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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Die wenigen Tage nun, welche Reiser mit dem Doktor Sauer in Erfurt verlebte, waren für ihn höchst wichtig, weil sie seiner Seele einen gewissen neuen Anstoß gaben: er raffte sich gegen alle die Unterdrückungen zusammen, welche jenen Geist so sehr hatten lähmen können. Und der Unwille, den er darüber empfand, flößte ihm einen gewissen Trotz ein, auch dem Schwersten nicht zu unterliegen und das gewissermaßen durch Widerstand zu rächen, was jener gelitten hatte.

Sie waren eines Tages nach einem Dorfe vor Erfurt zusammen spazieren gegangen, und Ockord war mit von der Gesellschaft. – Als sie gegen Abend zurückkehrten, kamen sie an ein Gewässer, das mit dickem Gebüsch umgeben war und schwarz zwischen seinen Ufern hinkroch. Hier blieb Sauer stehen und suchte mit dem Stocke die Tiefe zu messen, die er aber nicht abreichen konnte. Er blieb stehen und sahe mit untergeschlagenen Armen in das Wasser und bemerkte die schwarze Fläche, und wie langsam fließend es dahinkröche. –

Das Bild, wie Sauer mit blassen Wangen und untergeschlagenen Armen bedeutungsvoll in diesen Stygischen Fluß herunterblickte, kam Reisern lebhaft wieder vor die Seele, als er einige Jahre nachher die Nachricht von seinem Tode vernahm. – Denn wenn irgendein bedeutendes Bild sich formte, wo Zeichen und Sache eines wurden, so war es hier.

Für Reisern aber eröffneten sich wieder fröhliche Aussichten: denn die Studenten kamen auf den Einfall, noch eine Komödie aufzuführen, weil sie an diesem Vergnügen nun einmal Geschmack bekommen hatten.

Die Stücke, welche man wählte, waren der Argwöhnische und der Schatz von Lessing: in dem ersten erhielt Reiser wiederum zwei Frauenzimmerrollen, die er mit Umkleidung spielen mußte, und in dem andern die Rolle des Maskaril, und nun war sein Schauspielerkredit unter den Studenten schon so befestiget, daß man es als eine Gefälligkeit von ihm ansahe, wenn er diese Rollen übernehmen wollte, und er sich also auf keine Weise dazu drängen durfte.

Während daß nun die Veranstaltungen zu dieser zweiten theatralischen Vorstellung gemacht wurden, fing Reiser zu gleicher Zeit eine Ausarbeitung über die Empfindsamkeit an, womit er zuerst als Schriftsteller auftreten wollte. In dieser Schrift sollte die affektierte Empfindsamkeit lächerlich gemacht und die wahre Empfindsamkeit in ihr gehöriges Licht gestellt werden.

Die seinsollende Satire gegen die Empfindsamkeit geriet nun freilich ziemlich grob, indem er sie mit einer Seuche verglich, vor der man sich zu hüten habe und jedwedem, der aus einer Gegend käme, wo die Empfindsamkeit herrschte, den Eingang in Städte und Dörfer versperren müsse.

Dieser Unwille war vorzüglich durch die empfindsamen Reisen, die nach und nach in Deutschland erschienen, und durch die vielen affektierten Nachahmungen von Werthers Leiden bei Reisern erweckt worden, ob er sich gleich selber auch heimlich dieser Sünde anklagen mußte; um desto heftiger suchte er nun auch zugleich zu seiner eigenen Besserung dagegen zu eifern.

Gerade, da er eines Abends an dieser Abhandlung schrieb, trat der Buchdrucker Pockwitz aus Hannover in die Stube und brachte ihm einen Brief von Philipp Reisern. Dies war eben der Buchdrucker, für den er in Hannover eine Anzahl kleiner Neujahrswünsche verfertigt und sich zum erstenmal in denselben gedruckt gesehen hatte.

Als Reiser den Buchdrucker vor die Türe hinausbegleitete, drückte ihm dieser ein kleines Goldstück in die Hand, welches hinlänglich war, einen Menschen, der nun seit einigen Wochen schon ganz von Gelde entblößt war und sich doch seinen Mangel nicht wollte merken lassen, auf einmal aus dem Staube zu heben.

Dies unvermutete Geschenk erhielt noch einen größern Wert durch die Art, womit es gegeben wurde, indem der Buchdrucker Pockwitz die Worte hinzufügte: es sei diese Kleinigkeit eine alte Schuld, die er abtrüge, weil nämlich Reiser Neujahrwünsche, Gedichte usw. bloß der Ehre wegen in Hannover für ihn verfertigt hatte.

In Reisers Umständen hatte ein Goldgulden, woraus dies Geschenk bestand, für ihn einen unschätzbaren Wert und riß ihn auf einmal aus einer Menge kleiner Verlegenheiten, die er keinem Menschen hätte sagen dürfen. Dies machte, daß er nun in Erfurt wirklich einige glückliche Tage erlebte, wo er eben durch nichts weder von innen noch außen gedrückt wurde und auch in die Zukunft keine trübe Aussichten hatte.

Der Brief von Philipp Reisern war auch interessanter als der vorhergehende; denn er enthielt die Nachricht, daß verschiedene von Reisers Mitschülern, welche mit ihm zugleich in Hannover Komödie gespielt hatten, seinem Beispiele gefolgt und auch zum Teil heimlich fortgegangen wären, um sich dem Theater zu widmen.

Darunter war vorzüglich Iffland, der im Clavigo den Beaumarchais gespielt hatte; der Sohn des Kantor Winter – der Präfektus aus dem Chore, namens Ohlhorst, und ein gewisser Timäus, eines Predigers Sohn, mit dem Reiser kurz vor seinem Abschiede noch einige romantische Spaziergänge bei Hannover gemacht hatte. Nun fand Reiser eine sonderbare Art von Stolz darin, da er doch von allen diesen nachgeahmt war, daß er zuerst den Mut gehabt hatte, einen solchen Schritt zu tun.

Dann schrieb ihm Reiser in seinem überspannten Stile, daß der Dichter Hölty in Hannover gestorben sei, und schloß am Ende mit den Worten: freue dich, Dichter! weine, Mensch! – Von dem Fortgange seines Liebesromans enthielt dieser Brief nur wenig.

Während daß nun Reiser mit den Rollen in der zweiten Komödie beschäftigt war, fand er einen neuen Freund in Erfurt, einen Studenten, namens Neries, aus Hamburg gebürtig, der bei dem Doktor Froriep im Hause wohnte, welcher ihm eine Abschrift von Reisers Gedichte das Kartäuserkloster gezeigt und dadurch dem Verfasser auf einmal einen neuen Freund verschafft hatte.

Dies wurde nun eine Freundschaft gerade von der empfindsamen Art, wogegen Reiser eine Abhandlung zu schreiben im Begriff war.

Der junge Neries hatte wirklich ein gefühlvolles Herz, er ließ sich aber auch durch den Strom hinreißen und spielte bei jeder Gelegenheit den Empfindsamen, ohne es selbst zu wissen; denn er eiferte sehr oft mit Reisern gegen das Lächerliche einer affektierten Empfindsamkeit – weil er aber nicht bloß vor andern empfindsam zu scheinen, sondern es für sich selber wirklich zu sein suchte, so deuchte ihm das keine Affektation mehr, sondern er trieb dies nun als eine ganz ernsthafte Sache, die keinen Spott auf sich leidet, und zog Reisern allmählich mit in diesen Wirbel hinüber, der die Seele so lange hinaufschraubt, bis sie in den abgeschmacktesten Zustand gerät, den man sich denken kann.

Reisern war es schon aufmunternd, daß ohngeachtet seiner dürftigen Umstände sich jemand an ihn schloß, dem es nicht an äußern Glücksgütern fehlte. – Nach und nach aber bildete sich bei ihm eine ordentliche Liebe und Anhänglichkeit an den jungen Neries, welche durch dessen wahre Freundschaft für Reisern immer vermehrt wurde, so daß sie sich immer mehr auch in ihren Torheiten einander näherten und von ihrer Melancholie und Empfindsamkeit sich wechselsweise einander mitteilten.

Dies geschahe nun vorzüglich auf ihren einsamen Spaziergängen, wo sie nur gar zu oft zwischen sich und der Natur eine Szene veranstalteten, indem sie etwa bei Sonnenuntergang die Jünger von Emmaus aus dem Klopstock lasen oder an einem trüben Tage Zachariäs Schöpfung der Hölle usw.

Vorzüglich lagerten sie sich oft am Abhange des Steigerwaldes, von welchem man die Stadt Erfurt mit ihren alten Türmen und ihrem ganzen Umfange von Gärten kann liegen sehen. Da hinauf gehen die Einwohner von Erfurt häufig spazieren, machen sich auch wohl oben selbst ein kleines Feuer an und kochen sich den Kaffee, um die patriarchalischen Ideen wieder zu erneuern.

Hier saßen nun auch Neries und Reiser oft Stunden lang und lasen sich aus irgendeinem Dichter wechselsweise vor; welches die meiste Zeit eine wahre Mühe und Arbeit und ein peinlicher Zustand für sie war, den sie sich aber einander nicht gestanden, um nur am Ende die Idee mit sich zu nehmen: ›Wir haben am Steigerwalde freundschaftlich beieinander gesessen, haben von da in das anmutsvolle Tal hinuntergeblickt und dabei unsern Geist mit einem schönen Werke der Dichtkunst genährt.‹

Wenn man erwägt, wie viele kleine Umstände sich ereignen müssen, um das Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen, so kann man sich denken, mit wie vielen kleinen Unannehmlichkeiten Neries und Reiser bei diesen empfindsamen Szenen kämpfen mußten: wie oft der Boden feucht war, die Ameisen an die Beine krochen, der Wind das Blatt verschlug usw.

Neries fand nun einen vorzüglichen Gefallen daran, Klopstocks Messiade Reisern ganz vorzulesen; bei der entsetzlichen Langenweile nun, die diese Lektüre beiden verursachte und die sie sich doch einander und jeder sich selber kaum zu gestehen wagten, hatte Neries doch noch den Vorteil des lauten Lesens, womit ihm die Zeit verging: Reiser aber war verdammt, zu hören und über das Gehörte entzückt zu sein, welches ihm mit die traurigsten Stunden in seinem Leben gemacht hat, deren er sich zu erinnern weiß, und welche ihn am meisten zurückschrecken würden, seinen Lebenslauf noch einmal von vorn wieder durchzugehen. Denn keine größere Qual kann es wohl geben als eine gänzliche Leerheit der Seele, welche vergebens strebt, sich aus diesem Zustande herauszuarbeiten und unschuldigerweise sich selber in jedem Augenblicke die Schuld beimißt und sich selber ihres Stumpfsinns anklagt, daß sie von den erhabenen Tönen, die unaufhörlich in ihre Ohren klingen, nicht gerührt und erschüttert wird.

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