ohne Bedenken fortgelassen. Du aber bist ein Fragwürdiger. Jedes Gefühl gleitet, und nichts gilt länger als einen Augenblick.

Du bewertest dich am Ende selber nicht anders?

Ah, siehst du, da liegt es: wer sollte dich voll und rund in den Kauf nehmen, da du dich selber für so fragwürdig hältst. Glaubst du andern mehr? Meinst du, daß sie klüger, besser sind als du? Nein, das meinst du nicht. Weniger nicht als dich selbst bezweifelst du die andern. Aber, das weißt du, sie bezweifeln sich selbst nicht, und einander glauben sie ihren Wert vollkommen.

Oder wäre auch das ein Spiel, ein abgekartetes? Prüfe dies scharf, ganz scharf. Erinnerst du dich, wenn der Onkel Otto, der Superintendentenonkel, den Rektor etwa auf dem Markt traf? Ging dann jenes Augurenlächeln neben dem achtungsvoll ernsten Gruß einher?

Nein – du atmest auf –, sie glauben einander; sie gingen zugrunde, müßten sie an sich, am eigenen Vorzug zweifeln. Selbstzersetzung, das ist noch dein Hausererbtes, dein Mitgebrachtes. Oder dein Gewinnst?

 

Sein Geist entflieht ganz rasch. Nach allen Seiten tun sich Konsequenzen auf, und war richtig, was er eben dachte, mußten ihn all jene hassen. Ihr Feind war er.

Er hatte geglaubt, das wenigstens würden sie gewähren, ihn ungehindert seines eigenen Weges ziehen lassen. Aber nun schien es unmöglich. Sie werden den Feind in ihm wittern, Jagd wird auf ihn angesagt, jetzt da er noch weiß ist, wieviel mehr noch dann, wenn er Schmach und Schuld – nach jenen Satzungen – auf sich lud. (Und das würde geschehen, bald schon, er ahnte es.) Sie würden ihn einkesseln, und die letzte Demütigung, vor jene hinzuknien und Irrtum reuig zu bekennen, würde ihn kaum aus dem Gefängnis ins Irrenhaus helfen.

Und wirst du wirklich eines Tages entlassen, so bist du gestempelt, und es währt nicht lange, so drücken sie dich tiefer. Sie haben es nicht einmal nötig, »ungerecht« zu sein, da du so »unrichtig« bist.

Sei wie ich, lieber Bruder, sonst bin ich dein Feind.

Bete wie ich, Bruder, sonst muß ich dich schlagen.

Aber du betrügst mich ja, liebster Bruder, du achtest mich nicht so hoch wie ich dich; darum mußt du – zwar blutet mein Herz – jetzt sterben!

 

Er macht eine rasche Geste durch die Luft, grimassiert, schneidet den imaginären Bonzen eine Fratze.

»Ihr seid zu dumm. Einfach zu dumm. Eine Schande wäre es – aber eine Schande für mich! –, ließet ihr mich unbehelligt meinen Weg gehen. Wie –? Ich bin euer Feind, will euch verachten und erwarte Duldung von euch? Ihr sollt mich hassen, mich verfolgen, einkesseln: hinstürzend will ich noch auf mein Gesicht jenes Lächeln reißen, das euch sagen soll: euer Sieg Niederlage, nichts Endgültiges gewonnen, vergossenes Blut, selig fließendes Empörerblut!

Aber ich werde allein sein! Keiner an meiner Seite. Allen Mut muß ich aus dem eigenen Herzen nehmen, das nur zu gut weiß, wie schwach es ist. Meine Hände – sieh doch diese schwachen gebrechlichen Hände! Und mein Auge, das vor jenem Blick stets abirrt. Wie soll ich mich gegen sie behaupten?«

Langsam, zweiflerisch: »Werde ich am Ende nicht doch die Knie der Eltern umklammern und Verzeihung erflehen? Ich ahne, man tut viel, um nicht frieren und hungern zu müssen, mehr noch, um nicht von allen, allen verachtet zu sein.«

Lange sah er vor sich hin, sinnend. Dann nahm er die Hände zusammen, der Abglanz eines schönsten Lächelns zog wolkenhaft still über sein Antlitz, sein Herz jubelte voll Andacht.

»Aber ich habe sie ja vergessen! Gerda! Ich hatte dich vergessen. Du bist an meiner Seite. Du bist mein Mut. Deine selige weiße Gestalt weht mir als freudigster Wimpel voran. Was ich zweifelnd, tastend, ewig den Weg verlierend und wiederfindend mir erdenken muß, du hast es im Blut, jeder Kuß sagt es, und die Gebärde, mit der du im Menschengedränge der Bahnhofshalle die Schultern an dich zogst, als fröstelte dich, spricht mehr gegen die Bürger und Wahreres als mein ganzes Sein ...«

 

Eine zarte Geste begann er, als wollte er umarmen. Unvermittelt trifft ihn der Blick des Pflegers; er fängt die gleitende Hand ein, sie streicht über die Stirn, der Blick senkt sich suchend, er fragt: »Der dort ... was fehlt ihm?«

Der andere läßt nur langsam das Gesicht seines Gegenübers los, zögernd folgt er dem deutenden Arm, sieht gleichgültig auf den weißen und rosigen Greis, dessen kreisende Hand neu zum Deckenlicht weist, dessen stolpernde Zunge wieder von französischer Seife und Pariser Hotels endlos geschachtelte Relativsätze baut, er antwortet: »Der alte Professor? Paralyse.«

›Paralyse‹, denkt der Kleine, ›Auflösung also. Dafür ist er alt genug.‹

»Gehirnerweichung«, setzt der andere hinzu.

»Und woher kommt es?«

»Bei den meisten von der Lues.«

»Und woher kommt die?«

Nun lächelt der Wärter wieder. Nein, dieser Kleine ist doch wohl noch nie in Anstalten gewesen, sonst wüßte er ... Freilich, man lieferte hier Männer ein, ältere, im letzten Stadium der unbegreiflich vernachlässigten Krankheit, die kaum mehr wußten ...

Dieser kleine Behutsame hier soll wissen.

Und er berichtet, deckt den Greis auf, weist eiternde Wunden, zerfressenes Glied ...

 

Seltsamer Weg, fern, fernab von allem, was dich betrifft. Einmal horchst du auf, Toni, wie der Biedere das Wort »Hurerei« braucht, einen kleinen Augenblick ist es, als wolle eine ganz große Angst in dir sich erheben, aber ein klarer dunkler Blick sieht dich an, ein kühler fester Leib umschlingt dich: verflogen.

»Hurerei« – und du lächelst. Deutsche Literaturstunde. Lessing: »Minna von Barnhelm«. Wieder macht Just den Vorschlag, des Wirts Tochter zur Hure zu machen.

Alle Jungenherzen zucken einen Augenblick. Ihr Atem steht still.

Werden sie erfahren –?

Keine Besorgnis. So tief sind wir noch nicht gesunken, daß ein staatlich angestellter Literaturlehrer Knaben Erfahrungen am eigenen Leibe ersparte. (»Sie mag's ja spüren, die Bande, wenn sie so sittenlos ist!«)

»Eine Hure ist ein unanständiges Frauenzimmer. Eine weitere Erklärung werden Sie mir erlassen.«

Wie wundervoll war zu träumen über solchen Worten! Unanständig, das war ein gesteigertes und auf das Körperliche spezialisiertes Ungezogensein, und nun hatte man herrlich auf der Straße nach einer Frau, »einem Frauenzimmer«, zu suchen, der so etwas zuzutrauen wäre. Nur – man fand keine.

Und wie herrlich grotesk solch ein Wort war: Hure! Der reinste Bonbon! Die unanständigsten Worte waren eigentlich die nettesten.

Und nun sagte gar der Pfleger eine ganze Musterkollektion solcher Worte auf, gutmütig warnte er den Kleinen vor den anderen Krankheiten: Gonorrhöe oder Tripper, der weiche Schanker ... »Jeden kann es treffen. Nicht leichtnehmen, nur nicht auf die leichte Achsel nehmen, so was!«

»Nein, nein, natürlich nicht«, sagt Anton und wendet das Gesicht zur Wand, damit jener sein Lächeln nicht sieht.

 

Der sorgliche Pfleger ist entschwunden, an seine Stelle ist eine ganze Schar Blauweißjacken getreten, der glänzende Boden wird noch glänzender gebohnt, die Betten aufgeschüttelt, die Fenster geöffnet. Nun steht ein grauer Frühtag im Saal, alles ist unvermittelt grau, trübe, trostlos. In diesem Licht begreift's sich, wie schlimm es sein muß, hier zu liegen, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, bis der Sarg kommt mit der Nummer, das Grab – und dann? Ruhe hoffentlich. Keine Seligkeit kann größer sein als völlige Ruhe.

Aber in all die Geschäftigkeit der Pfleger klingt immer wieder der Ruf: »Stationspfleger, warum ist der neue Kranke noch nicht eingekleidet?«

Tuscheln dann, deuten, der zum zehnten Male gegebene Bericht, immer widerspenstiger gegeben, da nichts, aber gar nichts geschieht. Und die Unmöglichkeit zu rauchen. Und das Nichtaufstehendürfen vom Stuhl, da auf diesem Glanzwichseboden nur die Herren Ärzte in Schuhen schreiten dürfen, alles andere in Pantoffeln. Dieses Beglotztwerden!

»Wie zähe die Stunden sickern! Unser Zug ist längst fort. Wo ist sie? Was tut sie? Werde ich sie erreichen? Und wo? Ah, wäre ich erst bei ihr! Noch kommen die Ärzte, und ein falsches Wort, ein unrichtiger Ton, ich bin verraten, ich komme nie mehr zu ihr.«

Er schreckt auf.

Da sind sie! Zwei in weißen Mänteln, ein Stab von Pflegern darum. Halt an jedem Bett. Worte, rasch gesprochen. Näherkommen. Jener Lange dort, mit dem hohen schmalen Schädel und dem Assessorengesicht, ist der Oberste sichtlich. Und hört ihn je näher, je hörbarere, strengere Anordnungen treffen, sichtlich unnötige, wie die Mienen des Stabes verraten.

›Ah! Du hast ein Publikum. In dem kleinen Fremden, dessen Morgengruß du zu beachten für nicht nötig hieltst. Wir spielen uns ein wenig auf, nicht wahr? Es ist so schön befehlen zu können, wenn unten dumpf einer glotzt!‹

»Und wen haben wir denn hier?«

Anton verbeugt sich. Das Bewußtsein, beschmutzte Kleidung zu tragen, läßt die Verbeugung schwungvoller werden als beabsichtigt.

Der Dicke, der Oberpfleger tituliert wird, murmelt etwas. Der lange Bemantelte nickt. »Ja so, ich erinnere mich. – Richtig! Sagen Sie mal, wie sind Sie denn eigentlich über die Mauer gekommen?«

»Rübergeklettert. Übrigens war es keine Mauer, sondern ein Drahtzaun.«

»Zaun oder Mauer. Das ist ganz gleich. Aber man klettert doch nicht so ohne weiteres über fremde Mauern –?«

Beifälliges, gehorsames Schmunzeln im Kreis.

»Oder haben Sie geglaubt, es sei Ihre Mauer?«

Schmunzeln gesteigert.

»Ja, wie ist das nun? Was meinen Sie? Wie war das eigentlich?«

»Aber jener Herr dort erzählte Ihnen eben ...«

»Der Oberpfleger? O ja! Doch ich möchte von Ihnen –«

Und nach drei Sätzen des Berichts, herrlich gütig: »Selbstverständlich können Sie gehen ... Ich werde einen Pfleger anweisen ... Ein anderes Mal ...«

Und schon ist der Arzt beim nächsten, dem Epileptiker. Eine erloschene Stimme flüstert, die Antwort klingt: »Ob Sie noch Aussicht haben, gesund zu werden? Aber das wäre ja schrecklich, Ihnen alle Hoffnung zu nehmen! Natürlich sollen Sie hoffen ... natürlich ...«

»O du Häßlicher!« stammelt der Kleine, »o du Biest!«

Marsch

Das Tor fiel zu. Einmal noch wendet er sich: besonnt in einem frühen, tastenden Licht liegen die Häuser dorten. Vergessen, was war. Fröhlicher Marsch zwischen Alleebäumen, indes noch jeder Grashalm leise unter Tautropfen und Winden schwankt.

Wie singen diese blauen aufgeräumten, fröhlichen Himmel! Dies ist Gehen nicht, sondern Gleiten, hemmungsloses. Nicht ziellos ist der wilde, frohgemute Schrei der Sehnsucht, den er nun, abstreichend, ausstößt, sondern das kleine, zärtliche Herz der Hübschlerin ist's, dem die Sehne des Verlangens ihn zuschleudert.

Anders – o wie anders! – jener Marsch dort hinten aus einem mondlichtblauen Ingegarten in die Wirrsal einer gefürchteten Stadt, wo ein unbegreifliches Wesen lebte, das alle Formen in ihm zerbrach. Nun ist ihr Atem getrunken, und dieser sacht im Laub sich vertändelnde Morgenwind kann nicht halb so köstlich sein wie er. Als sie ihre schwarzen Haare in dein Gesicht stürzte, als dein zärtlicher und verliebter Biß jenen unsagbaren Geschmack spürte, der aus Duft, Trockenheit und Glanz bestand, da war alles bisher Erlebte aufgehoben und Einsamkeit abseits gestellt.

Wie freundlich, wie gesellig sind Straßen! Wie gütig Rasenwangen der Gräben! Aus Bäumen und Himmel fällt in dein Ohr Frucht und Frucht sommerlichen Vogelliedes, und spannst du die Arme, umspannst du – nichts und die ganze Welt.

Auch jenes geliebte Herz.

Jenes? Du meinst, ein Herz gefunden zu haben, das ganz dir gehört?

Horche auf deines! Wohin spielt es, in jedem Augenblick an Blüten, Gelächter, Münder, Trübsinn, Blicke verschenkt –? Wie oft sank deine Seele nieder unter der nicht zu bewältigenden Fülle des Andrängenden, sank, und dein Herz floß fort im vom Abendstern wehenden Wind –?

Nun glaubst du an ein anderes, das deines sei?

Es ist deines – und es fließt dahin, fliegt dahin, ein fröhlicher, ein betrübter Vogel. In jedem sachten Wind. Jedem Wolkenverdunkeln.

 

Er setzte sich an seinen Tisch im Wartesaal. Ein Abglanz wie von Sonne umleuchtete die schmale Stirne.

»Sie wird kommen«, sprach es in ihm. »Denn ich liebe ein Herz. Sie muß kommen.«

Das Sandfarbene

Lachend, noch warm vom Sommermittag draußen, betraten sie das Zimmer ihres Absteigehotels. Aber das Dumpfe fing sie sofort ein. Kaum versuchte sie noch im Spiegel das Ende ihres vergnügten Lächelns zu betrachten, es war schon fort wie der letzte Ton der rasch abgebrochenen Melodie, die er pfiff. Umsonst tastete die Hand an den Stores, das Dreieck Straße, dem Ausblick nun offen, leugnet den Sommer, ist grau und trübe wie das Zimmer auch.

Ist es der Spiegel, dieser matte Spiegel, der hinterm Glase wie verstaubt ist, der nicht die Ekstasen behalten hat, sondern die traumlos tiefen Ermattungen, nicht das lachende Eintreten nächtens, sondern das haßstumme Auseinandergehen am Morgen, nicht die an Wange geschmiegte Wange, sondern die Zuckungen kranker Körper – ist es der Spiegel?

Ist es die verstaubte Eleganz? Die Überdeutlichkeit der aufgeschlagenen, schon neugerichteten Betten? Sind es die draußen in der Küche, die Wirtinnen, die Dienstmädchen, die Schlumpen?

Nichts ... nichts ... nichts ... schwere, trübe Geschöpfe von unten ... häßliche Seelen, dumpfe ...

(Aber sei es, daß ihr einen Schritt tut, zögernd, das eine Bein vors andere, euer Gesicht ist gesenkt –: da ahnt man in den Schatten die Schatten nie gesehener Wälder, und ein plötzlich kindhaft verzogener Mund scheint ein törichtes und so überaus weises Warum zu flüstern ...

Ja. Sehr wohl schwere, trübe Geschöpfe. Sehr wohl.)

Trübe ... grau ... trübe ...

»O! Pack aus! Pack doch aus! Ich muß sehen, wie es mir steht. Dort im Laden, das war gar nichts. Hier in aller Ruhe ...«

Er bückt sich, öffnet den Karton. Das Seidenpapier schlägt auseinander. Er hebt das Kleid hoch, und sie betrachtet dieses Leichte aus meersandfarbener Seide, um dessen Rand eine breite stumpfschwarze Stickerei läuft.

Sie lobt: »Wie geschickt du das Kleid hältst! Der erste Mann, der ein Kleid anfassen kann. Zu lieb, Kurt, es mir zu schenken.«

Sie schnellt hoch vom Sessel. »Es muß vorzüglich zu meinem Haar und Teint stehen. Was meinst du?«

Aber schon weiter, ohne Antwort zu hören, streift sie ihr Kleid ab, steht vorm Spiegel, dreht sich lächelnd, greift zum neuen – .

Da läßt er es fallen. Sie sieht den starren, besinnungslosen Ausdruck seiner Augen, den sie gut, nur zu gut kennt, sie fühlt sich umschlungen, um ihre Brüste greift es starr, sie ist hochgehoben, sie schreit: »Ich will nicht! Nein, das ist ekelhaft! Ich will nicht! Du bist gemein.«

Sie taumeln gegen das Bett, sie fallen, sein Atem streicht über ihre Lider, seine Wange streift ihren Mund, er reißt an ihrer Wäsche – .

Da – und es rieseln schnell, klingend und freudig viele Melodien in ihrem Blute –, da beißt sie zu, fest hinein in dieses Wangenfleisch ...: sie fühlt ihre Zähne aufeinander.

Und den knirschenden Jubel erfüllten Hasses.

Er brüllt kurz auf. Stille. Stöhnt. Sie bekommt einen Stoß. Fällt. Es wird grau, schwarz, schneller schwarz, tiefer schwarz, nun lehnt sie sich ganz zurück – Gott, wie weit man sich doch zurücklehnen kann, ohne zu fallen! -, aber nun fällt sie doch, endlos – – –.

 

Es rieselt. Es plätschert. Sie blinzelt: gebückt steht er am Waschtisch, wäscht sich. Sie starrt zu ihm hinüber, fühlt einen süßfaden, eklen Geschmack, tastet mit dem Finger nach der Lippe, sieht ihn gerötet. Sie erinnert sich.

Er dreht sich um. Das Taschentuch gegen die Wange gedrückt: »Was für ein Vieh du bist! Ist so was erhört ...«

»Sagen Sie gefälligst, wenn Sie etwas wollen. Aber so eine Dame zu überfallen ...«

»Dame! Eure verdammten Manieren! Aber ich werde es dir austreiben. Perverses Vieh! Ich gehe zur Polizei.«

»Oh bitte! Aber recht bald, ja? Denn Ihre Anwesenheit hier, wissen Sie ...«

»Daß du es weißt, in Leipzig bist du unmöglich. Meine Freunde ...«

»Was ich mir daraus ...«

»Also ...«

»Bitte!«

 

Unter dem Schließen der Tür jubelt sie: »Das Kleid hat er dagelassen! Eine Angst hatte ich, er würde daran denken!«

Abschließend: »Sicherheitshalber. Sonst kommt er noch einmal, weil es ihm einfiel ...«

Das Kleid in der Hand: »Es ist fabelhaft schön. Am besten muß es an der See aussehen. Gegen das blaue Wasser. An der See! Ich wollte dorthin ... Soll ich allein ...?«

Sie zaudert, betrachtet das Kleid wieder: »Entschieden muß ich es an der See tragen. Nur dort paßt es hin. Ich werde reisen, mit oder ohne ihn ...

Also ohne ihn.«

Wartesaal

Er hebt den Kopf: sie tritt ein.

Und er lächelt jenes Lächeln, um das er so lange gewußt hat. Sein Lächeln.

Sie geht auf ihn zu, leicht, schnell, sie senkt den Kopf, sie faßt seine Hand.

»Toni!«

»Gerda!«

»Wie ich dich liebe!«

»Wie ich dich liebe!«

(Lacht nicht. Ich bitte euch, lacht nicht!

Nie können wir wahrhaftiger sein als diese jetzt. Wir erliegen. Wir zweifeln. Wir sind ganz unten. Wir belügen uns, andere. Wir sind ganz falsch. Aber daß wir einmal, in einer kurzen Sekunde, aus unserm tiefsten Herzen sagen können: »Wie ich dich liebe!« -, das ist unser einziges Glück, unser wahrster Stolz.)

»Wie ich dich liebe!«

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