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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Er las und studierte hier oben und würde in dieser Abgezogenheit völlig glücklich gewesen sein, wenn ihn sein Gedicht über die Schöpfung nicht gequält hätte, welches machte, daß er oft wieder in eine Art von Verzweiflung geriet, wenn er Dinge ausdrücken wollte, die er zu fühlen glaubte und die ihm doch über allen Ausdruck waren.

Was ihm die meiste Qual machte, war die Beschreibung des Chaos, welche beinahe den ganzen ersten Gesang seines Gedichts einnahm und worauf er mit seiner kranken Einbildungskraft am liebsten verweilen mochte, aber immer für seine ungeheuren und grotesken Vorstellungen keine Ausdrücke finden konnte.

Er dachte sich eine Art von falscher täuschender Bildung in das Chaos hinein, welche im Nu wieder zum Traum und Blendwerk wurde; eine Bildung, die weit schöner als die wirkliche, aber eben deswegen von keinem Bestand und keiner Dauer war.

Eine falsche Sonne stieg am Horizont herauf und kündigte einen glänzenden Tag an. – Der bodenlose Morast überzog sich unter ihrem trügerischen Einfluß mit einer Kruste, auf welcher Blumen sproßten, Quellen rauschten; plötzlich arbeiteten sich die entgegenstrebenden Kräfte aus der Tiefe empor, der Sturm heulte aus dem Abgrunde, die Finsternis brach mit allen ihren Schrecknissen aus ihrem verborgenen Hinterhalt hervor und verschlang den neugeborenen Tag wieder in ein furchtbares Grab. Die immer in sich selbst zurückgedrängten Kräfte begannen mit Grimm nach allen Seiten sich auszudehnen und seufzten unter dem lastenden Widerstande. Die Wasserwogen krümmten sich und klagten unter dem heulenden Windstoß. In der Tiefe brüllten die eingeschlossenen Flammen, das Erdreich, das sich hob, der Felsen, der sich gründete, versanken mit donnerndem Getöse wieder in den alles verschlingenden Abgrund. –

Mit dergleichen ungeheuren Bildern zerarbeitete sich Reisers Phantasie in den Stunden, wo sein Innres selber ein Chaos war, in welchem der Strahl des ruhigen Denkens nicht leuchtete, wo die Kräfte der Seele ihr Gleichgewicht verloren und das Gemüt sich verfinstert hatte; wo der Reiz des Wirklichen vor ihm verschwand und Traum und Wahn ihm lieber war als Ordnung, Licht und Wahrheit.

Und alle diese Erscheinungen gründeten sich gewissermaßen wieder in dem Idealismus, wozu er sich schon natürlich neigte und worin er durch die philosophischen Systeme, die er in Hannover studierte, sich noch mehr bestärkt fand. Und auf diesem bodenlosen Ufer fand er nun keinen Platz, wo sein Fuß ruhen konnte. Angstvolles Streben und Unruhe verfolgten ihn auf jedem Schritte.

Dies war es, was ihn aus der Gesellschaft der Menschen auf Böden und Dachkammern trieb, wo er oft in phantastischen Träumen noch seine vergnügtesten Stunden zubrachte, und dies war es, was ihm zugleich für das Romantische und Theatralische den unwiderstehlichen Trieb einflößte.

Durch seinen gegenwärtigen innern und äußern Zustand war er nun wiederum ganz und gar in der idealischen Welt verloren, was Wunder also, daß bei der ersten Veranlassung seine alte Leidenschaft wieder Feuer fing und er wiederum seine Gedanken auf das Theater heftete, welches bei ihm nicht sowohl Kunstbedürfnis als Lebensbedürfnis war.

Diese Veranlassung ereignete sich sehr bald, da die Speichsche Schauspielertruppe nach Erfurt kam und Erlaubnis erhielt, auf dem Ballhause zu spielen, wo auch die Studenten ihre Komödien aufgeführt hatten.

Reiser war hier schon einmal bekannt und hatte sogar einen gewissen Ruf wegen seiner Schauspielertalente erhalten, wodurch er dem Prinzipal dieser kleinen Truppe sogleich bekannt wurde, der ihn engagieren wollte, sobald er Lust hätte, Schauspieler zu werden.

Diese Versuchung, daß ihm das, wornach er mit allen Mühseligkeiten des Lebens kämpfend vergeblich gestrebt hatte, nun auf einmal wie von selbst sich anbot, war für Reisern zu stark. Er setzte jede Rücksicht aus den Augen und lebte und webte nur in der Theaterwelt, für die er nun wieder wie in Hannover bis auf den Komödienzettel enthusiastische Verehrung hegte und die Mitglieder bis auf den Souffleur und Rollenschreiber mit einer Art von Neid betrachtete.

Einer, namens Beil, der sich damals unter dieser Truppe befand und nachher ein berühmter Schauspieler geworden ist, zog am meisten seine Neugier auf sich. Er zeichnete sich unter den Mitgliedern dieser Truppe am vorzüglichsten aus, und Reiser wünschte nichts sehnlicher, als seine Bekanntschaft zu machen, welches ihm auch nicht schwer wurde; er entdeckte diesem Beil seinen Wunsch, der ihn denn auch in seinem Entschluß, sich dem Theater zu widmen, bestärkte und an welchem Reiser nun zugleich einen Freund zu finden hoffte.

Er setzte nun jede Rücksicht beiseite, suchte den Gedanken an den Doktor Froriep und an seinen Freund Neries so viel wie möglich vor sich selber zu verbergen und engagierte sich, ohne jemanden etwas davon zu sagen, bei dem Prinzipal der Truppe; er hatte den Mut und die Hoffnung, in der ersten Rolle sich so zu zeigen, daß jedermann seinen Entschluß billigen würde.

Nun kam es auf die erste Rolle an, worin er auftreten sollte; und zufälligerweise traf es sich, daß in einigen Tagen die Poeten nach der Mode gespielt werden sollten, worin man ihm eine Rolle antrug.

Er wünschte sich, den Dunkel zu spielen, und hatte die Rolle schon auswendig gelernt, als sein neuer Freund, der Schauspieler Beil, ihm davon abriet, weil er selbst immer diese Rolle gespielt habe und sie ihm vorzüglich gut gelungen sei, Reiser möchte also lieber den Reimreich übernehmen, weil ein wenig bedeutender Schauspieler diese Rolle besitze.

Reiser ließ sich auch dies sehr gern gefallen, weil er durch den Maskaril und den Magister Blasius, welche Rollen er doch beide mit Beifall gespielt, sich auch einige Stärke im Komischen zutrauete.

Er schrieb sich also seine Rolle auf und lernte sie auswendig. Er war wirklich in der Aussicht auf seine theatralische Laufbahn vollkommen glücklich, als eine Bemerkung, die unter diesen Hoffnungen die fürchterlichste für ihn war, ihn mit Angst und Schrecken erfüllte. Ihm war es wie einem, den des Satans Engel mit Fäusten schlüge: er bemerkte, daß ihm der Verlust seines Haars drohte.

Gerade jetzt also, da er einen Körper ohne Fehl am notwendigsten brauchte, betraf ihn dieser Zufall, der ihn schon im voraus gegen sich selber mit Abscheu erfüllte.

Er eilte in dieser Not zu seinem treuen Freunde, dem Doktor Sauer, der ihm zu der Erhaltung seiner Haare wieder Hoffnung machte; und so fand er sich denn am Abend, wo die Poeten nach der Mode aufgeführt werden sollten, in der Garderobe hinter den Kulissen ein und kleidete sich komisch genug, um den Reimreich in seinem lächerlichsten Lichte darzustellen; sein Name stand an diesem Tage schon auf dem Komödienzettel an allen Ecken mit angeschlagen.

Als das Schauspiel bald angehen sollte, kam sein Freund Neries auf das Theater und machte ihm die bittersten Vorwürfe; Reiser ließ sich durch nichts in dem Taumel seiner Leidenschaft stören und war ganz in seine Rolle vertieft, woran sogar sein Freund Neries zuletzt mit teilnahm und über seinen komischen Anzug lachte, als auf einmal ein Bote erschien, welcher dem Prinzipal ankündigte, daß der Doktor Froriep sogleich zum Statthalter fahren und Beschwerde über ihn führen würde, wofern er es wagte, den Studenten, dessen Name auf dem Komödienzettel gedruckt stände, das Theater betreten zu lassen; Verlust seiner Konzession hier zu spielen würde die unausbleibliche Folge davon sein.

Reiser stand wie versteinert da, und der Prinzipal wußte in der Angst nicht, wozu er greifen sollte, bis sich ein Schauspieler erbot, die Rolle des Reimreich, so gut es gehen wollte, nach dem Souffleur zu spielen; denn man pochte schon im Parterre, daß der Vorhang sollte aufgezogen werden.

Wütend ging Reiser hinter den Kulissen auf und ab und zernagte seine Rolle, die er in der Hand hielt. Dann eilte er so schnell wie möglich aus dem Schauspielhause und durchirrte wieder alle Straßen bei dem stürmischen und regnigten Wetter, bis er gegen Mitternacht auf einer bedeckten Brücke, die ihn vor dem Regen schützte, vor Mattigkeit sich niederwarf und eine Weile ausruhte, worauf er wieder umherirrte, bis der Tag anbrach.

Diese äußersten Anstrengungen der Natur waren das einzige, was ihm das Verlorne in dem ersten bittersten Schmerz darüber einigermaßen ersetzen konnte. Das fortdauernde Leidenschaftliche dieses Zustandes hatte in sich etwas, das seiner unbefriedigten Sehnsucht wieder neue Nahrung gab. Sein ganzes mißlungenes theatralisches Leben drängte sich gleichsam in diese Nacht zusammen, wo er alle die leidenschaftlichen Zustände in sich durchging, die er außer sich nicht hatte darstellen können.

Am andern Tage ließ ihn der Doktor Froriep zu sich kommen und redete ihm wie ein Vater zu. Er bediente sich des schmeichelhaften Ausdrucks, daß Reisers Anlagen ihn zu etwas Besserm als zu einem Schauspieler bestimmten, daß er sich selbst verkennte und seinen eigenen Wert nicht fühlte. –

Da nun Reiser doch die Unmöglichkeit einsah, seinen Wunsch in Erfurt zu befriedigen, so täuschte er sich wiederum und überredete sich selber, daß er freiwillig der Idee sich dem Theater zu widmen entsage, weil sich alles gleichsam vereinigte, um seinen Entschluß zu hintertreiben, und die Art, wie der Doktor Froriep ihn davon abmahnte, zugleich so viel Schmeichelhaftes für ihn hatte.

Kaum aber war er wieder für sich allein, so rächte sich seine Selbsttäuschung durch erneuerten bittern Unmut, Unentschlossenheit und Kampf mit sich selber, bis nach einigen Tagen ihn der härteste Schlag traf, den er noch immer zu vermeiden hoffte, er mußte sein Haar verlieren.

Der Gedanke, nunmehro in einer Perücke, welches unter den Erfurter Studenten ganz etwas Ungewöhnliches war, erscheinen zu müssen, war ihm unerträglich. Mit dem wenigen Gelde, was er noch übrig hatte, ging er an das äußerste Ende der Stadt, wo er sich in einem Gasthof einquartierte, in welchem er aber nur schlief und des Abends sich etwas Bier und Brot geben ließ, um desto länger mit seinem Gelde zu reichen.

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