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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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In dem Dorfe, wo er die erste Nacht blieb, war die Gaststube voller Bauern, die einen großen Lärm machten, so daß es ihm nicht möglich war zu lesen; er beschäftigte sich also mit seinen Gedanken; und eine steinalte Frau, die im Lehnstuhle saß und mit dem Kopfe bebte, zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. –

Diese Frau war hier erzogen, hier geboren, hier alt geworden, hatte immer die Wände dieser Stube, den großen Ofen, die Tische, die Bänke gesehen – nun dachte er sich nach und nach in die Vorstellungen und Gedanken dieser alten Frau so sehr hinein, daß er sich selbst darüber vergaß und wie in eine Art von wachenden Traum geriet, als ob er auch hier bleiben müßte und nicht aus der Stelle könne. – Ein solcher Traum war bei der plötzlichen Veränderung, die sein Zustand gelitten hatte, sehr natürlich – und als seine Gedanken sich sammleten, fühlte er das Vergnügen der Abwechselung, der Ausdehnung, der unbegrenzten Freiheit doppelt wieder – er war wie von Fesseln entbunden, und die alte Frau mit bebendem Haupte war ihm wieder ein gleichgültiger Gegenstand.

Diese Art aber, sich in die Vorstellungen anderer Menschen hineinzudenken und sich selbst darüber zu vergessen, klebte ihm von Kindheit an – es war einer seiner kindischen Wünsche, daß er nur einen Augenblick aus den Augen eines andern Menschen, den er vor sich sahe, möchte heraussehen und wissen können, wie dem die umstehenden Sachen vorkämen.

Zum ersten Male legte er mit weit aussehenden Gedanken auf die Streu sich nieder; seinen Degen legte er neben sich und deckte sich mit seinen Kleidern zu. – Seine Gedanken aber ließen ihm keine Ruh, die Zukunft wurde immer glänzender und schimmernder vor seinen Blicken; die Lampen waren schon angezündet, der Vorhang aufgezogen und alles voll Erwartung, der entscheidende Moment war da. –

Darüber kam bis nach Mitternacht kein Schlaf in seine Augen; und als er am Morgen erwachte, war auf einmal der Schauplatz ganz verändert; die öde Gaststube, die Bierkrüge, das schwarze Brot und erschlaffende Müdigkeit – hier rächten sich seine reizenden Phantasien an ihm mit schrecklichem Unmut und Lebensüberdruß, der über eine Stunde währte.

Er legte sich mit dem Kopf auf den Tisch und suchte vergeblich wieder einzuschlummern, bis die ermunternden Strahlen der Sonne, die ins Fenster schienen, ihn wieder zum Leben weckten, und sobald er sich nur erst auf den Weg gemacht hatte und aus der dumpfigen Gaststube war, verschwand auch schnell sein Unmut wieder, und das reizende Ideenspiel begann von neuem.

Er lebte auf die Weise gleichsam ein doppeltes Leben, eins in der Einbildung und eins in der Wirklichkeit. Das Wirkliche blieb schön und harmonierte mit dem Eingebildeten bis auf die Gaststube, das Gelärm der Bauern und die Streu – dies aber wollte sich nicht recht dazu reimen – denn es war auf die unbegrenzte Freiheit am Tage eine zu große Beschränkung am Abend; weil er doch nun bis zum andern Morgen in keiner andern Umgebung sein konnte als in dieser.

Freilich hatten die äußern Gegenstände einen immerwährenden Einfluß auf die inneren Gedankenreihen; mit dem Horizonte erweiterten sich auch gemeiniglich seine Vorstellungen, und an die Aussicht in eine neue Gegend knüpfte sich immer gern eine neue Aussicht in das Leben.

Einmal war er lange mühsam bergan gestiegen, als auf einmal eine weite Ebene vor ihm dalag und er in der Ferne ein Städtchen an einem See erblickte – dieser Anblick frischte auf einmal alle seine Gedanken und Hoffnungen wieder auf. – Er konnte seine Augen von dem Gewässer in der Ferne nicht verwenden, das ihn mit neuem Mut beseelte, die Ferne aufzusuchen. –

Seine Reiseroute von Hildesheim ging nämlich über Salzdethfurt, Brockenem und Seesen auf Duderstadt, von wo er denn über Mühlhausen geradezu nach Erfuhrt und von dort auf Weimar gehen wollte, welches das Ziel seiner Wünsche war.

Dort glaubte er nämlich die Ekhofsche Schauspielergesellschaft vorzufinden, und seine Schauspielerlaufbahn sollte dort beginnen. – Nun spielte er unterwegens auf seinen Wanderungen alle die Rollen in Gedanken durch, die ihn dereinst mit Ruhm und Beifall krönen und seinen mannigfaltigen Kummer belohnen sollten. –

Er glaubte, es könne ihm nicht fehlschlagen, weil er jede Rolle tief empfand und sie in seiner eigenen Seele vollkommen darzustellen und auszuführen wußte – er konnte nicht unterscheiden, daß dies alles nur in ihm vorging, und daß es an äußerer Darstellungskraft ihm fehlte. – Ihm deuchte, die Stärke, womit er seine Rolle empfand, müsse alles mit sich fortreißen und ihn seiner selbst vergessen machen. –

Dies geschahe auch wirklich, denn während dem Gehen seine Einbildungskraft immer erhitzer wurde – und er denn endlich auf dem Felde, wo er sich ganz allein glaubte, mit Beaumarchais laut zu toben, mit Guelfo zu rasen anfing.

Dieser Guelfo aus Klingers Zwillingen war vor seiner Abreise aus Hannover eine seiner Lieblingsrollen geworden; denn er fand sein Hohngelächter über sich selber, seinen Selbsthaß, seine Selbstverachtung und Selbstvernichtungssucht dennoch mit Kraft vereint in dem Guelfo wieder. Und der Akt, wo Guelfo nach dem Brudermord den Spiegel, in welchem er sich sieht, zerschmettert, war Reisern ein wahres Fest. – Alle dies überspannte Schreckliche hatte ihn gleichsam berauscht – er taumelte in dieser Trunkenheit über Berg und Tal – und wo er ging, da war sein Schauplatz unbegrenzt. –

Clavigo, der ihm so viel Tränen gekostet hatte, war ihm nun zu kalt, und Beaumarchais trat an seine Stelle. – Dann kamen Hamlet, Lear, Othello an die Reihe, die damals noch auf keiner deutschen Bühne vorgestellt wurden, und die er seinem Philipp Reiser ganz allein in schauervollen Nächten vorgelesen und alle diese Rollen selbst durchgespielt, selbst durchempfunden hatte.

Nun gesellte sich hierzu die Dichtkunst; so sanft und melodisch floß sein Vers dahin, und so bescheiden und doch voll edlen Stolzes war seine Muse, daß sie die Zuneigung aller Herzen ihm sicher gewinnen mußte. – Er wußte zwar noch nicht eigentlich, was dies nun für ein Gedicht sein sollte, aber im ganzen war es das schönste und harmonischste, was er sich denken konnte, weil es getreuer Abdruck seiner vollen Empfindungen war.

Mitten in einem solchen lyrischen Schwunge seiner Gedanken war es, als er dicht bei Seesen einen Fußpfad ging, der ihn von der Straße ab über eine Wiese führte, wo gerade ein Scheibenschießen war, das allen seinen schimmernden Aussichten in die Zukunft beinahe ein plötzliches Ende gemacht hätte: denn eine Flintenkugel sauste ihm dicht vor dem Kopfe vorbei, während daß alles ihm zuschrie, er solle von dort weggehen – er eilte schnell durch Seesen durch und wanderte ruhig weiter, bis er in einem kleinen Dorfe wieder übernachtete.

Am zweiten Tage seiner Wanderung kam nun Reiser über einen Teil des Harzgebürges, und es war noch früh am Tage, als er zur Rechten an der Heerstraße die Mauren einer zerstörten Burg auf einer Anhöhe liegen sah; er konnte sich nicht enthalten hier hinaufzusteigen, und als er oben war, verzehrte er sein Stück schwarzes Brot, das er sich zum Frühstücke mitgenommen, in den Ruinen dieses alten Rittersitzes und sah dabei auf die Heerstraße durch den Wald hinunter. –

Daß er nun als ein Wanderer in diesem alten zerstörten Gemäuer wieder sein Morgenbrot verzehrte und an die Zeiten dachte, wo hier noch Menschen wohnten, die auch auf diese Heerstraße durch den Wald hinuntersahen – dies machte ihm einen der glücklichsten Momente – es schallte ihm immer wie eine Prophezeiung aus jenen Zeiten, daß diese Mauren einst öde stehen, daß der Wanderer sich dabei ausruhen und an die Tage der Vorzeit sich erinnern würde.

Sein Stück schwarzes Brot war ihm hier oben eine festliche Mahlzeit – er stieg gestärkt wieder hinunter und wanderte frohen Mutes seine Straße fort, indem er die höhern Harzgebürge linker Hand liegen ließ.

Das Wandern ward ihm nun so leicht, daß der Boden unter ihm eine Welle schien, auf der er sich hob und sank, und daß er so von einem Horizont zum andern sich fortgetragen fühlte – er verhielt sich bloß leidend, und immer stieg eine neue Szene vor seinem Blick empor.

Die Mittagseinkehr in der unangenehmen Gaststube war bald vorüber, und er befand sich wieder in der freien offenen Natur. – Diese Einkehr aber war ihm doch beschwerlich, und er dachte schon darauf, sich auch von dieser zu befreien, als er einmal über ein Kornfeld ging und ihm die Jünger Christi einfielen, welche am Sonntage Ähren aßen.

Er machte sogleich den Versuch, eine Handvoll Körner aus den Ähren herauszustreifen, aus welchen Körnern er das Mehl sog und die Hülsen ausspuckte. Indes aber bleib das Nahrungsmittel doch immer mehr ein Zeitvertreib, als daß es ihm eigentlich das Einkehren hätte ersparen sollen. – Das Angenehme dieses Nahrungsmittels lag vorzüglich in der Idee davon, welche den Begriff von Freiheit und Unabhängigkeit noch vermehrte.

Da er nun wieder eine Tagereise vollendet hatte, kehrte er ohnweit Duderstadt in einem kleinen Dorfe ein, wo in dem Wirtshause niemand zu Hause war.

Es war noch vor der Dämmerung – der Torweg zum Hofe bei dem Wirtshause stand offen – und auf dem Hofe war eine Laube, in welcher ein Tisch aber weder Stuhl noch Bank stand. –

Reiser, um sich auszuruhen, legte sich also auf den Tisch, und weil er zum Lesen noch sehen konnte, so las er in der Odyssee die Stelle von den Menschenfressern, die in dem ruhigen Hafen die Schiffe des Ulysses zerschmettern und seine Gefährten ergreifen und verzehren. –

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