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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Der Weg war zuerst von dem gestrigen Regen noch ziemlich beschwerlich; weil aber die Sonne heiß schien, so trocknete der Boden bald wieder, und Reiser erreichte noch gegen Mittag die Reichsstadt Mühlhausen, welche nun als ein neuer ungewohnter Anblick mit ihren Türmen vor ihm lag.

Hier stand ihm nun, wie er gewarnt war, die meiste Gefahr von den Werbern bevor. – Er gab sich also diesmal alle mögliche Mühe, ehe er ins Tor ging, sorgfältig seine Toilette zu machen; und die schon einmal versuchte Rolle eines unbefangnen Spaziergängers gelang ihm auch diesmal wieder ebenso gut wie in Hildesheim, so daß er, ohne von einer Schildwache befragt zu werden, glücklich durchs Tor in die Stadt kam.

Durch die Stadt eilte er so schnell wie möglich, erkundigte sich nach dem Tore, aus welchem der Weg nach Erfurt geht, und verdoppelte seine Schritte, sooft er etwas einer Soldatenkleidung Ähnliches nur von fern erblickte.

Wie froh schüttelte er den Staub von seinen Füßen über diese Stadt, als er den letzten Schlagbaum zurückgelegt hatte und keinen preußischen Werber hinter noch neben sich sahe.

Die grünen Turmspitzen blieben das einzige Bild, was er von diesem Häuserhaufen mit sich nahm; alles übrige war verloschen; so schnell war seine Einbildungskraft über die Gegenstände hinweggegleitet.

Er näherte sich nun immer mehr dem Ziele seiner Reise und betrachtete das Zurückgelegte mit stillem Vergnügen, wobei ihm besonders seine Sparsamkeit und harte Lebensart einen süßen Triumph gewährten, da nun die Beschwerlichkeiten beinahe überstanden waren. Demohngeachtet aber fühlte er wiederum eine Art von Ängstlichkeit, je kleiner der Zwischenraum zwischen ihm und seinen ungewissen Aussichten wurde.

Denn das, was in der Einbildungskraft keinen Anstoß gelitten hatte, sollte nun zur Wirklichkeit kommen und mit Hindernissen kämpfen, die sich schon im voraus darstellten. Es deuchte Reisern nun viel leichter, mit schönen und angenehmen Aussichten in die weite Welt zu wandern, als an Ort und Stelle selbst zu sein und diese Aussichten wahr zu machen.

Drum hätte sich nun Reiser gerne das Ziel noch weiter weggewünscht, wenn er imstande gewesen wäre, seine Wanderung weiter fortzusetzen. Eine traurige Bemerkung aber, die er an seinen Schuhen machte, deren Verlust für ihn in den Umständen, worin er sich befand, unersetzlich war, hemmte auf einmal alle seine weiten Aussichten wieder und machte, daß er ernsthaft über seinen Zustand nachdachte.

Es ist merkwürdig, wie die verächtlichsten wirklichen Dinge auf die Weise in die glänzendsten Gebäude der Phantasie eingreifen und sie zerstören können und wie auf eben diesen verächtlichen Dingen eines Menschen Schicksal beruhen kann.

Reisers Glück, das er in der Welt machen wollte, hing jetzt im eigentlichen Sinne von seinen Schuhen ab; denn von seinen übrigen Kleidungsstücken durfte er nichts veräußern, wenn er mit Anstande erscheinen wollte: und doch machten zerrissene Schuhe, die er durch neue nicht ersetzen konnte, seinen ganzen übrigen Anzug unscheinbar und verächtlich.

Dies versetzte ihn, indem er auf dem Wege nach Langensalza begriffen war, in traurige und schwermütige Gedanken, bis ein Bauer und ein Handwerksbursch, die eben desselben Weges gingen, sich zu ihm gesellten und ihn mit Gesprächen unterhielten.

Der Handwerksbursch erzählte von seinen Reisen in Kursachsen, und der Bauer hatte eine Klagesache, die er selbst in Dresden bei dem Kurfürsten anbringen wollte.

Es war kurz nach Mittag und eine drückende Hitze. Dem Handwerksburschen drückten seine Stiefeln – Reiser sahe mit jedem Tritte seine Schuhe sich verschlimmern, und der Bauer klagte über entsetzlichen Durst, als sie auf dem Felde einige Arbeitsleute antrafen, die einen Eimer Wasser neben sich stehen hatten und den drei ermüdeten Wanderern zu trinken gaben.

Eine solche Szene, wo unbekannte, voneinander entfernte Menschen auf einmal sich nahe zusammenfinden, gemeinschaftliches Bedürfnis und gemeinschaftlichen Trost und Zuspruch aneinander haben, als ob sie nie unbekannt und entfernt voneinander gewesen wären; so etwas hielt Reisern für alles Unangenehme auf seinen Wanderungen wieder schadlos, und er konnte sich mit innigem Vergnügen daran zurückerinnern.

Seine Gefährten verließen ihn vor der Stadt Langensalza, in der er sich nicht aufhielt, sondern noch den nächsten Ort zu erreichen suchte, wo er übernachten wollte.

Er kam spät in dem Gasthofe an, wo er nun die letzte Nacht vor seiner Ankunft in Erfurt zubrachte. – Als er am andern Morgen erwachte, so war sein erster Gedanke an einen Schuster; und wie groß war nun seine Freude, als er an diesem Orte einen fand, der um wenige Groschen, während daß er darauf wartete, seine Schuh wieder in dauerhaften Stand setzte, und er dadurch auf einmal aus der größten Verlegenheit befreit war.

Nun ging er also rasch auf Erfurt zu. – So wie er gekleidet war, durfte er nun vor jedermann erscheinen, und so hatte er wieder Mut und Zutrauen zu sich selber.

In dem letzten Dorfe vor Erfurt ließ er sich einen Trunk Bier geben. – In dem Gasthofe war es sehr lebhaft. Man bemerkte schon die Nähe der Stadt, aus welcher sich viele Einwohner hier befanden, unter denen auch ein Gelehrter war, mit dem die andern von seinen Werken sprachen.

Von diesem Dorfe aus bekam denn Reiser endlich die Stadt Erfurt zu Gesichte mit dem alten Dom, den vielen Türmen, den hohen Wällen und dem Petersberge. – Das war nun die Vaterstadt seines Freundes Philipp Reisers, wovon ihm dieser so viel erzählt hatte. – Auf dem Wege nach der Stadt zu waren Kirschbäume gepflanzt. – Die Hitze der Mittagssonne hatte sich schon gelegt – die Leute gingen vor dem Tore spazieren – und als Reiser auf diesem Wege an Hannover zurückdachte, so war es ihm auch gerade, als habe er von dort bis hieher einen leichten Spaziergang gemacht, so klein deuchte ihm nun der Zwischenraum, den er zurückgelegt hatte.

Eine so große Stadt wie diese hatte er nun noch nicht gesehen; der Anblick war ihm neu und ungewohnt; er kam durch die breite und schöne Straße, welche der Anger heißt, und konnte sich nicht enthalten, noch ein wenig in der Stadt umherzugehen, ehe er seinen Stab weiter setzte; denn er wollte noch bis zum nächsten Dorfe gehen, das auf dem Wege nach Weimar liegt.

Bei diesen Wanderungen durch die Straßen von Erfurt kam er in eine der Vorstädte und kehrte, weil es noch nicht spät war, in einem Gasthofe ein.

Hier saß der Wirt, ein dicker Mann, am Fenster, und Reiser fragte ihn, ob die Ekhofsche Schauspielergesellschaft noch in Weimar wäre? Nichts! antwortete er, sie ist in Gotha! Reiser fragte weiter, ob Wieland noch in Erfurt wäre? Nichts! antwortete jener wieder, er ist in Weimar! Das Nichts! sprach er jedesmal mit einer Art von Unwillen aus, als ob es ihn verdrösse, Nein! zu sagen.

Und dies harte Nichts! in der Antwort des dicken Wirtes verrückte auf einmal Reisers ganzen Plan. – Nach Weimar war eigentlich sein Sinn gerichtet – da, glaubte er, würden sich unerwartete Kombinationen finden – er würde da den angebeteten Verfasser von Werthers Leiden sehen. – Und nun klang auf einmal Gotha statt Weimar in seinen Ohren.

Er ließ sich aber auch dies nicht irren, sondern stand eilig auf, um sich noch denselben Abend auf den Weg nach Gotha zu begeben und, um von seiner strengen Regel nicht abzuweichen, im nächsten Dorfe zu übernachten.

Ehe die Sonne unterging, hatte er Erfurt schon wieder im Rücken, und ehe es ganz Nacht wurde, erreichte er noch das erste Dorf auf dem Wege nach Gotha. – Der Dom und die alten Türme von Erfurt machten nun ein neues Bild in seiner Seele, das er mit sich heraustrug und das ihn zur Wiederkehr in diesen Ort einzuladen schien.

In dem Dorfe aber, wo er einkehrte, hatte er noch zu guter Letzt auf seiner Streu sehr unruhige Nachbaren. Dies waren nämlich Fuhrleute, die von Zeit zu Zeit aufstanden und sich in einem sehr groben Dialekt miteinander unterhielten, worin besonders ein Wort vorkam, das höchst widrig in Reisers Ohren tönte und immer mit einer Menge von häßlichen Nebenideen für ihn begleitet war: die Bauern sagten nämlich immer: ›er quam‹ anstatt ›er kam‹. Dieses ›quam‹ schien Reisern ihr ganzes Wesen auszudrücken; und alle ihre Grobheit war in diesem ›quam‹, das sie immer mit vollen Backen aussprachen, gleichsam zusammengedrängt.

Kaum daß Reiser ein wenig eingeschlummert war, so weckte ihn dies verhaßte Wort wieder auf, so daß diese Nacht eine der traurigsten war, die er je auf einer Streu zugebracht hatte. Als der Tag anbrach, sahe er die schwammigten, aufgedunsenen Gesichter seiner Schlafkameraden, welche vollkommen mit dem ›quam‹ übereinstimmten, das ihm noch in den Ohren gellte, als er den Gasthof schon verlassen hatte und nun am frühen Morgen mit starken Schritten auf Gotha zuwanderte.

Weil er die Nacht wenig geschlafen hatte, waren seine Gedanken auf dem Wege nach Gotha eben nicht sehr heiter, wozu noch kam, daß mit jedem Schritte seine Aussicht nun enger wurde und seine Phantasie weniger Spielraum hatte.

Es war an einem Sonntage, und ein Schuster, der die Woche aufs Land gegangen war, um Schulden einzufordern, kehrte mit ihm nach Gotha und sagte ihm unter andern, daß es dort sehr teuer zu leben sei.

Diese Nachricht war für Reisern sehr bedenklich, der nun ohngefähr noch einen Gulden im Vermögen hatte und dessen Schicksal in Gotha sich also sehr bald entscheiden mußte. –

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