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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Der Doktor Froriep schien ihm zwar nicht recht zu glauben, allein er faßte eine höhere Idee von Reisern, als dieser erwarten konnte, indem er ihn für einen Sohn angesehener Eltern hielt, mit denen er sich entzweiet habe und deren Namen er nur verschwiege. Reiser fand es für sich schmeichelhaft, daß man eine solche Meinung von ihm hegen konnte, die ihm um desto lieber war, weil sie auf die gefälligste Art seine Lüge zudeckte, indem der Doktor Froriep die Unwahrheit, welche er selbst nicht glaubte, doch am besten entschuldigte.

Und was nun kam, war über alle seine Erwartung. – Der Doktor Froriep redete ihm zu, er möchte nur gutes Mutes sein; er wolle fürs erste Tisch und Wohnung für ihn besorgen. Reiser, der am Morgen eben dieses Tages sich noch von aller Welt verlassen sahe, trauete den tröstenden Worten kaum, die er jetzt vernahm, und glaubte in dem Doktor Froriep in dem Augenblick seinen Schutzengel vor sich zu sehen. –

Dieser schrieb ihm nun ein paar Zeilen, womit er am andern Morgen wieder zu dem Abt Günther gehen sollte, der ihn auf Frorieps Bitte umsonst als Student immatrikulieren würde.

Ein so glücklicher Wechsel des Schicksals versetzte Reisern in einen Zustand, der ihn aller seiner Widerwärtigkeiten vergessen machte, so daß ihn seine Wanderung auf das Ungewisse gar nicht mehr gereuete, da sie ihn einen solchen Zeitpunkt erleben ließ, von dem sich wohl niemand eine vollkommne Vorstellung machen kann, der nicht auch einmal in seinem Leben von aller Hülfe entblößt und an Körper und Seele gelähmt ohne Aussicht und ohne Hoffnung war.

In der Freude seines Herzens eilte er in den Gasthof, wo er die Nacht bleiben wollte, ließ sich Papier holen und fing an, seine eigenen Gedichte, die er auswendig wußte, nacheinander wieder aufzuschreiben, um sie am andern Tage dem Doktor Froriep zu bringen und sich dadurch einigermaßen seiner Aufmerksamkeit wert zu zeigen.

Er schrieb bis in die Nacht und wurde mit einigen Heften fertig. Am andern Morgen früh stieg er nun wieder voll ganz anderer Gedanken als gestern den Petersberg hinauf; und der gutmütige Abt Günther freute sich, ihn wiederzusehen, gewährte ihm gern seine Bitte und fertigte ihm sogleich die Matrikel aus, wobei er ihm die akademischen Gesetze gedruckt übergab und deren Befolgung durch einen Handschlag sich angeloben ließ.

Diese Matrikel, worauf stand: Universitas perantiqua, die Gesetze, der Handschlag waren für Reisern lauter heilige Dinge, und er dachte eine Zeitlang, dies wolle doch weit mehr sagen, als Schauspieler zu sein. Er stand nun wieder in Reihe und Glied, war ein Mitbürger einer Menschenklasse, die sich durch einen höhern Grad von Bildung vor allen übrigen auszuzeichnen streben. Durch seine Matrikel war seine Existenz bestimmt: kurz, er betrachtete sich, als er wieder vom Petersberge hinunterstieg, wie ein anderes Wesen.

Gegen Mittag zeigte er dem Doktor Froriep die erhaltene Matrikel vor und brachte ihm zugleich seine Gedichte, die diesmal weit mehr Glück machten, als er erwartet hatte. In Erfurt war nämlich das Studium der schönen Wissenschaften unter den Studenten noch etwas Seltenes, und dem Doktor Froriep war es lieb, einen mehr zu haben, der in diesem Fache den andern einigermaßen zum Beispiel diente.

Diese Gedichte bewürkten also, daß Reisers neuer Gönner sich nun noch weit mehr für ihn interessierte und ihn keine Nacht mehr im Gasthofe ließ, sondern sogleich dem Universitätsquartiermeister, der zugleich Fechtmeister war, den Auftrag gab, ihm ein Logis zu verschaffen. Dieser quartierte ihn dann fürs erste bei einem alten Studiosus Medicinä ein, welcher bei ihm im Hause wohnte, und weil er zugleich die Besorgung des Freitisches für die Studenten hatte, so zog er ihn fürs erste an seinen eigenen Tisch.

Bei diesen glücklichen Umständen wurde nun Reiser wieder auf manche Stunde lang der unglücklichste Mensch von der Welt, weil ihn seine Erziehung und der Kummer von seinen Schuljahren drückten. Die Idee von den Freitischen, die er als Schüler hatte genießen müssen, lag wie eine Last auf ihm, und er fühlte sich im Grunde weit unglücklicher, wie er nun an den Tisch des Fechtmeisters gehen sollte, als wie er auf dem Felde zwischen Gotha und Eisenach rohe Wurzeln aß.

Dies machte, daß er bei den Studenten, welche auch mit ihm bei dem Fechtmeister aßen, für einen timiden und blöden Menschen gehalten wurde; und da sein Wirt, der mit Studenten nach ihrer Art umging, auch nicht viel Umstände mit ihm machte, so wurde dadurch sein Zustand noch unerträglicher; er schien sich auf einmal aus der unbegrenzten Freiheit in die niederträchtigste Abhängigkeit wieder versunken zu sein.

Ohngeachtet seines scheuen Wesens aber war man schonend gegen ihn, und dies hatte er wiederum seinen aufgeschriebenen Gedichten zu danken, wovon der Doktor Froriep zu verschiedenen Leuten gesprochen hatte, und die ihm, ohne daß er selbst es wußte, unter den Studenten in Erfurt schon einen gewissen Namen gemacht hatten, so daß man nun sein sonderbares Wesen auf Rechnung seiner Dichtergabe schrieb.

Es fehlte ihm nun gänzlich an Wäsche, und hätte er einiges Zutrauen zu den Menschen gehabt, so hätte er auch itzt diesen Mangel sehr leicht ersetzen können. Allein es war ihm unmöglich, diesen Mangel zu gestehen, der ihm am drückendsten war und im Grunde seine meiste Traurigkeit verursachte, die er aber immer selbst auf etwas anders schob, worüber er zu trauren gegen sich selbst affektierte, weil ihm der Mangel an Wäsche ein zu kleiner und unpoetischer Gegenstand schien.

Der Fechtmeister wies ihm nun ein bleibendes Quartier bei einem Studenten, namens R..., an, bei dem er auch auf der Stube wohnen mußte, und der sogleich eine Wochenschrift mit ihm gemeinschaftlich herausgeben wollte, weil er sich von Reisers Dichter- und Schriftstellertalent schon große Vorstellungen gemacht hatte. Reiser dachte auch bald einen Plan zu einer Wochenschrift aus, welche sich mit einer Satire auf diese Art Schriften anheben und die letzte Wochenschrift heißen sollte; als aber sein neuer Stubengenosse merkte, daß er kein Geld bei sich führe und auch keine sehr bestimmte Aussicht habe, welches zu erhalten, fing er an ziemlich kalt gegen ihn zu werden und riet ihm, fürs erste seinen Degen zu versetzen, welches Reiser tat und nun auf einmal wieder freundlichere Blicke erhielt. Denn der Herr R..., der ein sehr ordentlicher Mann war, wollte bei ihrer beiderseitigen literarischen Unternehmung nicht gerne Auslagen machen.

Sie gingen nun beide hin zu einem Buchdrucker in Erfurt, namens Gradelmüller, und brachten den Plan ihrer neuen Wochenschrift zum Vorschein: dieser stellte ihnen aber sehr nachdrücklich vor, wie mißlich ein solches Unternehmen und wie viel sicherer es sei, seine Aufsätze in ein Blatt zu geben, welches schon einmal bekannt und vom Publikum beliebt wäre, wie z. E. die Wochenschrift der Bürger und der Bauer, welche er selbst herausgab, und die von Betteljungen in den Bierhäusern von Erfurt herumgetragen wurde.

Das war also eben der Bürger und Bauer, den Reiser auf seiner ersten Wanderung bei dem Jäger nicht weit von Mühlhausen vorgefunden hatte und zu dessen Mitarbeiter er nun nebst seinem Stubengenossen von dem Verleger und Herausgeber erwählt wurde. Beide mußten nun den Abend bei dem Buchdrucker speisen, und es wurden Rettig und eine Art sehr harter länglichter kleiner Käse, die in Erfurt gewöhnlich sind, aufgetragen, wovon die beiden Mitarbeiter unaufhörlich aßen, während daß die Frau des Buchdruckers manchmal darzu sehr sauer sahe.

Der erste Aufsatz, den nun der Student R... in die Wochenschrift der Bürger und der Bauer lieferte, war eine prosaische Nachahmung von dem Beatus ille des Horaz. Und der erste Aufsatz von Reiser war sein steifes Gedicht über die Welt, das er schon in Hannover auf der Schule gemacht hatte.

Da nun aber für diese Aufsätze weiter kein Honorar erfolgte, und der Plan des Studenten R..., durch eine Wochenschrift, die er mit Reisern herausgeben wollte, ein Ansehnliches zu gewinnen, auf die Weise ins Stocken geriet, so hatte auch Reiser weiter kein Interesse mehr für ihn; welches ihm nicht zu verdenken war, da Reiser wegen seiner Melancholie, die vorzüglich bei ihm aus dem Mangel an Wäsche und nun auch wieder von dem schlechten Zustande seiner Schuhe entstand, nur ein trauriger Gesellschafter sein konnte.

Der Student R... suchte also Reisern nach Verlauf von acht Tagen, die er bei ihm gewohnt hatte, schon wieder in einem andern Logis unterzubringen. – Dies war auf der Kirschlache in der Wohnung eines Brauers, wo noch ein Student logierte und der Sohn im Hause ebenfalls die Schule besuchte.

Hier bekam Reiser nun wiederum kein Zimmer für sich allein, sondern mußte so wie der andre Student mit der Familie zusammenwohnen. – Das Haus aber hatte eine angenehme Lage – es stand in einer Reihe kleiner Häuser, vor denen ein schmales Gewässer vorbeifließt, dessen diesseitiges Ufer mit Bäumen bepflanzt ist.

Es war also keine ganz eingeengte Straße, sondern das vorüberfließende Wasser und selbst die Kleinheit der Häuser trugen dazu bei, dieser Gegend der alten Stadt ein freies ländliches Ansehn zu geben.

Hinter dem Hause war gleich die alte Stadtmauer, von welcher man die Aussicht nach dem Kartäuserkloster hatte. Die Mauer war oben zum Teil mit Gras bewachsen und an verschiedenen Orten halb eingefallen, so daß man bequem hinaufsteigen und alsdann die großen Pläne von Gärten, womit Erfurt noch innerhalb seiner Mauren umgeben ist, übersehen konnte.

Während dieser Zeit erhielt nun Reiser auch den ordentlichen Freitisch von der Universität, und die Idee des ruhigen Bleibens behielt nun auf einmal wieder so sehr bei ihm die Oberhand, daß er jetzt, da er neunzehn Jahr alt war, an seinen Freund in Hannover schrieb, er hoffe und wünsche nunmehr den Rest seiner Tage in Erfurt zu beschließen.

Seine lernende Laufbahn sollte nämlich hier unmittelbar in die lehrende übergehn, und so sollte das Ziel aller seiner Wünsche und Hoffnungen dann erreicht sein. – Auf alles übrige Glänzende glaubte er nun Verzicht getan zu haben, und alle die schimmernden Theaterphantasien schienen auf eine Zeitlang aus seinem Kopfe verschwunden zu sein.

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