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Anton und Gerda

Hans Fallada: Anton und Gerda - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleAnton und Gerda
publisherGünter Caspar
year
printrun
isbn
editorGünter Caspar
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
created20170823
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Erstes Buch

Warum müssen Hunde nachmittags bellen?

Der mittellose, etwa dreißigjährige Dichter Anton Färber, der bei Freunden auf dem Lande lebte, hatte sich soeben zum Nachmittagsschlaf auf sein Bett gelegt, als das jaulende Lärmen der Hofhunde ihn mit einer Verwünschung hochfahren ließ. Kurzsichtig – das Glas lag neben ihm auf dem Stuhle – blinzelte er zum Fenster, pfiff einige Male gellend und ließ den Kopf wieder zwischen die Kissen fallen, mit einem Aufatmen in der plötzlich stark rauschenden Stille. Die Augenlider glitten kühl herab, der Mund öffnete sich ein wenig, die Glieder ruhten tiefer in den Polstern, und sacht verschwimmende Bilder flossen im Hirn –, als das Jaulen neu einsetzte und Färber vollwach auffuhr.

»Auf dem Lande kommen die Tiere vor den Menschen, also, da sich das Viehzeug, scheint's, nicht beruhigen will, geh ich ein wenig spazieren –?

Ans Meer –?

Ans Meer!«

Spazierwandeln. Anfang

An der Gartenpforte zögerte er, öffnete sie, trat ein, und zwischen Gemüsebeeten hindurch ging er den überrasten Gang abwärts, bis dahin, wo er sich im Gewucher von Haseln, Schneeballstrauch, Holunder und anderm Wildgewächs verlor. Hier setzte er sich auf eine Bank und sann vor sich. Seine Hand tastete spielend nach manchem Zweig, riß ihn ab, entblätterte ihn. Er kaute darauf. Dann waren rote Beeren da, und er freute sich an ihnen. Seine Stirn runzelte sich unwillig. »Ich muß gehen«, murmelte er und gab sich einen Ruck. Aber er war so müde. Er lehnte sich zurück, ein bitterer Geschmack zog im Munde herum. Noch mehr Zweige, noch mehr Blätter, noch mehr Gekäu. Was sollte das? Die reine Spielerei.

»Nein, ich muß gehen.«

Dann war ihm, als kläfften die Hunde wieder, aber so fern, so fern ...

Dann ...

Und nun ging er wirklich.

Spazierwandeln. (Fortgesetzt)

Seit die letzten Hocken eingefahren sind, ist die Landschaft weit geworden, ausgeräumt. Die verstreuten Höfe liegen endlos voneinander entfernt, jeder in seinem windbewegten Baumhorst von einer Eigenschicht durchsonnter Luft umgeben, und der dunkle Waldstreif am Horizont wird durch die Landweite der geschälten Felder und die Wolkenballungen über den Wipfeln niedrig und weltenfern gemacht.

»Vielleicht wird es schon dunkeln, wenn ich an den Strand komme. Am Rand der Dünen auf der König-Lear-Heide will ich liegen«, beschloß Färber, der rasch querfeldein ging.

Kein Mensch begegnete ihm. Der Wind blies ihm das beruhigt tiefe Summen vieler Dreschmaschinen bald nah, bald fern ins Ohr, er hatte den kleinen Hundsärger vergessen und pfiff munter vor sich hin. Nun war der Wellenschlag zu hören, allein, dann vermischt mit dem Brausen der Baumkronen, dann dieses wieder für sich, und nun ging er schon auf der schmalen Waldschneise.

Als er auf die Heide trat, die mit Wacholder und Kiefernkuscheln über scharfem Gras und holzigem Erikakraut bestanden war, tat Färber etwas Seltsames, etwas, das er noch nie getan, das er noch nie zu tun gedacht hatte, und nun schien es ihm das Selbstverständlichste von der Welt.

Zuerst wandte er sich landein, dorthin, wo er den Freundeshof vermutete, verbeugte sich dreimal und sagte ein erstes, ein zweites, das dritte Mal: »Ade derweilen.«

Nun zu der Sonne, halblinks über den Dünenkuppen, gewandt tat er gleiches, sprach: »Hinfüro nicht mehr.«

Doch dem blassen Mond im Blau knickste er rasch und schnippisch zu: »Nun grade! Nun grad doch! Nun grade!«

Und tief salaamte er das hör-, doch nicht sichtbare Meer an, indem er rieselnden Klingsand über die rechte Schulter warf: »Sei günstig, Grünes. Schläfre ein, Wechselndes. Und noch einmal. Aber das vierte gegen die Hexe zählt nicht –«

Schwer. Schwer

»Ich bin wohl albern geworden!«

Färber warf sich stöhnend herum, blinzelte kurzsichtig, fuhr fort im ...

Fortsetzung

Im Erheben aus der Beugung des letzten Grußes stand er eine Weile, nicht denkend, nein, nur wie wartend, und die erwartete Intuition kam: er ging rasch auf einen Wacholder zu, beugte sich, scharrte ein wenig Sand von den Wurzeln, hob ein leinenes Beutelchen aus der Erde und hielt's, ohne es zu betrachten, in der hohlen Hand.

Kam auf die Düne, sah das Meer, dem die Sonne näher sank, warf sich auf den Rücken, und nun, umweht vom Wind, angetan vom Branden, Zischen, Steinmahlen der Wellen, gepeitscht das Blut von manchem Möwenschrei, legte er das Säckchen auf die Stirn.

Zuerst war's kühl, dann liefen warme Schlänglein in die Schläfen, um das Haupt, sie verknoteten sich zum Kranze, verkürzten sich zu schädelsprengendem Knebel – ihm war, als würfe er sich hoch, brülle diesen rasenden, unerträglichen Schmerz mit äußerstem Willen aufs Meer; doch nun schien ihm Zurücksinken richtig, Erschlaffen, Ausbreiten des Leibes ... Die Wellen trugen keinen Schaum mehr, eine endlose tiefblaue Dünung, in der er trieb, ein Ertrunkener, Salz auf den Lippen, die Augen wie einer Pflanze Poren aufgetan, atmend ... trieb, trieb in der Dünung ... einmal noch würgte Ekel, schmeckte bitter ... und im Hirn des Ertrunkenen wacht ein Traum auf, regt sich wie ein Kind im Schlaf, wacht auf ein Traum ...

Mulus in jedem Belang

Auf dem Hof des Pennals promenieren mit Toni die drei andern von der mündlichen Prüfung Befreiten. Sie spähen zu den Fenstern empor, horchen, wiederholen noch einmal die gleichen Bedenken: »Schiffmann wird schwer vor den Wind kommen.«

»Ich glaube nicht einmal. Aber Matz hat eine Pieke auf Tümmel, und will solch Aas etwas finden, dann ...«

»Matze ist Spiel.«

»Jedoch erst der köstliche Knorpelhahn ...«

Törichtes Geschwätz, aufgeplustertes Zeug. Ein reines Garnichts! Standpunkte von Achtzehnjährigen? Sie können nicht Weizen und Hafer unterscheiden, wissen kaum, was ein Wallach ist, aber sie reden in ihrer Schülersprache herrlich über die Außenseite der Lehrer und dünken sich welterfahren, weil sie die Versmaße Horazischer Oden auswendig lernten. Menschen? Hungrige Hirne, mit Schleckerei gefüttert, schlaff gemacht.

Hoffmann meinte: »Wir sind durch. Laßt also heute endlich dies Pennälergeschwafel. Sagt lieber, wer kneipt in der Union mit –? Es werden Studenten dort sein.«

»Ich.«

»Und feste! Ich!«

»Und ich!«

»Also wir vier sämtlich. Sagt aber den andern nichts, ich will selber sehen ... Alle Saubande braucht nicht gerade dabei zu sein –«

Eine Tür krachte, auf der Treppe jagten Schritte, einzelne, mehr, Gehaste ... die Köpfe fuhren herum ... und in ihren Kreis sauste ein langer Bebrillter mit dem Schrei: »Alle durch!«

Die Herde folgte, man schrie, lachte, rote Mützen wirbelten in der Luft, Hände wurden geschüttelt, einer trocknete sich die Stirn, ein anderer: »Au wei, das hat noch gut gegangen!«

Unterdes abseits verhandelten Toni und Arne: »Ehrenwort! Ich hab ihm versprochen, in der Union ...«

»Immerhin. Aber um elf treffen wir uns am Hopfenmarkt. Ich habe einen großen Zug vor. Endlich –«

»Aber das kostet Geld –?«

»Meine Sache, Kleinchen. Ich zeige dir Rostock bei Nacht, wie ...«

»Geschenkt! Geschenkt! Also um elf.«

»Beim großen Zeus, ich werde pünktlich sein.«

Trautes Heim – Glück alleim

Abendessen bei Oberlehrer Färber. Herr Oberlehrer nebst Gattin. Der einzige Sohn: Toni.

Gattin: Und du willst wirklich heute nacht noch fort, Tonerl? Kannst du das nicht bei Tage –?

Anton: Ausgeschlossen, Mutti. Und übrigens ist sieben Uhr abends noch nicht Nacht.

Oberlehrer: Laß ihn doch, Altchen. Heute als Mulus! Summa cum laude!! Primus omnium! Junge, daß ich die Freude erleben durfte –! Komm, gib mir einen Männerkuß!

Anton: Gerne, Papa.

Gattin: Bitte, ich auch, Tonerl. – Ich glaube, du mußt wirklich bald anfangen, dich zu rasieren.

Anton: Das hat noch Zeit, Mutti.

Oberlehrer: Was werdet ihr singen, heut abend? Denk an meinen Leibkantus, laß ihn steigen:

Komm mit aufs Forum ...!

Ahnst du voll Wonne,
Was uns am Pippusbogen winkt,
Während die Sonne
Lodernd versinkt?

... Venus, die Fee, um ...

Gattin: Aber, Mann, was soll der Junge ...

Oberlehrer: Laß, Altchen, laß. Der Junge ist nun doch fast erwachsen, bezieht die Universität. Da können wir ihn nicht mehr vor jedem rauhen Wort behüten. Aber die rechten Grundsätze hat er mitbekommen auf den Weg.

Gattin: Bleibe rein, Junge.

Oberlehrer: Und fromm.

Gattin: Liebe guter Junge, bleib, der du bist.

Oberlehrer: Und: wenn dich die bösen Buben –

Anton: Weiß schon. – Also denn, liebe Altchen ...

Gattin: Komm nicht so spät wieder, Tonerl!

Vollkommen unverständlich

Vorplatz bei Oberlehrers, kaum von einer Sparlampe erhellt. Anton kommt aus seinem Zimmer, läßt die Tür offen: Abenddämmerung mischt sich mit dem Funzellicht. Er sucht am Garderobenständer.

Anton: Martha! Martha! Mein Mantel!

Mädchen: Kommt schon. Nur ein Bügelstrich.

Anton: Dalli, dalli, Holdeste!

Mädchen: Hier! Gott, wie patent Sie ausschauen, junger Herr! Man könnte sich wirklich – .

Anton: Nun?

Mädchen: Oh, nichts!

Anton: Doch etwas. Und –?

Mädchen: Neinnein.

Anton: Ich weiß ja doch, was Sie –

Mädchen: Wenn Sie wissen, ist's ja gut.

 

Anton: Martha –?

Mädchen: Ja?

Anton: Wollen Sie mir einen Gefallen tun?

Mädchen: Und welchen?

Anton: Nein, Sie müssen vorher Ja sagen.

Mädchen: Das tue ich nicht. Sagen Sie erst ...

Anton: Sie erst: Ja.

Mädchen: Und so was will achtzehn Jahr sein!

Anton: Und ob! Warum etwa nicht?

Mädchen: Passen Sie lieber auf, daß Sie heut nacht nicht in den Automatenschlitz fallen!

Anton: Sie sind mir überhaupt viel zu dumm!

Mädchen: Dumm und doof verträgt sich gut.

 

Mädchen: Wo gehen Sie denn heute abend überhaupt hin?

Anton: Rostock besehen bei Nacht, wie es weint und wie es lacht!

Mädchen: Na denn man los! Vergessen Sie nur den Schnuller nicht.

Anton: Martha!

Mädchen: Du entschwandest.

Sie schließt die Tür. Es ist fast ganz dunkel. Anton im Gehen: Völlig rätselhaftes Geschöpf!

Der zu Schleifende

Kneipzimmer in der Unionbrauerei. Hecht. Bier. Viel Bier. Alle mehr oder weniger angesäuselt, mit Stürmern auf dem Kopf, Fuchsenbändern um die Brust. Ein paar Studenten keilend unter den Muli.

Chorus:

Ahnst du voll Wonne,
Was uns am Pippusbogen winkt,
Während die Sonne
Lodernd versinkt?

Präside: Schöner Cantus ex! Ein Schmollis den fidelen Sängern und der Hauskapelle!

Tümmel: Komme dir einen Halben, Färber.

Anton: Ehrt mich ungemein, ziehe nach.

 

Porzig: Ein Halber deiner Jungfernschaft, Färber.

Anton: Ich bitte ...

Studiker: Fuchs hält das Maul und zieht einen Ganzen nach!

Burlage: Auf deine Jungfernschaft, Toni!

Anton: Aaaber ...

Studiker: Fuchs hält das Maul und zieht einen Ganzen nach!

 

Konski: Auf deine Keuschheit, Josaphat! Ja, dich mein ich, Färber!

Anton: Ehrt mich ungemein, ziehe nach.

Brüllendes Gewieher.

Studiker: Fuchs zieht einen Ganzen nach.

Anton: Ihr könnt mir alle ...

Muß hinausstürzen. Brüllendes Gelächter.

Studiker: Den verfluchten Streber schleifen wir schon. Der soll heute noch Moses und die ...

Kotzen

Stadthof. Nacht. Wenig Lichtschein aus Fenstern, Regen sickert. Anton, in eine Ecke zwischen modernde Holzplanken gedrückt, preßt, bricht, fühlt kalten Schweiß, zittert. Er denkt: »Seichte Hechte, verdammte! Was das für Sinn hat, dies Zeug in sich reinzumölen! Auf Kommando, in Massen?! Neinnein, wenn das studentische Freiheit ist, danke! Mutti hatte Recht, mich zu warnen. Nie wieder!«

Er macht ein paar Schritte gegen die Tür, bleibt wieder stehen. »Und doch – alle rühmen dies. Freiheit, schrankenloser Lebensgenuß sagt man wohl. Ach! Das Genießen scheint schwerer zu sein als die Arbeit in jener meiner Kammer dort hinten, die Stirn über das Buch geneigt. Welch Glück – kaum dämmerte es –, die Vorhänge zu schließen, die ganze Welt auszusperren und allein zu sein mit den Büchern, reinlichem Papier und einer guten Feder, mit der man endlose Reihen untereinander setzen konnte. Welche Freude, mit brennenden Augen, kochenden Schläfen ins Bett zu gehen. Welche Einschlafträume von Arbeit, von Erfolg, von Ruhm gar. Ah, herrlich leicht wäre das Leben, brauchte man nur zu arbeiten. Man muß mit andern reden, laut sein, sich gegen sie behaupten und vielleicht gar – sich verlieben.«

Der Magen krampfte sich von neuem hoch. Ein ekelhaft bittrer Geschmack stand ihm im Munde; er beugte sich wieder vor, glitt halb hin, indes es tröstlich in ihm dachte: »Das ist nur physisch. Mein Kopf ist klar. Ich denke folgerecht. Weiß ich nicht wohl, daß ich Arne um elf treffen wollte? Nun gut – gehen wir an den Lebensgenuß. Und dann – nie wieder! – Guten Abend auch, ihr ...!«

Trara! Trara!

Er sah sie.

Eine Spielerische hinter der Theke, ein stumpfes junges Profil, zufahrend auf einen Pinscher, der blafft, tiefes Lachen, wie verhaltenes, Schultern in Seide, eine zugreifende gespreizte Hand, und da sie schlichtend die Flechten streicht, blitzen Steine dort zwischen dem bläulich glänzenden Schwarz, blitzen, funkeln, und ein blasses Gesicht – – – .

Schweige doch! O so schweige doch! Verlieben eine Angst? Sich-Verlieren Pein? Dies war von Anfang und besteht für sich, all dein Leben reicht nicht an diese Geste einer gespreizten Hand, die jung ist ...

Arne bestellt geläufig, und: »Für den Kleinen eine Prärieauster, die Bande hat ihn mir schon dun gemacht. Er verträgt nichts.«

»Ist das wahr, mein Herr?«

Ihm schien es, als komme alles darauf an, in dieser Minute ihren Blick zu bestehen, und er trank sich ein in die schmalen grünen Ringe, die, nun sah er's, leise bewegt um die schwarze Pupille liefen. Einzudringen meinte er, tief, tiefer, das Gesehene verschwimmt, nun geht er durch ein glasklares grünes Wasser, das wie Luft ist, das jede Pore der Haut streichelt, auf dem Meeresgrund ist er, wandelnd Ertrunkener, märchenhaft frei –, als blitzschnell zwei Lider fallen, so nah, daß ein Windzug ihn zu streifen scheint.

Sie lacht. »Aber Augen kann er machen, Ihr Freund!«

Und Arne: »Gott! Das lütte Gemüse!«

Seltsam unverständliches Gespräch

Später hört er dem Gespräch der beiden zu. Sie sitzt leicht vorgebeugt, die schwarze Seide bauscht ein wenig vor der Brust, ein Strohhalm tanzt zwischen ihren Fingern, sie fragt: »Wie gefällt Ihnen mein Pinscher?«

»Er scheint echt zu sein.«

»Und ob! Fünfhundert Mark.«

»Bitte, was gar nichts sagt.«

»Sehen Sie ihm ins Maul: der Gaumen ist völlig schwarz.«

Arne prüft, gibt sich besiegt. »Dann freilich!« Und: »Woher haben Sie ihn?«

»Von einem Herrn, einem Gastwirt.«

»Das ist gut. Ich dachte schon, es wäre ein Damenhund, und Sie wissen –«

»Nun?«

»Damenhund. Man kennt das, wofür solche Tiere gehalten werden.«

»Nein, das wäre mein Tod. So etwas ekelt mich an.«

»Darum fragte ich, woher Sie ihn hätten. Ich dachte, er hätte üble Angewohnheiten.«

»Neinnein! Lisa, höre bloß, der Herr meint ...!«

Und Arne, zum Freund gewandt, doch die andern horchen darauf: »Ich kannte eine Kellnerin, die es sich für drei Mark von einer Ulmer Dogge machen ließ.« Und nach einer Pause: »Du verstehst doch –?«

Geste. Die Mädchen kreischen, eine ruft: »Sone Kamellen! Zahlte die Dogge den Taler?«

»Unsinn! Die Zuschauer! Das Tier war wie –«

Gerda: »Na, ich danke!«

Und Lisa: »Aber das geht doch nicht!«

»Wieso: geht nicht?«

»Aber jeder sieht ein ... Wie soll denn das funktionieren? Wie denken Sie sich denn das?«

»Gar nicht. Hab's gesehen und damit basta!«

Und ganz plötzlich greift sie nach Antons Hand, hebt sie sacht, läßt sie fallen, streicht einmal, zweimal darüber. »Nun – und Sie? Glauben Sie, was Ihr Freund erzählt?«

»Verzeihung, wie –? Ich habe wirklich nicht verstanden –«

Er verstummt, sieht sie an, und ein kleines, zages Lächeln runzelt um seine Augen. Ein wenig verziehen sich seine Lippen, und dann ist ihm, als habe sie verstanden, dieses: »Reden wir immerhin ... Das zählt nicht.«

Als ihm Arne auf die Schulter schlägt. »Der und verstanden! Diese Heideknospe! Wissen Sie, wie er bei uns auf dem Pennal –«, verbessernd: »– Universität heißt –? Josaphat! Warum –? Keusch wie Joseph und liebreich wie das Tal Josaphat.«

Sie hebt die Brauen, schiebt die Unterlippe vor. »Wie dumm das ist! Aber Jo werde ich ihn nennen, Jo paßt zu ihm. Lisa! Lisa! Sekt! Wir wollen Brüderschaft trinken.«

»Aber ich habe kein Geld.«

»Was macht das! Ich feiere heute Geburtstag, du bist mein Gast!«

Lisa lacht. »Schon wieder Geburtstag, Gerda? Wie lange ist's her, daß du mit dem dunklen –«

»Nicht dumm sein, Lisa. Ist Jo nicht lieb? Komm, trinke, kleiner Jo!«

»Und ich –?« fragt Arne.

»Wünschen Sie noch einen Schwedenpunsch?«

»Dann kann ich wohl gehen.«

»Niemand hält Sie.«

»Eine eigentümliche Bedienung! Ich werde den Wirt –«

»So ist es recht, mein Herr! Weil ich Ihren Freund netter finde, aber, was wollen Sie, Sie liegen mir einmal nicht ...«

»Schon gut! Geschenkt! Also noch einen Punsch.«

»Bitte schön.«

»Übrigens habe ich Sie neulich mit dem dunklen Herrn gesehen.«

»So?«

»Ja, auf der Steinstraße. Und ich wundre mich über Ihren Geschmack.«

»Steht Ihnen frei.«

»Er sah brutal aus.«

»Möglich.«

»Aber man weiß schon, wählerisch ...«

»Zum Beispiel Sie –? Nein, mein Lieber. Nie!«

Und plötzlich beugt sich Anton vor; sein Gesicht nahe dem ihren, fast in ihren Mund fragt er leise und bebend: »Wie denn müßte man sein, Ihnen zu gefallen –?«

Sie ist stumm, sieht ihn an, ein sanftes Rot steigt in ihre Wangen; sie wendet ihre zweifelnden und feuchten Augen von ihm, blickt zur Erde. Noch mehr Stille, und dann: »Ich weiß nicht ... nein ... ich habe vergessen ...«

Ein Übermaß von Freude glüht in ihm. Er lächelt verwirrt, streicht sich über die Stirn ... Ihre Hand in der seinen spricht er: »Dies ist Leben, nicht?«

 

»Seht doch das Lüttje!«

Denkens Beginn

Verging Zeit –?

Vielleicht. Arne war streitsüchtig gewesen, dann lachend geräuschvoll, er hatte Zoten gerissen, Komplimente gedrechselt, nun musterte er mürrisch trübe die beiden, schwieg.

Doch Anton lernte sich anders kennen, fühlte Erwachen, ein nie erlebtes. Zartes feuriges Rieseln lief durch den Leib, seine Hände erneuten sich, und tasteten sie, fühlten die Finger wirklich. So stark drang durch die Haut Ansturm intensivsten Lebens, daß er einen Augenblick die Augen schloß, um nicht ganz an die Fülle verlorenzugehen. Wie ein Schmerz war es, ein heißer Schmerz, ein guter, daß er den Mund verzog.

»Lächelst du, Jo?«

»Nein. Nicht. Aber ich muß daran denken, daß ich es im Grunde immer gewußt habe. Es lag in mir, Kern in der Nuß, und nun ... ja, immer habe ich es gewußt, schon ganz früh ...«

»Was ist es, das du gewußt hast?«

»So war es. Sieh, daheim hörte ich nur von Pflicht, von Arbeit, Frömmigkeit. Nicht anders waren die Eltern. Sonst nichts. Gar nichts. Man war sie. Wurde wie sie. War's anders möglich? Denken war nie not, alles Erlebte Beweis, daß stets die Eltern recht hatten. Und mit ihnen ich Folgsamer. Siegte ich mit meinem Fleiß über die Faulen, zeigte nicht das schon, wie sehr sie recht hatten? Alles Abweichen trug seine Strafe in sich, und nur Schein war der Triumph des Betrügers, denn dem unentdeckten selbst wurde als mildeste Strafe das Bewußtsein, Sünder zu heißen, versetzt.«

Ins Leere gesprochen, zögernd, suchend, mit zager Stimme: angstvolle Nichtigkeiten, unwichtige, angeglüht doch schon von dem Glanz des ungeheuren Sonnenaufgangs, der alles, alles sichtbar machen wird. Jetzt noch: schrecklich sichtbar. Eine Erhellung, die erschüttert, blinzeln läßt. Wo ist der gute Dämmerwinkel, da du haustest, Nachttier Bürger? Tastest in zu viel Licht nun, stolperst, suchst, tastest ...

Finger, schmale, klägliche Knabenfinger, deren mittelster von Schreibarbeit knotig verdickt ist, Finger tupfen leise über die Messingplatte, als wollten sie dies Gelbe schmecken. Nun hebt er den Blick, steil im Licht steht sein Gesicht, eine Strähne schlägt zärtlichen Bogen über die Stirn zum sinnenden Auge, feine Hände krampfen sich – und wie ein Schluchzen aus Glück schwingt's in der Stimme des Rufers: »Und zu denken, beinahe war man sein ganzes Leben zu solchem Betruge verdammt! Ohne es zu wissen. Man hätte mitgemacht, von Treue und Stolz und Arbeit geredet und Pflicht – und die Elenden und die andern verachtet ... Nun kann man wohl niemand mehr verachten –?«

Er zweifelte, hob die Achsel, und seinen Blick in dem ihren, begann er plötzlich zu lächeln, ratlos. Der Bürger suchte den Winkel; rasch warf er den Kopf zurück, sprang auf. »Aber was kümmert uns das? Komm, die Musik spielt, wir tanzen ...«

Sie glitt um die Theke, ging ihm entgegen und staunend sah er, wie klein sie war, ein Junge, zart, doch mit Schultern, mit Hüften, die ... O nein, nicht denken, nicht überlegen, nur nicht zergliedern ... Aber du fühlst wohl, wie ihr Gang dich verwirrt, dieser streifende, sachte, der ein wenig breit ist; nicht wahr doch –? Ein wenig breit –?

»Ach, wie dumm! Ein Walzer!«

»Warum? Ist Walzer nicht schön?«

»O du! Wo hast du Tanzen gelernt? Nein, so: eines, zweie, drei ...«

Durch die Seide stieg die Kühle ihrer schmiegsamen Schulter, eine Kühle, von weither seltsam erneuert durch ruhende Wärme – er zog die Hand zurück, taumelte, stand. »Es geht nicht.«

»Nein, tanzen kannst du nicht. Aber was macht es? Ich bringe dir's schon bei.«

»Du willst –?« Doch ganz enttäuscht: »Aber nein, es geht doch nicht.«

»Warum nicht? Was sollte nicht gehen?«

»Nein. Du denkst doch daran, daß ich arm bin?«

Kurzes Besinnen, wegwerfend: »Oh, auch ich habe nie Geld.«

»Aber –« Er sah sie fassungslos an. »Wer wie du –«

»Versteh doch! Frieren und hungern tu ich nicht, aber oft begehre ich toll etwas: einen Putz, irgendeinen Ring ...« Ihr Blick verflattert, fällt. »Und ...«

»Und ...«

»Und es gibt nichts, das ich dann nicht täte.«

»Das sagt man so.«

»Sei still, du verstehst nichts davon, sollst es nie verstehen, nie –! Aber wo lebt denn ihr? Woher kommst denn du, daß du nicht einmal dies weißt? Wir wußten's schon als Kinder, und der Apfel beim Bruder, die Puppe der Schwester wurden lieber vernichtet als gegönnt.«

»Wie du gelitten hast! Man muß sehr gut sein zu dir.«

»Sei es. Versuch's. Sei es.«

»Durchdacht muß es werden, all das. Auf der Fischerbastion werde ich morgen sitzen; über mir Wind in Bäumen, unten das gerauhte Band der Warnow, werde ich daran denken ...«

»An was, Lieber?«

»An alles. An die Welt und dich. – Hast du nie Angst?«

»O ich kann böse sein.«

»Siehst du, auch dich haben sie gestraft mit falschem Denken. Denn das muß falsch sein. Ich glaube nun, niemand ist böse. All das ist Lüge.

Aber ich habe es gewußt, ganz drunten in mir hat's gewußt und gewartet und nun brach's hervor, als ich dich ... Sieh, das ist so gewesen: wenn ich arbeitete und die Ziele sah und den Ehrgeiz fühlte und Wachsen des Wissens, dann war ich am frohesten, wenn ich die Vorhänge schließen konnte, das Gas summte leise, und kaum je, daß ein fliegender Ruf mich streifte.«

Listig: »Aber das war es, da steckte der Betrug, und in mir hat's ihn geahnt: die Welt war draußen. Um mich Bücher – oh, es muß noch andere Bücher geben, und ich werde sie finden! –, Möbel, deren Häßlichkeit ich nun erst sehe, Spruchbänder, die mich immer anlogen, Nippes, versteinerte Gewordenheit –: aber die Welt war draußen.«

Und mit freier Gebärde – als würfe er sich einer Sonne zu, erglänzte feierlich sein Gesicht –: »Warum wäre denn der Flieder gar so schön? Warum wäre die Welt einmal weiß und blau, einmal golden und grün? Warum krampfen Reihen von gereimten Worten mein Herz wunderbar schmerzvoll zusammen? Und warum ist es froh im tiefsten Grunde, da es dich sieht und nun bis an alles Ende weiß, daß es ein Lächeln wie deines auf der Welt gibt?«

»Danke, Liebster.«

»Oh, ich ahne es erst, welcher Dumpfheit ich entkam. Noch ziehen die Nebel, und wenn ich erst die Sonne sehe ... Ich werde sie sehen!«

Und Arne. »Sie muß bald aufgehen. Ich denke, es ist Zeit für uns.«

Ernüchtert: »Ja, natürlich. Wir sind wohl die letzten. Adieu, Gerda.«

Ihre Hände sanken ineinander. Ihre Augen.

»Wartet, Buben, ich komme mit euch. Ihr bringt mich nach Haus.«

 

(Nachhall: »Wartet, Buben –!«)

Heimgang in der Frühe

Dunkle Straßen. Kalter Wind vom Meer.

Dem Jungen ist's, als müsse er aufhorchen, als würde er dann über dem endlosen Sturmessausen die hellen und wilden Rufe der Möwen vom Meere her hören, die ewig das Gefühl endlosester Einsamkeit in die Seele des Horchers schreien. Ihn fröstelt, ein wenig taumelt er, aber schon glitt eine warme Hand in seine, hielt ihn, eine Stimme fragte: »Mein Junge ist traurig?«

»Oh –«

»Soll es nicht sein. Bin ich doch da.«

»Freilich, du bist da.«

Und heiß, innen: »Aber bald wird sie wieder fort sein. Morgen schon! Morgen? Heute noch! Schon beginnt es zu dämmern, die Umrisse des Kröpeliner Tors treten aus der Nacht, so wenig Schritte noch und der neue wolkige Tag wird mit Regenschauern und Sturm die frohhellen Konturen dieser Nacht vage machen ...«

Ein wenig zögerte er, dann rührte sich seine Hand in der ihren, und diese Bewegung schien seinen Wünschen Hoffnung, seinen Entschlüssen Feuer gegeben zu haben. Warum denn sollte man verzichten? Heimkehren wie ein Odysseus etwa, dem allein vom Locklied der Sirenen Strickmale an Arm und Bein blieben? Ins Wasser hinein! Vorwärts schnellen dich deine Schwimmstöße, und nun am Strande beugst du Nackter die Knie vor den nie geahnten Köstlichkeiten dieser. »Sterben –? Aber bei ihnen sterben! Nicht wieder heimkehren müssen in das Grau, dort arbeiten, Pflichten erfüllen und dort, dort, dort im Sumpfe sterben müssen! Nein, heitere Salzluft der erschwommenen Insel, heiteres Gesträuch, heitere Sonne, heiteres Lachen und – .«

Und er sieht das Heim, Denkens Aus- und Eingang bis heut; die Sonntagvormittag-Sonne liegt im gezirkten, gezierten Gärtchen, der Vater schlurft auf Pantoffeln – »Du könntest eben mal das Exerzitium der Obersekunda durchsehn, Anton. Merke die Fehler mit Bleistift an.« –, das Frühstücksei liegt im Wattekorb – »schön wachsweich ist es noch, mein Tonerl« –, und das ist der Sonntag und morgen ist Penne und in drei Wochen ist Penne und Universität ist Penne und Beruf ist Penne und Heiraten ist Penne und Kinder-Aufbörnen ist Penne und ... ist Penne und ... ist Penne ...

»Aber doch! Sie sind zu klug gewesen, arglistig und klug. Wer bin ich denn? Ein Junior von siebzehn mit herrlichen Prospekten, durch väterliches Einkommen zu verwirklichen. Denn ich selbst, ich werde in zehn Jahren noch kaum genug Geld verdienen, sie einmal wöchentlich in der Bar zu besuchen. In zehn Jahren –? Zehn Jahre warten –!?! Oh, wo bin ich in kurzem so klug geworden zu wissen, eine zehnjährige Verlobtentreue sei in keinem Belang so rührend schön und gefühlvoll, wie jene rühmen –? Sondern ein Geschäft, bei dem beide Teile betrogen werden –! Nein, sollen wir leben, gemeinsam, für einander, so heute oder nie!«

Er fand eine Karte in seiner Hand, umtastete sie mechanisch, steckte sie in die Tasche und griff wieder nach den Fingern jener, rastlos weiterdenkend: »Heute –? Wer bin ich denn, was hat man mich denn lernen lassen, daß ich leben könnte außer ihren Umkoppelungen? Sieh doch, sieh: gleich achtzehn und so hilflos, daß ich nicht einen Tag ohne Eltern zu leben hätte. Doch mit herrlichem, kostbarem Wissen im Kopf! Das haben sie sehr gut gemacht, die sie uns gerade soviel und gerade das lernen lassen, was in ihren Händen Geltung hat, aber nicht einen Schritt draußen. Also eine Verschwörung ist das, eine große, über die ganze Welt erstreckte, die schlecht heißt, was sich zu ihrem Zeichen nicht bekennt, aber vorgibt, Gesinnungen jeder Art zu achten, auf daß sie die Wölfe erkenne ... So ist das also –?«

Er schluckte ein paarmal, ihn schwindelte, zu viele Gedanken drängten, er verlor den Faden, doch nun war es schon eine Helle über den ganzen Horizont, seltsam anders sehen in ihr Sprüche und Taten von Lehrer, Pastor, von Eltern aus ... Als ob man sie hassen müsse ...

Er ließ Gerdas Hand fallen, streifte ihre Schulter, blieb stehen, neigte sich vor, und ihr Gesicht hinter der geäderten Haut des Schleiers ahnend in einer fahlen Weiße, die ihre Tönung von dem Ziehenden, Jagenden dort oben entnommen zu haben schien, – ihr Gesicht nahe dem seinen, sprach er rasch, angstvoll verfliegend: »Entweder jetzt oder nie! Gefunden und verloren! Wer wäre ich! Ich habe nun begriffen. Und nie, nie will ich mehr verachten. Entweder jetzt oder nie! Jetzt kann nie sein, also muß nie jetzt sein. Du bist das Schönste, das Absonderlichste, das Weißeste, was je – . Haben wir denn miteinander gesprochen –? Woher kennen wir denn uns – etwa? Ist es nur der Blick gewesen, dieser eine Blick, in dessen Beginn du noch lächeltest, während sich deine Pupillen weiteten, weiteten –? Ja, vielleicht war es nur der Blick. Lebe wohl, sei tausendmal bedankt, lebe wohl ...«

Ihm war, als griffen Hände zu, als tönten Rufe, eine atemraubende Stille fiel ein, wenige kleine, klagende Schreie, und um die Ecke, um noch eine ... Nun nur noch der Klang der eigenen Schritte, und auf der Bank des Wallbergs hockt er, die Hände vorm Gesicht, die spärlichen Schultern beben, und etwas spricht in ihm: »Aber was ist denn das? Ich weine ja! Das darf doch nicht sein ... Nicht –?«

Horche auf, Kleiner ...

Horche auf, Kleiner. Horche auf mich!

Der Wind geht in den kahlen Bäumen, Rieselregen tropft leise, in der Ferne schlägt eine Uhr – und nichts kann trübseliger sein als diese gleichgültige Mahnung, daß auch die Stunde der Trauer vorübergehen wird und du bald wieder zu sprechen, zu arbeiten, zu lächeln hast und daß Löwenzahn blühen wird und Weißdorn.

Wie eine Qual ist's ihm, seine Schmerzen dem stachligen Gesperre solcher Zweige gleich gegen die Brust zu drücken, doch ahnt er, daß sie sein werden wie der weiße Saft jener andern Blüten, der gar zu rasch in ein häßliches Braun sich verfärbt.

Liebes eigenwilliges Gesicht. Kleine Finger, schmale, stolze. Und du Gang, der du ein wenig breit bist und so haftend, wie Katzen in der Sonne gehen. Liebes eigenwilliges Gesicht.

»Wenn man sterben könnte! Sterben müßte so gut sein, hier, zwischen den entfärbten Blättern, deren dumpfer Geruch an die Frühlingsauferstehung erinnert. Aber nicht einmal das kann man. Denn irgendwie ist es gesetzt zwischen dir und mir, daß wir da waren, uns zu grüßen und voneinander zu gehen mit dem Wissen, diese sei bis ans Ende zu tragen – diese Liebe ...«

Er horchte dem zum ersten Male durchfühlten Wort nach, die Miene versonnen; doch nun schlug eine Verzweiflung auf, die Hände ballten sich. »Nein! Nein!«

Und da fand er sie, fand die kleine Karte mit einem Namen, der ihn stutzen machte, denn anders lautete er wie Gerda, aber: »Bah, ich habe sie doch von ihr!«

Er liest die Adresse, macht zwei, macht drei Schritte, und schon ist er fort.

 

Horche auf mich, Kleiner!

Wind geht in kahlem Geäst. Rieselregen tropft leise.

Der Träumer legt sich von der Herzseite auf die rechte

Der Wind streicht über die Dünen, spielt im Strandhafer und im Haar des Träumers, geht weiter zu den Kiefernkuschern, deren Zweige zurückwogen, – kommt, spielt, geht – und erfüllt ist der Himmel von der Melodie des Meeres.

Über das bleiche Gesicht huscht ein Zucken. Er rührt sich im Schlaf, legt sich von der Herz- auf die rechte Seite. Nun ist es, als wolle er erwachen, seine Lippen regen sich, und die Worte, welche nicht laut werden, heißen so: »Nicht dies. Nein, so war es nicht. Heimgang, Ermatten, Zweifeln und das Schlimmste: das Ungläubigwerden an ihr ... das Ungläu...«

 

Der Mond ist fort, hinter Wolken. Es ist ganz dunkel.

Sprach jemand?

Entgleite, zögernder Schatten, dem Leibe des Träumers, gehe ans Ufer!

 

Auf dem Meeresgrund wandert einer, leis leuchtend durchstreifen ihn Fische, langsam rudernder Blasentang gleitet durch seine Hände.

Ist er verirrt? Sucht er? Schicksale? Sind diese ungeheuren Tangwälder überfüllt von ungestalteten Träumen, versäumten Leben?

Wen sieht er doch?

Er lächelt, er spricht, klagt an – ach, er weint! Schon ist er wieder fort, er entgleitet, er ist hier, dort, zehn sind's, hundert, tausend ... Wie sie streiten! Sie kämpfen, manche fallen, andere eilen herbei, sie umschlingen sich, sie scheinen ein Lied zu singen –: sie sind fort.

Nein, einer schleicht noch durch Tang und Gras, du siehst ihn kaum. Ist er verirrt? Sucht er? Er lächelt, er klagt an – ach, er weint!

Ein Wassertropfen. Ein Dichter, der versäumtes Leben träumt ...

 

Wind weht, Strandhafer raschelt, über die Hand eines Träumenden läuft klingender Sand.

Abgetan im Unratwinkel

»Dies ist der Weg, und dies ist das Tor. Was schlug die Uhr –? Vier –? Ah, zu wird das Haus sein, erst um sieben geht's auf, und wie soll denn ich, am hellichten Tag, zu ihr gehen, die nur ein Barmädel –«

Ein Anprall war es, ein Schlag ins Gesicht, ein rasender Schmerz. Seine ganze Vergangenheit steht in ihm, seine Gewordenheit steht auf ... jene meinte das Beiseitewort der Eltern, jene ihr Achselzucken, der Druck mit der Schulter, der fortschob ... jene auch manches Pennälerwort, in der Latrine aufgeschnappt ... ihr Busen wird lüstern entblößt, ihre Wange begeifert vom zotigen Wort ...

»Gerda, liebe, liebe Gerda, warum hast du das getan!

O Traum von Büchern, friedlichen Zimmern, in denen bei klarem Sommerwind weiße Gardinen wehen – Traum von Kindern, um meine Knie tanzend – Traum von jener Frau, die blond, blauäugig, schlank, mich grüßt mit ihrem schönsten Lächeln!«

Nun auf die feuchte Erde geworfen, das Haupt gegen eine Baumwurzel gelehnt – nun, in dem Dunst des Abfallwinkels, den eisig nassen Vorfrühlingsregen auf Lippen und Wangen – nun, Bitterkeit im Herzen gegen sie und eine wilde Anklage auf der Zunge gegen sie, kleine, holde Traumzerstörerin – nun sah er eine andere Zukunft vor sich, eine dunkle, fahl Wetterschein erhellte: kaum brach das Licht der Bar durch abgestandenen Rauch, pelzig die Zunge vom Schnaps des vorigen Tags, doch deine Liebste hinter der Theke führt mit jedem, den's gelüstet, zotendes Gespräch.

Und er warf den Kopf zurück, ganz preis gab er sich Regen, Wind und Verderben, hinter seinen Lidern entstand Bild um Bild des Geahnten, und je weniger er wußte, was es eigentlich war, das so schrecklich sein sollte, um so fürchterlicher schien es.

Das ist der Schmerz, er blutet, er tropft; schreit er gleich tief da drinnen, auch im Körper tanzt er und reißt, wirft den Jungenleib umher und sein Ah und Oh entsteigt blasig dem Laokoonsmunde.

Denn das ist es, daß er nicht trennen kann: ihre Schande ist seine Schande – – –, aber Schande ... Schande ...! Der so sorgsam Behütete ahnt in diesem Winkel schon die viel bittrer beizende Verachtung der aufrechten Wandler. »Und die werde ich nie ertragen können –!«

»Und warum sollte ich es? Steh auf, geh heim: nichts ist geschehen. Nicht einmal deinen Namen weiß sie, deine Wohnung nicht. Es ist, als sei es nie gewesen. (Und Arne kann man morgen früh verständigen, daß er nichts sagt.)«

 

Er steht auf. Er zittert am ganzen Leibe. Er flüstert: »Und ich bin es doch gewesen, der vor wenigen Stunden erst sagte, man könne nicht schlecht sein? Was bin ich nun? Wie gemein? Freue mich, daß sie meinen Namen nicht weiß, sie, die nichts von mir wollte, die mir meinen Wein bezahlte –?«

Schüttelnd: »Nein, so geht es nicht. Anders müßte man ... Aber wie denn entscheiden –? Hat man's nicht im Blut? Denn unberührt von allem saß Arne dabei und konnte sogar mit ihr streiten ...«

Plötzlich lächelt er. Ihr kleines, wie getuschtes, zärtliches Bild war ihm von neuem erschienen und Zweifel Torheit geworden. »Was ist denn? Liebe ich denn nicht –?«

»Aber sie hat gelacht zu Arnes Zoten! Und wenn! Bewiese das etwas –? Ja schon. Aber jedenfalls: nun gehe ich zu ihr. Keine Eile, keine Eile, denn wenn es sein soll, soll es sein, und wenn es nicht sein soll – so soll es doch sein!«

Fiebertag

Längst schlug die Uhr fünf. Lichter wurde die Nacht.

Schon erkennt er, vernebelt noch, die schnörkligen Hochgiebel der alten Häuser mit ihren Ladeluken, am Wall.

Nicht nur sie. Eine kleine holde Gestalt streicht ihm entgegen – sein Herz stockt: »Nein, nein, wie sollte sie es sein?« –, eine Hand faßt ihn, und aus dem Stimmklang ahnt er das frohe Lächeln hinterm Schleierhauch, als sie ihn grüßt: »Siehst du, da bist du!« Und: »Du mußtest ja kommen.«

»Freilich, ich wollte wählen, überlegen, doch dann merkte ich, daß alles längst beschlossen.«

(›Aber das sage ich dir nicht, daß ich dich verriet. Selbst dir nicht!‹)

»Nun aber hinauf mit dir! Wie kalt deine Hände sind und wie feucht!«

(›Ja – doch! Einmal werde ich dir auch das sagen können ... einst.‹)

»So, und nun hier die Stufen. Wart einen Augenblick, schließe das Haus nur noch zu. – Hier sind wir.«

Der Schalter knackt, Licht flammt auf, und in ihrem Aufschrei – »Gott, wie siehst du aus!« – erblickt er vor sich einen Jungen, blutleeren Gesichtes, Haare wild in der Stirn, mit flammendem Mund wie ein Wundriß, gebeutelten Kleidern, feuchten, verdreckten, und dem irrenden Blick eines Zweiflers.

Ja, auch er zweifelt, wendet sich ab, zweifelt mit dem Mund, irrt mit den Augen, wendet sich ab.

Da begreift der Achtzehnjährige, daß er in diesen regengestrichenen, winddurchsausten Nachtstunden noch andere Wege ging wie die lehmfeuchten des Walls, bittere Wege, begreift's, daß die gradlinigen amönen Wiesenpfade passiert sind, daß nun die Hecken und Knicks kommen, die so stachlig sind, unübersichtlich, eng.

War es dies, das ihn murmeln machte: »Verurteilt vor der Schuld und verdammt ohne Berufung ...?«

Sie stand neben ihm, sah das Weicherwerden des Gesichts – schon zuckte die Lippe –, und sie ahnte vielleicht, dunkel und trübe, das Zerren der alten Bande, das Erwachen einer Stallmüdigkeit, das Erinnern an welche Eltern, aber weichhändig spielt sie die Strähnen aus der Stirn, schmeichelt die Falten fort, ruft: »Was schaust du dich an? Wirst dich doch kennen. Dort hinein und ins Bett. Einen Tee koch ich dir ...«

Im Zimmer stand er, sah um sich, atmete auf. »Allein! Sie hat mich nicht erraten!«

 

Wundersam streichelt die glatte Kühle der Laken die erhitzten Glieder, seidig schmiegt sich das Kissen in den Nacken, die Lider sinken zu, und nur die Nase noch schnuppert nach einem Gemisch von Düften, das sie zu unterscheiden beginnt, aber dessen Bestandteile sie nicht bestimmen kann. Kleine Bilder blühen hinter den geschlossenen Lidern auf: ein ovaler Ring in lila Farbe, bläuliche Flämmchen zacken von ihm, dann ein tiefblauer Ball mit weißgoldenem Rand, dann – und er reißt die Augen auf, faltet die Hände, als ihm einfällt, daß es vielleicht sinnlos ist, das Abendgebet zu sprechen, da sich doch alles so veränderte. Aber auch das muß erst durchdacht werden, er wird das Gebet so lange zurückstellen und auch gerade hier, ob es nicht hier geschmacklos ist –?

»Aber nein, grade hier ...«, und steigenden Trotz in sich und das Bewußtsein, wie kindisch doch solcher Trotz, betet er – gegen die andern, gegen die Eltern und auch gegen ihn, den Gott – sein Vaterunser, atmet ein paarmal rasch, schluckt, fühlt das Bedürfnis, laut zu sagen: »Alles egal!«, und bläst wieder in die Kissen – .

Als die Tür aufgeht und er hellwach tastenden Schritten lauscht.

»Jo?«

»Ja?«

»Ich habe dir deinen Tee gebracht. Aber alles Licht ist aus. Ja, hättest du nur wenigstens die Nachtlampe angelassen. Wie soll man denn ...«

Ganz leise und zag: »Verzeih nur.«

Das Licht glüht sanft, sie sagt: »O du Dummer du, wie soll ich denn im Dunkel mein Bett finden?«

»Ich dachte ... dein Bett ...«

»Ja, mein Bett ... wie ...?«

»O verzeih nur ...«

»Da schaust du. Wo steht es wohl, mein Bett –?«

»Aber, Gerda! Hättest du das doch gesagt. Ich gehe, einen Moment –«

Und er will hinaus, hält voll Scham inne, angelt mit dem nackten Fuß in der Kühle, sieht sie so verzweifelt an, daß sie ihn auslacht. »Dieses eine Zimmer hab ich eben nur. Nein, schau nicht so ängstlich aus, wir werden uns schon vertragen. Leg dich rum, schau dir die Tapete an, gleich bin ich bei dir.«

(›Es ist ein Märchen. Ein Traum. Gleich wache ich auf, und Martha ruft mich zum Kaffee. Aufstehn, junger Herr ...! Gott!‹)

»O Gerda, Gerda, was habe ich gemacht! Ich muß doch nach Haus. Was sollen denn die Eltern denken, wenn ich um sieben nicht zum Kaffee da bin?«

»Gleich legst du dich wieder hin.«

Aber er hat es schon getan, denn im Auffahren sah er etwas Weißes, atmend Bewegtes. ›O Gott ich habe ihre Brust gesehen. Nein, nein, ich darf nicht so an sie denken. Ich beschmutze sie und mich und all meine Gefühle für sie, wenn ich so an sie denke. Aber wenn sie wüßte –!‹

Und wieder kommt die Angst, und wieder bettelt er: »Laß mich doch aufstehen, Gerda. Du weißt nicht, was geschieht –«

»Du bleibst liegen. Das wäre noch schöner, so naß und verfroren gleich wieder heraus. Wo du grade ein bißchen warm geworden bist. Da trinken die Herren Eltern eben einmal allein Kaffee. Was ist dabei –? Ein so großer Sohn –«

»Aber du verstehst nicht, es ist unmöglich –«

Doch sie lacht nur, lacht seine Unmöglichkeiten in den Grund. »Wenn du jetzt nicht ganz still bist, so stelle ich mich wie ich bin, splitterfadennackt, vor dein Bett und nehme dich in meine Arme –«

Er sagt kein Aber mehr, er schweigt, doch er muß immer daran denken, was sein wird, morgen früh, am Kaffeetisch, die Eltern, das unberührte Bett, die Fragen ... Und sein Kopf ist so seltsam heiß, nun dreht sich alles, das Bett scheint unter ihm fortzurutschen, wird lang, länger, schräg, und er gleitet darauf hinab, reißend schnell ... Nein, das ist ja die Warnow. Er steht auf dem Dampfersteg, das Wasser gleitet so schnell unter ihm, gluckst an den Pfosten, als lachte es ... Nun treiben Blasen, schwindlig greift er zum Geländer, will sich halten, aber das Geländer ist fort, er greift ins Leere. Und immer schneller treibt das Wasser, immer schneller, singt leise, kühl, kühl, etwas Weißes treibt darauf, ein Blatt Papier, der Examensaufsatz: Iphigenie, ein Inbegriff deutscher Sehnsucht, nein, es ist eine Blüte, eine große weiße Blüte, und sie treibt näher, immer näher, sie rührt ihn kühl an –: er schreit, er reißt die Augen auf. Da ist ihr Gesicht über ihn geneigt: ein Leben genügt nicht, diesen ihren Blick zu erschöpfen, in dem alles liegt: Liebe, Not, Nichthelfenkönnen und die Angst der zu oft Enttäuschten.

»Ist dir besser, armer Junge?«

»Das ist dein Gesicht, Gerda? O das ist gut. Halte es nahe. Es weht kühl von ihm, aber in mir ist eine Hitze, ich verbrenne. Das ist die Sünde in mir, die den Leib verbrennt ...«

»Was solltest du wohl für eine Sünde in dir haben, mein kleiner Kerl?«

»Das ist die Sünde, daß ich falsch gedacht habe und sündhaft, daß ich hochmütig gewesen bin und ehrgeizig und stolz. Er aber hat gesagt: ich will deine Sünden von dir nehmen und dich rein waschen wie ein Lamm, das zur Scherbank kommt. Nein, das ist nicht der Spruch, den ich meine. Wo steht er doch? Er steht im ersten Buche Mosis und lautet daselbst vom ersten bis zum dreizehnten Vers –«

»Willst du nicht zu schlafen versuchen?«

»Doch will ich das. Sofort. Aber du darfst nicht vergessen, daß Arne in der Schifferade der Bar gesagt hat, daß die Kinderzeiten vorbei seien, verführen müsse ich die Frauen ... denn ich bin ein Mann!«

»Ach der dumme Kerl!«

»Ja, dumm ist er schon. Aber ich muß doch darum zum Frühstück zu Haus sein. Welche Zeit ist es? Halb elf?«

»Jo, hörst du mich, lieber Jo! Willst du hören, was ich sage?«

»Natürlich höre ich dich. Ich höre alles, was du sagst und was Arne sagt. Aber –«

»Jo, sage eines, wie heißt du? Jo, bitte, lieber Jo, wo wohnst du? Ich muß doch deine Eltern –«

»Meine Eltern –?« Und der Kranke fuhr hoch. »Meine Eltern? Fragst du nach denen?« Flüsternd, nach ihrer Hand tastend: »Ich verstoße sie. Ich reiße sie aus meinem Herzen aus. Sie haben mich lügen gelehrt, und nun ist die Lüge eine Wunde geworden über meinen ganzen Leib hin. Und sie brennt. Und ich liege auf dem Rost und brenne ...«

»Jo! Jo!!«

Aber der Kranke hörte sie nicht mehr. Eilfertig huschten die Hände über die Decke, als müßten sie weite Wege zu imaginären Zielen gehen, seine Augen schienen nach innen zu schauen, und er sprach immerzu, mit sich, mit andern, klagte an und verteidigte sich, lächelte, erflehte Vergebung, die er nicht erhielt, und zürnte einem, der zu weinen schien. Es war, als eitere sein ganzes bisheriges Leben in ihm, habe sich in kalten Brand versetzt und kämpfe mit den gesunden Säften seiner Seele.

Neben ihm hockte das Mädchen, mit der Schnauze stieß der kleine Hund an ihre Knie, sie achtete seiner nicht, rastlos glitten ihre Hände über die fieberheiße Stirn, kühlten, strichen die feuchten Strähnen fort. Auch sie flüsterte. War Mutter geworden, sprach zum kranken Kinde, nannte es bei allen Kosenamen, und eine neue Bedeutung stieg aus den abgenutzten auf, da sie in dieser Nachtstunde sie brauchte. Stunden schlugen. Durch die Vorhänge einfallende Strahlen wurden aus Dämmergrau weißlich und weiß, doch immer huschten die Hände, flüsterte der Kranke, war eine junge Mutter selig betrübt.

Abfuhr

Junge Mutter –? Selig betrübte –? Sieh doch diese Kampfbereite, geschlossenen Gesichts, mit kalten Augen! Sieh doch dies Mädchen, gefährlich, wehrhaft gegen den stärksten Mann, wie sie Arne einläßt, auf Anton zeigt: »Da! Wenn Sie mir nicht glauben, schaun Sie ihn an; packen Sie 'n auf und nehmen ihn mit nach Hause.«

»Von Nichtglauben kann nicht die Rede sein, aber –«

»Aber Sie wollten sich mit eigenen Augen überzeugen, und das nennt man eben Nichtglauben.«

»Bitte!« Statt einer Antwort feinfeine Geste, dann: »Also da bist du ja, alter Junge! Kater ausgeschlafen, was?«

Aber der Kranke rührt sich nicht.

Die Wirtin warnt: »Nicht so laut, junger Herr. Eben war der Arzt da, gab ein Schlafmittel. Er ist müde.«

»Der Teufel ist Ihr junger Herr. Ich bin auch müde und muß hier nach dem jungen Hunde rumrasen, um den die Alten schon wimmern. – Josaphat, sei nicht so schlapp, rapple dich auf, komm mit. In deiner Bude kannst du dich langlegen, soviel du willst.«

Lauter: »Josaphat, was sollen die alten Herrschaften denken?«

Aber der Kranke schweigt, sieht wie lächelnd in den tanzenden Lichtstrahl und spricht kein Wort.

»Na –«, und ein Achselzucken. »Was denken Sie sich eigentlich, Beste, was wird –?«

»Von mir aus!«

»Nee, nee, denken Sie nur nicht, daß ich hier einspringe. Schicken Sie man zu seinen Eltern und melden das Strandgut. Ich sage einfach, ich habe ihn nicht gefunden.«

»Dann erfahren die ja von mir, daß Sie ihn gefunden haben.«

»Was –?! Sie würden ...?«

»Selbstredend.«

»Nein, hören Sie ...«

Als die Kubschen eingriff: »Haben Sie sich doch nicht. Nehmen Sie seinen Vater beiseite und sagen Sie so und so und dies und das. Gott, der ist auch einmal jung gewesen!«

»Der –? Bestimmt nicht. Und wenn, hat er's lange vergessen. Nein, nein, ausgeschlossen. Etwas Nettes hat sich das Unglückshuhn da eingebrockt ...«

Als Gerda näher trat. Leise sagte sie's, aber den Blick klar in dem seinen, der abirren wollte, aber festgehalten wurde: »Sie gehen jetzt, sage ich Ihnen. Wäre der Jo wach, er schämte sich meiner nicht, er sagte Ihnen die Wahrheit. Wer hat sich denn so? Sie – der wirklich gemein ist, der die gewöhnlichsten Mädchen ins Lokal schleppt, der immer zotet, Sie tun ja wahrhaftig, als fiele die Welt ein, weil das Kerlchen in meinem Bett liegt, und bloß, weil's Tag ist und die andern davon erfahren könnten. Nein, nun gehen Sie und sagen seinen Eltern Bescheid, daß er hier ist. Was Sie ihnen vorlügen, ist mir egal, ich werde Sie nicht verraten. Aber wenn Sie nicht hingehen, dann schicke ich und dann sollen sie hören, wer ihn zu mir gebracht hat und lächerlich machen wollte mit seiner Keuschheit! Und ... nun gehen Sie!«

»Aber ... bitte ... es war doch nicht so ... wirklich ...«

Jubelnd krähte der Kranke: »So ist es recht, Gerda! Gib es ihm! Gib es ihm tüchtig!«

»Bist du wach? Oh, wie geht es dir? Junge, was habe ich für Angst gehabt –!«

»Das ist recht, Josaphat, daß du wieder zu Verstand kommst. Und nun –«

»Sind Sie noch nicht fort? Sind Sie ... Da geht er hin. Neugierig bin ich nun doch, ob er zu deinen Alten ... Was hast du? Was ist dir, Liebes?«

Der Kranke beugt sich vor, das Hemd klafft, zeigt die kranke bläuliche Haut über der mageren Brust, an den Schläfen kleben die durchschwitzten Haare, Schweiß steht in vielen feinen Tröpfchen auf seiner Stirn, aber langsam und deutlich spricht er: »Falsch hast du mich gerühmt ... Auch ich habe mich deiner geschämt, heute Nacht ... darum ...«

Es ist still. Zeit geht langsam, unerträglich, tropft, tropft unendlich langsam, tropft ...

Und die vielen guten Worte, die Gerda nach einer Weile sagen kann, hört er nicht mehr, er singt: »Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt –!«

Kleines Gewitter

Eine Uhr schlägt zwölf, eine Tür fliegt auf, und in ihrem Rahmen zögert die kleine Dicke, sieht scheu um sich, wird vorgestoßen, und ihr nach kommt mit Gesten, gesträubten Bartes, rutschenden Klemmers, voll Schweiß, Professor Färber. »Ich traue meinen Ohren nicht, was mir da der junge Freund meines Sohnes sagt ... Und hier ... hier ...«

Du am Ofen, du, Gerda, siehst die Eltern nicht, siehst nur den Feind, der auf Raub geht. Wie böse wirst du sein? Wann hast du die Verachtung dieser erlernt mit der ganzen, nichts ersparenden Schmerzgierde des jungen Herzens, dich gegen sie gewehrt, als du erkanntest, wie feige sie war und wie unaufrichtig –? Und wann war es, daß du dich mit ihr abfandest –? Damals glaubtest du nun das Recht erworben, gegen alle böse zu sein, dich gegen alle zu behaupten, mit welcher Waffe auch ... Und nun, da du einen liebst, liebst, liebst, glaubst du dies Recht noch erweitert? Gegen einen weich sein und alle andern hassen, alle, nicht wahr?

Ah, du bist auf dem Lande groß geworden, in der Gemeinschaft stiller Tiere, stiller Gewächse –: eine Zeit muß in deinem Leben gewesen sein, da du an Güte gegen alle glaubtest. Und so leicht schien sie. Schon die Tiere ... o schweige doch! Damals! Damals!

Des Professors Augen sitzen auf Stielen, die Blicke schießen vor, fliehen wie in Angst, an der schlüpfrigen Sünde des Raums hängenzubleiben. Aber die Mutter hat das Kind entdeckt, sie eilt darauf zu, ruft: »Er ist wirklich krank, Altchen! Sieh doch –«

»Ist er krank? So bestraft sich Sünde. Sofort. Gott läßt seiner nicht spotten. – Aber Sie, mein Fräulein, – oder Frau? Ich weiß wirklich nicht –«

»Ich auch nicht.«

»Wie –? Wie –?!«

»Nein!«

»Nein? Was nein –?!«

Ruft die Mutter: »Komm doch, Altchen! Der arme Junge ...«

Und frisch angefeuert legt der Vater los: »Armer Junge –? Sei so gut! Mitleid hieße Sünde. Doch Sie ... wissen Sie, daß Sie sich der Verführung eines Minderjährigen schuldig gemacht haben? Der Junge ist erst siebzehn Jahr! Ich werde Sie bei der Staatsanwaltschaft anzeigen.«

»Bitte! Wenn es Ihnen Spaß macht. Die Herren, die mit mir kommen, zeigen ja im allgemeinen nicht ihren Taufschein vor.«

»Und Sie da, Frau –«

»Kubsch.«

»Kubsch, also Kubsch ... Übrigens ich hatte einen Schüler Kubsch, warten Sie, 1908, Untertertia, faul, phlegmatisch, ständig ut mit dem Indikativ ...«

»Das war mein Sohn.«

Triumphierend: »Also! Da ist ja alles klar!« Wieder in frischem Feuer: »Sie dulden das in Ihrer Wohnung –? Solche ... Aber das ist Kuppelei, und auf Kuppelei steht Zuchthaus. Ich werde Sie ...«

»... bei der Staatsanwaltschaft anzeigen.«

Herumfahrend: »Wie –? Wie denn? Sie erlauben sich ...? Sie ...«

»... werden Sie auch anzeigen.«

»Frech wird das noch! Aber Sie sollen etwas erleben! Ich werde mit Ihnen allen abrechnen. – Alma! Was wird nun? Alma!«

»Herr Professor, ich möchte auch abrechnen. Zwei Flaschen Sekt und eine Nacht habe ich noch bei Ihnen gut.«

»Aber das ist das Ende! Das ist Sodom und Gomorrha! Was fällt Ihnen denn ein! Wissen Sie, wer ich bin?«

»Ich sehe es.«

»Sie ... freilich mit solchem Pack sollte man sich gar nicht erst ... Alma! Alma!! Warum steht denn der Junge nicht auf? Es ist ...«

»Aber er kann doch nicht!«

»Kann nicht? Gibt es nicht. Muß können.« An das Bett tretend, rein väterlich, wenn auch mit angemessner Strenge im Ton: »Anton! Besinne dich, wo du bist. Was hast du getan? Wie konntest du dich so weit vergessen –? Anton!«

Als im Kranken eine Feder einzuschnappen scheint. Er richtet sich halb auf, macht eine große Geste und beginnt schallend: »Ahnst du voll Wonne, was uns am Pippusbogen winkt, während die Sonne ...«

Und die Jungenstimme erhebt sich höher, mit geschlossenen Augen liegt er da, die Stirne gefaltet, aber er vollendet: »... Venus, die Fee, um, segnet die Nacht.«

 

»Nun, wir sind ja sehr fidel heute, junger Freund! – Ah Pardon! Ich bin der Arzt. Wehrfritz.«

»Und ich der Vater ... Ich meine: Professor Färber ... dies meine Frau ...«

»Vom hiesigen Gymnasium?«

»Ich habe die Ehre, dem hiesigen Lehrkörper bereits dreißig Jahre anzugehören. Und wenn ich mich recht erinnere, war auch ein Sohn von Ihnen ...«

»Stimmt! So, und jetzt möchten Sie Ihren Knaben natürlich gern nach Haus haben?«

Der Vater flüsternd: »Sie verstehen. Diese Schande. Aber der Junge hört ja nicht, will nicht aufstehen. Scheint vollkommen betrunken. Auch nur so kann ich mir erklären, daß er –«

Wird abgeschnitten: »Jaja. Aufstehn ist natürlich Unsinn. Im Krankenwagen ginge vielleicht ... Und, Gerda, sag mal, Mädelchen, hat er immer so gesungen, seit ich da war heute früh?«

Sie lächelt. Plötzlich ist sie eine andere, eine ganz andere wie die Herausfordernde, Freche, Beleidigende von vorhin. Gott, ein Mädelchen ist sie wirklich nun, ein Kind, anschmiegsam, sanft, ein Gewächs und so gut –!

Aber der Vater protestiert: »Krankenwagen? Aber das geht doch nicht, Herr Doktor! Die Leute sammeln sich auf der Straße, und in einer Stunde weiß die halbe Stadt, wo mein Sohn –«

»Bitte!« Und sanft, aus seinem Gottvaterbart zu Gerda: »Und die Temperatur vons Kind?«

»Immer noch vierzig.«

»Aber Sie müssen mich anhören, Herr Doktor. Der Krankenwagen –«

»Ich bin für den Kranken hier, nicht für Sie. Wenn Sie ihn nicht transportieren wollen, lassen Sie ihn hier. Ein drittes gibt es nicht.«

»Aber –«

»Bitte!« Der Riesenarm des Alten fährt durch die Luft, und das Männlein fällt zurück, schnappend, erledigt. Dann aber faucht es: »Ja, dann freilich! Ich verstehe schon.«

Sanft fragt der Arzt: »Was denn? Was verstehen Sie –?«

»Oh, wir wollen nicht davon reden. Aber es ist ja bekannt, nicht wahr?« Und rasch und leise: »Sie reden diese – Dame mit du an?«

»Herr! Was unterstehen Sie sich –! Wie können Sie es wagen, mir mit solchem Guano zu kommen! Nicht der Verdacht ist mir eklig, aber weil es Ihr Verdacht ist, Ihr feiger, schmieriger Zelotenverdacht, darum! Und weil ich Ihnen schon längst einmal meine Meinung sagen wollte, darum!«

»Wissen Sie, wer ich bin! Ich bin der –«

»Ruhe«, brüllt der Alte, »jetzt rede ich und jetzt hören Sie zu! Wer Sie sind, sagen Sie? Ein für Lebenszeit sitzengebliebener Untersekundaner sind Sie! Bis zum Xenophon kommen Sie, bis Bellum Catilinae, Sallust, bis Vergil. Und kommen nie weiter. Da haben Ihre Gedanken, Ihre Ansichten aufgehört und mit fünfundfünfzig sind Sie noch immer fünfzehn! Sehen Sie sich doch im Spiegel! Auch körperlich ein überarbeiteter, blutarmer Jüngling. Nicht einmal einen ordentlichen Bart haben Sie! Und Sie wollen richten! Sie wollen Anspielungen machen! Sie wollen ein Mädel anschmieren, das zehnmal soviel durchgemacht und ertragen hat wie Sie, der durch Standesvorrechte und Denkunvermögen vom ganzen Leben fernblieb?«

»Weil Ihr Sohn sitzengeblieben ist ...«

»Ja, weil mein Sohn sitzengeblieben ist! Aber jetzt gehen Sie, denn nun schimpfe ich nur noch, und was Sie hören sollten, haben Sie gehört! Ihnen hilft es freilich nicht, aber mir hat es geholfen, Sie Auskehricht, unnützer, Sie Arschpauker, Sie –«

»Alma, wir gehen! Ich befehle dir ...«

»Ab! Und Ihren Sohn lassen Sie durch das Krankenauto holen, sonst bekommen Sie ihn nicht.«

»Alma!«

Aber die Frau fragt den Arzt: »Ist es sehr schlimm?«

»So lange ist es nie sehr schlimm. Pflegen Sie ihn nur gut. Und keine Vorwürfe, keine Ermahnungen. Wahrscheinlich wird er diese ganze Geschichte vergessen haben, wenn er zur Besinnung kommt. Ihr Arzt soll mich anrufen. Empfehle mich, gnädige Frau.«

Und ihr nachschauend: »Auch so eine Pute, der man alles in den Mund schmieren muß. Dumm sind diese Weiber ... Na!«

»Wird er wirklich alles vergessen?«

»Wenn ich es doch sage, Gerdakind! Ruhe ist wichtig, nicht? Und Eltern können so nölen, so schrecklich nölen, was? Ich bin selbst Vater. Adieu auch.«

Mutter und Sohn

»Fortschleichen? Feige Flucht? Oh, nur Erdientes wird Verdienst; ich habe Klagen und Abwehr zu ertragen, aber sprechen muß ich, den Eltern sagen, daß ich nicht will. Freilich –«

Anton springt auf, die Decke gleitet zur Erde. »Verdammtes Herz! Es gibt kein freilich. Ich sage es ihnen, sage sofort ...« Und wendet sich ängstlich horchend: »Herein! – Ja Mama?«

»Du läufst schon wieder herum, Anton, und der Arzt hat doch gesagt, du sollst dich noch schonen.«

»Verzeih, es geschah in Gedanken. Ich setze mich schon.«

»Ja, und das Denken! Papa hat dir so viele gute Bücher hin gelegt, aber nie liest du darin. Immer sitzt du und grübelst. Und das viele Grübeln ist auch ungesund.«

»Neinnein, natürlich werde ich lesen. Laß sehen –«

»Wart, ich hole sie dir. Bleib doch, ich kann ja so gut –«

»Nein, Mama, wirklich. Du sollst nicht –«

»Hier, Junge. Und dies schenke ich dir. Ich habe es dir gekauft. Es ist eine Sonderausgabe, vom Buch Ruth. Ich weiß ja nicht, ob es noch dein Geschmack –«

»Das Buch Ruth, Mutti –? Nein, höre einmal ...«

»Lies es mir zuliebe, Tonerl, ich bitte dich –«

Und plötzlich wirft er den Kopf auf den Tisch – helles Verwundern steigt in ihm auf: was tue ich denn? –, wirft den Kopf auf den Tisch und weint los, laut, schluchzend, wie er als Kind geweint, ein bißchen klagend, ein bißchen wimmernd, mit vielen Vokalen. Weiß das alles, tut's weiter, fühlt sich erlöst, und schon liegt der Kopf der Mutter neben dem seinen, ihre Haare kitzeln ein wenig, stören ein bißchen, aber nun geht ihr Schluchzen neben dem seinen, sie fühlen nicht, wessen Tränen die Wangen feuchten, die deinen, die meinen: sie weinen.

»Das ist das Leben, Junge, das Leben. Aber es wird wieder gut, glaube mir.«

»Nein ... nein ...«

Und steht plötzlich. Noch laufen die Tränen über sein Gesicht, das böse ist. »Geh, geh, sage ich dir. Nicht so. Ich will nicht weinen. Ich darf nicht – so mit dir weinen.«

»Was hast du? Bist du böse auf mich?«

»Nein, nicht auf dich. Auf mich. Geh, ich bitte dich.«

 

»So weit wären wir also nun: Heuchler. Mit der Mutter geweint, die an Reue glaubt! Und grade beschlossen, zu ihnen zu gehen und zu sagen –!«

»Und doch! Doch! Ich bin ehrlich gewesen, als ich beschloß, ehrlich, als ich weinte. Nein, nicht aus Reue geweint. Sondern weil ich weiß, daß ich ihr Schmerzen mache, größere noch, nun, wenn ich von ihnen gehe zu jener und all dieses lasse, alles ...

Mach es dir klar, Anton, alles! Keine Bücher mehr und gestorben für die, mit denen du aufwuchst. Ein Dasein wie Kinofilm, Außendinge nur, und was dem blöden Erleben allein Sinn gibt, ist die Liebe, an die wir glauben müssen. Freilich ...

Wie das winkt! Wie sie lockt, jene kleine Wartende dort hinten; das Gefühl, ein Menschenantlitz ganz zu eigen zu haben, sich fortschenken, ewig und immer empfangen ... Und das Gefühl, dies kommt einmal und nie, nie wieder ...«

 

»Aber warum stehe ich hier? Denke tausendmal Durchdachtes? Warum spreche ich nicht mit den Eltern und eile fort zu ihr, die wartet? Warum nicht? Ist nicht alles beschlossen –?«

»Ah, beschlossen wohl, aber noch wartet das Herz, zögert, hofft immer noch, Äußerstes bliebe erspart, wartet ... O ich kann nicht! Ich will und kann nicht! Ich wage nicht. Und es wird zu spät sein, bald schon zu spät ... und ich warte ...«

 

»Hier ist dein Frühstück, Tonerl. Iß das Ei nur gleich; es wird grade sein, wie du's magst.«

»Danke schön, Mutti. Und was macht Papa?«

»Er läßt grüßen. Ach, er hat so viel Ärger mit der neuen Klasse!«

»So? Aber ich denke, da ist doch Kunkel drin und Beggerow und Peuß –«

»Grade der Peuß, der ist der Schlimmste! Treibt sich am hellen Tage mit Mädchen rum. Papa hat ihn selber gesehen. Und –«

»Glaubst du, Mama, daß es viel Zweck hat, wenn du mir so was erzählst?«

»O sei nicht böse, Jung. Nein, natürlich. Ich habe vergessen ... Sieh nur, wie schön heute die Sonne scheint. Bald kannst du nun auch wieder –«

»Ja, ja, schon gut! Laß nur. Aber ... das muß ich sagen, tun braucht ihr nicht so, als sei ich ein Schwerkranker. Als Gesunder habe ich das getan! Als Gesunder! Und das Beste war es und das Schönste – . Und daß ihr da so duckerich herumschleicht, mit Getu und halben Worten, das ist gemein von euch! Das ist ...«

»Aber setz dich doch, Tonerl! Setz dich hin. Siehst du, nun hat es dich wieder, nun weinst du schon wieder. Wie dumm von mir, dich so aufzuregen! So, die Decke schön über die Knie. Es zieht immer noch kalt herein. Papa wird schön schelten, wenn er hört, was ich da angerichtet habe! Hast du auch ein Taschentuch! Warte, ich hole ein frisches, dies ist nicht mehr gut. Ja, sehr krank bist du gewesen, das wirkt nach. Lange. Aber dann auf einmal bist du wieder froh, dann ist es der Lebensmut ...«.

»Ja, laß schon, Mama. Und du hast gehört, was ich gesagt habe: das Beste und Schönste ... Übrigens ist es ein Ekel, davon zu reden. Dann wird alles Kitsch.«

»Ein schlechtes Mädchen ist das gewesen. Ein ganz schlechtes!«

»Ja ... ja ...«

»Und Papa hat sich auch nach ihr erkundigt: soviel Liebhaber wie die ... verführt hat sie dich!«

»Bitte, Mama.«

»Und auch der Arzt da – aber das weißt du nicht mehr, da warst du zu krank –, das war ein Kerl, wie gemein der geredet hat –«

»Doch, ich erinnere mich; einen langen Gottvaterbart, nicht?«

»Der mit seinen grauen Zotteln ... und der Kellner in dem Lokal, den hält sie aus ... und mit dem andern Mädchen da, einer Rothaarigen ... man kann es ja gar nicht sagen; daß es so etwas gibt ...! Immer heißt es, wir haben eine Polizei, aber für solche ...«

»Willst du nicht lieber von etwas anderm reden?«

»Aber sagen mußte ich dir es doch einmal, Tonerl, es drückte mir das Herz ab, daß mein reiner Junge mit so einer ...«

»Also ...«

»Und wenn du nicht krank gewesen wärst ..., aber so etwas wittern die sofort ... und dann sind sie hinterher wie die ...«

»Ich lese jetzt, Mama.«

»Das ist recht. Und bitte, Tonerl, lies jetzt in der Bibel, es sieht gut aus ...«

»Warum soll es gut aussehen?«

»Und es tut dir auch gut. Es kommt nämlich Besuch.«

»Aber ich will keinen Besuch!«

»Doch, dieser freut dich gewiß. Onkel Otto kommt nämlich. Auf der Durchreise –«

»Onkel Otto? Und so ganz zufällig –?«

»Ja, denke dir. In Berlin ist Missionsversammlung, und weil der Umweg über Rostock ja nur klein ist ...«

»Auf der Durchreise –?«

»Ja, und da will er dir zuliebe ... er möchte gern mit dir sprechen –«

»Mama, das hättet ihr euch nun wirklich schenken können.«

»Nein, ich weiß, du wirst dich freuen. Und Papa war auch so dafür.«

»Übrigens ist es egal. Tut, was ihr wollt. Raus kommt doch nichts dabei. – Ich lese jetzt, Mama. Die Bibel für den Onkel Superintendent.«

Onkel Otto

Krachend versank der Onkel in einem Korbsessel, schwoll violett an, räusperte sich und begann: »Heiß haben wir's.«

»Achtzehn Grad.«

»Réaumur?«

»Nein, Celsius.«

»Das ist eigentlich nicht so viel.«

»Nein eigentlich nicht.«

»Ich dachte, daß wir es wärmer hätten.«

»Ja.«

Und der andere stöhnend: »Für einen Frühlingstag ist es schließlich warm genug.«

Nein, es war nicht nur die Abneigung des Mageren gegen den fett Gedunsenen, die den Neffen packte, mehr noch erzürnt war er über diesen, der mit ödem Dreckseich daherkam, fest überzeugt, seine Anwesenheit genüge schon, alles zu schlichten. ›Wie er in den Sessel hineinplatzt, wird er in meine Innerlichkeiten hineinfahren, mit einem öden Schema bewaffnet, das ihm das einzig gültige ist, an dem Zweifel schon verdammenswert. – Und ich bin schwach gegen ihn. Zu sehr habe ich ihn früher bewundert, wenn er auf dem Hofe wirtschaftete, ein widerspenstiges Pferd zuritt, Erntefuder auf die Tenne schob, Säcke zum Boden trug. Wie sanft konnte er sein, dieser Fette, zu einer kalbenden Kuh, zu einem halb ertrunkenen Gössel, fast zärtlich sind diese Wurstfinger, wenn sie den losgerissenen Obstbaum am Pfahle anbinden. Ja, ein Bauer ist er, ein tüchtiger, und fast wehrlos macht es mich, daß ich ihm damals so viel Recht in mir gab. Aber nur daran will ich denken, daß er mir heute als Quäler kommt, mich noch mehr zu schwächen ... und ich dulde es nicht ...‹

»Nein, ich rauche nicht.«

»Wie du denkst. Eigentlich bist du schon in dem Alter, daß du mal rauchen kannst.«

»Nein, danke.«

»Ach natürlich, deine Lungenentzündung. Das ist vernünftig.«

Wütend: »Nein, nicht so. Bitte, gib mir eine.«

»Wirklich? Wie du willst. Genug sind da für uns beide. Und wenn sie alle sind –«

»... kaufen wir neue. Das kennen wir schon. Aber wovon?«

»Wovon –? Na, du bist gut! Vom Gelde.«

»Freilich, vom Gelde. Aber von welchem Gelde –?«

»Welchem Gelde –?«

»Ja, welchem Gelde –?!«

»Das muß man dir lassen, du kannst fragen.« Der Dicke sann. Ja, wirklich, er dachte nach, das Gesicht veränderte sich, das schweinisch Gedankenlose fiel ab; dieses Gesicht zerlegte sich, gliederte sich, Sinn bekam jede Falte, etwas ein wenig Hilfloses und Bestürztes erschien, zugleich eine Hartnäckigkeit, die Vertrauen erweckte.

›Muß ich auch hier noch zweifeln?‹ fragte sich der Junge. ›Vielleicht war mein Urteil vorschnell, vielleicht ist er ein ganz anderer, wie ich meine? Dürfte ich ihn doch verachten, uneingeschränkt, wie viel leichter ... Verachten? Nun werde ich wohl niemand mehr verachten dürfen, fragte ich das nicht einmal? Neinnein, ich will nicht mehr, alles zerfällt, ich entgleite ...‹

Der andere schien sich zurechtgefunden zu haben. »Ach, so meinst du das! Aber mein Superintendentengehalt spielt wirklich kaum eine Rolle. Die Hauptsache ist der Hof, und da arbeite ich.«

»Aber das andere nimmst du doch und, vor allem, bist du!«

»Freilich! Doch woher weißt du, daß es Schwindel ist –?«

(›Au fein! Sieh da! Dumm ist der gar nicht!‹)

»Ich glaube nicht, daß ich etwas von Schwindel gesagt habe.«

»Aber wenn du solche Diskussion nicht wünschest, solltest du dich nicht so weit vorwagen, lieber Neffe. Also –?«

»Gut denn, ich habe es gedacht.«

»Na schön. – Sieh mal, es ist natürlich ausgeschlossen, daß ich dir jetzt in einer halben Stunde meine ganze Entwicklung erzähle, und außerdem: so was glaubt sich erst, wenn man es sieht. Und da denke ich, du wirst nächstens mal ein paar Wochen zu Besuch zu uns herauskommen, schaust du dir das am besten einmal an. Du hast doch keine Bedenken, mich zu besuchen?«

»Nei ... n. Nein.«

»Das beruhigt. Schön. Aber was ich sagen wollte ... laß dir da nur einmal eine kleine Geschichte erzählen, die ich kürzlich erlebt habe. Ist da eine Landarztfrau bei uns, halb Dutzend Gören, er natürlich ganz Darwinist, Haeckelmann, und sie brav in seinem Fahrwasser. Schön, wie das so kommt, der Mann macht dumme Geschichten, verplempert sich irgendwie, schießt sich tot. Und zwei Tage darauf ist die Frau bei mir, sagt: ›Herr Superintendent, so und so, als ich klein war, da hatte ich meinen Glauben, und als dann mein Mann kam, hatte ich seinen Glauben, und das war schön, aber nun, so ganz allein, möchte ich wieder zu Gott heimfinden, es ist doch leichter!‹ Siehst du, da hast du ...«

»Aber, aber ...«, unterbrach ihn Anton erregt, »das ist ja gemein! Diese Schamlosigkeit! Das wechselt man doch nicht wie Wäsche!«

»Diese Schamlosigkeit, lieber Junge, ist eigentlich der einzige Trost auf der Welt. Daß wir nämlichen den Glauben wechseln können und immer neu hoffen. Sonst –«

»Aber doch nicht so! Das ist doch ...«

»Aber das steht augenblicklich gar nicht in Frage. Sondern darum handelt es sich, daß für diese Frau und für tausend andere Menschen jemand da ist, der ihnen hilft. Und wenn er nun selbst mit einer Lüge hilft, er hilft doch!« Plötzlich war da das trübe Gesicht, das vor Antons Blicken verschwamm, wieder ein ganz anderes geworden; ein scharfes, ein junges Gesicht, mit entzückenden Spottfältchen um die Augen, lächelte zart, fragte leis: »Hast du nie einen Menschen aus Liebe belogen, um ihm zu helfen –?«

Anton schwieg, aber in ihm schrie's: ›Eben erst! Eben erst die Mama. Daß ich mit ihr weinte ...‹

Und der Onkel, als hätte er gar keine Antwort erwartet, fuhr ruhig fort: »Also sieh mal, selbst gesetzt den Fall, ich löge, was ganz und gar unrichtig ist, wäre auch das noch nicht einmal so schlimm, sondern vielleicht gar von dir zu entschuldigen. Also – kann ich und darfst du in aller Ruhe diese Virginia rauchen, selbst wenn sie von meinem Gehalt gekauft ist.«

Wozu der Onkel fidel und aufgeräumt lächelte, plötzlich wieder der dicke Geistliche. Aber nun verlor Anton den Kopf; dieses Parlamentieren, diese Vorreden hatten ihn ermüdet, seine Aufmerksamkeit abgelenkt, die Angriffstimmung gebrochen, ihn selbst zu einer Verteidigung unfähig gemacht. Und in der Furcht, bei längerem Zuwarten könnten seine Nerven ihn ganz im Stich lassen: »Das ist alles ja ganz schön und gut, aber – wollen wir nicht endlich zum Thema kommen?!«

Onkel Otto glotzte. »Zum Thema?«

»Freilich zum Thema! Denn du willst mir doch wohl nicht einreden, daß du die Reise von Martensdorf nach Rostock gemacht hast, mich davon zu überzeugen, daß du ein – religiöser Seelenhirt bist?«

»Und was sollte denn unser Thema sein? Etwa?«

»Ach Onkel –!« Nun gaben die Nerven wirklich nach, Anton fühlte mit Entsetzen, wie sich alles in ihm entspannte, wie die Tränen in der Kehle würgten, daß er in fünf Minuten schon allem ja sagen würde, nur um allein zu sein ... »Soll ich dich wirklich erst in Gang bringen? Habe etwas Mitleid! Mit meinen Nerven ...«

»Aber ich weiß wirklich nicht ...«

»Schon gut! Schon gut! Dann eben nicht! Aber ich mache dich darauf aufmerksam, Onkel ...« (›O wie häßlich schreie ich! Ich darf doch nicht so abscheulich kreischen!‹) »Ich mache dich darauf aufmerksam, daß ich beim ersten Worte über Gerda das Zimmer verlassen werde und ...«

»Gerda! Welche Gerda –?«

»Welche Gerda! Tue doch nicht, als seist du vom Monde! Aber ich komme nicht wieder! Ich komme nicht wieder! Bestimmt nie!«

Und da war das Weinen da, würgte in der Kehle, schnellte die Schultern hoch, krümmte den Leib, aber dieser Wutteufel raste weiter in ihm, zwang ihn zu wilden Gebärden, zwischen Schluchzern hervorgeschnellten Ausrufen: »Wie ihr mich alle elendet! Laßt mich doch in Ruhe! Ich mag dies nicht mehr. Ich will ...« Und er weinte, floß aus darin, schwemmte fort und hörte doch so gierig auf die ruhig behutsame Stimme des andern, der da leise auf und ab ging und gar nicht zu ihm zu sprechen schien.

»So ist das! Aber es ist zum Bangewerden. Hat man sich geschnitten, so wird die Wunde verbunden und das Glied geschont, hat man aber in seiner Seele eine Wunde, so sticht alles hinein. Das heißt, es scheint nur so, aber es ist gleichgültig, ob es so ist oder scheint: weh tut es allemal. Wenn wir nicht ganz mit uns im Gleichgewicht sind, wenn da eine schwache Stelle in uns ist, so fällt alles Erleben auf diese Stelle und vergrößert den Schmerz. Und ein Wunder bleibt es, daß so eine Stelle je wieder ausheilt, aber das tut sie, wie ist nicht zu erklären, eines Tages ist sie heil ...«

Der Dicke hielt inne, wandte sich zum Fenster, und nun sprach er, schien's, zu dem Blütenast draußen: »Jedenfalls kann ich dir die Versicherung geben, daß ich von einer Gerda nichts weiß. Deine Eltern haben mir geschrieben, dir ginge es schlecht, du seiest krank gewesen, auf eine schriftliche Einladung würdest du doch nicht reagieren, ich möchte kommen und dir zureden. Das ist alles. Da liegt der Brief der Eltern, überzeuge dich selbst. Nein, bitte, ich weiß, was in solcher Lage Mißtrauen tun kann. Freilich kannst du sagen, der Brief sei zugerichtet und ich eben mündlich instruiert. Aber was hätte es denn für einen Zweck, mich zu instruieren, wenn ich doch nicht über das Thema reden will? Und ich will nicht. Vielleicht, daß du einmal willst, dann bin ich natürlich bereit. Jedenfalls habe ich deine Zusage für Martensdorf. Was meinst du zu Montag? Na schön. Und nun mach dich zum Essen zurecht; wir essen doch gemeinsam?«

Der Onkel ging. Doch in der Tür drehte er noch einmal um und sagte, nebenbei: »Vielleicht denkst du einmal daran: ›Es ist doch leichter so!‹ Was –?«

Da wußte er die Antwort: »Aber es soll nicht leichter sein!«

Der Traum

Zum Waschbecken ging er, beugte sein Haupt vor, ließ Ströme des Kühlen über das Glühende gleiten, doch immer von neuem brannte sie heiß hindurch, die Haut, und die gesuchte Linderung wich dem Drängenden aus. Da ging er zum Sofa, ausgehöhlt von einer Unruhe, für die er keinen Namen und nicht einen Grund wußte, lehnte sich zurück und versuchte einzudämmern. Das Ticken der Weckuhr vermurmelte, die Geräusche wurden flach, als strichen Hände darüber hin, sie abzuschleifen, dann schwoll das Ticken an, wurde hart, laut, lauter, nistete sich in sein Ohr, bekam Rhythmus, Wortlaut selbst, und nun hackte es in ihm: Ich muß ja – zum Essen gehen! Ich muß ja – zum Essen gehen!

Aber die Hitze wuchs, noch mehr zerrte die Unruhe, warf den Körper hierum, dorthin. Dort war wie Linderung, und da er den Atem stiller gehen ließ, schien's der Wind vom Fenster zu sein, der so kühlend sich auf die Wangen legte, die Lippen weich und still machte. Das Verlangen wuchs aus Wunsch zum Willen, ihn zu spüren, diesen Kühlewind, über die ganze heiße Dehnung und Verschwellung des Leibes: da zerrte er schon an den Knöpfen, riß an Haken, warf alles zurück, das Weiße der Wäsche und das Schwarze der Kleider, glitt auf das Sofa und dehnte sich befreit.

Und nun blies der kühlende Wind über heilsam erschauernde Haut. Nun glitt es wie Streicheln des größsten Atems über das verhetzt Erhitzte, und die Güte einer nicht liebegebundenen Weltseele war's, die allein so kühlen konnte. Hinter den schmerzenden Augendeckeln glomm ein kleiner Traum auf, ein Julitraum von Glück, unklar, verschwommen zuerst, doch nun unterschied er belaubte Zweige, die gefiederten Blätter eines Walnußbaums, eine weiße Bank darunter, Rosen rankten, Geißblatt fiel von Fichtenstützen, ein Bienenhaus ... Und über eine sanfte Wiese gingen zwei, verschränkter Arme, beide in Weiß; mit ihrem Haar wehten die Birkenäste, Blumen huschten und erblühten zwischen den Schritten, ganz in der Ferne riefen Hörner, und ewige Wolken reisten stetig und langsam im Blauen über den besonnt glänzenden Häuptern.

Näher kamen sie, nun unterschied er die beiden einander zugeneigten Gesichter, seine Hand hielt ihr Haupt im Nacken – und er kannte die Hand. Sein Gesicht neigte sich über das ihre – und er kannte dies Gesicht. Ein seliger Abglanz schwoll auf beiden wie ein endlos ausgehaltener, immer aufs neue verstärkter Orgelton ... Nun wehten ihre Wimpern, vom Lippenhauch gestreift, zu, so nahe, daß er erschreckt zurückfuhr, aber es war, als fiele ein endlos seliger Vorhang über eine herrliche Landschaft, fiel, fiel – Engel jubilierten –, war meergrün, wechselte in tieferes Blau, fiel, fiel, wechselte in Schwarz, ward ganz dunkel, daß er nichts mehr sah, nur die Ahnung dieses endlosen, rasenden Sturzes war noch da und eine Stimme rief: »Mittagessen!«

»Ja doch!«

»Mittagessen!«

Er erhob sich langsam, taumelnd. Durch das Zimmer lag ein breiter goldener Sonnenbalken, in dem Stäubchen tanzten, fielen; er endete bei dem gebrannten Spruchsegen, und mechanisch las Anton die Worte: »Der Herr ist meine Zuflucht, die Liebe aber mein Berg Tabor.«

»Die Liebe aber mein Berg Tabor –? Seltsam. Was heißt das –?« fragte er sich grübelnd, als er treppab stieg. Dann kam ihm die Idee, daß er träume, noch nicht ganz wach sei, denn seine Gedanken und selbst die Dinge um ihn schienen sonderbar verändert, – und selbst die Treppenstufen, auf denen er hinabstieg, waren nicht mehr hölzern, sondern ein Gewachsen-Wachsendes, das im Begriffe stand, unter seinem Fuß Laut zu geben und ein Unerhörtes zu sprechen. Die grüne Samtportiere verweilte auf seiner Schulter, ihr Gewebe schien sich zu lösen, nein, es war, als ginge er durch sie hindurch, ließe seinen Leib durch sie hindurchstreichen und schlösse sich hinter ihr wieder auf eine magische Art, unbeschädigt und doch verändert, als sei seinem Leib nun ein Partikel jener Schultern infiziert, die schon durch den Vorhang geschritten, ihn gestreift, ihn hastig, ihn gleichgiltig zurückgeschlagen hatten.

Aber nun war er im Speisezimmer. Die andern saßen schon da, am Kopfende des Tisches der Onkel, neben ihm links und rechts Mama und Papa, unten sein Platz frei. Sie sahen nicht auf, blickten in ihre Suppenteller, in denen etwas Rötliches schwamm, und so konnte Anton unbemerkt seinen Stuhl erreichen. »Ach, Tomatensuppe«, sagte er, zum Löffel greifend.

»Ganz recht«, setzte der Onkel ein, als habe er diese und grade diese zwei Worte erwartet, »dies ist der gekochte Saft und das gekochte Mark des Liebesapfels, auch Tomate genannt.« Und er griff in die Tasche seines faltigen Rockes, zog eine dunkelrote Tomate hervor und zeigte sie zwischen zwei Fingern hoch.

Doch der Vater griff danach, hielt sie vor sich hin, genau wie der Onkel, blickte starr darauf und fuhr fort: »Eines der wenigen zur Familie der Nachtschattengewächse gehörenden Pflanzenreises, dessen Früchte ungiftig, ja, dem menschlichen Gaumen zuträglich und angenehm sind.«

Doch schon war die Mama an der Reihe: »Man macht diese zuträgliche und angenehme Suppe mit Mehl sämig – ich nahm das knistrige Kartoffelmehl ...«

›Wie verrückt reden sie, wie verstiegen!‹ dachte Anton. ›Oder ist es vielleicht ihre Art so? Beobachte ich heute nur besonders scharf? Es kam mir schon vorhin so vor – ah, ich bin daran!‹

Zwischen Zeigefinger und Daumen drehte er den rötlichen Apfel, dessen Haut seidig und kühl, geheimnisvoll unter seinen Fingern strammte und wich, als ein Automat in ihm losschnurrte: »Das knistrige Kartoffelmehl, das aus der Stärke der Kartoffelknolle gewonnen wird, auch eines Nachtschattengewächses, dessen Früchte oder Beeren hinwiederum durch ihren hohen Solaningehalt giftig sind.«

Die Tomate flog auf den Onkel zu, er empfing sie mit seinem Tischmesser, sie zerteilte sich im Fluge, noch im Fallen streute er auf die saftigen Schnittflächen Salz und Pfeffer, und mit jeder Hand bot er Schwester und Schwager das Gericht. »Man nennt es eine Barbarei, diese Früchte mit Pfeffer ...«, begann er von neuem.

Aber Anton hörte nicht mehr. Sein vom Schnellen der Tomate in die Ruhelage rückkehrender Arm hatte die Messerbank berührt, eine unerwartete Kühle hatte seine Nerven erschreckt, er sah auf den Arm, seine Brust, an sich nieder – rieb seine Augen, atmete einmal ganz tief, aber es blieb, wie es war: er saß splitterfadennackt am häuslichen Mittagstisch!

Sein erstes Gefühl war: aufspringen, davonlaufen; doch wie leicht konnten sie dann aufschauen, seine Blöße entdecken. Unglaublicher Gedanke: sie hatten noch nichts gemerkt! Nein, es schien so. Der angstvoll und scheu Aufblickende sah gleichmütige Mienen, unbeschäftigte, alltägliche, aber doch wie aus der Alltagsbasis verschobene ..., er hörte die seltsam verstiegenen Worte, die mit abseitigen Ausdrücken glatteste Alltäglichkeit verbrämten, und er tastete nach der Serviette – »Gott sei Dank, die ist wenigstens da« –, schlang sie um seinen Hals, zerrte sie vorn auf den Bauch hinab und preßte die nackten Arme fest an die Stuhllehne, während eine wilde Unruhe ihn aus dem Zimmer jagen wollte, indes ihm sein Verstand das Bleiben befahl. »Es ist sicherer so. Ich lasse sie alle aufstehen und hinausgehn. Und dann schleiche ich fort.«

Aber das Fleisch juckte schlimmer, er mußte in seinen Schoß spähen, wo das neue bräunliche Haar so erregend wuchs, ein Muttermal am Oberschenkel saß höhnend grell dort. Ein Gefühl wuchs, als habe er allein die Schmach und Schande, so nackt sein zu müssen: ein haarloser, kärglicher Leib, spärlichen, ungesund gelblichen Fleisches, indes doch die andern – alle! alle! bekleidet seien, Kleidermenschen selbst ohne Kleider, und die Schmach solcher Nacktheit allein für ihn bereitet sei.

»Mann!« sprach die Mutter, »unser gemeinsamer Sohn Anton ißt seine Taube nicht, obschon es eine junge Taube ist.«

»Verzehre sie, Anton, verzehre sie immerhin.«

Aus weiter Ferne drangen diese Worte zu ihm, er lauschte auf die Nähe, die Tür hinter ihm hatte ein leises Geräusch gemacht; nun strich es heran, behutsam, sacht, streifte ihn seidig, und neben dem Onkel saß sie am Tisch, sie! Gerda! Neigte ein wenig das Haupt und lächelte.

Doch dies seltsame Mahl ging fort, niemand schien jemanden zu sehen, immer sprach einer und spickte seine Sätze mit entlegenen Worten, die niemand hörte außer dem angstvollen Anton, sondern jeder nur Automat seiner selbst, der sein Sprüchlein knarrte und schwieg ... Sprüchlein knarrte und schwieg. Schauer liefen heftig über Antons Leib, sein Blick trübte sich, er konnte nicht mehr unterscheiden, ob jemand ihn vielleicht doch angesehen, die Serviette ging auf, fiel in den Teller, färbte sich fettig braun, und da war es, als habe ihm Gerda rasch und verstohlen zugezwinkert. Er sah hin: nichts. Aber dies Zwinkern wiederholte sich, es sprang aus dem Winkel, die Facetten der Lampe zwinkerten blau auf und erloschen, über das Gesicht des Onkels lief ein boshaftes Zucken, als könne er Lachen nicht ganz mehr unterdrücken; des Vaters Klemmer stürzte in das Kompott, wütend riß er ihn an der Schnur heraus, schleuderte den spritzenden von sich, und wie ein Vogel ritt er durch die Luft auf Gerda zu, die ihn gleichmütig einfing, ihren Seidenrock hochnahm und daran abrieb. Der Vater zerrte an der Schnur, er flog zurück auf die Nase des Herrn, von der kleine zuckende Rinnsale zum Munde liefen.

Laut klagend rief die Mutter: »Er ißt nicht! Unser gemeinschaftlicher Sohn, Gatte aller Gatten, ißt nicht!«

Kalt sagte der Vater: »Seiner Nacktheit schämt sich wohl das Kind.«

Der Onkel brummte: »Auf eure Leisten aber werde ich Geschwüre setzen und auf eure Lenden das Horn des Herrn«, wozu Gerda schrill lachend über den Tisch jubelte, mit den Händen applaudierend.

»Ich bin verraten!« schreit Anton klagend und springt auf. Die Serviette ist zurückgeglitten: er ist nackt, er ist nackt! Alle starren auf ihn, ihre Gesichter haben etwas gespenstisch Bekümmertes ... Und er fühlt mit Schrecken, wie sein Fleisch sich rührt, er muß fliehen, sonst geschieht Unglück – gleich! gleich! –, aber seine Füße kleben am Boden, er kann nicht ... Ein wahnsinniger Taumel jagt durch ihn ...

»Gerda! Gerda, sieh weg!« schreit er jammernd.

Aber sie blickt auf ihn, blickt mit diesen ruhevollen grünen Augen ein wenig traurig auf ihn, der sich zu fliehen bemüht, seine Blöße bedecken will, seine Geilheit kaschieren und sich immer schlimmer preisgibt ...

Blickt auf ihn ...

Auf ihn ...

Eine Stimme schreit: »Mittagessen! Anton! Höchste Zeit! Mit – tag – essen!«

Er blickt um sich: angekleidet liegt er auf dem Sofa, und sein Blick fällt auf das Spruchband: »Der Herr ist meine Zuflucht für und für.«

Angst

Im Zimmer stand er. Sah an sich hin, zitternd. Eine Angst verzog sein Gesicht, wie ein kümmerliches Lächeln war es. Angst, als würde sich alles um ihn in dieser Sekunde noch verwandeln: Tisch, Stuhl, das Sofa, und er nichts mehr erkennen. »Was geschieht mit mir –?« fragte er leise.

»Wie hat sich die Welt gewandelt seit jener Nachtstunde? Bin ich nirgend mehr zu Haus? Fremd, fortgegeben, eine sinnlose Welt?«

Worte des Betens wollten ausgehn aus seinem Mund, aber ihr Sinn staute sich im Hirn, lag wie Blöcke dort, verwirrend, und er irrte um sie.

Da ließ er sich fallen. Vor so entfremdeter Welt fiel ab von ihm die Kraft seines Verlangens, sein Sehnen zerbrach, und es blieb nur das eine, dieses: Hinabstürzen in das Eßzimmer, zu den Eltern, zum Onkel, seine Hände fassen und flehen: »Ich will reisen mit dir! Sofort reisen!«

Und der Onkel sprach sanft: »Aber gewiß doch, Junge. Wir fahren noch heute. – Und nun wollen wir uns stärken,«

Worauf er das Tischgebet absang.

Im Garten

Besonnt lag der Garten. Die kleinen Vögel liefen hurtig durch seine frisch und dünn belaubten Zweige, die Bienen zogen zu den blühenden Johannisbeersträuchern, der leise Westwind verlor sich in den Gängen voller Gras dem Flusse zu. Hier, wo im trocknen Boden die Hühner ihre Sandnester gescharrt hatten, lag Anton, auf dem Rücken, nach den Wolken blinzelnd und wundersam erwärmt von der Sonne, die immer noch eine tiefere Stelle seines Leibes zum Einnisten und Einkuscheln zu finden schien. So war es schön! Die kleinen gezackten Blätter des Stachelbeerstrauchs tanzten leise über ihm, die Sonne wärmte Gesicht und Hände, und rechts unten, wo Erlen standen, sprach immerfort der Fluß seine nahen Worte.

Hier, dem so Liegenden, war es unmöglich zu glauben, daß es Stadt, enge Gassen, in die schwer und naß Dunkelheit einbrach, daß es solch alles gebe; Welt war frei, besonnt oder überwölkt, und völliger Nonsens war's wohl zu glauben, neben der Weinhandlung hause der Papierfritze, dann der Optiker, und hinter ihm tue sich der bunt bemalte Flurschlund der Bar auf ..., da doch ein Hochblick belehrte, an den Garten stieße Sommerung, dann Wiese, dann ein grasiger Hügel, dessen Schopf Birken waren, und dann der Himmel mit Wolken, mit Glanz und, nächtens, dem flimmernden Gepunkte endloser Sterne ... Unmöglich, anders zu denken, denn dieses allein war Natur, hier verlor man sich in der Harmonie erdhaften Gewelles, und nie doch war man verloren. Eines allein, Mitgebrachtes von dort hinten, wo Erde Ende hieß, war geblieben und wert zu bleiben: das sanghaft wellende Gestrophe von einem Halbhundert Versen, die man sich vorsprach, tief drinnen, und die einen weiter machten, ausgesponnen und die atmende Brust in einen Takt mit tanzendem Blatt und Streichelwind. Guter Frühling, der im Vorsommer wächst!

Nun läuten die Glocken. »Richtig, es ist Sonntag heute, und es war so schön und friedlich, wie's nur an einem Alltag auf dem Lande sein kann. Aufstehn –? Kirchegehn –? Ach bah!«

Aber die Büsche rauschten, ein paar Zweige tanzten, und Cousine Inge fragte: »Nun, Anton? Und die Kirche? Mach schnell! Alle warten.«

»Ach, weiß du, ich glaube, Ingerl, ich bleib liegen.«

»Aber Vater schilt.«

»Das tut er auch so. Bleib auch schon. Hier ist gut sein. Meine Mutter ist die Sonne, und ich weiß, sie hat mich lieb.«

»Kirche ist dumm. Darf ich auch hier liegen?«

»Immerzu. Nein leg dich dorthin, an den Apfelbaum, und sieh zum Giebel hin. Recht so.«

»Aber warum?«

»Weil ich dich gern ansehe.«

»Wirklich? Tust du wirklich? Das ist nett von dir, aber –«

»Anton! – Inge!! Inge!! – Anton!«

»Sie rufen uns.«

»Laß sie.«

»Jetzt suchen sie im Garten.«

»Laß sie.«

Er blinzelte nach ihr. Schritte und Rufe kamen näher, etwas streifte die Büsche, prustete, rief schnaufend. Sie lag auf der Seite, Kopf in der Hand, kaute an einem Grashalm, und mit geöffneten Fingern lag die andere Hand still und verhalten im Schoß. Ihre Augen lachten und freuten sich. Über der großen bauschigen Haarflechte, die stracks aus der Stirn zum Nacken gezogen war, wo sie Zopf wurde, saß die breite, weißseidene Schleife, nickte, hob sich, flatterte ein wenig im Wind.

Sie flüstert: »Jetzt sucht er am Fluß.«

»Ssssst!«

Wirklich kommt noch jemand gelaufen, rasch, ruft immerzu: »Herr Superintendent! Herr Superintendent!«

Dann murmelt und schwätzt wieder der Fluß, die Glocken läuten noch einmal, rasch, bimmlig, und in den Fort hall des letzten Klangs sagt Inge: »Nun haben wir zwei Stunden Ruh.«

»Mindestens.«

»Und mittags Schelte, Stubenarrest, und die süße Speise werde ich auch nicht bekommen.«

»Bitter! Bitter!«

»Heute gibt's solche mit Makronen ...« Sie denkt nach, wehmutsvoll bewegt. Plötzlich jubelnd: »Nachher klettern wir am Spalier in die Speisekammer! Machst du mit?«

»Natürlich. Rausgeworfen werde ich doch bald.«

»Das glaube ich auch, Tonerl. Vater meinte heute zu Mama, du seiest noch immer nicht zu ihm gekommen, du seiest verstockt. Und er meinte ...«

»Verstockt? Nicht übel. Und er meinte –«

»Was?«

»Was meinte er noch, Ingraban?«

»Noch? Nichts.«

»Doch, du hast etwas sagen wollen.«

»Aber gar nichts.«

»Wenn du also nicht willst – bitte!«

Sie schweigen. Zwischen den Büschen scharren glucksend die Hühner, eine Gans schreit. Anton sieht spähend nach Inge, ihr Fuß im Halbschuh schlägt taktmäßig die Erde, das kurze schottische Röckchen reicht kaum über die Knie, und immer, einen Sekundenbruchteil, sieht er zwischen Aufschlag und Aufschlag etwas Weißes leuchten. Wie ist es gut, so zu liegen, indes ganz langsam verschwimmende Wünsche und Träume durchs Herz ziehen!

›Fett von Pollen surren die Bienen; so etwas zu denken ist tausendmal schöner als ...‹ Aber nun liegt sie auf dem Rücken. Zwischen Arm und Brust flimmern ein paar Strähnen Haars. Die Wimpern tanzen. Der blaßrote Mund ist ein wenig geöffnet, die Zähne schimmern, aber mehr noch schimmert die hohe stille Stirn, das Unbegreiflichste an diesem Mädel.

Nun fragt sie langsam: »Jetzt habe ich es auch gefühlt. Eben jetzt. Wie war das mit den Versen vorhin? Oder waren es keine Verse?«

»Doch. So hieß das: meine Mutter ist die Sonne, und ich weiß, sie hat mich lieb.«

»Meine Mutter ist die Sonne ... gut tut das, weißt du, sehr gut ...« Herumfahrend: »Aber nun fühle ich nichts mehr. Gar nichts. Es ist weg. Nur heiß ist mir.«

Weise: »Das ist immer so; wenn man etwas fühlen will, ist man ganz leer. Nur der Körper plagt einen dann. Wenn man genießen will, darf man gar nicht mehr da sein ...«

Sie wirft rasch ein paar Bröcklein Erde gegen den Stamm, trifft oder trifft nicht, und sie hält inne. »Tonerl?«

»Ja, Ingraban?«

»... ist es mit dem Verlieben auch so?«

»Nanu?!« Er sieht ihr Gesicht nicht, auf dem Bauch liegt sie, Haar fällt hinein. »Was wissen wohl so kleine Mädchen vom Verlieben?«

»Sei nicht dumm, großer Anton! Gar nichts wissen sie, aber möchten alles wissen.«

»Ich bin erst achtzehn, liebe Inge, auch ich weiß nichts.«

»Bitte, sprich doch, Tonerl!«

»Auch du erzählst nichts. Vorhin –«

»Wenn ich dir doch sage ...«

»Wenn ich dich bitte, Engelein ...«

Er hat sich ganz zurückgelegt, und späht er nun verstohlen, kann er zwischen den Händen das feste Kinn und fast den ganzen Mund sehen. Der ist leise geöffnet, und als er mit seiner Schmeichelanrede schloß, kam dort die Zungenspitze hervor, von der Mitte des Mundes zum Winkel, und wie sie dort eine Wendung machte und verschwand, war es ein kleines, holdes, entzückendes und entzücktes Wunder, und noch einmal sagte er: »Engelein, Ingelein, bitte, sag doch ...«

»Das ist schön. Du bist gut. Woher hast du es?«

»Gar nicht. Es kam, als ich dich ansah.«

»So? Kam es? Willst du mir die Wahrheit sagen, ganz die Wahrheit, Anton?«

»Gewiß will ich, wenn ich kann ...«

»Anton, sage mir ganz ehrlich ... Anton ... bin ich hübsch?«

Sie sehen sich an. Ihr Gesicht, von den Händen abgehoben, ist ernst, so ernst, ihre Augen, weit offen, begegnen den seinen, halten den Blick, plötzlich träuft Lächeln in ihnen, alles erhellt sich, ihre Hand tastet hoch ... sie wirft sich zurück, sie lacht selig ... Und die Lerchen singen im Blau, die kleinen Vögel huschen geschäftig im Gezweig, dicke Hummeln burren schwer Zickzack, und das kühle Wasser setzt unten am Schilf eine dunklere Begleitung zu dem süßen Lach- und Loblied ihrer Kehle.

»Engelein ... Ingelein ... Engelein ...«

»Du bist lieb, du!« Herumgewälzt, seinen Kopf gefaßt, sein Haar gezaust und nun wild das Gesicht geküßt, mit vollen Lippen, ungeschickt, kindhaft, wie es trifft. »Lieb bist du, so lieb!«

Und da sein Arm um ihre Schulter sich tastet, ist sie auf, schüttelt Haar und Rock. »Zur Schaukel! Wer zuerst da ist!«

Und ist fort.

Schaukel und Kokotte

»Es ist nur schön, wenn man beinahe fällt«, sagt sie.

Und er: »Freilich.« Sie streifen mit dem Fuß Blattwerk, und ganz unten sieht er, neben ihrem Kopf, kleine grüne Gräser, auf die geschwind der Schatten zufliegt.

»Manchmal ist Schlaf schön, ist er auch wie Schwingen, endloses Schwingen und dann ...« Sie stößt, wird klein, krümmt sich und nun in freiem Schwung: »Und man schwingt immer weiter, weiter, und dann fällt man, aber es ist wie Fallen nach oben ...«

Sie verstummt, holt aus, er denkt: ›Warum sieht sie mich nicht an? Ihre Augen sind so nah ...‹

»Als wenn es solch Fallen nach oben gäbe! Aber man ist so leicht. Hat man auch die Augen zu ...«

›Sie schaut mich nicht an. Jetzt berühre ich ihre Hand. Nun –? Nichts.‹

»Auch mit geschlossenen Augen weiß man: dies ist nicht Schlaf, ist Schwingen, Schwingen ... Schläfst du auch so?«

»Nein. Nie.«

»Sag wirklich, Anton, warst du schon verliebt?«

Sie sehen sich an. Es scheint, als habe mit der verschwingenden Schaukel auch ihr Sinn Langsameres, Haftendes bekommen.

»Inge! Inge!«

»Was ist? Darf ich nicht fragen?«

»Nein.« Er springt ab, geht zur Bank, setzt sich. Über die Schulter späht sie ihm nach, lächelt, läuft zu ihm, beschaut ihn, lockt: nichts. Ein Grashalm kitzelt, er schlägt nach ihrer Hand, wütend, im Ernst. Sie beugt sich näher, fragt sanft und still: »Anton – darf ich denn fragen, was ... eine Kokotte ist?«

Fassungslos starrt er sie an. Aufgejagt ist er, entdeckt. Schon nur noch wütend, und so schnell springt sie nicht zurück, daß er sie nicht fasse, würge, hinwerfe, über sie; Gewälz, Keuchen, Zugriffe, Schreie: »Ich werde dich lehren, Luder!« – »Anton, ich kratze ...« – Verschlingen, Stöhnen, Schläge, rasch, sinnlos ... Stille ... und ein Schluchzen hebt an, Schluchzen ...

 

Er späht nach ihr, will fortschleichen, und in einer zerrissenen Bluse glimmt Weiß unbegreiflich gerundeter Schulter, von Gold wirrer Strähnen überspült. Seligkeit ist es, Wonne, maßlos frevelnde Wonne, dies zu betrachten ... es weicht, tränengefüllte Augen schauen zum Späher, ein zuckender Mund, und er glättet sich, lächelt, lacht: »Wie du ausschaust, Anton! Wie du nur ausschaust!«

Sieht an sich hin: hier hängt der Kragen, aus zerrissener Weste schlängelt der Schlips, an einem Knopf baumelt die Hose, über den Schuhen aufstauchend, und die im Gesicht tastende Hand fühlt schmutzig verriebene Feuchte von Tränen, klebrig trocknendes Blut.

Er sah nun zu ihr, wie im Traum ... und eine trübe Ahnung wächst in ihm, als werde es irgendwie stets so sein: schmutzig, zerkämpft, lachhaft er, aber in ihre Stirn wirft sich nur schöner die zerzauste Strähne, die gekrümmte Braue zuckt betörend – Lust oder Schmerz? Weiß sie es nur? –, und die blasse vom Kampf entblößte Schulter läßt sie nur holder noch sein. »O du!« murmelt er. »Du ...!«

Sie hängt sich ein, kuschelnd, zärtlich, Überstrom: »Wie du bös werden kannst!«

»Geh doch! Nein, laß schon.«

»Aber jetzt bist du wieder gut?«

»Woher hattest du das?«

»Alles sage ich –. Nein, nun schäme ich mich gar nicht mehr vor dir. Seit du mich schlugst ...«

»Sprich schon.«

»Von der Kokotte? Mach kein Gesicht. Ist das Wort so schlimm? Ich sag es nicht wieder ...« Und beiseite, leise, auf der Zunge probend: »Kokotte ... was es nur ist? Es klingt nicht wie andere Worte ... beinahe, als schmecke man es. Oder ein Geruch?«

»Sprich endlich.«

»Ich habe gelauscht. Gestern abend an der Veranda. Und Papa sagte, du seiest verstockt, hoffnungslos, weil verliebt in eine ...«

»Ah! – Nein, nichts mehr. Laß.«

 

Er hat sie losgelassen. Er steht allein. Der Garten versinkt und der Wind verstummt. Wo sind die pollenbehosten Hummeln hingeburrt? Unter welchem Himmel singen Lerchen – etwa?

Einsamer und an dein Herz Verratener, wieder siehst du den feisten Onkel in dem frühlingshaften Zimmer, er hebt beteuernd die Hände, er versichert nichts zu wissen, nichts; gar nichts hat ihm die Mutter gesagt, gar nichts der Vater geschrieben ... krank ist der Neffe, nichts sonst – .

Nun – Fuß im Gras, Haupt in durchsonnter Luft, Hand halb erhoben –, nun steht er in schwärzester, regenwindgepeitschter Nacht, nun hört er sie tuscheln, bestellte Arbeit war der vorgewiesene Brief, in die Falte eines andern geschoben? Was wurde getuschelt, unten, ehe der Onkel hinaufstieg? Sagte er, satt und selbstzufrieden, als er zurückkehrte: »Den haben wir eingewickelt, den Parsifal!« –?

 

Stimme läutet, Stimme ruft: »Anton! – An – ton!«

Alles muß stille sein. »Schweige, du!«

 

»So ist es gewesen, so, und nicht anders. Was nie Schande war, nun ist es meine Schande geworden, durch ihr Heimlichtun, ihre Verdächte ...«

Sie trat hervor; wie sie damals hervorgetreten, hinter einer Theke, zum Tanze gerufen, zum Tanze bereit.

Wie klein sie war! Nichts Holderes konnte man träumen als die süße Bubenhaftigkeit ihrer Figur, die irgendwie verquickt war mit der wissenden Frauenhaftigkeit keuscher Tiere. Und der Gang ...

Er stöhnte auf.

Das rauchig Dunkle – nun sind die Kerzen neu entzündet und ihr Schein fällt auf jenes liebelächelnde Antlitz, das ihn einst meinte. Aber im Schatten flüstern ...

Er wandte sich um. Hand glitt durch Haar, und jene andere war es, jene Inge, die sanft flüsterte: »Armer Bub. Armer lieber Bub.«

›Klang es nicht einmal schon so? Wann doch?‹

»Wir müssen uns zurechtmachen. Die Kirche wird bald aus sein.«

Fuß stand im Grase, Haupt umfloß besonnte Luft und mit der Hand nach ihrer greifend: »Gehen wir also, uns zurechtzumachen.«

Der Gummi

Hand in Hand über den Kies liefen sie, schwiegen, das Ohr gespitzt, ob der Kirchturm läute zu Heimkehr, Mittagsmahl, Geatz, Geschmatz, umglotztem Krätzer, dickem röchelndem Schlaf, endlosem Kaffeekuchengetunke, Geschwafel, Gähnen, immer noch zögernder Sonne, verweilender, rastender, und dem Schlußgestöhn des Onkels: »Doch gut, daß es nur einen Sonntag gibt ...«

Lieber so laufen, schweigend Hand in Hand, über umbuschte Steige, durch Sonne, und die großen wachsemüden Blätter streifen schlaff ihre erhitzten Wangen.

»Nein, nicht über die Veranda, Anton. Rosa sähe uns.«

»Über den Kirchsteig –?«

»Dummer! An der Giebelwand hoch übers Spalier in dein Zimmer.«

Sie sehen empor, mustern den Anstieg. »Bis zum Fenster geht's. Aber hineinkommen scheint elend, Inge.«

»Geht schon. Hast du Angst? Ich steige voran, Anton.«

»Angst? – Angst?« (›Die schon. Aber dir sie zu zeigen, noch größere Angst!‹) »Ich steige voran.«

»Nein, laß mich, Anton.«

»Warte, bis ich drin bin.«

›Seltsam ist das‹, dachte er, mechanisch nebenbei greifend, klimmend, eine Leiste packend, ›seltsam ist es, daß ich vor Inge mich immer behaupten, etwas vorstellen muß. Bei jener nie. Dort könnte ich armselig sein, ganz zertreten, nie käme Lust zum Verbergen ... Weil dort aller Wert aus der Liebe kommt und sonst alles, alles belanglos ist? Und hier muß erst mein Wert die Liebe machen? Aber wie? Neinnein, zu hell ...‹

»Den Ast! Fasse den Ast! Du fällst.«

Da er sich schon ausgleiten, Fuß Halt verlieren spürt – Äste kratzen, Blätter im Gesicht –, tut er einen Griff, fühlt seine Hand sich dehnen um die Fensterbank, reißt sich empor, kniet, springt hinein und aus dem Fenster prunkt er: »Me voilà. Mach mir das nach.«

In sich aber: ›Sie liebe ich nicht, mein Fräulein. Sie nicht.‹

Sie jubelt bravo, späht, greift zu, Zweige rauschen, sie entschwindet, nur aus dem Grün noch ihr Fuß, dort die Schulter, hier die zitternde Schleife – und nun, die Hände um die Fensterleiste, lehnt sie vor ihm, aus strotzendem Grün, prallem Gerank hervor, wirren Haares, lachender Augen, roten Mundes ...

Er hilft mit dem Arm um die Schulter, sie neigt sich vor, ganz nah atmet dies Gesicht, so nah, daß er die Augen ... Unter seinem öffnet sich ein Mund ..., und eine Schulter wird schwer, warm und geschwungen in seinem Arm ...

Etwas springt auf den Boden. Eine Holde lacht. Eine Weiße verweht. Und die Tür fiel ins Schloß.

Draußen im Garten tanzt Blatt neben Blatt, der Kies schimmert und noch immer läuten die Glocken nicht.

Als er die Jacke vom Leibe reißt, spricht er langsam:

»Dich liebe ich nicht ... dich, du.«

 

»Noch nicht fertig, Bummler?«

»Es geht nicht so schnell wie bei dir. Wie du aber ausschaust! Ganz neu wieder, ganz anders.«

Sie hob die Hand, machte einen Schritt, lachte.

»Wie machst du's?«

»Daß ich immer neu bin?«

»Freilich.«

»Wie kann ich das wissen? Ich lebe, und es ist immer schöner und selbst Ärger ist schöner und Tränen sind schöner und heute Langeweile sogar ist schöner als die von gestern, und was war, ist nie so schön wie was ist ... weißt du nun alles, Gescheiter?«

Er stand, er sann, ein Klang von ehemals wehte, ein dumpfsimpler Kehrreim: »... ist Penne ... ist Penne ... ist Penne ... dies freilich –«

»Wie dumm du aussiehst!« Ein Schwamm flog naß ins Gesicht.

»Laß das, Inge! Ich sage dir ...«

Und schwieg unter einem dicken Strahl Wasser. Sie schrie leis über seine Wut, stürzte zur Tür, riß sie auf, floh den Gang hinab. Er blind tobend, triefend ihr nach, hätte sie fast gehascht, als sie seitlich abbog in ein Zimmer. Er folgt, stolpert, etwas schiebt sich unter seinen Füßen zusammen, er stürzt, greift nach der spanischen Wand, will sich halten und verschwindet wehenden Haarschopfes, bedeckt sich mit gelbem, gefälteltem Kattun.

Dann taucht er auf, gerötet, sieht sie am Bett kauern, lachzuckender Schultern, und murrt: »Solchem Pech hält die dickste Wut nicht stand.«

Und sie, noch immer schluchzend: »Wie du aussahst, Held! Wie du verschwandest unter dem Schirm!«

»Nun ist's genug. Höre auf mit Lachen.«

»Au, du tust mir weh!«

»Lange nicht genug.« Und musternd: »Wo sind wir hier eigentlich?«

»Schaf! Eltern Schlafzimmer!«

Er blickt schnobernd, beinahe verlegen auf das Doppelbett; hier mit Inge zu sein schien irgendwie nicht richtig.

»Anton! Das mußt du mir sagen, was das ist. Ich zerbreche mir schon endlos den Kopf.«

Er späht in die Lade des Schränkchens: ein Taschentuch, eine Bibel natürlich, Schachteln mit Salben, Gläschen, ein Fieberthermometer, aber Inge angelt weiter, murmelt: »Ganz hinten schiebt er's immer hin!«, und sie weist eine runde Holzschachtel: »Da ist es!«

»Was ist es denn?«

»Das sollst du mir doch sagen!«

»Mach mal auf.«

»Es ist ganz voll.« Sie schauen beide gespannt auf den kleinen, grauen Ring, der seidig glänzt.

»Gib mal her.«

»Vorsicht!«

»Laß doch mal anfassen. Ich glaube, es ist Gummi.«

Inge weiß besser Bescheid. »Den Finger in die Mitte! Ganz lang wird es dann.«

Rosig, klar, glänzend schimmert der Nagel durch die seidige Hülle, die sich dehnt und dehnt. Immer länger wird das. Auch sie probiert eines, schiebt's über den Finger, hält's mit der andern Hand stramm, daß jede Tönung durchschimmert. »Hübsch ist das!«

»Psch!« macht's, und der Nagel fährt durch. »Meines ist kaputt!«

»Meins auch!«

»Schadet nichts! Probieren wir noch einmal.«

»Wofür das nur ist –?«

»Und ich dachte, du wüßtest es.«

»Hat dein Vater einen wehen Finger?«

»Gar nicht! Und so lang?«

»Das stimmt. Weißt du, ich denke immer, es ist eine Geldbörse.«

»Keine Ahnung! Die risse ja, wenn zwei Groschen drin sind.«

»Was steht denn auf dem Deckel? Laß sehen ... Never rip. Das ist englisch und heißt: zerreißt nie!«

»So ein Schwindel«, sagt sie empört. »Richtiger englischer Schwindel!« Und sie beweist es, indem sie mit dem Finger hindurchfährt.

Er hat seines mit Zähnen und Zunge probiert. »Du, Gummi ist das nicht.«

»Na laß schon. Da, deines ist auch entzwei. Vier sind nun glücklich kaputt, steck sie in die Tasche. So, da hat die Schachtel gelegen.«

»Und nun will ich mir einen frischen Kragen umbinden.«

 

»Lasset uns beten!«

Gemurmel der andern, gesenkte Köpfe, über die Lehne gefaltete Hände. Dann scharren die Löffel in der Suppe.

»Du bist wohl Städterin geworden, liebe Ingrid?« fragt der Super sanft über den Tisch.

Stille. Dann fragt sie erstaunt: »Städterin, Vater?«

»Ja, Städterin. Weil du wie unser lieber Gast aus der Stadt die Kirche versäumtest.« Und sanft fährt der Würdige fort: »Wer aber nicht mit uns betet, soll auch nicht mit uns speisen, liebes Kind. – Du wartest wohl auf meinem Zimmer –?«

Sie ist fort. Wie sie den Kopf warf! Wie im Aufsprung die Röcke wehten! Dem rückbleibenden Anton ist's, als sei er Verräter, Verräter an ihr, mit der er so viel Sonnenstunden draußen verlachte. Unerträglich war es. Und leise legte er den Löffel in das Tellerrund, schob den Stuhl zurück, glaubte sich schon entschlichen, als Edi schrill jauchzte: »Au! Anton kneift aus!«

Und im tobenden Gelächter stand er, den Kopf gesenkt, zaudernd, sich ob Zauderns verfluchend, zurück, zur Tür, fort, hin, her, blinzelnd, mühsam eine Maske von Würde bewahrend, als der Onkel die Erstarrung löste: »Auch du wartest wohl auf meinem Zimmer, Anton.«

Sie grinst ihm entgegen. »Rausgeschmissen auch du?«

»Ausgerissen«, sagt er stolz. Und berichtet. Noch ist ihm heiß. Er reißt das Tuch aus der Tasche, trocknet die Stirn, fühlt sich Held, als sie sagt: »Du bist fein.«

»Es war selbstverständlich!«

»Keiner hätte es getan. Glaubst du etwa, Fredi? Immer ließ er mich sitzen.«

Nein, Fredi vielleicht nicht. Oder etwa Hans? Hans hatte kein Ehrgefühl. Oder –? Oder –? Oder –?

Schritte lärmten über den Gang, Lachen, Gejachter, nun der würdige Gang der Respektsperson, und mit gesenkten Köpfen standen die beiden vorm Super.

»Anton –!«

Er schaute hoch. Der treue Blick des Onkels suchte kummervoll seinen. »Du bist unser Gast, Anton, und ich habe dir wirklich nichts in den Weg gelegt. Du hast andere Lebensgewohnheiten. Schön. Du machst jetzt Kämpfe durch, seelische Kämpfe ...«

›Dieser ist's, der zu mir spricht‹, denkt gleichlaufend der Neffe, ›dieser ist's, der auch auf meinem Zimmer zu mir sprach. Er wußte alle Töne, aber ich lasse mich nicht noch einmal fangen ...‹

»... Kämpfe, die wir alle durchgemacht haben – wir alle, Anton –, bei denen wir eine hilfreiche Hand wohl brauchen können. Du willst diese hilfreiche Hand nicht, auch schön. Ich tadle dich darum nicht. Du willst allein sein. Mit dir selber ins reine kommen. Du willst nicht Wort, nicht Zuspruch, nicht einmal Aussprache und Bekenntnis von Mann zu Mann. Schön. Ich tadle dich darum nicht. Aber ich tadle dich darum, daß du mein Kind, meine Tochter ...«

Anton folgte dem Blick des Onkels, der nun von ihm abgenommen und auf das Kind, die Tochter, kurz auf Inge, Inge, Engelein gelegt ward. Dort stand sie, über den Rücken stäubte die goldene Flechte, sie hatte das Kinn, den Blick gesenkt; die Hände auf dem Rücken wippte sie spielerisch, in Gedanken verloren, von einem Fuß auf den andern, hin und her, unter dem kurzen Rock ging das Heben der Knie, das Senken der Knie.

Dem Onkel, dem Neffen geht es gleich: da sie nun auf das Mädchen sehen, diese kleine, versonnene, wippende, versponnene Heilige, glätten sich ihre Gesichter. In ihren Augen geht ein Lächeln auf, als sähen sie einen Vogel trinken. Sie haben nicht genug an diesem gesenkten Haupt, ihr Blick umfaßt die Gestalt; gleitet zu den Füßen, die sich heben und senken auf den Dielen und ...

... und ...

... und ...

Der Neffe starrt zum Onkel auf, zum Gesicht, das sich rötet, rötet und plötzlich fahl wird, grau-fahl, es ist als stürbe zitternd all dies Fett ... ein ungläubiges Glotzen ist es, wird wie ein krampfiger Schmerz ... »Sein Liebling ist Inge«, schießt es Anton durch den Kopf ...

Als die traumentrückte durch die Stille geweckt wird, unter sich blickt, ruft: »Gott! Du hast den Gummi verloren, Toni!«

(Den Gummi, lieber Gott! Wirklich den Gummi?)

Und einträchtig bücken sie sich, die verlorenen zu sammeln, ihre Köpfe stoßen aneinander, ihre Hände grapschen ...

... Da Bricht Das Gewitter Los!

Garten im Mondschein

Leise rascheln die Blätter im Luftzug, dem Vorläufer vom Morgenwind, der Mond sinkt gegen das Baumgeäst, auf den Hockstangen die Hähne rühren sich, da tat ein Fenster der Giebelseite sich auf, Anton lehnte hinaus. Spähte. Lauschte. Nichts. Das leise Wehen der Blätter, Rascheln wie Schauer. Nichts. Etwas Schweres fällt. Wiederum langes Lauschen.

Und nun schwang er sich selbst hinaus, kletterte den fröhlichen Weg vom Morgen hinab, stand unten, griff das Bündel ... das Gesicht schräg erhoben stand er da.

Über ihm schwang mit tausend Flimmerpünktlein der ewige Himmel, der dicke nahrhafte Duft der Gebüsche stieg in seine Nase, die sanfte Kühle des Windes öffnete ihm den Mund. Dort, wo es zwischen Büschen und Bäumen licht ward, lag die herrliche Hinbreitung der Felder, die Saaten wuchsen in den Sommer hinein, und auf ihren flachen Nestern schliefen die feiernden Lerchen.

 

O Gott du, betet ein Herz, o Gott, wenn du bist, gib, daß allen Trauernden die Weite einer Landschaft bereitet sei, daß jede sorgende Hand sich in sprießendes Korn verwühlen dürfe und den Tau abstreifen, der Hand wie Sorge kühlt. O du Gott, so du bist, gib ihnen in ihren Steinhäusern die bunten Blätterfarben des Herbstes, das Murmeln rascher Bäche beschere ihnen und die Freundlichkeit solches Mondes, der über Birkengeäst sich dem kommenden Tage zuneigt, – solche Freundlichkeit halte ihrem Herzen nicht fern. Wenn ich böse bin, so gib mir einen Gedanken an die Hofhunde, die Nachthunde, die still um die Scheunen der Bauern streichen, und wenn mein Herz sich verstockt, so laß mich an diese Hügelmühle denken, deren ruhender Flügel wie eine schöne Wimper den Himmel durchstreicht.

 

»Wie der Kies knirscht! In dem Schatten an den Rasenrändern stehen Gestalten, und sie winken mir, unter den Büschen hocken sie und – welche trauern. Wäre ich erst draußen! Wäre erst all dies hinten und ich mit der dröhnenden Weite der Landstraße allein –: vor mir ein ganzes Leben ...«

Aber er zaudert. Nun, dicht an der Gartenpforte, ist's ein weißerer Spuk als jene Buschschatten, der ihm entgegentritt, ist's nicht, als winke eine Hand? Ist's nicht eine gelöste Locke, die dort über eine Schulter rollt?

Nun hebt sich ein Gesicht, nun geht ein Lächeln auf, und so dunkel ist die Nacht nicht, daß er's nicht läse von ihren Lippen, nicht erriete von ihren Augen: daß dies Gruß heißt dem Freunde.

»Du gehst –?« fragt sie.

»Kann ich anders?«

»Zu der andern?«

»Wohin sonst?«

»Ich hätte dich gebeten: nimm mich mit!«

»Inge!«

»Ich kann es nicht aushalten! Er hat mich geschlagen. Wofür denn? Was habe ich getan? Um die paar Gummidinger? Ich will sie ihm wiederkaufen, habe ich gesagt. Erst recht tobte er.«

»Ich soll in Zwangserziehung. Dich hätte ich verführt.«

Sie sehen sich an. Ihre Gesichter waren bleich, zuckten. Aus dem lichtschwingenden Dunkel strahlte der tränenerfüllte Blick des andern. Eine Fledermaus flatterte huschend vorbei. Brust an Brust weinten sie. Dasselbe Schluchzen erschütterte beider Leib.

»Lebe wohl, Inge.«

»Nimm mich mit, Tonerl.«

»Lebe wohl, Inge.«

Und der Tau fiel. Die Gräser wuchsen. Die Lerchen und die Hähne wachten auf.

»Lebe wohl, Inge. Liebe, liebe Inge.«

Eine Wolkenwand vorm Monde

Höher und höher hat der Nordwind die Wolkenwand geblasen, die Wellen des Meeres sind lauter geworden, und der Mond ist fort.

Aber im Schatten rührt es sich. Unterm Wacholder richtet sich ein Träumer auf wie ein Ertrunkener, dessen Seele einen Ruf hörte. Eine Stimme spricht in die Nacht: »So will ich nicht träumen. So mag ich nicht träumen. Ist mein Leben schmutzig gewesen, laßt mir den Schmutz. Um seinetwillen habe ich gelitten, um seinetwillen bin ich im Dunkel aus Einschlafen hoch gefahren, habe um seinetwillen frohlockt!«

Und von neuem schreit der Träumer: »›Lebe wohl, Inge!‹, o wie gut das klingt! Wie süß! Und der Garten voll Mondschein und die Schatten der Büsche überm Weg. Wie süß!

Aber es war kein Abschied und das ›Nimm mich mit‹ nicht umsonst gerufen. Und die in den tauenden Morgen gingen, waren: zwei! Und dann kam die Stadt, die Häuser, die riechenden Gassen, der Hunger, die Schlafstelle, Polizei ... Inge? Hieß sie Inge –? Richtig, sie hieß Ingrid, und ich habe sie gehaßt, sie ..., und sie hat mir nie verziehen, daß ich sie mitnahm, damals als sie rief. Hätt ich sie doch gelassen, in jenem Garten, mit dem sie jung war!«

»Aber du hast sie dort gelassen«, spricht eine sanfte Stimme, und die neu befreite Helligkeit des Mondes läuft über den Sand. »Aber du hast sie dort gelassen! Lag sie nicht eben an deiner Brust, schluchzend? Feuchtete nicht die gleiche Träne euer beider Wange? Nun ist das Gartentor aus grünen Latten zugefallen, und du gehst allein deinen einsamen und schweren Weg. Siehst du dort das Weiße –? Es ist Inge. Sie winkt dir. Der Weg macht eine Biegung. Du siehst sie nicht mehr.«

»Träume doch, Träumer. Schlafe sanft, Schläfer. Träume, Träumehans du. Noch scheint der Mond der Verzückung. Die seltsamen Pflanzen bluten weiß in dieser Nacht, warum sollte deine Seele nicht bluten? Träume doch, Träumer.«

Unter dem Wacholder liegt einer und schläft. Er lächelt. Sein Gesicht scheint besonnt.

Einen sieht er wandern, sich, da er noch jung. Die Lerchen haben sich aus ihren Nestern gehoben und bejubeln den jungen Tag. Der Rand der Sonnenscheibe taucht über dem Horizont auf.

Aber der Junge wandert dahin, die Feldbreiten laufen die Hügel hinan und sind fröhlich, die Büsche und Bäume loben in jedem Winkel den besonnten Tag, quick und hell sprudeln die Bäche, – er aber sieht ein unbekanntes, großes Leben vor sich, und er schreitet ihm entgegen, es ganz auszufüllen mit den Gebärden seines Seins.

Sei mir gelobt, Tag!

Sei mir gelobt, Sonne!

Und du, Leben, sei dreifach gelobt und gesegnet!

 

Aber träume doch, Träumer.

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