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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Das Gespräch mit dem Schuster, der ihm als ein Einwohner von Gotha seine Not klagte, war für ihn gar nicht unterhaltend und stimmte seine Ideen sehr herab, da er nun das wirkliche Leben in so einer Stadt sich dachte, wo noch kein Mensch ihn kannte, und wo es noch sehr zweifelhaft war, ob irgend jemand an seinem Schicksal teilnehmen und auf seine Wünsche merken würde.

Diese unangenehmen Reflexionen machten, daß ihm der Weg noch beschwerlicher und er mit jedem Schritte müder wurde, bis sich die beiden kleinen Türmchen von Gotha zeigten, wovon ihm der Schuster sagte, daß der eine auf der Kirche und der andre auf dem Komödienhause stände.

Dieser angenehme Kontrast und lebhafte sinnliche Eindruck machte, daß sein Gemüt sich allmählich wieder erheiterte und er durch verdoppelte Schritte seinen Gefährten wieder in Atem setzte.

Denn das Türmchen bezeichnete ihm nun deutlich den Fleck, wo der unmittelbare laute Beifall eingeerntet und die Wünsche des ruhmbegierigen Jünglings gekrönt würden.

Dieser Platz behauptete dort seine Rechte neben dem geweihten Tempel und war selbst ein Tempel der Kunst und den Musen geweihet, in welchem das Talent sich entwickeln und alle und jede Empfindungen des Herzens aus ihren geheimsten Falten vor einem lauschenden Publikum sich enthüllen konnten. –

Da war nun der Ort, wo die erhabene Träne des Mitleids bei dem Fall des Edlen geweint und lauter Beifall dem Genius zugejauchzt wurde, der mit Macht die Seelen zu täuschen, die Herzen zu schmelzen wußte.

Mitleid den Toten und Ehre den Lebenden war hier die schöne Lösung – und Reiser lebte und webte schon in diesem Elemente, wo alles das, was die Vorwelt empfand, noch einmal nachempfunden und alle Szenen des Lebens in einem kleinen Raume wieder durchlebt wurden.

Kurz, es war nichts weniger als das ganze Menschenleben mit allen seinen Abwechselungen und mannigfaltigen Schicksalen, das bei dem Anblick des Türmchens vom Gothaischen Komödienhause sich in Reisers Seele wie im Bilde darstellte, und worin sich die Klagen des Schusters, der ihn begleitete, und seine eigenen Sorgen wie in einem Meere verloren. –

Mit seinem einzigen Gulden in der Tasche fühlte sich Reiser beglückt wie ein König, solange dieser Reichtum von Bildern ihm vorschwebte, die die Spitze des Türmchens in Gotha umgaukelten und Reisern einen schönen Traum in die Zukunft aufs neue vorspiegelten.

Da sie nicht mehr weit von der Stadt waren, ließ Reiser seinen Gefährten vorangehen und setzte sich gemächlich unter einen Baum, um so gut wie nur irgend möglich seine Kleider in Ordnung zu bringen und auf eine stattliche Weise in Gotha seinen Einzug zu halten.

Dies gelang ihm so gut, daß einige Handwerksleute, die eben vor dem Tore vor Gotha spazieren gingen, wie vor einem vornehmen Manne den Hut vor ihm abzogen, welches Reisern nicht wenig in Verwunderung setzte, der auf seiner ganzen Reise mit den Fuhrleuten auf der Streu geschlafen und eine gar nicht glänzende Figur gespielt hatte.

Er kam nun durch das alte Tor von Gotha in eine etwas dunkle Straße, die er hinaufging und bald zur rechten Seite den Gasthof zum goldnen Kreuze ansichtig wurde, wo er denn einkehrte, weil dieser Gasthof ihm keiner der glänzendsten zu sein schien.

Als er eben hereintrat, fand er gleich vorn in der Gaststube einen Schwarm von Handwerksburschen, die schrien und lärmten; und er wollte schon wieder umkehren, als der alte Wirt zu ihm kam, der ihn freundlich anredete und fragte, ob er etwa hier logieren wolle? Reiser erwiderte: dies sei wohl eine Herberge für Handwerksburschen? Das täte nichts, sagte der Wirt, er solle mit seinem Logis schon zufrieden sein, und hierauf nötigte er Reisern in seine eigene wohleingerichtete Stube, wo ein alter Hauptmann, ein Hoflakai und noch einige andere wohlgekleidete Leute waren, in deren Gesellschaft Reiser von dem Wirt introduzieret und auf das höflichste behandelt wurde. Denn man tat keine einzige unbescheidene oder neugierige Frage an ihn und bewies ihm doch dabei eine schmeichelnde Aufmerksamkeit.

In diesem Zimmer stand ein Flügel, auf welchem ein junger Mann, namens Liebetraut, sich hören ließ. Dieser Liebetraut war auch erst vor kurzem zufälligerweise in eben diesen Gasthof eingekehrt und mit den alten Wirtsleuten bekannt geworden, auf deren Zureden, weil sie sich gerne in Ruhe setzen wollten, er den Gasthof in Pacht übernommen hatte, so daß er also eigentlich der Wirt war, obgleich die Alten ihm noch immer Anweisung geben und sich mit um die Wirtschaft bekümmern mußten.

Dieser junge Liebetraut ließ sich sehr bald mit Reisern in ein Gespräch über schöne Wissenschaften und Dichtkunst ein und zeigte sich als ein Mann von feinem Geschmack und Bildung, und was das Sonderbarste war, so schien er nicht undeutlich darauf anzuspielen, daß Reiser wohl hierher gekommen sei, um sich dem Theater zu widmen.

Dieser ließ sich für jetzt nicht weiter aus, und ihm wurde nun auch eine Stube angewiesen, wo er allein sein konnte. Hier sammelten sich nun seine Gedanken wieder, und er machte sich nun einen Plan, wie er am andern Tage seinen Besuch bei dem Schauspieler Ekhof machen und dem sein Anliegen vortragen wollte.

Während er auf seiner Stube allein mit diesen Gedanken beschäftigt war und am Fenster stand, kamen die Chorschüler vor das Haus und sangen eine Motette, die Reiser während seiner Schuljahre in Wind und Regen oft mitgesungen hatte.

Dies erinnerte ihn an jenen ganz trüben Zeitraum seines Lebens, wo immer Mißmut, Selbstverachtung und äußerer Druck ihm jeden Schimmer von Freude raubte, wo alle seine Wünsche fehlschlugen und ihm nichts als ein schwacher Strahl von Hoffnung übrig blieb.

Sollte denn nun, dachte er, nicht endlich einmal die Morgenröte aus jenem Dunkel hervorbrechen? – Und eine trügerische täuschende Hoffnung schien ihm zu sagen, daß er dafür, daß er so lange sich selber zur Qual gewesen, nun auch einmal werde Freude an sich selber haben, und daß die glückliche Wendung seines Schicksals nicht weit mehr entfernt sei.

Sein höchstes Glück aber war nun einmal der Schauplatz; denn das war der einzige Ort, wo sein ungenügsamer Wunsch, alle Szenen des Menschenlebens selbst zu durchleben, befriedigt werden konnte.

Weil er von Kindheit auf zu wenig eigene Existenz gehabt hatte, so zog ihn jedes Schicksal, das außer ihm war, desto stärker an; daher schrieb sich ganz natürlich während seiner Schuljahre die Wut, Komödien zu lesen und zu sehen. – Durch jedes fremde Schicksal fühlte er sich gleichsam sich selbst entrissen und fand nun in andern erst die Lebensflamme wieder, die in ihm selber durch den Druck von außen beinahe erloschen war.

Es war also kein echter Beruf, kein reiner Darstellungstrieb, der ihn anzog: denn ihm lag mehr daran, die Szenen des Lebens in sich als außer sich darzustellen. Er wollte für sich das alles haben, was die Kunst zum Opfer fordert.

Um seinetwillen wollte er die Lebensszenen spielen – sie zogen ihn nur an, weil er sich selbst darin gefiel, nicht weil an ihrer treuen Darstellung ihm alles lag. – Er täuschte sich selbst, indem er das für echten Kunsttrieb nahm, was bloß in den zufälligen Umständen seines Lebens gegründet war. – Und diese Täuschung, wie viele Leiden hat sie ihm verursacht, wie viele Freuden ihm geraubt!

Hätte er damals das sichere Kennzeichen schon empfunden und gewußt, daß, wer nicht über der Kunst sich selbst vergißt, zum Künstler nicht geboren sei, wie manche vergebene Anstrengung, wie manchen verlornen Kummer hätte ihm dies erspart!

Allein sein Schicksal war nun einmal von Kindheit an, die Leiden der Einbildungskraft zu dulden, zwischen welcher und seinem würklichen Zustande ein immerwährender Mißlaut herrschte, und die sich für jeden schönen Traum nachher mit bittern Qualen rächte.

Nach seiner langen Wanderschaft brachte nun Reiser wieder die erste Nacht in Gotha in sanftem Schlummer zu, und als er am andern Morgen früh erwachte, so war es, als ob aus Lisuart und Dariolette ihm der Schluß aus einer Arie, welche die verwünschte Alte singt, entgegentönte:

Vielleicht ist dies der Morgen,
Der aller meiner Sorgen
Erwünschtes Ende bringt.

Während daß diese Zeilen ihm immer in Gedanken schwebten, zog er sich an und erkundigte sich bei seinem jungen Wirt, wo Ekhof wohnte, dem er nun diesen Vormittag seinen Besuch machen wollte.

Zu dem Ende hielt er nun seinen gedruckten Prolog in Bereitschaft, den er in Hannover verfertigt und Iffland gesprochen hatte, und durch welchen er hier vorzüglich Eingang zu finden hoffte.

Der junge Gastwirt Liebetraut nötigte ihn noch vorher mit ihm zu frühstücken und schien an seinem Umgange ein besonderes Vergnügen zu finden, indem er zugleich anfing, ihn zum Vertrauten seiner Herzensgeschichte zu machen, welche darin bestand, daß er den Gasthof gepachtet habe, um ein junges Frauenzimmer, das er liebte, je eher je lieber heiraten zu können.

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