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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Als nun sein Brot verzehrt war, stand er gegen Abend auf, ordnete seinen Anzug so gut wie möglich, und sein erster Gang war ins Theater, wo er sich in einen Winkel setzte und erstlich ein Stück, namens Inkle und Yariko, alsdann aber die Leiden des jungen Werthers aufführen sahe. Der Verfasser des letztern hatte fast nichts getan, als die Wertherschen Briefe in Dialogen und Monologen verwandelt, die denn freilich sehr lang wurden, aber doch das Publikum sowohl als die Schauspieler wegen des rührenden Gegenstandes außerordentlich interessierten.

Nun ereignete sich aber gerade bei der tragischen Katastrophe des letztern Stücks ein sehr komischer Zufall. Man hatte sich nämlich irgendwo ein paar alte verrostete Pistolen geliehen und war zu nachlässig gewesen, sie vorher zu probieren.

Der Akteur, welcher den Werther spielte, nahm sie vom Tische auf und sagte denn alles, wie es im Werther steht, buchstäblich dabei: »Deine Hände haben sie berührt; du hast selber den Staub davon abgeputzet usw.« Dann hatte er sich auch, um alles genau und vollständig darzustellen, einen Schoppen Wein und Brot bringen lassen, wozu denn der Aufwärter nicht ermangelte, auch ein Brotmesser mit auf den Tisch zu legen.

Am Ende aber war das Stück so eingerichtet, daß Werthers Freund Wilhelm, indem er den Schuß fallen hörte, hereinstürzen und ausrufen mußte: »Gott! ich hörte einen Schuß fallen!«

Dies war alles recht schön; als aber Werther das unglückliche Pistol ergriff, es an die rechte Stirne hielt und auf sich losdrückte, so versagte es ihm in seiner Hand.

Durch diesen widrigen Zufall noch nicht aus der Fassung gebracht, schleuderte der entschlossene Schauspieler das Pistol weit von sich weg und rief pathetisch aus: »Auch diesen traurigen Dienst willst du mir versagen?« Dann ergriff er plötzlich die andere, drückte sie wie die erste los, und, o Unglück! auch diese versagte ihm.

Nun erstarb ihm das Wort im Munde; mit zitternden Händen ergriff er das Brotmesser, das zufälligerweise auf dem Tische lag, und durchstach sich damit zum Schrecken aller Zuschauer Rock und Weste. – Indem er nun fiel, stürzte sein Freund Wilhelm herein und rief – »Gott! ich hörte einen Schuß fallen!«

Schwerlich kann wohl eine Tragödie sich komischer wie diese schließen. – Dies brachte aber Reisern nicht aus seiner hochschwebenden Phantasie, vielmehr bestärkte es ihn darin, weil er so etwas Unvollkommenes vor sich sahe, das durch etwas Vollkommenes ersetzt werden mußte.

Er hörte, daß in acht Tagen die Schauspieler von Erfurt abreisen und nach Leipzig gehen würden; er hörte ferner, daß der geschickteste Schauspieler unter dieser Truppe, namens Beil, einen Ruf nach Gotha erhalten hätte; er hatte also nun keinen Nebenbuhler mehr zu fürchten; Leipzig war der Ort, um zu glänzen; seine Perücke konnte er sehr geschickt unter den wiedergewachsenen Haaren verbergen. Wie viele neue Gründe, um der Leidenschaft, die schon vorher da war und nur eine Weile geschlummert hatte, aufs neue über die Vernunft den Sieg zu geben.

Er machte seinen Freunden sogleich den Entschluß bekannt, daß er gesonnen sei, mit der Speichschen Truppe nach Leipzig zu gehen, daß er einen unwiderstehlichen Trieb in sich fühle, der ihn unglücklich machen würde, wenn er ihn überwinden wollte, und der ihn in allen seinen Unternehmungen doch immerfort hindern würde.

Er stellte seine Gründe so leidenschaftlich und stark vor, daß selbst sein Freund Neries ihm nichts dagegen sagen konnte, der ihm sonst schon die reizendsten Schilderungen gemacht hatte, wie sie im künftigen Frühling wieder auf dem Steigerwalde den Klopstock lesen würden usw.

Reiser hielt sich nun schon bei den Schauspielern auf und brachte dem Regierungsrat Springer den Schlüssel zu dem Gartenhause wieder, indem er ihm auf das lebhafteste seinen unglücklichen Zustand schilderte, wenn er den Trieb zum Theater unterdrücken wollte.

Der Regierungsrat Springer behandelte Reisern auch hier noch auf die toleranteste Art. Er riet ihm selber, wenn der Trieb bei ihm so unwiderstehlich sei, demselben zu folgen, weil dieser Trieb, der immer wiedergekehrt war, vielleicht einen wahren Beruf zur Kunst in sich enthielte, dem er sich alsdann nicht entziehen solle. Wäre aber das Gegenteil und sollte Reiser sich selber täuschen und in seiner Unternehmung nicht glücklich sein, so möchte er sich unter jeden Umständen und in jeder Lage dreist wieder an ihn wenden und seiner Hülfe versichert sein.

Reiser nahm mit so gerührtem Herzen Abschied, daß er kein Wort vorbringen konnte, so sehr hatte die Großmut und Nachsicht dieses Mannes sein Gemüt bewegt. Er machte sich selber beim Weggehen die bittersten Vorwürfe, daß er sich einer solchen Liebe und Freundschaft jetzt nicht würdiger zeigen konnte.

Als nun Reiser, um Abschied zu nehmen, zum Doktor Froriep kam, welcher seinen Entschluß durch Neries schon wußte, so wurde er von diesem ebenso nachsichtsvoll wie von seinem andern Gönner behandelt; und der Doktor Froriep erklärte sich, daß er seinen Entschluß ihm nicht nur nicht widerraten, sondern ihn vielmehr darin bestärken würde, wenn die Schaubühne schon in dem Maße eine Schule der Sitten wäre, als sie es eigentlich sein könnte und sein sollte.

Eine kleine Ironie fügte er denn doch am Ende nicht ohne Grund hinzu, indem er zu seiner kleinen Tochter, die er auf dem Arme trug, sagte: Wenn du groß bist, so wirst du denn auch einmal von dem berühmten Schauspieler Reiser hören, dessen Name in ganz Deutschland berühmt ist! Aber auch diese sehr wohlgemeinte Ironie blieb bei Reisern fruchtlos, der sich demohngeachtet mit inniger Rührung und bittern Vorwürfen gegen sich selber an alles das erinnerte, was der Doktor Froriep für ihn schon getan hatte und wovon er nun selbst den Endzweck vereitelte.

Allein es schien ihm nunmehro Pflicht der Selbsterhaltung, allen diesen innern Vorwürfen kein Gehör zu geben, weil er sich fest überzeugt glaubte, daß er der unglücklichste Mensch sein würde, wenn er seiner Neigung nicht folgte.

Die Speichsche Truppe aber war die letzten Wochen wegen Mangel an Einnahme in die äußerste Armut geraten. Der Direktor Speich reiste mit der Garderobe allein nach Leipzig voraus, und von den übrigen Schauspielern mußte ein jeder selbst zusehen, daß er so gut wie möglich den Ort seiner Bestimmung erreichte; einige reisten zu Pferde, andere zu Wagen und noch andere zu Fuß, nachdem es die Umstände eines jeden erlaubten, denn die gemeinschaftliche Kasse war längst erschöpft: in Leipzig aber hoffte man nun, bald sich wieder zu erholen.

Reiser machte sich denn auch denselben Nachmittag, wo er Abschied genommen hatte, zu Fuß auf den Weg, und sein Freund Neries begleitete ihn zu Pferde bis nach dem nächsten Dorfe auf dem Wege nach Leipzig, wo Neries am künftigen Sonntage predigen wollte.

Nachdem sie im Gasthofe eingekehrt waren und sich noch einmal aller der seligen Szenen erinnert hatten, die sie genossen haben wollten, wenn sie am Abhange des Steigers Klopstocks Messiade zusammen lasen, so machte sich Reiser wieder auf den Weg, und Neries begleitete ihn noch eine ganze Strecke hin, bis es dunkel wurde.

Da umarmten sie sich und nahmen auf die rührendste Weise voneinander Abschied, indem sie sich bei diesem Abschiede zum erstenmal Bruder nannten. Reiser riß sich los und eilte schnell fort, indem er seinem Freunde zurief: Nun reit zurück!

Als er aber schon in einiger Entfernung war, sah er sich wieder um und rief noch einmal: Gute Nacht! Sobald er dies Wort gesagt hatte, war es ihm fatal, und er ärgerte sich darüber, sooft es ihm wieder einfiel. Denn die ganze empfindsame Szene hatte selbst in der Erinnerung dadurch einen Stoß erlitten, weil es komisch klingt, einem, dem man auf lange Zeit oder vielleicht auf immer schon Lebewohl gesagt hat, nun noch einmal ordentlich eine gute Nacht zu wünschen, gleichsam als wenn man am andern Morgen wieder einen Besuch bei ihm ablegen würde. –

Es war eine schneidende Kälte. Reiser aber wanderte nun, ohne irgendeine Bürde zu tragen, mit reizenden Aussichten auf Ruhm und Beifall seine Straße fort.

Oft, wenn er auf eine Anhöhe kam, stand er ein wenig still und übersah die beschneiten Fluren, indem ihm auf einen Augenblick ein sonderbarer Gedanke durch die Seele schoß, als ob er sich wie einen Fremden hier wandeln und sein Schicksal wie in einer dunkeln Ferne sähe. – Diese Täuschung verschwand aber ebenso bald, wie sie entstand; und er dachte dann wieder im Gehen vor sich, wie Leipzig aussehen, in was für Rollen er auftreten würde usw.

Auf die Weise legte er den Weg von Erfurt nach Leipzig sehr vergnügt zurück; im Gehen aber sprach er häufig den Namen Neries aus, den er wirklich liebte, und weinte heftig dabei, bis ihm das komische ›gute Nacht‹ einfiel, welches er gar nicht in den Zusammenhang dieser rührenden Erinnerung mit zu bringen wußte.

In Erfurt hatte man ihm schon gesagt, daß er in Leipzig in dem Gasthofe ›Zum goldenen Herzen‹ einkehren müsse, wo die Schauspieler immer logierten und gleichsam dort ihre Niederlage hätten.

Als er in die Stube trat, fand er denn auch schon eine ziemliche Anzahl von den Mitgliedern der Speichschen Truppe vor, die er als seine künftigen Kollegen begrüßen wollte, indem er an allen eine außerordentliche Niedergeschlagenheit bemerkte, welche sich ihm bald erklärte, als man ihm die tröstliche Nachricht gab, daß der würdige Prinzipal dieser Truppe gleich bei seiner Ankunft in Leipzig die Theatergarderobe verkauft habe und mit dem Gelde davongegangen sei. – Die Speichsche Truppe war also nun eine zerstreuete Herde.

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