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Anton Reiser

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
titleAnton Reiser
authorKarl Philipp Moritz
year1979
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32133-0
pages3-429
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1790
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Das Wandern fing ihm an, so lieb zu werden – er phantasierte sich durch tausend angenehme Vorstellungen die Ermüdung hinweg – wenn es dunkel wurde, so betrachtete er den vor ihm sich hinschlängelnden Weg, auf den er beständig sein Augenmerk heften mußte, gleichsam wie einen treuen Freund, der ihn leitete. – Dies wurde ihm denn zuletzt eine dichterische Idee – es wurde Bild, Vergleichung, woran er tausend Dinge kettete. – ›Wie sich ein Wandrer an seinen Weg hält; so getreu wie der Weg dem Wandrer – so – und so –‹. Dies Ideenspiel verfolgte er im Gehen – und das Einförmige der Gegend bei der umgebenden Dunkelheit und des immerwährenden Fußaufhebens verschwand ihm unmerklich und machte ihn nicht verdrießlich. –

Es war schon ganz dunkel, da er zu seinen Eltern kam, die sich freilich wunderten, daß er dicht vor ihnen vorbeigegangen, erst nach Bremen gereist und dann zu ihnen gekommen war. – Demohngeachtet aber nahmen ihn seine Eltern wegen der vielen angenehmen Nachrichten, die sie von ihm erhalten hatten, diesmal mit Freuden auf. –

Und Reiser hatte nun so viel Stoff zu mystischen Unterredungen mit seinem Vater gesammlet, daß sie diesmal sich oft bis in die Nacht unterhielten. – Reiser suchte nämlich alle die mystischen Ideen seines Vaters, die er aus den Schriften der Madam Guion geschöpft hatte von ›Alles und Eins‹, vom ›Vollenden in Eins‹ usw., metaphysisch zu erklären, welches ihm sehr leicht wurde – indem die Mystik und Metaphysik wirklich insofern zusammentreffen, als jene oft eben das vermittelst der Einbildungskraft zufälligerweise herausgebracht hat, was in dieser ein Werk der nachdenkenden Vernunft ist. – Reisers Vater, der dies nie in seinem Sohne gesucht hatte, schien nun auch eine hohe Idee von ihm zu bekommen und ordentlich eine Art von Achtung gegen ihn zu hegen. –

Die Neigung zur Schwermut aber behielt auch hier beständig bei Reisern das Übergewicht. – Er stand mit seiner Mutter an der Türe, da das Kind eines Nachbars begraben wurde und der Vater in tiefer Trauer mit hangendem Haar und nassem Auge folgte. – Wenn sie mich nur auch erst so hintrügen, sagte Reisers Mutter, die freilich im Leben nicht viel Freude gehabt hatte, und Reiser, der sich doch noch viel Freude versprechen konnte, stimmte innerlich so herzlich in diesem Wunsch mit ein, als ob ihm das größte Herzeleid widerfahren wäre. –

Er nahm diesmal bei seiner Abreise von seiner Mutter und seinen Brüdern mit mehrerer Rührung wie gewöhnlich Abschied – und wanderte zu Fuß wieder nach Hannover. – Da er nun die vier Türme wieder erblickte, die er schon unter so mancherlei verschiedenen Verhältnissen wiedergesehen hatte, so wandelte ihm diesmal aufs neue ein ängstliches Gefühl an, da er aus der weiten Welt nun wieder in diesen kleinen Umkreis aller seiner Verhältnisse und Verbindungen zurückkehren sollte, das Allzubekannte dort deuchte ihm so fade. – Aber auf einmal erheiterte sich seine Seele wieder, da er ins Tor getreten war und gleich an einer Ecke einen Komödienzettel angeschlagen fand. – Dies überraschte ihn auf die angenehmste Weise – sein erster Gang war wie vor drei Jahren nach dem Schlosse, wo das Theater war, und wo der Hauptzettel mit dem Verzeichnis der Personen angeschlagen stand – man spielte den Clavigo, Brockmann den Beaumarchais, Reinecke den Clavigo, die älteste Dem. Ackermann (die jüngere war damals schon gestorben) spielte die Maria, Schröder den Don Carlos, die Reinecken die Schwester der Maria, Schütz den Buenco und Böheim den Freund des Beaumarchais. –

So vortrefflich war die Rollenbesetzung in diesem Stück bis auf die unbedeutendsten Nebenrollen. – Reiser kannte alle diese vortrefflichen Schauspieler – war es wohl zu verwundern, daß seine Erwartung auf das höchste gespannt wurde, aufs neue die Vorstellung eines Stücks von ihnen zu sehen, das er zwar noch nicht gelesen hatte, wovon er aber wußte, daß es von dem Verfasser der Leiden des jungen Werthers war? –

Durch diesen zufälligen Umstand, vergesellschaftet mit der Rückerinnerung an die Abenteuer, die er auf seiner Reise gehabt hatte, bildete sich eine sonderbare romantische Idee in seinem Kopfe, die nun wieder auf einige Jahre seines künftigen Lebens einen sehr großen Einfluß hatte. – Theater – und Reisen – wurden unvermerkt die beiden herrschenden Vorstellungen in seiner Einbildungskraft, woraus sich denn auch sein nachheriger Entschluß erklärt. –

Er versäumte nun wieder nicht leicht einen Abend die Komödie – dadurch aber wurde sein Kopf wieder so voll von theatralischen Ideen, daß ihm seine eigentlichen Geschäfte des beständigen Lernens und Lehrens – denn er hatte fast den ganzen Tag mit Unterrichtsstunden besetzt – schon zuweilen nicht recht mehr zu schmecken anfingen und er sich dann kein Bedenken machte, dann und wann eine der Stunden, wo er lehrte oder lernte, zu versäumen, indem er dann jedesmal rechnete, daß es doch nur eine Stunde sei. –

Nun wurden damals die Zwillinge von Klinger zuerst aufs Theater gebracht und freilich mit aller möglichen Kunst dargestellt, indem Brockmann den Guelfo, Reinecke den alten Guelfo, die Reinecken die Mutter, die Ackermann die Kamilla, Schröder den Grimaldi und Lambrecht den Bruder des Guelfo spielte. –

Dies schreckliche Stück machte eine außerordentliche Wirkung auf Reisern – es griff gleichsam in alle seine Empfindungen ein. – Guelfo glaubte sich von der Wiege an unterdrückt – das glaubte er von sich auch – ihm fielen dabei alle die Demütigungen und Kränkungen ein, denen er von seiner frühesten Kindheit an, fast so lange er denken konnte, beständig ausgesetzt worden war. – Er vergaß den Fürstensohn und alle die Verhältnisse eines Fürstensohnes und fand nur sich in dem unterdrückten Guelfo wieder. – Die bittre Lache, die Guelfo in der Verzweiflung über sich selbst aufschlug, griff in Reisers innerste Empfindungen ein – er erinnerte sich dabei aller der fürchterlichen Augenblicke, wo er wirklich am Rande der Verzweiflung stand und eben eine solche Lache über sich aufschlug – indem es sein eignes Wesen mit Verachtung und Abscheu betrachtete und oft mit schrecklicher Wonne in ein lautschallendes Hohngelächter ausbrach. –

Der Abscheu vor sich selber, den Guelfo empfand, indem er den Spiegel entzweischlägt, worin er sich nach der Mordtat erblickt – und daß er nun nichts wünscht, als zu schlafen – zu schlafen – das alles schien Reisern so wahr, so aus seiner eignen Seele, die beständig mit dergleichen schwarzen Phantasien schwanger ging, gehoben zu sein, daß er sich ganz in die Rolle des Guelfo hineindachte und eine zeitlang mit allen seinen Gedanken und Empfindungen darin lebte. –

Während daß also nun auf dem Königlichen Operntheater von der Schröderschen Gesellschaft Komödie gespielt wurde, kam auch die Zeit der Sommerferien heran, wo die Primaner jährlich öffentlich eine Komödie aufzuführen pflegten. –

Reiser zweifelte nicht, daß man ihm diesmal eine Rolle antragen würde, da er doch nun, seitdem er die Rede auf der Königin Geburtstag gehalten hatte, einer der angesehensten unter seinen Mitschülern war und daher auch gar nicht glaubte, daß man ohne ihn die Sache anfangen würde. –

Wie sehr erstaunte er also, da er vernahm, daß man die Sache dennoch ohne ihn angefangen und sogar schon die aufzuführenden Stücke bestimmt und ihm nicht einmal eine Rolle darin zugeteilt hatte. – Da er jetzt wirklich viele Freunde und vielen Anhang unter seinen Mitschülern hatte, so konnte er sich diese Zurückstellung erst gar nicht erklären, bis er denn freilich merkte, daß hier ein solcher Rollenneid und ein so ängstliches Bemühen, einander den Rang abzulaufen, stattfand, daß ein jeder genug für sich zu sorgen hatte und, wer sich nicht mit Gewalt hinzudrängte, auch nicht gerufen wurde. –

Reiser hat sich nachher oft an diesen Auftritt in seinem Leben zurückerinnert und Betrachtungen darüber angestellt, wie in diesen kindischen Bestrebungen nach einer so unbedeutenden Sache, als eine Rolle in einem Stücke war, das von den Primanern in Hannover aufgeführt wurde, sich doch das ganze Spiel der menschlichen Leidenschaften ebenso vollständig entwickelte, als ob es die allerwichtigste Angelegenheit betroffen hätte; und wie das Streben gegeneinander, dies Verdrängen und wieder Verdrängtwerden ein so getreues Bild des menschlichen Lebens im kleinen war, daß Reiser alle seine künftigen Erfahrungen hierdurch schon gleichsam vorbereitet sahe. –

Dies kam nun freilich wohl mit daher, weil den Primanern die Anordnung der Schauspiele und die Besetzung der Rollen aus ihrem Mittel gänzlich überlassen war. – Der Geist wurde dadurch gleichsam republikanisch – es konnten sich mehrere Kräfte entwickeln – List und Verschlagenheit gebraucht und Kabalen geschmiedet werden; wie es nur irgend bei der Wahl eines Parlamentsgliedes geschieht – denn es wurden über dergleichen öffentliche Angelegenheiten, auch wenn z. B. ein Aufzug mit Musik und Fackeln sollte veranstaltet werden, ordentlich Stimmen gesammlet, wodurch einer zum Anführer bei dem Zuge oder zu sonst etwas Öffentlichem gewählt wurde. –

Reiser sahe sich also nun auf einmal wieder, da er es am wenigsten vermutete, von demjenigen ausgeschlossen, woran sein ganzes Herz jetzt mehr wie jemals hing, und weswegen er vordem schon so viel erduldet hatte. – Er suchte sich zwar mit dem Gedanken zu trösten, daß man ihn verkenne, daß ihm von seinen Mitschülern Unrecht geschehen sei – aber dies wollte doch auf die Länge nicht zureichen – vorzüglich kränkte es ihn, daß sein Freund Winter ihm nichts davon gesagt hatte, der mit von der Gesellschaft der Spielenden war, und der es wußte, wie sehr sein Herz an dieser Sache hing. –

Aber dieser glaubte selbst in einem zu unvorteilhaften Lichte zu erscheinen, wenn er denjenigen als ein Mitglied in Vorschlag brächte, auf den die Aufmerksamkeit keines einzigen außer ihm gefallen war. – Winter meinte es deswegen übrigens noch gar nicht böse mit Reisern, sondern war nach wie vor sein Freund, nur bis auf diesen Punkt nicht. – Eine Erfahrung, die mancher vielleicht in seinem Leben öfter zu machen Gelegenheit gehabt hat. – Es hält schwer, in der Freundschaft standzuhalten, wenn sich alles wider jemanden erklärt – man fängt an, seinem eignen Urteil nicht recht mehr zu trauen, das immer noch einer Stütze außer sich zu bedürfen scheint, sei sie auch so klein sie wolle – wenn die Sache nur noch von einem einzigen in Regung gebracht wird, so will man gern der zweite sein, der einstimmt, nur der erste scheut sich ein jeder zu sein – und die Freundschaft muß schon einen sehr hohen Grad erreicht haben, wenn sie hier der entgegenstrebenden Politik nicht unterliegen soll. –

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