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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 90
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Bei Tage ging er größtenteils in öden Gegenden umher, suchte, wenn es regnete, in den Kirchen Schutz und brachte auf die Weise beinahe vierzehn Tage zu, in welcher Zeit niemand wußte, wo er geblieben war; bis endlich denn doch einer seiner Freunde ihn ausspähte und er auf einmal von Neries, Ockord, W... und noch einigen, die sich für ihn interessierten, in dem Gasthofe unvermutet überrascht und über seine Entfernung ihm freundschaftliche Vorwürfe gemacht wurden.

Er konnte nun sein Haar vor der Stirn über die Perücke schon etwas überkämmen, und wenn er sich dann stark puderte, so hatte es einigermaßen den Anschein, als ob er eigenes Haar trüge.

Er entschloß sich also, mit den Freunden, die ihn abholten, wieder in die menschliche Gesellschaft zu gehen, aber er wollte auch so viel wie möglich nur unter ihnen sein und wünschte auch auf alle Weise entfernt und einsam zu wohnen.

Auch diesen Wunsch suchte man ihm zu gewähren. Der gutmütige W... sprach gleich mit seinem Onkel, dem damaligen Regierungsrat und Professor Springer in Erfurt, und stellte ihm Reisers Zustand und sein Bedürfnis einer einsamen Wohnung lebhaft vor.

Der Regierungsrat Springer ließ Reisern zu sich kommen, und wenn dieser jemals aufmunternd angeredet und mit wahrer Teilnehmung aufgenommen wurde, so war es von diesem Manne, gegen welchen Reiser die innigste Zuneigung und Verehrung faßte.

Er las damals ein statistisches Kollegium, welches Reiser ein paarmal mit anhörte und, da ihn die Sache sehr interessierte, vom Regierungsrat Springer aufgefordert wurde, sich diesem Fache zu widmen, wobei er ihn auf alle mögliche Weise unterstützen wolle.

Den Anfang dieser Unterstützung machte nun der Regierungsrat Springer sogleich damit, daß er Reisern seinem Wunsche gemäß eine einsame Wohnung gab, indem er ihm sein eigenes Gartenhaus einräumte, wozu Reiser den Schlüssel bekam und wo er aus seinem Fenster die schönste Aussicht über einen Teil der aneinandergrenzenden Gärten hatte, welche ganz Erfurt umgaben.

Reiser genoß auch wieder seinen Freitisch, der Doktor Froriep nahm sich seiner auf das tätigste an und suchte ihm auf alle Weise Unterstützung zu verschaffen; er fing sogar an mathematische Kollegia zu hören, seine guten Freunde zogen ihn mit zu allen ihren literarischen Zusammenkünften und lasen ihm zum Teil ihre Ausarbeitungen vor, so daß die Sache nunmehro im besten Gange war, wenn ein neuer unglücklicher Anfall von Poesie nicht alles wieder verdorben hätte.

Zuerst mochte wohl sein neuer Aufenthalt in der einsamen romantischen Wohnung nicht wenig dazu beitragen, seine Einbildungskraft aufs neue zu erhitzen. Dann kam ein Brief dazu, den er an Philipp Reisern in Hannover schrieb und welcher seinen Rückfall beschleunigte.

Dies Schreiben war denn ganz im Tone der Wertherschen Briefe abgefaßt. Die patriarchalischen Ideen mußten auch auf alle Weise wieder erweckt werden, nur schade, daß es hier nicht wohl ohne Affektation geschehen konnte.

Denn um diesen Brief schreiben zu können, schaffte sich Reiser erst einen Teetopf an und lieh sich eine Tasse, und weil er kein Holz im Hause hatte, kaufte er sich Stroh, welches man in Erfurt zum Brennen braucht, um sich selber in seinem Stübchen in dem kleinen Öfchen seinen Tee zu kochen, womit er endlich, nachdem er vor Rauch beinahe erstickt war, zustande kam.

Und als dies nun nur erst einmal geschehen war, so schrieb er gleichsam triumphierend an Philipp Reisern.

Jetzt, mein Lieber! bin ich in einer Lage, welche ich mir nicht reizender wünschen könnte. Ich blicke aus meinem kleinen Fenster über die weite Flur hinaus, sehe ganz in der Ferne eine Reihe Bäumchen auf einem kleinen Hügel hervorragen und denke an Dich, mein Lieber, usw. Ich habe die Schlüssel dieser einsamen Wohnung und bin hier Herr im Haus und Garten usw. Wenn ich denn manchmal so dasitze an dem kleinen Öfchen und mir selbst meinen Tee koche usw.

In dem Tone ging es fort und ward ein stattlicher und langer Brief; und als nun Reiser es nicht über das Herz bringen konnte, diesen schönen Brief nicht auch seinem kritischen Freunde, dem Doktor Sauer, zu zeigen, so verdarb dieser vollends die Sache, indem er ihm nach seiner gutmütigen Höflichkeit das Kompliment machte: wenn ihm Reisers Gegenwart nicht selbst zu lieb wäre, so würde er wünschen, entfernt zu sein, um nur solche Briefe von Reisern zu erhalten.

Und nun war auf einmal der beinahe zur Ruhe gebrachte Dichtungstrieb bei Reisern wieder angefacht. Er suchte nun zuerst sein Gedicht über die Schöpfung vollends durch das Chaos durchzuführen und hub mit neuer Qual an, in der Darstellung von gräßlichen Widersprüchen und ungeheuren labyrinthischen Verwickelungen der Gedanken sich zu verlieren, bis endlich folgende beide Hexameter, die er aus der Bibel nahm, ihn aus einer Hölle von Begriffen erlösten.

Auf dem stillen Gewässer rauschte die Stimme des Ewigen
Sanft daher und sprach: es werde Licht! und es ward Licht.

Merkwürdig war es, daß ihm nun die Lust verging, dies Gedicht weiter fortzuführen, sobald der Stoff nicht fürchterlich mehr war. Er suchte also nun einen Stoff aus, der immer fürchterlich bleiben mußte und den er in mehreren Gesängen bearbeiten wollte; was konnte dies wohl anders sein als der Tod selber!

Dabei war es ihm eine schmeichelhafte Idee, daß er als ein Jüngling sich einen so ernsten Gegenstand zu besingen wählte; daher hub er denn auch sein Gedicht an:

Ein Jüngling, der schon früh den Kelch der Leiden trank, usw.

Als er nun aber zum Werke schritt und den ersten Gesang seines Gedichts, wovon er den Titel schon recht schön hingeschrieben hatte, wirklich bearbeiten wollte, fand er sich in seiner Hoffnung, einen Reichtum von fürchterlichen Bildern vor sich zu finden, auf das bitterste getäuscht.

Die Flügel sanken ihm, und er fühlte seine Seele wie gelähmt, da er nichts als eine weite Leere, eine schwarze Öde vor sich erblickte, wo sich nun nicht einmal das vergeblich aufarbeitende Leben wie bei der Schilderung des Chaos anbringen ließ, sondern eine ewige Nacht alle Gestalten verdeckte und ein ewiger Schlaf alle Bewegungen fesselte.

Er strengte mit einer Art von Wut seine Einbildungskraft an, in diese Dunkelheit Bilder hineinzutragen, allein sie schwärzten sich, wie auf Herkules' Haupte die grünen Blätter seines Pappelkranzes, da er sich, um den Cerberus zu fangen, dem Hause des Pluto nahte. Alles, was er niederschreiben wollte, löste sich in Rauch und Nebel auf, und das weiße Papier blieb unbeschrieben.

Über diesen immer wiederholten vergeblichen Anstrengungen eines falschen Dichtungstriebes erlag er endlich und verfiel selbst in eine Art von Lethargie und völligem Lebensüberdruß.

Er warf sich eines Abends mit den Kleidern aufs Bette und blieb die Nacht und den ganzen folgenden Tag in einer Art von Schlafsucht liegen, aus der ihn erst am Abend des folgenden Tages, wo es gerade Weihnachten war, ein Bote von seinem Gönner, dem Regierungsrat Springer, weckte, dessen Frau an Reisern ein sehr großes Weihnachtsbrot zum Geschenk übersandte.

Dies war nun gerade, was ihn in seiner unwiderstehlichen Schlafsucht noch bestärkte. Er schloß sich mit diesem großen Brote ein und lebte vierzehn Tage davon, weil er nur wenig genoß, indem er Tag und Nacht wo nicht in einem immerwährenden Schlafe, doch, die letzten Tage ausgenommen, in einem beständigen Schlummer im Bette zubrachte. Hiezu kam nun freilich der Umstand, daß er kein Holz hatte, um einzuheizen; er hätte aber auch nur ein Wort sagen dürfen, um dies Bedürfnis zu befriedigen, wenn es ihm nicht gewissermaßen selbst lieb gewesen wäre, den Mangel des Holzes als einen Beweggrund zu dieser sonderbaren Lebensart vorschützen zu können.

Reiser wurde in diesem Zustande auch von seinen Freunden nicht gestört, weil er gegen diese oft den Wunsch geäußert hatte, daß er nur einmal ein paar Wochen lang ganz einsam zu sein wünschte.

Nun hatte aber dieser Zustand eine sonderbare Wirkung auf Reisern: die ersten acht Tage brachte er in einer Art von gänzlicher Abspannung und Gleichgültigkeit zu, wodurch er den Zustand, den er vergeblich zu besingen gestrebt hatte, nun gewissermaßen in sich selber darstellte. Er schien aus dem Lethe getrunken zu haben und kein Fünkchen von Lebenslust mehr bei ihm übrig zu sein.

Die letztern acht Tage aber war er in einem Zustande, den er, wenn er ihn isoliert betrachtet, unter die glücklichsten seines Lebens zählen muß.

Durch die lange fortdaurende Abspannung hatten sich allmählich die schlafenden Kräfte wieder erholt. Sein Schlummer wurde immer sanfter; durch seine Adern schien sich ein neues Leben zu verbreiten; seine jugendlichen Hoffnungen erwachten wieder eine nach der andern; Ruhm und Beifall krönten ihn wieder; schöne Träume ließen ihn in eine goldne Zukunft blicken. Er war von diesem langen Schlafe wie berauscht und fühlte sich in einem angenehmen Taumel, sooft er von dem süßen Schlummer ein wenig aufdämmerte. Sein Wachen selber war ein fortgesetzter Traum; und er hätte alles darum gegeben, in diesem Zustande ewig bleiben zu dürfen.

Wenn er daher die gefrornen Fenster ansah, so war ihm dies der angenehmste Anblick, weil er dadurch genötigt wurde, immer noch einen Tag länger im Bette zu bleiben. Sein großes Brot auf dem Tische betrachtete er wie ein Heiligtum, das er so sehr wie möglich schonen mußte, weil von der Dauer dieses Brots mit die Dauer seines glücklichen Zustandes abhing.

Nun fühlte er sich aber auch wieder, sobald es gelten sollte, zu nichts zu schwach. Das Theater stand wieder so glänzend wie jemals vor ihm da; alle die theatralischen Leidenschaften durchstürmten wieder eine nach der andern seine Seele, und die Gemüter der Zuschauer wurden durch sein Spiel erschüttert.

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