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Anton und Gerda

Hans Fallada: Anton und Gerda - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleAnton und Gerda
publisherGünter Caspar
year
printrun
isbn
editorGünter Caspar
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
created20170823
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Zweites Buch

Auftakt

Fülle dein Herz, Schwacher, mit der klarsten Quelle des Entschlusses. Male, Feigling, die Bilder des Damals in Grau und in Schwarz, zeichne die Morgen dir so hell, wie kaum dieser Morgen ist, dessen Sonne sich strahlend über dem Firmamente erhebt. Krampfe die Hände, singe du, pfeife drei Töne – alles nichts.

Der Ansturm deines Entschlusses wird ermatten und das Feuer deines Vorhabens in der alltagsgrauen Luft zu Asche zerfallen.

Du willst gut sein, etwa?

Du möchtest nie mehr lügen, nie mehr dein Herz verraten?

Denke doch schon an die Müdigkeit deiner Füße. Kaum ist es Mittag geworden und die Stadt, die du erstrebst, liegt noch weit. Was? Du zauderst? Dir kommen Bedenken? Wieder murmelst du wie einstens: »Ich bin nichts. Ich kann nichts. Und doch will ich von allem mich lossagen ...?«

Nicht wie einstens! Damals murmelte aus dem Geborgenen seines Zimmers der Geborgene solche Worte. Nun bist du frei und das ans Blaue verlorene Lied der Lerche scheint dir sicherer als das Ziel deines Fußes.

Bedenke auch die Dörfer. Auf sandigen Feldwegen umholst du sie in weitem Bogen, den Gendarm meidend, der dich fangen könnte. Grollt dein Stolz deiner Furcht? Du möchtest nie mehr dein Herz betrügen?

Armer du, Armer ... Ich sehe Wege und grade sind sie nicht, ich höre Gelübde und gehalten werden sie nicht, von Liebe spricht man und eine Sekunde ist es, ein Beil blinkt – wer sollte da Glauben glauben?

Heimkunft

In diesen Straßen spielte er als Kind. Dies war nahe, vertraut, heimlich. Dies alles hieß einst Vaterstadt.

Zu hell brennen die Laternen, keines Torwegs Dunkel ist dunkel genug, dem Vorbeigeher des Flüchtlings Antlitz zu bergen. Dort der Hund! Anbellen wird er ihn, sich in die Hose verbeißen, wie jener Dorfhund tat, die Leute werden herbeiströmen, Fenster geöffnet, und auf dem Fahrdamm steht im Blickziel aller der, den die Heimat verstieß.

Ihn schaudert. Ihm ist heiß. »Nur nicht krank werden«, bittet er, »nur jetzt nicht krank werden!« War Kranksein früher schlimm? Nun ist ihm kein Bett bereitet, und niemand wird sein, der ihn pflegt.

O mattes Herz, das du mehr Mut haben mußtest, als dir zu tragen gegeben war. Müder Kopf du, der du nicht einmal ihr Bild ... stille! Stille!

Die Klinke gibt nicht nach, und die Tür ist verschlossen. Welche Zeit mag es sein in dieser Nacht des Schreckens? Früh noch. Wohl kaum zwölf Uhr, und bis zum Morgengrauen hast du zu warten, bis sie kommt. Wie kannst du warten? Wie noch die Last der Stunden ertragen, deren jede notbedrängter ist als dein ganzes Leben bisher, bis du vor ihr ...

Und da ist es, das Große:

»Wieder bin ich begnadet mit dem Anstrahl des Hellen.«

»Holde, du! Holdeste! In die Schwärze meines Kummers, in den Eiter meiner Verzweiflung warf Gott die lichte Gelöstheit deines Bildes. Einmal in all diesen Tagen wehte dein Gesicht durch meinen Traum. Nun sehe ich es wieder. Hatte ich geglaubt, es sei dunkel? Hell ist es, und der Mond, den ich gestern über Gartenbäumen sah, ist dunkel gegen dieses dein Gesicht. Ich rieche sie, oh, ich rieche wieder die köstliche Frische deines Hauches, deine Lippen bewegen sich wieder, so ungeahnt langsam und willkürlich, wie ein träumendes Tier langsam und willkürlich die Pfote hebt und niedersetzt. Ich habe dich! Ich halte dich! Du bist mein! Träge ist mein Blut ohne dich und das Sausen des Windes tonlos ohne den Einklang deiner Stimme. Gerda, du Liebste, ich bin bei dir ...«

Nacht, Nebel, kühler Stein, aber das benedeiende Herz des Knaben strahlt über von der Helligkeit seiner Erschautheiten. Glanz ... Liebe ...

Wiedersehen

Vielleicht hat ein Engel vor ihm seine strahlende Hand auf diese Klinke gelegt und hat den häßlichen Treppenflur mit seinem Glanze erfüllt, denn nun ist der Weg frei, Wartens Ende kam, und der froh hinaufsteigt, ist Anton.

Hier war es. Blechernen Klang gibt die Klingel, hallt nach, als wolle sie lange noch rufen, und ist plötzlich still. Er lauscht auf den Ton. Nein, damals haben sie nicht geklingelt, sie schloß auf, aber dann später der Arzt, die Eltern, der Freund: jedesmal schrillte in seine Fieberträume dieser Klang, schrillte und brach ab.

Noch einmal läutet er und lauscht. Stille bleibt. Das Ohr geneigt gegen das nur geahnte Getäfel horcht er und vernimmt – nichts.

Doch! Nun ist ihm, als höre er ein Atmen, leise und fein, drinnen, dort drinnen von ihrem Bett her. Sie schläft. Ihr müder Kopf ruht seitlich auf dem Kissen, und die Flechten ihrer Haare sind um ihn gebreitet wie ein strahlender Fächer.

Sie schläft. Störe sie nicht. Welche Stunde wäre dies, Eintritt zu fordern bei ihr, da durch ihren tagmüden Kopf heitere Gestalten vielleicht wandeln und der Druck eines Lebens leicht gemacht wurde diesen so jungen Schultern? Welche Stunde wäre dies?

Hocke dich immer beiseit auf den Fußteppich; so, das Haupt gegen die Wand gelehnt, das Bündel auf den frierenden Füßen, magst du immer der Stunde entgegenwarten, da du dein junges Leben mit einem ganzen Schicksal ihr hinbreiten wirst und sprechen: es ist dein.

Keine Verwechselung. Erkenntnis wuchs in dir. Schon kannst du nicht mehr sprechen: es ist dein, ohne zu wissen, daß dies ebensogut heißt: sei mein.

Geben, das heißt Nehmen, dieses erkanntest du. Und sich ganz verschenken, das heißt nichts, wie ein anderes ganz für sich fordern.

Er sieht es noch in idealischer Ebene, abstrakt; er ahnt noch nichts von den tausend Opfern, die das enge Zweisein fordert. Schenke dich nur fort – alles Gegebene ist rückzunehmen, und glücklich bist du, wenn deine Wage sich zum Schluß in englischer Schwebe hält.

Sie schläft ...

Ihm verdämmert alles, eine köstliche Kühle steigt in sein erhitztes Hirn; scheint es nicht, als sei sie bei ihm?

Langsam breiten sich Gedanken wie Blumen aus, wie große weiße Blütenblätter, die auf den kühlen Teichen schwimmen. Wie wird es sein, wenn ich spreche? Mit welcher Gebärde werde ich mich hinbreiten? Wird wiederum ein Blick alles entscheiden?

Stille, mein Herz, sie schläft ...

Nun ist der Horizont rot geworden und der Schlaf dicht wie das letzte Reusennetz um den Fisch. Glocken läuten, vor dem Fenster im Gras spielen zwei Kinder, eine helle Frau tritt ein, sie neigt sich zu ihm, lächelt und flüstert: »Mittag!«

Der Schläfer bewegt das Haupt. Seine kalte Hand streicht über das Gesicht, und eine Ahnung von Wirklichkeit bringt dieses Streifen in die gleitende Helle seiner Träumerei.

Er fährt auf. Etwas hat sich gerührt, draußen, drinnen, und da er die Augen aufreißt, ist das ganze Leben, dem er entschlüpfte, wieder da: das kalte, zugige Treppenhaus, die Fußmatte, die klebrige Ölwand im Rücken und die Kälte und die Starrheit und das Warten.

Horch doch! Es ist ihre Stimme.

Er will sprechen, rufen, pochen, da hört er Worte zu ihr, langsam gesprochene, und es ist die Stimme eines andern.

›Sei still du. Sie schläft ...‹

Verwachse mit der Wand, Wahnsinniger, schmiege dich ein, werde Stein. Nun geht die Tür auf, und die Schande, so gewartet zu haben, liegt auf dir allein. Welche Träume! O welche Träume ... Werde doch Mörtel, du, Kalkbewurf, Öl. Willst du ihnen dein blödes Gesicht hinhalten, und die Angst so vieler Stunden ihrem ...

Ein Lichtschein tastet hinaus.

Beiseite, du!

»Ich komme noch mit und schließe die Tür auf.«

Gott, hast du je gedacht, daß es diese Stimme gibt! Sie ist viel süßer als in deinen Träumen und so selbstverständlich wie der Wind. Gib, daß ich immer diese Stimme hören darf, und ich will kein Opfer scheuen. Laß mich nie ihren Klang vergessen, nein, laß sie immer in meinem Ohr sein.

Und es geschieht, daß er die Hände der Rückkehrenden faßt und nur fleht: »Nimm es an.«

Letzter Rundgang

»Es scheint unfaßbar: hier ist ein Zimmer, für mich da, ich gehe auf und ab, ich rauche – nichts habe ich mehr zu tun. Keine Wünsche mehr. Keine Erwartungen. Keine Ziele. Ich habe ein ganzes Leben vor mir, und es ist schon, als sei alles fertig. Nur noch zu leben habe ich, nichts mehr zu tun. Einfach fertig. Und ich bin glücklich ...«

»Was ist, Gerda? Woher kommst du?«

»Du mußt fort, Liebster! Sie suchen dich.«

Er fühlt an der seinen die atmende Weiche ihrer Brust. Diese Mädelglieder strömen über von einer ungeahnten, verwirrenden Wärme, die in ihm hochsteigt, Schläfen und Wangen mit Blut übergießt. Die Hand zittert, die ihren Nacken streifte, und noch, als er neben ihr die Treppe hinabhuscht, auf den Hof läuft, durch andere Häuser, andere Höfe, weiß er nicht, was geschieht. Erst auf der Straße fragt er: »Wohin gehen wir? Was ist?«

»Zum Bahnhof. Du mußt vorausfahren, allein.«

»Wohin?«

»Nach Leipzig. Dort finde ich Stellung. Ich komme dir nach. Wirst du warten können?«

Er nickt, hört nicht mehr das Geplauder Gerdas. Die großen Städte, deren Sausen in seine Träumerei klang, gestern noch fern und unerreichbar, nun wird er sie betreten. Nun plötzlich ist sein Leben weit geworden wie die ganze Welt, und die's ihm zuträgt, ist jene, die er liebt. Er kann sich kaum diese zärtliche Gestalt denken, in dem Dahinstrom Gleichgültiger, eine Welle von Liebe schwellt sein Herz und fragen muß er, zu ihr geneigt: »Du, warst du auch schon in Berlin?«

Sie wendet das Gesicht schräg aufwärts zu ihm. Die Sonne steht hinter dem Profil und ihr Glanz umgoldet seinen stumpfen Umriß. Sie bewegt die Lippen, und in einem Übervoll von Entzücken hört er ihre Stimme, läutend von weither: »O du hörst gar nicht auf das, was ich sage! Du wirst in Moskau landen, ich sehe es schon.«

»Sag doch, warst du auch in Berlin?«

»Aber ja, Dummer! Ich habe in Berlin doch gearbeitet.«

Ach so, sie hat in Berlin gearbeitet. Er sieht sie hinter der Theke sitzen, schwatzvertraut, trunkvertraut, und sein bürgerliches Herz sträubt sich dagegen, daß man auch dieses Arbeit nennt. Es sträubt sich, aber zugleich regt sich ein Neid auf dieses Leben, das sich an so viele ausgibt: wieviel frisches Lachen in die weit geöffneten, dampfenden Münder von Trinkern gelacht! Wieviel Gesten, kleine, behutsame, streut solch duckender Körper in einer Minute aus, deren Geist – und dieses muß die stärkste Inkarnation des Frauengeistes sein, deucht ihm –, deren Geist ungenossen verdampft, wie die kleinen Lachen um die Füße der Schnapsgläser ihren Geist verdampfen.

Den Aufblickenden trifft letzter Sonnenstrahl, in den Büschen am Postamt rascheln die Vögel, und jene sagt mit einem Aufatmen: »Der Bahnhof!«

›Ach, die Gerda liebten, kann ich vergessen, mehr, sie sind schön, die ihr Herz an sie werfen und verschönen auch sie. Aber die andern, die vielen, dieser endlose Marsch grauer unkenntlicher Gestalten durch eine Wüste, zwischen denen ungeachtet und unerkannt das liebliche Manna ihres Wesens niederfiel, diese andern sind nicht zu verzeihen. Vergessen kann man sie – auf Zeit, aber in den Stunden, da man am tiefsten liebt, wird man daran denken, um den Hals welches Betrunkenen dieser allzu geliebte Arm sich das letzte Mal schlang ...!‹

»Ist es zu spät, du?«

»Der Zug ist fort. Erst um elf Uhr nachts fahrt der nächste. Und jener Sipo sieht uns so an. Komm, mach schnell.«

»Du bildest es dir ein, du! Selbst hier ist es keine große Sache, daß ein Professorensohn ausriß. Wer sollte uns kennen?«

»Wenn ich es dir sage! Wer kennt mich hier nicht! Aber sie sollen es wagen! Ich habe Freunde hier, die mich beschützen, die gegen jede ...« Stutzend, den Finger am Mundwinkel. »Freilich, dich nicht! Ich hatte es ganz vergessen ... Wie verändert alles ist. Ich habe jemanden, für den ich sorgen muß, der allein von mir abhängt. Alles verließest du um meinetwillen. Ist es dir schwer geworden, Tonerl, bereust du es auch?«

»Wie du fragst! Nie war ich so glücklich ...«

»Still! Man soll es nicht sagen. Man läßt auch einen Spiegel nicht fallen. – Laß uns langsamer gehen, ich kann kaum mehr atmen. Wie schnell wir gelaufen sind! Meine Knie waren ganz leicht, und doch klopfte mein Herz so ... das war die Angst. Fühle nur. – O du faßt mich so sanft an, am Zufassen merke ich, daß du der erste bist, der mich liebt.«

Sie senkte den Kopf, sie träumte: »Als Kleine glaubte ich immer, irgendwo müsse eine leben, grade wie ich, grade die Eltern wie ich, grade den Namen wie ich, mit meinen Haaren, meinen Augen, meiner Brust, alles grade wie ich, aber jene ist eine Prinzessin, immer hat sie reine Wäsche, jeden Tag kann sie baden, die Nägel pflegen und immer gut sein; sie braucht nie böse zu sein, nie zu lügen, keinem Schlechtes zu tun ...«

Sie sah vor sich in eine imaginäre Welt: hell und lächelnd wandelte dort die Gestalt der reineren Schwester.

Aber er: »Du bist sie selbst, die Prinzessin. Du bist gut.«

»Sprich nicht. Du weißt nichts. Aber du wirst es lernen müssen, einmal. Auch du wirst leiden ..., und ich bin es dann ... Wie alles verändert ist!«

Sie gingen still, schlendernd, hielten sich jedes leicht hinein in das fließende Leben des andern an der Seite da und spürten die seltsam fremde Wärme aus der Vermischung zweier so ferne erwachsener Existenzen aufsteigen. Noch mischten sie sich kaum. Leichter als Rehe wechselten Gefühle und Gedanken des einen über den lebendigen Waldboden des andern, und bei fremder Idee dachte jedes: »Ich forme dich schon ...«

Sie begann neu: »Nein laß, in die Stadt dürfen wir nicht. Einer könnte uns sehen, wir wären erkannt, und schon risse man uns auseinander wie damals, als du krank warst.«

»Jetzt bin ich gesund, und sie können uns nicht trennen.«

»Glaubst du es –?« Sie betrachtete ihn. »Du siehst aus, als glaubtest du es. Wie wenig mußt du erlebt haben, daß du es noch glaubst. Natürlich würden sie uns trennen. Und wir würden uns fügen ..., wir würden uns beide fügen.«

»Nein, schweig still. Sieh, jetzt sind wir auf den Wallanlagen. Irgendwo dort links muß euer Haus liegen. Nein, schau nicht hin ...«

»Aber es ist dunkel.«

»Vielleicht ist in ein Fenster eine Lampe gesetzt, die dich rufen soll, die dich erinnern soll. So etwas gibt es. Sieh nicht hin. Ein Fenster ist ein Auge und ein Auge ist ein Befehl.«

Ihre Stimme verlor sich mit dem Wind, der durch das Blattwerk der Bäume strich. Einmal glaubte er sie noch murmeln zu hören: »Es hilft nichts. Alles hilft zu nichts.« Aber es konnte auch die Stimme seines eigenen Herzens sein, das erschauerte.

Später: »Um diese Stunden ist der Wall leer. Alles sitzt zu Haus und ißt. Ich finde das dumm. Wie schön, hier allein herumzuwandern und nicht zu essen, wenn's alle tun. Nur die Kinder schweifen umher mit ihren Lampions. Hörst du, wie sie singen.«

Sie standen still, lauschten und schauten. Überall in Busch- und Baumgewirr tanzten und torkelten die roten und goldenen Kugeln, und endlos sangen nah und fern die Kinder das alte Laternenlied, von dem Worte an ihr Ohr wehten: »Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne ... wenn der Hauptmann kommt, wenn der Hauptmann kommt ... Mamselling, kümm een beten dal ... Aal, Aal, Aal«, und endlos wiederholt: »Aal ... Aal ... Aal ...«

Und am Ende sitzen sie auf der Bastion, drunten im Nebel fließt die nur geahnte Warnow dem Meere zu, dessen Nähe sie schmecken.

Sie neigt sich plötzlich zu ihm. »Ich liebe dich! Ich liebe dich!«

Wie den Wind oben in den Bäumen fühlt er den Wind ihrer Worte. Unten das Wandern des Wassers, vom Nebel verhüllt, ist wie das Ziehen und Wandern ihrer Leidenschaft, das nur dieser blasse Leib, dieses verdämmernde Gesicht hindern, in das Meer eines Allgefühls zu münden.

Und nun, im grauen Verstreichen einer Meer- und Landweite, im zögernden Vorüberwandern von Schatten, im fernen trägen Sausen der Kleinstadt, über die längst der nachblutende Abend niedersank, begann sie in sein Ohr die Geschichte ihrer Kindheit zu flüstern, die ewige, törichte Kleinmädchengeschichte, die seinen Ohren süß war, weil sie ihnen neu war, und die einen nicht vergeßbaren Schimmer durch die unverbrauchte Frische ihrer Glieder, den Zusprung ihrer Sprache und das erste tränenweiche Verdunkeln ihrer Augen erhielt.

Das erste – denn hier zum ersten Mal in einem Leben, das, mit Menschen bevölkert, so menschenleer war wie keine Wüste, öffnete sich das junge Herz der Bäckerstochter aus Lebus und sprach zum jungen Herzen. Hier fiel von ihr ab auch die letzte noch jener Kokottenmanieren, deren Erwerbung Trachten einer Jugend gewesen, und was ausklang und sich öffnete, war das Herz eines Kindes, das auf jedem Ideal noch besteht. Hier ist sie wahr, hier glaubt sie. Hier spricht sie es aus, dies: »Und denke dir ...«

»Wie bei mir! Grad wie bei mir!«

Und sie: »Auch du, hast auch du gelitten? Aber damals ...«

Der aus dem engsten Bürgerheim, die aus der Hefeluft einer moralteigüberfütterten Triebhaftigkeit – sie hatten in dieser Stunde dieselben Schicksale erlitten, dieselben Schmerzen geschmeckt, wie nun auch ihre Tränen, die in dieser Nachtstunde über ihre Gesichter rannen, die gleichen waren.

Trenne dich, du! Reiße dich von ihr! Eure Hände übertasten noch einmal die so nahen Gesichter, deren allerletzten Schimmer die Nacht nahm, und mit einem wollüstigen Erschauern fühlen sie in den Fingerspitzen eines des andern tränengeschwollene Kontur. Heute sind diese Formen mild zueinander. Sie dulden es, wenn ein Finger in die Braue fährt, an die Nase unbeholfen anstößt. Schnuppernde Katzen auf erster Nachtfahrt! Jagd! Seid Wild! Werft euch auf jeden Schatten!

»Ich habe Angst du, so allein zu fahren. Komm gleich mit.«

»Lieber, ich komme ja nach. In drei Tagen schon, in zweien vielleicht. Nein, bestimmt!« Sie warf sich an ihn. »Geh, geh, mein Süßes. Immer denke ich an dich.«

Sie taumeln, sie löst sich von ihm. »Geh«, sagt sie sanft. Und noch einmal: »Geh – bitte geh.«

Da er: »Aber ich habe kein Reisegeld.«

Kleinmädchengeschichte

Hättest du zehn Jahre einsam auf einer Insel gelebt und ein Mensch käme zu dir, sein Gesicht vor dich zu tragen, seine Geschichte dir zu erzählen, er trüge das Gesicht eines Engels und seine Stimme wäre dir sanfter als der warme sachte Wind vor Abend in den Palmwedeln.

Dumpfes Leben, mit den tausend toten Leerläufen des Alltags, in das plötzlich sich, lockenschüttelnd, von gebogenen Maienreisern überhöht, das lachende Frühlingsantlitz der Liebe hebt. Belächelte Liebe, holder, früh erlernter Wahnsinn dieses Daseins, du allein entrückst uns wahrhaft, und dem ödesten Tun noch haucht das Gedenken an dein Antlitz den freudigen Rhythmus einer Feiertagswelt ein. Siehe nur! Wir waren stumm, und was wir an Worten zu den Quellen unsrer Insel Einsam sprachen, was wir zu den Tieren murmelten, den Papageien und den rotmäuligen, goldenäugigen Fischen und zu der Blume etwa gar: alles ist stumm gewesen.

Aber eine Stunde kommt, da der Wind in den Palmenfächern verstummt, noch tropfen die Quellen silbern, nun sind auch sie still, und hinter den verschrobenen Umrissen der Bananen aus dem samtigen Dunkel her spricht unendlich süß eine kleine Mädchenstimme.

Ah! Du lauschest, du Blasierter! Du sankest neben dem Quell auf die geöffnete Erde nieder, deine Ziegenfelle fielen von dir ab, und deine erste, einzige, allein einer Mädchenstimme zugestoßene Nacktheit war dir gerade recht so. Über deinem Haupt ahntest du die so oft taub geschaute Herrlichkeit der aufblühenden Sterne, fühltest unter deinen Knien das Samenkorn sich regen, und alles war schön um jener silbernen kleinen Mädchenstimme willen, die aus dem Dunkel heraus direkt in deine Brust sprach. Zum ersten Male hörtest du wirklich. Das kürzeste Zögern vor einem Wort machte dein Herz vor Angst springen, und der Nachhall eines sanften Beiworts beugte deinen Nacken tiefer.

Wußtest du schon in dieser Stunde, daß dieses Glück zu groß war, als daß man ganz glücklich hätte sein dürfen? Ahnte es dir schon da, daß die schrankenlos von einem Erfülltsein Beglückten dumm sind, da sie sich im Später solch stumpfer, unbedingter Hingabe werden schämen müssen?

Bäckerstochter aus Lebus, Paukersproß du aus Rostock – warum liebt euch mein Herz so? Ist es darum, weil ich schon das unendlich trostlose und einsame Schluchzen höre, das eure Kehlen schwellen wird? Weil ich euch dieses eine Mal in eurer angstvollen, jungen, rasenden, den Dummen gestohlenen Liebe lächeln sehe, dieses eine Mal lächeln und nie mehr.

Am Ende angelangt, werdet ihr vielleicht innehalten, zurückschauen und um diese Stunde wissen. Und fühlen, daß ihr um dieser einen Stunde willen lebtet. Fühlen – ja? O vielleicht. O sehr vielleicht!

Noch aber spricht die silberne Stimme der Einen, und das vierzehnte Kind des Meisters erzählt im Dunkel ihrem Geliebten die Wege ihres Werdens. Kleine Genäschige du, aufgewachsen in dem überfüllten Schlafzimmer, das voll ist von den Gerüchen, den Wünschen, den Lüsternheiten und den Zoten der Heranwachsenden, den nie ermüdenden Begierden des dürren gelenkigen Vaters, dem stöhnenden Dickwerden der Mutter. Welche herrlichen, schamfremden Kämpfe zwischen Brüdern und Schwestern des Morgens um das Nachtgeschirr. Welches Beglupschen abends der werdenden Glieder, da nicht ein unterm Arm, am Schamteil wachsendes Härchen, keine kommende Brust den Witzen der Geschwister entgeht. Junge Tiere, freche ...

Aber die Spiele draußen, diese wilden, lärmenden, endlosen Spiele, denen erst die viel zu frühe Mondsichel, das rasche Fallen der Nacht ein Ende machen. Diese Jagden über die abgeernteten Felder, diese träge glimmenden, rauchigen Kartoffelfeuer, diese Träumereien in grünen Wasserlöchern auf Feldern, diese Kämpfe im Schnee und dies stürmende Schlittschuhlaufen gegen einen schneidenden Nordost über die dröhnenden, klingenden, singenden, dröhnenden Seen!

Wie kam es doch, daß diese kleine Wilde von vierzehn Jahren, diese noch nicht Konfirmierte, dieser Liebling des Vaters, der damals noch Elfriede hieß, – wie kam es doch, daß dieses kleine wilde Biest eines Tages einfach verschwunden war aus Lebus mit der Ladenkasse, und erst viel später wieder gefunden ward in Rostock bei einer durchaus nicht zweifelhaften Frau, der man sie entriß, um sie dem Elternheim wieder zuzustellen –? Wie kam es doch?

Der rückträumende Fahrer auf der Eisenbahn fragt es sich umsonst. Dies ist ihm Rätsel und bleibt es, und seine junge, kaum aufgeschnappte Weisheit von Vererbung, von Instinkten, gegen die nichts hilft, schien ihm ebenso dunkel wie das Rätsel selbst.

Doch die silberne Stimme spricht von neuem in das taktmäßige Schüttern des Waggons, der Huschefilm ihres geliebten Lebens tanzt über die Rote-Kreuz-Plakate, über die Bad-Elster-Preisungen an der Gegenwand. Seine Augen schmerzen, sein Hirn ist müde, aber die zwingende Gewalt der Bilder reißt ihn fort, denn in ihnen allen ist sie, sie, dieses geliebte Ding, das sein Herz beben macht.

Er sieht sie heimkommen, vom bekümmerten Vater verprügelt, von der weinenden Mutter unbeachtet (»oh, wäre sie doch tot! Wäre sie lieber tot!«), von den Geschwistern beglotzt wie eine, auf deren Leib plötzlich ein fürchterliches Mal aufglühen wird.

Aber – und sie lachte hell – sie war dieselbe geblieben wie früher, der Wildfang, die Stürmische, die Genäschige, die Leckere mit den kätzchenhaften Gliedern und der Unschuldsblume des Auges, – so sehr dieselbe geblieben, daß die andern vergessen mußten, was geschehen: diesem Ding war's nicht zu glauben. Jagte sie denn nicht wie vorher über Stoppel und Graben, zündete Kartoffelfeuer an, knuffte die Buben, vergaß immer die weiße Schürze und hatte ewig eine rabenschwarze Zauselocke in der Stirn?

So wurde sie, die sie gewesen, die Stromerin in allen Gassen, die windschnelle Nichtstuerin, Liebling des Vaters, Verzug der Mutter, und höchstens, wenn ihr einer, den sie gar zu sehr gepeinigt, das Hurenwort ins Gesicht warf, sah sie ihn bübisch mit ihren leuchtenden Augen an, bläkte die Zunge, machte einen Knicks: »Grade schön!«

Einzige Erinnerung an jenes Vierteljahr in der Stadt blieb die Weigerung des Pastors, sie zu konfirmieren. Sie sei moralisch noch nicht reif, sittlich noch nicht gefestigt genug. »Der dumme Kerl! Was er wollte! Gott hätte mich schon konfirmiert. Und nun bin ich's gar nicht.«

»Gar nicht?«

Nein, sie war nicht konfirmiert worden. Plötzlich, alles schien den andern so gut, war sie wieder verschwunden.

Er fragt: »Aber warum? Ich verstehe nicht ...«

Und sie: »Ich weiß nicht. Nur so.«

»Aber du mußt Gründe gehabt haben.«

»Gründe –? Ich erinnere mich nicht.«

Dieses Mal fand man sie schneller, da man wußte, wo sie zu suchen, und dieses Mal kam sie nicht wieder nach Hause, sondern in ein Magdalenenheim.

»War es schlimm?«

»Schlimm? Nein. Aber eklig, man mußte so dumm lügen, sollte bereuen. Und dann die Feldarbeit ... ich und Feldarbeit, die zu Haus nicht einmal Unkraut hacken wollte. Man müßte dort etwas lernen, was einem Spaß macht: Hüte garnieren oder schöne Kleider aus schönen Stoffen machen. Aber so – es war mir zu eklig. Und darum riß ich einfach aus.«

»Ging es denn?«

»Natürlich ging es. Wenn man fest glaubt, daß man schöner ist als alle andern, erreicht man alles. Und ich war damals so jung. Kaum sechzehn. Wenn man jung ist und das viele Trinken noch nicht gelernt hat, ist es leicht, schön zu sein. – Du bist schön!«

Und nun wurde ihr Leben undeutlich, ein unbestimmtes Auf und Ab, voll von Männern, die kamen, bei ihr verweilten, sie weiterreichten. Sie unterschied ihre Gesichter nicht mehr. Ein endloser grauer Zug hatte seine Glut in diese kleine Schale ergossen, die dieselbe blieb mit ihrem Lachen, ihrer Behendigkeit, ihrem Anschmiegen, ihrem Snobismus, ihrer Verachtung gegen schlechter Gestellte, ihrem Neid gegen besitzende Kolleginnen. Diese Kolleginnen – oh, sie hatte keine vergessen, und heute noch wußte sie's mit der alten Empörung, daß die blonde Agnes Rotwein auf ihr weißes Kleid gegossen hatte, bloß weil sie eifersüchtig war auf den ... »Wie hieß er doch?«

(Was war zu sprechen zu diesem Leben von einem behüteten Lehrerssohn: »Du? Auch du? Auch du hast dies gefühlt? Dieses erlitten?«

Ach, war es am Ende nichts weiter, was er dort Verwandtes fand, als das Handelnmüssen und Nicht-Wissen-Warum? Dieses fand er vielleicht: Wünsche zu haben im Blut, für sie leiden zu müssen und kein Ziel zu wissen und kein Warum.

Und er sagte: »Du? Auch du?«)

Nein, sie war nicht ins Magdalenenheim zurückgekommen. Ihre Freunde hatten sie davor bewahrt. Sie hatte so viele, so gute. Und sicher war sie von dem einen und andern geliebt worden, wie nur die Kenntnisreiche geliebt wird. Aber die brünstigen Schreie der Leidenschaft, die letzten Liebkosungen und die Schwärmereien waren an ihr vorübergeflogen wie ein Wind, der kaum die Wangen rötet. Sie hatte nichts zurückbehalten aus ihnen als das Fehlen jedweder unwissenden Lüsternheit und die Klugheit einer Frau, die weiß, was sie gibt, wenn sie sich zum ersten Male wahrhaft gibt. Hier, bei ihr fand sich jene äußerste Liebe, die grenzenlos ist, weil sie die Grenzen aller im Zirkel ihres Daseins bestehenden Dinge nur zu wohl erkannt hat, und hier war es, daß die Kokotte ihrem ersten Geliebten die äußerste Keuschheit mit dem wollüstigen Beben eines letzten Wissens zubrachte.

Er sah sie ihm entgegenkommen aus dem Dunkel. Ihre silberne Stimme war verklungen, die Nacht über seinem Haupte war schwärzer geworden, aber jetzt, da sie die Arme um seinen Hals schlang, meinte er, daß unaufhörliche Kreisen der weißen Funkelsterne dort oben in seinem Blute zu fühlen. Jetzt, da der Geruch ihres Haares ihn umhüllte als ein dichter Mantel, aus dem nur die jubelnden Zimbelschläge eines frohen Frühlingsparfüms von ihrer Brust hervorjauchzten, schien ihm dieser Duft das Endliche zu sein, das Endgültige, das nie zu Vergessende, für das sein Leben einzig geschaffen war.

Und ein ungeheures Glücksgefühl erhöhte ihn. Dies, dies mit aller Süße und allem Beiwegelang und Ungefähr ward nur einmal erlebt und nur von Einem. Er begnadet und Er auserwählt.

Er hob den Blick. In den Ecken des trübe beleuchteten Abteils schwankten schlafende Gestalten. Ihre bebarteten Gesichter waren entfärbt oder überrötet, aus dem Haargewirr liefen wüste Falten, und ihre kahlen oder angeklebten Scheitel waren so künstlich und sündhaft wie nur noch ihre abgenutzten Hände mit den verschliffenen Nägeln.

»Nein! Nein! Diese haben nie so etwas erlebt. Sie haben überhaupt nichts erlebt. Ihre Tage waren voll von kleinen geschäftigen Regungen, und wenn sie gütig waren einmal, so nur darum, weil sie die andern gütig gegen sich wollten.«

Einer regte sich ächzend im Schlaf, schien sprechen zu wollen, sein Glas, am Bande, rutschte von der Nase, fiel.

»Aber wie –?« fragte der Wache. »Wohin bin ich entführt? Habe ich denn nicht erkannt, daß wir alle Brüder seien, und Demut vonnöten? Schon sehe ich mich vom Ziele entfernt. Blicke ich euch an, so kann ich nicht glauben, was ich doch erkannte. Ich muß die Augen schließen, ich will euch heraufträumen, was ihr damals wart, als ihr jung wart und jenes eine Gefühl empfandet, um das ihr lebt.«

»Ich will glauben.«

Der Zug rauschte. Der Zug donnerte. Der Träumer träumte nicht, er schlief.

»Berlin!«

Die Zeitung

»Wie klein dieses Zimmer ist – eine Qual! Nicht einmal auf und ab gehen kann man. Und durch das Fenster nichts wie Dächer, Schornsteine, eine Brandmauer. Sah ich daheim hinaus, waren doch die Baumwipfel da, bald kahl, bald belaubt, und der Himmel darüber. Man hörte die Kinder singen: Lanterne ... Lanterne ... Hier lärmt ewig die Hotelglocke.«

»Wie lange dauert das nun bereits? Laß uns rechnen, Anton. Nein, laß es sein, denn seit du zum ersten Male rechnetest, ist kaum Zeit verflossen, immer noch sind es sechseinhalb Tage, beinahe sieben. Und keine Nachricht von ihr ...«

»Ich kann ihr nicht schreiben. Meine Handschrift würde erkannt, der Brief geöffnet, und morgen schon wäre der Befehl hier, mich zu fangen und heimzubringen. Welche Heimkehr.«

»Und was hätte es schließlich für Zweck, ihr zu schreiben, die doch weiß, daß ich auf sie warte, kläglich warte, versagend warte ... Daß sie kommen muß ... muß ... muß! Auch dies hilft nicht mehr. Hundertmal habe ich ihr dieses Muß zugerufen, sie hört nicht. Sie will nicht hören! Wer sollte ihren Liebesschwüren trauen?«

»Nein, jetzt habe ich gelogen; sie hat es ehrlich gemeint, sie hat geglaubt. Aber – wie lange? Habe ich denn je geglaubt, ich verdiene solche Liebe? Als wir uns trennten, als der Schmerz des Abschieds mich ganz durchkrampfte, war ich nicht ganz innen ein wenig froh, daß sie nun Zeit haben würde, über mich nachzudenken? Nun hat sie entdeckt, daß ich nichts bin wie ein zu sentimentaler Junge, mäßig begabt, schlecht gepflegt, schlecht gekleidet und nicht einmal hübsch. Sicher!«

»Diese Lage ist unhaltbar. Ich kann hier nicht bis in alle Ewigkeit warten, schon, weil das Geld zu Ende ist. Ich dachte heute mittag zu sparen, als ich im Hotel aß. Man hätte es auf die Rechnung setzen können, die später bezahlt werden wird, irgendwie. Aber dieser verdammte Kellner lief mir nach und rief laut: ›Das Mittagessen muß sofort bezahlt werden, mein Herr.‹ Alle sahen auf mich.«

»Ich hasse diese Kellner, die so unfaßbar lächeln, die sich über mich lustig machen, weil sie genau wissen, daß ich ein Entlaufener bin und mehr noch: ein Gefallener. Und weil sie mich verachten, verachte ich mich selbst und bin feige. Aber am schlimmsten ist der glatte Lächler unten in der Loge, der so höflich jedesmal sagt, ehe ich noch ansetzen kann: ›Nein, es hat niemand nach Ihnen gefragt, mein Herr.‹ Ich weiß wohl, daß er den Grad meines Erschreckens und Wankens abmißt, und im rechten Augenblick wird er Faktura geben. Und – ich habe noch fünf Mark!«

»Ruhmreiche Heimkehr! Ich werde den Mantel auseinanderschlagen, mit Hoheit werde ich sprechen: Ich bin nicht der Verworfene, der ich scheine. Ich bin der Professorensohn Färber aus Rostock, gebt mir Reisegeld. Meine Alten blechen alles. Ich werde heimkehren, ich werde studieren. So sehr im Dreck werde ich mit dem Erlebten noch protzen. Wie sie glotzen werden, die andern! Und selbst der Dandy Schütt wird nichts gegen mich sein!«

»Laß das! Es ist beinahe so schlimm wie das Spielen mit dem Gedanken an diese Elster- und Pleißegräben. Man tut es doch nicht. Von Dutzend Einbrüchen in Warnow und Wallgraben weiß ich zur Genüge, wie man schreit ... schreit ... schreit ..., sich bis zum Äußersten wehrt.«

»So – nun werde ich dem höflichen Portier trotzen, auf den Bahnhof gehen, den Sechsuhrzug abwarten, den Rostocker Anzeiger lesen. Wenn dieser Portier nicht wäre ...«

»Ach was, wenn es zu schlimm kommt, habe ich noch diese Karte, die sie mir gab. Laß sehen: ›Elfriede Loo‹, und darunter gekritzelt: ›Sagt gut.‹ Aber viel sagt diese Karte! Elfriede Loo, wahrhaftig. Dort hieß sie Gerda Danier. Was meint die Polizei dazu?«

»Und ich soll sie nur dem Portier geben. Keinesfalls dem Kellner oder Geschäftsführer. Oh, ich habe neulich wohl den Blick gesehen, den im Corso jene Blonde dem Ober zuwarf, er eröffnete mir manches.«

»Gehen wir!«

»Nein, ich werde diese Karte nicht brauchen, lieber mein Sohntum aufzeigen. Ich will diesem Kerl nicht auch noch die Chance geben, mich völlig bespucken zu dürfen.«

»Es ging über Erwarten gut. Der Boy in der Drehtür muß mich verwechselt haben: er machte mir eine tiefe Verbeugung. Übrigens ist es noch viel zu früh für den Zug. Ich werde im Wartesaal ein Bayerisch trinken und den heimatlichen Langeweiler lesen. Seien wir üppig!«

»Und da hätten wir ... da hätten wir ... das wäre ... es kann kein Zweifel bestehen ... ich bin gemeint!«

Anton! Mutti schwer krank. Kehre zurück. Alles vergeben.

A. F.

»Ja, das ist so, was man die offizielle Formel nennt. Mutti schwer krank? Nun schiebt es mich. Nun drängt es. Gehen wir heim. Entschleiern wir uns. Fahren wir!«

Hotelhalle

Hinter der Barre der Portier hantiert in Papieren, blickt auf und beginnt: »Es hat noch niemand –«.

»Würden Sie so liebenswürdig sein, meine Rechnung ...«

»O bitte! Der Herr sind – einen Augenblick, lassen Sie mich nachsehen. Sie sind den sechsten Tag hier. Für Dauergäste wird Rechnung wöchentlich erteilt. Sie werden die Ihre morgen auf dem Zimmer finden.«

»Nein, ich reise heute schon ab.«

»Der Herr reisen heute schon ab. Ich werde dem Oberkellner sofort Bescheid sagen. Soll ich jemand zur Hilfe beim Packen schicken?«

»Nein, niemand zum Packen. Sie wissen sehr gut selbst ... Was soll das! Und nicht der Ober. Ich möchte mit Ihnen direkt ... Es braucht niemand zu wissen – .«

»Ja –?«

»Ich ... ich habe kein Geld.«

Dem Kleinen schien es, als verändere sich dieses höfliche, glattrasierte Gesicht in schrecklicher Weise, als schäume es plötzlich aus jeder Pore von jenem bislang nur geahnten Hohn über. Und ihm, der zitternd hier stand und voll Angst, der, zum ersten Male dem Gehege von Stand und Heim entflohen, die Feindlichkeit, mehr: die gleichgültige Verachtung der Geborgenen zu spüren bekam –, ihm war es, als müsse solche Stunde, einmal durchlebt, weiterschwären als untilgbares eitriges Mal.

Aber das wechselte, und schon war allein der Wunsch in seinem Hirn, krank zu werden auf der Stelle, sehr krank, oder sich hinzuwerfen und brüllend zu schreien, sich durch äußerste Schamlosigkeit vor äußerster Scham zu wehren.

Und auch das verging, und vor ihm war allein dieses glatte höhnische Gesicht, das fragte: »Also kein Geld? Nun, nun, Sie werden schon jemand hier haben, auf den Sie sich berufen können, was?«

»Jemand hier? Nein, ich bin ganz unbekannt, aber –«

»Aber mit den Papieren ist doch wohl alles in Ordnung –?«

»Nein, keine Papiere. Ich bin nämlich von Hause –, hier, bitte lesen Sie diesen Aufruf.«

Er las unerträglich langsam, las wohl dreimal. »Und –? Sind das Sie –?«

Anton nickte, nahm das zurückgereichte Blatt. Bebend: »Danke sehr.«

»Ja, das geht uns nun eigentlich gar nichts an. Wir müssen sehen, daß wir zu unserm Gelde kommen, nicht wahr? Das andere sind Privatsachen.«

»Aber sehen Sie ... Sie müssen mir helfen. Mein Vater bezahlt ja gern alles. Nur daß ich hier fortkomme. Meine Mutter ist krank, Sie haben es ja gelesen ...«

»Was das angeht, das schreiben sie immer in solchen Aufrufen, bloß damit der andre darauf reinfällt. Und was das Geld angeht, da reden Sie am besten mit dem Geschäftsführer.«

»Nein, nicht der Geschäftsführer. Legen Sie das Geld aus, bitte. Ich will Ihnen einen Wechsel geben, meinethalben mit hundert Prozent ...«

»Für Wechsel sind Sie noch viel zu jung. Jetzt rufe ich den Geschäftsführer an –«

»Nein, bitte! Halt! Ich habe hier eine Karte, lesen Sie.«

Stille, lange Stille. Der Kleine blickt nicht auf. Eine höfliche, eine sehr höfliche, ruhige Stimme sagt: »Hätten Sie das doch gleich gesagt. Selbstverständlich ist alles in Ordnung. Und wenn Sie Bargeld brauchen –«

»Nein, danke.« Sein Gesicht verzerrt sich, töten möchte er den andern. Töten!

»Ich bitte!« Und ein Schein schiebt sich über die Barre.

Er aber steigt langsam, mit gekrümmten Schultern, die Stufen hinauf und fühlt, daß die Augen auf seinem Rücken ihn nie so verachten werden wie er sich.

Wirbel

Aber plötzlich entsteht hinter ihm ein Lachen, ein eiliges, dunkles, fröhliches Geschwätz, das elektrische Licht flammt auf, ein Hund blafft, und da er sich langsam umwendet, denkt er: »Alles umsonst! Als ob ich es nicht gewußt hätte! Und doch habe ich mich erniedrigt.«

Sie steht unten, noch hat sie ihn nicht gesehen, sie schwatzt mit dem Portier, über dem Blaufuchs steht schmeichlerisch und höhnend dieses liebe, stolze, eigenwillige Gesicht, und wie in Haß murmelt er: »Ich hätte nie geglaubt, daß sie so schön ist.«

Hinter ihr die beiden Dienstmänner sind angesteckt von dieser Lebendigkeit, sie hantieren ungewöhnlich und überflüssig mit den Koffern, packen Blumensträuße in Sessel. Ein kleiner Pinscher rast wild durch die Halle, blafft, schnuppert, dreht sich rasend im Kreise und springt an ihren Röcken hoch.

Er aber steht oben; leicht nur gewendet, sieht er von der Seite dieses Bild, und nun ist es Bitterkeit, die ihn ätzt, die darüber klagt, daß sein Leben so dumpf, so trübe, so haltlos, so blaß, so un-mutig ist und allen Glanz von jenem dort empfangen soll, das zugreift, bewußt ist, spielt, neckt, tanzt, tändelt, wirklich weint, wirklich jauchzt.

Er hört sie fragen. »Und ist er da? Er? Sieh mich nicht dumm an, Schmidt, du weißt ganz gut ... Was? O da stehst du ja! Warum kommst du nicht? – Nun also. Guten Tag. Was machst du? Gefällt dir Leipzig? Wie siehst du brummig aus! Natürlich böse. Ich habe die ganze Reise gedacht, daß du böse sein wirst, weil ich so spät komme. Aber nun du's wirklich bist, finde ich es schrecklich dumm!«

Leise: »Bitte nicht hier.«

»Grade hier! Meinst du, ich geniere mich vor Schmidt? Ich nicht! Das ist übrigens eine Art Pflegevater von mir, was, Schmidtlein? Also – willst du gut sein?«

»Ja ... ja ...«

»Jaja ist gar nichts. Jaja ist noch weniger als nichts. Wenn du jetzt nicht gleich ein frohes Gesicht machst, tue ich hier vor allen Leuten einen Kniefall –«

»Ich ertrage dies nicht länger.«

»Willst du? Oh, du wirst dich schrecklich genieren, ich kenne dich. Also, hier auf den Knien flehe ich dich an.«

»Portier, ich gehe auf mein Zimmer und bin für niemand zu sprechen.«

›Dies ist die erste Stufe. Ich muß den Fuß sehr hoch heben, alles schwankt so seltsam. Nun das Geländer. Gleich bin ich auf dem Absatz, und sie hat noch nichts gesagt. Alles ist aus!‹

»Anton! Auf Wiedersehen, Anton!«

Eine gebogene Schulter verschwand.

Abend

»Wie habe ich mich demütigen müssen! Was habe ich nicht alles erleiden müssen, ich Armer, seit ich jenen Mondscheingarten verließ und eine süße junge Blonde: Inge! Warum nicht dort bleiben? Ein gewöhnliches Geschick erleben und die kleinen Wiesenblumen in Weiß, Gelb und Rosa pflücken? Schon erkenne ich, daß man nichts wählt, und wenn man am ehesten glaubt, selbst gewählt zu haben, war man nicht einmal ein Erwählter!«

»Unter was für Menschen bin ich geraten? Pflegevater, wahrhaftig! Und Intimstes erörtert vor Dienstmännern in einer Hotelhalle! Ein Herz wird im Krampf öffentlich gezeigt, und daß es sich krampft, ist deren höchste Wonne, daß es sich im Öffentlichen krampft, ihr höchstes Entzücken.«

»Freilich, ich sehe auch die andere Seite. Wohl ahne ich den verkehrten Reiz solches Bildes. Auf der Treppe stand ich, lauschend ... schon gut! Aber ist mir doch, als habe noch ein andrer Anton dort gestanden, an der Drehtür etwa, und mit einem Gemisch von Entzücken und Scham diesem Herzen zugeschaut, das die Schönheit anbetet, an ihrer Unbürgerlichkeit leidet und doch weiß, daß es keine bürgerliche Schönheit gibt. Vielleicht ist es sehr gut so zu leiden, da auf diesem Wege wieder einer jenen verächtlichen sicheren Heimen entgleitet, aber wer dürfte sich rühmen, daß solches ihm leicht sei und daß keine Sehnsucht ihn packe nach der kleinen warmen Erhelltheit solcher Stuben, wo um acht das Bett aufgeschlagen wird und das Bad gewärmt?«

»Dort sitzen nun jene und leiden. Hier dämmert es schon; eben noch warf ein Flug Tauben seiner Flügel Schatten an die graue Wand, nun ist alles noch tiefer grau. Ich mag kein Licht, und auch jene werden kein Licht wollen. Ob sie wirklich krank ist? Wohl ist es möglich, und seltsam eigentlich scheint es, daß selbst dies mich wenig berührt. Wie leicht wäre jetzt ihre Erlösung! Sich aufraffen, auf die Bahn gehen, zu ihnen fahren. Leicht? Lerntest du noch nicht einmal das, daß man selbst zu dieser hübschen Lüge Geld braucht, und von wem wäre Reisegeld zu erhalten, wenn nicht von ihr –?«

»Es ist ganz dunkel. Sie hätte längst nach mir sehen können. Gehe ich nun zu ihr oder erwarte ich sie hier? Ach, das in einer halben Stunde Beschlossene werde ich doch in der nächsten Sekunde umstoßen.«

»Gehen? Bleiben? Reisen?«

Diskorde

Sie tritt ein. Der Hund jagt vor ihren Füßen, verfängt sich in der Sofadecke, überschlägt sich und erschrickt vor dem am Fenster aufgebauten Düstern, das er anblafft.

»Du sitzt im Dunkeln? Das taugt nichts.« Und Licht fällt ein. »Mach dich fertig, wir wollen ausgehen –«

»Ich habe nichts fertig zu machen. Außerdem will ich nicht ausgehen.«

»Dein Anzug ist unmöglich. Gleich morgen müssen wir zu einem Schneider. Du sollst einen richtigen Scheitel tragen, nicht diese wüste Mähne. Auch könntest du mit Rasieren anfangen. Deine Fingernägel –«

»Ah! Du schämst dich meiner. Schön. Schön. – Bitte, lies mittlerweile dies hier.« Er schiebt ihr das Zeitungsblatt zu, geht zum Waschtisch.

»Was soll das? Was willst du damit? Welcher Humbug! Wer fiele darauf herein! Du nicht einmal.«

»Ich bitte dich! Meine Eltern –«

»Laß schon. Ich kenne sie, deine Eltern. Glaubtest du daran, hättest du es dann als Waffe gegen mich benutzt? Du bist grade wie sie, heuchelst ein Gefühl und verlangst daraufhin Opfer.«

Da er zuckt: »Siehst du! Ich wußte es.«

Anders, weicher: »Du hast Baby noch gar nicht angesehen. Fällt dir nichts auf?«

»Nein. Nichts. Ich hatte wahrhaftig –«

»Es ist ein anderer. Den alten mochte ich nicht mehr, seit dein Freund –«

»Nicht mein Freund!«

»Verzeih! Du ahnst nicht, was für Mühe dieser Umtausch gemacht hat. Etwas Echtes sollte es doch sein, daß die andern glotzen! Zwei Tage bin ich umhergelaufen, von Tierarzt zu –«

»Ah, und um diese zwei Tage verspätest du dich, nicht? Jetzt haben wir uns ein wenig verschwatzt. Sonst hätte ich von dringenderen Abhaltungen hören müssen, nicht wahr?«

»Freilich du begreifst nie, daß einem auch ein Hund wichtig sein kann.«

»Vor dem wartenden ...«

»Sage doch: Geliebten. Schämst du dich? Übrigens sehe ich, daß ich noch immer viel zu früh kam. Deine Laune wäre durch Lagern vielleicht doch zu bessern gewesen.«

»Ich wäre fort gewesen. Ich stand im Begriff abzureisen.«

»Ohne Geld –?« Stutzend: »Nein, ich habe das nicht gesagt. Was tun wir? Laß, es hat keinen Sinn! Gehen wir.«

»Du hast es gesagt, und ich vergesse es nicht. Gehen wir!«

 

Später, am Markt, in einem Weinkeller, in einer Nische: »Hier sitzen wir gut. Fast ungesehen und beobachten alle. Jener dort ist der Rechtsanwalt Hönig und dieser kleine Braune ... warte, es fällt mir gleich ein ...«

»Natürlich, ungesehen, das ist die Hauptsache. Du würdest dich schon gerne sehen lassen, aber du schämst dich meiner.«

Leise, die Augen gesenkt: »Laß doch, laß! Muß es so sein? Wir wollen nicht wieder anfangen.«

Aber er, schmerzhaft gequält: »Laß doch, laß – freilich, das klingt schön. Aber du bestreitest es nicht einmal. Natürlich, die herrlich gebügelten Hosen deiner Kavaliere habe ich nicht und auch nicht ihre angeklatschten Scheitel. Was ich hier überhaupt soll?!«

»Ah, du fragst! Warum fragst du nicht, was du bei mir sollst? Du wolltest es fragen, und nur deine Feigheit hielt dich zurück. Nun, schon gut! Wenn du schlecht gekleidet sein, wenn du ungepflegt aussehen willst, es ist deine Sache! Ich sage kein Wort mehr davon. Aber etwas anderes ist es, wenn du mit mir ausgehst. Man kennt mich hier.«

»Man kennt dich hier! Du solltest es nicht so sagen.«

»Nein, du nicht. Bist du verrückt?! Hast du vergessen, wer ich bin? Hast du es nicht vom ersten Abend an gewußt?«

»Nur zu gut! Ich erinnere mich ... Ich wartete einmal vor deiner Tür ...«

»Du erinnerst dich, aber du sagst es als Vorwurf! Du hast alles gewußt, doch bist du mitgekommen und nun wirfst du vor! Wie niedrig das ist, wie sehr jenen dumpfen Heimen entwachsen, wo keine Tat gilt, da immer lügnerischer Vorbehalt bleibt, und jede Liebe nur das Recht zur Unterdrückung ist. Ich –«

Aber er, in sich versunken, vor sich hin, unachtend: ›Wie anders schien alles! Wie anders alles in jenem dunkelnden Park einer Meerluftstadt, in dem statt der Stimme einer Nachtigall die Stimme einer Geliebten und Liebenden losbrach. Dort war Weichheit, Liebe, die Zärtelei gütiger Hände. Hier ...‹

Sie, ganz in ihn sich stürzend, bitter, aber mit einklingendem Flehen um Rückkehr: »Ich schämte mich deiner? Wie du oberflächlich bist! Wirklich? Deiner schämen? Jene Hülle ist es, von jenem Daheim dir angeklatscht, derer ich mich schäme. Dieses ungepflegte Äußere, auf das sie noch stolz sind, da sie meinen, es nicht nötig zu haben ... Bei uns begegnet der Zerlumpte kaum Mißtrauen, nur der ungepflegte Bürger. Der eine will hinauf, wird eines Tages sein wie wir – oder wir eines Tages wie er –, aber der andere bildet sich ein, daß Staub und Schuppen auf seinem Rock, ein schlecht rasiertes Kinn, zerbeulte Hosen eine edle Mißachtung bedeuten. Denke an deinen Vater –«

»Laß das! Ich rate dir.«

»Sei nicht feige! Du denkst dasselbe wie ich, Schlimmeres vielleicht, aber du magst es nur dann nicht, wenn ich es ausspreche.«

»Wie du mich kennst! Wie klug du bist! Wo lerntest du so reden?«

»Spotte nur! Wenn ich auch eine Kokotte bin, ich habe vieles gesehen, über vieles nachgedacht –«

»Den Männern nachgesprochen, meinst du.«

»Recht! – Ja, ich habe immer Freunde gehabt, die mir von ihrem Leben erzählten. Ich habe gehört, ich habe gelernt. Wer sich fern jener Kaste behaupten will, muß ihre Dummheiten ausgelernt haben. Ohne mich kämest du nicht drei Tage weiter.«

»Du irrst ...«

»Ich weiß es. Du weißt es auch. Was hast du heute nachmittag getan?«

»Worauf spielst du an? Ich weiß nicht ...«

»Du weißt schon! Wie er sich wieder schämt! Wohl hat Schmidt Recht gehabt mit seinem Rat, dich laufen zu lassen. Ich habe wohl verstanden, warum du meine Karte erst gabst, als kein Ausweg blieb. Ich scheine eine Dummheit gemacht zu haben, wie?«

Aber jener sah nur vor sich hin, bewegte die Hände, schwieg. Sie, gesteigert: »Du sagst kein Wort? Du schweigst? Aber aus deinem Schweigen soll ich Dutzende von Anklagen hören, nicht wahr? Genau wie vorhin ist es, als du mir immer wieder vorwarfst, ich schämte mich deiner, und nur darum, weil du dich meiner geschämt hattest. Ist es nicht so?«

Er bleibt stumm. Aus dem trüben Chaos seiner Bestürztheit will sich die Bitte um Verzeihung erheben und schwindet wieder, da sie nichts ändern kann. Wenn er die gesenkten Lider hebt, einmal, flüchtig, sieht er die dunklen Augen auf sich gerichtet, und die Stimmungen Anklage, Verachtung, Mitleid gleiten huschend über sie hin, wie Windschauer einen Teich aufrauhen.

»Ich will dir noch mehr sagen, ich kam vorhin ab: wenn du mit jenen ein Geschäft machen willst, mit den Bürgern, so betrügen sie dich immer. Das macht, weil sie nie sagen wollen, was sie meinen. Wenn sie Liebe sagen, so kann es Schweinerei heißen oder Geschäft oder Bemitleidetwerden, aber nie Liebe. Und du bist wie sie. Als ich abends klagte, riefest du: ›Auch du?‹, aber als ich handelte, hast du verurteilt. Du hast von vornherein alles anerkannt, aber nun du einlösen sollst, verleugnest du deine Unterschrift.«

»Wie du redest! Soll ich das sein, von dem du sprichst? Ich erkenne mich nicht. Bist du es, die so spricht? Wo bist du hingegangen?«

»Du erkennst dich nicht? Du machst ein ehrliches Gesicht. Und das ist das Schlimmste bei euch, daß ihr nicht einmal hört, wenn ihr lügt. So tief seid ihr drin. Und darum nie zu fassen. – Nein, es ist schon gut. Du gehörst zu jenen. Dies hat es völlig bewiesen. Ich habe einen Irrtum begangen, aber noch ist es nicht zu spät. – Kellner, zahlen!«

›Was soll das? Wo will sie hin? Ich träume doch nur! Was ist eigentlich geschehen?‹

Und sie, spöttisch: »Aber du wirst Reisegeld brauchen, nicht wahr?«

»Nein, nein, ich ...«

»Aber von mir bekommst du es nicht! Merke dir es doch, Bürgerling, daß es Leihhäuser gibt, in denen man seine goldene Uhr versetzen kann. Man braucht nicht mit Karten von Huren zu Portiers zu gehen.«

»Ich bitte dich ...«

»Laß! – Ober, wieviel macht es? Hier. – Du bleibst wohl noch sitzen, bitte, bemühe dich nicht. Was der Herr verzehrt, geht noch auf meine Rechnung. Guten Abend!«

»Guten Abend!«

›Nun ist sie fort! Aber dies ist ein Mißverständnis, nein, kein Mißverständnis ... Sie hat recht, ich lüge zuviel, ohne es zu merken. Aber ich kann mich ändern! Ich kann mich bessern! Ich will!‹

Auf dem Marktplatz, um sich schauend: ›Sie ist fort! Alles ist aus!‹

Und: ›Was denn eigentlich ist geschehen? Was habe ich denn getan? Ich begreife nichts.‹

Nacht

»Das scheint ein Zimmer zu sein und jenes Hellere dort – Rechteckform – ein Fenster. Es ist Nacht, aber wohl sehe ich den Schatten gegen die Scheiben gelehnt, etwas Gehauchtes gegen das wollige Grauschwarz. Bin ich es, der sich dort spiegelt?«

Eine Stimme tastet: »Bist du wach, Toni? Rührtest du dich nicht?«

Murmelnd: »Weiter träume ich! Ein neuer Traum. Unter Weidenbäumen in leichtem Winde auf einer Rasenböschung entschlafen, kommen nun Traum um Traum, schreckliche und sanfte. Dieser ist sanft, denn die Stimme jener, die mich verließ, klingt aus ihm. Ob ich ihr Gesicht sehen werde – noch einmal?«

»Alles verstehe ich nicht, was du sagst. Du sprichst, als schliefest du noch. Was aber redest du von Traum? Wer hätte dich verlassen, du Böser? Ich bin ein wenig zu spät gekommen, ich weiß, aber willst du darum nicht zu mir kommen? Du darfst nicht böse sein, du weißt nicht –«

»Erlebe ich doppelt? Soll sich die Qual des Abends im Traum erneuern? Einmal war's gut, als der duftende Mond aufging, vorher, seitdem nichts wie Qual.«

»Lauter. Du sprichst ins Dunkel, als seiest du allein. Zu lange warst du es. Es war böse von mir ... trotzdem ...«

»Jene Stimme bricht auf, wie eine Blüte aufbricht. Der ganze Raum ist voll von ihrem sanften Gesang, wie von Resedaduft. Erwachte ich doch nie!«

»Du bist erwacht! Komm doch her zu mir. Nein, bleib –! Hier, diese Hand, fühlst du ihre Wärme? Ist solche Wärme Traum? So, Wange an Wange, Arm bei Arm, laß uns sitzen in dieser Nacht, die unsre erste ist und über allem Traum ...«

»Ja, über allem Traum. Nein, ich will nicht. Ist dies Wachsein, war alles vorher Traum, und wenn es nicht wirklich war, warum solche Qual –?«

»Stille doch. Leise.«

»Wo denn fing es an? Bei jenem Streit? Bei deiner Rückkunft? Unten beim Portier? Auf dem Bahnhof? Alles ist entglitten ... O wie war es? Das Zeitungsblatt! Wo ist es? So sprich doch!«

»Ich verstehe dich nicht, Liebster. Wovon sprichst du?«

»Von der Zeitung! Dem Aufruf der Eltern ... Ach, wenn auch das – Wann bist du gekommen? Sag, wann bist du –?«

»Vor einer Stunde, Toni. Du saßest hier, schliefst ...«

Er saß starr. Erschrocken spürte sie die eisige Kälte eines unbekannten Entsetzens, das seinen Arm überwogte, in den ihren trat.

Ihr war es, als sähe sie trotz aller Nacht, nein, noch gesteigert in ihr, den blinden Ausdruck äußerster Angst, der das Gesicht ihres Freundes klein und weiß machte, diese Flecke Angst, wie ein Stecknadelkopf groß, in seinem Auge; ihr war, als höre sie sein Herz angstvoll flattern, flügelschlagen, vergehen.

»Toni! Liebster.«

Sie tat alle Liebesworte in ihren Mund, aber in diesen Sturm reichte die Tragkraft keines Wortes. Sie rief jene Erinnerungen, die im ungründigen Sand ihres Erlebens eingewurzelt waren wie Bäume, aber ihre Stimme ging klein neben seiner Angst her und reichte nicht hinein.

Da tat sie die köstliche Gebärde jeder Frau: sie nahm das erstarrte Haupt in die Hände, legte es an ihre Brust, fuhr durch sein Haar und sprach sanft: »So weine doch! O so weine doch!«

»Deine Hände gut, deine Stimme gut, du bist sanft! Gerda.«

Zärtliche, entschwindende Holdheit, Streifestimmung der Nacht, seid bedankt!

»So weine doch! O so weine doch ...«

Refrain

»So träume doch, Träumer! O so träu ...«

Noch Nacht, bald Dämmern

Nun löste sie sich, diese Angst eines erschrockenen Herzens, nun strömte der jugendliche Mund über von kleinen trüben Klagen, die forthuschten ins Dunkel, aufgelöst und nicht mehr da. Zwischen ihre tröstenden, liebkosenden Worte, deren tiefer samtiger Klang allein etwas bedeutete, warf er die Gebärden eines irren Schmerzes, die zu deutlich, die übertrieben wurden, da er sie in Worte formte.

Aber seine Brust wurde leichter, sein Herz froher, als er diese Straße hinablief –: oben lag die verbrannte Hochebene seiner Angst, längs des Weges standen erlittene Schmerzen als Bilder der Qual, aber sie wurden selten und seltener, und schon trat sein Fuß den froh grünenden Wiesenteppich gelösten Gefühls, das in einer Liebe mündete.

Dort sitzen sie, es ist Nacht, auf diesem Hotelsofa, wo so viele Begierden gestillt wurden, lehnt er sein Haupt an ihre Brust, seine Hände streicheln den Leib, der ihm entgegenblüht, sein Mund spricht Traum: »Einen blauen Himmel träume ich, Sommersonne. Ein struppiges, weichknochiges Fohlen trendelt über die Weide. Laß uns niederhocken auf dem Kahlschlag. Die Kiefern duften. Kleine Tiere eilen geschäftig. Nun, die Häupter zurückgelehnt, laß uns in Sonne ertrinken. In dir möchte ich ertrinken ...«

»Ja, ja, Liebster. Bald. Gleich. So komm doch.«

»Still, hörst du es nicht? Es ist wie ein kleines Nagen, mein Herz schmerzt so, ich kann nicht mehr ...«

»Doch! Doch! Komm!«

»O laß! Was tust du? Ich will gehen ...«

»Ist die Tür verriegelt –?«

»Ja, aber – o deine Brust! Deine Brust!«

Diese Stunde ist endgültig, nach ihr kann keine mehr sein.

Nun kommen die Wellen gelaufen, die endlosen blauen Dünungen der Hochsee, sie wiegen sich, sie gleiten dahin, es sind andere da, höhere, blauere ...

Süße ungeahnte Wonne du: Umschlingen eines geliebten Leibes!

Wie konnte man je ahnen, daß Arme sich so um einen Nacken legen können? Wie herrlich ist es, all jene eingelernte Scham von sich zu werfen, Nacktsein zu Nacktsein zu tun, eine Wölbung zu streicheln, schmeichelnd die schmiegsame Haut in die Fingerspitzen wachsen zu fühlen, mit dem Mund die Rosenknospe einer Brust zu umschließen und ihr Starrwerden zu spüren, den unnennbaren Geschmack jenes kleinen Tropfens auszuschmücken, den du ihr entsaugtest!

»Herrliche, köstliche Wärme! Da ist der Duft deines Haares, Gerda, Liebste; der unbefriedigte, erregende Geschmack deiner Achsel weckt die Erinnerung an das Tasten, Quälen, das Stammeln der Werdejahre. Er füllt meinen Mund ganz aus, und wieder bin ich Knabe, betrachte rätselnd Bilder nackter Frauen, betaste das Lautgefüge manches Wortes und zittere vor dem Ausschnitt einer Bluse, der, beim Bücken, eine Brust ahnen läßt, die lau sein muß. Welch weiter Weg von damals bis zu dir!«

 

Tiefe dunkle Stimme, in der tausend Freuden, Jubelblumen blühen: »Ich habe dich in mir! Ich habe dich in meinen Bauch zurückgenommen. Du bist mein Kind. Mein Kleines! O ich habe dich in mir!«

 

Später. Ein Mund wandert über einen Arm, rastet in der Beuge, fühlt den verhaltenen Zug nächsten Blutes. »Es ist Feiertag geworden, ein Sonntag. Nun, in deinem Blut, fühle ich das Schwanken vieler hoher, feierlicher Schiffe in einem Hafen. Das Meer sendet ganz sachte Wellen. Von den kreisenden Masten wehen die Wimpel. Du!«

 

Noch später, Leib an Leib, die Arme verschlungen, Wange an Wange, den Körper köstlich müde eingewiegt. »Sieh doch, Liebste, es dämmert. Noch ist alles still. Nur ein Vogel rührt sich, und die da singt, scheint eine Amsel.

Wir sind am Ende. Nun ist mir, als seiest du meine holdeste Schwester, und von allen Wünschen blieb nur jener eine mir: so neben dir zu ruhen, wunschlos, und jene Weiche zu spüren.«

»Du mein Kind!«

»Dein Kind, ja. Aber irgendwie bin ich verändert und ungeheuer gewachsen. Nie wieder darf ich nach diesem mich geringachten. Auch kein anderer darf es, da du mich liebst.«

»Mein Kind du.«

»Ich liebe dich.«

»O du mein Bub, mein süßer!«

Morgen

Du lässest den Blick auf das schlummernde Antlitz der Geliebten gleiten und spürst das rastvolle Verweilen jeder Minute, die jede ohne alle Zukunft ist, da keine schönere aufziehen kann als die weiche Morgenröte dieses Schlaflächelns, das sie lächelt.

Welche Nacht denn vermöchte je wieder so viele Sternenblüten in dein aufgetanes Herz regnen zu lassen wie diese erste? Du fühlst körperlich den stillen Strom jenes ungeheuren Gefühls, der dieses übersonnte Heute von jedem Gestern, jedem möglichen Morgen scheidet und es ungemein macht und nie wieder zu erleben.

Diese Wangen haben Schlaf und Traum von Liebe so leise gerötet, diese lange Wimper scheint zu beben unter dem flüchtigen Streicheln eines Windes, der ganz voll ist von süßen Erinnerungen. Und dieser leicht geöffnete Mund blüht so sanft vor sich hin, als wüßte er nichts von den raschen griffigen Reden des Geldforderns, als habe er nichts gelernt wie den liebeschwingenden Tonfall dieses »Liebster!«, das die Erwachende murmelt.

»Liebste!«

Hast du diese Augen vergessen? Größer und feierlicher kann keine Sonne aufgehen als dieser Blick, der als erstes den Geliebten spiegelt. Wie die Lider rasten, halb verhüllend, sich auftun, und nun spiegelst du dich ganz in diesem Schwarz. Du hast sie gefühlt, die ganze Nacht im Dunkel, sie waren da wie Mondlicht, das schwach durch Wolken leuchtet; nun sind sie ganz da und sprechen: »Liebe! Liebe!«

Und nie wird in deinen Erinnerungen jener Sonnenschein auf einer Brandmauer fehlen, der das ganze Zimmer mit freudigen Schreien füllt, mit dem Wehen von jungem Grün und dem vagen Gefühl von unendlich gestreckten überblühten Wiesen, auf denen überall Gruppen von Laubbäumen wurzeln.

 

»Die Vorhänge wehen im Wind, grade in unser Bad scheint die Sonne, dein Leib ist ganz überzittert von ihren goldenen und silbernen Zeichen, die ständig wechseln. Nun legst du die Hand in den Schoß, das Wasser plätschert leise, dort liegt sie, klug geöffnet, wie spielend, ein fremdes Ding, ein zärtliches. Ich liebe dich.«

»Es ist wie Sommerabend zu Haus. Auf dem Kirchhof werden die Schatten länger, wir sind endlos um die Lebensbäume und Grabsteine gelaufen, nun liegen wir unter den Ulmen am Hang, das rote Ziegeldach taucht aus ihrem Grün, die andern sind fort, wir sind allein: Waldemar, ich.«

»Waldemar?«

»Nicht er. Wir schwatzen, wir lachen, ich necke ihn, er fällt über mich her, wir ringen, kneifen und kratzen, plötzlich will er mich küssen. Es war das erste Mal, daß mich einer küssen wollte ...

Von den Schwestern hatte ich gelernt, das dürfe nich ohne weiteres sein, ich wehrte mich, wurde wütend, er auch. Fing an zu schlagen. Ich weinte, flehte, er schlug und schlug.

Und plötzlich kam Petta aus den Büschen, sie hatte gelauscht, nun kam sie hervor und schrie, sie habe alles gesehen, wir hätten uns geküßt, und noch mehr, ich hätte ihn zwischen die Beine gefaßt, und sie wolle es Lehrer, Pastor und Eltern ...

Es war eine Lüge. Waldemar stand verbast, aber ich sprang auf und schalt sie Lügnerin. Da griff ich sie, wir fielen gleich hin. Erst schlug ich besinnungslos drein, aber dann merkte ich, daß sie sich nicht wehrte – regungslos lag sie da, und ich spürte ihre Hand, die zwischen meinen Schenkeln kroch wie ein kleines gieriges schmeichelndes Tier ...

Plötzlich brausten die Bienen ganz laut in den Linden, daß mir schwindlig wurde, alles sauste, und ich sah ihren Mund, einen schmalen Mund, der sich leise bewegte, und ich küßte ihn, küßte ihn lange ...«

Nach langem Schweigen lächelte sie, mit einem bösen Lächeln, das ihm weh tut. »Petta hieß und rothaarig war sie. Ganz weiße, weiche Haut und rothaarig, du verstehst?«

»Ah, rothaarig –?«

»Sage nicht Ah! Du verstehst nichts, du weißt nichts. Noch heute ist es so: rothaarige Frauen regen mich auf. Wenn sie mich ansehen, kommt der Schwindel von damals wieder, ich höre die Bienen tosend in den Linden summen, und ich möchte die Rothaarige küssen.

Aber ich habe Angst davor, schreckliche Angst. Es ist nie wieder geschehen, aber ich weiß – nein, es wird auch nie wieder geschehen.«

Nachdenklich: »Petta allein habe ich geliebt.«

Sie faßte in seine Haare: »Schnell aus dem Bad, Fauler. Das Wasser ist kalt und sicher ist es schrecklich spät.«

Eine Stimme fragt: »Wer ist das?«

(Eine Stimme fragt: »Wer ist das?«)

Mittag ... doch bald Dämmerung

Welch fröhliche Stadt! Wie wehen die weißen Kleider der Mädchen! Wie geschäftig sie sind! Wie sie eilen! Gewiß ahnt ein jedes nahe sein Glück und trägt ihm als Gabe den aufbrechenden Granatapfel eines Lächelns zu.

»Welch ein Glück, an deiner Seite, an deinem Arm zu gehen!

Sicher müssen am Himmel über dieser heiteren Siedlung stets wie nun die aufgepufften Federwölkchen stehen; hinter jeder Straßenbiegung ahne ich jene grünen und hellen Parks, deren Baumwerk und Gesträuch im Tanzschritt zu einem klaren, rasch fließenden Wasser hinabwandeln.

Ich schwärme? Nein, warte noch. Wir sind alle gut, wir ziehen in die Parks, auf die grünen Wiesen streuen sich die Blumen eurer Gesichter, Leiber und Kleider, wir beten die Sonne, die Fruchtbarkeit, die ganze gedankenlose rührende Güte an, und unsere endlich erfüllten Wünsche werfen sich als steile Sterne in die dunklen Himmel unsers Gefühls.

Ich schwärmte? O, ich will schwärmen, ich muß es. Jene Taxameteruhr mit ihrem Schnapp-Schnapp, das die Zeit zerlegt, ist nicht nötig, mir zu sagen, daß das eben gespürte Gefühl schon vorbei ist, daß alle Gegenwart schon Vergangenheit ist und immer war, und daß ich, der ich jetzt spreche, schon ein anderer bin wie der, der das Gesprochene erdachte. Wie ein Sickern ist es vor meinem Ohr, ein kleines betäubendes Sickern, und jenes Mädchen, das vorhin so fröhlich vorbeistrich, weint vielleicht schon. Wann werden wir weinen?

Nein, sage nichts. Wer war der Herr, der dich eben grüßte –? Sprich nicht, still. Er ist der vierte bereits, und alle sehen sie gleich aus: dunkel, sehr männlich, bartlos, ihr entfärbtes Gesicht scheint unter einem gelben Bleich ein fahleres Grün zu verbergen, ihre Brust muß behaart sein wie ihre Hände.

Sie sind reich, nicht wahr? Woher kennst du sie? Wie lange warst du nicht hier? Nein, still, still, ich will nichts wissen. Alles was du sagtest, müßte ich dir glauben, aber dies will ich nicht glauben. Denn dieser Schmerz ist eine immer erneute, immer tiefer erneute Lust ...

Die Rothaarige, erinnerst du dich? Siehst du, nun habe ich dich doch verstanden! Alles wie bei dir. Alles ganz gleich.«

 

»Ja, laß uns unter dieses fröhlich flatternde Zelt hinsitzen. Was trinkt man um diese Stunde? – Es ist recht. Schiebe mir Geld unter dem Tisch zu, es sieht so schlecht aus, wenn du für mich bezahlst.

Jedenfalls mag ich es nicht.

Den ganzen Platz übersehen wir nun, von dem ich eben noch glaubte, die wundervollen Reigen einer geänderten Menschheit würden ihn überfluten. An meine Eltern dachte ich. Wie herrlich würde es sein, in solchem Reigen zu wandeln, und jede Frau, deren kühnes und stolzes Gesicht uns ansieht, könnte unsere Mutter sein ...

Ach daß wir unsere Eltern kennenlernten, so daß wir sie hassen müssen. Unbekannte Eltern, euch grüße ich! Ihr entschwandet irgendwann in der jungen Ferne meines Lebens, manch erhobene Sternenstunde läßt mich ein geneigtes Gesicht schauen, rätselhaft mit trüben Augen einem ungekannten Kinde zulächelnd, und meine Mutter vielleicht könnte es sein.

Schweig doch, schweig! Wenn du ein Kind haben wirst, wird auch dich eines Tages die schreckliche Furcht vor der Stunde packen, wo dein Kind erkennen und dich hassen wird. Dich hassen für all das, was du ihm ins Blut legtest, für seine Wünsche, seine Gelüste, seine Abneigungen, die die deinen waren, für ein Muttermal, den zehnten Teil einer zu hellen oder dunklen Schattierung des Haares; für die Ideen, die du es lehrtest, für die Worte, für jede Geste wird es dich hassen – .

Warum ich lache? Nein, ich lache nicht, ich grinse. Grinse vor Beschämung. Hast du gesehen, wie ich eben die Hand erhob? Grade so tut es mein Vater in der Klasse bei einem Fehler: ›Kuntze, der zweite Aorist von ...? Falsch. Setzen. Eine Fünf!‹ So, diese Geste. Grade so. Soll ich ihn nicht hassen dürfen, daß er so in mir steckt, daß ich nicht allein sein darf, daß ich sogar seine Gesten machen muß, daß sein Stimmklang und seine Gebärden in alles schleichen und alles verfälschen? Soll ich ihn nicht hassen dürfen?«

 

»Ich durchschaue ihn wohl. Nicht um seinetwillen ereifert er sich so für die Kinder. Ihm ist jener Tag des Wachwerdens keine Furcht. Er glaubt noch nicht daran, daß auch er älter werden wird. Im Grunde glaubt er an den Menschen. Keinen kennt er als sich. Und die andern alle, so sehr ihre Gesichter, ihre Gesten, ihre Worte ihn erschrecken, – er hofft noch, sie könnten anders sein, wie sie scheinen, und sie zu verurteilen scheut sich sein unerprobtes Herz. Kennte er sie –!

Also – das ist es nicht. Nicht um seinetwillen hat er Furcht. Aber da bin ich, und ich würde ihre Mutter sein. Wenn er wüßte ...

Sein Gesicht, so von der Seite, sieht bitter aus und seltsam alt. Er ist eigentlich der Jüngste, aber in Stunden wie diesen, da seine Seele alle kommenden Schmerzen schmeckt, da er sich aufschwingen möchte und die irre Angst fortreden, da er feige mich anflehen möchte, nach seinem Herzen zu leben, – in diesen Stunden überschleicht es sein Gesicht. Das glatte junge Erdland zerfällt, eine düsterfahle Gestirnlandschaft zerklüftet sich, und jede Falte ist der Weg, den ein Schmerz ging, und kein Fixstern irrt und durchschneidet so tausend Bahnen, wie das Flimmern und Abirren seines Blickes jedes Leid flieht und sucht.

Stürzte er doch hin vor mir und flehte mich an, gut zu sein, seinem Herzen zu leben und niemand zu kennen wie ihn! Ich weiß wohl, tief innen sehnt er sich nach einem ganz von Sonnenaufgang übergoldeten, frühen freiwilligen Tod. Er und ich – alles andere dahinten, und sterbend wäre ich für ihn wahrhaft die keusche Geliebte, die sein Bürgerblut juckt. Aber er schämt sich. Er wagt es nicht!

Was tut er nun anderes, wie immer vorgebeugt und lauschend über jedem Gefühl zu sitzen, es zu prüfen, sich zu durchschauen, die folgenden zu erwägen, das Entgleitende schon als enteilt zu belächeln, und sie alle, alle, leichte wie schwere, in den Wind wehen zu lassen, indem er zu ihnen spricht: ›Ihr alle geltet nichts, und ich gelte nichts, auch sie nicht. Was wollt ihr? Geht! Soll ich trunken über euch werden? Weinen? Jauchzen? Bewundern? Höhnen? Und Anbeten? Ich werde alles tun, aber alles wird eine Rolle sein, die der Schauspieler rasch vergißt, und unsere trunkensten Küsse, unsre seligsten Umarmungen wird eine Betonung von drei Worten überschwärzen.‹

Ach hielte er sich doch, ein kühner Schwimmer, die Arme gebreitet und den endlosen Schrei des Entzückens in der Kehle, auf der Woge seines Gefühls! Sie wird sich schaumig kräuseln, sie wird überstürzen, – aber er versänke dann, im Hirn noch das unnennbare Gefühl gläsernen Gleitens im Glück ...

Neinnein, nur das nicht! Ich will das nicht. Denn darum allein liebe ich ihn ja, weil ihn nicht das dumme, so leicht erfüllbare Glück der andern beseligt, sondern weil noch im Lächeln sein Auge fragt. Darum –?

Eine stattliche Reihe ist es schon derer, die mich heiraten gewollt, entführen, eine Etage einrichten, – hier sitze ich nun mit einem entlaufenen Schüler und weiß, dies ist das Höchste, weiß, dies wird nicht dauern ...

Es wird nicht dauern? Was denn, was? Seine Liebe etwa? Aber er liebt mich ja nicht! Lächelt er schon über die andern, lächelt er doch auch über sich, und seiner Liebe zu mir mißtraut er wie allem. Liebe zu mir? Er ist ja allein! Und alle, die um ihn leben, gehen durch sein Herz wie Wandelbilder, und seine Stimme ist's, die er aus der ihren hört, und seine Gefühle sind's, die ihn überschauern, nicht die ihren. Noch das größte Opfer – er brächte es für sich und namenlos allein auf der geisterhaft beleuchteten Bühne seines Herzens. Ich sehe ihn dort, den skeptischen Schauspieler seiner Leidenschaften, wie er niederkniet, die Arme ausstreckt, seine Stimme schwillt in Schluchzen, und die süßesten Worte, die sein Herz weiß, wirft er in den Schattenwinkeln an der Kulisse zu einer, die er sich schuf. Aber dazwischen winkt sein Auge jenem im Parkett zu, der er ist und kein anderer, sein eigener Zuschauer, sein eigener Belächter ...

Ach, er liebt auch das Bild, das er geschaffen zu haben meint, wider sich. Denn warum sonst haßte er seine Eltern so, als weil er eine andere Geliebte von ihnen her im Blut hat, eine keusche, reine, unwissende, errötende Braut, die er alles noch zu lehren hätte? Ich ...

Seine Eltern – er hat sie im Blut, sie sitzen in ihm, sie strammen unter der Haut. Daß er so sehr ihr Sohn ist, selbst noch im Belangreichsten, das ist's, was er ihnen nicht verzeihen kann. Und es ist möglich, daß ein Augenblick kommt, da er vor sie hinstürzt und sie trotz allem liebt, grade um dieses Verachteten willen liebt, um sich nicht hassen zu müssen!

Und für seine erträumten Kinder hofft er die andere Mutter. Mich – fürchtet er. Ach, er weiß nicht, noch nicht, daß diese Furcht wenigstens umsonst ist und daß er sich eine andere für seine Kinder wird wählen müssen.

Und was wird er zu mir sagen, wenn auch er krank wird? Es wird kommen, über kurz oder lang. Würde es das Ende sein? Und welches Ende?

Ich werde ihn fragen. Vielleicht ahnt er auch das. Ich werde ihn fragen.«

 

»Ich habe wieder gelogen: böse bin ich dir, daß du schwiegst. Warum schweigst du? Erzählst nicht? Dein ganzes Leben möchte ich wissen; hineinschlüpfen möchte ich, daß es wäre, als umspannte diese eine Haut zwei Leben, als hätte dieser eine Mund sich als Frauenmund unter männlichen Küssen geöffnet, die er auch gab – er oder andere! Warum lächelst du so still? Denkst du an die andern? Ist es jener, der dort sitzt? Oder ...«

»Warum sollte ich sprechen? Ich werde – nein, hebe nicht die Hand wie dein Vater ...! Erzählte ich, du dürftest schon glauben, und doch bliebe dir dein Schmerz ... zehnmal bitterer vielleicht noch ...«

»Wie du redest! Warum ist dein Gesicht so böse geworden? Du willst irgendwohin, ich rieche wohl die Spur, aber ... wo ist das Ziel? Sage doch.«

»Siehst du den, der über deinen festlichen Platz schreitet? Vielleicht wird er an unsern Tisch kommen, herablassend grüßen, einen Stuhl nehmen und sein unverhüllter Blick, der mich mustert, wäre der Blick eines Kennenden. – Was tätest du?«

»Was ich täte? Glaubst du noch an große Gesten, ein Sichbehaupten, an den Erfolg eines Streites? Ich nicht. Ich stünde auf, schliche fort, die Brust voller Schmerzen, aber solch Erniedrigtsein wäre köstlichster Schmerz. Warum sollte ich darauf verzichten? Ich hasse die herrische Geste.«

»Weil du sie nicht kannst.«

»Aber selbst, könnte ich sie, gewönne sie mir etwas gegen dich? Aus dir? Nein, ich verzichte. Rufe jenen nur heran –«

»Er ist schon vorbei, was du gut weißt. Denn du spielst nur mit all diesen Dingen, ihrer Wirklichkeit glaubst du nicht und denkst, nun da ich dich liebe, blieben alle dahinten.«

»Aber –?«

»Aber vielleicht nur heute! Morgen schon wird ihre Reihe – es kann sein – schon wieder über mich hinziehen, und der Mund, der dir letzte Nacht zuflüsterte, wird dann zu jenen stammeln. Du verziehst das Gesicht? Vergißt du, Verliebter, daß wir Geld verdienen müssen, um zu leben?«

»Und unsre Liebe beschmutzen, um lieben zu können ... nicht wahr?«

»Es ist kein Schmutz!«

»Dir nicht, aber ich bin es, der gilt! Ich ahne schon die endlose, ermüdende Reihe jener Verzeihungen, die dir mein Herz gegen sich gewähren wird. Aber ich ahne auch den Tag des Aufschwungs. Einmal wird der kommen, an dem nicht verziehen wird ... Sie ist weit, diese dunkle Stunde, in der ein Schrei laut wird, ein Stählernes blitzt und ein Herz zu jedem Ende spricht: ›Komme doch schon!‹ Ach, käme es doch schon, ein solches Ende!«

»Käme es doch schon ...«

»Du sagst es, du meinst es auch? Nein, eine muß sein, die an mich glaubt, meiner Liebe traut ... du!

»Käme es schon – seliges Ende!«

»Blicke auf den Platz, wie er in Sonne ertrinkt! Um den häßlichen Obelisken flattern Tauben. Wie alle Tiere sind sie sanft. Wir wollen es auch sein, Liebste!«

»Über diesen Platz wird einer kommen, und du bist es nicht. Grüßen werde ich ihn, aber dich grüße ich dann nicht. Ich werde –«

»Schweig!«

 

»Wie doch, Geliebtester, war es mit dem Portier? Ein Pumpversuch, was?«

»Woher weißt du ...? Es war ein Traum!«

»War es ein Traum –?«

 

»Dein Glas fällt um, du zitterst – ah, du liebst mich doch!«

»Schweig! Sprich nicht! Ich will nichts wissen, nie mehr!«

»Ah! Du bist schön, mein Kind! Mein Geliebter, du bist schön! Warum nicht fortgehen, dieses alles verlassen? Warum nicht fliehen?«

»Du glaubst noch an Flucht? Wir schleppen uns mit, unsere Liebe, unsern Haß.«

»Ich bitte dich: laß uns fliehen.«

»Du willst? Fliehen wir immerhin.«

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