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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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In dieser Stube wohnte die ganze Familie nebst Reisern und noch einem Studenten, und jeder nahm seine Besuche von Fremden darin an; es wurde darin erzählt, von Kindern gelärmt, gesungen, gezankt und geschrieen; und dies war nun die nächste Umgebung, worin Reiser seine philosophische Abhandlung über die Empfindsamkeit schreiben und seine poetischen Ideale außer sich darstellen wollte.

Hier sollte also nun das Trauerspiel Siegwart geschrieben werden, das sich mit seiner Einkehr bei dem Einsiedler anhub, welches immer Reisers Lieblingsidee und die Lieblingsidee fast aller jungen Leute zu sein pflegt, welche sich einbilden, einen Beruf zur Dichtkunst zu haben.

Dies ist sehr natürlich, weil der Zustand eines Einsiedlers gewissermaßen an sich selber schon Poesie ist und der Dichter seinen Stoff schon beinahe vorgearbeitet findet.

Wer aber zuerst auf solche Gegenstände fällt, bei dem ist es auch fast immer ein Zeichen, daß bei ihm keine echte poetische Ader stattfinde, weil er die Poesie in den Gegenständen sucht, die in ihm selber schon liegen müßte, um jeden Gegenstand, der sich seiner Einbildungskraft darbietet, zu verschönern.

So ist die Wahl des Schrecklichen ebenfalls ein schlimmes Zeichen, wenn das vermeinte poetische Genie gleich zuerst darauf verfällt; denn freilich macht sich hier das Poetische auch schon von selber, und die innere Leerheit und Unfruchtbarkeit soll durch den äußern Stoff ersetzt werden.

Dies war der Fall bei Reisern schon in Hannover auf der Schule, wo er Meineid, Blutschande und Vatermord in einem Trauerspiele zusammenzuhäufen suchte, das der Meineid heißen sollte, und wobei er sich dann immer die wirkliche Aufführung des Stücks und zugleich den Effekt dachte, den es auf die Zuschauer machen würde.

Dies zweite Zeichen sollte ebenfalls für jeden, der sich wegen seines poetischen Berufes sorgfältig prüft, schon abschreckend sein. Denn der wahre Dichter und Künstler findet und hofft seine Belohnung nicht erst in dem Effekt, den sein Werk machen wird, sondern er findet in der Arbeit selbst Vergnügen und würde dieselbe nicht für verloren halten, wenn sie auch niemanden zu Gesicht kommen sollte. Sein Werk zieht ihn unwillkürlich an sich, in ihm selber liegt die Kraft zu seinen Fortschritten, und die Ehre ist nur der Sporn, der ihn antreibt.

Die bloße Ruhmbegier kann wohl die Begier einhauchen, ein großes Werk zu beginnen, allein die Kraft dazu kann sie dem nie gewähren, der sie nicht schon besaß, ehe er selbst die Ruhmbegier noch kannte.

Noch ein drittes schlimmes Zeichen ist, wenn junge Dichter ihren Stoff sehr gerne aus dem Entfernten und Unbekannten nehmen; wenn sie gern morgenländische Vorstellungsarten und dergleichen bearbeiten, wo alles von den Szenen des gewöhnlichen nächsten Lebens der Menschen ganz verschieden ist; und wo also auch der Stoff schon von selber poetisch wird.

Dies war denn auch der Fall bei Reisern; er ging schon lange mit einem Gedicht über die Schöpfung schwanger, wo der Stoff nun freilich der allerentfernteste war, den die Einbildungskraft sich denken konnte, und wo er statt des Detail, vor dem er sich scheute, lauter große Massen vor sich fand, deren Darstellung man denn für die eigentlich erhabene Poesie hält und wozu die unberufenen jungen Dichter immer weit mehr Lust haben als zu dem, was dem Menschen naheliegt; denn in dies letztere muß freilich ihr Genie die Erhabenheit erst hereintragen, welche sie in jenem schon vor sich zu finden glauben.

Reisers äußere Lage wurde hiebei mit jedem Tage drückender, weil die gehoffte Unterstützung aus Hannover nicht erfolgte und seine Hausleute ihn immer mehr mit scheelen Blicken ansahen, je mehr sie inne wurden, daß er weder Geld besitze noch welches zu hoffen habe. Sein Frühstück und Abendbrot, was er hier genoß, war er nicht mehr imstande zu bezahlen, und man ließ ihm deutlich merken, daß man nicht länger willens sei, ihm zu borgen; da man also keinen Nutzen von ihm ziehen konnte und er überdem ein trauriger Gesellschafter war, so war es natürlich, daß man seiner los zu sein wünschte und ihm die Wohnung aufkündigte.

So wenig auffallend dies nun an sich war, so tragisch nahm es Reiser. Der Gedanke des Lästigseins und daß er von den Leuten, unter denen er lebte, gleichsam nur geduldet würde, machte ihm wiederum seine eigene Existenz verhaßt. Alle Erinnerungen aus seiner Jugend und Kindheit drängten sich zusammen. Er häufte selber alle Schmach auf sich und wollte verzweiflungsvoll sich einem blinden Schicksal aufs neue überlassen.

Er wollte noch an diesem Tage wieder aus Erfurt gehen, und tausenderlei romanhafte Ideen durchkreuzten sich in seinem Kopfe, worunter eine ihm besonders reizend schien, daß er in Weimar bei dem Verfasser von Werthers Leiden wollte Bedienter zu werden suchen, es sei unter welchen Bedingungen es wolle; daß er auf die Art gleichsam unerkannter Weise so nahe um die Person desjenigen sein würde, der unter allen Menschen auf Erden den stärksten Eindruck auf sein Gemüt gemacht hatte; er ging vors Tor und blickte nach dem Ettersberge hinüber, der wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinen Wünschen lag.

Nun ging er zu Froriep, um Abschied von ihm zu nehmen, ohne ihm eine eigentliche Ursache sagen zu können, weswegen er Erfurt wieder verlassen wolle. Der Doktor Froriep schob diesen Entschluß auf seine Melancholie, redete ihm zu, daß er bleiben solle, und entließ ihn nicht eher, bis Reiser ihm versprochen hatte, wenigstens heute und morgen noch nicht abzureisen.

Diese Teilnehmung an seinem Schicksale war nun zwar für Reisern wieder sehr schmeichelhaft; sobald er sich aber wieder allein fand, verfolgte der Gedanke des Lästigseins in seiner nächsten Umgebung ihn wie ein quälender Geist, er hatte nirgends Ruhe noch Rast, streifte in den einsamsten Gegenden von Erfurt umher, in der Gegend des Kartäuserklosters, wohin er sich nun im Ernst wie nach einem sichern Zufluchtsorte sehnte und wehmütig nach den stillen Mauern hinüberblickte.

Dann irrte er weiter umher, bis es Abend wurde, wo der Himmel sich mit Wolken überzog und ein starker Regen fiel, der ihn bald bis auf die Haut durchnetzte. Der Fieberfrost, welcher sich nun zu den innern Unruhen seines Gemüts gesellte, trieb ihn in Sturm und Regen umher bei altem Gemäuer und durch einsame öde Straßen; denn in seine bisherige Wohnung zurückzukehren, davon konnte er den Gedanken nicht ertragen.

Er stieg die hohe Treppe zu dem alten Dom hinauf, band sich ein Tuch um den Kopf und suchte sich unter altem Gemäuer eine Weile vor dem Regen zu schützen. Vor Müdigkeit fiel er hier in eine Art von betäubendem Schlummer, aus dem er durch einen neuen Regenguß und durch das Getöse des Windes wieder erweckt wurde und aufs neue durch die Straßen irrte.

Indem ihm nun der Regen ins Gesicht schlug, fiel ihm die Stelle aus dem Lear ein: to shut me out, in such a night as this! (die Türen vor mir zu verschließen, in einer Nacht wie diese!) Und nun spielte er die Rolle des Lear in seiner eigenen Verzweiflung durch und vergaß sich in dem Schicksale Lears, der, von seinen eigenen Töchtern verbannt, in der stürmischen Nacht umherirrt und die Elemente auffordert, die entsetzliche Beleidigung zu rächen.

Diese Szene hielt ihn hin, daß er sich eine Zeitlang den Zustand, worin er war, mit einer Art von Wollust dachte, bis auch dies Gefühl abgestumpft wurde und ihm nun am Ende nichts als die leere Wirklichkeit übrig blieb, welche ihn in ein lautes Hohnlächter über sich selbst ausbrechen ließ.

In dieser Stimmung kehrte er wieder zu dem alten Dom zurück, der nun schon eröffnet war, und wo die Chorherren sich zur Frühmette bei Licht versammleten. Das alte gotische Gebäude, die wenigen Lichter, der Widerschein von den hohen Fenstern machten auf Reisern, der die ganze Nacht umhergeirrt war und sich hier auf eine Bank niedersetzte, einen wunderbaren Eindruck. Er war wie in einer Behausung vor dem Regen geschützt, und doch war dies keine Wohnung für die Lebenden. Wer vor dem Leben selber eine Freistatt suchte, den schien dies dunkle Gewölbe einzuladen, und wer eine Nacht, wie Reiser die vergangene, durchlebt hatte, konnte wohl geneigt sein, diesem Rufe zu folgen. Reiser fühlte sich auf der Bank im Dom in eine Art von Abgeschiedenheit und Stille versetzt, die etwas unbeschreiblich Angenehmes für ihn hatte, die ihn auf einmal allen Sorgen und allem Gram entrückte und ihn das Vergangene vergessen machte. Er hatte aus dem Lethe getrunken und fühlte sich in das Land des Friedens sanft hinüberschlummern. Dabei heftete sich immer sein Blick auf den blassen Widerschein von den hohen Fenstern, und dieser war es vorzüglich, welcher ihn in eine neue Welt zu versetzen schien: es war dies eine majestätische Schlafkammer, in welcher er seine Augen aufschlug, nachdem er wild die Nacht durchträumt hatte.

Denn wie Träume eines Fieberkranken waren freilich solche Zeitpunkte in Reisers Leben, aber sie waren doch einmal darin und hatten ihren Grund in seinen Schicksalen von seiner Kindheit an. Denn war es nicht immer Selbstverachtung, zurückgedrängtes Selbstgefühl, wodurch er in einen solchen Zustand versetzt wurde? Und wurde nicht diese Selbstverachtung durch den immerwährenden Druck von außen bei ihm bewirkt, woran freilich mehr der Zufall schuld war als die Menschen?

Als der Tag angebrochen war, kehrte Reiser mit ruhigerm Gemüte aus dem Dom zurück und begegnete auf der Straße seinem Freunde Neries, der schon früh ein Kollegium besuchte und welcher erschrak, da er Reisern ins Gesicht sahe, so sehr hatte diese Nacht ihn abgemattet und entstellt.

Neries ruhete nicht eher, bis Reiser ihm seinen ganzen Zustand entdeckt hatte. Nach freundschaftlichen Vorwürfen, daß Reiser nicht mehr Zutrauen zu ihm gehabt, brachte er ihn wieder nach seiner alten Wohnung, suchte ihn dort den Leuten in einem andern Lichte darzustellen und tilgte die geringe Schuld seines Freundes.

Diese aufrichtige Teilnehmung seines Freundes stärkte bei Reisern wieder das erkrankte Selbstgefühl; er war gewissermaßen stolz auf seinen Freund und ehrte sich in ihm.

Nun bedung er sich aus, um allein sein zu können, einen Verschlag auf dem Boden des Hauses zu beziehen, wohin man ihm auch ein Bette gab und wo er nun wieder, ganz sich selbst gelassen, ein paar nicht unangenehme Wochen zubrachte.

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