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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Hier wünschte nun Reiser ebenfalls auftreten zu können, um seine Deklamation hier hören zu lassen, und es war ihm immer eine der reizendsten Aussichten, wenn der Doktor Froriep ihm einmal verstatten würde, hier die Kanzel zu besteigen. Auch hatte er sich schon ein Thema ausgedacht, worin er die Schönheiten der Natur, den Wechsel der Jahreszeiten mit poetischen Farben schildern und mit den glänzenden und schimmernden Aussichten in die Ewigkeit auf eine pathetische Weise seine Predigt beschließen wollte. Allein es kamen immer Hindernisse dazwischen, daß ihm dieser Wunsch in Erfurt nicht gewährt wurde.

So wie man nun an allem zweifelt, was man heftig wünscht, so zweifelte er auch immer, ob die wirkliche Aufführung der Komödie zustande kommen und er seine Rolle darin behalten würde. Dieser Wunsch wurde ihm dann gewährt. Er wurde mit aller Sorgfalt als Clelie geschmückt. Die Lichter wurden angezündet, der Vorhang rauschte empor, und er stand nun da vor einem zahlreichen Auditorium und spielte ganz unbefangen seine lange Rolle durch, ohne daß ihm ein einzigesmal das Unnatürliche davon eingefallen wäre, so sehr war er in dem Gedanken vertieft, daß er in einer theatralischen Darstellung nun wirklich mit begriffen und daß seine Mitwirkung in jedem Augenblick dazu notwendig war. –

Dies Vertiefen in seinen Gegenstand machte, daß er sich selbst vergaß und daß auch die Zuschauer das Unnatürliche der Rolle weniger bemerkten und er über sein Spiel sogar noch Beifall erhielt. Da er also nun den Schauplatz betreten hatte und doch dabei Student blieb, so machte ihm dies doppeltes Vergnügen, und er fühlte sich in der Wiedererinnerung an diesen Abend ein paar Tage über so glücklich, daß ihm alles das, was ihm in den wenigen Wochen, die er nun in Erfurt zugebracht hatte, schon begegnet war, halb wie im Traume vorkam.

Er rückte nun auch in die Wochenschrift der Bürger und der Bauer von Zeit zu Zeit Gedichte ein, wodurch sein Name als Schriftsteller unter den Erfurtischen Bürgern bekannt wurde. Dabei besorgte er Korrekturen für den Buchdrucker Gradelmüller und wurde durch diesen mit einem Gelehrten bekannt, den bei den größten Vorzügen des Geistes und Herzens bis an seinen Tod ein widriges Schicksal verfolgte, weil er durch den langwierigen ununterbrochenen Druck der Umstände verlernt hatte, seinen Wert geltend zu machen, und gerade die Kraft, wodurch er in der Welt festen Fuß fassen und seinen Platz behaupten mußte, bei ihm gelähmt war.

Dieser Doktor Sauer hatte für den Buchdrucker Gradelmüller eine Wochenschrift geschrieben unter dem Titel Medon oder die drei Freunde, wovon ein Jahrgang herausgekommen war. Man sahe auch hieran, wie er mit dem Druck der Umstände hatte kämpfen müssen; wie schwer es ihm mußte geworden sein, eine Anzahl trivialer Aufsätze niederzuschreiben, wobei noch immer die Funken des unterdrückten Genies hervorsprühten.

So aber mußte er schreiben und wöchentlich seinen Bogen liefern, um wiederum ein Jahr lang von seinem mühseligen Leben zu atmen. – Da nun die Wochenschrift aufhörte, so war er genötigt, wieder von Korrekturen sein Dasein zu erhalten. Und da er selber dramatische Ausarbeitungen von vielem Wert in seinem Pulte liegen hatte, die er nicht wagte zum Vorschein zu bringen, mußte er für einen vornehmen Herrn in Erfurt mit aller Sorgfalt und Korrektheit eines Kopisten ein Trauerspiel für Geld abschreiben, um mit dem Abschreiberlohn wiederum einige Tage lang sein Leben zu fristen.

Als Arzt verdiente er nichts: denn er fühlte einen besondern Hang in sich, gerade den Leuten zu helfen, die der Hülfe am meisten bedürfen und denen sie am wenigsten geleistet wird. Und weil dies nun gerade diejenigen sind, welche die Hülfe nicht zu bezahlen vermögen, so geriet der Arzt selber in große Gefahr zu verhungern, wenn er nicht Wochenschriften herausgegeben, Korrekturen besorgt und Trauerspiele abgeschrieben hätte.

Kurz, er ließ sich für seine Kuren nichts bezahlen und brachte auch dazu den armen Leuten noch die Arzenei ins Haus, die er selbst verfertigte und das Wenige, was ihm übrig oder nicht übrig blieb, darauf verwandte. Weil er sich nun dadurch gleichsam weggeworfen hatte, so hatten die Leute aus der großen und vornehmen Welt kein Zutrauen zu ihm; niemand zog ihn zu Rate, und unter den meisten war sogar sein Name nicht einmal bekannt, ob er sich gleich als Arzt schon keine geringe Erfahrung und Geschicklichkeit erworben hatte.

Er hatte auch in diesem Fache schon eigene vortreffliche Ausarbeitungen geliefert, die aber das Unglück hatten, sich unter der Menge zu verlieren und ebenso wie ihr Verfasser von den Zeitgenossen nicht bemerkt zu werden. Und während daß er nun seine übrigen medizinischen Ausarbeitungen in seinem Pulte verschlossen hielt, mußte er die Schrift eines französischen Arztes, der nach Erfurt kam und besser als der Doktor Sauer sich wußte bemerken zu machen, ins Lateinische übersetzen, um von dem Übersetzerlohne zu leben und für seine hülflosen und armen Kranken neue Arzeneimittel zuzubereiten.

Der müßte ganz abgestumpft sein, der diese Unwürdigkeiten und Demütigungen vom Schicksal nicht fühlen sollte. Der Doktor Sauer machte eine lächelnde Miene dazu, allein im Innersten seiner Seele untergrub doch jede dieser Demütigungen und Herabwürdigungen seine Tatkraft und lähmte seinen Mut. Wie konnte er seinem innern Werte noch trauen, da die ganze Welt ihn verkannte.

Wegen der Konnexion mit dem Buchdrucker Gradelmüller, für welchen er die Korrekturen besorgte, gab er nun auch zuweilen Aufsätze in die berühmte Erfurtische Wochenschrift der Bürger und der Bauer; und da las Reiser einmal ein Gedicht von ihm auf die freigewordenen Amerikaner, welches wohl verdient hätte, in einer Sammlung von den vorzüglichsten Poesien der Deutschen zu stehen, und nun in einem Blatte sich verlor, das in den Bierhäusern von Erfurt feilgeboten wurde.

Es war, als ob in diesem Gedichte sein unterdrückter Geist alle sein Freiheitsgefühl noch einmal ausgehaucht hätte, ein solcher Schwung und feurige Teilnehmung herrschte in den Gedanken.

Ganz entzückt durch dies Gedicht konnte Reiser nicht ruhen, bis er die Bekanntschaft eines so vorzüglichen Mitarbeiters an der Wochenschrift der Bürger und der Bauer gemacht hatte. Es hielt aber schwer, bis er diesen Wunsch erreichte, weil der Doktor Sauer eben keinen großen Hang in sich fühlen konnte, sich noch ferner an irgendeinen aus der Klasse von Wesen anzuschließen, die ihn gleichsam ausgestoßen hatte.

Indes fand sich doch ein Weg dazu, weil Reiser sein Studium der englischen Sprache auch in Erfurt fortgesetzt hatte, daß er sich erbot, dem Doktor Sauer Englisch zu lehren, weil dieser schon einige Male den Wunsch geäußert hatte, mit dieser Sprache bekannt zu sein. Dies Anerbieten wurde dann angenommen, und so erhielt Reiser Gelegenheit, wöchentlich wenigstens ein paarmal mit diesem Mann zusammenzukommen, an den er sich nun so nahe wie möglich anzuschließen wünschte.

Bei dieser Gelegenheit wurde er nun immer offner gegen Reisern und erzählte ihm von den mannigfaltigen Unterdrückungen, denen er von seiner Kindheit an von seinen Anverwandten und von seinen Lehrern ausgesetzt war, und nachher alle die Streiche des Schicksals nacheinander, die ihn bis in den Staub darniedergebeugt hatten; so daß Reiser im auffahrenden Unwillen sich nicht enthalten konnte, die Verkettung hämisch zu nennen, worin ein denkendes und empfindendes Wesen gleichsam absichtlich so eingeengt und gequält wird.

Während daß nun Reiser auf diese Art seinen Unwillen äußerte, verzog sich Sauers Mund zu einem sanften Lächeln, wodurch er freilich über diesen Unwillen erhaben, aber auch zugleich von den irdischen Banden schon gelöst war und seiner baldigen vollkommnen Befreiung ahndungsvoll entgegensahe. – Sein Kampf war beinahe durchgekämpft, er brauchte weiter keine widerstehende Kraft, keinen Trotz gegen das Schicksal.

Demohngeachtet loderte die Lebensflamme noch manchmal wieder in ihm auf. Er hoffte zuweilen noch glückliche Tage zu sehen und hatte einen großen Eifer zur Erlernung des Englischen, weil er sich von diesem seinem Studium viel versprach, um vorzüglich die in der englischen Sprache geschriebenen medizinischen Werke zu nutzen und dann auch durch Übersetzungen aus dem Englischen Geld zu erwerben.

Dann bot sich ihm auch sogar eine kleine Aussicht zu einer Art von Versorgung in Erfurt dar – und dies war ihm nun schon eine sehr glückliche Wendung, die er besonders seinem Ausharren zuschrieb. Wer in Erfurt zu etwas kommen wolle, pflegte er nun oft zu Reisern zu sagen, der müsse nur lange Zeit ausharren und die Geduld nicht verlieren! So bescheiden und mäßig war er in seinen Wünschen, und so sehr war jeder Schimmer eines bessern Glücks ihm schon aufmunternd.

Er wußte nicht, daß alles äußere Glück ihm nicht mehr helfen konnte, weil der Quell des Glücks in ihm selber versiegt und die Blume seines Lebens zerknickt war, so daß ihre Blätter notwendig welken mußten.

Reiser fühlte sich von einer solchen Teilnehmung angezogen, als ob das Schicksal dieses Mannes sein eigenes oder mit dem seinigen doch unzertrennlich verknüpft gewesen wäre. Es war ihm, als müßte dieser Mann noch glücklich werden, wenn die Dinge in ihrem Gleise bleiben sollten.

Reisern trog aber diesmal, so wie nachher noch oft seine Ahndung und sein Glaube an eine Entschädigung für erlittenen Kummer, die notwendig noch auf Erden stattfinden müsse. – Sauer entschlummerte nach wenigen Jahren, ohne beßre Tage gesehen zu haben. Da ihn von außen das Glück ein wenig anlächelte, waren seine innern Kräfte zerstört; und er blieb unbemerkt und unbekannt bis an seinen Tod; so daß in der kleinen Gasse, wo er wohnte, seine nächsten Nachbaren, als man den Sarg hinaustrug, fragten: wer denn da begraben würde? Ein Grad des Nichtbemerktwerdens, der in einer so unbevölkerten Stadt wie Erfurt höchst auffallend ist.

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